Symphonie der Toten - Abbas Maroufi - E-Book

Symphonie der Toten E-Book

Abbas Maroufi

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Beschreibung

"Ich bin Urhan", sagte er. "Urhan? Welcher Urhan?", fragte der Alter "Der Bruder von Ssoudji" Der Alte warf ihm einen prüfenden Blick zu. "Der Brudermörder?"

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Seitenzahl: 506

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis
PERSONENREGISTER
OUVERTÜRE
I
I
II
III
IV
V
VI
VIII
IX
X
XI
XII
XIII
XIV
XV
II
GLOSSAR

 Roman

Symphonie der Toten

Abbas Maroufi
Aus dem Persischen 
von Anneliese Gharaman-Beck

Originaltitel:

Samfoni-je mordegan, Abbas Maroufi Nashre Ghoghnous, Teheran

© Abbas Maroufi

CIP - Titelaufnahme in die Deutsche Nationalbibliothek

Maroufi, Abbas

Symphonie der Toten

Aus dem Persischen  von Anneliese Gharaman-Beck

ISBN: 9783962026165

© der deutschen Neuausgabe by Sujet Verlag 2020

Umschlaggestaltung: Sujet Verlag

Satz und Layout: Clara Voigt, Marie Steinhoff 

Lektorat: Clara Voigt, Monika Dietrich-Lüders 

Korrektorat: Marie Steinhoff, Friederike Langwasser 

Druckvorstufe: Sujet Verlag, Bremen

Printed in Europe

1. Auflage 1996, Insel Verlag

2. Auflage 2020, Sujet Verlag

www.sujet-verlag.de

PERSONENREGISTER 

Familie Urkhani
Djaber:
Vater
(Name unbekannt):
Mutter
Yussof:
Ältester Sohn, nach einem Unfall
schwer behindert
Aidin:
Zweitältester Sohn
Aida:
Zwillingsschwester von Aidin
Urhan:
Jüngster Sohn
Ssaber:
Bruder von Djaber
Ssohrab:
Aidas Sohn
Abadani:
Aidas Ehemann
Asar:
Urhans Ex-Frau
Ssurmeh/Ssurmelina:
Aidins Ehefrau
Elmira:
Aidins Tochter
In Ardebil
Ayas:
Wachtmeister
Essma’il:
Gehilfe im Kontor
Martha:
Bettlerin
Herr Dorostkar:
Uhrmacher
Mashd Abbass:
Wirt des Teehauses
Djamshid:
Soldat, Freund der Brüder Urkhani
Doktor Naidanoff:
Arzt
Doktor Shushanik:
Arzt
Herr Lord:
Besitzer der Ventilatorenfabrik
Foruzan:
Junge Witwe aus Ardebil
Nasser Delkhun:
Lehrer und Vorbild von Aidin
Nimtadj:
Dienstmagd bei Familie Urkhani
Herr Biyuk:
Koch
Die Armenier
Monsieur Ssuren:
Armenischer Kaffeehändler
Ssurmeh/Ssurmelina:
Monsieur Ssurens Tochter
Madame Yewgineh:
Ssurmehs Großmutter
Galust Mirsayan:
Besitzer des Sägewerks, Monsieur Ssurens Bruder
Mikail:
Herrn Mirsayans Neffe
Elmira:
Aidins Tochter

OUVERTÜRE

Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen!
…er [Kain] sprach: „Wahrlich, ich
schlage dich tot!“ (Der andre [Abel])
sprach: „Siehe, Allah nimmt nur von
den Gottesfürchtigen an.“
Wahrlich, streckst du auch deine Hand
zu mir aus, um mich totzuschlagen, so
strecke ich doch nicht meine Hand zu
dir aus, um dich zu erschlagen; siehe, ich
fürchte Allah, den Herrn der Welten.
Siehe, ich will das du meine und deine
Sünden trägst und ein Gefährte des
Feuers wirst, und dies ist der Lohn des
Ungerechten.“
Da trieb ihn eine Seele an, seinen Bruder zu erschlagen, 
und so erschlug er ihn und ward einer der Verlorenen.
Und es entsandte Allah einen Raben, daß er auf dem Boden 
scharrte, um ihm zu zeigen, wie er die Missetat an seinem Bruder 
verbergen könne. 
Er sprach: „ O weh mir, bin ich zu kraftlos, zu sein wie dieser Rabe 
und die Missetat an meinem Bruder zu verber-gen?“ 
Und so ward er reuig.
(Der Koran; 5. Sure* „Der Tisch“, 30-34)

Unter den Tonnengewölben und Kuppeln der Karawanserei* waberte ein schwacher Rauch und zog durch das Eingangstor ab. Tief drinnen hatten ein paar Lastträger in einem Blechkanister ein Holzfeuer entfacht, und wenn sie sich dazu überwinden konnten, die Hände unter der Decke hervorzuziehen, steckten sie sich auch ein paar Melonenkerne in den Mund und knackten sie auf. Hinter ihnen, in einem gruftartigen Gelass, rösteten drei Männer in großen Kupferkesseln Nüsse und Kerne. Der Dampf vermischte sich mit dem Rauch. Es hatte aufgehört zu schneien. 
Alle Lichter leuchteten, sogar die Gaslampen, und die Karawanserei glich von ferne einem im Nebel liegenden Gehöft. Auf der rechten Seite der Passage, im Kontor der „Trockenfruchthandlung Ihres Vertrauens“, hatten es sich zwei Männer in der Wärme der auf dem Tisch stehenden Glühstrumpflampe gemütlich gemacht: Urhan Urkhani saß hinter dem Tisch, neben ihm der Wachtmeister Ayas.
Jeden Donnerstag kam Wachtmeister Ayas ins Kontor, setzte sich auf einen breit ausladenden Stuhl und stellte seine Füße auf einen Schemel. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn – sommers wie winters – und wenn der breite Stuhl nicht zur Hand war, hockte er sich auf einen Sack voller Kerne. 
„Wie soll ich Riesenkerl auf so einem kleinen Stuhl sitzen? Wirklich!“, pflegte er dann zu sagen.
Hätte er es gewollt, dann hätte er sogar den Vater in all seiner respekteinflößenden Würde mit zwei Fingern hochheben und an die Haken an der Decke hängen können. Sein Gesicht war fleischig und großflächig, der Kopf eher klein; auf der linken Wange hatte die Leishmaniose ein Mal hinterlassen, das jetzt, wie das ganze Gesicht, voller Runzeln war. Er kaufte ein Ssir* Pistazien. Auf das drängende Angebot, sein Geld doch stecken zu lassen, ging er nicht ein. Er bezahlte dafür, löste die Pistazien aus den Schalen, legte sie nebeneinander auf den Tisch und warf sie sich dann alle zusammen in den Mund. Das war das Zeichen für Urhan, ihm ein Glas kaltes Wasser zu holen.
Der Vater hatte Ayas sehr gern gehabt. Einmal, weil er eben von alters her Wachtmeister in dieser Stadt war, dann aber auch, weil er so vieles wusste. Unbegrenzt war sein Wissen, von allem verstand er etwas. 
„Das ist kein gewöhnlicher Mensch“, pflegte der Vater zu sagen und schickte ihm am Neujahrsabend wenigstens zehn Kilo Trockenfrüchte ins Haus. Und er hatte ihm Woche für Woche ein paar Geldscheine zugesteckt. Auch jetzt, nachdem der Vater schon lange Jahre tot war, hielt sich Urhan an diese Abmachung.
Auf der anderen Seite tuschelten leise zwei junge Arbeiter hinter dem Ladentisch, die Hände in den Hosentaschen, eine Wollmütze auf dem Kopf und den Mantelkragen bis zu den Ohren hochgeschlagen. Wie Urhan und Ayas hatten sie die Köpfe zusammengesteckt. 
„Ich steh dir bei wie ein Löwe!“, sagte Ayas.
Urhan war unentschlossen, er wusste nicht, was er tun sollte.
„Dass das bloß nicht auf mich selbst zurückfällt!“, meinte er.
„Bring die Sache zu Ende!“
„Wenn aber irgendetwas durchsickert?“ 
„Das darf natürlich nicht sein. Du musst es eben schlau anfangen!“
Urhan dachte einen Augenblick nach, dann warf er Ayas einen kurzen Blick zu: „Wie bei Yussof?“
„Hat davon etwa jemand Wind bekommen? Jahre sind vergangen, und es hat keine Probleme gegeben.“ 
„Ich hab sie aber mit eigenen Ohren ›Brudermörder‹ sagen hören.“ 
„Scheißkerle!“, brüllte Ayas. Dann senkte er die Stimme: „Die Leute lästern sogar über den lieben Gott.“
„Mein lieber Ayas, das ist ein unergründliches Loch. Hoffentlich fall ich nicht kopfüber hinein.“ 
„Jetzt sag mal, war ich der Freund deines Vaters oder nicht?“
„Das ist schon richtig, aber ...“ 
„Du erinnerst mich an deinen Vater“, sagte Ayas, „das war auch so ein Angsthase.“ 
Urhan strich sich mit der Hand über den kahlen Schädel. Er näherte sein Gesicht noch mehr der Lampe und meinte: „Ich bin kein Angsthase! Ich trau mich alles.“
„Du hast mich gefragt, was du mit diesem liederlichen Frauenzimmer anfangen solltest. ‚Lass dich scheiden!‘, hab ich dir gesagt. Bist du schlecht dabei gefahren? Jetzt fragst du mich, was du mit diesem Kerl da tun sollst. Schaff ihn beiseite, sag ich dir. Wenn erst mal seine Tochter hier auftaucht, bist du nicht mehr Herr im Geschäft. Du wirst sehen, dass eines Tages ein Mädchen mit blondem Haar hereinspaziert kommt und fragt: ‚Mein Herr, ist hier der Laden meines Vaters?‘“ 
Urhan sagte nichts darauf.
„Wo es schon mal so weit gekommen ist“, meinte Ayas, „zögere nicht! Mach dich jetzt gleich auf den Weg!“ 
„Bei diesem Schnee? Wohin soll ich da gehen?“ Und er warf einen Blick nach draußen.
So viel Schnee hatte der Himmel auf die Erde abgeladen, dass man noch viele Jahre später sagen sollte: Dieses schwarze Jahr! Ein großer Teil der Bewohner hatte sich verkrochen, doch viele mussten wohl oder übel Schnee und Kälte trotzen, um für ihr Leben zu sorgen. Der Schnee hatte alles lahmgelegt. Straßen und Gassen lagen in ungewohnter Stille, die Wasserleitungen waren eingefroren, kein Auto fuhr, auf den Straßen waren Schneehaufen aufgetürmt. Die Händler hatten zwar die Gehwege geräumt, doch wieder bedeckte ein halber Meter Schnee, der in der letzten Nacht gefallen war, die Erde.
In den engen Gassen lag der Schnee mehr als türhoch; die Leute hatten Tunnel gegraben und konnten so in den miteinander verbundenen Kanälen sicher hin- und hergehen. War das eine Strafe Gottes? Vielleicht. Viele Winter waren doch übers Land gegangen, es hatte auch heftig geschneit, aber niemand konnte sich an solche Schneemassen erinnern. Die Raben hatten die Stadt erobert. Auf jedem Baum ein paar Raben.
Auch innerhalb der Anwesen waren sie zu finden. Gelassen hockten sie auf den Gartenmauern und auf den Geländern der Veranden und hüpften hin und her. Kalt und seelenlos lag da ein Haus mit hohen Mauern, mit Kreuzgesims und zweiflügligen Fenstern vergessen unter dem Schnee. In den Zimmern des oberen Stockwerks hatten sich die Decken gebogen, und im Erdgeschoss hing ein grauenhafter Gestank nach Verwesung aus vergangenen Jahren in der Luft. Keiner hielt sich dort auf, kein Licht brannte, nicht einmal der Schnee auf dem Dach war geräumt. Die Glasstürze der Windlichter über der Haustür waren zerbrochen.
Es war einmal eine Zeit, da gab es noch die Mutter, die Mehl aus der Tonne holte, Teig knetete und in dem Ofen in der Mitte der Küche Brot buk. Der nach Brot und Holz duftende Rauch stieg vom Ofen auf. Und nachdem die Mutter das Brot herausgeholt hatte, band sie sechs Fladen in ein Tuch und schickte es Onkel Ssaber. Aidin und Urhan fuhren in einer fünfspännigen Kutsche eilends zu dessen Haus. Und die Tante steckte ihnen Leckerbissen in die Tasche.
Es war einmal eine Zeit, da hielt sich der Vater, wenn er die Treppe hinaufstieg, an den Sprossen des Geländers fest und zählte sie: einundzwanzig. Oben nahm er den Hut ab, hängte ihn an die Garderobe, legte den Mantel ab, schüttelte ihn aus und hängte ihn daneben. Er wischte mit einem Tuch über die Hosen, hängte sie aber nicht auf, sondern legte sie unter die Matratze, so dass sie morgens, wenn er sie wieder anzog, messerscharfe Bügelfalten hatten.
Auch eine Schwester hatte es gegeben, Aida mit Namen. Irgendwo im Hintergrund, in der Küche oder in der Speisekammer, quälte sie sich mit ihren Rheumaschmerzen ab. Und ging fast zugrunde.
Und nun – Kälte und Stille hatten sich in den Zimmern festgesetzt – war Urhan nicht da, um unter die schmutz-verkrustete Decke zu kriechen in der trügerischen Hoffnung auf einen ruhigen Schlaf. Nein, nein! Alle waren sie gestorben. Und er war der Letzte.
„Auch dieser da muss noch weg! Egal wie!“, hatte er gesagt. 
„Worauf wartest du dann noch?“, hatte Ayas gefragt. 
„Wo ist er bloß?“ 
„Im Teehaus am Salzsee, wie immer.“ 
„Bei diesem Schnee?“ 
„Du bist doch kein Kind der arabischen Wüste. Die Kinder in Ardebil* kommen schon mit dem Schnee zur Welt. Und vielleicht ist er auch schon tot.“
„Nein, ich weiß, dass er am Leben ist.“ 
„Woher willst du das wissen? Wie sollte er nach zehn Tagen noch leben?“ 
„Aidin ist am Leben“, sagte Urhan voller Überzeugung. „Ich glaube nicht, dass er stirbt. Gestern habe ich erfahren, dass er eine fünfzehnjährige Tochter hat. Habe erfahren, dass die seinen Personalausweis in den Händen haben. Wenn er noch lebt, haben wir’s bald mit tausenderlei Forderungen zu tun, Ayas.“ 
„Dann geh schon! Wie ein Löwe werde ich dir beistehen. Überhaupt nichts wird passieren. Denk nicht daran, dass ich alt geworden bin! Ich bin immer noch der Wachtmeister Ayas ...“
Urhan lauschte dem Zischen der Lampe und dachte an das Mädchen, das fünfzehn Jahre alt war, blondes Haar hatte und eines Tages kommen würde.
Ayas neigte den Kopf und starrte Urhan ins Gesicht. „Beeil dich, Bruder!“
Urhan blieb stumm. 
„Wenn ich an der Stelle deines Vaters gewesen wäre – Gott hab ihn selig“, meinte Ayas, „hätte ich Aidin gleich damals, als ihm der Kamm schwoll und er sich als Dichter aufgespielt hat, zur Grenze gebracht und ihn abgeschoben.“
„Der Vater. Immer der Vater“, sagte Urhan, „der Vater hatte Angst vor ihm.“ 
„Du hast auch Angst vor ihm.“ 
„Nein, ich hab keine Angst. Ich hab’s nur nicht übers Herz gebracht.“
„Wärst du letzte Woche gegangen, wärst du jetzt deine Sorgen los. Man muss ‚Wasser‘ sagen und trinken, muss ‚Atem‘ sagen und Luft holen. Anderenfalls ist’s aus mit einem.“ 
Er setzte seine Mütze auf, erhob sich, knöpfte seinen Mantel zu, von unten nach oben, glatt und ordentlich. Dann sagte er herrisch, als spräche er zu einem Untergebenen: „Was willst du also tun?“
Urhan erwachte aus seiner Geistesabwesenheit. Er hob den Kopf. „Ich geh!“, sagte er.
Ayas stampfte mit den Füßen auf. „So wie ich. Steh schon auf und geh!“ 
Und er machte sich davon. Dabei vergaß er ganz, seine wöchentliche Zuwendung einzustreichen. Vielleicht wollte er sie aber auch nicht nehmen. Er ließ Urhan in großer Verwirrung zurück. Was für eine Einsamkeit einen doch überfallen konnte, einen verhexte, erstarren ließ. Wie einen Berg. Aber konnte er denn bleiben?
Kurz danach, es war genau zwei Uhr nachmittags, brachte es Urhan nicht fertig, die Posten aus dem Grundbuch ins Hauptbuch zu übertragen, so sehr er sich auch bemühte, zu einem Abschluss zu kommen. Voll Unruhe zählte er die eingenommenen Geldscheine und steckte sie in die Hosentasche. Er legte die Bücher in den Rahmen des Rechenbretts, vergaß aber ganz, beides in die Schreibtischschublade zu stecken und diese abzuschließen. Die Mütze jedoch vergaß er nicht. Die trug er sommers wie winters. Während der Arbeit legte er sie auf den Tisch, beim Weggehen nahm er sie wieder an sich. Er nahm sie, setzte sie sich auf und knüpfte den Mantel zu. Er ließ den Blick durchs Kontor schweifen. Den Gehilfen gab er keine Aufgaben, sagte nur: „Ihr könnt gehen!“
Er wartete, bis sie ihr Essgeschirr zusammengepackt hatten und gingen. Plötzlich hatte er das Gefühl, etwas mitnehmen oder noch etwas erledigen zu müssen. Er sah um sich und dachte angestrengt nach, doch fiel ihm nichts ein. Nachdem er die Gaszufuhr der Glühstrumpflampe unterbrochen hatte, verließ er das Kontor. Er sperrte die Schlösser oben und unten an der Tür ab und warf noch einmal einen prüfenden Blick auf alles.
Dann ging er auf den Ausgang des Basars zu. Er drückte der Bettlerin Martha, die auf der Treppe an der Ecke der Passage saß, einen Fünf-Tuman-Schein* in die Hand und sagte: „Du zitterst ja wie Espenlaub, Martha!“ 
„Es ist schrecklich kalt geworden“, sagte die alte Frau. 
„Gott segne dich!“
Urhan kehrte nochmals um. Hinten in der Karawanserei sah er die Lastenträger, die in ihrem Blechkanister ein Holzfeuer unterhielten. Überall lag Rauch in der Luft. Er deutete auf die unter den Gewölben aufgestapelten Säcke mit Pistazien und Sonnenblumenkernen und sagte zu Essma’il: „Ihr einfältigen Feueranbeter, ihr werdet diese Karawanserei noch einmal in Brand stecken.“ 
Ohne eine Antwort abzuwarten, schritt er unter dem Gewölbe an einer Reihe von Säcken mit gerösteten Sonnenblumenkernen entlang, strich mit der Hand darüber und sagte, ohne sich direkt an Essma’il zu wenden: „Passt auch auf das Geschäft auf!“ 
Dann ging er auf die Pistaziensäcke zu, die auf der linken Seite bis hoch unter die Decke aufgestapelt waren und in den nächsten Tagen zu den Einzelhändlern geschafft werden sollten und ihm sicher noch vor Neujahr einiges an Gewinn einbringen würden. Er strich auch über die prallen Pistaziensäcke und warf nochmals einen Blick nach hinten. Die Lastträger hatten die Ohrenklappen ihrer Mützen heruntergezogen; sie nickten Urhan einen Gruß zu. Ihre Augen waren müde und tränten. Ganz langsam ging er die Passage des Basars entlang und hörte ein „Ssalam, Herr Urhan“. 
Er wollte nicht aufsehen, erwiderte nur den Gruß, wer das auch immer gewesen sein mochte.
Er kannte diese Leute nicht, und er hatte auch nicht das Bedürfnis, sie zu kennen. Wie der Wind eilten sie nahe an einem vorbei. 
„Wenn der Wind unter den Hutrand bläst, hebt er den Hut hoch und weht ihn weg. Pass auf!“, pflegte der Vater zu sagen.
Was waren das doch noch für angenehme Zeiten gewesen! Als Vater noch lebte, machte es unvorstellbar großen Spaß, auf der Terrasse des Hauses zu schlafen. Auch nachts war der Himmel blau. Und man hatte bunte Träume. Bis spät in die Nacht war aus der Küche das Klappern des Geschirrs zu hören, wenn Mutter und Aida abwuschen. Aidin wälzte sich so lange von einer Seite auf die andere, bis alle schliefen und er dann sein Buch öffnen und lesen konnte. Manchmal schien es mir, als ob er die Seiten des Buches geradezu fressen würde. Und am Ende waren’s auch die Bücher, die ihn zugrunde gerichtet haben. Aus dem Zimmer am Ende des Korridors war der Laut seines Lidschlags und seines Nachdenkens zu hören. Und die rolligen Katzen schrien auf den hohen Hofmauern.
„Was liest du denn da?“, fragte Vater. 
Sicherlich bereitete er sich auf den Unterricht vor, denn er antwortete: „Ich mache Hausaufgaben, Vater.“ 
„Lern nur!“, meinte Vater. „Wir wollen doch sehen, was für große Leistungen du mal vorzuweisen hast.“
Er hatte die Straße erreicht und trat nun fester auf, damit der Schnee nicht an seinen Stiefeln hängen blieb. Im Straßengraben schaukelten verfaulte Orangen auf dem Wasser und gingen dann unter. Das Wasser schoss schnell vorbei. Der Himmel war ganz bedeckt von grauen, samtenen Wolken. Urhan blieb stehen und schaute nochmals hinüber zum rückwärtigen Teil der Karawanserei. 
Er war unentschlossen, wusste nicht, was er tun sollte. Da war einerseits die Arbeit im Kontor, die Nachmittagskundschaft und die vielen Verpflichtungen; andererseits beunruhigte ihn auch die zehntägige Abwesenheit von Ssoudji*. 
Seit dem frühen Morgen überlegte er hin und her, ob er gehen sollte oder nicht. Eigentlich schon seit dem vorigen Abend. Aber konnte er denn bleiben? Wenn er abends dieses große, kalte Haus betrat, richtete sich das Geraune weit zurückliegender Zeiten wie eine Mauer vor ihm auf und verstummte. Zu einer Kiefer mitten im Hof wurde es, wurde zur Tür, die verschlossen blieb. Dieses entfernte Geraune verdichtete sich zur Gestalt Yussofs, der, einem Stück Fleisch gleichend, mit ausdruckslosen Augen vor sich hinstarrte. 
Wenn Aidin zu Haus festgehalten werden konnte, brauchte ich nur zu fragen: „Wo bist du, Ssoudji?“, und ein in einen langen Mantel gekleideter Mensch, mit einem Schal und Vaters altem Hut, kroch wie ein schwarzes Ungeheuer oben aus dem Loch und gab sich lautlos zu erkennen. „Kette mich doch nicht an, Urhan!“, bat er.
„Nicht Urhan“, entgegnete ich, „Herr Bruder!“ Und ich gab ihm eine hinter die Ohren. Der Hut flog ihm vom Kopf. Vaters alter Hut war der Grund dafür, dass ich mich zurückhalten konnte. Manchmal möchte ich ihm am liebsten eine runterhauen oder ihn oben an das Geländer der Veranda anketten. Aber sein lachendes Gesicht unter diesem alten, verblichenen Hut hält mich davon ab. Nichts zu machen. 
Mutter sagte: „Du bist ganz ohne Gefühl.“ 
„Nein“, antwortete ich, „das bin ich nicht!“ 
Und ich bin’s wirklich nicht. Wenn du noch lebtest, Mutter, wäre dir das auch zu viel geworden. Auch du hättest dieses Haus nicht mehr betreten, wo das Wasser im Becken grün geworden ist, die Kiefernnadeln den Hof bedecken, die Kälte hinter den verstaubten Fenstern der Zimmer hockt und die Feuerstellen in der Küche unter Gerümpel verschwunden sind. Ein Kätzchen liegt schon seit zwei Monaten am anderen Ende des Hofes langgestreckt im Eis der Regenrinne und wird vom Eis immer weiter in die Länge gezogen. Wer hat Lust, jemanden zu rufen, um es herunterzuholen? Wer hat Lust, die Öfen anzuzünden? Die Decksteine oben auf der Mauer fallen herunter, einer nach dem anderen, das ganze Gebäude scheint erfroren zu sein. Niemand fegt, kein Gast kommt mehr. Die Gläser der Windlichter über der Haustür sind zerbrochen. Die leeren Zimmer erscheinen größer, und der Widerhall der Schritte hämmert auf das Hirn ein. Das Geräusch des Atems schallt. Man traut sich nicht mal mehr zu husten, es dröhnt im Schädel und quält einen. Von dem ganzen Umtrieb sind nur die Raben auf der Kiefer geblieben, die, dicker und älter geworden, auf den Ästen hin und her hüpfen und mit frecher Stimme ‚kalt, kalt‘ krächzen.
Er starrte auf die kahlen Bäume am Bürgersteig. Der Schnee hatte die Zweige heruntergebogen. Sicher würden sie beim nächsten Schneefall brechen. Auch die Menschen waren wie die Bäume: Immer lag schwerer Schnee auf ihren Schultern, seine Last war bis zum nächsten Frühjahr zu spüren. Das Schlimme war, dass die Menschen nur einmal starben. Doch was für eine schmerzhafte Plage dieses eine Mal doch war!
Er fasste in die Manteltasche, fühlte in deren Tiefe die Windungen des Stricks, den er schon morgens eingesteckt hatte, und mischte sich beruhigt unter die Leute. An der Ghanat-Kreuzung zog er seine silberne Taschenuhr heraus und warf gewohnheitsgemäß einen Blick darauf, ohne jedoch die angezeigte Zeit zu erfassen. Dann ließ er den Deckel zuschnappen und steckte die Uhr wieder ein. Mutter hatte immer gesagt, Aidin gehe zugrunde. Man müsse sich um ihn kümmern. Sie hatte mich sogar gefragt, wo denn dieses armenische Mädchen sei, vielleicht sei sie an allem Schuld. 
„Nein, Mutter“, hatte ich geantwortet, „er ist nur müde. Ich bring ihn nach Villadarreh*; dort in der frischen Luft werden wir uns beide erholen.“
Als er am Geschäft des Uhrmachers Dorostkar vorbeiging, kam es ihm plötzlich in den Sinn, einen Moment stehenzubleiben und das Schaufenster anzuschauen. Sicher tausendmal war er im Laufe seines Lebens dort vorbeigekommen, doch diesmal betrachtete er mit besonderer Aufmerksamkeit die riesige runde Uhr von Herrn Dorostkar. Ihr Gehäuse war aus Kastanienholz, die Zeiger aus Erlenholz, das Zifferblatt war geschnitzt, und ihr rundes, gewölbtes Glas war gleichzeitig auch das Schaufenster. Zwischen Glas und Zifferblatt standen wie immer ein Dutzend Kaminuhren. Es war eine sehr schöne Uhr, die Herr Dorostkar da vor langer Zeit gebaut hatte. Sie war jedoch vor mehr als dreißig Jahren stehengeblieben, das hieß sie ging nicht mehr, seitdem auch das Herz von Herrn Dorostkar für einen Augenblick stehengeblieben war. Vielleicht hatte aber auch sein Herz ausgesetzt, als die Uhr aufgehört hatte zu laufen. Auf jeden Fall war beides zur selben Zeit geschehen, mit dem einzigen Unterschied, dass Herrn Dorostkars Herz langsam zu schlagen begonnen hatte und wieder klopfte, während die Uhr ein für alle Mal stehengeblieben war und Herr Dorostkar sie trotz all seiner Geschicklichkeit nicht mehr hatte zum Laufen bringen können. 
Punkt halb sechs waren die Zeiger zum Stillstand gekommen. Um halb sechs Uhr nachmittags an einem heißen Sommertag im Jahre 1325 . Und jetzt, nach so vielen Jahren, standen sie immer noch. Herr Dorostkar machte sich hinter seinen Instrumenten am Werk einer Armbanduhr zu schaffen und dachte sicher an den einmal kommenden Tag, an dem er die Uhr wieder in Gang bringen würde. Dann würde er das wohltönende Schlagwerk zum Klingen bringen und so jedem beweisen, dass der Mensch alles vermag, was er will, vorausgesetzt, dass es nicht gegen die Natur ist. Das hatte der Vater zu Urhan gesagt, und Urhan pflegte es so den anderen weiterzugeben. 
Wenn die Uhr wieder ginge, würde sich ein wunschlos glücklicher Herr Dorostkar auf dem Fußboden ausstrecken und sich dem Tode ergeben. Das hatte er im Laufe der letzten dreißig Jahre allen Einwohnern der Stadt gesagt.
„Auch das ist ein großes Unglück“, pflegte Vater zu sagen.
Doch Mutter meinte: „Sprecht nicht von diesem Verrückten.“
Jetzt, nachdem die Kraft der Jugend geschwunden ist, kann ich vieles nicht mehr ertragen. Ich brauche nur die Haustür aufzuschließen, und all die Menschen, die so voller Leben sind, voller Betriebsamkeit, fliehen. Eine entsetzliche Stille umfängt mich an der Tür, bringt mich die Treppe hoch und legt mich auf das aus allen Fugen geratene Holzbett und unter die vor Schmutz starrende Decke. Bis ich allmählich warm werde, ist es Mitternacht geworden; bei all dieser Müdigkeit und all diesen Grübeleien.
Wenn ich nachmittags wieder das Haus verließ, schaute ich immer bei Mutter vorbei. Mit ihr ging es zu Ende, sie war nichts als Haut und Knochen. Man hätte sie nur fest an der Nase zu packen brauchen, und schon wär’s aus gewesen mit ihr. In ihrem Zimmer, seit eh und je dem großen, dreitürigen im unteren Stock, roch es nach Knoblauch und abgestandener Luft, roch es wie nach dem Atem eines Schwindsüchtigen. Der Geschmack klebte an den Teegläsern und an den Untertassen und floss mit dem Tee die Gurgel hinab. Ich setzte mich an ihr Bett. Dabei war ich bemüht, ihr nicht in die Augen zu schauen. 
Ich sagte: „Guten Tag, Mutter.“ 
Ich nahm ihre Hand und streichelte sie, ohne auch nur das Geringste dabei zu empfinden.
Mutters Augen waren starr an die Decke geheftet; sie lagen tief in den Höhlen, wie Schwalbennester am Stamm alter Bäume.
„Aidin, wo ist mein Aidin?“, fragte sie.
Meine Lider zuckten. Ich starrte auf das Blumenmuster des Teppichs, oder auch nirgendwohin, zwinkerte nur. Ich war doch auch ihr Urhan und war es doch nicht. Da war nichts zu machen. Ich hatte akzeptiert, es nicht zu sein. 
Ich sagte nur: „Er muss irgendwo hier in der Nähe sein, Mutter.“
Mutter wandte einen Augenblick den Kopf. Sie entzog mir ihre Hand. Ihre weißen, knochigen Finger klammerten sich an den Bettrand. 
„Bring ihn mir sofort her!“, sagte sie. „Verstanden?! Wenn du nicht auf ihn aufpassen kannst, dann binde ihn hier fest, vor meinen Augen!“
„Wo soll ich ihn denn suchen?“, fragte ich.
Mutter setzte sich auf. Immer wieder zeigte sie unwahrscheinliche Kräfte. Als ob sie sie gespeichert hätte; doch ich wusste nicht, wo. 
„Hast du denn kein Gewissen?“, brüllte sie. Tränen kullerten über ihr bleiches Gesicht. „Nach wem bist du nur geraten?“ 
„Wo ist mein Aidin?“ Ihre Stimme erinnerte einen an das Zerreißen eines Stoffes. 
„Mutter“, sagte ich, „reg dich nicht auf! Heute Abend noch find ich ihn. Ich versprech’s dir.“
„Kannst du denn nicht verstehen? Wo ist Aidin jetzt?“, entgegnete sie.
Er war hinter der Anushirawan-Schule. Dort spielte ein zwölf- oder dreizehnjähriges Kind auf einer Maultrommel, und er hörte zu. Der Speichel lief ihm aus dem Mund. 
„Was tust du hier, du Ungeheuer?“, fragte ich. 
„Ich bin nur einfach so hierhergekommen.“
„Was fällt dir bloß ein? Das war aber das letzte Mal! Los, komm schon!“, ereiferte ich mich.
Mutter war nervös und voller Unruhe. Zitterig und knochig. Sie packte mich fest am Jackenärmel. 
„Wo ist er? Bist du denn taub?“
„Sicher läuft er einfach so herum, hinter der Schule, zum Teehaus, zum Akhawan-Garten“, meinte ich.
Das Weinen hatte sie ein wenig beruhigt, doch ihre Stimme bebte: „Er ist doch kein Kind mehr. Er ist neunundzwanzig Jahre.“
„Als ob ich meinem Bruder etwas Schlechtes wünschte!“, sagte ich. „Das tue ich doch nicht. Warum schiebst du mir immer an allem die Schuld zu?“
Sie streckte sich in ihrem Bett aus und zog das weiße Leintuch bis über die Brust hoch. So fest hatte sie das Tuch mit ihren Händen gepackt, als würde sie mich zerdrücken. 
„Ich weiß nicht, was du ihm angetan hast“, sagte sie. „Auf jeden Fall aber befehl ich dir, gut auf ihn aufzupassen. Er verlangt doch nichts von dir.  Nur ein Stückchen Brot und einen Platz zum Schlafen.“
„Mutter, um Gottes willen, sag das nicht! Sprich nicht immer so!“ Und ich weinte.
„Dann verkauf doch was. Nimm seinen Anteil und bring ihn irgendwohin!“
Am liebsten hätte ich Vaters Testament aus der Tasche gezogen und es ihr laut vorgelesen. Aber das ging natürlich nicht. 
So sagte ich: „Mutter, ich versprech’s dir, ich bring ihn nach Teheran oder ins Ausland. Ich komm auch für die Unkosten auf. Ich muss nur noch einiges regeln, dann ..., ich versprech’s dir!“
Vater hatte in seinem Testament offiziell festgelegt, dass keiner seiner Erben das Recht habe, zu Lebzeiten den Besitz oder einen Teil des Besitzes an einen Dritten zu veräußern.
Abgesehen davon, was für eine Hinterlassenschaft war das schon? Einmal das Eigentum an einem Geschäft in der Passage des Basars der Trockenfruchthändler in der Karawanserei, ein Wohnhaus auf einem Grundstück von 480 m2 in der Lord-Gasse Nr. 3, einer Seitenstraße der Sheikh-Ssafiy-od-din Ardebili-Straße, und ein 1240 m2 großer Aprikosengarten nördlich von Sardab*. Und diesen Aprikosengarten hatte er auch noch Mutter überschrieben, um ihr nichts schuldig zu bleiben.
Mutter drückte ihr Taschentuch auf die Augen, wischte sich die feuchten Wangen ab und sagte: „Ich möchte nicht, dass er einsam und verlassen in den Bergen oder draußen in der Wildnis umkommt, nur das.“
„Sag so was nicht, Mutter!“ 
„Was wirst du ihm erst nach meinem Tode antun?“ 
Sie fing an zu schluchzen. Ich stand auf, drückte ihr ein Glas Wasser in die Hand und half ihr, sich aufzusetzen. Sie nahm einen Schluck und lehnte sich gegen die Rückenpolster. Ihr Schweigen konnte einen umbringen. Sie schaute einen nur an und zwinkerte mit den Augen. Man wusste nicht, sollte man bleiben oder gehen. Doch in ihren letzten Tagen war sie nicht mehr so rastlos wie früher. Nachdem nun fast ein Jahr verstrichen war, hatte sie das Unheil vergessen, hatte sich allmählich abgefunden. 
Auch hatte sie weder die Kraft „Was hast du mit ihm angestellt, du Lump?“, zu brüllen noch die, sich zu widersetzen.
„Ich hab ihn doch nicht gehasst, Mutter“, sagte ich.
Sie jammerte, schlug sich mit der Faust an die Brust; stets hingen Tränen an ihren Wangen oder standen ihr in den Augen. 
„Gott möge dich bestrafen!“, sagte sie.
„Fluch nicht, Mutter!“, beschwor ich sie.
“Wie sollte ich nicht fluchen, du Gottloser. Kann es mit dir ein gutes Ende nehmen? Du ...“
Nach und nach verschwand diese Trübsal verbreitende Stimmung, und als ich eines Tages mit Aidin aus der Karawanserei zurückkam, hatte sie für uns wunderbare gefüllte Weinblätter zubereitet. Wir aßen, und ich erzählte von einer Reise nach Astara*. Ich meinte, dass es nicht schlecht wäre, wenn Aidin und ich mal zusammen dorthin führen, um den Anblick der dichten Wälder zu genießen. Ich erzählte, dass die Wege dort von Brombeerhecken gesäumt seien; das Meer sei so klar, dass man bis zum Grund sehen könne, und dort gebe es eine neunzigjährige Jungfer, die Aidins Frau würde, wenn er sich nur etwas besser benähme. Aidin legte sich dann schwindlig und müde nieder. Mutter half mir, ihn in sein Souterrainzimmer zu schaffen. 
„Aidin“, fragte sie, „möchtest du wieder dein früheres Zimmer haben, zusammen mit Urhan?“
„Was habt ihr da wieder ausgeheckt?“, meinte er nur. 
Wir legten ihn aufs Bett. 
Im Treppenhaus sagte Mutter: „Wenn er bloß nicht mehr erwachte. Ich kann ihn so nicht mehr sehen. All diese Würde, diese Vornehmheit, seine Güte, wo ist das nur geblieben?“ Wieder weinte sie und zog sich an den Stäben des Geländers die Treppe hinauf.
„Mutter“, sagte ich, „warum quälst du dich so? Glaubst du denn, dass er leidet? Bei Gott, er ist der zufriedenste Mensch auf der ganzen Welt. Er hat keinen Kummer und keine Sorgen, keine Tratten und keine Wechselschecks. Der hat’s doch gut.“ 
Sie ging zwei Stufen vor mir her. Doch als ich anfing zu lachen, drehte sie sich plötzlich um und haute mir eine runter, dass die Funken sprühten. 
„Du Lump, über wen machst du dich lustig?“
Kalt und trocken, wie ein Befehl des Vaters, klang ihre Stimme. Mir schien, als ob die Wände Risse bekämen, Risse, die hinauf bis zur Decke liefen. Die ersten Anzeichen gehen bis in meine Kindheit zurück. Nach Aidas Tod ging unser Leben wie eine Lawine den Abhang zum Tal des Todes nieder, und keiner konnte oder wollte sie aufhalten. Es scheint mir von Kind an bestimmt zu sein, diesen heimtückischen, unverständigen Bruder auf den Rücken zu nehmen und ihn eine enge Passstraße hinauf zu schleppen. Doch er hat immer so getan, als wäre er völlig anspruchslos, und damit hat er nicht nur mich, sondern auch Vater zugrunde gerichtet.
Er ist an mein Blechauto gegangen, hat es ausgeweidet; nichts war ihm unmöglich, über alle machte er sich lustig. Und ich konnte es Vater nicht klarmachen, konnte es Mutter nicht klarmachen, dass sie ihm endlich Einhalt gebieten sollten. Was blieb mir da anderes übrig, als den Kopf gegen die Wand zu schlagen, so lange zu schlagen und zu brüllen, bis sich endlich einer um mich kümmerte? Eines Tages hatte er mein Fahrrad aus der Mauernische herausgeholt und fuhr um das Wasserbecken herum. Er drehte seine Runden so schnell, dass einem ganz schwindlig wurde. Wie einer Biene, die von einem lnsektenspray getroffen wurde. War es vielleicht meine Schuld, dass ihm Vater kein Fahrrad kaufte? 
Von der Veranda brüllte ich zu ihm runter: „Steig von meinem Rad ab!“ 
Doch er drehte seine Runden nur noch schneller und lachte laut. Ich lief in den Hof, setzte mich in eine Ecke und schlug den Kopf so lange auf den Boden, bis ich ganz entkräftet zusammenbrach. 
Vater saß auf der Veranda und aß Wassermelone. Bis ich meinen Kopf auf den Boden schlug, hatte er sich nicht gerührt, als aber mein Gesicht blutüberströmt war, kam er herunter, packte Aidin und schlug ihm so ins Genick, dass er drei Tage lang den Kopf nicht bewegen konnte. Mutter verfluchte uns, mich und Vater. 
Diese liebevolle Mutter, deren Zuneigung ganz und gar Aidin galt, nicht ein einziges Mal hat sie gesagt: „Mein Urhan.“
Tagsüber schickte sie uns raus, und wir durften uns in der Nähe der Ventilatorenfabrik Lord herumtreiben. Wir gingen bis ans Ende der Gasse, wo die Fabrik in einer breiten, von Stacheldraht umzäunten Mulde lag. Eine zweiflüglige, hölzerne Tür schwang im Wind hin und her, und ein steiler Kiesweg führte bis zum eigentlichen Fabrikgelände hinab.
Nach alter Gewohnheit blieben wir da oben stehen und schauten von der Gasse aus runter. Die Fabrik dröhnte und produzierte in unwahrscheinlicher Geschwindigkeit Ventilatoren. Wir betrachteten die zerbrochenen Flügel, die in einer Ecke des Geländes aufgehäuft lagen.
„Los!“, rief ich. 
„Wer zuerst dort ist!“, entgegnete er. 
Wir rannten. Rannten den steilen Weg hinab. Die Taschen in unserer Hand waren schwer; sie pendelten vor und zurück und zogen uns hinter sich her. Der Lärm der Fabrik war so ohrenbetäubend, dass es einem Spaß machte zu brüllen. Wir konnten unser gegenseitiges Geschrei nicht hören. Mir war sehr heiß, und ich rannte schnell. Doch konnte ich Aidin nicht einholen. Seine Tasche schlenkerte vor meiner Brust. Ich wusste zwar, dass meine Beine durcheinandergeraten würden, aber ich vergaß alle Vorsicht, stürzte plötzlich kopfüber zu Boden und blieb der Länge nach liegen. Herr Farman kam aus seinem Glashäuschen heraus und stellte mich wieder auf die Beine. Mein Gesicht war blut- und tränenverschmiert, meine Beine schmerzten, und eine einschläfernde Trägheit war in meinem Körper. Nur mit Mühe konnte ich Aidin erkennen, der glücklich und zufrieden hübsche rote Ventilatorenflügel zusammenklaubte.
Vater schlug mit dem Gürtel auf ihn ein, Mutter versorgte meine Gesichtsverletzungen. 
„Wie lange soll’s mit deinen Teufeleien noch weitergehen?“, fragte Vater. „Warum bist du nur so aufsässig?“ Und drosch weiter.
Mutter konnte an jenem Abend mein Nasenbluten nicht stillen. Vater zog Aidin am Ohr und rief: „Du hast ihm das Nasenbein gebrochen! Ist dir das klar?“
„Ich hab’s ihm nicht gebrochen“, antwortete Aidin. „Beschuldige mich nicht zu Unrecht!“
Vater ließ ihn nicht weiterreden und gab ihm eine saftige Ohrfeige. 
„Es tut mir ja leid, dass er sich das Nasenbein gebrochen hat“, sagte Aidin, „aber was kann ich dafür?“
Tags darauf holte Vater einen Arzt, aber das half auch nichts; auch jetzt noch, mit vierzig Jahren, ist die eine Seite meiner Nase doppelt so dick wie die andere.
Er zog seine Taschenuhr heraus, warf einen Blick darauf, klappte sie zu und steckte sie wieder ein. Noch immer war er unentschlossen. Sollte er gehen oder nicht? Er fürchtete, in die Nacht zu kommen. Wie es seine Gewohnheit war, schlug er die offenstehenden Mantelseiten übereinander, ließ sie dann aber wieder los, ohne die Knöpfe zu schließen. Er fasste in die Tasche und befühlte die rauen Windungen des Stricks. 
Eine heiße Erregung stieg ihm in den Kopf, und eine unvergleichliche Sicherheit strömte sanft durch seine Adern. Nein, er musste das unbedingt zu Ende führen. Dann würden sie ihn „Mörder“ nennen. Wer war das noch gewesen, der „Brudermörder“ gesagt hatte? Wo bist du jetzt nur, Mutter, um mich ungerechterweise zu beschuldigen und doch meine Sünden auf dich zu laden, mir einen Teil meiner Bürde abzunehmen? Aber ich schwör’s bei Gott, es ist nur zu seinem Besten. Er ist doch schon seit Jahren tot. Wo immer er sich aufhält, im Teehaus am Salzsee oder am Rande der Salzpfanne, er verströmt den Geruch des Todes, ist wie ein lebloses Denkmal seiner eigenen Vergangenheit.
Er schaute die Leute an. Jeder ging seiner Beschäftigung nach. Eine verhutzelte alte Frau wollte die Straße überqueren, war aber zu schwach dazu. Ein Junge steckte einem großen Schneemann zwei Kohlen als Augen ins Gesicht; manche hatten sich Plastiktüten über den Kopf gestülpt, und eine Frau im schwarzen Tshador* ging vorbei, die aussah wie die Spitze des Damawand*, so viel Schnee war auf sie gefallen. Sicher war sie aus einem der umliegenden Dörfer gekommen. Urhan ging immer weiter. Eine Kraft zog ihn aus der Stadt, zum Teehaus am Salzsee hin. Ganz langsam, in sich versunken, schritt er dahin, dass man glauben konnte, da stapfe einer müßig durch den Schnee, um seinen Speck ein bisschen zum Schmelzen zu bringen.
Ich konnte mich nicht mehr beherrschen, wollte nicht mehr wie üblich alles einfach in mich hineinfressen. 
So brüllte ich: „Du Taugenichts, ich plag mich in diesem Sauladen seit zwölf Jahren ab, was verstehst du denn davon?“
„Bin ich vielleicht ein Niemand, dass ich tun soll, was du anordnest?“
„Ältere als du müssen meine Anordnungen befolgen, du Schreinerling!“
Er fuchtelte mit dem Zeigefinger, das war so seine Gewohnheit. 
„Da bist einmal du, und da bin ich“ sagte er. „Schade, dass mir nichts anderes übrigbleibt. Schade, dass ich nicht all diesen Widerwärtigkeiten den Rücken kehren kann und mich um meine Schreinerei kümmern. Mein Gewissen ...“
„Sprich nicht von etwas, was du gar nicht hast!“, entgegnete ich.
Er sackte zusammen, schloss die Augen und setzte sich auf einen Stuhl. Ich wusste, wo ich ihn treffen konnte, um ihn außer Gefecht zu setzen.  
„Vater wusste, was für ein Dreckskerl du bist. Nicht umsonst hat er dich Taugenichts genannt.“
„Wenn du glaubst, dass du mich mit solchen Beleidigungen dazu bringst, mich zurückzuziehen, hast du dich getäuscht. Wegen Vaters Testament muss ich wohl oder übel ins Kontor kommen. Und weder verkauf ich meinen Anteil, noch hab ich das Geld dafür, dir deinen abzukaufen.“
„Werd bloß nicht unverschämt! Ich werde dich schon Anstand lehren!“ 
Ich stand auf, wollte ihn schlagen, wollte ihm die Knochen brechen. Aber da kam Essma’il herein. 
Er schloss die Tür hinter sich und sagte: „Liegt ihr euch schon wieder in den Haaren? Ja?“
Ich setzte mich hinter den Schreibtisch. 
„Herr Urhan“, fuhr Essma’il fort, „sei’s, wie es wolle, aber er ist immer noch der Größere. Ja!“
Ich schlug auf den Tisch. „Ein Esel ist auch größer als ich. Muss ich ihn also ehren?“
„Schließlich seid ihr Brüder“, meinte Essma’il.
 „Ich scheiß auf diesen Bruder!“ 
Dann bemerkte ich, dass Aidin das Kontor verließ. Er tat mir leid, aber ich konnte ihm nicht klarmachen, dass er ohne meine Erlaubnis nichts einkaufen sollte. Er hatte vierzig Sack Pistazien gekauft, die ich, hätte er nur abgewartet, fünf bis sieben, vielleicht sogar zehn Tuman pro Kilo billiger hätte kaufen können. Wenn es heiß wurde, im Hochsommer, da war für mich die richtige Zeit zum Einkaufen. Doch das kapierte er nicht.
Abends hatten wir in Mutters Beisein nochmals eine Auseinandersetzung. 
„Schon gut“, sagte sie, „schon gut. Macht eine Rechnung auf und teilt alles, was ihr habt. Zwei Unternehmen, zwei Waagen, als ob’s zwei Läden wären. Jeder für sich.“
Ich schwieg, tat die ganze Nacht kein Auge zu und überlegte, wie ich die Sache wieder zurechtbiegen könnte. Mutter hatte alle Wege verbaut, hatte einfach gesagt: halbe-halbe, zwei Waagen, zwei Unternehmen. Wer würde da noch nach mir fragen? Obwohl unsere Kunden wussten, dass ich zwölf Jahre Erfahrung hatte, gingen sie doch geradewegs zum Bruder. Mich hielten sie für den Gehilfen. Am schlimmsten waren diese erbärmlichen Weiber, die ganz durcheinandergerieten, wenn sie ihn sahen. 
Sie kamen im Tshador und mit einem Gesichtsschleier, aber sie brauchten ihn nur zu erblicken, da vergaßen sie alles, wurden ganz schwach: „Schade um Sie, dass Sie noch nicht verheiratet sind.“ Die hatten ja keine Ahnung von seiner Geliebten.
„Was willst du mit einer Armenierin?“, fragte ich ihn. 
„Misch dich da nicht ein!“
Es war ein trüber Nachmittag. Ich ging auf den Friedhof, setzte mich an Vaters Grab und weinte. 
„Vater“, rief ich, „woraus hast du mich gemacht, woraus ihn? Warum schauen mich die Frauen nicht an, warum zeigen sie mir höchstens ein böses Gesicht? Warum hat sich das schönste Mädchen der Welt in meinen Bruder verliebt? Wir sind doch Holz vom selben Stamm, oder nicht?“ 
Doch Vater schwieg, er konnte ja nicht einmal mehr husten. Die Raben hockten auf den Zweigen, und ein kräftiger Wind blies mir Staub in die Augen.
„Wie willst du sie zu deiner rechtmäßigen Ehefrau machen, du Muslim?“, fragte ich.
„Misch dich da nicht ein!“ 
Und er füllte die Handtasche des Mädchens mit Pistazien und klappte den Deckel zu. 
„Du musst jetzt gehen, Ssurmeh.“ Beim Anblick ihrer honiggelben, bittenden Augen wurde mir ganz schwach. Nachts fand ich keinen Schlaf. 
Er schwor: „Bei Gott, ich bring dich um, Bruder!“
Und nicht lange danach sagte Mutter: „Wo ist mein Aidin?“ Und meinte denselben Menschen, der einst einen maßgeschneiderten grünen Anzug trug, sich eine Krawatte umband, glatt rasiert war, nur mit einem dünnen Schnurrbart.
Voll Wohlwollen schaute ihn Mutter an und sagte lächelnd: „Da wird einem ganz warm ums Herz!“ 
Und jetzt fragte sie: „Wo ist mein Aidin?“ 
Wusstest du denn wirklich nicht, wo dein Aidin war? Er war doch immer entweder im Teehaus am Salzsee oder hinter der zerfallenen Mauer des Akhawan-Gartens. Manchmal auch ganz hinten in der Karawanserei, hockte mit den Lastträgem um einen Blechkanister herum und aß Melonenkerne, oder aber die aßen welche, und er gab Nachrichten aus dem Zweiten Weltkrieg zum Besten.
„Find ihn, egal wo er ist!“, sagte Mutter. 
Jetzt aber gab es die Mutter nicht mehr. Im alten Stadtfriedhof schlummerte sie an der Seite des Vaters unter der schweren Last der Erde und des Schnees.
Die Straße war kalt und schmutzig. Über der ganzen Stadt lagen Nebel und Rauch. Urhan drehte sich einen Augenblick um und schaute zurück. Ihm schien, als stiege all der Rauch nur aus der Karawanserei auf und zöge durch den Eingang der Passage ab. Einen Moment spielte er mit dem Gedanken, umzukehren und denen zu sagen, sie sollten das Feuer löschen, es irgendwie unschädlich machen. 
Gut, es ist Winter. Hier ist immer Winter. Sie sollen sich einen Kanonenofen kaufen, ein Abzugsrohr anbringen. Er wird das Geld dafür geben. Dann kümmerte er sich aber nicht mehr weiter darum und stapfte auf dem Gehweg stadtauswärts. Jetzt stieß er niemanden mehr an, und kein Handwagen stieß mehr gegen seine Beine; da flog auch kein von Kinderhand geworfener Schneeball mehr. Er zog zwar immer den Kopf ein, aber sein Körper war schwer, und wohl oder übel klebten die Schneebälle in seinem Nacken.
Es hatte kräftig geschneit, und es sah nach noch mehr Schnee aus. In der Hoffnung, eine Droschke oder ein Auto würde ihn mitnehmen, trat Urhan auf die Fahrbahn. Aber der Schnee hatte die ganze Stadt lahmgelegt. Kein Auto, kein Karren, überhaupt keine Gelegenheit, irgendwohin zu gelangen. Nur ein Polizei-Jeep mit Ketten durchpflügte den Schnee und hinterließ zwei parallel verlaufende Schlangenlinien. 
Was sollte er jetzt tun? Bis zum Teehaus am Salzsee fuhr man eine halbe Stunde, aber würde er zu Fuß, zumal bei diesem Schnee, nicht in die Dunkelheit geraten, bis er dort ankam? Umso besser. Bei Dunkelheit würde der weniger leiden. Und keiner würde etwas davon bemerken. Und konnte er denn jetzt überhaupt noch umkehren? Wie, wenn er steckenbliebe? Nein, er würde rechtzeitig ankommen. Angenommen, die Nacht überraschte ihn; vielleicht würden ihn auch die Wölfe zerreißen. Zum Teufel! Jetzt hatte er das Ende der Sheikh-Ssafi-Straße erreicht, er bog nach links ab und ging weiter. Die trockene, eingerostete Stimme der Mutter, ihr schweratmiges Keuchen klangen ihm immer noch in den Ohren. Wenn er diesen Verrückten nicht fand, was dann? Nein, sicherlich würde er ihn finden, dort in dem Teehaus. 
„Ich finde ihn, Mutter. Ich versprech’s dir!“ Diesmal hatte er sich das selbst versprochen. Zum allerletzten Mal.
Je weiter er sich von der Stadt entfernte, umso stärker wurde das Summen und Brummen in seinem Schädel. Und da war doch nichts. Keiner rannte durch den Schnee, da lag auch keiner lang ausgestreckt auf dem Boden. Nicht einmal Lastträger verbrannten da noch Holz in ihrem Blechkanister. Vor ihm lag nur die weiße Ebene, die kein Lebewesen zu durchqueren wagte. Der Himmel hatte dunkelblaue Flecken, und ein Rabe auf den Zweigen des vertrockneten letzten Baumes der Stadt krächzte ‚kalt, kalt‘.
Er hatte den Kragen hochgeschlagen. Wie eine alte Schildkröte kroch er durch die verschneite Ebene, schritt ganz ruhig aus, ohne Eile, wie es seine Gewohnheit war. Und er war mit dem Weg vertraut. Denn immer wieder war er ihn gegangen und hatte jenen im Teehaus am Salzsee aufgespürt. 
„Du Ungeheuer“, sagte ich, „was treibst du hier?“
„Mein Herr“, sagte Aidin, „auch ich habe ein Herz. Ich hatte Lust auf einen Tee.“
„Halt’s Maul! Trink deinen Tee in der Karawanserei!“ 
Aidin faltete die Zeitung, die er in der Hand hielt, ordentlich zusammen und steckte sie sich in die Jackentasche. 
Er sagte: „Man trinkt Tee, damit es sich nachher auch wirklich lohnt zu pissen.“
„Zum Henker mit dir! Ich bin’s wirklich müde.“ 
Es war ein sonniger Tag, auf den Hügeln gegenüber weideten die Schafe, und von ferne war der Lärm der Stadt zu hören. Ich hieß ihn mit einer Handbewegung in das Auto einsteigen. 
„Nein“, sagte er.
„Was soll das heißen? Nein?“
„Komm, lass uns zu Fuß zurückschlendern, Herr Bruder. Im Auto dreht sich mir alles im Kopf. Ich krieg einen Anfall.“
„Zur Hölle!“, sagte ich und gab ihm eins hinter die Ohren. Das war das einzige, was wirkte. Er musste mich schließlich ernst nehmen. Und wie sollte ich ihn sonst unter diesen Umständen unter Kontrolle halten? Mashd Abbass, der Wirt des Teehauses, meinte, was immer auch sei, er sei doch ein Mensch und auf alle Fälle der Ältere. Da schlug ich nochmals zu. Er kroch auf den Rücksitz des Autos. Mit zitternden Händen und Schaum vor dem Mund. Vor der Karawanserei lud ich ihn ab. Seine Augen waren verdreht. Sie legten ihn in der Passage auf den Boden. Einer der Lastenträger, ich glaube, es war Essma’il, ritzte mit einer Ahle um seinen ganzen Körper herum eine Linie. 
„Warum machst du das denn, mein Sohn?“, fragte ich ihn.
„Damit seine Krankheit da auf dem Boden zurückbleibt und sich nicht mehr erhebt.“
„Aha, wie meine Pilzkrankheit.“ Mir fiel der Hautpilz an meinem Hals ein. Ein trockener Pilz, ungefähr von der Größe eines Fünf-Rial-Stücks. Mit einem Blaustift hatten wir eine Linie ringsherum gezogen. Nach drei Tagen war er abgefallen und hatte sich nie wieder gezeigt.
Ein anderer Lastenträger wusch Aidin das Gesicht mit Wasser ab. Er hatte sich ihm auf die Beine gehockt. Nachdem sie ihm kaltes Wasser über den Kopf geschüttet hatten, richtete sich Aidin auf, als wäre er vom Schlaf erwacht. 
Er zog aus dem Hosenbund eine alte Zeitung hervor und las: „Tags darauf brachte man die Nachricht, oh Prinz, dass Mah-Banu aus Schmerz darüber, dass du sie verlassen hast, alle Farbe aus dem Gesicht gewichen sei und dass sie wohl bald ihr Leben aushauchen werde. Komm und hab Mitleid mit den Unglücklichen! Da sprach er: ‚Befragt die Bitterorange, was ich tun soll!‘ Und sie befragten sie. Die Bitterorange öffnete sich, und jene Schöne im armseligen Gewand verankerte ihr Schiff in den Gewässern des Prinzen und stahl ihm sein Herz. Und Mah-Banu sprach: ‚Ich bin erlöst. Nur eine frische Weide kann das Pferd der Liebe zügeln. Es geziemt sich, dass diese Schöne das Land regiert, denn meine Herrschaft geht zu Ende ...‘“
Ich bemerkte, dass mich die Lastenträger spöttisch anschauten, als ob ich diesen Unsinn verzapft hätte. 
„Schon gut, red nicht so viel“, sagte ich. „Iss ein paar Melonenkerne!“
„Melonenkerne, immer nur Melonenkerne! Bruder, warum dauern Tag und Nacht vierundzwanzig Stunden?“ 
Aus seinen Mundwinkeln tropfte immer noch Schaum, seine Kleider waren völlig durchnässt. Er zog eine andere Zeitung aus einem Hosenbein hervor und ging nach hinten in die Karawanserei. Er ging so, als ob er gerade einen Sieg über mich errungen hätte und ich nicht wüsste, warum Tag und Nacht zusammen vierundzwanzig Stunden dauern. Er dachte über viele solche Dinge nach, und seine Taschen waren voll von Papieren und Zeitungen. Sogar im Hosenbund hatte er welche stecken. 
Er hielt die Zeitungen umgekehrt und gab Kriegsberichte haargenau wieder: „Gemäß der vorliegenden Statistik haben Tausende von Gefallenen und Vermissten Deutschland in den Untergang getrieben. Die Kriegsbeobachter sind davon überzeugt, dass in ganz Deutschland nur eine Person am Leben geblieben ist, Hitler. Aber das ist eine Lüge. Auch seine Geliebte weilt noch unter den Lebenden.“
Er las nicht wirklich, aber seine Augen schienen den Zeilen zu folgen. Und das mit vollem Ernst. Wer ihn nicht kannte, glaubte, er läse wirklich. Er sagte das aber einfach so, aus dem Gedächtnis. Sonst machte er keinen Ärger, keinen Verdruss, nicht mal Mühe. Still und verwirrt hatte er sich unter dem schweren Schild einer geheimnisvollen Welt verkrochen. Von früh bis spät war er mit einer Schüssel voll Joghurt-Suppe zufrieden. 
„Ssoudji, deine Suppe ist kalt geworden“, sagten sie, „iss und lies später weiter!“
„Lasst mich doch! Was ich bisher vorgelesen habe, das stand nur auf dem Umschlag. Lasst mich euch erst mal den eigentlichen Brief vorlesen!“
Urhan war bis zu den Knien im Schnee eingesunken. Der Saum seiner Mantelschöße schleifte im Schnee. Was für eine seltsame Einsamkeit! Vater glaubte, man sei einsam, wenn man allein im Kontor saß. Er wusste nicht, dass man wirkliche Einsamkeit nur unter vielen empfinden konnte.
„Vater“, sagte ich, „ich habe mich jahrelang abgerackert. Wirf nicht alle in einen Topf! Ich hab diese Pistaziensäcke da auf meinem Rücken vierzig Stufen hinuntergeschleppt.“ 
„Ich will doch nur euer Bestes!“, entgegnete er.
Als Aidin das Abitur gemacht hatte, sagte Mutter: „Komm Urhan, iss auch von dem Kuchen, zu Ehren von Aidin!“
„Meine Güte“, sagte ich, „ich krieg von früh bis spät mehr als genug davon. Abgesehen davon, hat er denn den Gipfel des Damawand besiegt?“ 
„Warum hast du’s dann nicht geschafft?“
Nun gut, ich hab’s nicht geschafft. Und es war darauf nichts zu sagen. 
Doch Vater meinte: „Urhan ist bis zur achten Klasse gegangen. Er kann lesen und schreiben, und mehr braucht es nicht.“ Und ich kann ja auch lesen und schreiben.
Jenes Jahr war das Jahr der Raben. Diese schwarzen Geschöpfe Gottes waren in die Stadt eingefallen. Jeden Tag fand Mutter ein paar Stück Seife. Sagte: „Das ist unrechtes Gut. Wer weiß, welchem Armen das gehört.“
Doch Vater meinte: „So was nennt man ein Geschenk des Himmels. Wasch nur damit, wasch!“
Die Laken leuchteten weiß an der Leine. Das stumpfe Wäscheblau hatte seine Spuren darauf hinterlassen. Bei Regenwetter, wenn die Sonne die Tücher nicht so schnell trocknete, würde die Farbe dann wieder ausgewaschen. Nein, nicht immer waren unsere Laken ganz weiß. Ein paar hellblaue Streifen zeigten sie oft. Aidin schlief am Fenster. Er hatte seine Geranien aufs Fensterbrett gestellt, hatte die Angewohnheit, das Wasser, das in seinem Trinkglas übrigblieb, an die Geranien zu gießen. 
„Warum darf ich nicht an der Fensterseite schlafen?“, fragte ich. 
„Du kannst doch auch von dort den Himmel sehen“, meinte Mutter.
Und ich konnte ihn sehen. Die Raben schlugen mit den Flügeln und hüpften auf den Zweigen der Kiefer und der Ahornbäume herum. Der Rauch unseres Ofens stieg zu ihnen auf. Und dann krächzten sie ‚kalt, kalt‘.
Als er sich ein gutes Stück von der Stadt entfernt hatte, überfiel ihn plötzlich große Unruhe. 
Einen Augenblick sagte er sogar zu sich selbst: „Jetzt kehr ich um! Nein, doch nicht.“ 
Neuschnee lag über dem Alten. Urhan schaute zurück. Die Stadt war in Nebel und Kälte versunken. Wie eine alte Zeitung, die voll von Reden und Geschrei und Schweigen und Toten und Lebendigen ist, und die doch nichts davon preisgibt. Eine Zeitung, die zu lesen Urhan nie die Gelegenheit gehabt hatte. Er hatte sich nie darum gekümmert, und jetzt verlangte ihn danach. Mit dieser mehr als dürftigen Halbbildung, einem Haus, das einer Leichenwäscherei ähnelte, nur ein Unterschlupf war zum Schlafen, mit einem verrückten Bruder und all den Lieben auf dem Friedhof. Keine Frau mehr, kein Kind, keine Liebe. Der Teufel soll ihn doch holen! 
Die Finger in den Taschen ächzten vor Kälte, die Fußsohlen empfanden schon gar nichts mehr. Er nahm die Mütze ab und legte sich die Hand auf die kahle Mitte seines Kopfes. Eine Welle von Kälte strömte über den warmen Kopf. Er blieb einen Moment stehen, betrachtete alles ganz genau. 
Nun, da er außer den weißen Hängen der Hügel nichts mehr erkennen konnte, fühlte er sich noch einsamer. Wie gut er doch jetzt seinen Bruder Aidin verstehen konnte. Er wunderte sich darüber, wie sehr er ihn während der letzten zehn Tage vermisst hatte. Den verrückten Aidin, einen harmlosen Menschen, der niemandem etwas zuleide tat, der ihm aber auf die Nerven gegangen war. Er wusste nicht, was er mit ihm anfangen würde, wenn er ihn fände. Aber er wünschte sich, ihn zu sehen. Vielleicht war seine Anwesenheit dort hinten in der Karawanserei ein Trost für ihn gewesen. Wenn ich nachts oben im Zimmer schlief, wusste ich, dass da unten im Souterrain auch einer schlief. Ein Mensch mit einer Bildung, die nichts mehr wert war.
„Verrückt ist der, der einen Geldschein mitten durchreißt“, sagte er, und er hatte ganz vergessen, dass er einmal eine Persönlichkeit war, etwas darstellte. 
Einer, dem tausend Augenpaare folgten. Er hatte sich mit der Tochter dieses armenischen Kaffeehändlers eingelassen. Ich weiß nicht, was für ein Verhältnis die miteinander hatten. Nachmittags strich er um die Kaffeehandlung „Ssuren“ herum. „Du bist wohl sehr in sie verknallt?“, fragte ich.
„In wen?“
„Sorg dafür, dass sie Muslima wird, und heirate sie“, meinte ich. „Ganz legal! Man sagt, Armenierinnen seien sehr temperamentvoll.“
Später merkte ich, dass er ganz toll vor Liebe war. Wenn er am späten Nachmittag nach Hause kam, beschäftigte er sich mit seinen Büchern, er las und schrieb bis spät in die Nacht. Vater wusste über alles Bescheid. 
„Vater“, fragte ich, „was ist, wenn er sie wirklich heiratet?“
„Lass ihn wie Aida für immer und ewig in sein Unglück rennen. Die sind ja auch Zwillinge. Kein Wunder.“
Ich wusste, dass Armenierinnen sehr heißblütig sind. Und ich wusste, dass Aidin ihr eines Tages ein Kind machen würde. Aber ich hielt meine Zunge im Zaum und sagte nichts. Er parfümierte sich, zog sich schick an, frisierte sich, band sich eine Krawatte um und verschwand. 
„Halfter der Zivilisation“, meinte Vater dazu. 
Und nun hat Aidin all das vergessen. Jeder zweite Zahn ist ihm ausgefallen, immer in denselben ausgeblichenen Kleidern treibt er sich in der Karawanserei herum. War er da, war es ein Unglück. War er aber nicht da, war’s ein noch viel größeres Unglück. Und die Leute redeten vielerlei.
Nein, so hatte er es nicht gewollt. Hätte er plötzlich die Nachricht von Aidins Tod erhalten, dann hätte er ihn ehrenvoll bestattet, eine Trauerfeier für ihn veranstaltet, den siebten und den vierzigsten Todestag begangen und am Jahrestag seines Ablebens gedacht. Jahr für Jahr. Allen Leuten in der Stadt, bekannt oder unbekannt, hätte er ein Nachtmahl spendiert. Er hätte an der Moscheetür gestanden, ein Taschentuch an die Augen gedrückt und geschluchzt. So viele Tränen hätte er vergossen, dass allen klargeworden wäre, wie sehr er Aidin geliebt hatte.
Was sollte er tun? Er ging weiter. Bis zu den Knien sank er im Schnee ein. Lahm wie ein Maulesel. Er war nicht mehr jung, die Zeiten der Auflehnung waren vorbei. Er war vierzig und sah aus wie fünfzig. Ein Haus, ein Kontor auf dem Basar der Trockenfruchthändler, ein Aprikosengarten. Das war alles. 
Vater pflegte zu sagen: „Wenn man es zu was gebracht hat, ganz egal in welchem Alter, dann fühlt man sich alt.“
Doch ich meinte: „Mannhaft fühlt man sich dann.“ 
Und nun lag so viel Schnee, dass nicht nur er, sondern die ganze Stadt zur Untätigkeit verdammt war. Die Gassen voller Schnee und Matsch. Das Wasser war über den Rand der Straßengräben getreten. Die Karawanserei lag verlassen und traurig. Die Stadt war unter dem Schnee gestorben.
Die Lastenträger hatten in ihrem Blechkanister ein Holzfeuer entfacht, hatten sich rund herum gesetzt und aßen Melonenkerne. Der Rauch von nassem und trockenem Holz erfüllte die Passage. Und Ssoudji hielt eine Zeitung in der Hand und las etwas vor. Er trug eine Mütze mit Ohrenklappen. Die Klappen hatte er über die Ohren gezogen und mit einem Band festgebunden. Mit seinem Tataren-Gesicht: hoch aufgeschossen, mit den schönen schwarzen Augen, trieb er sich bei den Lastträgern herum. 
„Wo ist Aidin?“, fragte auch meine Frau.
Als Vater noch lebte, trug Aidin einen dunkelbraunen Anzug, er stutzte seinen Schnurrbart und hielt ein paar Bücher in der Hand. 
Er sagte: „Vater, ich bin nicht hinter Euren Besitztümern her. Ich gehe.“
„Wenn der mal nicht zurückkommt und bittet und bettelt ...“, meinte Vater.
Beide waren sie starrsinnige Dickköpfe. Vater hatte besonders ihn unter moralischen Druck gesetzt. 
Er hatte gefragt: „Aidin, warum hast du dein Gebet versäumt?“
„Ich war bis spät in die Nacht wach.“ 
„Warum, mein Sohn?“ 
„Ich habe Aufgaben gemacht.“
Da polterte Vater los: „Das Gebet fällt also deinen Sperenzchen zum Opfer!“ 
Seine Stimme klang kalt wie ein Peitschenknall. „Es ist Donnerstagabend. Führt die religiösen Waschungen durch und sprecht eine Sure aus dem Koran!“
Ich rannte schnell zum Waschbecken, führte die Waschungen aus und sprach laut und vernehmlich im Zimmer des Vaters mein Gebet. 
„Wo ist dieser Tunichtgut hingegangen?“, fragte Vater.
„Er ist in seinem Zimmer“, sagte Mutter
Vater schaute böse drein. Er konnte einfach nicht ruhig sitzen bleiben, ging im Zimmer herum. 
Er fragte: „Was tut er denn da?“
„Er wird wohl beten“, antwortete Mutter. 
„Verflucht, warum betet er nicht hier?“ 
„Aidin stellt sich nicht gerne zur Schau!“
Da sagte ich: „Komisch, ich dachte immer, er betet nicht gern.“  
„Was geht das dich denn an?“, erwiderte Mutter.
Und sie sprach das ‚geht – das – dich – an‘ so klar und deutlich aus, wie ich es bisher noch bei keinem gehört hatte. Vater lachte und stellte sich zum Gebet hin. 
Mutter sagte zu mir: „Was auch immer sein mag, er ist auf jeden Fall älter als du. Schäm dich!“ 
Sie war aufgebracht. Mager und aufbrausend. Sie wusste, dass sich Vater auch beim Beten nichts entgehen ließ und alles beobachtete. 
„Wenn euer Vater seiner Zunge freien Lauf lässt, was kann man da von dir erwarten?“, meinte sie.
Ich ging dann auf unser Zimmer. Aidin lag bäuchlings auf dem Bett und las „Vater Goriot“. Vater betrat eigentlich nie unser Zimmer, aber an jenem Abend kam er. Er klopfte ein paarmal an die Tür und trat dann ein. 
„Was liest du da?“, fragte er.
Aidin sprang auf. Das Buch hielt er in der Hand. Die Arme vor der Brust verschränkt, stand er aufrecht da. Ich sah deutlich, wie seine Hand zitterte. 
„Ich hab dich gefragt, was du da liest?“, wiederholte Vater. Er kniff die Augen zusammen und ließ den Blick durchs Zimmer wandern.
„Vater Goriot“, antwortete Aidin.
„Was ist das, dieser ‚Vater Goriot‘?“ 
Aidin hatte einen Finger in dem Buch stecken, die übrigen zitterten. „Es ist die Lebensgeschichte eines alten Mannes.“ 
„Und wer ist der?“ 
„Vater Goriot.“  
Ich lachte. 
„Halt’s Maul!“, herrschte mich Vater an. Und zu Aidin: „Was tut denn dieser Vater Soundso?“ 
„Er macht Pasta.“ 
„Was?“ 
„Pasta.“ 
„Was?“ 
„Er macht Nudeln.“
„Und was tust du eigentlich?“, fragte Vater. 
Aidin schwieg. 
Immer noch untersuchte Vater das Zimmer mit den Augen. Er war klein von Gestalt, und mit dieser runden Brille mit den Hornbügeln und mit der gefurchten Stirn wirkte er so respekteinflößend, dass man zu Eis erstarrte, das heißt, Aidin sagte immer, dass er eine Respektsperson sei.
„Man ist wie festgefroren“, meinte er. „Ich weiß auch nicht, warum ich vor Vater Angst habe. Hast du denn keine Angst vor ihm, Urhan?“
„Nein, der Vater ist der Vater. Da gibt’s nichts zu fürchten.“
Das hatte er gesagt, als wir im Süden der Stadt herumbummelten, dort, wo die Frauen zum Waschen hingehen.
„Hast du ihn je lachen sehen?“, fragte er. 
„Im Geschäft macht er von früh bis spät Späße und lacht.“ 
„Ich hab ihn ja auch gern, aber ich fürchte mich vor ihm.“
Er schaute den Schwalben nach, die über uns hinwegflogen. Wie sollte er wissen, was diese hübschen, kleinen Vögel einem Menschen antun können? Als die Frauen mit der Wäsche fertig waren und weggingen, machten wir uns auf den Weg zur Stadt. Sie trugen die Wäsche auf dem Kopf, und wir schauten sorg- und gedankenlos zu.
Vater warf einen Blick auf die anderen Bücher im Regal und drehte sich dann plötzlich um. 
„Hundesohn, liest du wieder solchen Quatsch?“ 
Er nahm ihm das Buch aus der Hand und riss den Umschlag ab. Dann riss er den Rücken durch und zerriss die Seiten in so kleine Fetzen, dass der ganze Boden davon bedeckt war. Er riss und ließ die Schnipsel flattern. 
Und brüllte: „Bring mir bloß kein solches Gefasel mehr ins Haus!“