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Es sind die letzen Tage des Ersten Weltkriegs. Eugen steht an der Westfront. Er weiß nicht, dass seine beiden Brüder im Osten auf den Kriegsfeldern umgekommen sind. Irgendetwas zieht ihn nach Hause. Elise hat gerade erfahren, dass ihr zukünftiger Mann Heiner, Eugens Bruder gefallen ist. Sie begleitet ihre Freundin Lioba nach Straßburg, deren verwundeten Mann zu suchen. In diesem Sommer in Baden wird sich entscheiden, wie das Leben von Eugen und Elise unter den Wirren des Krieges weitergehen wird. Dabei spielen der Tabak und ihre Wurzeln in Frankreich eine große Rolle. Sie begegnen sich wieder in der Tabakfabrik und auf dem Tabakfeld. Beide sind in sich gefangen und hungrig nach dem Leben.
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Seitenzahl: 187
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Inge Trunk
Ein Sommer in Zeiten des Ersten Weltkriegs
Meinen Großeltern Elise und Eugen
L‘important c’est la Rose,
L’important c‘est la Rose.
Gilbert Bécaud
Bum, bum, bum schlug die Trommel, laut alles durchdringend. Die vierjährige Lina war etwas verwirrt. Wo war sie da hingeraten? So etwas hatte sie noch nie erlebt. Alle waren traurig, vor allem ihre Mutter schien untröstlich und Lina wusste immer noch nicht warum. Es war schon kalt und Lina trug an diesem Tag eine rote Mütze mit Ohrenklappen, die unter ihrem Kinn gebunden wurde.
Schutz fand sie bei ihrem Vater, der sie an der Hand hielt. Den Weg vom Wohnhaus bis zum Friedhof empfand das Mädchen sehr weit. Deshalb wurde sie ab und an von ihrem Vater getragen. Traurig schien auch ihr Vater aber längst nicht so verzweifelt wie seine Mutter. Immer wieder durchdrang die Totentrommel den Körper Linas. Bis ins Innerste spürte sie eine Erschütterung. Hinter dem Trommler wurde das Fuhrwerk mit dem Sarg von zwei schwarzen Pferden gezogen und hinter diesem Wagen gingen in tiefer Trauer die Verwandten: die Witwe des Verstorbenen, ihre beiden Töchter mit Ehemännern und Kindern. Danach reihte sich das ganze Dorf in den Trauerzug ein.
Lina war fasziniert und beobachtete die Gesichter der Leute, ihre Ernsthaftigkeit und ihren Schmerz. 72 Jahre war er alt geworden. Ein ereignisreiches Leben, das gute und schlechte Zeiten gesehen hatte, war im Jahre 1963 zu Ende gegangen. Drei Tage war der Tote zu Hause gelegen. Viele hatten bei ihm Totenwache gehalten, hatten ihn zum Abschied noch einmal sehen wollen. Die Töchter der Witwe hatten sich abgewechselt, sie ließen ihre Mutter nicht allein. Die Frauen des Dorfes, die kamen hatten eine Parfümflasche dabei, in der Weihwasser war. Sie legten den Zeigefinger oben auf den Flaschenhals und bespritzen den Toten damit. Meist handelte es sich um ehemalige 4711-Flaschen, die die Damen benutzten.
Lina würde die Beerdigung ihres Großvaters als einzige, eigene Erinnerung an ihn behalten: Die Totentrommel, die rote Mütze und der Schutz ihres Vaters. Unverständlich blieb ihr lange, um genau zu sein, bis sie erwachsen, war die Schwere des Abschieds. Wussten denn die anderen nicht, wie gut es dem Toten ging? Mit ihren vier Jahren war sie sich ganz sicher, dass ihr Großvater nun im Himmel war und es im sehr gut ging. Sie spürte genau wie er von oben alles mit einem Schmunzeln beobachtete. Natürlich würde er ihnen erhalten bleiben. Die Erinnerung an ihn sollte lebendig bleiben. So lebendig, dass später sogar seine Urenkel ihn mit Namen kannten und einige Fragen über ihn stellen sollten.
Linas Großvater war ein humorvoller Mann gewesen, der gerne lachte und das Herz auf dem rechten Fleck hatte. Dies erzählten ihre Eltern. Lina war begierig die Geschichte dieses Mannes zu erfahren. Sie fragte ständig ihre Mutter und Großmutter wie das alles damals genau gewesen war.
„Dein Großvater war schneidig und sah aus wie ein Franzose“, pflegte ihre Großmutter immer als einleitende Worte zu benutzen, bevor sie anfing zu erzählen.
Lina saß bei ihrer Großmutter in der Küche auf dem Kanapee. Sie trank einen heißen Kräutertee, den „Mutter“, wie sie ihre Großmutter liebevoll nannte selbst gesammelt und getrocknet hatte. Ihre eigene Mutter rief sie Mama. Genauso nannte sie ihren Großvater Vater und ihren Vater Papa. Mutter kannte sich mit Kräutern sehr gut aus, denn ihr Vater war der Kräuterkauz des Dorfes gewesen. Er hatte alle mit Kräutern versorgt und in Linas Familie reinigten sich noch heute alle im Garten die Zähne mit Salbei. Das Rezept kannten alle:
Einfach ein Blatt Salbei in den Mund schieben und Zahnfleisch und Zähne damit reiben. Jeder machte das, der in den Garten kam. Später bedienten sich auch die kleinen Nichten und Neffen am Salbeistock und wussten, dass dies schon ihr Urgroßvater Valentin empfohlen hatte, um die Zähne zu stärken. Ein anderes Kraut hatte er sogar nach sich benannt, auch wenn es nur ein Unkraut war.
Lina hing wieder einmal völlig gespannt an Mutters Lippen.
„Wie hast du ihn denn kennengelernt?“, fragte Lina immer wieder als eine ihrer Lieblingsfragen.
Ihre Großmutter hatte es sich am Tisch bequem gemacht. Sie trank genüsslich ihren Kräutertee und bot Lina Kekse aus der bunten Blechkeksdose an, die immer gefüllt war mit einer leckeren Auswahl. Daneben lag ihr Strickzeug. Sie hatte sich aufs Sockenstricken spezialisiert. Alle ihre Enkel hatte sie mit den Jahren reichlich mit bunten Ringelsocken eingedeckt.
„Kennengelernt habe ich deinen Großvater in der Tabakfabrik. Wir haben damals beide dort gearbeitet“.
Und nun entstehen sie wieder die Bilder hinter Linas Augen, der Geruch von Tabak und die Atmosphäre. Längst wusste sie, was Mutter ihr nun erzählen würde. Ja, ihre Großeltern hatten in einer ganz besonderen Fabrik gearbeitet, in der Tabakfabrik. In allen Dörfern in Baden in der Gegend der Oberrheinischen Tiefebene hatte es diese Fabriken gegeben. Damals lebten ganze Dörfer davon. Überall wurde Tabak angebaut, in jedem Dorf gab es einen großen Tabakspeicher. Mutter erzählte vom Anbau, der Ernte, der Entfernung der einzelnen Blätter.
„Tabak ist sehr arbeitsintensiv, meine liebe Lina und wir hatten ständig braune Hände. Die Arbeit war aber sehr angenehm und ästhetisch“.
„Hast du die Arbeit gerne gemacht?“
„Im Grunde schon, aber sie war ein bisschen langweilig. Am Tag habe ich bis zu hundert Zigarren gemacht. Bezahlt wurde pro Stück. Ich hätte mehr machen können, aber dein Großvater sagte:
„Du machst schöne, nicht viele Zigarren. Eine Zigarre muss schön aussehen, sonst schmeckt sie beim Rauchen nur halb so gut.“
„Ja, der Tabak war unser Leben“, Mutter seufzte vor sich hin.
Und nun kam sie ins Reden. Es schien als ob sie Linas Anwesenheit gar nicht mehr wahrnehmen würde. Sie war in ihre alte Welt des Tabaks zurückgekehrt.
Eugen war damals Arbeiter in der ‘Duwak’, wie die Einheimischen die Fabrik zu nennen pflegten. Er selbst liebte Zigarren und rauchte lustvoll. Er saß an der Quelle und ein paar Ausschussstumpen fielen im Laufe eines Arbeitstages immer ab.
Anfangs waren Eugen und ich gute Freunde. Wir sahen uns einfach so. Er sah gut aus, wie ich dir ja schon gesagt habe, aber er war nicht ganz mein Typ“, Mutter grinste Lina vielsagend an.
„Sein Bruder, das war wirklich ein stattlicher Mann. Er war groß, muskulös und hatte rote Haare.“
Ja, ihm war sie versprochen. Fritz, wie ihn alle nannten, sollte sie heiraten. Verlobt hatten sie sich nicht, das war damals nicht Usus. Es war abgemacht.
Die Familie André war wirklich französischer Abstammung. Die Hugenotten waren im 16./17. Jahrhundert durch diese Gegend gezogen, hatten sich einerseits mit der Bevölkerung gemischt, andererseits waren einige Familien einfach in dieser fruchtbaren Gegend geblieben und erst die darauffolgende Generation hatte sich voll in die ländliche Bevölkerung integriert.
Lina, ihre Geschwister und auch Freunde hatten die Theorie entwickelt, dass dieses in der Familie vorhandene Genießen können wahrscheinlich von den Wurzeln ihrer Vorfahren stammte. Da ihr die Leichtigkeit, mit der Feste in ihrer Familie gefeiert wurden, selbstverständlich war, bemerkte Lina die Besonderheit erst, als Freunde sie darauf ansprachen. Sie zeigte zum Beispiel die Fotos vom Geburtstag ihrer Mutter. Und wirklich, es stimmte, die Fotos erinnerten an ein Familienfest im ländlichen Frankreich. Zum Ausdruck kam die Freude, gemeinsam zu feiern, das Anstoßen, die gute Stimmung, das gute Essen und das alles in einer lockeren, leichten Weise. Es war immer so, dass die Gäste sich wohl fühlten und die Gastlichkeit schätzten.
Mit dem Lauf des Festes wurden das Palaver und das Lachen immer lauter. Der Humor hatte immer eine sehr große Rolle gespielt und sollte immer helfen vieles zu kompensieren. Eine Familie, in der viel gelacht wurde, wo auch Traurigkeit und Depression ihren Platz hatten.
Nun, nach Ansicht der Freunde schien das französische Erbe von Laisser-faire und Savoir-vivre in der Familie André weitergelebt zu haben und immer weitergegeben worden zu sein.
„Sie waren alle sehr humorvoll, seine Brüder und dein Großvater. Was haben wir gelacht, in diesen schlechten Zeiten damals“, hörte Lina Mutter sagen.
Der Erste Weltkrieg veränderte das Leben der jungen Menschen erbarmungslos. Die Monarchien standen vor dem Untergang. Alle jungen Männer mussten in den Krieg ziehen gegen Frankreich, welches mit Russland verbündet war.
„Auch dein Großvater Eugen und seine beiden Brüder Heiner und Fritz“.
Sie kämpften in Verdun gegen die Franzosen. Welch kosmischer Witz, gegen seine eigenen Vorfahren zu kämpfen und die als Erbfeind betrachten. Der Hass zwischen beiden Ländern war so groß, dass es um die Auslöschung der Zivilisation ging.
Dieser Krieg war die brutalste Materialschlacht, die bis zu diesem Zeitpunkt in der Geschichte jemals stattgefunden hatte. Siebzigtausend Menschen standen unter Waffen. Natürlich standen diese jungen Männer auf der Seite ihres Vaterlandes, wollten ihre Familien verteidigen und die viel strapazierte Ehre der Deutschen. Sie wollten ihrem König Wilhelm treu und untergeben sein. Aus Enthusiasmus entstand sehr schnell nackte Angst und Verzweiflung. Der Alltag an der Front ließ alle Ideale und Aggressionen dahin schmelzen. Dieser Krieg war die Hölle und der Keim für den Zweiten Weltkrieg.
Beide Brüder, Heiner und Fritz blieben auf den Feldern Verduns zurück.
Eugen hatte noch nichts davon erfahren, als er ein flaues Gefühl hatte und den Drang verspürte, ganz schnell aus dem Kriegsgebiet abzuhauen.
Er hatte Alpträume, wie die meisten und konnte die Schmerzensschreie seiner Kameraden kaum noch ertragen.
Vielleicht ahnte er, dass seine Brüder nicht mehr lebten. Von nun an war es so, dass der jüngste der einzige war, der das Weiterleben der Familie sichern konnte. Noch wusste Eugen von alledem nichts. Er hatte nur das Gefühl, dass er Heim musste. Aber er war gesund und unverletzt. Wie sollte er das einfädeln?
Eugen ging rüber ins Lazarett und sagte der Schwester, dass er sich seinen Arm verstaucht habe. Warum auch immer, er konnte nicht mehr an die Front zum kämpfen und töten. Die Schwester schaute ihm tief in die Augen. Ahnte sie, dass er simulierte? Sie machte ihm einen großen Verband. Somit war zumindest klar, dass er nicht mehr in die gefährliche Frontlinie zu gehen brauchte. Diese Frau war wie ein in Schutzengel für ihn.
Leise flüsterte sie ihm ins Ohr:
„In den nächsten Tagen findet ein Krankentransport über Straßburg nach Karlsruhe statt. Da ich den Transport begleite, werde ich schauen, was ich für dich tun kann. Allerdings ist ein verstauchter Arm zu wenig. Lass dir was einfallen!“
Eugen war dankbar, dass diese Frau so viel für ihn riskierte. Später würde er sich nicht einmal mehr an ihren Namen erinnern. Er war zwar klein, aber er sah gut aus mit seinen schwarzen Haaren und seinen dunkelbraunen Augen. Er war vielleicht nicht der Typ, der in damaliger Zeit dem Ideal entsprach. Aber was scherte das die Frauen? Sie mochten diesen Mann, der eben wie ein Franzose lachen und flirten konnte. Dessen Augen beim Erzählen leuchteten. Er war drahtig, turnte am Barren anspruchsvolle Übungen. Er reagierte nie cholerisch und böse, wie viele Männer damals.
Seine eigenen Kinder würde er nie schlagen. Das würde eins der Dinge sein, die seine Töchter vor allem ihren Kindern weitererzählen würden.
Und Lina würde immer stolz darauf sein, dass ihre Großeltern vor der Jahrhundertwende geboren waren. In einer Zeit, die so viel langsamer und total anders schien.
Eugen sollte sich „bereithalten“. Er hatte Angst, wusste er doch, dass falls er erwischt würde, das ihn und die Krankenschwester Kopf und Kragen kosten würde.
Aber er konnte nicht mehr kämpfen, er spürte, dass er zu Hause gebraucht wurde. Von einigen seiner Kameraden wollte er sich verabschieden. Ja, sie hatten einiges zusammen erlebt, was sie einfach ein Leben lang zusammenschweißen würde.
Eugen war geheilt vom falschen Patriotismus. Mit seinen Kameraden verbanden ihn die gemeinsamen Erlebnisse, Todesangst und Verzweiflung, die ihnen ins Gesicht geschrieben war. Ihn und seine Kameraden einte das nackte Überleben. Er hatte tief in ihr Herz gesehen in diesen Momenten. Ihr allzu menschliches Verhalten verstanden. Ihr sehnlichster Wunsch war es nach dieser erlebten Grausamkeit, Alltag zu leben mit Familie und Kindern, auch wenn der eine oder andere einen Franzosen getötet hatte. War es noch möglich eine Frau zu lieben und Kinder zu zeugen mit dieser Vergangenheit?
Sein Kamerad Messmer, mit dem Eugen sein Leben lang in Kontakt bleiben würde, meinte, dass das möglich sei. Sie sprachen sich beide nur mit den Nachnamen an.
„Meine Frau Josepha wird es nicht verstehen können. Sie hat keine Vorstellung davon, was wir hier durchgemacht haben und das ist auch gut so! Wir werden zusammen auf den Feldern und im Stall arbeiten und unsere Kinder großziehen. So oder so.“ meinte Messmer fast lakonisch.
Josepha war eine herzensgute Frau, die den Bauernhof im Oberland zur Zeit des Krieges alleine führte und beide Kinder versorgte. Wie sie damit zurecht kam, wusste keiner so genau. Sie tat, was sie konnte, arbeitete jeden Tag hart, war morgens die erste, die aufstand und abends die letzte, die ins Bett ging. Ja, mittlerweile hatte sie auch das Pflügen mit den Kühen gelernt. Arbeit, die ihr Mann immer getan hatte. Peter, ihr kleiner Sohn musste ihr dabei behilflich sein. Er musste die Kühe antreiben und sie drückte mit aller Kraft den Pflug nach unten, damit die Erde auch wirklich bewegt wurde. Welch mühsame Arbeit, dennoch entwickelten sie und Peter einen gewissen Humor dabei und gingen es optimistisch an.
In dieser schlechten Zeit hatten sie zumindest immer etwas zu Essen, saßen sie doch an der Quelle. Ein Vorteil, um den sie in dieser Zeit von vielen beneidet wurden. Sie waren wirklich reich damals. Denn reich war, wer täglich satt wurde und das wurden sie. Josepha schickte ihrem Mann wöchentlich ein Esspaket, und sie meinte es gut mit ihm, sparte sich einiges selbst vom Munde ab, zumindest was den Schinken und Käse anbelangte. Mittlerweile war ihr Eugen aus seinen Briefen bekannt und auch ihn bedachte sie mit einer Ration. Eugen hatte wieder Glück. Seine Kameraden waren auf Schmalkost gesetzt, auch Eugens Familie litt an Hunger und konnte nichts schicken. Er wurde so reich beschenkt von Messmers Frau.
Josepha zählte die Tage, bis ihr Ehemann zurückkehren würde. Außerdem freute sie sich darauf, Eugen kennenzulernen. Sie wusste, dass dieser Mann viel für ihren Mann getan hatte. Ihr Ehemann hatte es nicht leicht gehabt in der Truppe. Schnell war er als Hinterwäldler abgestempelt worden. In einigen Dingen war er es auch.
„Mein Gott, ich bin eben ein Bauer und kein Soldat, “pflegte Messmer dann zu Eugen zu sagen, wenn er von seinen Kameraden ständig gehänselt wurde. Er war nie aus dem Oberland herausgekommen und wahrscheinlich wäre er in seinem ganzen Leben niemals soweit gereist, wie als Soldat. Die Demütigungen waren hart für ihn und er fühlte sich hier in der Truppe wirklich als dummer Trampel. Wenn sie ihn auf seinem Feld sehen könnten seine Kameraden, wo der mit grazilen Bewegungen den Rhythmus mit dem Kuhgespann fand und pflügte mit Geschmeidigkeit. Oder wenn sie seine Behändigkeit beim Holzhacken sehen könnten.
„Holz ist ein guter Lehrmeister“, pflegte er seinem Sohn immer zu sagen.
„Du kannst Holzhacken indem du mit brachialer Gewalt die Stämme auseinanderhaust. Nach spätesten einer Stunde bist du völlig erschöpft.“
Messmer hatte dabei seinen langsamen, stetigen Rhythmus. Als er noch jung war, da hatte er auch mit brutaler Kraft draufgeschlagen. Danach war er völlig nassgeschwitzt und seine Glieder schienen wie totgeschlagen. Doch mit der Zeit hatte er vom Holz gelernt, zwar kraftvoll aber vor allem zielsicher und geschmeidig ein Scheit ums andere zu schlagen. Es war eine Freude ihm dabei zuzuschauen.
Messmer konnte den ganzen Tag Holz hacken. Alles stimmte sein Einschlagwinkel, seine Bewegungen und seine Kraft. Es war wie Musik und Tanz gleichzeitig. Danach wusste er, was er gearbeitet hatte, aber er war nie an seine körperlichen Grenzen gekommen.
Doch wie sollte er solche Dinge seinen Kameraden erklären? Holz ist ein guter Lehrmeister! Messmer war ein Schaffer, ein Arbeitstier, konnte sich sprachlich einfach nicht ausdrücken. Bisher war das in seinem Leben weder wichtig noch nötig gewesen. Eugen erkannte die Stärken und Qualitäten seines Kameraden. Er stand zu Messmer in der Gruppe oder ersparte ihm einige Unannehmlichkeiten.
Josepha wusste um seine vordergründige Schwerfälligkeit und bedankte sich mit selbstgemachten Käse und Brot. Die beiden würde ihre Freundschaft ein Leben lang pflegen.
Josepha würde dann während Eugens Besuchen bei ihnen im Oberland ihr Ehebett räumen, damit die beiden alten Kriegskameraden sich bis spät in die Nacht unterhalten konnten. Was erzählten sie sich? Es würde ihr Geheimnis bleiben.
Messmer würde nur einmal die Reise nach Baden unternehmen: zur Beerdigung seines Freundes Eugen.
Aber er würde aus den Erzählungen, seines Freundes alles kennen: die Kirche, die Tabakfabrik, das Rathaus, die Dorfkneipe, die Nachbarn und die wichtigsten Leute im Dorf.
Doch das alles ereignete sich nach einem Leben voller Höhen und Tiefen. Eugen führte mit seinem Kammeraden Messmer vorläufig sein letztes Gespräch.
„Eugen, ich werde meiner Frau nur wenig erzählen. Die Gräuel, die wir im Krieg erlebt haben, sollen nur in der Erinnerung weiterleben. Am liebsten würde ich alles vergessen, vor allem diesen Hass.“
„Ja, Messmer, es war und ist en Graus dieser Krieg. Ich werde später kaum davon erzählen.“
Und genau diese Erfahrung würden seine beiden Töchter machen. Wenn er darüber berichten würde, dann aus dem Alltagsleben. Banales im Tagesablauf, wie schlecht das Essen war im Heer. Von den Kameraden, woher sie kamen aus Deutschland. Über die Elsässer, die auf beiden Seiten der Frontlinien an zu treffen waren. Die sich laut über die Schützengräben hinweg stritten, fluchten und mit Schimpfwörtern um sich warfen. Niemals über die Grausamkeiten und das Töten.
Seine Enkel würden sich später nicht mehr daran erinnern, ob er nun in der Kavallerie oder Infanterie gewesen war. Die alten Männer wussten sich nicht besser zu schützen, als das Ganze zu verdrängen und sie schwiegen darüber ihr Leben lang.
Ihre Frauen und Kinder würden sie nie weinen sehen, diese beiden Männer.
Eugen verabschiedete sich von Messmer. Sie umarmten sich fest. Beide konnten sich nicht erinnern, jemals vorher einen Mann umarmt zu haben.
„Du musst mich unbedingt im Oberland besuchen!“, Messmer wischte sich die Tränen aus den Augen. Das würde Eugens fast einziges, dafür häufiges Reiseziel nach dem Krieg werden.
Eugen begab sich ins Lazarett. Die Krankenschwester hatte ihm ein Bett besorgt. Er hatte sich etwas überlegt. Zu seinem verstauchten Arm war ein ganz brutaler Darminfekt hinzugekommen. Das war im Grunde schwer nachzuweisen, wenn man keine Tatsachen sehen wollte und das wollte in diesem Fall niemand. Er war also krank und musste sich ins Bett legen. Messmer hatte Eugens Verhalten verstanden und natürlich musste er diese Chance nutzen. Natürlich hatte Eugen ein schlechtes Gewissen, seinen Kameraden gegenüber, aber es zog ihn mit immenser Kraft nach Hause.
Der Transport sollte in drei Tagen stattfinden, die Krankenschwester hatte ihm signalisiert, dass alles zum Besten stand. Da lag Eugen nun neben schwerverletzten Männern, deren Verbände voller Blut waren. Er hörte ihr Stöhnen und er spürte regelrecht ihre Schmerzen. Dieser Krieg hinterließ viele Amputierte. Wie sollten sie damit fertig werden, diese Männer? Ja, sie hatten überlebt, aber sie waren zu Krüppeln geworden. Ganze Familien würden darunter leiden, dass sie mit ihrem Schicksal nicht zurecht kamen. Irgendein Forscher sollte sich einmal die Mühe machen und die ganzen Stümpfe zählen, die da im Krieg geblieben waren. Gut für die Statistik. Das Leben der Menschen interessierte dies kaum. Neben einer eher geringen Kriegsrente hatten sie nichts zu erwarten. Sie litten an Schwermut, wie man damals Depressionen nannte. Gerade die Krüppel mit Amputationen sollten nicht besonders alt werden und ihr fehlendes Teil würde ihr Leben lang schmerzen.
Eugen lag ruhig, er atmete den typischen Geruch nach Lazarett ein. Er betete:
„Lieber Gott verzeihe mir, dass ich so feige bin, aber ich weiß, dass ich zu Hause gebraucht werde.“
Er schlief schlecht in den kommenden beiden Nächten. Sein Arm wurde täglich neu bandagiert. Er schrie auf beim Bandagieren und mimte brutale Schmerzen. Der Arzt war so beschäftigt, dass es ihm egal war, was mit diesem Patienten los war. Die Schwester versorgte ihn, das genügte ihm. Er hatte keine Zeit, sich wirklich zu kümmern. Zum ersten Mal wurden Waffen eingesetzt, die an Brutalität bis dahin unübertroffen waren. Durch die technischen Weiterentwicklungen der Waffen hatte man das Ausmaß an furchtbaren Verletzungen unterschätzt. Ein Thema, das stets ausgeklammert wurde, wenn vom Krieg erzählt wurde.
Der junge Arzt operierte Tag und Nacht. Er schlief kaum und nahm Aufputschmittel, um weiter zu operieren.
Frühmorgens ging es los. Die Schwerverletzten wurden zuerst transportiert. Zunächst auf Pferdewagen Richtung Bahnhof oder Gleise, dann in die Waggons. Es waren viele. Viele, die vor Schmerzen aufschrien, wenn sie bewegt wurden. Die Pflegerinnen hatten alle Hände voll zu tun. Verbände befestigen, einige Männer legten mit Hand an. Sie würden es sonst nicht schaffen.
Natürlich hatte Eugen ein schlechtes Gewissen und fühlte sich schuldig, weil er so egoistisch war. Aber da war irgendetwas stärker in ihm. Er wollte verdammt noch mal leben und hatte diese Intuition. Er musste heim. So schrie es innerlich in ihm. Und außerdem war er jung, er wollte einfach leben. Nach vielen schockierenden Erlebnissen würde es schwer genug für ihn sein, ein normales Leben zu führen.
Die Zeit würde den Geschehnissen an Brutalität nehmen. Er würde verdrängen, kaum davon erzählen, auch weil der Mensch nun mal gern vergisst.
Nun kam er an die Reihe. Seine Verbündete bedeutete ihm, sich auf die Bahre zu legen, so wurde er auf den Wagen und dann im Waggon in sein Bett verfrachtet.
Verdun - Straßburg. Wie lange würden sie wohl unterwegs sein? Und wer würde ihn ab Straßburg beschützen? Verzweiflung stieg ihm die Brust hoch.
Langsam ruckelte der Zug Richtung Straßburg, damals wieder oder noch in deutscher Hand. Diese Perle von Stadt mit ihren eigenwilligen Bewohnern. Kein Volk wurde durch die politischen Machtkämpfe mehr herumgeworfen und getreten als die Elsässer. Der Krieg mit den Franzosen verschlechterte die Beziehungen auf allen Ebenen. Nur starke selbstbewusste Menschen wie die Elsässer konnten sich in diesem Tohuwabohu ihre Identität bewahren.
Die Elsässer wurden für ihre Freundlichkeit bewundert. Es war ihre Devise, mit den Fremden sprachen die Elsässer französisch, mit den Einheimischen elsässisch.
Nach Stunden kam der Transport endlich in Straßburg an. Überall war ein großes Treiben und viele Menschen waren unterwegs. Viele Frauen suchten unter den Verletzten ihre Männer, hatten sie doch die beschwerliche Reise nach Straßburg nicht gescheut.
