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Der 3. Band der erfolgreichen Fantasy-Reihe "Taberna Libraria" von Dana S. Eliott entführt wieder in eine Welt voll sprechender Buchratten, neugieriger Gargoyles, metallischer Kompass-Käfer, hilfreicher Vampire und Nebelaare. Wer es wagt, den Buchdeckel zu lüften, verschwindet für die nächsten Stunden in einem zauberhaften Abenteuer. Corrie und Silvana bleibt kaum Zeit, sich auf die Vorweihnachtszeit im idyllischen Ort Woodmoore einzustellen, da sie sich auf die Suche nach dem nächsten magischen Buch machen müssen, bevor der finstere Magier Lamassar es finden kann. Außerdem gilt es noch immer den Verräter in ihren eigenen Reihen zu entlarven. Als sich die Ereignisse überschlagen, stehen die beiden Freundinnen unvermittelt vor der Frage, welchen Preis sie und ihre Verbündeten für den Kampf gegen Lamassar wirklich zu zahlen bereit sind ... Magische Bücher und eine Welt voll zauberhafter Wesen – ein Fantasy-Abenteuer für alle buchverrückten Leser. "Fantasy jenseits von Zeit und Raum - Dana S. Eliott schafft mit ihren Worten Geschichten, die den Leser zum Träumen einladen und darüber hinaus dermaßen spannend sind, dass man bei der Lektüre das Atmen glatt vergisst." Literaturmarkt.info Bisher erschienene Bände der "Taberna Libraria" rund um die magische Buchhandlung der Freundinnen Corrie und Silvana: Taberna Libraria – Die magische Schriftrolle Taberna Libraria – Das Geheimnis von Pamunar
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Seitenzahl: 789
Veröffentlichungsjahr: 2020
Dana S. Eliott
Roman
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
In »Taberna Libraria – Der schwarze Novize« müssen Corrie und Silvana hinter das Geheimnis des dritten magischen Buches kommen, um das vierte zu finden, bevor es dem finsteren Magier Lamassar in die Hände fällt. Allerdings geht es im beschaulichen Örtchen Woodmore gerade auf die Vorweihnachtszeit zu, und in der kleinen Buchhandlung der Freundinnen wird jede Hand gebraucht. Und dann hat Corries Mutter mit einer gut gemeinten Putzaktion in der Buchhandlung dummerweise auch noch den magischen Schutzzauber zerstört, der die beiden Freundinnen und die Taberna Libraria vor den Angriffen Lamassars schützen sollte.
Widmung
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Epilog
Danksagung
Für Jasmin und Claudia
Nächtliche Stille hatte sich über das Haus gesenkt, und Dunkelheit füllte die Flure und Zimmer. Nur durch das kleine Fenster im Badezimmer fiel kurz ein Strahl Mondlicht, als die dahingleitenden Wolken aufrissen und den Blick auf den Himmel freigaben. Die Aloe auf der Fensterbank warf einen gezackten Schatten auf die Badezimmertür, der einmal quer über das Holz kroch, als sie lautlos geöffnet wurde.
Mit verstohlenen Schritten betrat ein Schemen den Raum. Er spähte noch einmal zur Treppe zurück, bevor er die Tür geräuschlos schloss und zögernd vor den Spiegel trat. Mit trockenem Mund blickte er hinein und wartete. Draußen schloss sich die Wolkendecke wieder, der Raum verfinsterte sich, und die Schatten verschmolzen mit der Dunkelheit. Leise jaulend frischte der Wind auf und ließ den Fensterrahmen knarren. Doch sonst regte sich nichts.
Hatte er den Zeitpunkt verpasst?
Es war ihm nicht möglich gewesen, eher zu erscheinen, ohne sich zu verraten …
Seine Unruhe wuchs. War alles umsonst gewesen? Oder würde der Meister ihn strafen, weil er zu spät war? Er spürte, wie seine Finger auf dem Waschbecken nervös zu zucken begannen, und er krallte sie förmlich in den Rand, um sie ruhig zu halten. Er starrte weiter in den Spiegel, auf seine eigenen, von Furcht und Zweifel erfüllten Züge. Und dann begann es. Die Temperatur im Raum fiel schlagartig. Die Duschwand und das Fenster überzogen sich mit feinen Eiskristallen, ebenso wie der Spiegel. Fernes Wispern erklang, zuerst aus der einen, dann aus der anderen Ecke. Hinter ihm. Dann neben ihm. Er spürte, wie ihm eine Gänsehaut über den Rücken kroch. Mit zitternden Fingern streckte er die Hand nach dem Spiegel aus, um ihn freizuwischen.
Der Anblick der fremden Augen, die ihn anstarrten, ließ ihn erschrocken zurückweichen. Sein Herz raste, und in seinem trockenen Hals spürte er ein schmerzhaftes Pochen.
»Du bist spät.« Die Gestalt im Spiegel sah ihn mit ausdrucksloser Miene an, doch er wusste es besser. Er kannte die Wahrheit dahinter – und dass sein Leben gerade an einem seidenen Faden hing. Zu vieles hatte sich nicht so entwickelt, wie es geplant gewesen war. Es hatte zu viele Fehlschläge gegeben, die das Feuer der Wut in seinem Meister nährten.
»Verzeiht, Herr«, begann er und senkte den Kopf. »Ich …«
»Langweile mich nicht!« Barsch hallte die Stimme seines Meisters in seinem Kopf wider und hämmerte gegen seine Schläfen. »Deine erbärmlichen Ausflüchte interessieren mich nicht!« Die Augen des Spiegelbilds wechselten abrupt die Farbe. »Es gibt Wichtigeres zu besprechen als deine Unzulänglichkeiten!«
Während die wütend hervorgestoßenen Worte in seinem Kopf lärmten, war im Badezimmer nur das leise Wimmern des Windes vor dem Fenster zu hören. Er lauschte kurz, doch auch jenseits der Tür schien alles ruhig zu bleiben.
Sein Meister senkte kurz die Lider, als müsse er sich sammeln. Als er sie wieder hob, hatten seine Augen ihre ursprüngliche Farbe angenommen. »Allmählich werden die beiden Frauen und ihre Freunde lästig. Ich würde es sehr begrüßen, wenn wir dieses Problem endlich zu einem zufriedenstellenden Abschluss bringen könnten.« Die nun überaus sanfte Stimme seines Meisters waberte durch seine Gedanken wie der eisige Bodennebel, der sich um seine Knöchel zu schlingen begann.
»Ja, Herr. Was ist Euer Befehl?«
Der Mann im Spiegel seufzte unwillig. »Auch wenn es mir Ungemach bereitet, so werde ich diese Sache nunmehr völlig in deine Hände legen müssen, solange mich meine Verpflichtungen hier gebunden halten. Es ist an der Zeit, dass wir deine Aufgaben etwas … erweitern.«
Er wechselte nervös von einem Fuß auf den anderen. »Muss ich dafür meine Tarnung aufgeben?«
»Wenn du es richtig anstellst, wirst du sie danach ohnehin nicht mehr benötigen.« Ein kaltes Lächeln erschien auf dem Gesicht des Meisters. »Und wenn du versagen solltest, übrigens auch nicht.«
Das frostige Lächeln seines Meisters schien auch dann noch sichtbar zu sein, als sein Spiegelbild sich allmählich vor ihm aufzulösen begann. Doch seine eigenen Umrisse kehrten damit noch nicht zurück.
Angespannt beugte er sich weiter vor. Die Eisschicht kehrte auf das Glas zurück und breitete sich mit einem leisen Knistern wie ein Spinnennetz von der Mitte über die gesamte Fläche aus. Sein Mund und sein Hals waren mittlerweile so trocken, dass er kaum noch schlucken konnte. Sein hastiger Atem kondensierte in der Luft.
Dann riss das Glas unvermittelt.
Entsetzt taumelte er einen Schritt zurück, bis er gegen die Badewanne stieß und beinahe das Gleichgewicht verlor. Den Schrei, der ihn verraten hätte, unterdrückte er im letzten Moment. Mit aufgerissenen Augen beobachtete er, wie sich dünne Schwaden herabschlängelten und den Wasserhahn mit feinen Eiskristallen überzogen. Im Waschbecken verdichtete sich der Dunst zu einer Form.
Während sich der Nebel zu seinen Füßen langsam in die Ecken des Raumes zurückzog und die Wolkendecke erneut aufriss, trat er wieder näher an das Waschbecken und reckte neugierig den Hals. Was er sah, ließ seine Furcht versiegen. Stattdessen erschien ein finsteres Lächeln auf seinen Lippen.
»Ich danke Euch, Herr«, flüsterte er und nahm behutsam die kleine, gehörnte Schatulle auf. »Dieser Winter wird wahrlich grimmig werden.«
Die schönste Zeit des Jahres
Seit Tagen hingen tiefgraue Wolken über Woodmoore-by-the-Sea. Und seit Tagen ging – genau wie am heutigen Sonntag – ein dichter, kalter Regen über dem Ort nieder, den der Wind in pfeifenden Böen gegen die Häuser trieb. Corrie hob kurz den Blick, als eine weitere Salve gegen das Schaufenster der Taberna Libraria prasselte. Dann trank sie noch einen Schluck von ihrem heißen Gewürztee und betrachtete wieder den kleinen Stapel Bücher zu ihren Füßen.
»Wo stelle ich euch denn jetzt noch hin?«, murmelte sie und klopfte nachdenklich mit den Fingern gegen den Becher. Für die Schaufensterdekoration hatte sie drei kleine Pyramiden aus alten Holzkisten gebaut, mit dunkelrotem Samt ausgelegt und mit Sternen und Tannengrün verziert. Dort lagen und standen nun neben Klassikern wie Dickens und Neuheiten wie den Mörderischen Weihnachts-Kurzgeschichten auch Pergamente und prächtige Schreibfedern, wundervolle Glasornamente und kunstvolle Buchhüllen aus den Läden von Port Dogalaan. Corrie suchte nur noch einen passenden Platz für die Bücher von Mrs Saltham, einer lokalen Autorin, die absolut nicht mehr dazwischen passen wollten. Sie krauste nachdenklich die Nase und fasste die fantastischen Weihnachtsgeschichten ins Auge, die zwischen zwei Kisten standen. »Vielleicht, wenn ich euch –«
»Das ist nicht dein Ernst, oder?«, unterbrach sie Silvanas entsetzte Stimme.
Corrie sah erstaunt auf. »Sprichst du mit mir?«
»Ja«, erwiderte Silvana gedehnt.
Das klang nicht gut. Mit einem Seufzen warf Corrie noch einen Blick hinaus – und zuckte zusammen. Für einen kurzen Moment glaubte sie, ein Stück die Straße hinunter etwas Großes, Dunkles durch den Regen huschen gesehen zu haben. Etwas, das Ähnlichkeit mit Yazeem in seiner Werwolfgestalt besessen hatte. Doch was sollte ihn dazu veranlassen, am helllichten Tag in dieser Gestalt durch die Birch Street zu schleichen? Vor allem, da er ihnen nach seiner Rückkehr von Eltranar vor zwei Tagen versprochen hatte, ihnen heute beim Schmücken des Ladens zu helfen, und bisher weder aufgetaucht war noch sich gemeldet hatte, wie leider viel zu oft in letzter Zeit. Oder hatte er eine Fährte aufgenommen von etwas, worüber sie sich Sorgen machen musste? Etwas unbehaglich sah sie zu den beiden Tauben, die aufgeplustert neben den Gargoyles an der untersten der drei Treppenstufen hockten. Doch sie machten keinerlei Anstalten, sich zu rühren. Corrie atmete tief durch. Dann hatte sie sich vermutlich doch getäuscht und es war wirklich bloß ein gewöhnlicher Hund gewesen. Sie zwängte sich an den Regalen vorbei zurück in den Laden und starrte ihre Freundin an, die mit beinahe anklagendem Blick eine künstliche Tannengirlande emporhielt, an der farbige Kugeln und Schleifen befestigt waren.
»Lila?«, entfuhr es Corrie bestürzt.
»Dann hattest du etwas anderes bestellt?«, fragte Silvana erleichtert.
»Klassisches Rot.« Corrie ging zu ihr und fischte im Karton nach dem Lieferschein. »Oder hast du geglaubt, so etwas würde ich absichtlich bestellen?«
»Wäre das denn schlimm?«, fragte Vincent, der gerade aus der Küche zurückkam und in einen Zimtkringel biss. »Ich kenne mich mit euren Bräuchen nicht so gut aus. Ist Lila für Weihnachten verboten?« Seine großen, braunen Augen wanderten fragend zwischen den beiden Freundinnen hin und her.
Corrie musste trotz der falschen Girlanden schmunzeln. Der gut gelaunte Faun war ihnen bisher eine große Hilfe gewesen und hatte mit beinahe kindlichem Eifer die Tische mit den Geschenkartikeln aufgebaut, was zur Folge hatte, dass er mittlerweile einen ähnlich intensiven weihnachtlichen Duft verströmte wie die Seifen, Kerzen und parfümierten Grußkarten, die er aufgebaut hatte.
Silvana ließ die Girlande in den Karton zurückgleiten.
»Verboten nicht. Aber Lila ist etwas … eigenwillig.«
»Ganz toll«, stöhnte Corrie und ließ den Schein sinken.
»Kein Rot mehr da?«, riet Silvana.
»Leider nein. Jetzt heißt es Lila oder nichts.«
Vincent schüttelte den Kopf. »Wenn ich daran denke, was passieren würde, wenn wir das Fest zu Ehren Aurylls mit anderen als mit blauen Bändern begehen würden. Das wäre unverzeihlich und würde uns sicherlich für die Dauer seiner Vorherrschaft im Pantheon großes Unglück bringen. Kein Reisender könnte sich mehr auf seinen Schutz verlassen.«
»So dramatisch ist Lila für Weihnachten zum Glück nicht«, erwiderte Corrie. »Aber selbst wenn ich mich damit abfinden könnte, würde es nicht zum Rest der Dekoration passen.«
»Wir können die Kugeln und Schleifen ja ganz abnehmen«, schlug Silvana vor. »Und die Girlanden dann entweder natürlich belassen oder selbst rote Schleifen dran machen.«
Corrie warf den Lieferschein zurück in den Karton und zog eine Grimasse. »Werden wir wohl müssen.«
»Ich bin sicher, dass ihr eine Lösung findet«, sagte Vincent und zwinkerte den beiden Freundinnen gut gelaunt zu, während er sich einem weiteren Karton zuwandte. »Wer die Bücher von Angwil auftreibt, der kommt auch mit lilafarbenem Baumschmuck zurecht.«
»Vermutlich«, erwiderte Corrie mit dem Anflug eines Lächelns. »Und immerhin haben wir ja bis auf die Girlanden schon eine Menge geschafft.« Sie sah zur Theke. »Die beiden Bäume stehen noch –«
Als hätten ihre Worte eine geheime Losung enthalten, klappte im selben Moment eine der beiden künstlichen Tannen wieder zusammen und kippte zur Seite. Corrie hob entgeistert die Brauen. Den halben Morgen hatte sie mit dem Mechanismus der beiden Kunsttannen gekämpft, hatte geflucht und beinahe die Anleitung zerrissen, bevor ein wütender Tritt die Scharniere endlich hatte einrasten lassen. Jedenfalls hatte sie das angenommen.
Sie sah fragend zu Silvana, der anzusehen war, dass sie sich das Lachen verkneifen musste. »Geht das nur mir so, oder …«
»Halt!« Die quietschende Stimme von Phil ließ die beiden Freundinnen und Vincent erschrocken herumfahren.
Wie in Zeitlupe sahen sie erst die restlichen Kartons mit der Dekoration fallen, dann den bereits fertig geschmückten Tannenbaum auf der anderen Seite der Theke. Schleifen, Anhänger und Kugeln verteilten sich auf dem Boden, und mit einem weiteren scharfen »Klack« gaben auch seine Scharniere nach, woraufhin sich der Baum wie schon sein Vorgänger wieder zusammenfaltete. Der Verursacher – das Buch von Bergolin, das sich in einer der Tischgirlanden verheddert hatte – stürmte wie eine panische Katze an ihnen vorbei, begleitet vom Klirren der Glöckchen an den Bändern und den Rufen von Phil und Scrib. Erst auf den zweiten Blick bemerkten die Freundinnen, dass Scrib ebenfalls in einem der Bänder verwickelt war und kurzerhand mitgeschleift wurde. Vor den Hörbüchern gelang es Phil endlich, das Buch von Bergolin mit einem gewagten Sprung zu Fall zu bringen und zu stoppen.
Corrie setzte sich konsterniert auf die kleine Trittleiter und starrte auf das Chaos, das sich vor ihr ausbreitete. Das Päckchen aus Ratten, Buch und bunten Bändern, die Kugeln, die gemächlich zwischen den Schleifen, Zuckerstangen und Herzen über den Boden rollten, und die Kunstschneeflocken der Zweige, die langsam über allem niederschwebten. »Was wollte ich gerade sagen?«
»Dass wir dringend eine Pause brauchen?«, fragte Silvana vorsichtig.
»Und die Unordnung hier liegen lassen?«, fragte Corrie zurück. »Das räumt sich schließlich nicht von selbst weg.«
»Das kann ich doch für euch machen«, bot Vincent lächelnd an.
»Und wir helfen!«, rief Phil, der versuchte, Scrib aus den Bändern zu entwirren. Das Buch von Bergolin hatte sich offenbar wieder beruhigt und blieb geduldig liegen.
Unsicher sah Corrie von Silvana zu Vincent und den Ratten. Eine Pause klang zugegebenermaßen verlockend, doch es gefiel ihr nicht, den Faun hier mit Phil und Scrib alleine zu lassen. Das wäre ihnen bei Veron bereits fast zum Verhängnis geworden. Sie schluckte bei der Erinnerung daran, dass der Halbelf damals die Bücher hätte zerstören können, wenn er in der Lage gewesen wäre, sie ungestört aus dem Spiegel zu holen. Diesen Fehler wollte sie nicht noch einmal begehen. Trotzdem bereitete ihr das Misstrauen dem Faun gegenüber Unbehagen. Auch er hatte während der Gefangennahme durch Vulco eine Menge erlitten.
Und nach Verons Verrat würde ihn Cryas gewiss nicht in die Nähe des Portals lassen, wenn er sich nicht zu einhundert Prozent sicher wäre, dass Vincent ihnen gegenüber absolut loyal war. Trotzdem zögerte sie. »Ich weiß nicht recht.«
Vincent lächelte noch immer freundlich. »Das macht wirklich nichts. Im Gegenteil. Ich …« Er unterbrach sich, als es vernehmlich an der Kellertür klopfte.
»Ja, bitte?«, fragte Corrie entnervt.
Langsam wurde die Tür einen Spaltbreit aufgeschoben, und Fneck steckte den Kopf hindurch. »Entschuldigt bitte«, sagte er. »Aber wir benötigen dringend Vincents Hilfe. Es ist eine unplanmäßige Lieferung eingetroffen, mit der keiner etwas anfangen kann – außer vielleicht der Bestellmeister selbst. Könntet ihr ihn vielleicht kurz entbehren?«
Vincent hob die Braue. »Dann wird das Aufräumen wohl noch etwas warten müssen. Warum fahrt ihr nicht erst einmal zu Albian? Vielleicht könntet ihr mir dann auch wieder einmal ein Zimtteilchen mitbringen?«
»Das ist eigentlich gar keine schlechte Idee«, stimmte Silvana zu und sah Corrie auffordernd an. »Eine von Albians Spezialmischungen wird dir jetzt sicherlich guttun. Wir haben das in letzter Zeit viel zu selten gemacht.«
Corrie konnte nicht leugnen, dass ihre Freundin damit recht hatte. Seit sie von Pamunar zurückgekehrt waren, hatten sich einige Dinge geändert. Nicht nur Yazeem. Sie und Silvana hatten viel nachgedacht und geredet, über Lamassar, über die Vox Venti und ihr Versprechen – doch während Silvana ihre vormalige Zurückhaltung gegen eine neu gewonnene Entschlossenheit getauscht hatte, Lamassar für das, was er getan hatte, auf gar keinen Fall ungestraft zu lassen, war Corrie nachdenklicher geworden. Zwar dachte auch sie nicht daran, aufzugeben, aber die Verluste der Vox Venti und der Verrat ihres Freundes hatten sie zögerlicher werden lassen. Vorsichtiger.
Müde fuhr sie sich mit der Hand über die Augen. »Klingt verlockend.«
»Dann komm.« Silvana zog ihre Freundin sanft auf die Füße. »Danke noch mal für deine Hilfe, Vincent.«
Der Faun winkte ab. »Wirklich viel habe ich ja nicht tun können. Aber wenn ihr weitermacht, dann sagt Bescheid. Ich bin gerne wieder für euch da, wenn es das Bestellwesen erlaubt.«
»Frühestens, wenn wir uns eine Lösung für die Girlanden überlegt haben«, erwiderte Corrie und zog eine Grimasse.
»Wie ich schon sagte, hege ich daran keinerlei Zweifel«, antwortete Vincent, bevor er mit Fneck im Keller verschwand. Und während Phil und Scrib begannen, die verstreuten Kugeln wieder einzusammeln, schloss Corrie die Kellertür ab, wie sie es sich seit Verons Verrat angewöhnt hatten, auch wenn Alexander Trindall seine Schutzzauber auch bis zum Portal erweitert hatte. Dann machte sie sich mit Silvana auf den Weg zum Blackwood Lakeview.
Der Regen schien noch dichter geworden zu sein, und Corrie musste bereits jetzt, am frühen Nachmittag, die Scheinwerfer einschalten. Während sie den HY durch die Straßen in Richtung Ortsausgang lenkte, sah Silvana aus dem Fenster auf die vorbeiziehenden Häuserfronten und hing ihren Gedanken nach. Bevor sie aufgebrochen waren, hatte sie noch einen Blick auf ihr Handy geworfen, doch noch immer hatte Yazeem nichts von sich hören lassen. Sein Verhalten hätte sie über die Maßen beunruhigt, wenn es nicht während der vergangenen drei Monate beinahe zum Normalzustand geworden wäre. Seit den Ereignissen auf Pamunar. Seit sie Namar und die anderen verloren hatten. Drei Monate, in denen der Werwolf nur noch für die Vox Venti und seine Schuldgefühle zu leben schien. War er früher beinahe jeden Tag bei ihnen im Laden gewesen, um ihnen bei allen neuen Anforderungen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, so sahen sie ihn jetzt oftmals über viele Wochen lang gar nicht. Wenn er dann wieder auftauchte, entschuldigte er sich zwar jedes Mal reumütig, wich jedoch stets allen Nachfragen aus, was er auf den Inseln eigentlich tat. Und so hatten sie es mittlerweile aufgegeben, etwas Genaueres von ihm erfahren zu wollen. Von Kajsja, die ihn jedes Mal mit ihrer Magie dorthin brachte, wussten sie auch nur, dass er entweder zu der Clanobersten der Vox Venti oder zu seinem Bruder gebracht werden wollte. Und so wie sein Erscheinen im Laden, waren auch die Abende, an denen sie zusammensaßen und er ihnen von den Reichen jenseits des Portals erzählte, selten geworden. Keine farbenprächtigen Geschichten, die sie ein wenig von den zurückliegenden Ereignissen ablenkten, von der Suche nach dem vierten Buch, von der noch immer über ihnen schwebenden Gefahr des Verräters und Lamassars selbst. Keine Scherze über die Kunden und ihre skurrilen Buchwünsche … Auf der einen Seite hatte Silvana Verständnis für den Werwolf – er hatte endlich seine Familie wiedersehen können, hatte dabei in Namar einen engen Freund nach Jahren der Trennung gerade erst wiedergetroffen, mit ihm gelacht und Erinnerungen ausgetauscht, und ihn kurz darauf für immer verloren. Namar war gestorben, weil er ihnen geholfen hatte. Und Yazeem gab sich die Schuld daran. Einerseits wollte Silvana dem Werwolf alle Zeit zugestehen, die er brauchte, um das Geschehene zu verarbeiten und das auf eine Art zu tun, die er für sich gewählt hatte. Andererseits war sie jedoch enttäuscht und wütend darüber, dass Yazeem sich zurückzog, gerade jetzt, wo es darauf ankam. Sie hatten beschlossen, weiterzumachen, damit das Opfer ihrer Freunde nicht umsonst gewesen war, und sich Lamassar weiter entgegenzustellen.
Doch wie sollten Corrie und sie das schaffen, wenn sie allein waren? Wenn der ruhende Pol in ihrer Mitte, den sie immer um Rat hatten fragen können und der ihnen stets zur Seite gestanden hatte, nicht mehr für sie da war? Erst vor zwei Tagen hatte er Corrie versprochen, dass er heute zu ihnen kommen würde, um ihnen beim Schmücken zu helfen, aber das war er nicht. Wahrscheinlich weilte er längst wieder im Inselreich. Und wann würde er dann wiederkehren? In ein paar Wochen? In ein paar Monaten? Und was, wenn in der Zwischenzeit etwas passierte?
Unvermittelt trat Corrie auf die Bremse. Die Reifen des HY quietschten vernehmlich auf dem nassen Asphalt. »Hast du das gesehen?«
Silvana, die in ihrem Gurt hart nach vorne geworfen worden war, bedachte ihre Freundin mit einem ärgerlichen Blick.
»Das weiße Kaninchen mit der Taschenuhr, das du fast überfahren hättest?«
»Tut mir leid.« Corrie sah in den Rückspiegel. Als hinter ihnen niemand kam, legte sie den Rückwärtsgang ein und gab Gas. Nach ein paar Metern bremste sie erneut, dieses Mal jedoch deutlich vorsichtiger, und deutete aus dem Fenster zu einer Einfahrt auf der anderen Straßenseite. »Schau mal.«
Silvana beugte sich vor, um an ihrer Freundin vorbeisehen zu können. Auf einem leidlich großen Schild stand »Haushaltsauflösung«. »Dafür machst du eine Vollbremsung?«, fragte sie empört.
Doch Corries Augen leuchteten. »Lass uns nur ganz kurz einmal hinfahren und uns umsehen. Vielleicht finden wir ja ein paar Bücher, die noch gut genug für den Laden sind.«
Silvana hob die Brauen. Da war sie wieder – Corries Neugierde, gepaart mit ihrem Faible für alte, gebrauchte Dinge. Sie warf einen Blick auf die Uhr. »Aber wirklich nur kurz. Sonst kommst du nicht mehr zu deinem Kaffee.«
»So lange wird es sicherlich nicht dauern«, erwiderte Corrie fröhlich, setzte den Blinker und legte den Gang ein. »Aber ich habe so ein Gefühl, dass es sich lohnen wird.«
Also rumpelten sie mit dem Citroën den unbefestigten Weg zwischen den Bäumen entlang bis zu einem von zwei großen Koppeln umgebenen Landhaus. Kurz darauf öffnete ihnen eine nicht gänzlich unbekannte Gestalt die Tür.
»Mr Cochard!«, entfuhr es Corrie überrascht, als sie sich dem hochgewachsenen, dunkelhaarigen Fee gegenübersah, der sie seit der Eröffnung der Taberna Libraria schon des Öfteren aufgesucht hatte.
Sabian Cochard lächelte charmant und verbeugte sich.
»Miss Vaughn und Miss Livenbrook. Schön, Sie beide hier zu sehen. Sind Sie wegen des Verkaufs hier?«
»Corrie hat das Schild oben an der Straße gesehen«, erwiderte Silvana nickend.
»Viel ist leider nicht mehr da«, sagte der Fee und trat beiseite, um sie einzulassen. »Ich hatte schon überlegt, ob ich das Schild überhaupt noch stehen lasse. Aber bitte, sehen Sie sich gerne um.«
»Ziehen Sie um?«, wollte Corrie wissen, während Silvana und sie dem Fee durch den kahlen Flur folgten.
Cochard schüttelte den Kopf. »Ich wohne ein Haus weiter.« Er deutete über seine Schulter in eine unbestimmte Richtung.
»Aber Miss Grayson, die ehemalige Besitzerin, hat mich aus mir unerfindlichen Gründen zu ihrem Alleinerben bestimmt und verfügt, dass ich ihren Besitz veräußere. Der Erlös soll gespendet werden.« Er hob die Schultern und lächelte. »Und wie könnte ich dieser liebreizenden alten Dame ihren letzten Wunsch abschlagen, so ungewöhnlich er auch sein mag?« Ungewöhnlich schon, dachte Silvana, aber durchaus nachvollziehbar. Sie hatten den Fee bisher als überaus angenehmen, stets höflichen und hilfsbereiten Kunden erlebt, deswegen verstand Silvana gut, warum Miss Grayson ihren Nachbarn um die Verwaltung ihres Nachlasses gebeten hatte. Sie folgte Corrie und dem Fee durch die Räume, die noch erahnen ließen, wie gemütlich es hier einmal gewesen sein musste. Der graue Holzfußboden knarrte leise unter ihren Schritten. Plötzlich blieb Corrie neben einem Bild stehen, das als Einziges noch an der gestreiften Wand hing und die Tuschezeichnung eines Hauses zeigte. Schon seit dem Eintreten hatte Corrie geglaubt, etwas zu spüren – wie damals auf dem Basar von Port Dogalaan, als sie auf das Kästchen gestoßen war, das schließlich all die Ereignisse um die Bücher von Angwil in Gang gesetzt hatte. Hier, vor diesem Bild, war sie sich ganz sicher, ein feines Kribbeln in ihren Fingern zu spüren. Sie betrachtete es genauer. Es zeigte ein Haus ähnlich diesem hier – an solch einer niedrigen Mauer und fast identischen Laternen wie jenen auf dem Bild waren sie und Silvana jedoch nicht vorbeigegangen. Ein Detail fiel ihr besonders ins Auge. Sie deutete auf das Dach und hatte dabei das Gefühl, dass das Kribbeln stärker wurde. »Was ist denn das?« Cochard lächelte geheimnisvoll. »Das ist der Wächter des Hauses. Jedenfalls hat ihn Miss Grayson immer so bezeichnet. Eine Steinfigur, ähnlich einem Wasserspeier. Er sitzt nach wie vor oben auf dem Dachfirst. Das Bild zeigt das Haus neben diesem hier, in dem ich wohne – und das früher ebenfalls Miss Grayson gehört hat, bis sie hier herübergezogen ist.«
»Und was genau soll die Figur darstellen?«, fragte Silvana, deren Interesse ebenfalls geweckt war.
»Wenn ich mich richtig erinnere, soll es ein Peryton sein.« Silvana runzelte die Stirn. »Ein was?«
»Ein geflügelter Hirsch«, erklärte Corrie. »Ich habe dir schon mal ein Bild gezeigt. Es heißt, sie werfen einen menschlichen Schatten und ernähren sich von Fleisch.«
»Menschenfleisch«, fügte Cochard schmunzelnd hinzu.
»Aber ich denke, vor dem alten Steinklotz brauchen Sie sich nicht zu fürchten. Ich wüsste nicht, dass er sich in all den Jahren auch nur einmal gerührt hätte.«
»Wieso setzt man sich ausgerechnet so etwas aufs Dach?«, fragte Silvana kopfschüttelnd.
»Das kann ich Ihnen leider nicht beantworten. Aber laut Miss Grayson bringt er Glück, also habe ich ihn nie entfernen lassen.«
Corrie betrachtete die Zeichnung noch immer aufmerksam. In ihrem Bauch breitete sich ein seltsames Gefühl aus. »Steht das Bild auch zum Verkauf?«, fragte sie.
Cochard schürzte die Lippen. »Im Grunde genommen schon, so wie schließlich alles hier.«
»Aber?«, hakte Silvana nach.
»Es stammt von meinem Bruder«, gestand Cochard und faltete die Hände hinter dem Rücken. »Deshalb würde ich es gerne behalten.«
»Ihr Bruder ist sehr talentiert«, bemerkte Silvana, während Corries Gedanken rasten. Irgendetwas war mit dieser Zeichnung, aber sie konnte nicht genau sagen, was. Hatte es mit dem Bild selbst zu tun? Oder mit dem, was es darstellte? So gerne sie es mitgenommen hätte, fiel ihr doch keine Begründung ein, um Sabian zu überreden, sich von ihm zu trennen.
»Ja, das ist er«, erwiderte der Fee stolz. »Und er würde bestimmt gern mehr Zeit mit dem Zeichnen verbringen, aber unser Unternehmen lässt das leider nicht zu.«
Corrie, die noch immer mit kribbelnden Fingern die Zeichnung betrachtete, spürte die Blicke ihrer Freundin und Mr Cochards in ihrem Rücken und zwang sich, ihre Augen von dem Bild zu lösen. Während der Fee sie ein wenig amüsiert musterte, schien Silvana zu ahnen, dass es nicht die Darstellung war, die Corrie in den Bann gezogen hatte, sondern dass da noch mehr war.
»Es wird Feelix sicher freuen zu hören, dass eines seiner Werke solch eine Faszination auslöst. Er kann Ihnen sicherlich irgendwann auch eines anfertigen, wenn Sie möchten.«
Damit schwand Corries Hoffnung endgültig, dass Sabian Cochard vielleicht doch noch von seinem Vorhaben abrücken würde, das Bild selbst zu behalten. Der Fee wies den Gang hinunter. »Wollen wir dann weiter? Die meisten Kartons habe ich im Salon aufgebaut.«
Widerwillig gab sich Corrie geschlagen. Sie warf noch einen letzten Blick auf die Zeichnung und den Wächter auf dem First, dann folgte sie Silvana und Cochard, die sich gerade dem guten Dutzend Kartons im nächsten Zimmer zuwandten, für dessen Inhalt sich bisher noch niemand interessiert hatte. Auch ein paar Kleinmöbel waren noch vorhanden, ein Chesterfield-Sessel, einige aufgerollte Teppiche und weitere Bilder, bei deren Betrachtung Corrie jedoch kein Kribbeln mehr verspürte. Dafür erregte etwas anderes ihre Aufmerksamkeit. Über dem Kamin, in dem ein kleines Feuer brannte, hing der ausgestopfte Kopf eines Hirsches. Die Tatsache an sich war nichts Ungewöhnliches, ganz im Gegensatz zu seinen Augen, die Corrie fasziniert und mit dem Anflug einer Gänsehaut betrachtete. Sie hatte nicht nur ein Faible für Horrorfilme aller Art, sondern auch für ebenso gruselige Videospiele, und an eines davon fühlte sie sich gerade überdeutlich erinnert. Statt der üblichen Glasaugen funkelten in den Höhlen des Hirschkopfes zwei dunkelrote Kristalle und verliehen dem toten Tier einen feindseligen, bedrohlichen Ausdruck – den die beiden langen Eckzähne in seinem Maul noch verstärkten. »Noch ein Peryton?«, fragte sie.
Cochard stellte einen der Kartons auf den Boden, damit Silvana hineinsehen konnte, und nickte. »Zumindest soll es einen darstellen. Aber ob er echt oder nur zusammengesetzt ist, kann ich Ihnen nicht sagen.«
»Miss Grayson war kein Mensch, oder?«, fragte Corrie und wandte sich nun ebenfalls einem der Kartons zu.
»Eine Sylphe«, erwiderte der Fee. »Und eine der herzlichsten, der ich je begegnen durfte.« Er nickte zur Tür. »Ich werde Sie einen Moment allein lassen, damit Sie in Ruhe stöbern können. Es gibt noch ein wenig in der Küche zu tun. Wenn Sie Hilfe benötigen, rufen Sie einfach.« Damit ließ er Silvana und Corrie im Salon zurück. Einen Moment lang waren nur seine verhallenden Schritte und das Knacken der Holzscheite im Kamin zu hören.
»Das Bild?«, fragte Silvana dann leise.
»Dieses Kribbeln war wieder da«, erwiderte Corrie ebenso leise und beugte sich über die Kiste vor ihr. Eine Sammlung verschiedenster Decken sah ihr entgegen – Tischdecken, Platzdeckchen, Mittelläufer. Mit Rosen, mit Karos, Rauten, Streifen, Lilien. Hübsch, aber nichts, was sie benötigt hätten.
»Wie bei dem Kästchen?«
Corrie nickte leicht. »Irgendetwas ist mit dem Bild, da bin ich mir sicher.«
»Vielleicht hat es etwas mit dem dritten Buch zu tun?«, überlegte Silvana und sah in den Karton, den Sabian Cochard ihr heruntergehoben hatte. Er enthielt drei Teddybären, die selbst Silvana gefielen, auch wenn sie sonst nicht viel für Stofftiere übrighatte – ein weißer Bär mit Stricksachen, ein dunkler Bär mit Schottenrock und Dudelsack und ein Bär mit bunten Schmetterlingen auf Pfoten und Nase.
»Möglich«, erwiderte Corrie und wandte sich der nächsten Kiste zu. »Wir sollten es auf jeden Fall im Kopf behalten.«
»Werden wir«, stimmte Silvana zu und hob die Bären hoch.
»Schau mal. Wären die etwas für das Schaufenster?«
»Ich glaube nicht«, erwiderte Corrie nachdenklich, zeigte dann jedoch auf den weißen Bären. »Aber wie wäre es mit dem hier für den Handarbeitstisch?«
»Wir können es uns ja noch überlegen«, sagte Silvana und setzte den Bären behutsam auf den Boden, bevor sie die anderen zurücklegte und sich der nächsten Kiste widmete, die voller Bücher war.
Corrie hingegen sah sich einem wild zusammengewürfelten Inhalt gegenüber. Jede Menge Kleinkram, als wäre es der letzte Karton gewesen, in den Sabian Cochard alles hineingeworfen hatte, was sich nirgendwo anders zuordnen ließ: alte Zeitschriften, zwei Vasen, Garnrollen, Stricknadeln, ein paar hölzerne Deko-Figuren und ein Metallring mit Keksformen, den Corrie etwas genauer betrachtete. Damit würde sich vielleicht das Schaufenster verschönern lassen. Besonders die Ecke mit den Backbüchern.
Doch sonst fand sie nichts weiter, weder in diesem noch in den nächsten Kartons. Schließlich erhob sich Silvana mit einem kleinen Stapel Bücher im Arm und sah fragend auf ihre Freundin hinab. »Wollen wir dann weiter?«
Corrie nickte, griff zu dem Bären und den Keksformen und stand auf. »Ich glaube, jetzt kann ich wirklich einen Kaffee vertragen.«
Nachdem sie ihre Funde bei dem Fee bezahlt hatten und Corrie noch einen letzten Blick auf die Zeichnung geworfen hatte, saßen sie kurze Zeit später wieder im Auto. Während der Fahrt dachte Corrie noch über die Vorliebe der alten Dame für Perytons nach und was sie sich unter einer Sylphe vorzustellen hatte. Ihre Gedanken wurden jedoch jäh unterbrochen, als sie den Wagen auf den Parkplatz des Blackwood Lakeview steuerte.
»Gibt es heute etwas umsonst?«, entfuhr es ihr.
»Albian ist nun einmal der beste Konditor weit und breit«, erwiderte Silvana und wies zu einer Lücke, die sie entdeckt hatte. »Auch für normale Menschen.«
Im Erdgeschoss waren so gut wie alle Tische belegt. Doch ihr Ziel war ohnehin das Obergeschoss, das den gewöhnlichen Besuchern vorenthalten blieb und das Corrie und Silvana zudem ungleich gemütlicher fanden. Kühl strich die magische Barriere über ihre Gesichter, während sie die Treppe hinaufstiegen. Hier oben waren die dunklen Stühle und Bänke mit einem gobelinartigen Stoff bezogen, und magische Buntglasfenster schützten die Besucher vor allzu neugierigen Blicken von außen. Im Kamin prasselte ein wärmendes Feuer, das je nach gewünschter Atmosphäre die Farbe wechselte. Heute brannte es in einem behaglichen Kupferton.
Kajsja kam ihnen mit einem Tablett in der Hand entgegen.
»Schön, euch zu sehen«, begrüßte sie die beiden Freundinnen und balancierte die gestapelten Tassen und Teller an ihnen vorbei zur Treppe. »Setzt euch. Ich bin gleich wieder zurück!«
Corrie wollte Silvana gerade einen Platz nahe dem Kamin vorschlagen, als sich plötzlich Silvanas Handy meldete.
»Yazeem?«, fragte Corrie.
Silvana schüttelte den Kopf. »Talisienn.« Sie hob das Telefon ans Ohr. »Ja, Tal?«
Corrie konnte zwar nicht verstehen, was er sagte, aber als sich Silvanas Gesichtsfarbe veränderte und sie sich merklich versteifte, begriff sie, dass der Anruf ernst war. Fragend hob sie den Autoschlüssel.
Silvana nickte, während sie weiter den Worten des Vampirs lauschte. »Natürlich, Tal. Wir kommen sofort. Ja, bis gleich.« Sie ließ das Telefon sinken und schluckte. »Wir müssen zu Talisienn. So schnell es geht.«
Vampir in Not
Auf dem Weg zum Haus der McCaers sprach Silvana kein Wort. Angespannt saß sie neben Corrie, nagte unruhig an ihrer Unterlippe und schielte immer wieder auf den Tacho.
»Ich fahre schon schneller, als ich darf«, bemerkte Corrie sanft, was ihre Freundin jedoch nur mit einer Mischung aus Brummen und Seufzen quittierte. Natürlich wusste sie, dass Corrie nichts dafür konnte, aber sie hätte sich im Moment am liebsten wie Kajsja einfach durch ein Portal ins Haus der McCaers gezaubert.
Bereits am Freitag hatte Talisienn ihr am Telefon gesagt, dass er sich nicht gut fühlte und ihren gemeinsamen Ausflug nach Everfields, wo sie mit den ersten Weihnachtseinkäufen hatten beginnen wollen, lieber absagen würde. Silvana hatte ihm angeboten, vorbeizukommen, doch der Vampir hatte abgelehnt und sie damit beruhigt, dass Donn da war, um nach ihm zu sehen. Was war geschehen, dass Talisienn nun sie und Corrie um Hilfe bat? War Donn nicht da? Oder …
Unruhig rutschte Silvana auf dem Sitz herum. Ein Gedanke begann, in ihr zu keimen. Ein Gedanke, den sie eigentlich bereits vor Monaten als zu absurd abgetan hatte, als sie mit Corrie und den Leseratten über den Verräter nachgedacht hatte.
Sollten sie doch recht gehabt haben mit ihrem Verdacht? Donnalds Verhalten, dass er öfter als sonst fortgefahren war und sich mit Terminen herausredete, wenn Talisienn es zur Sprache gebracht hatte, hatte sie damals schon mit Misstrauen erfüllt, und auch Yazeem hatte es als ungewöhnlich erachtet. Der Hexer hatte sich zuerst noch über seine neu gewonnene Freiheit gefreut, die selteneren Bevormundungen, aber mittlerweile, so wusste Silvana, hatte auch er begonnen, sich zu sorgen. Hatte Talisienn etwas herausgefunden, das er ihnen mitteilen wollte? Hatte Donn ihn und sie doch getäuscht? Hatte der Hexer deshalb so elend am Telefon geklungen? Silvana biss sich auf die Lippe und versuchte, den Gedanken wieder aus ihrem Kopf zu verbannen. Wenn es wirklich so wäre, hätte sich Talisienn nicht gemeldet, um sie zu sich zu rufen und damit möglicherweise in Gefahr zu bringen. Er hätte sie vielmehr gewarnt und aufgefordert, sich Schutz zu suchen. Es musste etwas mit ihm selbst zu tun haben, und dieser Gedanke bereitete ihr fast noch größeres Unbehagen als der, dass Donn doch ihr gesuchter Verräter sein könnte. Sie hatte in den Monaten, seit sie sich kennengelernt hatten, noch nicht herausgefunden, warum er als Vampir oft genug in keiner guten Verfassung war, ein Umstand, den ihm auch Donn regelmäßig vorzuhalten pflegte. Hatte sich sein Zustand seit Freitag so sehr verschlimmert, dass er sich nicht mehr alleine helfen konnte? War Donn wieder zu einem dieser ominösen Termine aufgebrochen und nicht für Talisienn erreichbar? Hatte er sich deshalb dieses Mal an sie gewandt?
Silvana schluckte. Was würden sie vorfinden, wenn sie bei den McCaers ankamen? Sie spürte, wie die Angst ihr Herz schneller schlagen ließ, und versuchte, die aufkeimende Panik niederzukämpfen. Sie sah auf ihre Hände, die nervös mit dem Riemen ihrer Handtasche spielten. Und auf das Armband, das Talisienn ihr bei ihrem Ausflug nach Middledale vor zwei Wochen geschenkt hatte und das nun das Handgelenk jener Hand zierte, die der Hexer dabei gehalten hatte.
Sie berührte den fein gearbeiteten, weißen Anhänger in Form einer Lilie, der von dem dreifach verschlungenen Lederband hing. Sie hatten so viel Spaß gehabt an dem Tag. Und vor zwei Tagen hatten sie sich einen ebenso angenehmen Tag in Everfields machen wollen.
Warum hatte sie nicht noch einmal angerufen? Warum hatte sie sich nicht erkundigt, wie es ihm ging?
Die Antwort konnte sie sich selbst geben: aus Angst, Donn am anderen Ende zu haben und von ihm angefahren zu werden. Und aus Angst, dass sich Talisienn bedrängt fühlte. Und dieser Angst war es jetzt zu verdanken, dass sie nun eine noch größere Furcht verspürte …
Ihre Gedanken rissen abrupt ab, als Corrie den HY rumpelnd in die Auffahrt der McCaers lenkte. Sie hatte die Bremse noch nicht vollständig angezogen, als Silvana bereits heraussprang und um den Wagen herum zur Haustür eilte.
»Silvie?«, rief Corrie irritiert und folgte ihr mit raschen Schritten.
Silvana kramte bereits in ihrer Handtasche und zog ihren Schlüsselbund hervor.
Corrie runzelte die Stirn. »Du hast einen Schlüssel? Seit wann?«
»Seit vorletzter Woche«, erwiderte Silvana und sah ihre Freundin vielsagend an. »Für Notfälle. Aber sag Donn bloß nichts davon.«
»Ich werde mich hüten«, murmelte Corrie und hob abwehrend die Hände, bevor sie Silvana ins Haus folgte.
Im Flur brannte Licht, und Corrie sah stirnrunzelnd zu der völlig untypischen Unordnung, die an der Garderobe der Vampire herrschte. Silvana rief bereits Talisienns Namen. Sie hörten die heisere Antwort im selben Moment, in dem Corrie das tragbare Telefon auf den Fliesen entdeckte, dem die Abdeckung und der Akku fehlten. Beides lag einen halben Meter weiter vor der Küchentür.
Silvana stieß einen unterdrückten Aufschrei aus. »Guter Gott, Talisienn!« Sie stürzte die Treppe hinauf, auf deren Mitte sich der Hexer krümmte.
»Ich wollte euch öffnen«, hörten sie ihn heiser hervorbringen.
Silvana, die neben ihm hockte und ihm über die Schulter strich, schüttelte den Kopf. Corrie bemerkte, dass sie mit den Tränen kämpfte. »Ich habe doch einen Schlüssel, Tal.«
Der Vampir stöhnte leise. »Richtig. Wie dumm …«
»Kannst du aufstehen?«, fragte Corrie und kniete sich ebenfalls neben ihn.
»Nur mit Hilfe«, erwiderte der Vampir matt.
Corrie sah über seinen Rücken hinweg Silvana an. »Wohin?« Silvana holte tief Luft. »Ins Wohnzimmer.«
»Gut.«
Gemeinsam fassten sie Talisienn vorsichtig unter den Armen, richteten ihn, so gut es ging, auf und stützten ihn auf der Treppe und dem Weg ins dunkle, kalte Wohnzimmer.
Als Silvana im Vorbeigehen mit dem Ellbogen den Lichtschalter betätigte und die Lampen im Wohnzimmer aufflammten, sah Corrie sich erstaunt um. Die Unordnung hatte auch hier Einzug gehalten. Kissen und Decken waren auf dem ganzen Sofa und dem Fußboden davor verteilt, ein Glas lag auf dem Couchtisch, der dunkelrote Inhalt war auf der Platte und dem Teppich darunter verschüttet, und zwei Stühle lagen umgestürzt vor dem Esstisch.
Doch darum konnten sie sich auch später noch kümmern. Zunächst ließen sie den Hexer behutsam auf das Sofa sinken. Silvana strich ihm vorsichtig das lange Haar aus dem Gesicht, und Talisienn schloss erschöpft die Augen.
Im Licht war deutlich zu erkennen, wie bleich der Vampir war. Seine trockenen Lippen zeigten bereits Risse, und auf seiner Wange prangte eine blutige Schramme, die vermutlich vom Sturz auf der Treppe herrührte. Silvana griff zu einer Decke und breitete sie über ihm aus. »Wieso bist du alleine, Tal? Wo ist Donn?«, fragte sie und setzte sich zu ihm, während Corrie im Kamin ein wärmendes Feuer anzündete.
»Das weiß ich nicht«, erwiderte Talisienn leise und schluckte mühsam.
Silvana ließ ihren Blick über den Tisch wandern, über die dunkelrote Flüssigkeit, von der ein metallischer, bitterer Geruch ausging, zu den verstreuten Kissen und den herumliegenden Stühlen. Hatten die beiden eine Auseinandersetzung gehabt? Hatte Donn ihn deshalb absichtlich allein gelassen? Wenn dem so sein sollte, konnte sich Donn auf etwas gefasst machen, wenn er wiederkam. Egal wie wütend er vielleicht gewesen war – Talisienn in einer solchen Situation allein zu lassen, war einfach unverantwortlich.
Sie strich über die kalte Wange des Hexers. »Du brauchst dringend Blut«, stellte sie fest.
Talisienn nickte kaum merklich und verzog schmerzerfüllt das Gesicht. »In der … Küche …«, brachte er mühsam hervor.
»Ich gehe schon«, sagte Corrie und erhob sich. Im Kamin begannen die ersten Flammen, knisternd an dem trockenen Holz zu lecken. »Bleib du hier bei ihm.«
»Danke.« Silvana nahm behutsam Talisienns Hand und drückte sie tröstend. Sie spürte, dass er den Druck zu erwidern versuchte, doch seine Finger waren erschreckend schwach.
Sie betrachtete das blasse Profil des Vampirs. Als sie das schmerzerfüllte Zucken in seinen Mundwinkeln bemerkte, presste sie die Lippen zusammen. Wie oft hatte er hinter einem Lächeln verborgen, wie es ihm wirklich ging? Und wie schlimm musste es jetzt sein, wenn er es über sich gebracht hatte, sie doch um Hilfe zu bitten? Ihre Gedanken wurden von Corrie unterbrochen, die wieder ins Wohnzimmer kam.
»Ich habe Wasser aufgesetzt«, sagte sie und stellte eine Tasse mit Blut auf den Tisch, bevor sie Silvana half, Talisienn zum Sitzen aufzurichten. »Und den Eintopf aus dem Kühlschrank.« Silvana nahm die Tasse mit Blut und setzte sie dem leise stöhnenden Vampir an die Lippen. Talisienn versuchte, sie mit seinen Händen zu fassen, doch seine Finger zitterten so sehr, dass Silvana die Tasse nicht eher losließ, bis er sie mit hastigen Zügen geleert hatte. »Noch mehr?«, fragte sie.
Talisienn, der erschöpft den Kopf auf die Sofalehne hatte sinken lassen, nickte. »Bitte. Eine Tasse noch. Vielleicht lauwarm?«
»Und Tee für uns alle«, fügte Corrie hinzu, während sie aufstand und Silvana die Tasse auf dem Weg zur Tür aus der Hand nahm.
Silvana zog dem Vampir die Decke etwas höher und griff nach seiner Hand. »Ich hätte dich heute Morgen anrufen sollen«, flüsterte sie betrübt. »Es tut mir leid.«
Die Finger, die sich um ihre schlossen, waren noch immer kalt und kraftlos, aber so schwach ihr Griff auch sein mochte, lag doch etwas Bestimmendes darin. »Das muss es nicht, Silvana. Es hätte nichts geändert«, bemerkte er mit leiser Stimme. »Ich wollte nicht, dass du mich so siehst. Ich wollte nicht, dass du oder überhaupt einer von euch den Eindruck bekommt, dass Donn recht hat und ich nicht für mich selbst sorgen kann. Dass ich nicht weiß, was und wann ich mir etwas zumuten kann. Dass ich nur ein schwacher, dummer Krüppel bin.« Der Hexer hielt die Augen geschlossen, als habe er trotz seiner Blindheit Angst, sie anzusehen.
Silvana sah auf seine Hand, während sie seine beringten Finger streichelte. Einerseits konnte sie ihn verstehen, andererseits war sie enttäuscht, dass er ihr offenbar so wenig vertraute. Einen Moment lang war nur das Klappern des Geschirrs in der Küche zu hören.
»Ich habe gesehen, wozu du fähig bist«, begann Silvana schließlich und fasste seine Hände fester, in die langsam etwas Wärme zurückzukehren begann. »Und das waren nicht die Taten eines Krüppels, der nicht über sich selbst bestimmen darf. Das einzig Dumme, das du heute getan hast, war, mich nicht eher anzurufen. Du musst mir gegenüber nichts beweisen, Tal. Ich bin für dich da, egal ob es dir gut geht oder schlecht. Und dass ich nicht viel auf Donns Meinung gebe, solltest du mittlerweile wissen.«
Darauf brachte der Vampir ein beinahe belustigtes, wenn auch noch schwaches Lächeln zustande. »Ja, ich denke, das weiß ich.« Er hob die Lider, und Silvana hatte das Gefühl, dass er ihre Aura genau musterte.
Der Moment blieb jedoch nicht lange. »Der Tee ist fertig!«, rief Corrie und kam mit einem Tablett in der Hand wieder ins Wohnzimmer zurück.
Talisienn schenkte Silvana noch ein sanftes Lächeln und strich tastend über ihr Armband. »Danke, dass ihr so schnell gekommen seid«, sagte er leise. »Und jetzt keine Sorgen mehr, ja?«
Silvana biss sich kurz auf die Lippe, nickte aber und wandte sich dann ihrer Freundin zu, die ihr eine neue Tasse Blut für Talisienn entgegenhielt.
»Geht es dir wieder etwas besser?«, fragte Corrie und setzte sich mit dem Tee in der Hand dem Vampir und ihrer Freundin gegenüber, nachdem sie das Tablett abgestellt hatte.
Talisienn, der die Tasse unter Silvanas aufmerksamem Blick dieses Mal selbst an seine Lippen führte, nickte kurz.
»Deutlich.«
»Kannst du uns dann erzählen, was hier eigentlich passiert ist?«
»Wenn ich das nur selbst wüsste, Corrie«, erwiderte der Vampir und trank noch einen Schluck Blut. »Mein Bruder ist mir ein absolutes Rätsel geworden.«
»Hattet ihr Streit?«
Talisienn lächelte humorlos. »Streit? Dazu hätte es einen Wortwechsel gebraucht. Aber mein Bruder war schon immer mehr der Mann der Taten als der Worte. Mit ihm etwas zu diskutieren, ist noch nie besonders gut gelaufen. Wobei er mir früher wenigstens noch zugehört hat. Oder ich hatte zumindest den Eindruck.«
Silvana sah zu einem zerknickten Buch, das Corrie auf dem Weg in die Küche vom Boden aufgehoben und zu den Kissen auf die Liege gelegt hatte. So wie es aussah, musste es jemand mit Wucht geworfen haben. »Ist er für das Chaos hier verantwortlich?«
Talisienn schnaubte leise. »Allerdings. Und das alles nur, weil ich ihm gesagt habe, dass ich mir Sorgen um ihn mache.«
Noch nie hatte Silvana solch eine Verbitterung in den Zügen des Vampirs gesehen. Es passte nicht zu ihm, und die Tatsache, dass Donn schuld daran war, schürte ihre Wut auf ihn nur umso mehr.
»Wie kann das zu solch einem Wutausbruch führen?«, fragte Corrie mit gerunzelter Stirn.
Talisienn ließ die Tasse sinken und schloss die Augen. »Ich weiß es nicht«, antwortete er leise.
Silvana zog die Brauen zusammen. In ihren Augen war Donn der Inbegriff eines Unsympaths, und sie fragte sich ernsthaft, wie Talisienn es all die Jahrhunderte mit ihm ausgehalten hatte.
Der Vampir schien ihre Gedanken zu erahnen. »Ich weiß, dass Donn dir immer noch das Gefühl zu geben versucht, dass du hier nicht willkommen bist und ihr beide keine Hilfe von uns erwarten könnt. Aber so ist er sonst nicht. Er ist kein missmutiger, unfreundlicher Klotz, der anderen gerne das Leben schwer macht. Er ist eigentlich ein sehr fürsorglicher, sensibler Mann. Und verlässlich.« Er senkte den Kopf. »Jedenfalls war er das bis vor ein paar Monaten noch.«
»Und was ist dann passiert?«
»Das, was ihr auch mitbekommen habt. Die angeblichen Termine, die er auf einmal hatte. Wichtige Präsentationen. Geschäftsessen, um weitere Details zu besprechen. Natürlich hat es das früher auch schon gegeben. Aber dafür war er nie ganze Wochenenden fort. Und er ist auch noch nie aggressiv geworden, wenn ich ihn gebeten habe, den Termin zu verschieben. Anders als in den letzten paar Wochen. Also habe ich ihn am Freitag zur Rede gestellt.« Talisienn schloss die Augen und atmete tief durch. »Er kam gerade nach Hause, während wir telefoniert hatten, Silvana und ich. Als ich ihn mit seinem Verhalten mir gegenüber konfrontierte, fing er gleich an, herumzubrüllen. Er warf mir an den Kopf, dass es mir doch egal sein kann, wo er ist, solange er mir meine Rezepte holt. Seinen Worten folgte die Tablettenpackung.« Betroffen hörte Silvana den Worten des Vampirs zu, der nun erbost die Kiefer aufeinanderpresste. »Ich habe versucht, ihn zu beruhigen, ihm gesagt, dass ich mir Sorgen mache. Doch meine Worte erreichten nur das Gegenteil. Und schließlich blieb ich ohne Antworten in diesem Chaos zurück.«
»Soll das heißen, Donn ist schon seit Freitag fort?«, fragte Silvana bestürzt.
»Ich hatte angenommen, dass er zurückkommt, sobald er sich wieder beruhigt hat«, sagte Talisienn. »So wie immer, wenn er wusste, dass ich ihn brauche.«
»Aber dieses Mal nicht«, stellte Corrie fest und sah dabei zu Silvana, die grimmig die Lippen zusammengepresst hatte.
»Dieses Mal nicht«, bestätigte Talisienn. »Wenn ich geahnt hätte, dass er fortbleibt, hätte ich euch sicherlich schon viel eher angerufen und nicht erst, als es nicht mehr anders ging.« Er wandte den Blick seiner blinden Augen in Silvanas Richtung. »Ich hatte versucht, aufzuräumen und die Tablettenpackung zu finden, aber ich schaffte es einfach nicht. Und schließlich habe ich mich nach oben in mein Zimmer zurückgezogen. Letztendlich war das der größte Fehler, denn ich habe es danach nicht mehr geschafft, hinunterzugehen. Erst als ich euren Wagen gehört habe, habe ich es noch einmal versucht. Es tut mir leid, dass du mich so sehen musstest. Das hatte ich eigentlich vermeiden wollen.«
Corrie war aufgestanden und suchte den Boden ab. Schließlich ging sie in die Knie und erspähte die leicht zerdellte Packung unter dem Sessel, auf dem sie gesessen hatte.
»Kein Wunder, dass du sie nicht gefunden hast«, murmelte sie, als sie die Packung hervorzog und Silvana reichte. Diese drückte eine der Tabletten aus dem Blister und reichte sie dem Vampir, der sie mit dem restlichen Blut aus der Tasse herunterspülte.
Doch auch, wenn der Hexer mittlerweile wieder deutlich mehr Farbe hatte und die Tasse in seinen Händen nicht mehr zitterte, war die Sorge um ihn in Silvana noch sehr präsent.
»Für einen Moment hatte ich wirklich Angst, Donn hätte dir etwas angetan«, gestand sie leise.
Talisienn hob die Brauen. »Donn mir? Warum sollte er so etwas tun?«
»Weil wir befürchtet hatten …«, begann Silvana und stockte. Sie konnte ihm etwas Derartiges doch nicht einfach so sagen!
»Ja?«, fragte Talisienn langsam, als sie nicht weitersprach.
»Wir hatten befürchtet, dass Donn der zweite Verräter neben Veron sein könnte«, antwortete Corrie statt ihrer Freundin.
»Wirklich?«, fragte Talisienn erstaunt und lachte auf. »Hat es dieser dumme Esel tatsächlich geschafft, dass ihm die Leute zutrauen, für Lamassar zu arbeiten?« Er wurde wieder ernst. »Ich nehme es euch nicht übel, keine Sorge. Ich kann eure Gedanken nachvollziehen. Donn ist nicht gerade ein einfacher Charakter, und er hat es euch mit seinem Verhalten schwer gemacht, an seine guten Absichten zu glauben. Aber ein Verräter ist mein Bruder nicht, dafür lege ich meine Hand ins Feuer.« Er stellte tastend die Tasse zurück auf den Tisch. »Und außerdem wäre er sonst schon längst …« Er brach ab und runzelte die Stirn.
»Was hast du?«, fragte Silvana argwöhnisch.
»Mir ist gerade ein Gedanke gekommen, den ich vorher noch nicht gehabt habe. Den ich aber schon längst hätte haben sollen.«
Corrie neigte erwartungsvoll den Kopf. »Und der wäre?«
»Ich denke, wenn ihr dem Verräter auf die Spur kommen wollt, dann solltet ihr überlegen, wer die ganze Zeit über nicht einmal das Haus verlassen hat, um nicht in die Nähe der Aare zu gelangen.« Damit lehnte der Vampir sich zurück und zog sich die Decke etwas höher.
Silvana hatte ihre Freundin angesehen und genau wie Corrie verblüfft die Brauen gehoben. Diesen Gedanken hatte in der Tat noch niemand von ihnen gehabt. Aber natürlich passte es. Die Aare würden sich auf jeden stürzen, der auf Lamassars Seite stand. Wer also hatte in der ganzen Zeit nicht einmal das schützende Haus verlassen? Die Ersten, die ihr einfielen, waren Phil und Scrib. Beide wussten zudem noch über alle Vorkommnisse und Verstecke in der Taberna Bescheid, beide waren von Anfang an dabei gewesen, auch damals schon … Dagegen sprach jedoch, dass sie auf die Bücher aufgepasst hatten, anstatt sie zu zerstören, und in den vergangenen Monaten mehr als genügend Zeit und Gelegenheiten gehabt hätten, den Plan, Lamassar zu stoppen, zu vereiteln. Nein, die Ratten schieden aus. Alexander, Yazeem, Donn, Albian … sie alle hatten die Taberna betreten und auch wieder verlassen, ohne dass die Aare sie angegriffen hätten. Ebenso Kajsja und Talisienn selbst. Keiner von ihnen konnte also der Verräter sein.
Corries Gedanken gingen hingegen in eine andere Richtung. Sie überlegte nicht nur, wer das Haus nicht verließ, um die Aare zu meiden – sondern auch, wer den Aaren noch nie in irgendeiner Form begegnet war. Dabei dachte sie vor allem an die Mitarbeiter der Magischen Schriftrolle. Was, wenn Veron dort noch einen Verbündeten gehabt hatte? Jemanden, der als langer Arm von Lamassar fungiert, der alles geplant und durchgeführt hatte? Jemand, der Magie beherrschte und das Rätsel für Lamassar hatte lösen können … Corrie spürte, wie ihr Herz kurz aussetzte, bevor es zu rasen begann. Zuerst hatte sie an Vincent gedacht, doch auch wenn der Faun ein fotografisches Gedächtnis besaß und sie mit ihm über das Buch von Angwil gesprochen hatten, wäre er nicht unbedingt in der Lage gewesen, das magische Rätsel zu lösen. Aber es gab jemanden, auf den all ihre Überlegungen zutrafen. Jemand, der sich perfekt anpassen konnte. Den sie noch nie vorher verdächtigt hatten. Corrie räusperte sich. »Ich glaube … ich hätte da eine Idee.«
Talisienn blickte sie auffordernd an. »Nur zu.«
Corrie sah auf ihre Hände hinunter. Sollte sie es wirklich sagen? Waren die Anzeichen deutlich genug? Oder waren ihre Gedanken völlig aus der Luft gegriffen? Was würde geschehen, wenn sie den Namen aussprach, die Person sich jedoch als unschuldig erweisen sollte? Und was, wenn sie den Namen für sich behielt, die Person am Ende aber tatsächlich der Verräter war, den sie suchten?
»Corrie?«, weckte sie Talisienns sanfte Stimme aus ihren Gedanken. »Alles in Ordnung?«
Corrie atmete tief durch. »Ich glaube, es könnte Marica sein.«
»Marica?«, entfuhr es ihrer Freundin ungläubig. »Wie kommst du denn darauf? Sie hat uns geholfen, uns unkenntlich zu machen, als wir in Port Dogalaan die Zutaten für das Festtagstörtchen gekauft haben.«
»Veron hat uns gegen Sahade auch geholfen«, hielt Corrie dagegen. »Und außerdem könnte sie genau diese Fähigkeit wunderbar gegen uns einsetzen. Sie kann ihre Gestalt nach Belieben ändern, Silvie! Wir würden sie niemals erkennen, wenn sie in Port Dogalaan hinter uns herspionieren würde – oder wenn sie schon vor Veron durch das Portal im Keller gekommen wäre und dann ihre Gestalt verändert hätte, um ungestört im Laden sabotieren zu können!« Sie sah Talisienn an. »Hätten Alexanders Schutzzauber sie davon abgehalten?«
»Jetzt schon«, erwiderte Talisienn. »Aber vor den Ereignissen um Veron nicht. Wir hätten niemals gedacht, dass uns jemand verraten könnte, der weiß, wie man das Portal aktiviert.« Er senkte den Kopf. »Offenbar haben wir eine Menge nicht bedacht.«
»Niemand schafft es, an alles zu denken«, sagte Silvana beschwichtigend und strich behutsam mit der Hand über Talisienns Schulter. »Vor allem, wenn sie so völlig unmöglich erscheinen wie der Verrat eines Freundes.«
Talisienn nickte. »Und trotzdem sind es gerade diese Dinge, an die wir vor allem hätten denken sollen.« Mit einem Seufzen richtete er sich auf. »Aber genug davon. Es lohnt auf jeden Fall, deinem Gedanken nachzugehen, Corrie. Wenn es wirklich Marica ist, könnte sie aus der Magischen Schriftrolle heraus agieren, ohne die Aare fürchten zu müssen.« Er ließ sich wieder zurücksinken und schloss die blinden Augen. »Darum kümmere ich mich als Nächstes. Könntet ihr mir bis dahin einen Gefallen tun?«
»Herausfinden, wohin Donn verschwindet?«, riet Corrie.
»Ich wüsste nicht, wen ich sonst bitten sollte«, seufzte Talisienn. »Ich weiß, dass ihr schon genug andere Dinge zu tun habt, aber … es ist mir wirklich wichtig. Und euch vertraue ich. Er wird es mir sicherlich nicht freiwillig erzählen, und einen weiteren Vorstoß wie am Freitag wage ich vorerst nicht mehr. Wenn ihr es also irgendwie einrichten könntet …«
Corrie sah ihre Freundin fragend an. Für sie war die Zusage selbstverständlich, wenn es Talisienn so wichtig war, und sie war sich sicher, dass auch Silvana seiner Bitte zustimmen würde – und sei es nur, um Donn, nachdem sie herausgefunden hatten, was er trieb, endgültig den Hals umzudrehen. Trotzdem war es ihre gemeinsame Entscheidung.
Als Silvana grimmig nickte, nickte auch Corrie. »Natürlich. Wir lassen uns etwas einfallen.«
»Ich danke euch.« Über Talisienns Gesicht huschte ein erleichtertes Lächeln. »Und jetzt habe ich euch den Abend zur Genüge verdorben. Ich denke, ich werde …« Er wurde vom Klingeln des Telefons unterbrochen, das Corrie wieder zusammengesetzt und auf den Tisch gelegt hatte. Silvana wusste, dass die wichtigsten Nummern mit einem eigenen Klingelton belegt waren, und an Talisienns Gesichtsausdruck erkannte sie, dass ihn der Anruf erstaunte – und irritierte.
»Donn?«, fragte sie.
Der Hexer schüttelte jedoch den Kopf. »Jemand, mit dem ich jetzt gerade überhaupt nicht gerechnet habe.« Er tastete nach dem Telefon und drückte die Taste zur Annahme. »Einen Moment«, sagte er zu dem unbekannten Anrufer, »ich melde mich sofort wieder.« Dann legte er auf.
»Wir gehen dann jetzt besser«, sagte Corrie und erhob sich. »Glaubst du, dass du wieder allein zurechtkommst?«
»Sonst bleiben wir noch«, fügte Silvana hinzu. »Und räumen auf.«
Talisienn hob jedoch die Hand. »Ihr habt heute Abend schon genug für mich getan. Den Rest sollte ich jetzt wieder selbst schaffen können.«
»Aber wenn noch etwas ist …«, sagte Silvana und erhob sich widerstrebend.
»Melde ich mich«, beendete Talisienn ihren Satz und griff zielsicher ihre Hand. »Und dieses Mal rechtzeitig. Versprochen.« Seine Lippen küssten sanft ihre Finger. Silvana lächelte, auch wenn ihr gleichzeitig die Wärme in die Wangen schoss. Sie beugte sich vor, um ihn zu umarmen – und um ihre Röte vor Corrie zu verbergen. »Ich bin für dich da«, flüsterte sie ihm ins Ohr, bevor sie sich zu Corrie umwandte und zusammen mit ihr das Haus verließ. Draußen spürte sie die kühle, feuchte Nachtluft überdeutlich auf ihrem brennenden Gesicht und blieb stehen, um tief durchzuatmen. Corrie legte ihr sanft eine Hand auf den Arm. »Alles in Ordnung?«, fragte sie besorgt.
Silvana nickte. »Was für ein Tag.«
»Da stimme ich dir voll und ganz zu«, erwiderte ihre Freundin und lächelte vielsagend. »Aber ich habe eine gute Idee, wie wir ihn ausklingen lassen könnten.«
Silvana hob die Braue. »Und das wäre?«
Corrie zog den Schlüssel des HY hervor. »Ich mache uns einen schönen, heißen Grog – und dann schauen wir, ob uns ein Plan einfällt, wie wir Donns Geheimnis auf die Spur kommen.«
Faing
»Bitte sag mir nicht, dass es schon wieder nicht dabei war.« Silvana betrachtete stirnrunzelnd den morgendlichen Berg Bücher und Pergamente, die sich auf dem Tisch neben Vincents Schreibpult stapelten.
Der Faun sah von seiner Liste auf und bedachte erst den Stapel, dann Silvana mit einem fragenden Blick. »Was genau?«
»Die Abhandlung über die Rituale der Skreile.« Vincent schürzte die Lippen. »Ich bedaure.«
»Ganz sicher nicht?«
Der Faun schenkte ihr ein irritiertes Lächeln. »Ganz sicher.
Du brauchst nicht zweimal zu fragen.«
»Schon gut.« Silvana unterdrückte ein Seufzen. »Ich weiß ja, dass du alles im Kopf hast.«
»Du könntest oben noch einmal nachfragen, warum es so lange dauert«, schlug Vincent vor.
»Das sollte ich vermutlich«, stimmte ihm Silvana resigniert zu. »Eventuell macht Shukar dann keinen ganz so großen Aufstand.«
»Frag am besten Fneck«, riet ihr der Faun. »Oder Faing.«
»Faing?«, wiederholte Silvana. »Dann ist das Skreile-Buch eins von den fliegenden?«
»In der Tat«, bestätigte Vincent, ohne von seinen Pergamenten aufzusehen.
Faing Ciar’Carlyf, ein Volar aus dem weit im Süden Terrovias liegenden Rist, war vor einem Monat als Nachfolger Verons eingestellt worden, nachdem langsam wieder der Alltag in der Magischen Schriftrolle eingekehrt war und Cryas sich dazu in der Lage gesehen hatte, den Posten neu zu besetzen. Faing war, wie der Halbelf vor ihm, für die fliegenden Bücher im Angebot der Buchhandlung verantwortlich – egal, ob es sich um einen der reich illustrierten Prachtbände aus Althasian oder eines der winzigen Hefte aus Musrum handelte, die unter der gläsernen Kuppel ihre Runden zogen. Viel hatten sie und Corrie allerdings in der kurzen Zeit noch nicht mit ihm zu tun gehabt.
Silvana verabschiedete sich also von Vincent, schob sich an den heute besonders eng stehenden Kisten und Truhen im Flur vorbei, ignorierte das Heulen von Mutopis’ Manifest und öffnete schließlich die Tür zur Magischen Schriftrolle.
Einen Moment lang blieb sie im Rahmen stehen und atmete tief ein. Die Eingänge der Buchhandlung standen weit offen, und mit der angenehm frischen Luft schwebte der Duft nach dem Meer und der zahlreichen Bäckereien auf der Promenade herein. Wenn es die Zeit zugelassen hätte, wäre Silvana gerne hinausgegangen, hätte sich bei Danah einen Quaker geholt, bei Lissha, der Minotaurin im Geschäft daneben, einen ihrer leckeren Tees und hätte eine Weile den Ausblick auf die Schiffe genossen, die in Port Dogalaan einliefen oder den Hafen wieder verließen, um zu weit entfernten Gestaden zu segeln. Oder sie hätte die bunt gemischte Kundschaft aus allen erdenklichen Rassen betrachtet, die über die Promenade wanderte und die Waren der Schneider, der Papierschöpfer und magischen Tintenbrauer, der Kerzenzieher, Federbinder und Edel-Sattler begutachtete. Nie hätte sie zu Beginn dieser ganzen Sache gedacht, dass ihr Herz einmal so an diesem Ort hängen würde – aber wenn alles endlich vorbei war, wenn sie alle Bücher gefunden und Lamassar besiegt hatten, würde sie ihren ersten Urlaub definitiv hier verbringen. Und wenn es Talisienn gut genug ging, würde sie ihn mitnehmen. Zu einer Fahrt mit der Hippocampus-Kutsche. Und vielleicht einem Abendessen in einer der Tavernen. Wenn er es denn wollte. Sie war sich noch immer nicht sicher, was es war, das sie spürte, wenn sie an ihn dachte. Oder wie sie seine Gesten zu deuten hatte. Ohne Frage genossen sie beide die Zeit, die sie miteinander verbrachten. Doch machte es wirklich Sinn, wenn sie sich dabei mehr erhoffte als reine Freundschaft? Sie dachte wieder an heute Morgen. Wie froh sie nach dem vergangenen Abend gewesen war, dass der Hexer sie angerufen und ihr mitgeteilt hatte, dass Donn wieder aufgetaucht war. Offenbar hatte sein Bruder sehr bestürzt darauf reagiert, dass Talisienn Silvana hatte anrufen müssen, weil es ihm so schlecht gegangen war. Immerhin zeigte er Reue. Auch wenn Silvana nicht glaubte, dass seine Ausflüge nun aufhören würden. Zu den finsteren Gedanken an Donn drängte sich nun auch noch der ungehaltene Wolkendrachen zurück in ihr Bewusstsein, und das leichte Lächeln, das bei dem Gedanken an die möglichen Unternehmungen mit dem Hexer ihre Lippen umspielt hatte, verschwand. Missmutig rümpfte sie die Nase, bevor sie sich auf den Weg ins Obergeschoss machte und dabei nach den Mitarbeitern der Magischen Schriftrolle
