Swallowed - Xavier Wilhelm - E-Book

Swallowed E-Book

Xavier Wilhelm

0,0

Beschreibung

Postapokalypse, 2072: Eine Meute Tiefseepiraten entführt die renommierteste Wissenschaftlerin der sieben Tiefseemeere. Gefangen auf dem schnellsten U-Boot der Tiefsee kämpft sie um ihre Freiheit. Wäre ihre Entführung nicht furchtbar genug, stehlen die Piraten Tatjanas Erfindung. Diese ist die einzige Möglichkeit nach dem Atomkrieg, um die Erdoberfläche erneut zu besiedeln. Gelingt es Tatjana, ihren Traum vom Aufstieg an die Oberfläche zu verwirklichen? Oder versinkt sie mitsamt ihrer Erfindung in den Tiefen des Meeres? Ein satirisch-dystopischer Roman für alle Liebhaber von faszinierenden Tiefseewelten, durchgeknallten Piraten und einer Prise Gesellschaftskritik.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 363

Veröffentlichungsjahr: 2020

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhaltsverzeichnis

Erster Teil Die Entführung der Qualle

Prolog: Wie Scienter hoffnungsvoll über den Mars rollte

Die mystische fabelhafte Welt des Sarku Akula

Wieso Frau Dr. Mądrość einen schlechten Tag hatte

Spyra geht auf Jagd

Yunus und sein piratisches Grundgesetz

Beginn der Tour

Sarku Akula bekommt einen Muffin

Keine moralischen Fragen, bitte!

Von ausgestorbenen Enten und monströsen strahlenden Pilzen

Balu und seine Delfine

Der Arsch im Torpedokeller

Kowalskis stinkende Laune

Auf der Brücke

Letzter Brief

Auf dem Weg zur Station

Russischer Basar

Die Überraschung

Russischer Fugu

Kneipenschießerei

Die Flucht

Die Transsibirische Unterwasserbahn geht auf ihre lange Reise

Zurück an Bord

Feuer frei!!!

Ein hoffnungsloser Patient

Frau Mądrośćs unglaublicher Plan

Das Trinkgelage

Die Leuchtkorallenwälder

Ende Erster Teil

Zweiter Teil Die unglaublichen Abenteuer der Tiefseepiraten

Prolog: Warum Seehunde die besseren Hunde sind!

Ring frei für die Krebse!

In Akulas Quartier

Der Pazifische Feuerring

Ein gut gemischter Trunk!

Russische Sehenswürdigkeiten

Das Problem der Evolution

Kuffi Kufffisch

Korallenhaus gegen Korallenhaus

Der Angriff

Yunus trifft zum ersten Mal auf Sarku Akula

Sarku badet Kniffi

Keine Drogen, bitte!

Die traurige Geschichte vom Kleinen Wal

Neue Order

Geschichten in einer Nacht

Kyū Tama

Des Menschen nächster Abkömmling

Cuatro

Merkwürdige Vorkommnisse

Warum Kowalski immer schlecht gelaunt ist

Das Schlammspringer-Experiment

Gurami Kussani

Echos aus der Vergangenheit

Die Tiefseesternschnuppe

Erster Teil

Die Entführung der Qualle

„Das ist das verrückteste, was wir jemals

gemacht haben ...

Die Bombe wird niemals hochgehen,

und ich sage das als Bombenexperte.“

(William D. Leahy, Kommentar zur Atombombe, Anfang 1945)

„I have the bigger Bomb!“

(Ein amerikanischer Präsident über einen Social-Media-Kanal am Tag X.)

Prolog: Wie Scienter hoffnungsvoll über den Mars rollte

Eins vorweg: Diese Geschichte, die Euch in die tiefsten Untiefen dieser Welt entführen wird, beginnt an einer Stelle, wo man es am wenigsten erwarten würde. Zweifellos kein Ort, an dem man sich gewöhnlich seine Flasche Wodka mit guten Freunden teilen würde, da es hier so schweinekalt und bitterlich trostlos ist – eben eine reine Wüste dahinvegetierenden Sandes und rauer verwehender Asche.

Unsere Geschichte beginnt auf dem Mars, nicht gerade deshalb, weil dieser Ort für unsere Handlung sonderlich wichtig ist, sondern aus reiner Willkür und plötzlich einsetzender Spontaneität. Zugegeben – ein Ort, der kaum unterschiedlicher zum Fleckchen unserer Erzählung gewesen sein könnte.

Irgendwo in seinen rauen schmucklosen Dünen schauten drei Aluminiumräder aus dem Sand heraus, die an eine Zeit erinnerten, als die Nachfahren sich ehemals lausender Affen Raumsonden zu ihrem kosmischen Nachbarn schickten, um diesen zu erforschen. Dieses sinnlose und auch sehr sonderbare Unternehmen war in einer Welt, in welcher sich die führenden Herrscher dieser Primaten um jeden Liter fossilen Brennstoffs stritten, kaum nachvollziehbar gewesen.

Noch sonderbarer war nur das Bemühen, die damals existierende Gemeinschaftswährung zu retten, die wie eine braune Banane, die ihre besten Tage bereits hinter sich hatte, zu faulen und müffeln begann. Der darauf folgende Knall war schon längst überfällig gewesen, und alles Leben auf der Erde kehrte zu jenem Zeitpunkt zurück, als man die Ursuppe gerade neu ansetzte und sie zum ersten Mal umrührte.

Auf dem Land war dies jedenfalls so.

Und angenommen, wir hätten jetzt ein großes Teleskop auf dem Mars greifbar in unseren Händen und würden es in Richtung Erde richten, so würden wir eine graue, wolkenumhüllte und lebensunfreundliche Kugel im stillen All ausmachen, die kaum noch an das Blau ihrer tiefen sieben Weltmeere erinnerte.

Aber zurück zum Mars, zurück zum Rover. Dieser Rover war in der Tat was ganz Besonderes, da er mit seinem Massenspektrometer in der Lage war, kleinste organische Verbindungen ausfindig zu machen.

Hey, hey! Aufwachen, lieber Leser, wir reden hier immerhin von der Vorstufe allen Lebens, also wäre hier ein wenig Euphorie angebracht!

Doch leider fand Scienter keine einzige Spur von Leben, Milliarden von imaginären Dollarnoten der Wall Street wurden sprichwörtlich in den Marssand gesetzt.

Nehmen wir jedoch an, rein hypothetisch, in diesem Buch findet sich der freilich unwichtige Beweis, dass es Leben auf dem Mars gibt, Scienter war nur zu dämlich oder besser gesagt technisch zu unausgereift. Natürlich stellt sich die Frage, wie dieses Leben aussehen würde.

Doch Moment Mal! Was ist denn das, was gerade an der Radkappe des Rovers emporklimmt und sich nun in der Profilrinne voranrobbt? Ach du heiliger Żubrówka! Ein kleiner, dünner Wurm! Damit dürfte der Beweis für Leben auf dem Mars (zumindest in diesem Buch) erbracht sein. Die Frage, die ich mir nun gerade aus bloßer Willkür stelle: Ist es der Wurm, oder sind es die Affen, die wir als primitiv bezeichnen müssten? Prost!

Die mystische fabelhafte Welt des Sarku Akula

Und wir tauchen hinab, hinein in eine Welt, die Ihr Euch in Eurem besten Suff nicht hättet vorstellen können. Als hättet ihr zu tief ins Glas geschaut, nehme ich Euch nun hinein in die unseligen Tiefen, aus denen Ihr so schnell nicht wieder herauskommen werdet. In einer ominösen sphärischen Welt, zu der kein Licht mehr hindurchdringt, weil jene Wolkendecke zu dicht und beständig geworden ist und sich schon seit Jahren nicht mehr geöffnet hatte.

Doch wir befinden uns mittlerweile tief im Wasser, also dort, wo das Leben selbst in völliger Dunkelheit und erdrückender Tiefe die Zeit überdauern konnte. Und selbst wir, die Nachfahren kleiner stinkender Affen, die einst von den Bäumen herunterbaumelten, und Städte, Völker und Starbucks errichteten und diese wegen allerhand Meinungsdifferenzen wieder niedertrampelten, überlebten in jener Brühe, aus der wir uns einst als kleiner Fisch an Land wagten.

Dabei war es doch immer die Tiefsee gewesen, die auf uns diesen gewissen Reiz ausgeübt hatte, galt sie lange doch als noch weniger erforscht als das weite Universum. Lange war es nämlich unmöglich gewesen, so tief mit mechanischem Gerät zu tauchen, ohne hierbei wie eine Konservendose auf Papierdicke zusammengedrückt zu werden. Wir Menschen sind eben nicht dafür gemacht und gedacht gewesen, in jener Suppe umherzupaddeln, der wir unser Dasein zu verdanken hatten, als irgendwann ein kleiner Fisch an Land robbte und Affe wurde.1

Und gleichzeitig ist es nun unsere letzte Wiege, aller Ironie zum Trotz. Es ist, als hätte uns das Meer verschluckt. Doch gewissermaßen ist es hier nicht so trostlos und leblos, wie man es sich vorgestellt hat, auch wenn böse Zungen gern was anderes behaupten. Mit dem richtigen Pegel kann es hier sogar ganz schön sein. Beispielsweise dann, wenn man aus dem Bullauge seines Unterwasserfahrzeugs hinausblickt und stundenlang dem facettenreichen Schauspiel der Biolumineszenz nachgeht. Das grünlich-grelle Lichtspiel der Quallen, Fische, Sepien und sonstigen prähistorischen Getiers kann – je nach Pegel – einen ganz schön in diffuse Stimmungen versetzen. Deshalb empfehle ich dies nicht, wenn man schon mehrere Becher intus hat.

Doch inmitten dieser Dunkelheit lebt das wohl anmutigste wie auch schrillste Ungetüm, das durch die sieben Weltmeere treibt. Manche sagen, es ist so mysteriös und absonderlich wie das geheimnisumwitterte Leuchten der Tiefsee-Vespenquallen, obgleich auch genauso gefährlich. Andere vergleichen dieses mystische Geschöpf mit der Seltenheit jener Tiefseekalmare, die lange Zeit als Seemannsgarn abgestempelt wurden.

Bei unserem gesuchten Wesen handelt es sich um einen ganz seltsamen Fisch, vielleicht den schillerndsten Fisch des gesamten Weltmeeres, den wir wissenschaftlich zur Art Sarku Akula rechnen. Diese Art, so vermuten wir, existiert bislang nur in einem einzigen gewitzten Exemplar, das alle sieben Weltmeere unsicher macht. Jener, der eine Begegnung mit dem Sarku Akula hatte, kann froh sein, wenn er mit seinen Liebsten noch einen Schluck Brandy oder Wodka genießen konnte. Die Lebensgewohnheiten eines Sarku Akulas sind dermaßen unbekannt, dass man zu Recht schon von einem kryptischen, fast schon glorifizierten Wesen sprechen kann, von dem man Kindern Gute-Nacht-Geschichten erzählt. Die Kinder fragen daraufhin immer hibbelig: »Mami, Mami, wo ist denn der Sarku Akula?«, – woraufhin in der Regel immer »Irgendwo da draußen, Kleines!« als Antwort ertönt.

In den Weltmeeren ist der Sarku Akula berüchtigt, und wenn hartgesottenen Seemännern auf einmal die Knie beben und sie so zerbrechlich wie eine Weichkoralle werden, dann weiß man, dass sie gerade den Sarku Akula gesehen haben.

Eines ist jedoch hinreichend durch die zahlreichen Angriffe im Hinblick auf seine Lebensgewohnheiten belegt: Der Sarku Akula hat eine starke, geradezu bindende Affinität zum spirituosen Konsum entwickelt. Auffallend ist nämlich, dass jedes Schiff den mystischen Sarku Akula damit besänftigen konnte, indem es seine hochprozentige Ladung über Bord warf. In letzter Zeit mehrten sich deshalb Berichte, bei dem Sarku Akula handele es sich um den größten Säufer im gesamten Tierreich.

Und von ihm handelt diese Geschichte …

1 Es ist wohl ziemlich gesichert, dass ein bärtiger fetter Mann namens Darwin sich bei diesen Worten noch im Grab seelisch verbogen hätte, wenn er dies hören würde.

Wieso Frau Dr. Mądrość einen schlechten Tag hatte

Lade Systemfiles ...

Aufbau des Langstreckenkommunikationskanals

Tiefsee-Forschungsschiff Qualle ...

Letzte übermittelte Position

... 48°51‘54.27“S

...153°24‘29.07“E

Tiefe ... 4674m

Status ... Antwort ausstehend…

Dunkelheit und Stille. Zwei Worte, die ausreichen würden, um mühelos jene Finsternis zu beschreiben, die sich bereits zweihundert Meter unterhalb des Meeresspiegels vor dem Bullauge ausbreitete. Ab hier tauchen wir hinab ins zungenbrecherische Mesopelagial, die erste Ozeanzone, in die kein Sonnenlicht hindurchbrechen würde, wenn es denn vorhanden gewesen wäre. Jedoch haben die Wolken, die den Planeten Erde wie einen staubigen Mantel umgaben, schon lange dafür gesorgt, dass kein Funken Licht den Erdball mehr erreicht hat. Und genauso lange hatte der Mensch es nicht mehr gewagt, das Schattenspielchen zu beenden und aus der Tiefsee an Land zurückzukehren.

Irgendwo im östlichen tieferen Teil des Indischen Südpolarbeckens, welches ziemlich nahe an der Antarktis gelegen war, konnte man heute raue motorisierte Geräusche im Wasser vernehmen, die jeden dümpelnden Schlafhai aus den Träumen gerissen hätten. Das Zentrum dieser tosenden Maschinerie lag bei ungefähr 4674 Metern. Wäre man in diesen Tiefen seinem Fischalltag nachgegangen, so wäre man heute wohl zur falschen Zeit am falschen Ort geschwommen. Viele primitive Fische hatten ab solchen Tiefen nur noch sehr primitive Augen; bei manchen Tieren hatten sich die Augen zu kleinen unbeweglichen Punkten zurückentwickelt, die das Sehen nur noch rudimentär möglich machten. Das Sehen beschränkte sich hierbei auf zwei Dinge: hell und dunkel.

Farbsehen? Fehlanzeige! Die Dunkelheit, oder besser ausgedrückt: „Das große Nichts!“, nahmen die Augen hierbei in der Regel in 99 Prozent der Fälle wahr.

Das Dasein als kleiner Tiefseebewohner war zugegebenermaßen recht finster, trostlos und grau. Das Einzige, worauf man sich verlassen konnte, war eine gute Nase, die einen zielsicher zum nächstbesten Tiefseebüfett leitete. Und hätten die Fische in der Tiefsee philosophische Ansichten vertreten, so hätten sie sich bestimmt die ganze Zeit hypothetische Fragen gestellt: »Oh, es ist so dunkel. Was ist das vor meiner Nase, was so lecker nach Schillerlockenfilet riecht? Ich kann es riechen, und es schmeckt gut! Aber wie sieht denn mein Schillerlockenfilet nun aus? Ist es genauso dunkel wie alles andere hier? Ist alles dunkel und schwarz, was ich rieche? Ist alles rein nichts, aber es schmeckt gut? Oder gibt es da draußen noch etwas anderes außer Dunkelheit und gut schmeckendem Nichts?«

Diese Fragen hätte sich kaum ein Fisch beantworten können, weil er eben nichts anderes kannte als das Schwarz vor seinen Augen. Und trotz alldem, manchmal gab es einen kleinen grellen Blitz, der selten von den Rezeptoren unserer kleinen Fische aufgefangen wurde und von der leuchtenden Biolumineszenz eines anderen Tieres stammte. Hier herrschte für Tiefseefische folgende Devise: »Wenn es Bling-Bling vor einem macht, musste man zuschnappen, ansonsten entgingen einem leckere Fischstäbchen und Krabbenchips.«

Zu diesen Momenten zählte man das eine Prozent des hellen Sehens, für die das zurückentwickelte Auge auch noch zuständig war.

Doch heute änderte sich alles in den kleinen überschaubaren Leben der fast schon blinden Fische. Es war wie eine plötzlich einsetzende Apokalypse. Ein Lichtkegel, der aus der Tiefe emporstieg, zwang schlagartig die schemenhafte Dunkelheit in die Knie. Alles strahlte auf einmal hell, als hätte jeder Kubikzentimeter Tiefseewasser plötzlich unter den Halogenstrahlern eines Seziertisches Platz genommen. Und für jeden Fisch, jede Qualle, Tiefseemilbe, Borstenwurm und Co. stand plötzlich die Welt auf dem Kopf, als jene schaurige Helligkeit die hoffnungslos beschränkten Sinnesorgane der Tiere in eine reine Ekstase versetzten.

Von jeglichen Reizen völlig überflutet, fingen die Meeresbewohner plötzlich an, sich im Kreise hin und her zu rollen und im Wasser elanvolle Flickflacks und Purzelbäume zu schlagen. Andere hingegen begaben sich mottenhaft auf die Suche nach dem Licht und knallten kurzerhand gegen eine weiße, harte Metallwand, was jedes Mal einen hässlichen matschigen Fleck hinterließ.

Eine spektakulär große und vielleicht deshalb so unheimliche Qualle schwebte durch das Nichts der Tiefsee. Ihre Tentakel wanden sich zu einem grell-leuchtenden Knäuel zusammen, der vom Schirm mitgezogen wurde. Der Schirm pulsierte, und mit jeder Kontraktion trieb das Objekt ruckartig nach vorne. Obwohl es den Anschein hatte, rein biologischer Natur zu sein, lag man mit dieser Einschätzung richtig daneben. Es war etwas anderes, Anorganisches und Mechanisiertes. Ein riesiges Unterseeboot in Quallenform, ein Wolf im Schafspelz, oder besser gesagt ein Seewolf in Quallengelatine. Und mit diesem Schiff sollte unsere feucht-fröhlich-nasse Geschichte beginnen.

Auf dem Deck dieses Schiffes, irgendwo zwischen Brücke, Kombüse und Aufenthaltsraum, saß eine junge Frau in ihrem Quartier und schrieb mit einer alten Feder in ein Tagebuch:

12.12.2072: Vielleicht mein letzter Eintrag

Wir sind nahe am Ziel, zu dem wir die ganze Zeit hinwollten. Die Antarktis in nicht mehr weit, und wir können damit anfangen, eine Schuld zu begleichen, die wir selbst auf uns geladen haben. Die Welt hat sich gewandelt, doch wir stehen am Rande eines Wendepunktes. Vielleicht ist es möglich, jene Fehler auszubügeln, damit uns unsere Kinder nicht fragen werden, wieso wir unser Schattentreiben in der Tiefsee stiften. Lange Zeit habe ich mich gefragt: Wie sieht es da oben aus, an Land? Schließlich kenne ich nur das Wasser beziehungsweise den wankenden, bebenden Boden eines U-Bootes oder einer Unterwasserstadt. Doch was Land ist, in Form von Oberfläche, das weiß ich nicht, davon träume ich. Genauso frage ich mich, was Sonnenlicht ist. Ist es dasselbe Licht wie dieses, das mir gerade aus meiner Dampflampe entgegenscheint? Oder ist es was anderes? Mein Vater sagt, es soll warm sein, man kriegt davon, wenn man zu lange in ihm liegt, eine rote brennende Haut. Ich bin mir sicher, wir sind ganz nahe dran, den ersten Schritt aus unserem Graben herauszuwagen, in den wir uns vor der kosmischen Katastrophe verzogen hatten. Als die herrschenden Tyrannen niemals damit rechneten, dass eines Tages die Apokalypse vom Zaun brechen und eine gewaltige Feuersbrunst über den Erdball hinwegfegen würde, gingen einige, die noch bei Menschenverstand waren, einen Schritt zurück und verkrochen sich in unser tiefes Refugium. Mit Sicherheit, eine kosmische Katastrophe wie zu Zeiten der Dinosaurier war es beileibe nicht. Immerhin hatten wir unsere eigenen Kometen bereits zur Genüge auf der Erde, wahrscheinlich mehr, als in unserem Sonnensystem ihre Bahnen zogen. Im Schatten der Despoten, falschen Demokraten und Tyrannosauriern, die wie wild um jeden Zentimeter Erde rangen, grenzte es schon fast an ein Wunder, dass wenigstens ein Teil von uns überlebte. Doch vielleicht ändert es sich, vielleicht kriechen wir wieder hoch. Wir werden so aufs Land gehen wie der erste Ichthyostega. Hoffentlich kriege ich keinen Sonnenbrand.

Mądrość

Sie legte den Stift beiseite und verließ ihr spartanisch beleuchtetes Quartier. Ein Lastenaufzug katapultierte sie kurzerhand auf Ebene eins. Ihr Quartier befand sich in den zusammengewundenen Tentakeln des Schiffes, die aus einzelnen Modulen bestanden und in der Regel als Wohneinheiten fungierten. Je mehr Passagiere an Bord der Qualle waren, desto länger wurden die Tentakel. Der Schirm des Schiffes auf Ebene eins war die Zentrale, in der alles ineinanderlief und die somit das Herzstück des Schiffes ausmachte. Hier befand sich eine kleine Brücke, die jedoch selten manuell bedient wurde, da der Computer sämtliche relevanten wie auch die unliebsamen irrelevanten Aufgaben übernehmen konnte. Die Forschungslabore waren wesentlich wichtiger, allein schon wegen der mitgeführten Sonden und Gerätschaften, die für sämtliche wissenschaftliche Analysen von fundamentaler Bedeutung waren. Allerdings waren einige Kammern hinter einer riesigen Metallplatte verschlossen und somit vor jeglichem Zugriff geschützt.

Mądrość – deren Namen keiner auszusprechen wusste – dachte an diesem Morgen, während sie genüsslich am Rundtisch im Aufenthaltsraum einen grünen Tee genoss, dass dies alles den Sicherheitsbestimmungen entsprach. Jedoch bremste dieser Gedanke kaum ihre Ungeduld. Denn irgendwo hinter einer dieser verschlossenen Sicherheitstüren schlummerte etwas, bei dem jeder Wissenschaftler schnell wieder zu einem aufgeregten, ungeduldigen Kind werden würde. Anders ausgedrückt: Es war wie kurz vor Weihnachten. Man wusste, dass in einem Zimmer der Tannenbaum mit den Geschenken stand, aber man musste warten, bis die Sonne unterging. Leider konnte man sich nicht wie an Weihnachten kurz vor die Türschwelle stellen, um mal eben einen vorsichtigen Blick ins Zimmer (unter den Tannenbaum) zu erhaschen, gerade wenn mal die mürrische Tante nicht hinsah.

Auch Mądrośćs Ungeduld spielte verrückt. Sie wollte so unbedingt, aber sie konnte nicht. Auf dem Rundtisch lagen noch vom letzten Abend eine ganze Reihe entkorkter Spirituosen, die die letzte Nacht gerade noch so überlebt hatten. Einige von diesen waren sogar recht wertvoll und würden jegliches Sammlerherz höherschlagen lassen, vor allem der erst vor kurzem geöffnete Johnnie Walker und der Gorbatschow-Wodka.

Ihr Vater gesellte sich plötzlich zum Frühstück hinzu, ein alter, aber sehr gelehriger Mann, den nichts auf der Welt beunruhigen konnte. Mądrość erzählte immer gern, wie sehr er einem Felsbrocken ähnelte. Egal, ob eine stürmische Brise oder eine starke Flut über ihn hereinbrach, er würde nie auch nur einen Zentimeter ins Wanken geraten.

Auch Nedrey, Sascha und der stinkende Philipp saßen am Tisch. Somit war auch das Forscherquintett komplett. Dazu kamen noch drei namenlose Techniker, die an Bord ein Dasein wie vergessene Kellerkinder fristeten und dafür sorgten, dass das Schiff nicht in seine Einzelteile auseinanderbrach, was durchaus schon auf Booten passierte, wenn keine Nerds an Bord waren.

Den letzten Teil der ohnehin schon überschaubaren Crew, machten zwei Nautiker aus, die sich lediglich darum bemühten, dass der Autopilot ordnungsgemäß funktionierte, wobei sie die meiste Zeit der Expedition nur dasaßen und dabei grünen Tee mit Wodka für alle mischten.

Die Leitung des Unternehmens hatte Mądrośćs Vater inne. Gesponsert wurden sie von Cherry2, einem zeitgenössischen Großunternehmen, das sein Geld in der Vergangenheit durch den Verkauf von statussymbolträchtigen Mobiltelefonen gewonnen hatte, die von aller Welt damals für ausgesprochen cool und prestigeträchtig gehalten wurden. Das Logo von Cherry war deshalb allgegenwärtig auf dem Schiff zu sehen. Eine kleine schrumpelige, blutrote Kirsche, aus deren fruchtiger Haut sich ein kleiner gefräßiger Wurm herausfraß, und der sich verführerisch, paradiesisch und bedrohlich zugleich um den Stiel schlängelte.

Auch wenn Cherry nicht gerade das beste Unternehmen für eine wissenschaftliche Expedition war und dies wohl auch nur aus eigenen finanzorientierten (und marketingtechnischen) Interessen tat, war sich Mądrość bewusst, dass sie ohne Cherry nie so weit gekommen wären. Denn welche Forschung wurde heute nicht ohne die Milliarden eines schweren Geldsackes realisiert? Immerhin hatte es auch seine Vorzüge, vom reichsten Unternehmen der sieben Weltmeere gesponsert zu werden. Vor allem Cherry verstand es, die Inneneinrichtung edel, bequem und luxuriös zu halten. Das Einrichtungsequipment hatte ausnahmslos diesen glänzenden weißen Touch, den man so gut aus dem Cherry Store kannte. Auf diese Weise ließ es sich in der Tat gut leben, pardon, forschen natürlich.

Allerdings war heute kein gewöhnlicher Tag. Denn nicht nur die Fische da draußen erlebten heute ihre persönliche Apokalypse. Manchmal war es unvermeidbar, dass Dinge passierten, die man sich nicht erklären konnte und bei denen man sich im Nachhinein fragte, ob diese nicht irgendwie zu verhindern gewesen wären. Diese Frage, eins vorweg, wird sich Mądrość die folgenden Tage öfters stellen.

Es geschah, als Mądrość gerade dabei war, sich den Tagesplan am Tisch durchzulesen. Sie dachte hierbei gleichzeitig über so vieles nach: Nur noch wenige Stunden, dann können wir endlich mit dem Countdown beginnen, dachte sie, die Tore von Forschungslabor 001 werden sich öffnen, und es wird endlich Weihnachten sein.

Wäre da nicht dieser pfeifende Knall gewesen.

Erst weit entfernt, unverhofft, aber dann näher kommend, traf die Druckwelle auf die Außenwand des Schiffes, pflanzte sich von dort aus wellenartig durch jede Sektion fort und ließ alle an Bord zusammenzucken. Ein Ping – wie aus einem Katz- und-Maus-U-Boot-Thriller – hatte sich geradewegs durch das Schiff gezogen.

Irgendetwas hatte sie erfasst.

Verwirrt sahen sich alle im Aufenthaltsraum an. Zuerst dachten alle an eine ganz harmlose, natürliche Ursache. Des Öfteren war es schon vorgekommen, dass andere Schiffe sie mit ihrem Sonar getroffen hatten, und selbst wenn das nicht der Fall gewesen war, gab es da noch die Tiefseemonster, die Ultraschallwellen ausstoßen konnten, die ähnliche Geräusche verursachten.

Dummerweise war die Anwesenheit von anderen U-Booten mehrere tausende Kilometer von der Unterwasserstadt Magellan nicht anzunehmen gewesen.

Dann wahrscheinlich doch die Tiefseeungeheuer.

Also kein Grund zur Panik.

Nicht lange dauerte es jedoch, bis eine erneute Druckwelle jenes schrille Piepsen hervorrief, das man so gut aus alten U-Boot-Filmen kannte, wenn Menschen eingepfercht in ihrer Stahlbuchse vom Sonar eines Kriegsschiffes erfasst wurden.

Wieder ertönte der Ping, der Mądrośćs Herz pochen ließ. Das Schlimme an der ganzen Sache war der Umstand, dass der Ping plötzlich wesentlich häufiger und schneller frequentiert zu sein schien. Schon bald schien es, als würde man ein Muster heraushören, welches keinem geheuer war. Nach einer schnellen pfeifenden Lautfolge wurden die Töne im nächsten Moment dumpf und plätscherten dann nur noch vor sich hin. Die Lautfolge schien zu wechseln, kurz zu pausieren, nur um dann wieder von neuem zu beginnen.

Erst langsam und dumpf, dann schrill und rasend.

Mądrośćs Vater ging zum Computer-Terminal und versuchte, die Lage des Signals zu lokalisieren. »Signal kommt aus nord-östlicher Position. Befindet sich quasi hinter unserer angesetzten Route. Distanz ist recht nah, weniger als eine Unterwassermeile. Es ist aber sehr schwach. Wenn wir weiter in südlicher Richtung fahren, werden wir es bald verlieren.«

»Ein Signalband bestehend aus einer Abfolge von kurzen und schnellen Tönen«, stellte Mądrość fest. »Wahrscheinlich ausgelöst durch ein Fächersonar.«

»Menschlichen Ursprungs«, ergänzte der Vater. »In einer Passage der Tiefsee, wo wenig bis gar nichts los ist, wo man selbst dem Krill mit dem Hydrophon beim Schmatzen zuhören kann.«

»Nach Informationen des amerikanischen Tiefseekonsulats sollten wir hier eigentlich allein sein«, bemerkte einer der Nautiker vom Tisch, während er gedankenverloren sein Brot mit grünlicher Algenpastete beschmierte.

Wieder traf das Signal auf die Qualle und ließ das Trommelfell aller erzittern.

»Kurz, kurz, kurz, lang, lang, lang«, faselte Mądrość, doch dann war es, als würde ein Schalter in ihr klick machen. »Das letzte Mal, wo ich so was gehört habe, war auf der Marineakademie in Cook-City. Das ist ein klassisches SOS!«

Der Vater nickte. Am Tisch wurden einige Besatzungsmitglieder recht nervös, und verunsicherte Stimmen tuschelten untereinander darüber, wie man fortfahren sollte. Wohl kaum einer hatte damit gerechnet, schon gleich beim ersten Kaffee so überfordert zu werden.

»Wer auch immer da draußen ist«, sagte ihr Vater schließlich und stellte den Navigationscomputer darauf ein, dass das Schiff geradewegs eine Wende vollzog und Kurs auf das anomale Signal setzte. »Wir müssen ihm helfen.«

Bereits im nächsten Moment merkten alle am Rundtisch am eigenen Leibe die Kurskorrektur, denn die Qualle vollzog eine scharfe 180-Grad-Kehrtwende. Als Teller, Tassen und Geschirr hin und her wackelten und nach und nach vom Tischrand herunterplumpsten, unten angekommen wie poröser Stein zersprangen, schreckten einige Crewmitglieder, wie vom berüchtigten Seeigel gestochen, auf.

Mądrośćs Vater aktivierte einen großen Bildschirm, der sich aus einem Deckenfach ausklappte und sich wie ein chinesischer Fächer in die Länge spannte.

Gebannt starrte die Crew aufs Bild, welches das dunkle Nichts der Tiefsee einfing. Erstaunlicherweise vermochte das Licht des eigenen Schiffes es nicht mal ansatzweise, Licht ins weite Dunkle zu bringen. Außerhalb der Lichtsphäre der Qualle, also in gut 30 Metern Entfernung, sah man praktisch nichts mehr. Wäre da nicht dieser seltsame smaragdgrüne Schimmer gewesen, der immer größer wurde, je näher das Schiff kam. Es war ein dichter Nebel, der plötzlich direkt vor der Qualle hinwegschwebte.

Bedrohlich wirkend, aber offenbar harmlos, wie Mądrość feststellte: »Biolumineszente Algen. Wahrscheinlich nichts Aggressives und auf gar keinen Fall die gefährlichen Chlorobionta abyssus.«

Die Qualle durchbrach den Algenteppich und befand sich schon bald in einer grünlichen schmierigen Suppe, die das Schiff komplett eingefangen hatte.

»In diesen Tiefen sind die gefährlichen Chlorobionta eher unwahrscheinlich«, sagte ihr Vater und fuhr fort. »Brauchen viel höhere Temperatur, die es hier nicht gibt. Aber im Epipelagial, oberhalb der zweihundert Meter, würden sie bei jedem Schiff die Legierung zernagen. Ich vermute, das sind Blaualgen, also Cyanos, wahrscheinlich mutagen verändert. Der Cäsiumwert in diesen Gewässern ist stark erhöht und begünstigt eine Mutation, Symbiosen mit leuchtenden Bakterien sind auch wahrscheinlich. Ähnlich wie bei der Population vor den Falklandinseln.«

Wie ein greller Blitz prasselte der Lichtstrahl mit aller Wucht auf den Bildschirm für drei schnelle und drei lange Male. Mit ihm kam es wieder zu einem Auftreten mehrerer unterschiedlich frequentierter, ohrenbetäubender Pings.

»Die visuelle Form des SOS«, bemerkte Mądrość auf das vor ihren Augen stattfindende Lichtfeuerwerk. »Anscheinend war es nicht stark genug, um aus der Algenschicht zu uns hindurchzubrechen.«

Ihr Vater gab dem Navigationscomputer der Qualle den Befehl, direkt ins gleißende Licht einzutauchen und diesem entgegenzugleiten. Der Schirm der Qualle pulsierte, und als das Licht auf diesen traf, brach es wie bei einem Prisma in seine Bestandteile. Als sprangen sie kurzerhand aus einer wirbelnden Diskokugel, tanzten die Lichtstrahlen wild umher und lösten bei sämtlichen Kleinstlebewesen im Wasser ein irres psychotisches Trauma aus. Und inmitten dieser wirren Reflexion baute sich plötzlich vor der Qualle etwas metallförmiges Wuchtiges auf, das kolossal in die Höhe schoss und sich an seiner Spitze abflachte.

Es war eine merkwürdige Konstruktion, ein ovales dunkles Ei, das im Wasser sein Unwesen trieb und ab und an mal durch ein paar Lichtpaneele für ein kleines SOS sorgte.

Die Besatzung am Tisch verharrte still. Kein Mucks war weit und breit zu vernehmen. Einige schlugen sich erschüttert die Hände vors Gesicht oder kauten nervös an den Resten ihrer Fingernägel herum.

»Eine Sonde. So etwas wie ein ROV. Was man von modernen Kriegsschiffen kennt«, konstatierte Mądrość. »Die Schiffskennung müsste irgendwo unter der Paneelphalanx sein. Ich zoome rein.«

Die Kamera erfasste eine verschwommene Aufschrift, fuhr sodann näher … noch näher, bis die Kennung den gesamten Platz auf dem Bildschirm einnahm. UCSV-X3 Swordfish.

Nicht nur in Mądrość begann sich augenblicklich alles innerlich zu biegen. Mądrośćs Herz raste förmlich, und jegliche Sicherheit verschwand auf einmal, als hätte ein Sturm sie gerade verspielt umfangen und fortgewirbelt.

Sie schrie: »Das ist eine Falle, raus hier!«.

Doch es war zu spät. Der nächste Strahl, der von der Sonde kam, war kein harmloses Lichtbündelchen. Dieser war anders, mit einer irren Zerstörungswut gesegnet, schoss er aus dem Paneel auf die Qualle zu und wanderte von Sektion zu Sektion. Jeder Computer an Bord schlug Funken, und elektrische Blitze sausten von einer Leitung zur nächsten, überluden … und fielen aus.

Die Leitungen und Halogendampflampen an der Decke platzten wie kleine verdrehte Miniaturglashäuser, aus denen man wuchtige Steine herausgeschleudert hatte.

Mądrość sah, wie ihr Vater am Computer-Terminal einen starken Schlag abbekam, dabei wie ein tapferer Zinnsoldat stramm blieb und trotzdem zu Boden krachte.

Schnell eilte sie zu ihm hin und warf sich schützend über seinen Körper.

Es wurde dunkel auf dem Schiff. Dunkler war es bisweilen nur in Mądrośćs Verstand, der nicht weiterwusste, auch nicht, wie es um sie und ihre Crew geschehen war. Zum Glück, oder sollte man besser sagen, unglücklicherweise lief der Bildschirm noch, anscheinend durch ein Notstromaggregat, welches einfach nicht klein beigeben wollte.

Etwas Großes brach auf einmal durch die Algendecke und näherte sich der Qualle. Ein längliches U-Boot, welches wie ein Schwertfisch eine spitze Lanze vorne am Bug trug. Mądrośćs Atem stockte, während sie den Puls ihres Vaters spürte und hierbei feststellte, dass er noch lebte. Im nächsten Moment sah sie, wie von der Backbordseite des U-Bootes Greifarme ausgeschleudert wurden, die sich in Richtung Qualle aufmachten, suchend. Es folgte ein gewaltiger Rums, als diese sich an der Qualle verankerten. Mit diesen filigranen Enterhaken zog das U-Boot die Qualle zu sich, hin zu jener Andockrampe, die man am Kiel vage zu erkennen glaubte. Man hörte ein lautes Klirren, als die Andockschleusen beider Schiffe miteinander verschmolzen.

Sie waren an Bord. Aber wer waren Sie? Eigentlich wusste man es doch schon. Man hat doch schon Geschichten gehört, die eine schlimmer als die andere.

Sie waren in der Tiefsee berüchtigt.

Vor allem Er!

Plötzlich erhellte sich der Raum, als die Notbeleuchtung widerspenstig ansprang und für ein idyllisches blaues Licht sorgte, was gar nicht in die angespannte Lage hineinpasste.

Doch als das Licht anging, war gleichzeitig allen bewusst, dass sie nicht mehr allein waren.

Da war eine Silhouette in der Dunkelheit. Schemenhaft und beängstigend. Sie schritt auf Mądrość und ihren Vater zu, stand unmittelbar über ihr, ließ Herz und Adern gefrieren.

Eine instinktive Angst umfing Mądrość.

Das Bein ihres Vaters zuckte leicht, denn er war noch betäubt, aber man merkte, dass er kurz davor war, sein Bewusstsein wiederzuerlangen. Doch in diesem Moment war es Mądrośćs sehnlichster Wunsch, dass auch ihr jemand einen elektrischen Schlag verpasst hätte, damit sie ruhig und unbekümmert vor sich hin dösen könnte und von alldem nichts mitbekam.

»Beantworten Sie mir eine Frage?«, tönte die Stimme direkt vor ihr.

»Ja?«, flüsterte Mądrość.

»Haben Sie Angst?«

»Ja.«

»Wovor? Vor mir oder vor dem, was jetzt folgen wird?«

»Ich glaube, ich kann mir das nicht aussuchen.«

»Gut, dann gebe ich mich zu erkennen«, sagte er geheimnisvoll. »Es werde Licht.« Als er diese Worte über seine Lippen brachte, hellte der Raum auf. Wie kleine verselbstständigte Miniatur-SOS flackerten die schwer beschädigten Leuchtstrahler wie bei einem Blitzlichtgewitter auf, stetig unentschlossen zwischen An und Aus.

Mądrość sah vor ihren Füßen zwei lumpige verschmierte Stiefel, die einen eigenartigen penetranten Geruch ausstießen, als würde unter ihren Sohlen eine plattgedrückte Flunder vergammeln. Ihre Augen fuhren an einer zerfetzten, alten Lederhose entlang, hoch auf eine braundunkle Lederjacke, deren Ärmel so ausgeleiert waren wie die eines abgetragenen Pyjamas.

Auge in Auge erfassten sie sich.

Es war einer dieser Momente im Leben, die man so schnell nicht vergisst, auch wenn Mądrość sich dies sehnlichst von ganzem Herzen gewünscht hätte. Seine Augen waren so dunkel, wie die eines in sich gekehrten, ruhenden Seeteufels, der stillstarr am Riff verharrte, darauf lauernd, dass ein ahnungsloser Fisch über seinen Schlund hinwegschwebte und er endlich zuschnappen konnte. Einen kräftigen Schlund hatte er in der Tat, vergleichbar mit den beißfreudigen Kiefern eines austernknackenden, bunten Doktorfisches. Haare, wild und verweht, fast schon kleine Muränen, die sich von ihrem Felsplateau herabschlängelten. Und ein dichter Bart, der der Wuchskraft von Caulerpa-Seetang Konkurrenz machen könnte. Dieses Gesicht! Es begegnete einem eigentlich ständig, wenn etwas Böses und Unheilvolles in den Weltmeeren passierte.

»Ich kenne Sie! Sie sind der, den man aus den Zeitungen kennt!«

»Und von dem man seinen Kindern zur guten Nacht Tiefseeschreckensgeschichten erzählt«, ergänzte er. »Gut, dann kann ich mir das heute mit dem Vorstellen schenken.«

»Sarku Akula!«, seufzte Mądrość.

»Es ist schön, wie Sie das betonen, mit was für einer geschweiften und sicheren Stimme. Man könnte meinen, kein Zittern in ihr zu erkennen, wenn Sie diese Worte sprechen, tapferes Mädchen.«

Obwohl Mądrość eine Heidenangst hatte, lag eine Selbstsicherheit in ihrer Stimme.

»Mit wem aber habe ich die Ehre?«, fragte er, während seine starren Augen jeden Zentimeter von Mądrość musterten. Alles war leblos und starr in seiner Pupille, weshalb Mądrość sich nie sicher war, wohin er gerade blickte.

»Mein Name ist Doktor Tatjana Mądrość. Ich bin die Assistentin meines Vaters, Professor Doktor Mądrość. Sie befinden sich auf dem Forschungsschiff Qualle. Ein Schiff, das dem Flottenbund des Amerikanischen Commonwealth angehört. Wir führen eine rein wissenschaftliche Mission im antarktischen Tiefseegewässer durch. Sie müssen verstehen, wir machen reine Forschung vor Ort, ohne jeglichen finanziellen Aspekt, und sind in einem strikten Zeitrahmen, der keine Verzögerung duldet. Wie der Zufall es will, ich glaube nicht, dass wir etwas an Bord haben, was Ihr Freibeuterherz begehrt. Wir haben keine wertvolle Fracht oder etwas, was Sie benötigen könnten. Verstehen Sie mich, wir glauben nicht mal, dass der Proviant an Bord für uns selbst ausreicht, wir rationieren schon unser Essen und den Kaffee. Um ehrlich zu sein, bin ich der Meinung, dass es ein Missverständnis ist, ja, ein dummer Zufall. Sie dachten bestimmt, wir wären einer dieser großen bepackten Tiefseefrachter, und nun stellen wir beide fest, dass Sie nichts von mir wollen und ich auch nichts von Ihnen.«

Er lächelte ungläubig in sich hinein. Von ihrem Erklärungsversuch war er sichtlich amüsiert: »Es ist kein Zufall, Frau Mądrość, dass wir uns treffen. Tatsächlich bin ich hier, weil Sie hier sind!«

»Ach? Wirklich?« Unsicherheit, erst so weit weg, dann tief in ihr, machte sie sich plötzlich breit und ließ die sichere Stimme erschlaffen. »W-was … was wollen Sie?«

»Schwer zu erklären, Tatjana. Ganz ehrlich und so unter uns, ich frage mich auch, was so bedeutsam an Ihrem Schiff sein könnte. Ist es das Cherry-Logo, das vom Wohlstand zeugt? Ich hatte immerhin nur Samson-Mobiltelefone. Oder ist es die Inneneinrichtung, die mir gefallen soll? Sieht besser aus als bei mir, zugegeben, das ist auch nicht schwer.«

Mądrość sah, wie er in seiner Hand eine Whiskyflasche der heute seltenen und deshalb wertvollen Marke Ballantine’s umklammerte, Jahrgang 2000, von der er genüsslich den einen oder anderen Schluck nahm.

»Wollen Sie auch?« Er streckte die Flasche in ihre Richtung, anbietend. Sie schüttelte hastig den Kopf.

»Wer ist denn der Herr, den Sie umarmen? Der ist ja ziemlich alt. Ist das Ihr Mann?«

»Nein, das ist mein Vater!«

»Ist alles in Ordnung mit ihm?«, fragte er nach.

»Jaaa, bevor Sie kamen, ging es ihm blendend!«, entgegnete Mądrość giftend und flimmerte ihn mit den Augen böse an.

»Oh, war es meine Schuld? Entschuldigen Sie, normalerweise sehen die Leute bei mir so aus, wenn sie mit mir getrunken haben.«

»Sagen Sie mir nur eins, wie haben Sie das nur gemacht?«

»Was?«

»Sie haben unsere Systeme überladen, aber ich frage mich die ganze Zeit, wie.«

Er lachte.

»Sie sind die Wissenschaftlerin. Verraten Sie mir ihre Theorie?!«

Mądrość überlegte sogar ziemlich lange, doch dann lenkte sie ein: »Der elektrische Strahl und der daraus resultierende Ausfall unserer Energieversorgung sind typische Merkmale eines elektromagnetischen Impulses. Es gibt nur ein Problem!«

»Ja?«

»Wir sind in einem geschlossenen System«, erklärte Mądrość, »in einem faradayschen Käfig, und EMPs pflanzen sich darüber hinaus nicht im Wasser fort. Also habe ich keine Erklärung!«

Hinter Akulas Rücken trat auf einmal ein junger Mann hervor, schmächtig und dürr an den Beinen, aber am Oberkörper so muskelbepackt, dass man den Eindruck bekam, er mache in seiner Freizeit gerne Armdrücken gegen einen achttentakeligen Kraken.

»Chef, war gerade im Generatorraum und hab die Sicherung ausgetauscht. Das Ergebnis müssten Sie längst gesehen haben, wir haben seit geraumer Zeit wieder Saft.«

»Sehr gut, Kowalski. Perfektes Timing für die Show«, sagte Sarku Akula. »Begrüßen Sie Frau Mądrość.«

»Mylady.«

»Sehr unangenehm!«, entgegnete Mądrość, ohne ihn eines Blickes zu würdigen.

Kowalski, welcher grell-geschmeidige, aber ölige Haare hatte, musste schmunzeln. Ohne ihr etwas zu entgegnen, nahm er Abstand, ging an Sarku Akula vorbei und verschwand in den Räumlichkeiten.

»Sie wird Spaß mit uns haben, Captain. Ich schaue mich mal um, was man plündern kann.«

Mądrość bebte innerlich, als sie das hörte: »Sie können nicht einfach alles mitnehmen! Das ist Eigentum von Cherry und des Amerikanischen Commonwealth.«

»Eigentum?«, bemerkte Akula, wonach er sich einen guten Schluck gönnte. »Eigentum ist schon was Merkwürdiges, finden Sie nicht? Man nimmt es an sich und denkt, es gehört einem, und im nächsten Moment hat es ein anderer. Eigentum hat dasselbe Verflüchtigungsgesetz wie atmosphärische Gase. Sein Anteil verflüchtigt sich und wird verschwindend gering, vor allem dann, wenn sie mich zum Freund haben.«

Mądrość startete keinen erneuten Versuch, seiner Bemerkung etwas entgegenzusetzen, zu sehr hatte Furcht den ansonsten so klar denkenden Verstand aus der Bahn gebracht.

»Kommen wir zurück zum Lichtstrahl. Zunächst erlaube mir, Dich zu duzen, mir scheint, wir sind vertraute Seelen hier in der weiten See! Ich denke, ich bin dir eine Erklärung schuldig, Tatjana!«

Ein leichtes Nicken ihrerseits, gewissermaßen geistesabwesend.

»Bei diesem Lichtstrahl handelte es sich nicht um einen EMP, wie du schon ausgeschlossen hattest. Im Wasser ist die Verbreitung von elektrischen Wellen schwierig und uneffektiv, wenn man Alternativen hat. Nein, der Lichtstrahl war kein elektrischer Impuls, ganz im Gegenteil. Es war, wie man sagen könnte, einfaches Licht. Gebündeltes pralles Licht, nicht mehr und nicht weniger. Sicherlich, es hatte einen beunruhigenden brachialen Effekt, als es euch traf, aber das sollte es ja auch haben. Sonst hättet ihr euch auch nicht so in die Hosen geschissen.«

»Aber wie?« Mądrość fasste sich nachdenklich an die Schläfe. »Licht kann kein Schiff beschädigen.«

»Hast du schon mal von Licht als Informationsträger gehört? Es war nicht das Licht, was das Schiff überladen hat, sondern das, was mit ihm transportiert wurde.«

Mądrośćs Pupillen verengten sich zu zwei kleinen Punkten, die Sarku Akula misstrauisch fixierten. Ihr Kopf arbeitete, man sah es deutlich an der entstandenen Stirnfalte, die sich wie ein tiefer Meeresgraben durch den Ozean zog. Es war, als suchten die Synapsen in ihrem Gehirn verzweifelt nach der richtigen Information. Schließlich hatten sie was gefunden, irgendetwas, das tief in einem entlegenen Gehirnbereich versteckt vor sich hin schlummerte und gerade an die Oberfläche des Bewusstwerdens gehievt wurde: »Ich habe davon mal gelesen, lange her. Im frühen 21. Jahrhundert hat man erste Experimente mit Licht als Botschaftenübermittler gemacht. Mit dem Licht einer einfachen Diode hat man Informationen auf ein Paneel übertragen. Das war aber damals alles noch ziemlich primitiv.«

»Im Stillen hat man weitergeforscht«, berichtete Akula stolz. »Die Swordfish war das erste Schiff, welches große Daten mit Hilfe von Licht übertragen konnte. Tatjana, du würdest dich auf meinem Schiff wohlfühlen. Nicht nur wegen meiner erquickenden Anwesenheit, sondern auch als interessierte Wissenschaftlerin. Mein Schiff ist voll mit Innovationen. Und ich bin das Innovativste von allem!«

»Ja, ich habe von dem Prototyp der Amerikaner gehört, den Sie geklaut haben«, sagte Mądrość, bevor sich in ihr eine noch weitaus wichtigere Frage auftürmte, die sie so beklemmte, dass sie nur in einem zynischen kläglichen Ton ausgesprochen werden konnte. »Sagen Sie mir eins, Akula, Sie verdammter Mistkerl! Was haben Sie uns da für einen Dreck geschickt?«

»Ein kleines süßes trojanisches Seepferdchen«, lächelte er. »Es ist nicht pflegeleicht, musst du wissen, es bringt alles durcheinander, wenn man es freilässt, und es kann einfach nicht seine Flossen von den Stromleitungen lassen!«

Ihr Zorn stieg ins Unermessliche, ähnlich wie das bedrohlich ansteigende Rot von Quecksilber in einem glühenden Thermometer, das zu zerspringen drohte. »Sie ... Sie haben uns einen Virus geschickt!«

Es hatte den Anschein, als würde Mądrość jeden Augenblick aus sich heraus explodieren, doch dann vernahm sie eine vertraute Stimme, die wie ein hineinwehender Wind das wütende Unwetter vertrieb: »Mein Kind, was schreist du so? Ich habe dich noch nie so schreien gehört!«

Ihr Vater versuchte, sich wankend aufzurichten, doch Mądrość hielt ihn am Boden. »Was ist das für eine Gestalt?«, sagte er, als er Akula erblickte.

»Ich glaube, das ist unser Problem«, wisperte Mądrość.

»Sehr erfreut«, sagte Akula rasch, auch wenn seine Stimme nicht wirklich begeistert klang. »Sicherlich kennen Sie mich aus den Zeitungen.«

Wie es schien, hatte er den Umstand genossen, sich alleine mit Mądrość zu unterhalten. Mądrośćs Vater, welcher gerade solch ein Brummen in seinem Kopf verspürte wie nach einer langen durchzechten Nacht mit dem ein oder anderen Finlandia-Wodka (und einer trinkfesten russischen Saufbrigade), sah sich das schäbige Ding vor seinen Augen genauer an.

Er gelangte zur folgenden Feststellung: »Meine Befundaufnahme sagt mir, dass wir es hier mit einem dieser 08/15-Tiefsee-Piraten zu tun haben, die sich wie Tiefseecowboys aufführen und jedes Fleckchen der Tiefsee tyrannisieren. Wegen der Hässlichkeit, des unangenehmen Geruchs, der aus einem Schwefelvulkan hätte stammen können, und den abfallenden Haaren, gepaart mit seinen konsequent unlogischen Schlussfolgerungen würde ich hier auf Sarku Akula tippen. Befund passt mit der Erstbeschreibung aus dem monographischen Werk meines Kollegen Herrn Prof. Dr. Limandas überein: Die groteske, seltsame Welt der Tiefseepiraten anhand des Typusbeispiels Sarku Akula – oder wie andere sagen – die im Menschen manifestierte Dummheit par excellence.«

»Ich stimme Ihnen zu«, sagte Akula, ohne sich sonderlich über die Ablehnung bekümmert zu zeigen. »Nur das mit den Piraten gefällt mir nicht. Nennen Sie uns lieber Freibeuter oder arbeitsuchender Arbeitsloser. Das finde ich nicht so diskriminierend.«

Plötzlich zuckte Akula mit den Schultern. »Ah, entschuldigen sie mich kurz, bei mir juckt’s wieder. Kniffi, dein Einsatz!«

Über Akulas Schultern kamen auf einmal zwei lange Fühler empor, die sich munter hin und her bewegten. Mądrość schüttelte es sichtlich vor Ekel, als sich ein blau-silber schimmerndes Krebstier auf seine Schultern setzte und mit seinen Scheren diese durchknetete.

Akula brummte und schloss entspannt die Augen.

»Wissen Sie, wie schön es sein kann, seinen persönlichen Masseur immer am Rücken mit sich zu führen?«

Natürlich konnte sich der Ekel in Mądrość nicht so schnell legen, wie er über sie gekommen war, doch jenes Gefühl wurde durch die plötzlich einsetzende Faszination über dieses Krebstier ziemlich unbedeutend. Sie kannte diese Art. Man fand sie überall in der Tiefsee, deshalb bezeichnete man sie auch ganz gern als Tiefseekakerlaken. Mądrość observierte das Exemplar mit den kühnen Augen einer Wissenschaftlerin, bemerkte dann die beiden H2O-Gasflaschen, die auf seinem Panzer befestigt waren, und den damit zusammenhängenden Schnorchel, an dem das Tier mit seinen Mundwerkzeugen kaute und dabei jedes Mal frisches Meerwasser durch seine Kiemen sog. Überdies waren seine Augen von einer schwarzen, stylischen Sonnenbrille verdeckt, die mit der blau-silbernen Farbe des Tieres perfekt harmonierte.

»Interessant, Sie haben also eine Tiefseeassel der Art Bathynomus giganteus darauf abgerichtet, ihren Rücken zu pflegen. Ich hätte nicht gedacht, dass die Tiere so lernfähig sind, wenn man von der Größe des Gehirns ausgeht. Anscheinend haben Sie einen umgekehrten Taucheranzug für das Tier entwickelt, damit es außerhalb des Wassers überleben kann. Allerdings muss ich gestehen, dass sich mir die Funktion der Brille nicht so sonderlich erschließt.«

»Kniffi mag kein Licht.«

»Da haben Sie wahrscheinlich recht. In der Tiefsee sehen Tiefseeasseln nur Dunkelheit und würden demnach erblinden, wenn sie ohne Lichtschutz an die Oberfläche gelangten.«

Kniffi, von dem ganzen Gerede immer noch recht gelassen auf Akulas Schultern sitzend, hätte wohl jedem halbwegs vernünftig gackernden Piratenpapagei die Stirn geboten.

»Aber Akula«, bemerkte bald der Vater. »Wieso haben Sie sich keinen Papagei auf die Schultern gesetzt? Er würde allen hier nachplappern, und wir hätten wenigstens was zu lachen gehabt.«

Akula schien empört und widersprach direkt: »Was nützt mir ein Papagei, der mir nachgackert? Kniffi ist wesentlich besser als jeder Papagei, den ein Freibeuter haben könnte. Morgens weckt er mich mit einem leichten Kniff in die Nase. Nach dem Essen pflückt er mir die Futterreste vom Bart. Darüber hinaus puhlt er mir das Schmalz aus dem Ohr und massiert mir mit seinen Scheren den Rücken, was gibt’s Schöneres? Außerdem kann er mit seinen Schneidewerkzeugen nicht von meinen Haaren lassen und kürzt sie, wo er nur kann.«

»Das sieht man«, sagte der Vater. »Aber Akula, kommen wir zur Sache, was wollen Sie?«

»Ich möchte nichts«, entgegnete dieser rasch, fügte aber noch hinzu: »Doch irgendjemand möchte Ihr Schiff!«

»Wie?!«, stießen beide aus sich heraus.

»Mein Auftraggeber!«, fuhr Akula mit gelassener Stimme fort. »Er hat gesagt, ich darf alles hier mitnehmen, was nicht niet- und nagelfest ist, aber das Schiff soll ich ihm bringen, warum auch immer.«

Sarku Akula ging den Aufenthaltsraum entlang und sah sich musternd die himmelweiße Theke mit den edlen Wandschränken und der Kombüse an, so als suchte er nach etwas Bestimmtem.

Kniffi war währenddessen wieder herunter zum Rücken gekrabbelt und putzte sich die Fühler.

Sarku Akula riss die Tür des Wandschrankes auf. In seinem breit lächelnden Gesicht erkannte man, dass es das war, wonach er suchte. Parliament, Tullamore, Johnnie Walker, Gorbatschow …

Seine Augen drehten irritiert ihre Runden, da ihn die Vielzahl der Spirituosen nicht nur geistig überforderte, sondern auch seinen Verstand in neue Dimensionen purer alkophiler Glückseligkeit hob. Er sah zu Mądrość rüber.

»Es ist alles beschlagnahmt. Das Schiff, die Inneneinrichtung, aber vor allem die Flaschen!«

»Akula, Sie können nicht einfach …«, rief Mądrość verzweifelt, doch seine euphorische Stimme überschallte in diesem Moment einfach alles: »Grundgütiger, ein Original-Gorbatschow-Wodka. Man sagt, dass es mittlerweile so wenige gibt, dass der Tauschwert einer solchen Flasche dem eines kleinen U-Bootes entspricht. Er wird heute getrunken!«