Sylter Goldküste - Max Ziegler - E-Book

Sylter Goldküste E-Book

Max Ziegler

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Beschreibung

Auf Sylt läuten die Hochzeitsglocken: Eine Influencerin und ein aufstrebender Politiker geben sich öffentlichkeitswirksam das Jawort, und Ed Koch soll die glamouröse Veranstaltung auf Anweisung der Ministerin höchstpersönlich im Blick behalten. Das allein ist schon eine ziemlich weite Auslegung seiner Pflichten als Kriminalkommissar, doch dann bittet die Braut Tilla von Salina ihn auch noch, nach ihrer Patentante zu sehen, die nicht bei der Feier aufgetaucht ist. Ed findet die alte Dame am Fuß der steilen Treppe ihrer Villa – tot. Alles deutet auf einen tragischen Unfall hin, aber Ed und sein Kollege Muri haben Zweifel und stellen Nachforschungen über die Tote an: Als Geschäftsfrau hat Ira Schaffhausen ihr Leben lang Müll zu Gold gemacht – angeblich ganz nachhaltig. Hat sie sich letztlich doch die Hände schmutzig gemacht? Sie war eine der reichsten Frauen der Schweiz, Finanzierin einer umstrittenen Stiftung, einflussreiche Kunstsammlerin, Rabenmutter. An möglichen Motiven scheint es nicht zu mangeln. Um die Puzzleteile zusammenzufügen, muss Ed seine geliebte Nordsee hinter sich lassen und Iras Spuren bis ans Ufer des Zürichsees folgen.

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Seitenzahl: 258

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Max Ziegler

Sylter Goldküste

Kampa

1

In unregelmäßigem Stakkato trommelte der Regenauf das Fensterbrett vor Eds Büro. An den Scheiben des Westerländer Polizeireviers sammelten sich dicke Tropfen, um in langen Nasen lautlos hinabzurinnen.

So ging das schon seit Tagen. Der Sommer auf Sylt nahm sich eine Auszeit.

Doch unter dem vermeintlich alles verschlingenden Grau der Regenwolken schimmerte ein stiller Glanz, der sich allerdings nur denjenigen offenbarte, die sich zu einem Spaziergang überwanden. Wer seine Augen dabei wirklich öffnete, dem bot die Insel einen Reigen frischer Farben. Die Blätter der Bäume schienen von innen zu leuchten, das Gras in den Vorgärten spross hervor, und auf die Rosenblüten setzten sich schillernde Regentropfen. Die alten silbergrauen Holzwege, die durch die Sylter Dünen führten, wurden durch den Regen vom Sand befreit und mit einem neuen holzbraunen Glanz überzogen. Allerdings galt es, auf den glitschigen Stegen besonders gut aufzupassen, um nicht auszurutschen.

Die Luft war mild und duftig. Der Wind über der Deutschen Bucht hatte sich seit Tagen zur Ruhe gelegt, sodass das Meer in leisen Wellen gegen den leeren Strand schwappte. Mitten in der sommerlichen Hochsaison war auf Sylt eine festlich anmutende Ruhe eingekehrt. Die Insel atmete durch.

Nein, dachte Ed und beobachtete, wie der Blick durch die Regentropfen an der Fensterscheibe die Perspektive auf die Welt verzerrte. Der Sommer nahm sich gar keine Auszeit. Das war der Sommer im wahren Norden, jenseits der blau behimmelten Postkartenwünsche der Touristen. Auf Sylt gäbe es kein schlechtes Wetter, hieß es. Nur falsche Kleidung.

Immerhin verhieß der Wetterbericht für die kommenden Tage Besserung. Es sollte noch einmal sonnig und warm werden.

Schon wieder, dachte Ed und korrigierte sich selbst. Wetterbesserung, was für ein Quatsch. Der reinigende Regen war eine Wohltat für Mensch und Natur.

Aber auch für Alexandra Wittlich in ihrer kleinen Keitumer Buchhandlung brachte er einen Gewinn. Für Wittlich waren diese Regentage Festtage. In Scharen besuchten die Kunden dann ihren Laden und drängelten sich zwischen den gut bestückten Büchertischen hindurch, um sich mit frischer Urlaubslektüre zu versorgen. Ohne den Regen wären nicht nur Wittlichs Umsätze geringer ausgefallen, auch manches Gespräch über neue und alte Lieblingsbücher wäre wohl nicht geführt worden. Im Westerländer Wellhørn herrschte bei Regenwetter ebenfalls Hochbetrieb. Neben dem üblichen Kaffee wurde viel heißer Friesentee bestellt, den die geschäftstüchtige Lisa seit Neuestem in Porzellankännchen mit selbst entworfenem Dekor ausschenkte. Auf den bauchigen weißen Kännchen mit der elegant geschwungenen Tülle, die ein tropffreies Einschenken sicherstellte, waren ein »W« und ein »Ø« kunstvoll in nordisch wirkendem blauem Farbton verschlungen. Unter Lisas Leitung entwickelte sich das charmante Wellhørn nach und nach zu einem kleinen Sylter Wohlfühlimperium, egal ob die Sonne schien oder ob es regnete. Nein, das Wetter kannte auf Sylt tatsächlich kein Besser oder Schlechter. Es kannte nur ein so und ein anders.

 

Ed warf einen Blick auf die Wetterprognose auf seinem Handy. Einerseits aus eigenem Interesse, andererseits aus dienstlichen Erwägungen. Für die kommenden Tage stellte ihm die Vorhersage ein sommerliches Hoch über Norddeutschland in Aussicht. Mit viel Sonne und kleinen weißen Wolken, die über den hohen blauen Himmel wandern. Die Temperatur würde steigen und die Holzbohlen der Strandwege wieder ihren trocken-silbergrauen Farbton annehmen.

Für Ed wäre die Ruhe dann allerdings vorbei. Am Wochenende hatte er sich einer Sonderaufgabe zu widmen. Ministeriell angeordnet. Oder, wenn nicht offiziell angeordnet, dann doch auf den nachdrücklichen Wunsch der Ministerin hin, dem es galt, Folge zu leisten, wie sein Kollege Franz Nesser aus der Landeshauptstadt Kiel ihm nahegelegt hatte. Ed sollte die Hochzeit der Schauspielerin Tilla von Salina im Auge behalten. Salinas künftiger Ehemann Veit war ein aufstrebender Parteifreund der Ministerin, der auch von Salinas Vater protegiert wurde. Ed hatte seine Tochter Lotte nach Tilla von Salina befragt, woraufhin die nur ihre Augen verdrehte.

»Ach, Paps, du kennst die tatsächlich nicht, oder?«

Bedripst über seine Ahnungslosigkeit hatte er im Internet nach Tilla gesucht. Die junge Frau hatte vor einiger Zeit eine Model-Show im Fernsehen gewonnen. Daraufhin erhielt sie nicht nur einige Werbeverträge, sondern auch die Hauptrolle in einer Fernsehsoap. Da Ed selten dazu kam, im Fernsehen mehr als die abendlichen Nachrichten zu schauen, und ihn das übrige Programm seit Jahren immer weniger interessierte, war ihm der Name tatsächlich noch nie begegnet.

»Und? Was hältst du von Tilla von Salina?«, fragte Ed, nachdem er sich mit dem neuen Wissen ausgestattet hatte.

»Nix«, antwortete Lotte knapp.

Ed war von der flotten Antwort überrascht. Lotte neigte ansonsten zu differenzierteren Urteilen.

»Aha. Und warum ›nix‹?«

»Weil ich sie überhaupt nicht kenne. Das Einzige, was ich ab und an auf Social Media von ihr präsentiert bekomme, ist das Bild, das die Medien von ihr zeichnen. Und wie viel das mit der wirklichen Tilla von Salina zu tun hat, kann ich nicht beurteilen. Also halte ich mich mit einer Meinung zurück. Ich halte nichts von ihr – weder im Guten noch im Schlechten«, antwortete sie spitzfindig.

Damit wandte sie sich wieder den prallen Auberginen zu, die sie für eine sizilianische Parmigiana in dünne Scheiben schnitt und an ihren Freund Boy weiterreichte. Der legte das Gemüse in die gusseiserne Pfanne, um es kurz in Öl auszubacken und anschließend im Wechsel mit leuchtendem Tomatensugo und Käse in einer Auflaufform zu schichten. Weder Boy noch Ed konnten umhin, über Lottes Antwort verschmitzt in sich hineinzugrinsen.

Boy tat Lotte gut. Und Lotte tat Boy gut. Fast wäre Ed ein bisschen neidisch geworden, als er die beiden beobachtete, wie sie verliebt am Herd standen und kochten. Wie es wohl wäre, noch einmal so jung zu sein? Doch dann erinnerte er sich der verwühlten Gefühlswelten seiner eigenen Jugend und verwarf den Gedanken ebenso flott, wie er aufgeploppt war. Vorbei war vorbei. Glücklicherweise. Er sollte lieber in seine Zukunft schauen. Die bot ihm schließlich genügend emotionale Baustellen.

Eine halbe Stunde später saßen sie zu dritt am Tisch, wünschten einander guten Appetit und verzehrten die halbe Parmigiana, deren Reste Ed anschließend für den kommenden Tag in den Kühlschrank räumte. Vorausgesetzt allerdings, dass Boy nicht wieder eine seiner nächtlichen Heißhungerattacken bekam, denen in den letzten Wochen die Reste des Abendbrots regelmäßig zum Opfer fielen.

 

Ed ließ seine Gedanken schweifen, während er sich weiter dem Regen hingab. Boys Heißhungerattacken, seine neue Aufgabe als Bewacher der von Salinas und der bevorstehende Witterungswechsel umkreisten sich gegenseitig in seinem Kopf wie drei umherstolzierende Panther, die einander in ihrem Käfig argwöhnisch musterten.

Abrupt richtete er sich auf. In den letzten Wochen traten solche Momente häufiger auf, in denen Ed sich in sich selbst zu verlieren schien. Die Ursache dafür war ihm völlig klar. Seinen letzten Fall hatte er nur mit viel Glück überlebt, als er erst nach Stunden aus der Nordsee gerettet werden konnte. Seitdem hatte sich sein Blick auf das Leben verändert. Er war grüblerisch geworden. Oder vielmehr noch grüblerischer, wie Lotte spitz anmerkte. Nichts von dem, was ihn umgab, erschien Ed selbstverständlich zu sein. Stattdessen hatte er das Gefühl, dass die Dinge um ihn herum auf unerklärliche Weise miteinander verwoben waren. Die Psychologin, mit der er nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus einige Gespräche geführt hatte, schaute ihn am Ende ihrer letzten Sitzung ernst an. Dann fragte sie in sachlichem Tonfall, ob er Harry Potter gelesen habe.

Verwundert hatte Ed sie angeschaut und genickt. Er erinnerte sich gut an die Abende, an denen er Lotte und ihrem Bruder Lasse aus den Büchern vorgelesen hatte, während sich die Kinder gemütlich an ihn kuschelten. Vor allem Lotte hatte die Romane geliebt. Später hatte sie sie mehrfach selbst verschlungen. Ed war sich sicher, dass ihr eigentlicher Star dabei nicht Harry war, sondern die kluge Hermine.

»Erinnern Sie sich, wie Harry auf einmal diese seltsamen geflügelten Skelettpferde sehen konnte, die die Kutschen vom Bahnhof in Hogwarts zum Schloss bringen?«

»Aber ja.« Ed überlegte. »Wie hießen die nur?«

»Harry war nicht der Einzige, der sie sehen konnte«, fuhr die Psychologin fort. »Luna ging es ebenso.«

Richtig, Luna. Die charmante, chaotische und etwas verrückte Luna Lovegood. Sie konnte die Pferde auch sehen. Für sie war das sogar ganz selbstverständlich gewesen.

»Thestrale hießen diese abscheulichen Viecher«, setzte die Psychologin hinzu.

»Stimmt«, bestätigte Ed, der sich wieder erinnerte.

»Sehen Sie«, fuhr sie fort, »im Kern geht es mir nicht um Harry Potter. Worum es mir geht, ist, dass Sie wie Potter und Lovegood dem Tod ins Auge geblickt haben, während Sie hilflos im Meer trieben. Der Tod hat Sie berührt, er hat Sie in seinen kalten Armen gehalten, und nur mit sehr viel Glück sind Sie ihm noch einmal entkommen. Damit müssen Sie künftig leben. So, wie ich Sie nach unseren Gesprächen einschätze, wird diese Erfahrung Ihr künftiges Leben verändern. Um mit J.K. Rowling zu sprechen: Sie sehen von nun an die Thestrale um sich herum.« Sie hielt kurz inne und musterte ihn aufmerksam. »Das bedeutet im Umkehrschluss, dass Sie sie nicht mehr nicht sehen können.«

Das Bild, das sie skizziert hatte, erschien Ed so erschreckend wie einleuchtend. Er hatte am eigenen Leib erfahren, was es bedeutete, dass das Leben endlich war. Nicht irgendein Leben. Sein Leben. Bisher hatte dieses Wissen für ihn lediglich eine abstrakte Dimension besessen, obwohl er in seinem Beruf immer wieder mit dem Sterben und dem Tod konfrontiert wurde. Mehr als viele andere Menschen jedenfalls. Doch die eigene Todesangst inmitten eines endlosen Meeres zu spüren, das war etwas komplett anderes. Es war konkret. Es war unmittelbar. Eine existenzielle Erfahrung. Danach war tatsächlich nichts mehr wie zuvor. Was immer in seinem Leben noch passieren würde, diese Erinnerung würde ihn begleiten. Er hatte zwei Möglichkeiten: Er konnte versuchen, sie zu verdrängen, oder er konnte sich ihr stellen. Ed wusste sehr genau, welche die bessere der beiden Lösungen für ihn sein würde.

Natürlich war es nur eine Metapher gewesen, dass er von nun an Thestrale sehen könne, beruhigte er sich. Etwas, das den meisten Menschen ihr Leben lang verborgen bleibt. Doch für ihn besaß diese Metapher von nun an eine konkrete Bedeutung. Welche Konsequenzen das nach sich ziehen würde, konnte Ed allerdings nicht ermessen. Noch nicht. Er war sich gewiss, dass es sich dabei um einen längeren Prozess handeln würde. Und insgeheim gestand er sich ein, dass dieser Prozess möglicherweise nie einen Abschluss finden würde.

 

Ed riss den Blick von der regenbenetzten Fensterscheibe los und warf sich seine Jacke über. In einer Viertelstunde war er mit Pastorin Krüger in der Friesenkapelle verabredet, wo die Trauung der Salinas stattfinden sollte. Vielleicht könnte er Krüger ja einmal fragen, ob sie zu den Menschen gehörte, die diese seltsamen Skelettpferde sehen können? Vielleicht war diese Frage gegenüber der Mutter von Lottes Freund Boy aber auch unpassend.

»Wohin des Weges?«, fragte ihn sein Kollege Muri, als Ed gerade sein Büro verließ.

»Gut, dass ich dich sehe. Magst du mitkommen?«, fragte Ed.

Muri schaute auf die Uhr.

»Nachher steht die Teambesprechung an. Wohin musst du denn?«, fragte er skeptisch. Muri befürchtete stets, dass Ed ihn zu Ermittlungen aufs Festland mitziehen würde.

»Ich wollte mich mit Pastorin Krüger über die Hochzeit am Wochenende unterhalten.«

»Du heiratest wieder?« Muri grinste. »Und ich dachte, du bist noch nicht einmal geschieden.«

Ed verzog den Mund. Zielgenau hatte sein Kollege einen von Eds wunden Punkten erwischt. »Es geht um die Hochzeit der Salinas.«

»Verstehe, ich hole meine Jacke«, antwortete Muri.

 

»Eduard, Muri, wie schön, dass ihr kommt!«, begrüßte Christiane Krüger die beiden Polizisten. Die Pastorin gehörte zu den Wenigen, die Ed stets mit vollem Vornamen ansprachen. Bei Muri bevorzugte aber auch sie den Spitznamen.

»Darf ich vorstellen, Frau von Salina und ihr künftiger Ehemann«, sagte sie mit einer Geste zum Brautpaar, das neben ihr stand.

Unspektakulär, dachte Ed, als er das leger gekleidete Paar begrüßte. Das also soll die Promihochzeit des Jahres werden?

»Enttäuscht?«, fragte Tilla von Salina.

»Wovon sollte ich enttäuscht sein?«, fragte Ed zurück, der sich ertappt fühlte.

»Kein Ferrari, keine Fotografen, nur zwei Verliebte.«

Liebevoll drückte sie den Arm ihres Bräutigams, der sich als Veit Behrens vorstellte. »Sie müssen sich den Namen nicht merken, Herr Koch«, sagte er augenzwinkernd. »Nach der Trauung werde ich so heißen wie meine wunderschöne Frau.«

»Mehr braucht’s halt ned fürs Glück im Leben«, rettete Muri mit seiner gelegentlich aufflammenden bayrischen Sprachfärbung die Situation. »Und den Segen Gottes braucht’s freilich auch«, ergänzte er und nickte der Pastorin zu.

»Es ist mir ehrlich gestanden ein bisschen unangenehm, dass die Ministerin wegen unserer Trauung so ein Gedöns macht und Sie extra bemüht, damit Sie sich um unsere Hochzeit kümmern«, sagte Behrens.

»Kein Problem. Dienstanweisung ist Dienstanweisung, und es gibt weit weniger angenehme Aufgaben.«

»Dass unsere Hochzeit je Gegenstand einer Dienstanweisung werden könnte, hätte ich in meinen kühnsten Träumen nicht gedacht«, sagte von Salina.

»Wir wollten Sie nicht bei Ihrer Besprechung stören. Wir warten draußen, bis Sie alles erledigt haben«, antwortete Ed.

»Ich denke, wir sind schon durch, nicht wahr, Christiane?« Behrens Tonfall ließ die Frage wie eine Anweisung klingen.

Die Pastorin nickte, während Ed alles daransetzte, sich seine Überraschung nicht anmerken zu lassen, dass das Brautpaar mit Christiane Krüger per Du war. Er selbst hatte eine gefühlte Ewigkeit gebraucht, ehe er sich zum freundschaftlichen Du durchgerungen hatte. Und wer weiß, wie lange es ohne die Beziehung zwischen Lotte und Boy gedauert hätte. Am Ende hatte Lotte wahrscheinlich recht mit ihrer Bemerkung, dass er sich mal locker machen müsse. »Außer dir bleibt doch heutzutage nach dem zweiten Satz in einem Gespräch keiner mehr beim formellen ›Sie‹«, hatte sie gespottet.

»Ja dann«, sagte Ed, »gibt es etwas, worauf wir im Umfeld Ihrer Trauung ein besonderes Augenmerk richten sollten?«

»Mir fällt jedenfalls nichts ein. Ehrlich gestanden wäre mir eine ganz normale Hochzeit ohne jedes öffentliche Tamtam am liebsten gewesen. Aber daraus wird hier auf Sylt wohl nichts. Da hätten wir vermutlich sonst wo heiraten müssen. Und selbst im entlegensten Bergdorf hätten uns noch irgendwelche Paparazzi aufgestöbert.«

Eds Mitleid mit Tilla von Salinas Prominenz hielt sich in Grenzen.

»Ich glaube, dass die ganze mediale Aufregung ohnehin so schnell wieder in sich zusammensacken wird wie ein Soufflé, wenn man es zu früh aus dem Ofen holt. Wir kommen in die Kapelle, Frau Pastorin Krüger traut uns, wir laufen rüber zum Essen an den Dorfteich, und am Abend ist alles vorbei«, sagte von Salina.

»Na, hoffentlich ist am Abend noch nicht alles vorbei«, begehrte Veit Behrens auf und schlang seinen Arm um Tillas Hüfte, während er seine künftige Frau verliebt anlächelte.

»Du weißt, wie ich das meine …«, setzte sie zu einer Erklärung an. Doch weiter kam sie nicht. Er legte ihr den Zeigefinger auf die Lippen, ehe er sie zärtlich küsste.

»Um auf Ihre Frage zurückzukommen, wir erwarten gut zweihundert Gäste. Das Einzige, was passieren kann, ist, dass irgendwelche Leute sich ohne Einladung mit in die Kirche drängen wollen oder am Wegesrand herumkrakeelen. Aber das wird schon«, gab sich Behrens optimistisch.

»Eine Kopie der Gästeliste…«, setzte Muri an.

»… liegt Ihrem Kieler Kollegen schon vor. Der hat sie gewissenhaft durchschauen lassen und nichts weiter vermeldet. Aber ich schicke Ihnen nachher gern eine Kopie.«

Ed reichte von Salina seine Visitenkarte.

»Lasst uns nicht die Pferde scheu machen«, mischte sich Pastorin Krüger ein. »Zwei Menschen, die sich lieben, wollen heiraten und bitten dafür um Gottes Segen. Das sollte für uns im Zentrum stehen.«

Tilla von Salina lächelte zufrieden.

»Genau so ist es.«

 

Nachdem sich das Brautpaar verabschiedet hatte, blieb Ed noch einen Moment bei Pastorin Krüger stehen, während Muri die Kirche aufmerksam in Augenschein nahm.

»Ich hoffe, du bekommst die Hochzeit wenigstens ordentlich bezahlt?«

»Aber ja, also ganz normal. Wieso?«

»Damit du den Zuschuss zu Boys Ernährungskosten bei uns anpassen kannst«, sagte Ed und grinste Christiane Krüger frech an.

»Oh weh. So schlimm?«

»Es ist sagenhaft. Vier, fünf, sechs, manchmal sieben Brötchen hat er am Morgen bereits verputzt, ehe ich auch nur mein Frühstücksei geköpft habe. Es ist mir völlig schleierhaft, wo der Junge das lässt.«

»Glaub mal nicht, dass du früher besser warst«, behauptete Krüger.

»Ich weiß ja. Ich würde nur gerne noch einmal genauso viel essen können wie früher, ohne gleich drei zusätzliche Runden joggen zu müssen, was am Ende trotzdem nichts bringt.«

»Tja, Eduard, damit wirst du dich abfinden müssen«, sagte Krüger und lächelte ihn an. »Glaube mir, mir geht es ganz genauso.«

Sie schaute sich um, um sicherzugehen, dass niemand sie hörte. Dann fuhr sie mit gesenkter Stimme fort: »Und, was hältst du von unseren beiden Promis?«

»Sie wirken erstaunlich sympathisch.«

»Finde ich auch«, stimmte sie zu. »So gar nicht abgehoben, wie man vielleicht vermuten würde. Eher das Gegenteil. Tilla hat erzählt, wie sie als Kind in den Sommerferien immer am Sylter Strand Burgen gebaut hat. Du hättest das Strahlen in ihren Augen sehen sollen. Sehr charmant! Und wie verliebt Veit erzählt hat, wie er Tilla beim Skilaufen in Pontresina kennengelernt hatte. Einfach sympathisch. Tilla scheint angenehm bodenständig geblieben zu sein, trotz ihrer Erfolge.«

»Dann werden wir das Kind schon alle gut zusammen schaukeln?«

»Werden wir, Eduard. Schön, dass du uns dabei unterstützt.«

»Meine Pflicht.«

»Ich hoffe, es ist dir nicht nur eine Pflicht, sondern auch ein Vergnügen«, erwiderte Krüger, knuffte ihn freundschaftlich in die Seite und schaute ihn mit Verschwörermiene an.

2

Der Wetterbericht behielt recht. Die Wolken hattensich verzogen und gaben einen strahlend blauen Himmel frei. Darunter präsentierte sich die Insel wie frisch geputzt. »Traumwetter für eine Traumhochzeit«, murmelte Ed, der am Ufer des Wenningstedter Dorfteichs stand und auf die Hochzeitsgesellschaft blickte. Die Stockenten schnatterten aufgeregt, während die Gäste in ausgelassener Stimmung zur Friesenkapelle zogen, um das Brautpaar zu begrüßen. In den Straßen rund um den Dorfteich parkten charmante alte Cabriolets ebenso wie große dunkle Limousinen. Zu Eds Überraschung ließ sich die Ministerin nicht auf Sylt sehen. So weit reichte die Parteifreundschaft offenbar doch nicht. Oder sie hatte unaufschiebbare Termine. So ein eng getaktetes Politikerleben, das wäre nichts für ihn, das hatte Ed schon des Öfteren gedacht.

Gerade als das Glockengeläut der Friesenkapelle einsetzte, huschte Tilla von Salina zu Ed herüber und legte ihm die Hand auf den Arm. »Bitte entschuldigen Sie, Kommissar Koch, aber ich hätte eine große Bitte.«

Verlegen senkte sie den Blick.

»Was kann ich für Sie tun?«, fragte er.

»Ich bin ein wenig beunruhigt. Wir hatten meine Patentante zu unserer Hochzeit eingeladen. Doch sie ist noch nicht eingetroffen, und sie reagiert auch nicht auf meine Anrufe.«

Wie immer, wenn er in eine Situation kam, in der er ganz offensichtlich in keiner Weise für das zuständig war, was ihm gerade angetragen wurde, kam Ed nicht umhin, an jene hinreißende Szene in Der Teufel trägt Prada zu denken, in der Stanley Tucci vor Anne Hathaway steht. Er schaut sie an wie ein Mondkalb, stützt das Kinn in die Hand und fragt: »Und das ist mein Problem, weil … ah, das ist gar nicht mein Problem.«

Natürlich verkniff Ed sich das Zitat und lächelte die Braut lediglich an. Da sie offenbar eine Antwort erwartete, gab er ein zögerliches »Ahhm« von sich, das alles zu heißen vermochte oder nichts.

»Genau«, ließ ihn von Salina wissen. Dieses »Genau« hatte sich in Eds Umgebung in letzter Zeit als inflationär verwendetes Modewort etabliert. Als wäre es dringend geboten, das soeben Gesagte noch einmal ausdrücklich zu bestätigen. In dieser Hinsicht erwies sich Tilla von Salina ganz als Kind ihrer Generation. »Jedenfalls habe ich es schon x-mal versucht. Sie ruft auch nicht zurück. Sie ist nicht mehr die Jüngste, und ich mache mir Sorgen, dass etwas passiert sein könnte, aber ich kann hier ja nicht einfach weg, wie Sie sicher verstehen«, fuhr sie fort und hängte erneut ein bestätigendes »Genau« an.

Eine Braut, die ihre eigene Hochzeit verpasst, weil sie nach einem fehlenden Gast sucht. Das war tatsächlich ein Ding der Unmöglichkeit.

Wenigstens scheint es ihr einigermaßen peinlich zu sein, mich zum Dienstboten bei der Suche nach ihrer Patentante zu machen, dachte Ed. Also gut. Er heftete von Salinas unausgesprochene Bitte innerlich in der Rubrik »Sonderauftrag der Ministerin« ab und beschloss, gute Miene zu machen. »… daher dachten Sie, ich könnte doch mal bei Ihrer Patentante vorbeischauen.«

»Genau«, sagte sie erneut. »Also, jedenfalls wäre das furchtbar freundlich von Ihnen.«

»Und der Name Ihrer Patentante lautet?«

»Ira Schaffhausen.«

»Und sie ist in welchem Hotel untergekommen?«

»In gar keinem Hotel.«

»Sondern?«

Langsam wurde es mühsam, der aufgeregten von Salina jedes Wort einzeln zu entlocken.

»Sie wohnt in ihrem Haus in Kampen.«

»Und in welcher …«, setzte Ed an.

Doch Tillas Mann, der während des Gesprächs zu ihnen gestoßen war, kam ihm zuvor. »Heidekoben 16«, verkündete Veit von Salina.

»Also gut, ich schau eben im Heidekoben vorbei. Und Sie sind ganz sicher, dass Frau Schaffhausen tatsächlich auf Sylt und in ihrem Haus ist?«

»Aber ja«, antwortete Veit von Salina in jovialem Ton.

Ed nahm Muri zur Seite und berichtete ihm von der Bitte von Salinas. Muri grinste ihn breit an. »Der Ministerin treuer Diener. Vorbildlich. Keine Frage, so kommt man künftig kaum an dir vorbei, wenn es um die Neubesetzung der Leitungsposition des Westerländer Polizeireviers geht.«

»Sehr witzig. Ich melde mich bei dir.«

Auf dem Handy suchte Ed die schnellste Route heraus. Schließlich hatte er nicht alle Kampener Nebenstraßen im Kopf. Während er sich noch auf dem kleinen Bildschirm orientierte, stieß ihn Hinnerk vom Sylter Tageblatt an.

»Alles in Ordnung?«, fragte der Journalist neugierig, der offenbar Eds Gespräch mit der Braut mitbekommen hatte.

»Aber ja.« Ed lächelte. »Was sollte auf unserer malerischen Insel schon in Unordnung geraten?«

»Sag du es mir.«

»Nichts. Rein gar nichts. Alles in schönster Ordnung.«

Und während Hinnerk sich schnell wieder durch die Gästeschar in die Kirche drängelte, um der Trauung aus nächster Nähe beizuwohnen, machte sich Ed nach Kampen auf. Pastorin Krüger würde das Brautpaar bestimmt mit einer humorvollen Predigt auf das künftige gemeinsame Leben einstimmen. In Wenningstedt lag es auf der Hand, die Zeiten der Ehe mit dem unvermeidlichen Seegang des Meeres zu vergleichen.

Während er das Kaamp-Hüs passierte, entwischte Ed ein müdes Seufzen.

Solange das Meer ruhig blieb, war einem verliebten Paar das Wissen um mögliche Stürme einerlei. Aber was war, wenn tatsächlich einmal Gegenwind aufkam? Wenn sich die Probleme des Alltags unvermittelt so hoch vor ihnen auftürmten wie das Meer vor dem Sylter Strand, wenn im Herbst und Winter ein heftiger Westwind herrschte? Welche Deiche musste eine Liebe in guten Zeiten errichtet haben, damit sie in diesem Fall nicht einfach überspült wurden? Oder noch schlimmer, damit sie nicht heimlich, still und leise unterspült wurden? Er war mit seiner Frau Mara jedenfalls an diesem Unterfangen gescheitert. Irgendwann hatte ihre Liebe begonnen wie eine Strandburg zu bröckeln.

Bis er kurz vor dem Kampener Ortsausgang rechts abbog, um zum Heidekoben zu gelangen, gab Ed sich den Gedanken an den flüchtigen Sand hin, der Jahr für Jahr als Opfergabe an das Meer diente. Jener vorgespülte Sand, der ihn beinahe das Leben gekostet hatte. Mit den Sandkörnern der Vorspülungen hatte der dänische Unternehmer Gustafsson in aller Welt Millionenumsätze gemacht und war dafür über Leichen gegangen. Was wohl aus ihm geworden war?

Die Wattseite der Insel liebte Ed ganz besonders. Selbst in der Hochsaison war es dort nie überfüllt, während sich auf der Meerseite die Badegäste drängten. Vorbei am sanft wogenden Schilf, an knorrigen Holunderbüschen und blauviolett leuchtenden Brombeeren steuerte er den Heidekoben an. Ira Schaffhausens Haus unterschied sich auf den ersten Blick kaum von denen in der Nachbarschaft. Die Größe des Grundstücks sprach allerdings dafür, dass hier jemand lebte, der mehr als wohlhabend war. Wohlhabend waren schließlich alle, die sich in Kampen ein Grundstück leisten konnten. Besonders gesichert schien das Haus nicht zu sein. An den Friesenwall, der von üppig duftenden Heckenrosen bekrönt wurde, schloss sich ein typisches Sylter Reetdachhaus an. Es sah aus wie eines jener grasenden Mammuts, die der Dichter Ernst Penzoldt vor mehr als einem halben Jahrhundert einmal liebevoll beschrieben hatte. Zu seiner Zeit hatte Kampen nicht nur als diskreter Rückzugsort gegolten, sondern war auch für seine Kulturszene berühmt gewesen.

Ed klingelte, doch niemand öffnete ihm. Also drückte er die Klinke des Gartentors herunter, und siehe da, das Tor war nicht verschlossen. Während er auf das Haus zuging, rief er laut den Namen von Frau Schaffhausen. Keine Antwort. Ed lauschte in die zärtliche Stille des Sommertags am Kampener Watt. Aufmerksam betrachtete er die großformatigen Skulpturen aus Holz und Metall, die malerisch verteilt im weitläufigen Garten standen.

Wie in einem Freilichtmuseum, dachte er. Schon auf den ersten Blick erkannte er Arbeiten von Alexander Calder, Hans Arp und Ulrich Rückriem. Ed drehte eine Runde um das Haus, aber ihm fiel nichts Besonderes auf. Ohne zu wissen, warum, lief ihm ein leichter Schauer über den Rücken. Die Erfahrungen aus seinem letzten Fall hatten ihn gelehrt, unbedingt auf seinen sechsten Sinn zu hören. Kurzerhand rief er bei Muri an. Sein Kollege ging sofort ans Telefon, als hätte er den Anruf bereits erwartet.

»Hast du die Dame gefunden?«, flüsterte Muri. Im Hintergrund hörte Ed die Gemeinde singen.

»Nein, noch nicht. Im Heidekoben ist alles ruhig.«

»Aber?«

»Woher weißt du, dass jetzt ein ›Aber‹ kommt?«

»Ich weiß es ja nicht. Aber ich spüre es«, antwortete Eds Kollege.

»Vielleicht sind wir doch ein ganz gutes Team.«

»Hast du daran je Zweifel gehegt?«, fragte Muri mit gespielter Entrüstung.

»Ich schaue jetzt mal durch die Fenster, ob mir irgendetwas auffällt.«

»Pass gut auf«, sagte Muri und biss sich gleich auf die Zunge. Er machte sich seit einiger Zeit Sorgen um seinen Kollegen. Erst hatte sich Ed von seiner Frau getrennt, dann war die Freundin seines Sohnes bei einem Unfall verstorben und schließlich hatte man Ed ins Meer geworfen und sich selbst überlassen. Alles ein bisschen viel in so kurzer Zeit, fand Muri. Und dann war da noch Eds Elsa, in die sein Freund und Kollege unzweifelhaft noch immer bis über beide Ohren verliebt war. Doch Elsa hatte der Sylter Polizei den Rücken gekehrt und arbeitete nun als stellvertretende Polizeichefin in Pula.

Bei seiner zweiten Runde um Schaffhausens Haus schaute Ed in alle Fenster im Erdgeschoss und untersuchte sie auf mögliche Einbruchspuren. Wiederum ohne dass ihm etwas auffiel. Die Einrichtung im Haus war zurückhaltend modern. Kein Pseudo-Friesen-Schnickschnack, wie er seit einigen Jahren beliebt war, registrierte er. Stattdessen fiel Ed auf, dass im Haus ebenfalls jede Menge Kunstwerke zu sehen waren. Er hatte die Terrasse auf der Ostseite des Hauses nach einem abschließenden Blick ins Wohnzimmer fast schon wieder verlassen, als er sich noch einmal umdrehte.

Vielleicht war die Terrassentür ja nicht verschlossen?

Wiederum hatte Ed Glück. Die Tür war offen.

»Frau Schaffhausen!«, rief er laut, als er das Wohnzimmer betrat.

Keine Antwort. Eds Gefühl, dass hier etwas nicht stimmte, verstärkte sich. Er musterte den großzügigen Raum, an den sich auf der einen Seite eine Küche anschloss und auf der anderen ein Speisezimmer.

»Frau Schaffhausen«, wiederholte er laut. »Mein Name ist Eduard Koch. Ich bin von der Sylter Polizei. Sind Sie zu Hause?«

Wieder nichts.

Ed rief erneut Muri an.

»Und?«

Ed hörte ein Rauschen in der Leitung. Muri nutzte die Freisprechanlage.

»Ich bin jetzt im Haus. Die Terrassentür war nicht verschlossen. Aber hier scheint niemand zu sein.«

»Sei vorsichtig, Ed. Am besten, du wartest auf mich. Ich bin vorsichtshalber auf dem Weg.«

Ed lächelte. Das war typisch Muri.

»Ich schau mich hier nur mal ein bisschen um.«

Die drei Zimmer im Erdgeschoss zur Wattseite waren menschenleer. Doch einige benutzte Gläser und Teller auf dem Tisch zeugten ebenso davon, dass das Haus derzeit bewohnt war, wie das aktuelle Sylter Tageblatt auf dem Sofa. Zur Straße hin schlossen sich Badezimmer und ein Gästezimmer an. Beide Räume waren ebenfalls leer.

»Frau Schaffhausen?«, rief Ed am Fuß der Treppe, die ins Obergeschoss führte, noch einmal. Nichts. Er stieg die knarzende Holztreppe hoch. Maulige Sommergäste würden dieses Geräusch bestimmt nutzen, um eine Mietminderung zu fordern. Allerdings wurde dieses Haus wohl kaum je an Feriengäste vermietet, vermutete Ed. Oben fand er mehrere Schlafzimmer vor. Auch sie waren klassisch modern eingerichtet. Sehr wohnlich. An den Wänden hingen Zeichnungen und Gemälde. Eines der Schlafzimmer wurde derzeit offenbar genutzt. Ein offener Koffer lag auf dem Boden. Kleidung war leger über einen Stuhl geworfen. Neben dem Bett lag ein Buch, nachlässig aufgeklappt mit dem Umschlag nach oben. Auf einem kleinen Schreibtisch stand ein Laptop. Daneben eine leere Kaffeetasse.

Ed gönnte sich einen weiteren Blick über die friedliche Wattseite seiner Insel, ehe er seine Inspektion fortsetzte. In einem der beiden Bäder im Obergeschoss stand ein benutzter Zahnputzbecher samt Bürste. Neben dem Wasserhahn lag eine offene Tube Zahnpasta. Er widerstand dem Impuls, sie zu schließen.

Ed kehrte ins Erdgeschoss zurück. Augenscheinlich war das Haus bewohnt, doch gerade war niemand zu Hause. Wo war Tilla von Salinas Patentante Ira Schaffhausen abgeblieben? Vielleicht war sie zwischenzeitlich doch bei der Hochzeit aufgetaucht?

Allerdings wäre es unpassend gewesen, jetzt dort nachzufragen. Vermutlich stand die Braut gerade vor dem Altar. Ed unternahm einen letzten Versuch. »Frau Schaffhausen. Ihre Patentochter hat mich gebeten, nach Ihnen zu schauen. Können Sie sich bemerkbar machen?«

Ed lauschte in die Stille.

Es blieb dabei. Nichts.

Gleich neben dem Hauseingang befand sich eine weitere Tür. Vorsichtig drückte Ed die Klinke herunter. Wieder hatte er Glück, sie war nicht abgeschlossen. Er gelangte in einen kleinen Vorraum. Ein Bewegungsmelder sorgte dafür, dass das Licht ansprang. Während Ed sich noch orientierte, schlug die Tür hinter ihm zu. Erschrocken zuckte er zusammen. Doch die Tür war von allein ins Schloss gefallen. Dann endlich sah er Frau Schaffhausen. Zumindest vermutete er, dass es sich um sie handelte. Leblos lag sie am Ende der leicht geschwungenen Steintreppe, die ins Untergeschoss zu einem Schwimmbecken hinabführte.

Ed rief Muri an. »Wir brauchen hier einen Notarzt. Schnell.«

»Ich kümmere mich darum. Ich bin gleich bei dir.«

»Frau Schaffhausen?« Ed beugte sich über die Frau, die mit verdrehtem Körper auf dem Boden lag. Der Kopf stand unnatürlich ab. Auf den hellen Fliesen unter ihren kurzen grauen Haaren hatte sich eine große dunkelrote Blutlache ausgebreitet. Schaffhausens Augen standen weit offen. Hätte sie noch etwas sehen können, wäre ihr Blick über die spiegelglatte blaue Wasserfläche des Schwimmbads geglitten. Doch trotz der weit geöffneten Augen vermochte Ira Schaffhausen nichts und niemanden mehr zu sehen. Sie benötigte auch keinen Notarzt mehr.

Tilla von Salinas Patentante war tot.

 

Während Ed noch über die Tote gebeugt dastand, bekam er wie aus dem Nichts einen mächtigen Stoß in die rechte Seite. Ihm blieb die Luft weg. Er schwankte und fiel auf den Körper der Toten. Noch ehe er sich wehren oder auch nur etwas sagen konnte, wurde ihm mit voller Kraft ein Knie in den Rücken gerammt. Eds Kopf wurde rabiat heruntergepresst, sein rechter Arm auf den Rücken gedreht, sodass ihn ein heftiger Schmerz durchfuhr.

»Was zur Hölle …«, wollte er brüllen.

Doch außer einem unverständlichen Gurgeln brachte er nichts hervor, so energisch drückte der Angreifer Eds Gesicht in Frau Schaffhausens Gesäß. Panisch ruckelte Ed mit dem Kopf, um ihn wenigstens so weit zur Seite zu drehen, dass er Luft bekam.

»Ich ersticke«, röchelte er.

»Mir doch egal. Gesindel.«

Aus dem Augenwinkel erkannte er jetzt einen dunklen Ärmel. Angestrengt versuchte Ed, den Kopf noch ein kleines Stück weiter zu drehen, um mehr zu erkennen. Unvermittelt wurde sein Arm ein Stück weiter nach oben gerissen.

Ed schrie auf.

»Was hast du hier verloren?«, schnauzte ihn ein Mann mit gepresster Stimme an.