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Mit gebrochenem Herzen und enttäuscht von den Frauen geht der junge Zürcher Arzt Daniel nach Wien, in der Hoffnung, seinen Schmerz zu vergessen. In der Stadt der Musik verliebt er sich unerwartet in die junge Hannah. Ist sie vielleicht doch seine grosse Liebe? Es beginnt eine turbulente Zeit und am Ende erwartet die beiden eine kleine Überraschung.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Ottilie Kaiser
Tafelspitz und Schweizer Käse
© 2021 ottilie kaiser
Umschlag, Illustration: ottilie kaiser
Lektorat, Korrektorat: ottilie kaiser
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-347-40557-8
e-Book
978-3-347-40559-2
Hardcover
978-3-347-40558-5
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Kapitel 1
Sie hatten Singapur schon lange hinter sich gelassen. Der Himmel über Südostasien war schwarz. Selten tauchte in der Ferne ein Stern am dunklen Firmament auf.
Hannah hatte es sich in ihrem Schlafsitz bequem gemacht. Die Fußstütze war hochgeklappt, die Rückenlehne zurückgestellt. Sie hatte sich zugedeckt, die Beine angezogen und schaute in Gedanken verloren aus dem Fenster. Gestern noch waren sie Gast in einem Dorf der Maori, der Ureinwohner Neuseelands. Es gab ein Lagerfeuer, es wurde gegessen und getanzt. Zum Abschied gab man sich einen Nasen-Kuss.
Es war der krönende Abschluss ihrer Reise durch das malerische Land der Hobbits auf der anderen Seite der Weltkugel, das ihrem Heimatland so ähnlich war. Überall grüne Wiesen, Wälder und Seen. Und Berge natürlich. Die Landschaft war so wie zu Hause, nur dass alles grösser und weitläufiger war. Selbst der Himmel schien viel weiter weg zu sein.
Die bunt bemalten, furchteinflößenden Gesichter der Maori tauchten vor ihr auf. Sie sah ihre herausgestreckten Zungen und die weit aufgerissenen Augen. Sie hörte die Schreie und die stampfenden Drohgebärden der Krieger. Kein Wunder, dass Kapitän Cook und seine Crew Angst bekommen hatten, als sie nach monatelangem Segeln und Umherirren auf den unbekannten Weltmeeren endlich Land entdeckten. Neuseeland!
Halbverhungert und beinahe verdurstet, fast schon irr vor lauter Salzwasser und voller Sehnsucht nach Erde und Gras, betraten sie die traumhaft schöne, völlig fremde Insel. Sie sahen die grünen Palmen. Üppige, tropische Wälder begrüßten sie. Mit ihren schmutzigen Füßen glitten die Seeleute durch die puderweißen Strände. Irgendwo am Waldesrand standen fast nackte Maori-Frauen, die mit rhythmisch-tanzenden Beckenbewegungen den Fremden Blumen vor die Füße streuten. Plötzlich fiel eine Horde brüllender, keifender und offensichtlich auch übergewichtiger Eingeborener über die müden Eroberer her. All das bei grellem Sonnenlicht und glühend heißer Hitze!
Kein Wunder, dass die armen Engländer damals gar nicht dazu kamen, zu erkennen, dass alles nur Show war. Dass die Farben im Gesicht leicht abzuwaschen und die gebrüllten Droh-Rufe lange, mit viel Konzentration einstudiert worden waren. Um möglichst gefährlich und kriegerisch zu wirken, und um jeden ungebetenen Gast sofort in die Flucht zu schlagen.
"Hätten Sie noch gerne etwas zu trinken?", fragte die Stewardess.
Hannah schaute zu ihr auf. "Ein Glas Rotwein, bitte."
"Französischen oder italienischen?"
Hannah war unschlüssig.
"Ich kann Ihnen auch einen deutschen Rotwein anbieten. Aus dem Badischen", ergänzte die Stewardess freundlich und zeigte Hannah die entkorkte Flasche.
„Welchen Französischen haben Sie denn?", fragte Hannah.
"Einen Bordeaux.", antwortete die Stewardess.
"Gut, dann ein Achterl bitte."
"Und für Sie?", wandte sich die Stewardess an Daniel.
"Ich nehme auch ein Glas Bordeaux", bestellte er.
Hannah streckte sich und atmete tief durch. Ein kleiner Seufzer war zu hören. Vor ihr tauchten die Bilder der letzten Wochen auf. Bilder von den weiten, großteils unberührten Landschaften Neuseelands. Wiesen, Wälder, Berge, Täler und Seen. Zuhause in Österreich sah es auch nicht anders aus, nur waren die Dimensionen in Neuseeland dreimal so groß. Natur, wohin das Auge blickte, speziell auf der unteren, der nördlichen Insel. Dort, wo "Herr der Ringe" gedreht worden war. In diesen Wäldern wäre sie auch gerne ein Elb gewesen. Nicht unbedingt ein Hobbit. Aber eine engelsgleiche, zauberhafte Elbfrau mit mystischer Aura - das wäre nicht schlecht, oder?
Dunedin war urig. Im Prinzip so wie viele englische oder irische Städtchen, nur mit dem gravierenden Unterschied, dass dieser Ort auf der anderen Seite der Weltkugel lag. Wenn man die Weltkugel von Europa aus betrachtete. In einem typisch irischen Pub aßen sie Fisch-und-Chips. Das Guinness-Bier hatte sie zum ersten und wohl auch zum letzten Mal genossen. Was die Leute an diesem Gerstensaft so außergewöhnlich gut fanden?
Dass ein Pudding nicht immer ein Pudding im herkömmlichen Sinn sein musste, war eine unterhaltsame Erkenntnis. Sie hatte herzlich gelacht, als man ihr einen Yorkshire Pudding servierte und statt des erwarteten süßen Wackelpuddings, den sie schon als Kind gerne bei ihrer Großmutter gegessen hatte, dieses gebackene Unding mit dem Loch in der Mitte vor ihr auf dem Teller lag. Ein Erdbeben hatten sie nicht erlebt. Gott sei Dank!
Sie sah die endlos langen Sandstrände, hörte die rauschenden Wellen des Meeres, das Kreischen der Möwen, roch den Fisch und das Salz in der Luft. Und sie spürte die Menschenleere. Standen sich in Europa die Leute bereits gegenseitig auf den Füssen, weil nirgendwo ein Platz mehr war, so hatten sie und Daniel oft den ganzen Tag allein an einem Strand verbracht. Weit und breit keine Menschenseele. Sie nippte an ihrem Glas. Der Wein schmeckte gut, hatte einen runden, weichen Abgang.
"Hannah, wir müssen etwas besprechen." Daniels Stimme unterbrach ihre Träumerei. Sie richtete sich auf und wandte sich ihm zu.
"Die Sache mit New York", fing er an. "Wir werden es doch nicht so machen können, wie wir gedacht haben."
Hannahs Augen weiteten sich. "Wieso, was ist passiert?", fragte sie ihn verwundert.
"Schau, ich habe noch mal darüber nachgedacht." Er räusperte sich. "Es geht nicht, dass ich alle zwei Monate für eine Woche zu dir hinüberfliege. Das ist nicht machbar. Ich meine, machbar wäre es grundsätzlich schon, aber mit dem Jetlag und der Zeitverschiebung ist es leider nicht wirklich umsetzbar, verstehst du?"
"Ja, aber was willst du dann machen? Ich würde schon zu dir kommen, aber ich habe nur zwei Wochen Urlaub im Jahr. Die Amerikaner geben einem nicht mehr."
"Ich schlage vor, dass wir eine Pause einlegen." Hannah riss die Augen auf.
"Wie? Eine Pause??", wiederholte sie ungläubig.
"Wir sollten eine Beziehungspause einlegen, solange du in New York bist", sagte Daniel ernst.
Hannahs Gesicht erstarrte, ein Stein fiel auf ihr Herz. "Das heißt, du willst Schluss machen!" Ihre Stimme klang erstickt.
"Nein, Hannah, das habe ich nicht gesagt."
"Aber du meinst es so!" In ihrer Brust begann sich eine Welle der Bestürzung auszubreiten. Sie dachte kurz nach. "Soll ich nicht nach New York gehen?", fragte sie unsicher.
Daniel schluckte. Nein, sollst du nicht, dachte er.
"Nein, Hannah, du sollst nach New York, das ist eine tolle, vielleicht einmalige Chance für dich. Du musst das machen." Es fiel ihm schwer, diese Worte auszusprechen, aber er ließ es sich nicht anmerken.
"Du machst es dir sehr einfach", schimpfte Hannah. Sie war wütend. Und verletzt.
"Ich mache es mir keineswegs einfach." Er nahm ihre Hand. Aber Hannah zog sie sofort weg. Dabei mochte sie es, wenn er sie anfasste. Seine Berührungen lösten immer eine angenehme Wärme in ihrem Körper aus. Auch jetzt, in diesem Moment.
"Hannah!"
Sie drehte ihm ihren Rücken zu, zog die Beine wieder fest an sich und deckte sich zu.
"Hannah", versuchte Daniel es nochmal. Er bückte sich über sie. Sie konnte seinen Atem in ihrem Nacken spüren. "Bitte, Hannah."
Blitzartig drehte sie sich wieder zu ihm. Daniel fuhr erschrocken zurück. "Was meinst du mit Beziehungspause?", fragte sie mit gekränkter Stimme.
"Du sollst dich nicht gebunden fühlen", presste er aus sich heraus.
"Ich soll mich nicht gebunden fühlen", wiederholte sie leise vor sich hin.
"Du willst dich nicht an mich gebunden fühlen!", entfuhr es ihr prompt. Ein älterer Mann, der eine Reihe weiter vor ihnen saß, drehte sich zu ihnen um und schaute neugierig.
"Du denkst dir, jetzt ist sie für ein Jahr weg. Naja, mal sehen, was da so Neues dahergelaufen kommt. Wenn etwas Besseres dabei ist, dann habe ich freie Bahn, weil wir ja eine Beziehungspause eingelegt haben und keiner gebunden ist." Ihre Stimme klang schrill vor Erregung.
Der alte Mann hatte sich wieder weggedreht und vertiefte seine Nase in seine Lektüre.
Es gibt aber keine Bessere, dachte Daniel.
"Nein, Hannah, ich denke, dass dieser Acht-Wochen-Rhythmus uns beide zu sehr stressen würde. Ich stehe jeden Tag im OP. Mit Jetlag geht das nicht. Außerdem sollst du dich in New York frei bewegen können, frei entscheiden können und nicht andauernd daran denken, dass ich bald wieder vor der Türe stehe. Ich glaube, das wäre nicht gut für dich", sagte er.
Hannah hatte ihm wieder den Rücken zugedreht und nahm die Embryo-Position ein. Hastig deckte sie sich mit zwei Decken zu. Als sie Daniels Hand auf ihrem Körper spürte, lief ein wohliger Schauer von ihrem Kopf bis zu den Zehenspitzen. Er nahm sie an der Schulter, strich vorsichtig über ihren Oberarm und versuchte, sie zu sich zu drehen, während er nochmals leise ihren Namen sagte. Sie spürte ein Kribbeln in ihrem Bauch.
Dann begann sie, zu weinen. Still, ganz still weinte sie in ihr Herz hinein. Niemand in diesem verdammten Flugzeug sollte sie hören. Niemand sollte ihre Tränen sehen. Niemand. Sie schluchzte still vor sich hin, unterdrückte jeden Laut, der mit dem Schmerz vereint in ihrer Brust entstand. Aus ihrer Hosentasche kramte sie ein altes Taschentuch heraus, tupfte damit ihre Tränen ab und schneuzte sich leise.
Sie schloss die Augen und legte ihre linke Hand auf ihr Herz. So, als wollte sie ihr Herz beruhigen und es streicheln. Es festhalten und umarmen. Damit es aufhörte, weh zu tun. Die Wärme, die von ihrer Handfläche ausging, tat gut und fühlte sich auf ihrer Brust gut an. Aber das Herz beruhigen konnte sie damit nicht.
Während des restlichen Fluges sprach sie kein Wort mehr. Sie drehte sich auch nicht mehr um. Und irgendwann schlief sie endlich ein.
Kapitel 2
Die auch nach knapp zehn Stunden Flug immer noch gutgelaunte Stimme der Stewardess weckte Hannah. Als sie die Augen aufschlug, war es taghell. Sie ribbelte sich ihre Augen. O je, jetzt würden alle sehen, dass sie geweint hatte. Daniel würde es sehen.
Sie setzte sich mit gesenktem Blick auf und starrte aus dem Fenster. Solange es ging, wollte sie aus dem Fenster schauen und so ihr Gesicht verbergen.
"Guten Morgen, Hannah", hörte sie seine Stimme. "Hast Du gut geschlafen?"
Sie nickte, hielt ihren Blick abgewandt. Plötzlich spürte sie seine Lippen auf ihrer linken Wange. Er hatte ihr einen zarten Kuss gegeben. Ihr Herz verkrampfte sich. Mit aller Kraft wehrte sie sich gegen das aufschäumende Gefühl, doch letztendlich verlor sie. Eine große, dicke Träne kullerte über ihre Wange.
Rasch hielt sie das alte Taschentuch vor ihr Gesicht. Besser gesagt das, was noch davon übriggeblieben war. Sie fühlte sich müde, sehr müde.
"Für Sie auch Kaffee?", fragte die Stewardess.
"Nein, einen Orangensaft. Und ein Croissant", flüsterte sie kaum hörbar. Als ihr die Stewardess das Frühstück gab, konnte Daniel ihr Gesicht sehen. Ihre verquollenen, roten Augen. Ihre vom Taschentuch aufgeriebene, rote Nase.
Er erschrak: "Hannah!" Ein Stich, so scharf wie ein Messer, durchbohrte sein Herz. Das hatte er nicht gewollt. Nein, das hatte er wirklich nicht gewollt.
"Hannah", er nahm ihre Hand, aber sie entzog sie ihm wieder. Sie hielt ihren Blick gesenkt, nippte lustlos an ihrem Orangensaft. Dann drehte sie sich wieder weg und schaute aus dem Fenster. Zumindest tat sie so, als ob. Sie schloss die Augen und eine neue Träne tropfte zu Boden.
Wann landeten sie endlich!?
Unschlüssig saß Daniel neben ihr. Eigentlich sollte, eigentlich wollte er sie in seine Arme nehmen. Er wollte sie festhalten. Ganz fest an sich drücken, wie er es so oft in den letzten Jahren gemacht hatte. Aber Hannah zeigte ihm demonstrativ die kalte Schulter. Hatte er sie verloren? Er schluckte. Was sollte er in diesem gottverdammten Flugzeug auch machen?
Wann landeten sie endlich?!
Zwei Stunden später erreichten sie den Flughafen Zürich. Die Landung verlief reibungslos. Noch bevor die meisten anderen Passagiere überhaupt erst realisiert hatten, dass sie gelandet waren, kümmerte Daniel sich schon um das Handgepäck.
"Ich nehme es", sagte er rasch, als Hannah ihm helfen wollte. Nichts wie raus aus dieser Maschine!
Es war ein sehr stillschweigendes Heimkommen. Nach der Passkontrolle gingen sie ohne Umweg ins Parkhaus. Daniel startete den Motor seines Wagens. Er musste einige Versuche machen. Die Batterie war nach dem langen Stehen im Parkhaus fast leer. Hannah sagte nach wie vor kein Wort. Auch während der Fahrt nach Hause blieb sie stumm. Ihren Kopf hielt sie von ihm abgewandt. Trotzdem erkannte Daniel, wie sie mit dem alten, vergammelten Taschentuch immer wieder ihre Augen abtupfte.
Er griff in sein Seitenfach, zog eine Packung Taschentücher hervor und bot sie ihr an. Hannah nahm das Päckchen und schneuzte sich. Als sie in die Hauseinfahrt einbogen, ging die alte Nachbarin, die ein Stockwerk tiefer wohnte, gerade mit ihrem Dobermann spazieren. Die alte Dame winkte den beiden lächelnd zu. Der Hund bellte laut und wollte aufgeregt dem Auto hinterherlaufen. Nur mit Mühe konnte die kleine, zierliche Frau ihren Hund bändigen und zurückhalten.
Daniel nickte höflich zur Begrüßung. Hannah vergrub ihr Gesicht hinter dem Taschentuch und tat so, als müsste sie sich erneut schneuzen.
Oben in der Wohnung angekommen, ging Hannah schnurstracks ins Bad und schloss hinter sich ab. Das tat sie sonst nie. Daniel hörte das Rinnen des Duschwassers. Er schaltete die Heizung in der Wohnung höher und stellte die Koffer in das Schlafzimmer. Er sichtete die Post und setzte Teewasser auf. Die Dämmerung hatte bereits eingesetzt. Daniel schaute aus dem Küchenfenster.
Einige der Nachbarn hatten ihre Fenster mit Weihnachtsbeleuchtung geschmückt. Dort hing ein strahlender Stern im Fenster, da unten erkannte er einen heiter zwinkernden Weihnachtsmann. Es war das letzte Adventwochenende. Nächsten Samstag schon war Weihnachten.
Im Vorzimmer lag ein kleiner Tannenbaum. Daniel nahm ihn und trug ihn ins Wohnzimmer. Vor der Abreise nach Neuseeland hatte er seinen jüngeren Bruder Phillip um diesen kleinen Dienst gebeten. Danke, Brüderchen. Morgen wollte er ihn aufstellen und Hannah würde ihn schmücken. So wie jedes Jahr.
Seit sie zusammenlebten, hatten sie es so gemacht. Bereits Ende November waren sie zu einem Bauern aufs Land gefahren und hatten sich einen Baum ausgesucht.
Lange bevor die Christbaumverkäufer der Stadt ihre Plätze bezogen hatten, stand ihr Baum stolz und prächtig im Wohnzimmer. Hannah schmückte ihn jedes Jahr auf die gleiche Weise mit großen und kleinen Kugeln in Rot und Gold, mit Strohsternen, Holzfiguren und Äpfeln. Eine einzige Christbaumkugel war in Altrosa gefärbt, verziert mit geschwungenen, goldenen Ornamenten.
Hannah hatte sie von einem Christkindlmarkt aus Wien mitgebracht. Und obwohl diese Kugel sich farblich mit den anderen schlug, hing sie stets in vorderster Reihe. Unübersehbar. Auf Kerzen verzichteten sie. Auch wegen der Brandgefahr.
Im ersten Jahr war es für ihn noch ungewohnt, so früh einen Weihnachtsbaum im Wohnzimmer stehen zu haben. Er fand es übertrieben und kindisch. Aber als er Hannahs vor Freude leuchtende Augen sah, konnte er einfach nicht mehr widersprechen. Mit einer Mischung aus Verwunderung und Bewunderung hatte er sie beobachtet, wie sie behände den Baumschmuck anbrachte. Ruck zuck, und das Bäumchen war geschmückt!
Hannah liebte Weihnachten. Nicht nur den Baum, sie liebte alles an Weihnachten. Vanillekipferl und Zimtsterne, Glühwein und Kinderpunsch, Maronibrater und Christkindlmärkte. Sie liebte es, wenn sie dick eingemummt in Mütze, Jacke und Schal durch den Schnee stapfte, sofern Frau Holle sich als gnädig erwiesen hatte. Sie liebte die Lieder und vor allem die Lichter der Stadt.
Sie konnte sich nicht sattsehen an den weihnachtlichen Lichtspielen in der Innenstadt von Wien. Die riesigen Leuchtkugeln rund um den Wiener Stephansdom zogen sie alljährlich in ihren Bann. Und erst der Stephansdom selbst! Eingehüllt in das kühle Dezemberlicht des Mondes wirkte er noch majestätischer und geheimnisvoller.
Auch die Züricher Stadtväter putzten ihre Stadt auf. Auch in Zürich gab es Lichter und Sterne. Aber den Wettkampf um die romantischste Stadt im Advent gewann eindeutig Wien.
Jedes Jahr zu Weihnachten war es dasselbe Spiel, und jedes Jahr spielte Hannah dieses Spiel bereitwillig mit. Mit jedem Jahr fand auch er mehr und mehr Gefallen an Hannahs Brauch. Mit dem Bäumchen kam eine gemütliche, heimelige Atmosphäre in die Wohnung.
Es roch nach Wald. Natürlich verlor jeder Baum mit der Zeit an Kraft. Am eigentlichen Weihnachtsabend, als in den anderen Wohnungen gerade erst die Bäumchen Stellung bezogen hatten und hergerichtet worden waren, bot sich ihnen ein eher trauriger Anblick. Denn der mittlerweile saftlose Tannenbaum ließ seine Zweige tiefer hängen. Die trockenen Tannennadeln lagen am Wohnzimmerboden verstreut. Aber das störte nicht. Es störte vor allem Hannah nicht.
"Eigentlich ist es schade, dass man nur so kurz einen Weihnachtsbaum haben soll", hatte sie erklärt. "Man kann es doch gar nicht richtig genießen. Kaum hat man am Weihnachtsabend das Bäumchen aufgestellt und geschmückt, soll man es schon wieder auf den Komposthaufen werfen, nur weil der 6.Januar im Kalender steht."
Was sollte er da noch gegenargumentieren?
Wegen Neuseeland war es dieses Jahr anders. Sie hatten vor ihrer Abreise noch beim Bauern den Baum ausgesucht. Statt ihn aber wie üblich gleich mitzunehmen, durfte das Bäumchen noch drei Wochen länger im Wald stehen und gedeihen. Erst in den letzten Tagen hatte sein Bruder den Weihnachtsbaum vom Bauern schneiden lassen und in die Wohnung gebracht. Denn dieses Jahr war das Bäumchen noch frisch und voller Saft. Morgen also würde er den Baum aufstellen, den Baumschmuck aus dem Keller holen und Hannah würde ihn schmücken.
Daniel ging ins Schlafzimmer und zog sich um. Raus aus den alten Jeans. Sein Hemd hatte auch schon bessere Tage erlebt. Er strich sich über sein Kinn und seine Wangen. Die Haut fühlte sich kratzig an. Seit sie das Hotel in Auckland verlassen hatten, hatte er sich nicht mehr rasiert. Er suchte sein Handy. Wo hatte er es vor der Abreise liegengelassen? Er überlegte kurz. Im Nachtkästchen war es nicht. Auch nicht im Vorzimmer. Er griff in seine Manteltasche und schwuppdiwupp hielt er sein Mobiltelephon in der Hand. Er rief seine Eltern an. Seiner Mutter erzählte er kurz, dass sie beide gesund und unversehrt zurückgekommen waren. Müde waren sie klarerweise, aber wohlauf.
"Fliegt ihr denn noch nach Wien vor Weihnachten?", fragte seine Mutter.
"Nein, leider nicht." Grüße an den Vater, richtete Daniel aus. Dann legte er auf.
Aus dem Badezimmer hörte er das laute Surren des Haarföhns. Hannah würde bald fertig sein.
Es war wirklich sehr schade, aber dieses Jahr ging sich der weihnachtliche Wien-Besuch zeitlich nicht aus. Sie waren gerade erst von Neuseeland zurück und in zwei Wochen musste Hannah in New York ihren neuen Job in der Klinik antreten. Es war eine gute Sache, richtig toll, kann man sagen. Ein Jahr New York an einer der renommiertesten Kliniken in den Vereinigten Staaten! Da sagt man nicht nein!
Sein Herz war ihm bis zu den Zehen gerutscht, als Hannah ihm von dem Angebot in New York erzählte. Ein Jahr! Ein ganzes, langes Jahr drüben in den Staaten! Sie dort, er hier. Sie hatte noch ein zweites Angebot aus London.Aber das war nicht zu vergleichen. Für einen europäischen Arzt ist es immer noch das Nonplusultra, in Amerika gearbeitet zu haben. Wie ein Ritterschlag, sozusagen. London konnte da nicht mithalten. Das wusste er.
Hannah war zurückhaltend gewesen, als sie ihm von den beiden Stellen erzählte. Sie war sich nicht sicher, was sie tun sollte, merkte er. "Was meinst Du?", hatte sie ihn gefragt.
"Was möchtest du machen?", war seine Gegenfrage.
Ihre Antwort kam ohne Zögern. "London ist gut und vor allem näher. Zwei Stunden Flug und ich wäre hier in Zürich. Stressfrei. Wir könnten uns abwechseln. Einmal du, einmal ich, verstehst du?“ Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort. “New York ist natürlich die größere, interessantere Klinik. Ich will nicht sagen, dass die amerikanische Medizin besser ist. Aber die Amerikaner können viel mehr Geld für Forschung und Entwicklung ausgeben. Deswegen sind sie uns in mancherlei Hinsicht voraus." Dann zuckte sie etwas schüchtern mit ihren Schultern und schaute ihn mit ihren dunklen Rehaugen erwartungsvoll an.
Der Ball lag nun bei ihm. "Ich möchte mir das in Ruhe durchlesen, Hannah. In Ordnung?", sagte er.
Sie nickte. Aber er brauchte es sich nicht durchzulesen. Die Sache war klar. Glasklar. Beruflich war New York Top. Tip-Top, wie die Schweizer sagten. Er spürte, wie Hannah sich insgeheim schon für Amerika entschieden hatte.
Sie war eine intelligente Frau. Sie hatte studiert. Nicht, weil sie nichts Besseres mit ihrer Zeit anzufangen wusste oder, weil es alle anderen auch machten oder, weil die Universität ein guter Heiratsmarkt war. Sie war ein lebendiger, aufgeweckter Mensch. Ein Freigeist. Sie war neugierig und interessiert. Sie wollte das Leben kennenlernen und es auskosten. Und immer wieder schaffte sie es, ihn mit ihrer Energie und Lebendigkeit mitzureißen.
Daniel wusste, dass sie es ihm eines Tages vorwerfen würde, wenn sie seinetwegen nicht nach New York ginge. Er wusste es und es machte ihm sein Herz schwer. Was sollte er tun? Selbst ein Jahr pausieren und mitgehen? Was sollte er in New York machen? Ein Jahr lang nicht zu arbeiten, war für ihn als Schweizer eine gruselige Vorstellung. Sicher, er hatte Glück mit seinen Eltern. Seiner Familie ging es gut. Aber ein ganzes Jahr nichts tun? Könnte er das überhaupt? Er könnte sich die Umgebung von New York anschauen. Er könnte lesen. Er könnte einmal richtig faulenzen. Aber wollte er das überhaupt?
Oder sollte er sich selbst einen Job in Übersee organisieren? Über die Universität wäre das möglich, es gab internationale Austauschprogramme. Andererseits war er selbst erst vor einem Jahr Oberarzt geworden. Sein Chef hielt große Stücke auf ihn. Es wäre nicht gut, jetzt einfach abzubrechen und ein Jahr wegzugehen. Er mochte seine Arbeit. Er war zufrieden und hatte seinen Platz im Leben gefunden.
Daniel seufzte. Gibt es denn immer nur ein entweder- oder? "Hannah, ich finde, dass New York die bessere Wahl ist und du solltest das unbedingt machen", hatte er mit fester Stimme gesagt, als sie eines Abends bei einem Glas Rotwein im Wohnzimmer auf der Couch zusammengesessen waren. "Ich denke, dass es dir mehr bringt."
Hannahs Augen weiteten sich. "Wirklich? Meinst du das wirklich?" Ein breites Lächeln auf ihren Lippen bestätigte ihm, dass er richtig vermutet hatte. Er hatte sie richtig eingeschätzt. In der nächsten Sekunde verschwand ihr Lächeln. Ihre Miene wurde ernst.
"Daniel, wie werden wir uns denn sehen? Wir werden uns doch sehen, oder?", fragte sie.
"Ich könnte in einem halben Jahr für drei Wochen zu dir kommen?", schlug er vor.
Hannah überlegte kurz. "Oder du kommst alle acht Wochen für eine Woche, wie wäre das?" Dieser Vorschlag schien ihr selbst am besten zu gefallen.
"Auch eine gute Idee", sagte er, beugte sich zu ihr, küsste sie und drückte sie sachte nach hinten auf die Couch. Dann schmusten sie.
Sie hatten schon überlegt, ob sie die Reise nach Neuseeland absagen und verschieben sollten. Aber Hannah meinte nur: "Das eine hat doch nichts mit dem anderen zu tun. Für New York habe ich schon alles vorbereitet, der Papierkram ist erledigt. Das Personalbüro hat mir bereits eine kleine Personalwohnung beim Krankenhaus reserviert. Ich brauche also nur mehr hinfliegen und zu arbeiten beginnen."
Kapitel 3
Im Badezimmer war es still geworden. Hannah hatte sich viel Zeit gelassen. Sie hatte das warme Wasser der Regenwaldbrause genossen, hatte ihr Gesicht lange unter den Wasserstrahl gehalten. Einmal noch weinte sie kurz auf, dann entspannte sie sich. Als sie ihre frisch gewaschenen Haare föhnte, seufzte sie. War das alles nur ein schlechter Traum? Dann sah sie ihr von den Tränen aufgedunsenes Gesicht im Spiegel und kannte die Antwort.
Sie hüllte sich in ein Badetuch und öffnete leise die Türe.
"Schöne Grüße von meiner Mutter", begrüßte Daniel sie im Wohnzimmer.
Daniel sah Hannah und er war überwältigt von ihrem Anblick. Sie war eine schöne Frau. Sie war eine richtige Frau und nicht so ein spindeldürres Gerippe. Nicht so wie die unzähligen Möchtegern-Models, die linkisch mit ihren Storchenbeinchen auf ihren viel zu hohen High Heels durch die Stadt stolperten, an denen sich ein Mann andauernd stoßen würde.
Hannah hatte Formen. Sie hatte echte Brüste, feste Schenkel und eine schlanke Taille. Zarte Glieder und ein liebreizendes Gesicht. Dunkle Rehaugen. Ihr schulterlanges, kastanienbraunes Haar umschmeichelte sie. Sie war eine Naturschönheit.
Nie hatte er sie geschminkt erlebt. Außer damals, auf dem Ball in Wien, als sie sich kennengelernt hatten. Selbst da trug sie nur sehr dezentes Make-up. Sie mochte die Schmierage nicht in ihrem Gesicht, wie sie selbst sagte. Sie hatte das Gefühl, unter Make-up zu ersticken.
Hannah machte kein Hehl aus ihren Emotionen. Sie war wie ein offenes Buch für ihn. Er las in ihrem Gesicht, ob sie traurig war. Ob sie sich freute oder ob sie müde war. Ernst, verärgert oder besorgt. Am schönsten war es, wenn sie lachte. Sie hatte ein herzhaftes, ehrliches Lachen. Wenn sie lachte, lachte ihr ganzer Körper mit ihr.
Etwas verlegen stand Hannah nun im Wohnzimmer. Sie wusste nicht recht, was tun. Normalerweise, unter normalen Umständen, hätte sie sich zu Daniel gesetzt. Heute aber, heute war alles anders.
Daniel musterte sie, als sie fast nackt und nur spärlich eingehüllt in das Badetuch, unschlüssig vor ihm stand. Zum Niederknien schön. Wie ein scheues Reh, das nicht wusste, wo es sich verstecken sollte. Etwas regte sich in ihm. Aber er sah auch ihre verweinten Augen und die roten Backen.
"Hannah, wir müssen nochmals das Ganze bereden", fing er an.
"Ich wüsste nicht, was es da noch zu reden gibt", blockte sie ab. "Du hast mir zu verstehen gegeben, wie du über uns - also mich - denkst." Sie zog ihr Badetuch enger.
Daniel war auf sie zugekommen und hielt sie an den Schultern. Sie mochte es, wenn er sie berührte. Sie hatte es immer gemocht. Auch jetzt durchwanderte ein wohliges Gefühl ihren Körper, als Daniel ihr so nahe war. Aber sie entzog sich seiner Berührung und ging auf Abstand.
"Ich will dich doch nicht verlieren", sagte Daniel gequält. "Du bist meine Hannah." Er ging einen Schritt auf sie zu, umfasste sie an ihren Hüften und zog sie zu sich. Dann küsste er sie. Zart und liebevoll.
Für den Bruchteil einer Sekunde vergaß Hannah ihren Kummer. Sie spürte seine weichen Lippen, roch den Duft seiner verschwitzten Haut, spürte das Kratzen seines Zwei-Tage-Barts und genoss den sanften Druck seiner Hände auf ihrem Becken. Aber nur für einen Bruchteil. In der nächsten Sekunde riss sie sich von ihm los, trat einen Schritt zurück und knallte ihm eine Ohrfeige. Wusch!
"Du Schuft, du elender Mistkerl!", rief Hannah erzürnt. Einen Moment lang wusste sie nicht, wohin. Ins Schlafzimmer? Nie im Leben! Nie wieder würde sie diesen Raum betreten. Sie konnte nur zurück ins Bad, aber was sollte sie da? Sie musste ja doch irgendwann wieder herauskommen. Ihr Blick fiel auf die Wohnzimmercouch. Eine Erinnerung aus ihrer Kindheit in Wien kam hoch. Damals hatte sie oft am Wochenende mit ihrem Vater auf dem Sofa ein Nachmittags-Nickerchen gemacht. Es war eine gute Erinnerung. Kurzerhand schmiss sie sich auf die Couch, vergrub sich und ihr Gesicht in der Sofadecke und ließ ihren Gefühlen freien Lauf. Sie schluchzte.
Die Ohrfeige hatte gesessen. Es war Daniels erste Ohrfeige überhaupt. Zunächst blieb er wie angewurzelt stehen und fühlte den Schmerz. Hannah hatte einen sehr kräftigen Schlag. Überraschend kräftig. Er rieb sich seine linke Wange. Dann ging er in die Küche. Das Teewasser hatte er ganz vergessen, es war inzwischen wieder kalt. Er stellte einen Topf Milch auf den Herd und schaltete den Backofen ein. Eine Pizza Quattro staggione fischte er aus dem Tiefkühlfach, entfernte das Papier und legte sie in das Backrohr. Bevor die Milch zu kochen begann, schaltete er den Herd wieder ab. Er leerte die erwärmte Milch in sein Lieblingshäferl, ging zurück ins Wohnzimmer und setzte sich zu Hannah auf die Couch.
"Ich habe dir eine warme Milch gemacht", sagte er zu ihr. Zunächst regte sich Hannah nicht, aber dann guckte sie mit ihren verquollenen, verheulten Augen unter der Decke hervor.
"Das wird dir guttun." Er hielt ihr das Milchhäferl hin, Hannah setzte sich auf. Sie mochte warme Milch, das wusste er. Während sie trank, schaute er ihr zu. Erschöpft sah sie aus. "Komm her", sagte er, rutschte neben sie und zog sie zu sich auf den Schoss. Dieses Mal wehrte sie sich nicht. Sie legte ihren Kopf seitlich auf seine Schulter und schloss die Augen.
Er liebkoste sie mit seinen Fingern zart am Nacken. Sie drückte sich fest an ihn. Dann vergrub sie ihr Gesicht in seiner Halsgrube. Daniel spürte das Wasser, ihre Tränen, die sie über seinen Brustkorb vergoss. Er atmete tief und schwer. So hatte er sie noch nie erlebt. Noch nie war Hannah so verzweifelt und unglücklich gewesen. Irgendwann machte die Pizza im Backrohr auf sich aufmerksam. Der feine Duft von Käse strömte durch die Wohnung. Die Pizza war fertig.
Daniel verfluchte den italienischen Teig. Dennoch löste er sich von Hannahs Umklammerung.
"Ich muss in die Küche", sagte er und war schon aufgestanden. In der Küche legte er die Pizza auf ein Küchenbrett, schnitt sie in handgroße Teile und kam zurück ins Wohnzimmer.
Hannah hatte sich inzwischen wieder unter der Couchdecke versteckt. Daniel setzte sich auf den Boden vor dem Sofa, streckte seine Beine aus und legte sie übereinander.
"Hannah, du musst etwas essen.", forderte er sie auf. Käsepizza war ihre Lieblingspizza. Er begann, genüsslich an seinem Stück zu kauen. "Dieser Teil ist für dich reserviert." Nach einer Weile, als sie sich noch immer nicht rührte, sagte er: "Es wird kalt, Hannah."
Endlich schlüpfte sie aus ihrer selbstgebauten Höhle. Sie kniete hinter Daniel auf der Couch. Ohne sich umzudrehen, reichte er ihr das Pizzastück. Hannah ließ den Käse auf ihrer Zunge zergehen. Mmmh, ihr schmeckte die Pizza.
"Möchtest du etwas trinken?"
"Nein, danke."
"Wir sollten schlafen gehen, es ist schon spät."
"Ich schlafe hier", sagte sie.
Daniel drehte sich um und blickte sie verdutzt an. "Wenn jemand hier auf dem Sofa schläft, dann ja wohl ich", antwortete er mit ruhiger Stimme.
Wut und Entrüstung blitzten plötzlich in Hannahs Augen auf. "Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich noch eine Minute in diesem Bett verbringen werde. Das hättest du wohl gern!" Sagte es und verschwand im Bad. Die elektrische Zahnbürste brauste auf.
Daniel entsorgte den Pizzakarton in der Küche, wusch das Küchenbrett und das Messer. Als er ins Wohnzimmer zurückkam, hatte Hannah sich bereits wieder unter der Couchdecke verkrochen. Sie schien, schon zu schlafen. Er ging ins Schlafzimmer, nahm seine Bettdecke und breitete sie über ihr aus.
"Schlaf gut", flüsterte er und drehte das Licht ab.
Kapitel 4
Er schlief sehr unruhig, wälzte sich von links nach rechts. Er griff auf Hannahs Seite, aber sie war nicht da. Er griff ins Leere. Mitten in der Nacht weckte ihn ein Geräusch. Ein verhaltener Laut. Er schaute durch das dunkle Zimmer und erkannte, dass es ihr Schluchzen war.
Er stand auf und ging zu ihr. Nur ihre Nasenspitze guckte unter der Decke hervor. Er setzte sich neben sie und strich behutsam über ihren Kopf. Hannah zuckte kurz zusammen, ließ ihn aber gewähren. Ihr Weinen wurde schwächer und schließlich schlief sie wieder ein.
Zurück in seinem Bett fand Daniel selbst keine Ruhe. Er starrte gegen die Decke, hielt die Arme hinter seinem Kopf verschränkt und dachte nach. Knapp sieben Jahre waren er und Hannah nun zusammen, teilten Tisch und Bett miteinander.
Er hatte Hannah als Studentin kennengelernt. Er hatte ihre ersten beruflichen Schritte mitverfolgt und sich darum gekümmert, dass sie zu ihm nach Zürich kommen konnte, um ihre Facharztausbildung zu machen. Ob er sie nicht schon längst hätte heiraten müssen?
Müssen nicht, aber er wollte es schon lange. Er hatte das Thema "Ehe" mehrmals angesprochen und wollte Hannahs Meinung dazu hören.
Ihre Antworten waren ernüchternd. Er solle sich ihr gegenüber nicht verpflichtet fühlen, waren ihre Worte.
"Wenn du mich nicht mehr magst, dann sage es mir bitte auf eine nette Art und ich werde gehen", sagte sie.
"Das Versprechen, in guten wie in schlechten Zeiten, bis dass der Tod uns scheidet, ist zwar ein edler Gedanke, aber völlig unrealistisch. Eine Idee der Kirche. Damit eben nicht Sodom und Gomorrha auf der Welt herrscht. Dabei haben es doch die Pfaffen am schlimmsten von allen getrieben. Damals wie heute. Im Mittelalter, als die Kirche diese Vorstellung von der ewigen Verbundenheit zweier Menschen aufbrachte und verbreitete, ist ein Mensch im Schnitt vierzig, vielleicht fünfundvierzig Jahre alt geworden. Da kann ich leicht von ewiger Treue und Liebe reden! Heute wird man achtzig Jahre und älter. Das heißt, man hat eigentlich Zeit für zwei Leben."
Er wunderte sich über ihre wenig romantische Vorstellung von der ewigen Zweisamkeit. Wie passten diese Gedanken zu einer jungen dreißigjährigen Frau? Er hatte bislang keine Frau in dieser Altersgruppe kennengelernt, die nicht Feuer und Flamme für die Ehe war. Die Frauen träumten vom Heiratsantrag auf den Knien, den Flitterwochen in der Karibik oder in Paris und von der ewig währenden Liebe.
Hannah nicht.
Woher hatte sie diese Altersklugheit? Oder war sie einfach demoralisiert? Kein Wunder, überall wo man hinschaute, gab es Trennungen, Affären, Scheidungen. Das war in der Schweiz nicht anders wie in Österreich und dem Rest der Welt.
Hannah war ein sogenanntes Scheidungskind. Ihr Vater verließ die Familie, als sie zwölf Jahre alt war. Natürlich wegen einer jüngeren Frau. Daniel stellte sich Hannah als kleines Mädchen vor, sah sie weinend und irritiert. Was geschah da mit ihren Eltern? Gerade noch waren Vater und Mutter zusammen, waren Eltern, am anderen Tag war der Vater weg.
Hannah hielt anfangs den Kontakt zu ihrem Vater aufrecht. Seit Jahren aber herrschte Funkstille zwischen den beiden. Von sich aus verlor sie kein Wort darüber. Wenn er sie aber nach den Gründen fragte, gab sie ihm klare, einfache Antworten. Sie heulte nicht. Sie schimpfte nicht über ihren Vater. Sie erzählte ihre Geschichte neutral und wertfrei. Ohne Groll oder Zorn.
Nach der Scheidung war ihre Mutter erkrankt. Sie wurde schwer depressiv und war nicht mehr in der Lage, für sich und Hannah zu sorgen. Quasi über Nacht verließen die beiden Wien und zogen nach Salzburg zu Verwandten.
Für Hannah war es keine gute Zeit. Die Mutter war nicht wirklich eine Mutter. Sie selbst sah sich von heute auf morgen einer fremden Umgebung ausgesetzt. Sicher, in den Sommerferien waren sie jedes Jahr in Salzburg zu Besuch gewesen. Von daher kannte sie die Gegend und auch die Leute. Jetzt aber musste Hannah dort leben. Das war ein Unterschied, etwas völlig anderes.
"Damals habe ich meine Liebe zur Natur entdeckt", hatte sie ihm erzählt. Sie war oft in den Salzburger Wäldern spazieren und wanderte über die Wiesen und Felder. Sie musste einsam gewesen sein, dachte Daniel.
"Weißt du, was mein Lieblingstier ist?", hatte sie ihn einmal mit einem verschmitzten Lachen gefragt. Ehe Daniel antworten konnte, verriet sie schon: "Kühe. Ich mag Kühe. Ich finde sie genial. Stehen den ganzen Tag auf ihrer Alm oder liegen auf der Wiese und fressen und schauen und fressen und schauen."
Sie lachte herzhaft. Hannah konnte gut über sich selbst lachen.
"Bei uns am Land heißen die Kühe "Kulimuli". Im nächsten Leben möchte ich auch eine "Kulimuli" sein", kicherte sie wie ein kleines Mädchen.
"Eine Schweizer oder eine Österreichische?", hatte er sie geneckt.
"Egal, Kuh ist Kuh. Eure Milch ist genauso gut wie unsere."
Kapitel 5
Daniel wollte Hannah heiraten. Nicht nur einmal war er schon knapp davor, ihr einen Antrag zu machen, obwohl er ihre negative Einstellung diesbezüglich kannte.
Die unterschiedlichsten Szenarien hatte er sich ausgemalt. Er sah sich zusammen mit ihr in einer einsamen Berghütte in den Schweizer Bergen. Draußen tobte der frostige Winter. Romantisch kuschelten sie sich vor dem offenen Kamin eng aneinander.
Oder sie saßen bei Kerzenschein auf der Terrasse eines noblen Restaurants, vor ihnen der stilvoll gedeckte Tisch. Aber das erschien ihm zu gewöhnlich. Die Idee, eine Fahrt mit einem Heißluftballon über den Züricher See zu machen, war da schon viel origineller. Oben in der Luft würde er sie fragen. Vorausgesetzt, Hannah stieg in den Heißluftballon ein.
Es gab viele Gelegenheiten und Anlässe. Weihnachten, Geburtstage, ihre Facharztprüfung. Jedes Mal dachte er, dass es jetzt der richtige Moment sei, sie zu fragen. Jedes Mal tat er es nicht. Er wusste, dass sie seine Frage mit "Nein" beantworten würde.
Das allein war aber nicht der Grund. Mit einem Ring in der Hand vor ihr hinzuknien und sie zu fragen, gefiel ihm nicht. Hatte ihm noch nie gefallen. Es erschien ihm abgedroschen. Nein, so sollte es nicht passieren. Warum überhaupt sollte er als Mann hinknien? Wäre es nicht viel ehrlicher, einer Frau aufrecht gegenüber zu stehen, ihr tief in die Augen zu schauen und sie dann zu fragen?
Ach, diese ganze Fragerei! Ob sie will? Ein Mann musste davon überzeugt sein, dass er will. Ein Mann musste wissen, was er tut. Schließlich sollte die Ehe ein ganzes Leben lang halten. Nicht nur auf dem Papier.
"Ich werde dich innerhalb der nächsten sechs Monate heiraten. Es obliegt dir, den Termin auszusuchen."
So sollte ein Mann die Ehe beschließen. Romantisch ist das sicherlich nicht, aber die Ehe war auch alles andere als romantisch. Oder ein Mann sagte: "Nimm dir bitte für den Tag X nichts vor."
Wenn die Frau den Grund wissen möchte, erklärte der Mann kurz und bündig:" An diesem Tag heiraten wir."
Vielleicht war es auch die bessere Lösung, in wilder Ehe weiterzuleben. Diese Art der Lebensgemeinschaft schien ihm aber auf Dauer nicht richtig zu sein. Spätestens wenn ein Kind da wäre, wollte er klare Verhältnisse schaffen.
Ungeachtet dessen, schien Hannah sich auch so wohl zu fühlen. Sie schien sich bei ihm wohl zu fühlen. Sie machte nicht den Eindruck, als wollte sie etwas an ihrer Lebenssituation ändern.
Freilich, momentan war sie voller Begeisterung mit den Vorbereitungen für New York beschäftigt. War jetzt der richtige Moment gekommen? Sollte er sie jetzt an sich binden, bevor sie Tausende von Kilometer von ihm entfernt leben würde?
Daniel wusste keine Antwort. Er wusste nur, dass er sie nicht verlieren wollte.
Oft schon hatte er geträumt, wie das mit Hannah und ihm wäre. In zehn Jahren mit einem Kind. Oder auch mit zwei. Er sah das Bild von sich und Hannah im Alter. Sie mit grauen Haaren, er mit grauen Haaren. In der Liebe gab es keine Garantien, das wusste er. Aber Hannah war die erste Frau, mit der er sich eine lebenslange Partnerschaft ernsthaft zumindest vorstellen konnte.
Die erste Frau seit Esther.
Esther war seine Jugendliebe. Seine erste große Liebe. Im zarten Alter von achtzehn entflammten ihre Gefühle füreinander. Sie erkundeten sich gegenseitig voll neugieriger Begierde und entdeckten gemeinsam körperliches Verlangen und Wollust. Sie führten sich gegenseitig in die Welt der Erwachsenenliebe ein. Auch mit Esther wollte er alt werden. Nichts schien die beiden voneinander trennen zu können. Nichts, bis zu jenem denkwürdigen Samstagabend, als er Esther mit einem gemeinsamen Freund im Bett überraschte. Nein, es war nicht sein bester Freund, aber hätte das noch einen Unterschied gemacht?
Es war ein herber Schlag für ihn. Sein Herz war gebrochen, seine Männlichkeit gedemütigt. Er flüchtete sich damals in unbedeutende Abenteuer und Affären mit noch unbedeutenderen Frauen.
Dabei liebte Daniel die Frauen. Er liebte sie, achtete und schätzte sie. Wenn man sich aber anschaute, wozu Frauen fähig waren, nur um einen Kerl in ihr Bett zu bekommen, selbst wenn es nur für eine einzige Nacht war, verlor man jeglichen Respekt vor dem weiblichen Geschlecht.
Es war seine wilde Zeit. Er zog damals mit seinem besten Freund Sebastian viele Nächte lang durch Zürich, Bern oder Basel und wachte fast jedes Wochenende in irgendwelchen fremden Betten von unbekannten Frauen auf. Daniel war im Rausch der Begierde. Er wollte sein gekränktes, leidendes Herz wieder gesund machen.
Er ging mit Sebastian abends aus und am nächsten Morgen fand er sich ohne Sebastian im Bett einer Frau wieder, deren Namen er oft nicht mehr wusste. Susanne,
Helene, Myriam, Agatha. Wie auch immer sie geheißen haben mochten, für ihn waren sie allesamt nichtssagend. Wie sollte ein Mann auch Respekt vor einer Frau haben, die sich ihm so würdelos an den Hals warf?
Wie Trophäen sammelten er und Sebastian die Eroberungen. Sie stellten Vergleiche an und besprachen ihre nächsten "Einsatzorte". Ob Stadt oder Land, ob Wintersportort oder Sommerfrische in den Bergen, überall gab es willige Frauen, die sich nur allzu gerne von einem Kerl flachlegen lassen wollten. Sie mussten einfach nur auswählen und zugreifen.
Ob er im Puff gewesen war? Selbstverständlich. Interessanterweise bot sich die Gelegenheit zu einem Besuch in einem Bordell alljährlich während der Militärzeit. Gemeinsam ging die Truppe in der freien Zeit in die nahegelegenen Etablissements und ließ ungeniert die Puppen tanzen. Ohne Uniform klarerweise.
Daniel schwankte zwischen Mitleid und Ekel für die Frauen, die sich in den Schweizer Puffs verrenkten, mit dem Hintern wackelten und die Beine lasziv an der Stange spreizten. Sicher, es war erregend. Klar, wenn sich eine platinblonde, vollbusige Fiffi mit aufgespritzten Lippen und einem Hauch von Nichts um ihren Körper auf den Schoss eines Mannes setzte und im Rhythmus der gespielten Musik hin und her wetzte, blieb keiner ruhig. Kein echter Kerl konnte dabei ohne Reaktion bleiben.
Und er machte mit, weil alle es taten. Er wechselte die Kondome so wie andere die Hemden. Er ließ sich gehen und entdeckte, dass ein Orgasmus ohne Gefühl nicht das gleiche war wie einer mit Gefühl. Es gab einen Unterschied zwischen sexueller Erleichterung durch simple, mechanische Reibung und gefühlter, körperlicher Liebe.
Insofern war diese Zeit wichtig für ihn. Denn er erkannte, dass er so nicht auf ewig weiter machen wollte. Jetzt, wo er jung und ungebunden war, machte es zwar nicht gerade Spaß, jedes Wochenende seinen Schwanz in eine andere Frau zu stecken. Doch es war ein Schritt zum Erwachsenwerden für ihn. Er wurde ein Mann. Seine Bubenhaftigkeit verlor er zum einen durch die sexuellen Abenteuer mit professionellen Damen und zum anderen durch die Begegnung mit den vielen enttäuschten, der großen Liebe hinterherlaufenden Frauen.
Am leichtesten waren die fünfunddreißig- bis vierzigjährigen Frauen zu erobern. Wobei Daniel manchmal nicht mehr wusste, ob er es war, der die betreffende Dame "rumgekriegt" hatte oder ob es umgekehrt war.
War am Ende er die Jagdtrophäe?
Es war verstörend einfach, Sex zu bekommen. Der drohende Torschluss versetzte die Frauen in eine ungeahnt große Panik. Hauptsache ein Kerl, irgendein halbwegs gutaussehender Kerl, denn es könnte ja der Mann des Lebens, der lange gesuchte und vermisste Traumprinz sein!
Eines Tages hatte er genug von ausschweifendem Sex und gespielter Zuneigung. An einem Samstagnachmittag, als er Dienst in der Klinik hatte, lernte er Desirée kennen. Eine nette, attraktive Stationsärztin von der Gynäkologischen Abteilung. Sie war gleich alt wie er, und sie gefiel ihm. Sie trafen sich zum Kaffee in der Klinikcafeteria. Aus einmal wurde zweimal. Es war nicht das gleiche Gefühl wie bei Esther. Aber er konnte mit Desirée lachen und reden.
Nach dem zweiten Abendessen landeten sie im Bett, kurz darauf zog er bei ihr ein. Sie lebten drei Jahre lang zusammen. Es war eine gute Zeit. Desirée war eine angenehme Frau. Nebenbei war sie noch Schweizerin. Ein echter Glückstreffer.
Seine Mutter war begeistert von ihr. Desirée erfüllte alle ihre Vorstellungen der idealen Schwiegertochter. Sie kam aus einem "guten Stall". Ihre Eltern waren erfolgreiche Unternehmer in Bern. Sie hatte die besten Schulen besucht, war im Tennis- und Golfclub, hatte einen großen Freundeskreis.
"Wann wirst du sie denn fragen? Oder hast du schon?", drängelte ihn seine Mutter. Nein, hatte er nicht.
Es war Desirée selbst, die ihm an ihrem Geburtstag die alles entscheidende Frage stellte: "Willst du mich heiraten?"
Daniel blickte in Desirées wasserblaue Augen, sah ihr hübsches Gesicht und ihr aschblondes Haar. Und er hörte sein Herz. Sein Herz pochte wie wild. Sein Herz hüpfte in seiner Brust hektisch auf und ab. Nicht vor Freude, sondern weil es ihn zurückhalten wollte.
Es wollte ihn davor zurückhalten, ja zu sagen. Sein Herz war ganz verrückt, weil er zunächst nichts sagte. Daniel spürte sein Herz und merkte, wie es sich fast auf den Kopf stellte, als er den Gedanken "JA" in seinem Kopf formte. Sein Herz wehrte sich mit aller Kraft gegen ein "JA".
Und er schüttelte den Kopf.
"Nein, Desirée. Du bist eine wunderbare Frau, aber heiraten werde ich dich nicht."
Nachdem er diese Worte ausgesprochen hatte, packte er seine Sachen und kehrte in seine Wohnung zurück. Er fühlte, wie sein Herz sich beruhigte und wieder langsam im gewohnten Rhythmus schlug. In dieser Nacht schlief er fast zehn Stunden lang. So ruhig war sein Herz.
Kapitel 6
Als er am nächsten Morgen erwachte, hatte er das Gefühl, als brauchte es eine Veränderung. Die vielen unruhigen, zügellosen Junggesellenjahre. Die gemeinsamen Jahre mit Desirée. Daniel hatte das Gefühl, als ob ihm in Zürich die Decke auf den Kopf fallen würde. Als würde ihm die Luft zum Atmen genommen. Er musste etwas ändern. Aber was?
Eine Woche später meldete er sich bei der Personalstelle seiner Klinik. Er erkundigte sich über Auslandsaufenthalte im Rahmen des universitären Austauschprogramms. Zur Wahl standen ein Jahr in Helsinki, Paris oder in Wien.
"Ich würde sehr gerne nach Wien gehen", hatte er der Sekretärin mit einem charmanten Lächeln erklärt.
"Leider gibt es für Wien schon vier andere Interessenten. Alle wollen sie nach Wien", hatte die Sekretärin mit einem kleinen, wehmütigen Seufzer gesagt. "Die Stadt der Liebe", schwärmte sie.
"Ich dachte, Paris sei die Stadt der Liebe".
Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: "Wissen Sie, ich musste mich gerade von meiner Freundin trennen. Ich würde wirklich sehr gerne nach Wien. Das Theater, die Oper, das würde mich ablenken und auf andere Gedanken bringen."
Die Sekretärin musterte ihn von oben bis unten. Sie rückte ihre Brille zurecht.
"Ich weiß nicht, ob man da etwas machen kann. Die Entscheidung trifft, wie Sie wissen, ein universitäres Gremium. Lauter hochrangige Professoren", sagte sie mit übertriebener Betonung auf "Professoren". Dabei verdrehte sie ihre Augen. "Versprechen kann ich nichts, aber wir werden sehen."
Wenige Tage später lag Post in seinem Briefkasten. Das Schreiben der Universität. Aufgeregt öffnete Daniel den Umschlag und überflog die Zeilen. Wo stand es? Wo war der entscheidende Satz? Ja oder nein? Dann machte sein Herz einen Luftsprung. Juhu! Es hatte geklappt! Er würde das ganze nächste Jahr an der Universitätsklinik in Wien arbeiten. Daniel freute sich. Was heißt freuen?! Sein Herz hätte in dem Moment explodieren können. Ein Jahr Wien! Ein ganzes Jahr in Wien! Phänomenal! Genau das hatte er jetzt gebraucht.
Er rief seine Eltern an.
"Wien! Ein ganzes Jahr! So lange! Wieso Wien!?" Die Stimmer seiner Mutter klang grell. Er hörte, wie sie mit der Luft rang. " Wien? Wieso denn Wien?", wiederholte sie japsend.
Daniel hörte ihr Entsetzen. Wenn es nach seiner Mutter ginge, würde er noch heute zu Hause leben. Sie würde für ihn kochen, seine Wäsche und den Haushalt versorgen und ihn immer noch wie ihren kleinen Buben behandeln. Dabei war er älter als Phillip, der eigentlich die Rolle des Nesthäkchens innehatte.
Seine Mutter hatte es ihm anfangs sehr übelgenommen, als er nach dem Drama um Esther aus dem Elternhaus ausgezogen war. Zunächst wohnte er bei Sebastian. Es war eine richtige Männer-WG. Er und Sebastian erfüllten sämtliche Klischees, die es zu diesem Thema zu erfüllen gab. Nach zwei Jahren hatte Daniel genug. Er suchte sich eine eigene Wohnung, in Zürich bekanntermaßen kein leichtes Unterfangen.
