Tabakpech - Eva-Martina Weyer - E-Book

Tabakpech E-Book

Eva-Martina Weyer

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Beschreibung

"Tabakpech" erzählt als große Familiengeschichte die Jahre 1930 bis 1995 im unteren Odertal, wo die Grenzen von Preußen und Pommern, von Hochdeutsch und Platt verwischen. Das Schicksal der Menschen ist von Tabak und Tradition geprägt. Das Tabakpech, der Saft, der beim Ernten aus der Pflanze tritt, klebt schwarz an den Händen der Bauern. Im Tabak ist der Traum der Bäuerin Elfie zugrunde gegangen, Sängerin in Berlin zu werden. Sie hat sich für die Pflicht entschieden und ist nie aus dem Tabakland herausgekommen. Elfie hasst den Tabak und meint, durch ihn habe sie die Chance ihres Lebens verpasst. "Tabakpech" ist durchwoben von einem märchenhaft anmutenden Erzählton.

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Seitenzahl: 334

Veröffentlichungsjahr: 2026

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ISBN 978-3-948065-46-1

Alle Rechte der Ausgabe © STROUX edition, München – 2024

Umschlaggestaltung: Matthias Mielitz unter Verwendung der Fotografie „Tabakernte bei Schwedt 1953“ aus dem Archiv Müller und Illustrationen von MI.

www.stroux-edition.de

Eva - Martina Weyer

roman

Für Sigrid, Gisela, Margit und all die anderen Frauen im Tabak. Und für ihre Männer.

Inhalt

HEXENSCHUSS

EINE GABE GOTTES

ZEIT ZUM STERBEN

DER NEUE BRUDER

DIE WOHLGERATENEN

DER GESTOHLENE NAME

DIE LADENGLOCKE

DER SCHATZ IN DER SCHÜSSELONG

BLAUE SCHLEIFEN IM HAAR

BRIEFE IN DER SCHÜRZENTASCHE

GRETE IM GLÜCK

ES IST EIN ROS’ ENTSPRUNGEN

EIN KAMERAD FÜR SIEBEN TAGE

DIE MISTGABEL

EIN LÄCHERLICHER VOGEL

DIE VERWANDLUNG

DIE ETAGEN DES HIMMELS

DER BÖSE ZAUBERER

DAS HIMMELS-E

DIE WEICHEN NÜSTERN VON BARON

DIE KLUGE BAUERNTOCHTER

DER EISPANZER

PFLASTER FÜR DIE SEELE

AN EINEM SCHÖNEN TAG IM MAI

DAS ÄNGSTLICHE FLÜSTERN

DER HUT

WIE EIN BÖSER FILM

DER FALSCHE SCHATZ

DAS VERLORENE LIED

BERTAS VOLLENDUNG

DACHBRAND

DIE UNENDLICHE SUCHE

IM SCHOß DER SEHNSUCHT

DER NAGENDE SCHMERZ

DER NABEL DER WELT

KERZEN AUF DER STRAßE

SO VIELE RÄTSEL

EIN SOMMER OHNE TABAK

HEXENSCHUSS

Im Land zwischen den Flüssen tönt der Ruf der Kraniche am lautesten. Jeden Herbst ziehen die Vögel fort. Doch im Frühjahr kehren sie zurück, weil sie dieses Land lieben. Hier lebte eine Bäuerin. Sie hieß Elfie und konnte angstfrei bis in jedes Scheunendach klettern. Elfie hatte blonde Haare, die im Laufe ihres Lebens zu einem weißen Gespinst geworden waren. Es umrahmte ihr Gesicht, das vor Anstrengung rot geworden war.

Vorhin, als sie mit Georg den Tabak auf den Autohänger lud, hatte sie die Strähnen ständig hinters Ohr schieben müssen. Es war windstill in der Dunkelheit dieses Herbstmorgens. Aber das Haar fiel ihr wieder und wieder vor die Augen. Sie hatte das Kopftuch vergessen, das alles zusammenhielt. Es hing in der Küche über der Stuhllehne. Doch Elfie konnte nicht zurück. Sie musste bei Georg bleiben. Gleich würde sie hinterm Lenkrad sitzen. Das mochte sie seit jenem schlimmen Abend im Schwarzen Hahn gar nicht, noch dazu mit der Ernte eines ganzen Jahres im Hänger. Außerdem war ihr der Aufkäufer unheimlich, bei dem sie sich nachher würde anstellen müssen.

Noch nie hatte sie Tabak so sehr gehasst. Aber es war notwendig, dass sie fuhr, weil in Georg die Hexe geschossen war. Gerade zog er die Luft durch die Zähne ein, drückte den Rücken ins Hohlkreuz und stemmte ein Tabakbund auf den Hänger. Luft einziehen, absetzen, ausatmen – so hatte er den ganzen Morgen gearbeitet. Ein einziges Bund wog 20 Kilo.

Elfie, Georg und die anderen Tabakbauern, die in diesen Tagen ihre Ernte von den Höfen fuhren, arbeiteten für den blauen Dunst. Viele Wochen war der Wind durch die Scheunenfenster gestrichen und hatte die aufgefädelten Blätter getrocknet. Wie Lappen auf der Leine hatten sie ausgesehen. Irgendwann würden sich die Bunde in eine Zigarette verwandeln, vielleicht in die Marke Salem Gold. Und diese würde sich schließlich in Luft auflösen. Das war ihr Daseinszweck.

30 Bunde passten auf den Hänger. Elfie war rückwärts bis ans Scheunentor gefahren. Dort drinnen hatten sie am Abend den Tabak aus dem Hang geholt, in die Presse gegeben und die Bunde hergestellt. Jetzt wuchtete sie eines nach dem anderen ans Tor und Georg vor die Füße. Er hatte die Hängerklappe heruntergelassen, stemmte den Tabak hinauf und schob die Bunde nach vorn. Das schurrte und tat in den Ohren weh.

Der Hexenschuss war mit einer gewissen Gemeinheit pünktlich beim Zubettgehen erschienen. Eben war noch alles in Ordnung, da schoss ihm plötzlich der Schmerz ins Bein. Georg kannte das und ergab sich seinem Schicksal. Die folgenden Stunden hatte er versucht, ein Stöhnen zu unterdrücken, wenn er sich unter der Bettdecke umdrehte. Elfie hatte in die Dunkelheit gehorcht: Was für ein schlechter Schauspieler er doch war.

Beim Aufstehen am Morgen redeten sie nicht lange um den heißen Brei herum. Es war der letzte Aufkauftag. Der Tabak musste weg, sonst gab es kein Geld, und die Mühen eines ganzen Jahres wären umsonst. Elfie half Georg aus dem Bett, knurrend ergriff er ihre Hand. Sie warf sich die Strickjacke übers Nachthemd und ging auf den Hof, um die Hühner herauszulassen. Die Holzluke glitt an der Schnur nach oben, und die dicke Berta, rostrot und stolz, spazierte als Erste hinaus. Es gab immer eine dicke Berta auf diesem Hof, ein liebevoll gehätscheltes Suppenhuhn. Sein Duft würde in ein paar Wochen als Frikassee durch die Küche wandern. Elfie knipste das Licht an, zählte den Kaffee für die Maschine ab und sah im Fenster ihr Spiegelbild. Müde. Sie mussten nur erst in die Gänge kommen, das würde schon werden.

Wurde es aber nicht. Georg hatte versucht, sich hinters Lenkrad zu setzen. Doch da war eine Bewegung mit dem rechten Bein, die ging über die Schmerzgrenze. Sich hinzusetzen schien unmöglich. Es war sein altes Leiden, das er seit Jugendtagen mit sich herumschleppte und mit der Bemerkung abtat: „Das war der Russe.“ Immerhin hatte ihm der Russe eines gelassen: Laufen und Stehen waren auszuhalten.

„Lass mal, ich mach das.“ Elfie hatte sich die Jacke zugeknöpft und ihre Fahrerlaubnis in den Korb gesteckt. Dort lagen die Thermoskanne mit dem frisch gebrühten Kaffee und ein Stullenpaket. Niemand konnte wissen, wie lang die Schlange der Tabakbauern sein würde. Am letzten Aufkauftag war man besser vorbereitet. Georg hatte einen Apfel dazugelegt, das Kreuz durchgedrückt und dem Auto nachgewinkt. Seine Lippen sahen schmal aus im Rückspiegel.

Elfie hielt das Lenkrad umklammert und schob den Hintern weit in den Sitz hinein. Dann fuhr sie langsam durchs Hoftor. Der Hänger rumpelte mit seiner Last übers Kopfsteinpflaster. Auf der Landstraße, als sie Mühlraden hinter sich gelassen hatte, zitterte die Tachonadel noch bei 30. Die Dunkelheit war einem milchigen Dunst gewichen. Allmählich lockerte Elfie ihre Haltung. Sie zog die Schultern von den Ohren weg und merkte, dass sie schwitzte. Doch die Strickjacke konnte sie während der Fahrt nicht ausziehen, und bei diesem Nebel mit einer Tabakladung anhalten wollte sie nicht.

In vertrauter Begleitung zum Straßengraben floss die Welse. Sie war ein schmales Strömchen. Schon ein kleiner Riese hätte sie mit einem einzigen Satz überspringen können. Doch die Welse scherte das nicht, zielsicher strebte sie Größerem entgegen. Ein paar Kilometer voraus, wo das Schilf lichter wurde und Mücken sich im Sommer zu dunklen Wolken türmten, mündete ihr Wasser in die Alte Oder. In diesen Winkel zwischen den Flüssen schmiegte sich Mühlraden mit seinem abgeschossenen Kirchturm und den Tabakscheunen. Die Scheunen bildeten die DNA der Ortschaften an Oder und Welse. Sie überragten jedes einzelne Gehöft. Die Alte Oder war eigentlich ein Kanal. Das Flussbett war vor hundert Jahren zurechtgestutzt und seiner eigenwilligen Läufe durch die Aue beraubt worden. Doch das Wort Kanal wollte sich bei den Einheimischen nur schwer durchsetzen. Die Oder war schließlich die Oder.

Von jeher lebten in Mühlraden stolze Menschen. Sie sorgten mit ihrer Hände Arbeit für die Dinge des Lebens und waren mit sich und den Jahreszeiten im Reinen. Meistens jedenfalls. Zwei dieser Menschen waren Elfie und Georg. Während der eine sich gerade über den unpassenden Zeitpunkt von Hexenschüssen grämte, ärgerte die andere sich über eine zu geringe Fahrpraxis und Angstschweiß. Immer, wenn sie sich hinters Steuer setzen musste, lief vor ihrem inneren Auge ein böser Film ab. Er zeigte Elfie auf dem Fahrersitz wütend um sich schlagend und einen lachenden Bernd Radloff. Der Film zeigte Radloff, wie er seine Hand von ihrem Schenkel nahm und triumphierend aus dem Auto stieg.

An unserem Novembermorgen schob Georg die Flügel des Hoftores zusammen. Metall schrammte auf Holz, als er den Riegel vorlegte. Sobald er sich unbeobachtet fühlte, genehmigte er sich eine krumme Haltung. Seine Wirbelsäule schien zu schrumpfen und er schlurfte zum Haus. In den nächsten Stunden würde er nichts tun können. Das war ihm unheimlich.

Derweil drückte Elfie vorsichtig aufs Gaspedal, bis die Tachonadel auf 60 vorgerückt war. Man konnte nie sicher sein vor den Alleebäumen. Die Zeit, als Kastanienfrüchte auf die Autos geprallt waren und die Fahrer erschreckt hatten, war seit Wochen vorbei. Aber wer wusste schon, was ein alter Baum noch so hergeben wollte. Schwarze Äste reckten sich dem Dunst entgegen, hinter dem eine trübe Sonne schimmerte. Sie legte einen matten Glanz auf das Gras im Straßengraben.

Die Bauern zwischen den Flüssen kannten sich aus mit diesen atmosphärischen Zeichen und wussten sie zu deuten. Die Wetterwaage konnte sich um diese Jahreszeit sowohl auf die Seite eines passablen Gartentages neigen als auch zu einem ordentlichen Sturm ausschlagen.

Elfie blickte durch die Windschutzscheibe und hoffte, es würde noch schön werden. Zuerst aber musste sie ihre Ladung beim Aufkäufer loswerden. Sie kannte diesen Mann nur vom Hörensagen. Und dieses Hören und Sagen war wenig schmeichelhaft für ihn. Friedhelm Schuft galt als Schlitzohr. Wenn halb Mühlraden sich im Urteil über ihn einig war, würde wohl etwas dran sein. Der Aufkäufer kam jeden Herbst in diese Gegend. Er war schuld daran, dass in manchen Pflanzerfamilien der Haussegen in Schieflage geriet. Friedhelm Schuft ließ bei Abweichungen in der Qualität gern mit sich reden. Meist warf er nur einen kurzen Blick auf den Tabak und hatte dessen Farbe in Sekundenschnelle erfasst. Dann krempelte er den rechten Arm hoch und griff mitten hinein in die getrockneten Blätter. Für die Bauern unsichtbar rieb er Daumen und Zeigefinger aneinander, fühlte und tastete, zog die Hand wieder hervor und hielt sie sich vor die Nase. Tief sog er das Aroma ein. Wenn Schuft nun bedenklich mit dem Kopf wackelte, waren die Messen gesungen. „Oh, oh, oh“, sagte er dann und senkte den Daumen.

Das Schicksal ließ sich aber abwenden, wenn man ihm einen Schein in den Kittel steckte. Wie an unsichtbaren Fäden fühlte sich mancher Bauer zu Friedhelm Schuft hingezogen, genau auf jene Körperseite hin, wo die Kitteltasche leicht offenstand. Man munkelte, Schuft würde absichtlich schon einen eigenen Schein hineinstecken, gewissermaßen um den Aufkauf anzukurbeln. Jedoch war das Verhältnis zwischen Schein und Sein bei diesem Handel für die Planteure nicht immer auskömmlich. Zumal wenn in ihnen das Gefühl aufkam, übervorteilt worden zu sein, da Schuft absichtlich mäkelte. Oder es wurmte sie, selbst betrogen zu haben, da ihr Geldschein nun in seinem Kittel steckte.

Dies wog beinahe schwerer als die Freude über den losgewordenen Tabak und das zu erwartende Geld, das vor Weihnachten auf ihrem Konto landen würde. Aber wehe, Friedhelm Schuft setzte einen schlechten Schätzwert an oder wehrte den Aufkauf gar komplett ab. Man konnte sich in den Familien nie die Schuld zuschieben. Tabak war Gemeinschaftssache, alle hatten rangemusst. Männer, Frauen und Kinder waren über Sommer mit ihm beschäftigt gewesen. Letztendlich wurden auch die Debatten über mindere Qualität gemeinsam geführt. Dies allerdings machten die Bauern unter sich aus. Sie hatten den Schuldigen schnell ausgekungelt bei Bier und Korn im Schwarzen Hahn. Und das wiederum entfachte erst recht den Zorn ihrer Frauen. Stammtischrunden schmälerten das Wirtschaftsgeld. Georg, der jedes Jahr die Bunde ablieferte, hatte Elfie davon erzählt. Bisher war der Tabak von ihrem Hof stets gut genug gewesen. Gut im Griff, gleichmäßig trocken und mit einer Farbe und einem Duft, wie es sich gehörte.

So wird es auch diesmal sein, redete Elfie sich zu. Dabei wusste sie genau, dass es ein schweres Jahr im Tabak gewesen war. Aber war es das nicht immer?

EINE GABE GOTTES

Seit Tagen hatten sich die Kastanienblätter mit Regen vollgesogen. Sie lagen zusammengeweht wie nasse Tierfelle im Straßengraben. Pass auf, dass du nicht auch dort landest, ermahnte sich Elfie und lauschte. Erneut fuhr der Hänger über Kopfsteinpflaster. In das Rumpeln mischte sich ein selbstgefälliges Husten des Motors. Es breitete sich in offenen Hofeinfahrten aus und wurde von Stallgiebeln zurückgeworfen. Jetzt wusste auch der letzte Dorfbewohner, dass Elfie mit ihrem Trabant nach Gottesgabe hineingefahren kam.

Gottesgabe war ein Geschenk, und jetzt ist es Zeit für einen Ausflug in die Geschichte. Dichter Wald erstreckt sich hier von den Höhen bis ans Flussufer hinab. Die Berge an der Oder sind, verglichen mit dem Meeresspiegel, selbstverständlich Berge. Setzt man jedoch alpine Maßstäbe an, so sind sie allenfalls Hügel. In den Wiesen am Fluss hatten die Menschen dem sumpfigen Gelände ihre Felder abgerungen. In schmalen Streifen erstreckten sie sich hinter Wohnhäusern, Gärten und Scheunen. Der Boden war hier gerade so fruchtbar, dass Tabak sich wohl fühlen konnte. Im Sommer schenkte die Oder mit ihren Nebenarmen den Pflanzen genau jenes Maß an Feuchtigkeit, das sie zum Gedeihen brauchten. Morgentau, der vom Fluss heraufzog, benetzte die Blätter, die bei den Bauern so begehrt waren. Tau trug sein Quäntchen dazu bei, ob es eine Ernte oder eine gute Ernte wurde. Seit Generationen hatte sich das Wissen über den Tabakanbau bei den Bewohnern an Oder und Welse verfestigt. Zuhause war der Tabak hier nicht. Aber mit Fleiß brachten die Menschen ihn dazu, dass er sich heimisch vorkam. Das Wissen darüber hatten Einwanderer mitgebracht, deren Sprache hier einst niemand verstand: Französisch.

„Und die Erde war wüst und leer“, heißt es in der Bibel. Ganz ähnlich muss es zwischen den Flüssen ausgesehen haben, als vor hunderten von Jahren die Schweden abgezogen waren und die Franzosen ankamen. Beinahe unmerklich und vor allem über die Arbeit auf dem Feld vermischten sich ihre fremden Klänge mit dem Alltag der Einheimischen, schliffen sich ab und deutschten sich ein. Die Bauern waren irgendwann keine Bauern mehr, sondern nannten sich Planteure.

Aus der wüsten Gegend im unteren Odertal wurde allmählich eine bewohnbare Siedlung. Die Felder mit Kartoffeln und Tabak atmeten im Takt der Jahreszeiten. Hier konnten Kinder aufwachsen und ganze Familien satt werden. Das war eine Gabe Gottes, befanden die dankbaren Einwanderer. Es soll kaum Widerspruch gegeben haben, als einer von den Menanteaus für die Siedlung den Namen „Gottesgabe“ vorschlug. Schwarz auf gelb steht der Namenszug noch heute auf dem Schild am Ortseingang.

Die Familiennamen der friedlichen Fremdlinge haben sich bis in unsere Tage erhalten. Sie heißen noch heute Menanteau, Samain und Berger. Jeden Buchstaben einzeln vor sich hin flüsternd, füllte der Pastor damals das Kirchenbuch aus. Das kann kein Hiesiger lesen, mokierte er sich und strich übers Papier. Da war dieser Berger. Der Name meinte keinen Mann vom Berg, sondern einen Menschen, der in seiner Heimat als Schäfer über Feld und Flur gezogen war. Die angestammten Einwohner spitzten die Ohren, wenn die Fremden sich unterhielten. Dieser Berger hatte mittendrin ein „g“, das wie bei Plantage gesprochen wurde. Das „e“ am Wortende erhielt eine Betonung. Die Namenskunde gab den Hiesigen so manches Rätsel auf. Noch heute fragen sich die Leute: Wie spricht man das aufgeschriebene „Samain“ aus? Die Klugen empfehlen dann „Sameng“.

Elfies Cousine war eine geborene Menanteau. Grete Menanteau, betont und ausgesprochen mit einem „o“ am Ende. Mag sein, dass die Hugenotten, wie sie in dieser Gegend hießen, noch immer ihren Namensstolz vor sich hertragen. Doch da sie und ihre Familien genauso hart wie die Alteingesessenen auf den Feldern arbeiteten, lässt man ihnen diese kleine Eitelkeit bis in unsere Tage durchgehen.

In Elfies Elternhaus, dem von Karl und Wilmine, wohnte jetzt Heini. Soeben fuhr sie an seinem Haus vorbei, wo Küche und Stube die Gerüche ihrer Kindheit trugen. Bei Besuchen kam es ihr so vor, als könne sie noch immer das Platschen nackter Fußsohlen auf Küchenfliesen hören. Doch dieses Haus mit seinen drei Granitstufen vor dem Eingang lag am Anfang ihres Zeitstrahls. Elfie hatte beinahe die Gastwirtschaft erreicht. Von Weitem sah sie die stattliche Hofeinfahrt des Schwarzen Hahns. Auf dem Pflaster hatte der Aufkäufer sein Basislager aufgeschlagen. Er hatte den Platz für seinen Klapptisch mit den Karteikarten der Planteure zielsicher ausgewählt. Und zwar in der Nähe der Küchentür, die zum Hof offenstand.

Dort war das Reich von Renate. Sich ihrer Rolle an der Verpflegungsfront bewusst, eilte Renate zwischen Herd und Schankraum hin und her. Sie hauchte Biergläser an und wienerte sie blank. Mit ihren rosigen Händen knetete sie Hackfleisch und vermengte es mit reichlich Ei und wenig Semmelbröseln. Dann ließ sie zischend Butter in die Pfanne gleiten und briet die ersten Bouletten des Tages. Renate war ein sich ständig drehendes buntes Schürzenkleid. Nachher würde sie dem Aufkäufer zwei Hackepeterbrötchen auf einem Stullenbrett reichen. Es war ein eingefleischtes Ritual, bei dem der Mann im blauen Kittel verlangte: „Aber mit dick Zwiebeln drauf.“ Beim Hineinbeißen würde er wie immer die reichlich kleingehackten Zwiebeln verstreuen. Mit aufgesperrtem Mund und zusammengekniffenen Augen übersah er es, wenn die weißen Zwiebeln auf das rote Hofpflaster fielen. Der Aufkäufer wusste, dass auch Renate nebenbei Tabak anbaute.

Der Trabant fauchte und spuckte, als Elfie das letzte Auto erreichte, das vor ihr auf der Straße wartete. Wie vorausgesehen, hatte sich vor dem Gasthof eine Schlange von Fahrzeugen gebildet. Sogar ein Pferdefuhrwerk stand mit seiner Ladung am Bordstein. Elfie erkannte den Lada ihres Bruders Heini und den Wartburg von Bernd Radloff. Beide Männer standen mit dem Hintern an ihre Fahrertür gelehnt und ignorierten einander. Sie rauchten, blickten in den Himmel und zelebrierten etwas, das über Jahre gereift war: Feindschaft.

Die Tabakbauern hatten ihre Autoanhänger sorgfältig mit Planen abgedeckt und deren Enden festgezurrt. Darunter ruhte der Schatz des Jahres. Er war neun Wochen im Hang getrocknet und hatte einen würzigen Duft über die Dörfer gelegt. Der Tabak hatte unter täglicher Beobachtung gestanden. Scheunenluken waren auf und zu und wieder aufgemacht worden, während das Deuten des Wetterberichtes zu den abendlich gepflegten Debatten zwischen Nachbarn gehörte. Mit Kennerblick schauten sie zum Himmel und verglichen ihn mit der Ansage im Radio. Jetzt waren die Scheunen leer, und der Schatz auf den Hängern durfte nicht feucht werden. Der Wetterwaage war nicht zu trauen. Manchmal erwies sie sich als unberechenbar und neigte sich um diese Jahreszeit, wenn nicht zu Regen, so doch zu kaltem Nebel hin. Ihm gefiel es, sich großflächig auszubreiten und die Härchen in den Bauernnasen anzufeuchten. Deshalb hatte auch der krumme Georg noch eine Plane über den Tabak gezogen.

Elfie schätzte die Reihe der Fahrzeuge ab, die am Bordstein standen. Sie rechnete die Fachsimpelei zwischen Friedhelm Schuft und den Bauern hinzu und richtete sich aufs Warten ein. Der Morgen war kühl, aber sie saß geschützt im Auto. Am Rückspiegel hing an einem Faden ein papierner Dufttannenbaum. Er sollte Lavendelgeruch verbreiten. Eine Erfindung, die niemand brauchte. Hier roch alles nach Tabak.Vielleicht würde die Sonne heute siegen, sinnierte Elfie, während sie allmählich zum Schwarzen Hahn vorrückte.

Sie griff in den Korb auf dem Beifahrersitz und zog die Thermoskanne auf den Schoß. Ihr Blau war in Erntesommern verblichen und der Boden hatte eine Delle. Doch die Kanne tat ihren Dienst, sie hielt Kaffee warm. Elfie schraubte den Deckel ab und klemmte ihn zwischen die Knie. Vorsichtig zog sie den Korkstopfen heraus. Augenblicklich breitete sich der Duft von Kaffee aus. Elfie inhalierte tief. Sie seufzte zufrieden und pustete auf den Becher. Dann wagte sie den ersten Schluck. Wärme durchströmte ihren Körper und sie lehnte sich zurück an die Kopfstütze. Durch die halbgeöffneten Augen und am Duftbaum vorbei sah sie, wie Heini seine Zigarette austrat. Es war ein Hin und Her mit dem Hacken. Gleich würde er die Hände hinter dem Kopf verschränken und ein wenig auf und ab gehen. Das hatte er bei Langeweile als Kind so gemacht. Elfie kannte ihren Bruder genau. Aber die beiden hatten nicht dieselbe Mutter.

ZEIT ZUM STERBEN

Elfie war fünf, als ihre Mutter starb. Es war August und die Zeit der Tabakblüte. Die Frauen gingen durch die Feldreihen, um den Tabak zu köpfen. Er war grün und mannshoch gewachsen und warf helle Schatten auf die Kopftücher. Die Frauen hoben ihre Hände und brachen die rosafarbenen Blüten aus. Jede Pflanze hatte nur eine einzige Dolde. Daran hingen dicht gedrängt die Blüten. Es gab einen besonderen Griff mit Daumen und Zeigefinger, und schon war die Pflanze geköpft. Nun konnte der Tabak seine Kraft in die Blätter schicken, und darauf kam es an. Die Bauern wollten große Blätter haben, am liebsten so groß wie ein Backblech und mit einer schönen Rippe in der Mitte. Die rosafarbenen Blüten hingegen sammelten sich in den Feldreihen, während Füße in Holzpantinen über sie hinwegschritten.

Der August war eine schlechte Zeit zum Sterben, denn die Planteure hatten auf Hof und Acker zu tun. Die Natur stand in Saft und Kraft. Man musste dankbar sein und arbeiten. Nach dem Köpfen stand das große Blatten an und befahl Männer und Frauen erneut in die Tabakreihen. Die rechte Zeit war eigentlich nur im Winter, wenn das Erntegeld in der Schublade lag und man Sarg und Leichenschmaus bezahlen konnte. Es war wie mit dem Heiraten. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Für Elfies Mutter war die Zeit des Sterbens Gott sei Dank gekommen, Ernte hin oder her. So hatten es die schwarzen Frauen an der Kaffeetafel beredet, für gut befunden und Elfie zum Essen ermuntert. Obwohl sie Streuselkuchen gern aß, hatte sie keinen einzigen Krümel herunterbekommen. Ganz eingesunken saß sie auf dem Sofa in Tante Wilmines guter Stube. Ihr Kopf reichte gerade so über den Tisch, in dessen Mitte die Kerze und ein Kuchenteller standen. Das Tischtuch fiel ihr in einer weißen Welle auf die Knie, und sie umwickelte ihre Finger damit. Es duftete nach Butterstreuseln, aber heute war ihr der Duft gleichgültig.

Elfie blickte zur Stirnseite des Tisches, wo ein dünner und ein dicker Mann einträchtig beieinandersaßen und Kaffee schlürften. Es waren die Pastoren Brandt und Hurtienne. Beide sorgten sich im Land zwischen den Flüssen in friedlichem Nebeneinander um die ihnen anvertrauten Menschen: Pastor Brandt als Hirte um die protestantischen Dorfbewohner und Pastor Hurtienne um die Französisch-Reformierten. Das Klappern der Kaffeetassen und Kuchengabeln verschmolz zu einem Geräusch, das tröstlich und einschläfernd war. Die Erwachsenen hatten die Teller bald leer gegessen, genug Trauer gezeigt und Dinge besprochen. Dann waren sie wieder an die Arbeit gegangen. Nur Brandt und Hurtienne waren sitzen geblieben. Der eine stierte auf seine leere Kaffeetasse, der andere schob mit dem Finger einen Kuchenkrümel hin und her. Dann trafen sie eine Übereinkunft.

„Wir haben ein Auge auf sie.“ Dabei sahen sie auf Elfie herab, die am liebsten unter den Tisch gekrochen wäre.

Auf dem Friedhof hatte der alte Pastor Brandt die Grabrede gehalten. Deutsch- und französischstämmige Dorfbewohner standen beieinander und Hans Hurtienne mitten unter ihnen. Die Nachmittagssonne brannte auf das Schwarz der Talare. Es verschwamm vor Elfies Augen mit den Anzügen und Kleidern der Trauernden, die alle in eine Grube herabschauten. Die Frauen hatten sich mit ihren Taschentüchern über die schweißnassen Stirnen und tränenfeuchten Augen gewischt. Weinen tat gut und gehörte dazu. Die rundliche Hedwig hatte Elfies Schulter getätschelt: „Ach, mien Lütt, nu isse im Himmel.“

Elfie spürte den Trost in den Worten, begriff ihn aber nicht. Ihr Kopf konnte nur nicken wie ein aufgezogener Kasper. Dabei hätte sie die Mutter lieber in Gottesgabe gehabt als im Himmel. Der Himmel war weit weg, und sie konnten sich nicht an der Hand halten. Die letzten Monate waren eine Quälerei gewesen für die Mutter. Sie hustete Tag und Nacht, und wenn sie versuchte Elfie anzulächeln, brachte sie es nicht zu Ende. Sie musste schon wieder husten und ihren Kopf zurück aufs Kissen legen. Sie betupfte ihren Mund mit einem zerknüllten Tuch. Manchmal schimmerten rote Flecken darin.

Am Haken neben der Schlafzimmertür hing Mutters blaue Schürze. Schon lange hatte sie die nicht mehr umgebunden. Mutters Farben waren blau und grau und braun. Wenn es eines Beispiels für das Wort „zweckmäßig“ bedurft hätte, hier war es. Mutters Farben entsprachen dem Zweck für die Verrichtungen in Haus, Hof und Garten. Auch ihre Arbeitshose, der Rock und die Bluse waren in diesen Tönen gehalten. So waren sie eben, die Farben der Frauen von Gottesgabe. Gegen den Staub auf dem Feld und gegen die Sonne schützten sie ihr Haar mit einem Kopftuch. Den Knoten banden sie sich unterm Kinn zu. Erst dann traten sie auf den Hof.

Keine der Frauen konnte sich eine Vorstellung machen von dem stampfenden, glitzernden Berlin mit Fenstern, die zum Schauen da waren und die Fröhlichkeit gut gekleideter Menschen spiegelten. Die Auslagen zeigten Hüte und Schmuck und Schokotörtchen und manch andere Annehmlichkeit. Zum Beispiel Zigaretten. Der Tabak von Salem Gold war auf den Feldern an Oder und Welse gewachsen. Doch das wussten weder die Herren vor den Schaufenstern noch ihre schönen Damen, die sich bei ihnen eingehakt hatten. Berlin lag nur eine Bahnreise von Mühlraden entfernt. Dennoch trennten Welten die Stadt und das Land. Im Land zwischen den Flüssen fuhren die Menschen selten mit der Bahn. Es gab keinen Grund und weder Gold noch Geld dafür. Ein Fuhrwerk fuhr zur Ernte und manchmal zur Kirche – wenn jemand heiraten wollte oder gestorben war. Die Planteure überlegten genau, zu welcher Feldarbeit sie die Pferde anspannten.

Tante Wilmine war Mutters Schwester und wohnte auf der anderen Straßenseite. Jeden Abend nach dem Köpfen kam sie mit einem warmen Essen herüber. Wilmine flocht Elfie die Zöpfe, ermahnte sie, sich morgens und abends zu waschen und tauchte die Kelle in den Suppentopf. Während Elfie in der Küche vor dem Teller saß, ging Wilmine die Stiege zum Schlafzimmer hoch. Sie hatte völlig aus der Reihe ein Huhn geschlachtet. Es war ein Suppenhuhn namens Berta. Diese Berta hatte gegen den rohen Akt der Gewalt protestiert. Aber es erging ihr wie zuvor so manchem Huhn auf dem Hof. Es kam zuerst auf den Hauklotz und dann in die Suppe. Mit Mohrrüben und angereichert mit einem Klecks Butter hatte Wilmine ihrer Schwester eine Stärkung gekocht. Nun saß Wilmine auf der Bettkante, hielt den Teller auf dem Schoß und zerdrückte mit der Gabel die Kartoffeln in der Suppe. Für leichtes Schlucken. Wilmine hielt ihrer Schwester den Löffel hin. Diese spitzte die Lippen und schlürfte.

Doch sie schaffte immer weniger. Es kam der Tag, als die Tante zu Elfie in die Küche hinunterging, sich zu ihr an den Tisch setzte und ihr die Hand streichelte. „Sie hat es geschafft.“ Oben war kein Husten zu hören. Nur Tante Wilmines Atem ging laut. Elfie begriff nicht, was passiert war. Was war der Tod, und warum hatte der Mond ein Gesicht? Das waren Fragen, auf die es keine Antwort gab. Die Abendsonne von Gottesgabe schien auf den Tisch, an dem die Einsamkeit lärmte.

Die Jahreszeiten schienen durcheinanderzuwirbeln. War sie nicht erst neulich mit ihrer Mutter zum Köpfen gegangen? Eine Blüte nach der anderen war auf die Erde gefallen. Die Mutter arbeitete leise singend, der Tabak raschelte. Das war das Urgeräusch ihrer Kindheit, und es war so selbstverständlich immer da gewesen, dass Elfie es ohne Dankbarkeit hinnahm. Sie war barfuß und ein kleines Wesen unter großen Tabakblättern, das ein paar Blüten vom Boden aufnahm und die Melodie der Mutter summte.

In ihrem Kopf bildeten die Worte „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ eine immer wiederkehrende Abfolge. Die Blüten in Elfies Händen machten die Finger klebrig, denn sie sonderten eine feine, kaum wahrnehmbare Ausdünstung ab, das Tabakpech. Es war ein Spiel, die Blüten auseinanderzuzupfen und zu spüren, wie Daumen und Zeigefinger sich sekundenlang nicht voneinander lösen konnten. Neben ihr tauchte der Tabak ein Blatt in den Sand. Die Mutter kam dazu, zog das gelbe Blatt heran. „Ein Grumpen. Das geht so.“ Mit einem Kniff zwischen Daumen und Zeigefinger brach sie das Sandblatt ab. „Schön aufheben“, sagte sie und legte es in einen Korb. An diesem Tag schaffte Elfie sieben Grumpen. So weit konnte sie zählen.

Als der erste Herbstwind durch die Scheunenfenster pfiff, fing der Husten an. Fortan blieb die Mutter oft im Bett. Sie hatte ihren Dutt am Hinterkopf gelöst, und die Haare fielen wie ein Sonnenfächer aufs Kopfkissen. Dort lag griffbereit ein Taschentuch, das sie sich beim Husten vor den Mund hielt.

Der Vater konnte nachts nicht schlafen, packte seine Bettdecke und legte sich in die Stube. Abends ging er in den Hahn. Wenn er zurückkam, stieß er die Haustür auf, schimpfte und schlief mit Joppe auf dem Sofa ein.

Eines Tages wütete ein Sturm mit Schlagregen und ließ die Dachrinnen unaufhörlich gluckern. Es tropfte auf Mutters Nachtschrank mit dem Teeglas. „Du musst was machen“, mahnte Tante Wilmine, als sie den Vater am Morgen wieder angekleidet auf dem Sofa fand. „Erst mal gucken.“ Er holte eine Leiter aus der Scheune, lehnte sie an die Hauswand überm Schlafzimmer und war bereits nach wenigen Minuten durchnässt. Dann packte er fest zu und setzte den Fuß auf die erste Sprosse. Der Vormittag war gerade angebrochen, als der Vater vom Dach fiel. Ein Blutfleck bildete sich auf dem Kopfsteinpflaster und vermischte sich mit Regen. Elfie war auf den Hof gerannt und schrie: „Rot, rot, rot!“

In Gottesgabe erzählte man sich, der Vater habe zu viel Korn in der Wirtschaft getrunken. Wohlmeinende Erklärungen sprachen von einem gefährlichen Dach, das sich durch Moos und Regen in eine Rutschbahn verwandelt hatte. Mag sein, dass an beiden Meinungen etwas dran war. Schließlich liegt die Wahrheit in der Mitte. Mit dieser Weisheit besänftigten sich die Dorfbewohner, als sie den Vater zu Grabe trugen. Noch bevor die Mutter starb, war Elfie Halbwaise.

Nun saß sie in der Küche und blickte auf ihren Teller Hühnersuppe. Tante Wilmine hörte mit dem Streicheln auf. Sie ergriff Elfies Hand, trat ins Freie und zog die Haustür zu.

„Komm mit.“

DER NEUE BRUDER

Auf der anderen Straßenseite reckten zwei Kastanien ihre Kronen in die Abendsonne. Dort lag der Menanteau-Hof. Er war ein Vierseithof, zu dessen Hauseingang drei Granitstufen führten. Wie in den meisten Familien üblich, bestand ihre Aufgabe allein darin, einfach nur schön auszusehen. Die Stufen wurden nur zu besonderen Anlässen benutzt, etwa um ein Brautpaar hinaufschreiten zu lassen. Der eigentliche Eingang befand sich in der Veranda und war von der Hofseite zu erreichen. Unterm Vordach zog die Tante ihre Pantinen aus, schlüpfte in Pantoffeln und zwinkerte Elfie zu.

„Mal sehen, was Karl sagen wird.“ Es war schwer zu erkennen, ob das Zwinkern als Aufmunterung für eine Fünfjährige gedacht war, oder ob Wilmine eine Träne wegblinzeln musste. Drüben im Bett hatte ihre Schwester die ersehnte Ruhe gefunden. Doch jetzt, da der erwartete Moment eingetreten war, fühlte Wilmine sich seltsam durchgeschüttelt.

Sie wischte mit dem Fingerknöchel etwas Feuchtes von der Wange, schob ihre Nichte in die Küche und begann, Kartoffeln zu stampfen. Der Toten war nicht mehr zu helfen. Nun kümmerte sie sich um die Lebenden. Sie gab einen Schuss warme Milch zu den Kartoffeln und ließ kleingehackten Schnittlauch darüber rieseln. Elfies Nase sog vertraute Aromen ein. Es duftete nach Huhn und Milch und Garten. Als stünde ihre Mutter am Herd. Elfie war nicht zum ersten Mal in dieser Küche. Schließlich mochte sie ihre Tante, die ein offenes Haus für neugierige Kindsmäuler führte. Wer beim Spielen in der Küche aufkreuzte, musste den Tisch umrunden und sich am Herd aufstellen. Großzügig hielt Wilmine jedem Kind eine Löffelprobe zum Kosten vor den Mund.

„Heiß!“, warnte sie und zog das „ß“ in die Länge, dass es zischte. Niemand sollte sich die Zunge verbrennen. Doch heute war es anders. Elfie kannte die Bedeutung des Wortes Bittsteller nicht. Aber sie erfasste die Schwingungen zwischen Herd und Haustür. Eine Fliege an der Wand rieb die Hinterbeine an den Flügeln, als Elfie sich zu ihr in die Nische stellte.

In Gottesgabe machten die Menschen nicht viel Gewese ums Essen. Es hatte einfach da zu sein, weil man schwer auf dem Feld arbeitete oder sich wie ein Kind im Wachstum befand. Sobald man aber seinen Hintern auf die Schulbank drücken musste, galt man als erwachsen und bekam nach dem Essen jede Arbeit aufgebrummt, beschwerte sich Reni abends im Bett bei ihrer jüngeren Schwester. Es lohnte nicht groß zu werden, war ihr Rat unter der Zudecke.

Für das Essen sorgten selbstverständlich die Frauen. Sie bargen jede noch so kleine Kartoffel vom Feld und gaben den Kindern manche Kopfnuss, wenn die sich zu dusselig anstellten, die Murmeln in den Korb zu lesen. Und so standen in den Bauernküchen mal Bratkartoffeln, mal Stampfkartoffeln auf dem Tisch. Wenn es Plinsen gab, schwelgten die Kinder im siebenten Himmel. Es war ein Festessen im August, bei dem die Mütter aus den ersten Äpfeln des Jahres Mus kochten, es auf jede gebratene Kartoffelplinse strichen und eine Prise Zucker drüberstreuten. Die knusprige Plinse zerschmolz im Mund mit der Süße des Sommers.

In Wilmines Küche gab es am Sterbetag ihrer Schwester Stampfkartoffeln. Sie waren ein probates Mittel, um den Topfinhalt zu strecken, wenn plötzlich Besuch kam. Hier war niemand ein Kostverächter. Gegessen wurde, was die Kelle gab. Reni war die Älteste. Sie hatte die Ellbogen vor sich auf den Tisch gelegt und ihren Kopf in die Hände gestützt. Keiner konnte wissen, ob sie gerade einen Bock ausbrütete oder einfach nur müde war. Neben ihr saß Grete und baumelte mit den Füßen. Dabei ächzten die Holzbeine der Küchenbank, doch das störte sie nicht. Ihre Mutter übte sich in Gelassenheit und versuchte, über das nervtötende Geräusch hinwegzuhören. Grete hatte neben sich noch Platz für einen weiteren Kinderpopo gelassen.

Noch nie war Elfie zur Abendbrotzeit hier gewesen. Das Sechs-Uhr-Läuten der Kirchenglocken war das ungeschriebene Gesetz für Kinder dieser Gegend: Ab nach Hause. Die Väter gaben selten Pardon. Wer einmal als Zuspätkommer kein Abendbrot erhalten hatte, der kam nie wieder zu spät.

Auf einem Schemel in Wilmines Küche stand der Wassereimer, daneben auf dem Waschtisch eine Schüssel und die Seifenschale. Alles ist wie bei uns, stellte Elfie fest und nahm die Vertrautheit dieser Küche auf, die dem Zuhause auf der anderen Straßenseite glich. Sie blickte auf die geradegezogenen Scheitel an den Hinterköpfen ihrer Cousinen Reni und Grete. Deren Zöpfe lagen auf dem Rücken, damit sie nachher nicht ins Essen kamen. Überm Küchentisch breitete sich eine nie gekannte Anspannung aus. Erwartungsvoll schob Reni die Hände in den Schoß. Gleich würde was passieren.

„Wo bleibt Heini?“ Auf die Frage ihrer Mutter reagierten Reni und Grete mit Schulterzucken. Es war ein an vielen Abenden erprobtes Ritual. Mitten in diesen Gleichmut stürmte Heini in die Küche. Seine nackten Fußsohlen platschten auf den Fliesen. Er drängelte sich neben seine zwei Jahre ältere Schwester Grete und sah seine Mutter erwartungsvoll an, die gerade mit ausgestrecktem Finger auf den Waschtisch wies. Ergeben drehte er sich um, schenkte mit der Blechkanne eine Pfütze Wasser in die Schüssel und wusch sich die Hände. Wieder am Tisch stellte er sich routiniert auf die Zehenspitzen, bugsierte eine Hälfte seines Hinterns auf die Bank, um dann die andere Hälfte nachzuziehen. Sein Gesicht war mit Dreck beschmiert und Spucke verwischt. Angesichts der sich ausbreitenden Düfte nach Milch und Huhn strahlte Heini über beide Backen und ließ zwei Reihen tadelloser Milchzähne blitzen. Wilmine konnte nicht anders, als über die Dreckschlieren ihres Jüngsten hinwegzusehen. Sie wandte sich dem Herd zu und genoss die Ruhe in ihrem Rücken.

In diesem Moment betrat Karl Menanteau das Haus und hing den Hut an den Haken. „’n Abend.“ Er schaute auf die artig wartenden Kinderköpfe, goss Wasser in die Schüssel, klemmte sich die Seife zwischen seine Pranken und rieb, dass es nur so schmatzte. Karl Menanteau setzte sich an die Stirnseite des Tisches und sah in die Runde.

„Es gibt was zu bereden“, versuchte Wilmine eine diplomatische Einführung. Sie sah Elfie in ihrer Türnische an, streckte die Hand aus und sprach mit den Augen: Komm! „Das Mädchen muss ja nun irgendwo bleiben.“ Und als Karl Menanteau die Augenbrauen hob, fügte sie hinzu: „Wo drei Katzenbälger am Tisch sitzen, kriegen wir auch ein viertes satt.“ Elfie begriff, dass sie mit diesem vierten Katzenbalg gemeint war, und drückte die Hand ihrer Tante. Karl Menanteau kannte seine Nichte nur vom Sehen, quasi von freundlicher Kenntnisnahme. Ein Mädchen mit blonden Zöpfen, nichts Ungewöhnliches. Sich um Kinder zu kümmern war Frauensache. Er hatte auf dem Acker zu tun. „Ab morgen können wir blatten“, stellte er fest, und Wilmine atmete aus. Das Blatten war die Zeit der Tabakernte. Frauen und Männer entblätterten die Pflanzen von oben nach unten, sodass sich am Ende nur noch leere Strünke mit einem grünen Zipfel obenauf aneinanderreihten. Jetzt senkten sich Karls Augenbrauen, und damit war die Sache entschieden. Er wusste längst, was im Busche war. Mit seiner Ankündigung vom Blatten war er zur Tagesordnung übergegangen. Seine Frau schob Elfie zur Bank auf Heinis Seite.

Doch der dachte nicht daran, seinen Platz zu teilen. Er machte sich breit wie ein Pfau, griente seine Cousine an und schenkte ihr großmütig zwei Zentimeter Holzbank. Grete stieß ihn in die Seite: „Mach schon!“ Generös rutschte Heini an seine Schwester heran und schlug mit der Hand neben sich aufs Holz. „Kannst kommen.“ Und so fanden vier Kinderpopos auf dieser Bank Platz.

Wilmine umarmte den Topf und hob ihn sich vor die Brust. Mit der Holzkelle verteilte sie die Stampfkartoffeln auf die Teller ihres Mannes, ihrer Töchter und ihres Sohnes und formte auf jedem Teller ein Nest. In jedes Nest kam Suppe mit etwas Hühnerbrust hinein. Karl bekam die Keule. Ihr eigenes Nest fiel etwas kleiner aus, sodass es auch für das vierte Kind reichte.

Doch Elfie mochte nicht essen. Ihre Mutter lag im Haus auf der anderen Straßenseite und war so weit entfernt wie der letzte Stern am Himmelszelt. Ein Schmerz breitete sich in ihrer Kehle aus, sodass sie nicht schlucken konnte. Sie sehnte sich nach dem Lied zwischen den Tabakreihen und den Grumpen im Korb. Plötzlich spürte sie, wie sich ein Knie an ihrem Knie rieb. Heini war näher herangerückt. Er tauchte seinen Löffel in ihr Kartoffelnest und fischte sich einen Streifen Hühnerbrust heraus. Grinsend kaute er und verdrehte genüsslich die Augen. Elfie hatte verstanden. Sie ergriff nun ihrerseits den Löffel und bediente sich bei Heini. So aßen sie einträchtig vom Teller des anderen. Wilmine, die Elfies Sehnen ahnte, sah großzügig über diese Manieren hinweg, während Reni beleidigt ihren Löffel auf den Tisch knallte. „Typisch Heini, der darf mal wieder alles.“ Karl Menanteau überhörte die Ungezogenheit seiner Ältesten, wischte mit dem Handrücken über den Mund und lehnte sich im Stuhl zurück. „Nachschlag?“ Wilmines Frage ließ keine Unsicherheit erkennen. Doch sie hielt den Atem an, denn die Töpfe waren leer. Karl schob seinen Stuhl nach hinten, sodass er über die Fliesen schurrte. „Muss los.“ Er nahm seinen Hut vom Haken und nickte.

Das war das Zeichen für seine Kinder, aufzuspringen und die Küche zu verlassen. Reni und Grete griffen sich den Drahtkorb, der im Hausflur stand, und gingen Futter holen. An den Feldrändern wuchsen Klee und Löwenzahn. Der volle Korb musste bereitstehen, wenn am nächsten Morgen die Hühnerluke hochging. Wer Eier essen will, muss Futter holen. Diese Lektion hatten die Mädchen beizeiten gelernt.

Doch wo war eigentlich Heini? Als Stammhalter auf dem Menanteau-Hof durfte er sich einige Freiheiten herausnehmen. Dazu zählte sein abendlicher Kontrollgang. Er hatte gewartet, bis die Schwestern mit dem Drahtkorb außer Sichtweite waren. In gebückter Haltung lief er am Küchenfenster vorbei. Das Kopfsteinpflaster unter seinen Fußsohlen war warm. Erst allmählich sank die Augustsonne auf die Tabakfelder. Heini schätzte diese stille Stunde, denn er hatte ein Geheimnis. Das dachte er zumindest. Er ahnte nicht, dass seine Mutter die abendlichen Ausflüge beobachtete und darüber schweigen konnte. Während Wilmine am Fenster stand und die Töpfe abwusch, sah sie, wie ihr Sohn den Riegel des Hühnerstalls beiseiteschob. Heini schlüpfte durch den Türspalt und war der Welt entschwunden. Nur der Riegel an der Tür hing lose herab und verriet eine Unregelmäßigkeit auf dem Hof. Wilmine gönnte ihrem Sohn das Geheimnis. Er war geschickt im Umgang mit Tieren. Während er im warmen Halbdunkel von Nest zu Nest schlich und nach den Eiern tastete, gab es kein Spektakel. Und das wunderte seine Mutter, denn sie rechnete stets mit der Empörung der dicken Berta.

Doch Heini war in seiner Arglosigkeit nicht zu übertreffen. Regelmäßig vergaß er seine Hinterlassenschaften zu beseitigen. Wilmine lächelte. Wenn sie für die Nacht nach dem Rechten schaute und die Hühnerluke herabließ, fand sie immer mal wieder die Schale eines ausgeschlürften Hühnereis. Heinis Kontrollgänge waren nicht immer von Erfolg gekrönt. Die Hühner blieben ihm in ihrer Legeleidenschaft ein Rätsel. Doch allein das Gefühl, ein Geheimnis zu haben, machte ihn zu einem Glückspilz.

Das Sonnenlicht warf lange Schatten auf den Küchenboden. Schwarze und weiße Fliesen bildeten ein Schachbrettmuster, über das die Tante hin und her lief und Teller abtrocknete. Elfie kannte die abendlichen Rituale auf dem Menanteau-Hof nicht. Sie war am Tisch sitzen geblieben, eine stille Träne lief an ihrer Nase vorbei. Wilmine warf das Handtuch hin, nahm Elfies Kopf zwischen ihre noch feuchten Hände und strich mit dem Daumen über die Salzspur. „Morgen gehst du mit den Mädchen zum Futterholen.“

Viel mehr Trost konnte sie nicht spenden in einem Haus, in dem Elfie ihren Platz erst finden musste.

DIE WOHLGERATENEN