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Sommer, Sonne, Strand und ganz viel Happy End – Der Roman "Tage am Meer" von New York Times Bestseller-Autorin Dorothea Benton Frank bietet beste Unterhaltung und ist perfekte Urlaubs-Lektüre! Eine sanfte Meeresbrise, lange Spaziergänge am Strand und gutes Essen – das ist genau das, was Olivia und ihr Mann Nick nach anstrengenden Wochen in New York brauchen. Die Einladung ihrer wohlhabenden Freunde zu einem gemeinsamen Urlaub auf Mallorca kommt daher wie gerufen. Insgeheim hofft Olivia außerdem, im Urlaub neue Aufträge als Innenarchitektin an Land zu ziehen. Denn sie und ihr Mann sind pleite, was sie Nick bisher verschwiegen hat. Dabei schwärmt der doch bereits davon, bald in ihrem neuen Strandhaus auf Sullivans Island an der Küste South Carolinas den Ruhestand genießen zu wollen. Als alte Konflikte die Urlaubs-Idylle bedrohen, kann auch Olivia ihr Geheimnis nicht länger vor Nick verbergen. Mit ihrem Roman "Tage am Meer", der gleich nach Erscheinen den Sprung in die Top Ten der New York Times Bestseller-Liste schaffte, erscheint die Erfolgsautorin aus den USA jetzt erstmals auf Deutsch! "Gehen Sie an den Strand, tragen Sie Sonnencreme auf und stürzen Sie sich ins Lesevergnügen!" - Booklist
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Seitenzahl: 524
Veröffentlichungsjahr: 2018
Dorothea Benton Frank
Roman
Aus dem Amerikanischen von Sonja Rebernik-Heidegger
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Eine sanfte Meeresbrise, Strandspaziergänge und gutes Essen – das ist genau das, was Olivia und ihr Mann Nick nach anstrengenden Wochen in New York brauchen. Die Einladung ihrer wohlhabenden Freunde zu einem gemeinsamen Urlaub kommt daher wie gerufen. Insgeheim hofft Olivia außerdem, im Urlaub neue Aufträge als Innenarchitektin an Land zu ziehen. Denn sie und ihr Mann sind pleite, was sie Nick bisher verschwiegen hat. Dabei schwärmt der doch bereits davon, bald in ihrem neuen Strandhaus auf Sullivan‘s Island den Ruhestand genießen zu wollen. Als alte Konflikte die Urlaubsidylle bedrohen, kann auch Olivia ihr Geheimnis nicht länger vor Nick verbergen.
Widmung
Motto
Prolog
Ratten
Zurück in New York
Necker Island
Im Garten Eden – und darüber hinaus
Yellow Submarine
Die Rückkehr zur Bescheidenheit
Olé!
Spring!
Fischen
Auf Wiedersehen, Nantucket
Paukenschlag
Ja, ich will! Nein, ich will nicht!
Verschwunden
Bob
Verloren und wiedergefunden
Entschuldige
Epilog
Danksagung
Quellenangabe
In liebevoller Erinnerung an unseren Freund Pat
»Alles ist nicht Gold, was gleißt,
Wie man oft Euch unterweist.
Manchen in Gefahr es reißt,
Was mein äußrer Schein verheißt;
Goldnes Grab hegt Würmer meist;
Wäret Ihr so weis als dreist,
Jung an Gliedern, alt an Geist,
So würdet Ihr nicht abgespeist
Mit der Antwort: Geht und reist.«
Ja fürwahr, mit bittrer Kost;
Leb wohl denn, Glut! Willkommen, Frost!
Der Kaufmann von Venedig, Akt II, Szene VIIWilliam Shakespeare
Ganz gleich, ob vom Partner, von Gegenständen oder von bestimmten Orten, manche Menschen haben kein Problem damit, sich zu trennen. Olivia Ritchie, ein Fixstern unter Manhattans klassischen Innenarchitekten, gehörte jedoch nicht zu diesen Personen.
Im Laufe der Jahre hatte sie dank ihres Berufes das Privileg genossen, Einblicke in das Privatleben der oberen Zehntausend zu erhalten. Sie hatte erstaunt festgestellt, dass es Menschen gab – sehr viele, um genau zu sein –, deren Kleiderschränke nicht bis zum Bersten mit zwanzig Jahre alten Klamotten vollgestopft waren, von denen sie annahmen, sie würden irgendwann wieder in Mode kommen. Olivias Schränke schienen hingegen seltsam und geradezu grausam ausgebeult, als würden sie von winzigen, besitzergreifenden und teuflischen Museumswärtern bewohnt, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, die Geschichte ihres Kleidungsstils zu bewahren.
Die Menschen mit den aufgeräumten Schränken – deren Kleider und Accessoires auf verschiedene Wohnorte aufgeteilt waren, was wohl eine der Erklärungen dafür war, warum ihre Schränke so ordentlich wirkten –, erneuerten auch jährlich den Inhalt ihres Gewürzschrankes und der Speisekammer und warfen rezeptfreie Medikamente in den Müll, bloß weil das Ablaufdatum erreicht war.
Tatsächlich hatten diese Leute Angestellte, die solche Dinge für sie erledigten.
Olivia tat nichts dergleichen. Erstens hatte sie bloß eine Wohnung. Und zweitens kam ihre Haushaltshilfe nur stundenweise.
Technisch gesehen, konnte man Olivia Ritchie nicht als Hamster bezeichnen – sie liebte bloß ihre Klamotten und all die wertvollen kleinen Gegenstände, die sich über die Jahrzehnte angesammelt hatten. Sie bewahrte Kleidungsstücke und Bettzeug auf, weil ihr die Textur des jeweiligen Stoffes oder die Art der Verarbeitung gefiel. Sie lagerte sie in säurefreies Papier und säurefreie Kartonschachteln verpackt unter dem Bett und in den obersten Schrankfächern.
Olivia besaß Unmengen an Handtaschen, Tüchern und Modeschmuck, die alle schon lange aus der Mode waren. Manchmal entlieh sie sich ein Detail für individuell gestaltete Tapeten oder Stoffe. Manchmal griff sie auf eine bestimmte Farbe zurück. Sie hortete diese Dinge, weil sie hoffte, dass sie möglicherweise einmal ihre Inspiration beflügeln würden. Und wenn sie tatsächlich etwas nicht mehr sehen konnte, dann konnte sie es meist an einen Kunden weiterverkaufen.
Olivia besaß Dutzende Kunstgegenstände und Kuriositäten aus aller Welt, angefangen bei einem italienischen Salzfässchen aus dem 16. Jahrhundert, das schon einige Male der Schule Benvenuto Cellinis zugeschrieben worden war, bis hin zu Dutzenden japanischen Netsuke aus Elfenbein. Sie hatte kleine Cloisonné-Dosen, die liebliche Musik spielten, winzige französische Uhren, die selbstbewusst zu jeder Viertelstunde anschlugen, und ein Dutzend handgefertigte chinesische Puzzlebälle. Die Komplexität dieser Kugeln faszinierte sie immer wieder. Sie erschienen ihr schlichtweg unmöglich. Unmöglich, sich so etwas als Künstler auszudenken, und auch unmöglich herzustellen.
Sämtliche dieser Besitztümer, bis hin zu den einfachsten Knöpfen in ihrer Knopfschachtel, standen stets bereit, um das Feuer ihrer Kreativität zu entfachen. Es waren Arbeitsmittel, die Olivia halfen, magische Dinge zu vollbringen. Durch sie ließ sie die Träume anderer Menschen wahr werden.
Was zumindest ein angenehm vernünftiger Grund war, sie zu behalten.
Im Gegensatz dazu war es Olivia jedoch nicht gelungen, auch ihren ersten Ehemann zu behalten. Diesen untreuen, finanziell verantwortungslosen Medizinstudenten, den sie mit Mitte zwanzig geheiratet hatte, obwohl sämtliche Freunde sie angefleht hatten, es nicht zu tun.
Zwei Jahre später kehrte sie eines Abends in eine leere Wohnung zurück. Er hatte bloß eine kurze Nachricht und zehn Milligramm Valium auf der Arbeitsplatte in der Küche zurückgelassen. Die Nachricht lautete: Es tut mir leid. Ich schaffe es nicht mehr. Du bist zu fordernd und herrschsüchtig. Du solltest wirklich Hilfe in Anspruch nehmen.
Er hatte jedes einzelne Möbelstück, sämtliche Küchenutensilien und den Inhalt des Wäscheschranks mitgenommen. Und natürlich auch alle CDs. Oh, zumindest das Hochzeitsalbum auf dem Fensterbrett im Wohnzimmer war liegengeblieben. Eine Wahl, die Olivia sehr schmerzte. Sie zerriss die Fotos und warf sie vom Balkon. Dann sah sie zu, wie ein Teil ihres Lebenstraums die 73rd Street hinunterwehte. Sie brauchte einige Zeit, um darüber hinwegzukommen.
Olivia stürzte sich in die Arbeit und baute ihr eigenes Unternehmen auf. Einen überspannten Kunden nach dem anderen. Nachdem sie einige Zeit lang Single und – zugegebenermaßen – sehr einsam war, erzielte sie schließlich außergewöhnliche Erfolge und heiratete erneut. Dieses Mal mit dem Segen ihrer Freunde.
Doch sie schwor sich, niemals wieder irgendjemandem gegenüber Rechenschaft abzulegen. Dieses Mal würde sie ihre Finanzen streng trennen. Sie hatte alles unter Kontrolle und war so glücklich wie nie zuvor.
Die Leute meinten, Olivia hätte sich Nick in ihr Leben geträumt – Olivia träumte sehr realitätsnah, was sie manchmal in den Wahnsinn trieb, da ihre Träume so real waren, dass sie oft nicht zwischen Traum und Wirklichkeit unterscheiden konnte. Nick zog sie gnadenlos damit auf und verglich sie mit einem Stamm neuseeländischer Ureinwohner.
Nicholas Seymour, ihr zuverlässiger und fröhlicher (und außerdem um einiges älterer) zweiter Ehemann – ein hinreißend poetischer Professor und immerzu der perfekte Gentleman – verbrachte sein Leben damit, zu lesen und zu lehren und legte nicht wirklich Wert auf Kontrolle. Nun, zumindest war er zufrieden damit, die Kontrolle über die ehelichen Finanzen abzugeben, solange die Dinge gut liefen. Vierzehn wunderbare Jahre lang hatten sie genug Geld und konnten mehr oder weniger tun, worauf sie Lust hatten, weil Olivias Unternehmen florierte.
Nick war ebenfalls ein Sammler. Er besaß zahlreiche besondere, in Leder gebundene Bücher, deren Buchrücken mit handgeschriebenen Goldbuchstaben beschriftet waren. Sein kleines Büro, in dem er diese Schätze aufbewahrte, hatte einen winzigen offenen Kamin, was in einem Wohnhaus wie ihrem ein wahrer Luxus war. Die Mischung aus dem noch im Raum hängenden Geruch längst verloschener Feuer und dem alten Leder, abgerundet mit dem Duft einer gelegentlich gerauchten Montecristo-Zigarre, roch besser als jedes Parfum der Welt.
Außerdem besaß Nick eine ganze Armee winziger Zinnsoldaten, die auf einigen Regalen verteilt beleuchtet und hinter Glas auf dem Schlachtfeld standen, so dass die Szenen wie kleine Aquarien wirkten. Es bereitete Nick stets eine große Freude, dass seine Darstellung der Unionstruppen um General William Tecumseh Sherman die tatsächlichen historischen Gegebenheiten in keiner Weise widerspiegelte.
»Es ist ein äußerst beeindruckendes Gefühl, als bescheidener Mann den Ausgang eines Krieges beeinflussen zu können«, meinte er stets mit einem Augenzwinkern zu seinem jeweiligen Gast. »Darf ich Ihnen vielleicht ein Glas meines ältesten Bourbon anbieten?«
Wer konnte da schon widerstehen? Im Anschluss sanken Nick und sein Gast – für gewöhnlich ein Kollege oder ein Doktorand – in die gut eingesessenen Lederlehnstühle und nippten an ihren Gläsern, während sie den ganzen Abend lang über die Kriege in den Südstaaten oder in Europa erzählten oder sich einfach nur an der außergewöhnlichen Schönheit einer Gedichtzeile von Seamus Heaney erfreuten.
Nick, der als Vorbild für die Figur des Oscar Madison in dem Film Ein seltsames Paar hätte durchgehen können, war ein Mann mit vielen Interessen. Die Wände und die Aktenschränke in seinem Büro waren voll mit alten, seltenen Landkarten aus längst vergangenen Tagen. Seine Lieblingsstücke waren kartographische Kuriosa, also Karten mit geographischen Ungereimtheiten, wie etwa unförmigen Kontinenten oder solche, die etwa Kalifornien als Insel darstellten.
»Sieh dir das an«, meinte er eines Abends zu Olivia und hob vorsichtig das braune Papier von seiner neuesten Anschaffung. Es war eine Karte Nordamerikas aus dem 17. Jahrhundert. »Dieser Kerl namens de Lahontan war ein französischer Offizier, der in Quebec stationiert war. Nachdem er gegen die Irokesen gekämpft hatte, fertigte er diese Karte an.«
»Faszinierend!«, meinte Olivia. »Mein Gott, Liebling, trägst du etwa dasselbe Hemd wie gestern?«
»Ja. Ist es vielleicht ein Kapitalverbrechen, ein Hemd zwei Mal anzuziehen?«
»Nein, aber es ist auch noch das Abendessen von gestern darauf zu sehen«, erwiderte Olivia und deutete auf die ziemlich auffälligen roten Spritzer der Spaghetti Bolognese, die sie sich am Vortag in einem hübschen Restaurant in der Nachbarschaft geteilt hatten.
»Oh. Ich ziehe mich gleich um.«
»Nein, tust du nicht. Ich kenne dich. Dazu bräuchte es schon einen Gerichtsbeschluss.«
»Ich werde mich umziehen! Aber jetzt hör doch erst einmal zu.« Er erschauderte und dachte bei sich: Frauen! »Es ist tatsächlich faszinierend, denn in dem Buch, das er gemeinsam mit der Karte veröffentlichte, beschreibt er einen mystischen Ort, der von einem großen, reichen Stamm amerikanischer Ureinwohner bevölkert wird.«
»Mystisch? Du meinst, diesen Ort gab es gar nicht?«
»Ja! Genau! Aber wer war damals schon in der Lage, ihm das Gegenteil zu beweisen?«
»Na ja, im 17. Jahrhundert gab es vermutlich noch kein Google Earth«, sagte Olivia lächelnd.
»Nein, ganz sicher nicht.« Nick schüttelte den Kopf und sah Olivia an. »Mein Gott, ich liebe dieses Zeug.«
Auch wenn sie seine Faszination für alte Karten nicht richtig nachvollziehen konnte, teilten Olivia und Nick ihre Bewunderung für feines Handwerk, egal auf welchem Gebiet. Ihre Schätze waren wie eine Erweiterung ihrer beruflichen und spirituellen Persönlichkeit. Sie waren das ideale Paar, abgesehen davon, dass Nick ein wenig chaotisch und Olivia nicht ganz ehrlich war, was ihre Finanzen betraf.
Sie vergaben einander ihre Schwächen und eigentlich auch alles andere, aber leider war nun der gefürchtete Moment der Wahrheit gekommen.
Es wurde Zeit, sich einzuschränken. Was bedeutete, dass sie ihre Wohnung verkaufen und umziehen mussten. Einschränken. Was für ein schreckliches Wort, das Olivia mitten in der Nacht aus Träumen von Kummer und Elend riss, zusammen mit dem Wissen über ihre schwerwiegenden finanziellen Probleme, die ihr kalte Schweißausbrüche bescherten. Einschränken. Selbst der Klang des Wortes war deprimierend. Es unterstellte alle möglichen schrecklichen Dinge. Sie hatten versagt und konnten sich ihren üblichen Lebensstil nicht mehr leisten. Sie waren aus dem Spiel. Schnee von gestern. Fertig. Am Ende. Alt. In die Schranken gewiesen.
Denn wohin ging es, wenn man sich einschränkte? Es ging bergab. Und was war unten? Die Hölle. Sie würde in der Hölle landen.
Es jagte ihr aus gutem Grund Angst ein. Nick glaubte, es wäre finanziell möglich, dass sie sich beide zur Ruhe setzten, doch Olivia wusste, dass das unmöglich war.
Und als ob ihr die Vorstellung, sich einzuschränken, nicht schon genug Sorgen bereitet hätte, zogen sie auch noch nach Charleston in South Carolina. Sie, deren Familie schon seit vier Generationen in New York lebte, sollte die funkelnden Lichter dieser Stadt hinter sich lassen, die für sie das Zentrum des Universums darstellte.
Es war womöglich die schlimmste Entscheidung ihres Lebens. Und beruflicher Selbstmord.
In den Augen ihrer Kunden wäre sie erledigt. New York zu verlassen käme einem Todesurteil gleich. Wem die Stunde schlägt, Olivia. Warum um alles in der Welt sollte sich ein Kunde aus New York für eine Innenarchitektin von außerhalb entscheiden? New York hatte immer noch die Nase vorn, nicht wahr?
Doch das war nun mal die Abmachung, die sie mit Nick getroffen hatte, als sie vor vierzehn Jahren geheiratet hatten. Sie hatten seine kleine Wohnung verkauft, und er war bei ihr eingezogen. Doch wenn die Zeit gekommen war, würden sie nach Charleston zurückkehren, in das Land seiner Vorfahren und seiner Kindheit. Er war außer sich vor Freude.
»Mit dir gehe ich überall hin«, hatte sie vor vierzehn Jahren gesagt – und es auch so gemeint.
Damals.
»Mein Gott, du bist wundervoll. Du wirst das einfachere Leben lieben!«, rief Nick bei zahllosen Gelegenheiten mit donnernder Zuneigung, und auch er meinte es jedes Mal so. »Du bist ein Engel! Und ich bin ein Glückspilz.«
Doch Nick mit seinem kurzgeschnittenen, graumelierten Bart und den fröhlichen, blauen Augen lebte in der Welt der Poesie und der Geschichte und hatte absolut keine Ahnung vom Geld oder davon, wie die Welt funktionierte. Er verließ sich auf Olivias wirtschaftlichen Scharfsinn, mit dem sie ihr Geld verwaltete, und sie hatte ihre Sache großartig gemacht. Sie meinte immer, dass ihr Erfolg damit zusammenhing, dass sie einfach Glück gehabt hatte. Und das hatte sie tatsächlich. Bis vor kurzem.
Es waren nicht viele Fehler nötig gewesen, um ihr Unternehmen in eine Abwärtsspirale zu befördern. Und auch wenn die Fehler nicht immer auf Olivias eigene Kappe gingen, war sie es, die letzten Endes damit leben musste. Zuerst war da das dreißigtausend Dollar teure Sofa, das fünf Zentimeter zu kurz geliefert worden war und das der Hersteller nicht zurücknehmen und der Kunde nicht akzeptieren wollte. Das Sofa befand sich mittlerweile in einem Lagerraum in Secaucus, zusammen mit anderen problematischen Einrichtungsgegenständen, die Olivia immer wieder in den Wahnsinn trieben, wenn sie sie zu Gesicht bekam.
»Manche Leute sind einfach schrecklich«, dachte sie jedes Mal bei sich, wenn sie wieder eine Lieferung ins Lager brachte.
Aufsässigkeit war eine der schlimmsten Charaktereigenschaften der Mächtigen und unverschämt Reichen. Manchmal verhielten sich ihre Kunden vollkommen überzogen, bloß weil sie es konnten.
Danach unterschrieb sie einen Vertrag, der die umfassende Renovierung einer Elf-Zimmer-Wohnung an der Upper Park Avenue beinhaltete. Der Gewinn aus diesem Job hätte ihre Kosten für zwei Jahre gedeckt. Doch dann erreichte sie plötzlich die Nachricht, dass ihr Kunde schon bald in eine explosive, von den Klatschmagazinen ausgeschlachtete, erbitterte Scheidung verwickelt sein würde.
Die Neuigkeit schlug ein wie ein Meteorit auf dem Time Square. Überall in Manhattan begannen Innenarchitekten zu hecheln wie Hunde, die auf den umgestürzten Wagen eines Straßenhändlers zustürzen. Der gesamte erwartete Gewinn und auch die Anzahlungen für die Stoffe, die Möbel, die Leuchten und Teppiche rannen ihr durch die Finger und ließen ihre Angst und Verzweiflung wachsen.
Dasselbe passierte, als ein wichtiger Kunde nach London und ein zweiter nach Sydney versetzt wurde. Ein preisgekrönter Architekt war engagiert worden, um den Grundriss der Wohnungen neu zu planen und die Pläne für die Installationen und die elektrischen Leitungen zu erstellen. Olivia hatte Einbauelemente bestellt und teure Holzfußböden und Wandvertäfelungen auf einer Auktion erstanden und plötzlich … wumm! Man hatte ihr ohne große Vorreden den Teppich unter den Füßen weggezogen.
Niemand interessierte sich dafür, wie sich die Situation sowohl beruflich als auch persönlich auf Olivia auswirkte. Es brachte nichts, ihre Coolness zu verlieren, deshalb tat sie so, als wäre ihr Unternehmen derart erfolgreich, dass die Stornierungen keinerlei Auswirkungen hatten. Das stimmte nicht. Und sie hatte Nick nie etwas davon erzählt.
Aller schlechten Dinge sind drei, sagte sie sich.
Doch auch das stimmte nicht. Katastrophen geschahen am laufenden Band, so dass es schien, als würde ein teuflischer Donnergott in einem fort Blitze zur Erde schleudern.
Zu allem Überfluss verkaufte sich ihre Wohnung an der East 86th Street nicht so gut wie erwartet. Obwohl die Wohnung ein kleines Schmuckkästchen war, stammte das Gebäude, in dem sie sich befand, aus der Nachkriegszeit und war noch nie renoviert worden. Es war eine hässliche weiße Ziegelmonstrosität mit niedrigen Räumen, klopfenden Rohren und ohne Tiefgarage. Mittlerweile verlangten die Menschen nach einer herrlichen Aussicht, einem Medien- und einem Fitnessraum. Natürlich zusätzlich zu allen anderen Annehmlichkeiten, die es sonst noch gab. Hundesitter und ein Concierge-Service? Unbedingt! Heutzutage zogen die Leute nicht nur nach West Side Manhattan, sondern auch in Gegenden wie Lower Manhattan oder Brooklyn, also dorthin, wo zehn Jahre zuvor noch kein Manolo-Blahnik- oder Warren-Edwards-verzierter Fuß den Boden betreten hätte.
Das Schicksal war einfach nicht auf Olivias Seite. Nicht im Geringsten. Während Nick sich also an den Gedanken gewöhnt hatte, in den Ruhestand zu gehen, war sie noch meilenweit davon entfernt. Sie musste weiterarbeiten und ihre Verluste irgendwie wettmachen. Hätte Nick gewusst, wie nahe sie dem Bankrott waren, wäre er tot umgefallen. Sie bebte innerlich bei dem Gedanken daran, dass er die Wahrheit herausfinden könnte.
Glücklicherweise hatte sie zumindest eine loyale Kundin, der es auch nichts ausmachen würde, wenn sie in Zukunft auf dem Mond lebte. Hoffentlich.
Als Nicks Ruhestand schließlich immer näher rückte, holte sie einmal tief Luft und stellte ihre Wohnung zum Verkauf. Sie fanden einen Käufer, der gerne den Marktpreis bezahlt hätte, doch der Verkauf wurde nicht genehmigt. Schließlich verkauften sie, aber es war ein schlechter Deal. Nachdem zehn Monate keine Angebote eingegangen waren, unterschrieb sie den Vertrag und erhielt nur noch einen Spottpreis für die Wohnung. In bar. Sie würden in neunzig Tagen ausziehen. Langsam kam Panik in ihr auf. Der Umzug war nicht länger ein Versprechen, das sie Nick einmal gegeben hatte, sondern Realität.
Eine zusätzliche Sorge bereitete ihr außerdem die Tatsache, dass sie die letzte Entscheidung, welches Haus sie in South Carolina kaufen würden, alleine getroffen hatte. Sie wusste, dass es für Nicks Geschmack viel zu groß war. Doch sie brauchte dieses spezielle Haus für sich selbst und für das Image, das sie sich im Süden aufbauen wollte.
»Es ist eine Katastrophe«, erklärte sie und meinte damit den Verkauf ihrer Wohnung. »Ich fühle mich, als hätte man mich beraubt. Abgesehen davon, dass ich nicht weiß, wie ich die Dinge, die wir jahrelang gehortet haben, in drei Monaten sortieren und packen soll.«
»Es kommen sicher wieder bessere Zeiten«, meinte ihre Assistentin Roni Larini. »Außerdem helfe ich dir.«
Sie teilten sich einen großen griechischen Salat und einen Liter Mineralwasser in dem winzigen, aber wunderschönen Büro, das Olivia in einem diskreten Wohnhaus in der East 58th Street angemietet hatte.
»Danke. Das weiß ich. Das tust du doch immer. Und der Mietvertrag für das Büro läuft noch bis Oktober.«
»Vielleicht solltest du es behalten«, meinte Roni.
»Vielleicht«, erwiderte Olivia, obwohl sie wusste, dass sie es sich nicht leisten konnte. Nicht ohne neue Aufträge.
Olivia ging ihre Möglichkeiten durch, und Roni schlug vor: »Ich sehe mir mal das Kleingedruckte an. Vielleicht kannst du es untervermieten.«
»Das wäre eine Idee.«
»Wie hoch ist die Miete?«
»Vierhundert. Inklusive Instandhaltungskosten.«
»Wir könnten sechshundert als Untermiete bekommen. Ohne Probleme. Oder wie wäre es damit: Wir bauen die beiden hinteren Räume in ein Schlaf- und Wohnzimmer um, und du wohnst hier, wenn du in die Stadt kommst.«
»Mal sehen.«
»Es wird alles gut, Olivia. Wir waren schon einmal so nahe am Abgrund. Schläfst du überhaupt noch?«
»Nicht sehr viel. Die Alpträume sind schlimm.«
»Du solltest wieder Yoga machen. Es hilft, alles in die richtige Perspektive zu setzen.«
Roni bezeichnete sich oft als Olivias gute Seele. Sie war zwar erst dreißig, doch sie hatte sich bereits unentbehrlich gemacht. Tatsächlich hatte Olivia keine Ahnung, wie sie nach dem Umzug ohne Roni überleben sollte. Auch wenn sie planten, ihre Freundschaft via E-Mails, FedEx, FaceTime und Skype aufrechtzuerhalten. Außerdem würde Olivia zwei Mal pro Monat nach New York fliegen und im Cosmopolitan Club übernachten. Sie zahlte mittlerweile seit Jahren den Mitgliedsbeitrag, war jedoch immer zu beschäftigt, um die damit verbundenen Annehmlichkeiten in Anspruch zu nehmen. Vielleicht sollte sie aber auch aus dem Club austreten und sich ein Bett in die Abstellkammer des Büros stellen, wie Roni es vorgeschlagen hatte. Um Geld zu sparen. Es war Jahrzehnte her, dass sie sich über ihre Fixkosten Gedanken machen musste.
Es stimmte zwar, dass ihre monatlichen Ausgaben in South Carolina sehr viel niedriger sein würden, wodurch auch die Einschnitte weniger heftig ausfallen würden, aber würde es ihr tatsächlich gelingen, von dort aus genügend Aufträge an Land zu ziehen, um ihre Schulden zu tilgen? Würde sie überhaupt noch Aufträge bekommen? Würde sie ohne Roni an ihrer Seite wirklich genauso effizient arbeiten?
Sie hatte Roni gebeten, mit ihnen in den Süden zu ziehen, doch das war unmöglich. Es war einfach der falsche Zeitpunkt. Roni war tief in New York verwurzelt. Ihre Mutter lebte in einer unterstützten Wohneinheit und kämpfte mit den Schrecken von Alzheimer. Ihre zwei unnützen Geschwister und deren unnütze Partner wohnten im Mittleren Westen, bekamen nichts von der Sache mit und taten so, als würden sie keinerlei Verantwortung tragen.
»Ja, du hast recht. Ich sollte wieder Yoga machen«, bestätigte Olivia, während sie eine große schwarze Olive zwischen den Salatblättern und den Tomaten herausfischte. »Ich wünschte, sie würden diese Dinger entkernen.«
»Ich wünsche mir viele Dinge«, erwiderte Roni.
»Ich mir auch.«
1
Ihr kleines Linienflugzeug befand sich etwa zwanzig Minuten nördlich von Charleston und sank durch eine dicke Wolkendecke auf eine Höhe von dreitausend Metern. Sobald sie die Quellwolken durchbrochen hatten, breitete sich die Landschaft des South Carolina Lowcountrys vor ihnen aus. Leuchtend grünes Schlickgras bedeckte die ehemaligen Reisfelder und das Marschland und bildete einen scharfen Kontrast zu dem blauen Wasser des majestätischen Waccamaw River. Olivia war fasziniert. Nicks Begeisterung beim Anblick der Landschaft und vor allem angesichts ihrer Reaktion war beinahe greifbar.
»Siehe da! Das Paradies!«, meinte er mit dramatischer Stimme und seufzte dann erleichtert auf. »Die kleinen Wasserläufe, die sich durch das Marschland winden …«
»… gleichen den Ringellöckchen auf Miss Scarletts hübschem Hinterkopf«, ergänzte Olivia in schrecklichem Südstaatenakzent. Dann sah sie ihn an und lächelte. »Tut mir leid. Ich wollte nicht so zynisch klingen.«
»Du wirst das Leben hier sehr mögen. Da bin ich mir ganz sicher«, sagte Nick und betete, dass das Lowcountry sie verzaubern würde. »Und dein wunderbarer Zynismus wird mit der nächsten Flut davongeschwemmt.«
»Ich habe die Zeit, die wir hier verbracht haben, immer sehr genossen«, gestand sie.
Aber es war eine Sache, in dem herrlichen Charleston Palace Hotel mit Zimmerservice zu übernachten, und eine gänzlich andere, in einem merkwürdigen alten Strandhaus an der Spitze einer Insel zu leben.
Olivia sah auf die Landschaft hinaus, die immer näher kam, während Nick sie weiterhin betrachtete. Ihre dicken blonden Haare waren zu einem Pferdeschwanz zusammengefasst und fielen über ihren Rücken. Sie trug einen Strohhut und weißes Leinen, auch wenn der Memorial Day noch bevorstand, und die Regel eigentlich besagte, dass man erst ab diesem Tag wieder Weiß tragen durfte. Als überzeugte New Yorkerin war es Olivia allerdings herzlich egal, wann sie Weiß trug. Sie folgte ihren eigenen Regeln.
Er liebte es, wenn sie Hüte trug. Und Weiß – er sah sie dann immer in weiße Bettlaken gehüllt vor sich. Nick war sich sehr wohl bewusst, dass sie wegen des Umzugs unsicher war. Deshalb hatte er auch dem Haus zugestimmt, für das sie sich entschieden hatte. Wobei er nicht einmal genau wusste, welches sie letzten Endes ausgewählt hatte! Sie hatten sich so viele angesehen, dass er sich nicht mehr erinnern konnte. Und in Wahrheit interessierte es ihn auch nicht. Er war seiner Rückkehr nach Hause wieder einen Schritt näher gekommen, und das war alles, was zählte.
Er wusste, dass die Renovierung eines alten Hauses ein riesiges Projekt werden würde – doch Olivia mochte nichts lieber als riesige Projekte. Nick glaubte, sich zu erinnern, dass das Haus, für das sie sich entschieden hatte, abscheulich war, doch sie meinte, es hätte Potenzial. Er fragte sich, wo genau. Er hatte in keinem der Häuser Potenzial entdeckt.
Das einzig Gute daran war, dass seine Verwandten – so weitschichtig sie auch waren – und seine alten Freunde nicht von einer geschmacklosen Zurschaustellung ihres Reichtums vor den Kopf gestoßen würden. Im Herzen war er ein Inseljunge. Ein Geechee. Ein Junge aus dem Lowcountry. Maßvolle Zurückhaltung war das Wichtigste für die Menschen hier.
Olivia war mindestens ein halbes Dutzend Mal ohne ihn von New York auf die Insel geflogen, um an dem Haus zu arbeiten, und hatte dabei in einem Hotel in der Nähe gewohnt. Sicher hatte schon allein die Zeit, die sie dort verbracht hatte, dazu geführt, dass sie das Haus nun als ihr Eigentum betrachtete und eine gewisse Zuneigung zu der Insel entwickelt hatte. Nick war sich sicher, dass er Olivia nur dazu bringen musste, mit ihm während des Sonnenuntergangs am Strand entlang zu spazieren. Das Salzwasser würde ihr die städtischen Dämonen austreiben, vielleicht direkt durch ihre Füße, wie ein Magnet, und sie hinaus in den endlosen Ozean spülen. Mit der Zeit würde ihr Herz weich werden. Das musste es einfach, oder nicht?
»Warum vergesse ich immer wieder, wie schön es hier ist?«, fragte sie flüsternd.
»Weil es sich im Laufe der Jahreszeiten verändert, und weil es einfach so herrlich ist, dass unser Gehirn nicht die volle Schönheit erfassen kann.«
»Vielleicht.«
»Weißt du, als ich noch ein Junge war, erzählte mir einmal jemand, dass Engel verschiedene Aufgaben zu erfüllen haben. Manche wachen über Betrunkene und Babys, andere malen Sonnenuntergänge und Landschaften. Das wäre doch ein toller Job, oder nicht?«
»Wenn man an solche Dinge glaubt.«
»Ach, du und dein herrlich zweifelndes Gemüt!« Er nahm ihre Hand und tätschelte sie. Er wollte damit sagen, dass sie hier, in diesem Land Gottes, ihren Glauben finden würde. »Mit der Zeit wirst du hier wundersame Dinge entdecken. Mein Daddy nannte es die Zeichen sehen.«
Nick war so euphorisch, er hätte stundenlang so weitermachen können. Doch die Stewardess nahm ihr Mikrofon zur Hand, um sich an die Passagiere zu wenden, und auch wenn der Ton immer wieder schwankte und es zu statischen Ausfällen kam, wusste er genau, was sie sagte. Es wurde Zeit, das keimbeladene Tischchen hochzuklappen, den vor Bakterien wimmelnden Knopf zu drücken, um den Sitz geradezustellen, und die gewiss mit üblen Krankheitserregern überzogene Schnalle zu kontrollieren, um sicherzugehen, dass er nicht aus dem Sitz geschleudert wurde, wenn der Pilot auf die Bremse trat, als würde er wie am Telluride Flughafen direkt auf die Rocky Mountains zurasen. Das Aufsetzen auf diesem Flughafen in den Bergen war die furchteinflößendste Landung, die Nick jemals erlebt hatte.
Er hatte Angst vor einem Flugzeugabsturz und war ein wenig besessen, was Keime betraf. Okay, er hatte eine Keimphobie. Üblicherweise hatte er eine Packung Reinigungstücher in der Tasche, doch dieses Mal hatte er sie vergessen. Abgesehen von diesen beiden geringfügigen, wenn auch ärgerlichen Beeinträchtigungen war Nicholas Seymour jedoch nicht im Geringsten neurotisch.
Das Flugzeug landete sanft und hielt vor dem Gate. Nick lächelte erleichtert, als wäre er gerade dem Tod entronnen. Okay, er hatte auch Angst vor dem Tod. Und er hasste es zu fliegen. Aber das Leben wäre wohl nicht so grausam, ihn gerade jetzt seinen letzten zitternden Atemzug tun zu lassen, wo er doch so kurz davor stand, wieder ins Lowcountry zurückzukehren. Oder etwa doch? Nein, dachte er und schob die traurige und schmerzhafte Vorstellung seiner eigenen Totenwache und der Beerdigung von sich.
Mein Gott, er kämpfte mit aller Macht darum, seine ganze Litanei an Ängsten vor Olivia geheim zu halten! Er wusste, dass sie über jede einzelne Bescheid wusste, doch er tat so, als wäre es nicht der Fall. Und sie kannte tatsächlich alle seine Ticks, doch sie sah darüber hinweg, weil sie wusste, dass sie ebenfalls nicht perfekt war.
Sie nahmen ihr Handgepäck, stiegen aus dem Flugzeug und standen zusammen mit fünfzig weiteren Passagieren neben dem Flugsteig, um auf ihre Koffer zu warten. Nach etwa zehn Minuten war das Gepäck da, und sie machten sich durch den Terminal auf den Weg zum Mietwagenschalter. Der Flughafen wurde gerade umfassend renoviert, doch es waren so viele Reisende unterwegs, dass es schien, als wäre der Charleston Airport trotz des Ausbaus viel zu klein.
»Ich kann mich noch an eine Zeit erinnern, als es hier nur zwei Gates gab«, meinte Nick. »Und dann eröffnete ein kleines Restaurant, in dem es gerade einmal frittiertes Hähnchen, scharfe Krabben und gesüßten Tee gab. Es war köstlich.«
»Flughafenessen? Köstlich?«
»Schwer vorstellbar, aber ja.«
»Wow. Und dann erfand jemand die Klimaanlage, und die ganze Welt ging den Bach hinunter?«
»Jawohl, Ma’am! Kurz darauf gab es die ersten Telefone im Schlafzimmer, in Blau und Pink, und einen zweiten Fernsehkanal.«
»Klar. Und unmittelbar danach ging Ed Sullivan mit seiner Late Night Show auf Sendung, und Michael Jacksons Thriller lief zehn Mal am Tag auf MTV.«
»Du hast recht! Wieso kannst du dich daran erinnern? Du warst doch damals gerade erst geboren. Ich erinnere mich, wie ich es mir zusammen mit einigen Studenten angesehen habe und mich fragte, wie lange das Make-up wohl gedauert hat.«
»Gelbe Augen! Klar, ich war damals erst einundzwanzig und kam frisch von der Uni. Ich war immer der Meinung, dass er ein wunderbarer Entertainer war. Sieh mal, unsere Autovermietung ist dort drüben.«
Olivia gefiel es, dass sie so viel jünger war als Nick. Es war auf seltsame Weise irgendwie nett, als das hübsche junge Ding an der Seite eines älteren Mannes betrachtet zu werden.
Sie war lange Zeit alleine gewesen und hatte darum gekämpft, ihr detailorientiertes Unternehmen voranzutreiben. Die einzige Person, auf die sie sich verlassen konnte, war Roni, doch die war ihr erst vor wenigen Jahren über den Weg gelaufen.
Der Glaube daran, dass es jemanden auf dieser kalten, einsamen Welt gab, der sie liebte, war ein unglaublicher Luxus. Nicks Liebe war das größte Geschenk, und sie gab ihr Bestes, um sie zu erwidern, doch manchmal – okay, wohl eher öfter – kamen ihr dabei der Stress im Büro und ihre verrückten Kunden in die Quere. Sie war manchmal zickig – okay, wohl eher öfter – und oft sehr nachdenklich, und sie wirkte womöglich distanziert oder übellaunig, obwohl sie sich einfach bloß Sorgen machte. Sie wollte nicht so unleidlich wirken, wie es für gewisse New Yorkerinnen typisch war. Es war eher ihre Besessenheit zur Selbsterhaltung, die dazu führte, dass sie zugeknöpft oder sogar frostig wirkte, wenn man sie zum ersten Mal traf. Aber wenn es nötig war, stand sie Grace Kelly um nichts nach.
Ihre beiden Karrieren waren vollkommen gegensätzlich, und Nicks Beruf war sehr viel voraussehbarer als ihrer. Natürlich hatte er auch während seiner akademischen Laufbahn stressige Zeiten erlebt – etwa wenn er etwas publizierte –, aber er war seit einer Ewigkeit ordentlicher Professor und damit unkündbar.
Jeder wusste, dass es in der Welt der Innenausstattung keine unkündbaren Posten gab. Kein Sicherheitsnetz. Doch auch wenn ihre Berufe vollkommen unterschiedlich waren, gab es auch etwas Positives, denn sie fanden beide noch Zeit für ihre gemeinsame Leidenschaft: das Reisen.
Sie fuhren hinauf nach Millbrook und dann weiter in den Mashomack Preserve Club, um im Herbst Vögel zu jagen. Oder sie sprangen in einen Bus, um im Sommer Freunde in den Hamptons zu besuchen. Je spontaner der Entschluss, desto mehr genossen sie es.
»Kein New Yorker, der etwas auf sich hält, verbringt das Wochenende in der Stadt«, meinte Olivia immer.
Nick konnte dem nicht zustimmen, doch er schloss sich ihr an, wenn sie Pläne fürs Wochenende ankündigte. Auch wenn er genauso glücklich war, wenn er einfach zu Hause bleiben und ein Buch lesen konnte.
Er gab es nicht zu, aber er genoss es trotzdem jedes Mal besonders, wenn sie von einem ihrer milliardenschweren Kunden auf seine herrliche, hundert Meter lange Yacht eingeladen wurden, um zu einem der viel gepriesenen Spielplätze der Reichen und Berühmten zu segeln, was einige Male im Jahr vorkam. Olivia gefiel der besondere Nervenkitzel, auf einer Yacht unterwegs zu sein, und alles, was dazugehörte. Das ungeheuerliche Verhalten der Yachtbesitzer und ihrer Gäste versetzte Nick jedes Mal in Staunen, und er verkündete dann immer: »Ich hätte Seelenklempner werden sollen.« Worauf Olivia antwortete: »Komm schon, Nicky, sie sind meine besten Kunden.« Sie hoffte immer, dass sich aus diesen Trips weitere Aufträge ergaben.
Tatsächlich waren der Kerl mit der Yacht und seine Frau im Moment ihre einzigen Kunden, doch das Projekt war bald abgeschlossen, und es war kein neuer Auftrag in Sicht.
Offensichtlich flüchtete nicht jeder mit dem Privatjet oder zog sich auf eine Yacht zurück, doch obwohl ihre Wahl weitaus weniger spektakulär war, freuten sie sich beide sehr auf ihr Wochenende in Charleston. Nick war schon gespannt auf den Fortschritt der Umbauarbeiten, und Olivia hatte endlich das Gefühl, dass sie weit genug fortgeschritten waren, um ihm das Haus zeigen zu können.
Nick förderte ihr Bestes zutage, wie es jeder gute Lehrer tun sollte. Sie war so liebenswürdig wie nie, wenn sie mit ihm zusammen war. Im Gegenzug hatte sie ihm Zutritt zu einer Welt verschafft, die ein Mann mit Professorengehalt niemals zu Gesicht bekommen hätte. Aber das Wichtigste war womöglich, dass er sich durch sie wieder jung fühlte. Wiederentdeckte Jugend kannte keinen Preis.
Sie traten vor den Schalter der Autovermietung, und ein sehr freundlicher Mann namens Ed begrüßte sie. Sie unterzeichneten die bereits vorbereiteten Unterlagen, übernahmen den Schlüssel und machten sich auf den Weg.
»Das war ja einfach«, staunte Olivia.
Es war etwas nach ein Uhr nachmittags. Die Sonne vor dem Gebäude war so hell, dass sie abrupt auf dem Bürgersteig innehielten und eilig ihre Sonnenbrillen hervorholten. Beide Brillen hatten eine runde Schildpattfassung – eine weitere Vorliebe, die sie teilten. Olivias Brille war übergroß, wie sie etwa Jackie O. getragen hatte, während Nicks Brille einem eleganten Gentleman aus Charleston entsprach, ein wenig eulenhaft aussah und eines Professors auf jeden Fall würdig war. Ihr persönlicher Geschmack deckte sich oft mit den Stereotypen ihres Berufes. Niemand hätte Olivia jemals für eine Wissenschaftlerin oder Nick für einen Designer gehalten.
»Ich fahre«, schlug er vor.
»Wunderbar, dann kann ich meine E-Mails checken.«
Die Luft war warm. Es wehte eine leichte Brise, und es herrschte gerade genug Luftfeuchtigkeit, um Olivia aus der Fassung zu bringen. Sie hasste diese Feuchtigkeit, denn sie stellte seltsame Dinge mit ihren Haaren an und ließ sie an Stellen schwitzen, die aus Gründen der Höflichkeit in der Öffentlichkeit nicht näher benannt werden sollten. Sie wusste nicht, wie sie unter diesen klimatischen Bedingungen überleben sollte, ohne vier Mal am Tag zu duschen. Nick schien dem klebrigen Dschungelwetter gegenüber vollkommen unbeeindruckt. Tatsächlich waren sein Leinenhemd und die Hose kaum zerknittert, auch wenn er die letzten zwei Stunden wie eine menschliche Sardine in seinem Sitz eingepfercht verbracht hatte. Sie fragte sich verwundert nach dem Grund dafür, denn ihr Leinenkostüm sah aus, als hätte sie eine Woche lang darin geschlafen. Zumindest kam es ihr so vor.
Sie fanden ihren sportlichen, roten SUV, verstauten ihr Gepäck im Kofferraum und starteten.
»Bist du hungrig?«, fragte Nick.
»Nicht besonders. Du?«
»Nein, aber ich weiß aus Erfahrung, dass ich es bald sein werde.«
Olivia kicherte. Bevor sie Nick kennengelernt hatte, hatte sie kaum gekichert.
»Hör zu«, meinte sie, nachdem sie etwa dreißig Spam-Nachrichten gelöscht und ihr Telefon wieder in die Tasche gesteckt hatte. »Ich freue mich einfach schon auf unser Haus. Wenn dein Bauch also noch ein wenig warten kann, dann lass uns zuerst unser Gepäck hinbringen und dann einen Happen essen gehen.«
»Ich wollte bloß einen Teller frittierte Garnelen aus dem Long Island Café«, meinte Nick, ehe er eilig hinzufügte: »Aber ich kann auch noch ein wenig warten.«
»Okay«, sagte sie. »Danke.«
»Und ein kühles Glas spritzigen Sauvignon Blanc.«
»Mmmm, das klingt gut.«
»Sie haben mittags allerdings nur bis halb drei geöffnet.«
Sie warf einen Blick auf die Uhr. Es war bereits zwanzig Minuten vor zwei. Sie wusste, ohne ihn anzusehen, dass er lächelte.
»Na dann, mein Herr, sollten wir uns vielleicht beeilen, damit wir noch rechtzeitig dort sind!«
Na also. Sie konnte durchaus flexibel sein.
Kurz darauf hielt Nick Olivia die Restauranttür auf und rückte ihr den Stuhl zurecht. Wenige Minuten später – nachdem er das Besteck begutachtet und es aus reiner Gewohnheit mit der Serviette gesäubert hatte – aßen sie auch schon die besten frittierten Garnelen im ganzen Süden und die ersten Tomaten der Saison.
Die Tomaten waren recht gut, auch wenn sie aus Florida stammten. Zwischen den Südstaaten tobte ein unausgesprochener Kampf darum, wer die besten Tomaten lieferte. Für die Bewohner Charlestons wuchsen die schmackhaftesten Tomaten auf dem verzauberten Boden von Johns Island. Natürlich waren auch die Tomaten aus Estill und Florence recht gut, doch auch sie wurden nicht vor Mitte Juni geerntet, und es war erst Ende April. Bis Juni mussten die pingeligen Tomatenliebhaber South Carolinas also einen Gang zurückschalten und sich mit Früchten aus Florida zufriedengeben.
»Denk doch nur«, meinte Nick. »Hier unten können wir nach der Mittelmeerdiät leben und richtig gesund werden. Keine Soufflees im Le Bernardin mehr und auch keine riesigen Steaks im Del Frisco’s, die ja wahre Cholesterinbomben sind. Kein Käse- und Wurstbuffet in der Gramercy Tavern oder diese schokoladenen Todesurteile, die Daniel zubereitet! Schluss damit, und wir werden einhunderteins!«
»Ich glaube, ich werde die Soufflees vermissen«, meinte Olivia leise. »Und die Schokolade.«
Nicks Enthusiasmus verflog schlagartig, als ihm wieder einmal bewusst wurde, dass Olivia nicht hundertprozentig von seiner eher klösterlichen Vision ihrer gemeinsamen Zukunft überzeugt war. Er war tatsächlich der Meinung, dass raffinierter Zucker eine tödliche Bedrohung darstellte, doch sie reagierte nie wirklich dankbar, wenn er ihr Vorträge zu Themen hielt, die nicht in sein Fachgebiet fielen.
»Na ja, dann müssen wir wohl ein wenig durch die Stadt streifen, um den perfekten Gourmettempel für dich zu finden! Es wird doch sicher auch hier jemanden geben, der ein Soufflee zubereiten kann?«
Sie lächelte. Ein schwacher Versuch, seine gute Laune wiederherzustellen. »Ja, ganz sicher«, meinte sie. »Gibt es nicht ganze drei James-Beard-Preisträger hier in der Stadt?«
»Ja, ich glaube schon!«, erwiderte Nick. »Vielleicht gibt es sogar noch mehr, die diese wichtige Kochauszeichnung verliehen bekommen haben. Ich glaube, ich habe irgendwo darüber gelesen. Keine Sorge, Liebling. Wir machen diese Teufel ausfindig und entlocken ihnen alle möglichen Gaumenfreuden. Ich werde mich persönlich darum kümmern.«
»Es ist nicht das Ende der Welt«, meinte sie.
»Nein, und wenn wir niemanden finden, dann mache ich das Soufflee eben selbst!«
»Das will ich sehen«, meinte Olivia und kicherte in sich hinein, als sie sich Nick mit einer Kochmütze und einer bis zum Boden reichenden weißen Schürze vorstellte, wie er Eiklar in einer riesigen Kupferschüssel schlug und die Küche aussah, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Sie tauchte eine Ecke ihrer Serviette in ihr Wasserglas und wischte etwas Sauce Tartare von der Vorderseite seines Hemdes. Er lächelte sie an. Sie lächelte zurück.
»Kann ich Ihnen noch etwas bringen?«, meinte der Kellner, der bereits mit der Rechnung an den Tisch getreten war. »Ein Dessert? Kaffee?«
Nick wusste, dass sie noch ein Stück Limetten- oder Bourbon-Schokolade-Pekannuss-Kuchen bekommen hätten und der Kellner ihnen ihre Wünsche in einer Million Jahren nicht abgeschlagen hätte, doch es war bald drei Uhr nachmittags, und sie hatten seine Gastfreundschaft bereits überstrapaziert. Sie waren mittlerweile die einzigen verbliebenen Gäste in dem sonst so geschäftigen Restaurant. Außerdem war er sich ziemlich sicher, dass die hausgemachten Desserts nicht mit Daniel Bouluds oder Thomas Kellers außergewöhnlichen Kreationen mithalten konnten, so lecker sie auch waren. Es war so unfair, wie Äpfel mit Birnen zu vergleichen.
»Nein, danke«, erklärte Nick also und reichte dem Kellner seine Kreditkarte. »Aber es war köstlich. Ihre Garnelen sind ein Traum.«
»Ja, sie sind wirklich unglaublich«, meinte Olivia und schenkte ihm ein ehrliches Lächeln.
»Vielen Dank! Ich werde es dem Koch ausrichten und bin gleich wieder mit der Quittung zurück.«
Nick lehnte sich zurück und sah in Olivias braune Augen. Obwohl ihre neue Heimat womöglich die kulinarische Kunst vermissen ließ, die nötig war, um ihren Big-Apple-Gaumen in Verzücken zu versetzen, bot das Lowcountry andere, bedeutsamere Erfahrungen. Er war überzeugt, dass sie eines Tages verstehen würde, wie weise seine Entscheidung gewesen war. Und er würde sich in der kulinarischen Szene umhören. Er erinnerte sich, vor nicht allzu langer Zeit etwas darüber in der New York Times gelesen zu haben.
»Ich bin so derartig verrückt nach dir, dass ich gar nicht weiß, wie mir geschieht«, erklärte er.
»Mir geht es genauso, Liebling. Aber wo wir schon von Verrücktheiten sprechen, lass uns losfahren und unser verrücktes Haus ansehen.«
»Ja, das machen wir«, erwiderte er und stand auf, um ihren Stuhl zurückzuziehen. »Weißt du was, ich habe ganz vergessen, dich zu fragen, ob wir eigentlich im Haus übernachten können? Oder hast du ein Hotelzimmer reserviert?«
»Ich habe eine Überraschung für dich.«
»Wirklich? Was denn?«
»Wir werden heute Nacht glampen.«
»Oh. Das klingt irgendwie schmerzhaft. Du hast doch nicht diesen Fifty-Shades-Kram gelesen, oder etwa doch?«
Olivia schüttelte schmunzelnd den Kopf. »Nein, mein Kleiner. Es ist eine Kombination aus glamourös und campen. Glamouröses Campen!«
»Ah! Dir gehen die klugen Ideen wohl nie aus.«
»Ich hoffe, du wirst sie immer als klug bezeichnen«, erwiderte sie.
»Ich auch«, meinte er und legte einen Arm um ihre Mitte. »Es wäre schrecklich, wenn ich dich vor die Tür setzen und mein restliches Leben alleine verbringen müsste.«
»Still jetzt, Nicholas Seymour. So etwas würdest du niemals tun! Und heute werden wir die erste Nacht in unserem neuen Zuhause verbringen!«
»Steig ins Auto. Und dann sehen wir, welche Schrecken uns erwarten.«
»Es gibt nichts Besseres als ein altes Haus, wenn man sich gruseln will«, nickte Olivia zustimmend. »Ich hoffe bloß, wir haben Wasser und Strom. Jason hat es mir jedenfalls versprochen.«
»Okay, aber das Wichtigste zuerst: Haben wir ein Bett?«
Vor ein paar Tagen war Olivia mit mehreren riesigen Einkaufstaschen aus dem Gracious Home, einem altehrwürdigen New Yorker Kaufhaus für Inneneinrichtung, ins Büro zurückgekehrt. Das Kaufhaus hatte einen eintägigen Abverkauf gestartet, und Olivia hatte das Angebot gut genutzt. Danach hatte sie Roni gebeten, den Inhalt der Taschen nach Sullivans Island zu verschicken.
Außerdem hatte sie ein breites Boxspring-Doppelbett bestellt, und ihr Bauleiter vor Ort hatte versprochen, es aufzustellen.
»Willst du mir etwa sagen, dass du nicht mit mir auf dem Fußboden schlafen möchtest?«
»Ich würde mit dir sogar auf einem Steinhaufen schlafen«, erwiderte er.
»Ach Liebling«, meinte sie und strich mit ihrem perfekt manikürten Finger über sein Kinn.
Die Fahrt zu ihrem neuen/alten Haus dauerte etwas mehr als zehn Minuten. Sie krochen durch das Geschäftsviertel auf der Isle of Palms und überquerten die Brücke über den Breach Inlet nach Sullivans Island, wobei sie ständig Ausschau nach der Polizei hielten, die dafür berüchtigt war, sämtliche Autofahrer an den Rand zu winken, die das Tempolimit nur leicht überschritten. Tatsächlich entdeckten sie einen Streifenwagen hinter einem riesigen Oleander.
»Sollten die nicht besser Verbrechen aufklären?«, fragte Olivia.
»Das ist ja das Problem«, erwiderte Nick. »Hier gibt es nicht genügend Verbrechen.«
»Mein Gott, jetzt wird mir einiges klar!«, meinte sie ungläubig.
Wenige Minuten später rollten sie durch das winzige Geschäftsviertel von Sullivans Island. Ein zufälliger Beobachter hätte wohl gedacht, dass die Restaurants hier gratis Essen verteilten. In Poe’s Taverne und im Home Team BBQ waren alle Plätze besetzt, während Unmengen von Leuten auf einen Tisch warteten oder einfach die Straße überquerten, ohne auf den Verkehr zu achten. Vielleicht holten sie sich eine Tüte Eis oder die Zeitung, vielleicht hatten sie einen Termin im örtlichen Frisiersalon – vielleicht hatten sie aber auch zu viele Kohlenhydrate zu sich genommen und befanden sich in einer Art Rauschzustand. Es spielte keine Rolle. Die Menschen liefen jedenfalls mitten auf der Straße, als folgten sie einem Karnevalsumzug, und schenkten den Autos, Fahrrädern und Golfwagen keinerlei Beachtung, die große Mühe hatten, nicht mit ihnen zu kollidieren. Seltsamerweise war nirgendwo ein Hupen zu hören. Fußgänger und andere Verkehrsteilnehmer hoben bloß die Hand, um den anderen zum Weiterfahren oder -gehen aufzufordern oder um sich zu bedanken.
»Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, als diese Insel als verschlafen bezeichnet wurde«, meinte Nick.
»Das ist wohl schon länger her.«
»Ja, vermutlich.«
»Wenn das hier Manhattan wäre, wären die Krankenwagen im Dauereinsatz.«
»Ganz sicher. Aber die Menschenmassen hier sind erstaunlich. Habe ich dir jemals von dem Schild erzählt, das mein alter Herr gemacht hat?«
»Ein Schild?«
»Ja, er hatte eine kleine Werkstatt hinter der Garage. Ich war wohl ein Teenager, denn ich war alt genug, um mich für das Schild zu schämen. Wir wohnten damals in einem Haus am Jasper Boulevard, und es war lange bevor sie die Verbindungsbrücke auf die Isle of Palms bauten.«
»Zur Zeit Präsident Nixons?«, fragte Olivia und zuckte mit den Augenbrauen, um ihn aufzuziehen.
»Nein, Franklin D. Roosevelt, aber vielen Dank. Wie auch immer, am Wochenende waren die Strände auf Sullivans Island und der Isle of Palms vollkommen überfüllt. Etwa um vier Uhr nachmittags begann sich der Verkehr zu stauen, und wenn sich die Ben Sawyer Brücke öffnete, wurde es noch schlimmer. Dann stiegen die Leute aus dem Wagen und erleichterten sich in den Gärten der Anrainer.«
»Wie bitte? Was sagst du da?«
»Du hast richtig gehört. Die Leute fuhren an den Strand und tranken den ganzen Tag lang Bier. Dann setzten sie sich ins Auto und blieben im Verkehr stecken. Wenn ihnen schließlich das Wasser in den Kopf stieg und ihre Augen gelb wurden, schlichen sie sich hinter deinen Oleanderbusch und … du weißt schon … legten einfach los.«
»Das ist ja widerlich!«
»Das lässt sich nicht abstreiten. Und es verstößt auch gegen ziemlich viele Gesetze. Egal. Jedenfalls hatte mein Vater wieder einmal einen Kerl erwischt, der unseren Vorgarten bewässerte, und danach war er auf die Idee gekommen, ein Schild zu malen.«
»Und auf dem stand?«
»Nächstes Wochenende auf zum Folly Beach! Der Strand befindet sich immerhin am anderen Ende von Charleston. Das Schild war riesig. Meine Mutter und ich waren entsetzt. Rick nicht. Er meinte, Dad wäre ein Aufständischer.«
»Das ist echt witzig«, erklärte Olivia. »Dein Dad war wohl ein ziemliches Original.«
»Ja, auf jeden Fall. Er war ein toller Kerl. Mein Bruder Rick ist ihm sehr ähnlich.«
»Ist es nicht seltsam, wie sich die Persönlichkeit weitervererbt? Wie geht es Rick eigentlich?«
»Sheila und er sind in Reno bei einem Wohnmobiltreffen.«
»Sie lieben diese Wohnmobilwelt wirklich, oder?«, meinte Olivia und dachte bei sich, dass sie lieber in einem Graben als in einem Wohnmobil schlafen würde. Doch sie war tolerant genug, um Rick und Sheilas Entscheidung zu akzeptieren, und einige Wohnmobile waren tatsächlich umwerfend.
»Ja. Sie fahren quer durchs ganze Land. Sie haben mehr Freunde als irgendjemand, den ich sonst kenne.«
»Womöglich wegen Ricks Sinn für Humor. Er ist ebenfalls ein Original.«
»Genau wie unser Vater. Und was die Sache mit der Persönlichkeit angeht: Ja, es ist tatsächlich seltsam. Ist dir schon einmal aufgefallen, dass Musiker wieder Musiker zur Welt bringen? Und dass die Kinder von Technikaffinen wiederum Technik lieben?«
»Dann stamme ich wohl von einer Familie von Hamstern ab. Wow, das Licht hier ist so hell!«
Olivia hob die Hand, um ihre Augen abzuschirmen. Die Sonnenbrille alleine reichte nicht, um gegen die erbarmungslose Nachmittagssonne im Lowcountry anzukommen.
»Es ist fast Sommer. Wir sollten ins Markisengeschäft einsteigen«, schlug Nick vor. »Wir würden ein Vermögen verdienen.«
»Ja, vielleicht sollten wir das«, erwiderte Olivia. »Markisen würden viele der Häuser hier in der Gegend um einiges energieeffizienter machen.«
»Deshalb bauen die Leute hier ja Häuser mit überdachter Terrasse.«
»Okay. Aber was ist mit den Zimmern in den oberen Stockwerken?«
»Die brauchen Markisen.«
Sie kamen an der Feuerwehr und einigen weiteren Geschäften vorbei, bevor sie die Insel entlang weiter in Richtung Fort Moultrie fuhren. Die Kirche Stella Maris lag zu ihrer Rechten, als sie schließlich nach links abbogen.
»Die nächste Einfahrt«, meinte Olivia.
»Das ist es also?«, fragte Nick überrascht. »Es ist riesig! Ich kann mich nicht erinnern, dass es so groß war!«
Was zum Teufel hat sie getan?, dachte er.
»Es wirkt nur so groß, weil es auf Pfählen gebaut ist«, erwiderte sie, auch wenn sie wusste, dass er recht hatte. »Du wirst schon sehen. Es schrumpft.«
»Ich weiß nicht, Olivia. Ich dachte, wir hätten uns auf etwas Bescheideneres geeinigt.«
»Hör zu, Nick. Wir wissen beide, dass wir ein Vorzeigehaus brauchen, wenn ich weiter arbeiten will. Wir können nicht in einem schäbigen kleinen Häuschen mit verzogenen Böden und schiefen Wänden wohnen und gleichzeitig meinen Kunden erklären, dass sie es nicht sollen.«
»Okay, okay.« Er wusste, dass sie recht hatte.
»Ich muss einen gewissen Eindruck erwecken.«
Nick atmete seufzend aus. »Ja, vermutlich.«
Der Garten vor dem Haus war voller Lastwägen. Ein Landschaftsgärtner unterhielt sich mit einem Mann von der Bewässerungsfirma. Männer auf Leitern strichen die Außenwände, während andere auf dem Dach herumkletterten. Wieder andere warfen altes Dämmmaterial und Schutt in einen großen Container, und vor dem Haus stand eine mobile Toilette. Natürlich trug jeder Arbeiter eine Sonnenbrille.
»Na ja, eines ist jedenfalls gewiss. Man weiß, dass man im Leben angekommen ist, wenn man erst einmal eine mobile Toilette im Garten stehen hat.«
»So etwas hätte dein Daddy auch gebraucht«, scherzte Olivia.
»Ja, das ist wahr«, erwiderte Nick. »Mit Münzeinwurf.«
Ein gutaussehender junger Mann kam auf sie zu, als er ihren SUV in die Auffahrt biegen sah. Nick stellte den Motor ab, stieg aus und öffnete das Heck des Wagens mit einem Knopfdruck. Olivia sprang ebenfalls aus dem Auto und trat zu ihm, um ihre Tasche zu holen.
»Das dort ist Jason«, erklärte Olivia. »Er ist unser Bauleiter.«
»Wirklich? Er erscheint mir wahnsinnig jung.«
»Nein, das ist er nicht. Wir beide sind bloß furchtbar alt.«
»Mein Gott, wie sehr ich das hasse«, seufzte Nick.
Er blickte blinzelnd in Richtung des jungen Mannes. Aus dem Augenwinkel sah Olivia, wie Nick den Bauch einzog und sich ein wenig aufrichtete. Sie biss sich auf die Wange, um nicht laut loszulachen.
»Lassen Sie mich Ihnen bitte helfen, Sir«, meinte Jason und nahm Nick den Koffer ab. »Mrs. Ritchie? Darf ich Ihnen Ihre Tasche ebenfalls abnehmen?«
»Danke, Jason«, erwiderte Olivia und gab ihm ihre Reisetasche. »Nick? Darf ich vorstellen, das ist Jason Fowler. Ihm und seinem Dad gehört die Baugesellschaft Sea Island Builders. Und sie leisten hervorragende Arbeit.«
»Das hoffe ich doch«, meinte Nick und schüttelte Jasons Hand.
Olivia dachte bei sich, dass das Haus ein wahrer Geldschlucker war. Es würde einige Zeit dauern, bis sie mehr an dem Haus verändern konnte, als bereits geschehen war. Aber wie sollte sie Jason klarmachen, dass sie eine Pause einlegen mussten? Wie peinlich würde das werden? Es wäre jedenfalls nicht gut für ihr berufliches Ansehen, so viel war sicher.
»Sehr erfreut, Sie kennenzulernen, Mr. Ritchie.«
»Seymour. Meine Frau heißt Ritchie. Sie ist emanzipiert.«
»Wie bitte?«
»Liebling? Ich denke, er weiß nicht einmal, was es bedeutet, nicht emanzipiert zu sein. Heutzutage sind alle Frauen emanzipiert.«
Nick lächelte, doch Olivia wusste, dass er verärgert war. Es war schlimm genug, wenn ihm seine Studenten übermäßig höflich begegneten, doch seine Position und die Jahre, die er bereits an der Fakultät lehrte, verlangten danach. Wenn es ihm jedoch auch im privaten Bereich passierte, überraschte es ihn immer wieder. Allerdings nicht auf angenehme Art. Olivia vermutete, dass keiner von ihnen sich jemals an den Umstand gewöhnen würde, dass sie beide nun mittleren Alters waren. Obwohl sie laut den Versicherungstabellen auch dieses bereits überschritten hatten.
»Okay«, meinte Jason. »Dann bringe ich erst einmal Ihr Gepäck ins Haus. Ich freue mich schon, Ihnen beiden zu zeigen, was wir geschafft haben.«
»Wunderbar«, erwiderte Olivia.
Sie stiegen eine lange Treppe aus handgemachten Ziegelsteinen hoch. Jason drückte die Eingangstür auf und trat zur Seite, damit Olivia und Nick eintreten konnten.
»Oh, Jason, die Tür sieht wirklich ganz wunderbar aus«, meinte Olivia mit einem Lächeln und ließ die Hand über den glänzenden Lack gleiten.
»Danke. Ich habe die Jungs veranlasst, sie neu zu lackieren und die alten Beschläge zu bearbeiten und wieder einzusetzen.«
Die schwere Eingangstür bestand aus Eichenholz mit einer erhöhten Vertäfelung im unteren Bereich und einem großen Bleiglasfenster darüber. Die Klinke war alt, so groß wie bei einem Herrenhaus und aus stabilem Messing gefertigt, das auf Hochglanz poliert worden war. Sie traten ins Haus.
Olivia schnappte nach Luft und setzte ein breites, überraschtes Lächeln auf.
»Wow«, sagte sie, während sie durch die ersten Räume schlenderte und ihr Blick vom Fußboden auf die Wände und zurück zu Jasons Gesicht wanderte. »Wow, Jason, tolle Arbeit! Es ist erstaunlich, was man mit einem Pinsel alles anstellen kann, nicht wahr?«
»Und mit etwa zweitausend Litern Farbe«, erwiderte Jason grinsend.
»Es ist schwer zu glauben, dass das hier dasselbe Haus ist«, meinte Nick. »Ich bin überwältigt!«
Fort waren die seltsamen Farben und die altmodischen Vorhänge an den Fenstern, an die Nick sich erinnerte. Alles war in reinem oder etwas dunklerem Weiß und in warmen Ton-in-Ton-Akzenten gestrichen. Der Effekt war beruhigend und irgendwie erhaben. Ja, das alte Haus, das beinahe hundertfünfzig Jahre voller Geheimnisse bewahrte und einige schlechte Entscheidungen und – vermutlich – auch einige Momente größten Glücks erlebt hatte, war mit Hilfe zahlloser Pinselstriche wieder zum Leben erwacht.
Die alte Dame gab ein kräftiges Lebenszeichen von sich.
»Es ist herrlich, Jason. Einfach herrlich! Haben Sie schon mit den Bädern begonnen?«
»Bloß mit dem einen im Flur. Aber was sollen wir mit dem Schwan machen?«, fragte Jason.
»Leda und der Schwan«, meinte Nick.
Jason hörte die Anmerkung nicht, doch Olivia warf Nick einen bösen Blick zu.
»Ich weiß auch nicht. Er ist zu passé, um ihn noch zu verwenden, aber zu geschmacklos, um ihn einfach zu entsorgen.«
»Und seltsam«, ergänzte Jason. »Irgendwie gruselig.«
»Aha!«, meinte Nick. »Siehst du, Olivia? Ich habe dir ja gesagt, dass dieses Ding ein … nun, ein aufdringlicher Talisman ist.«
Nick liebte die unanständigen Anspielungen in Yeats Gedicht und diskutierte gerne darüber, ob das, was zwischen Leda und dem Schwan vorfiel, einvernehmlich oder doch eine Vergewaltigung war.
Olivia warf Nick einen Blick zu. Lass es gut sein, okay?
»Warum bitten wir nicht einen der Arbeiter, ihn zu säubern und zu verstauen? Es wäre vielleicht witzig, ihn als Wasserhahn für das Fußbad zu verwenden«, schlug Olivia vor.
»Ein Fußbad?«, fragte Nick.
»Ja, wenn man vom Strand kommt, kann man sich die Füße in einem kleinen Becken waschen«, antwortete Olivia. »Dann nimmt man keinen Sand mit ins Haus.«
»Viele Leute haben heutzutage solche Fußbäder«, erklärte Jason.
»Verstehe«, erwiderte Nick und dachte sich: Und warum verwendet niemand mehr einen Gartenschlauch? Oder springt in eine Regenpfütze? Außerdem würde der elegante Schwan dazu herabgewürdigt, jemandem die Füße zu waschen. Ein wahrhaft trauriges Schicksal für Ledas Liebhaber.
Olivia sah Nick an und verdrehte die Augen, dann ging sie von Zimmer zu Zimmer. Sie war begeistert vom Ergebnis ihrer Auswahl und von Jasons Arbeit. Vor mehreren Monaten hatte sie Nick gebeten, die Griffe und Knöpfe für die Küchenschränke und die Fliesen für die Wand hinter der Arbeitsplatte auszuwählen, und er hatte eine gute Wahl getroffen. Nun befand sich alles an seinem Platz in der Küche – zusammen mit der leicht zu reinigenden, antibakteriellen Quarzplatte von Silestone, die er so sehr mochte.
»Ich kann es kaum erwarten, die Küche zu benutzen und Chaos anzurichten«, meinte Nick.
»Mein wunderbarer Mann ist der Koch in der Familie«, erklärte Olivia. »Es ist entscheidend, dass er gerne in der Küche steht, denn das, was ich koche, ist ungenießbar.«
»Ich bin ganz begeistert von der Küche«, meinte Nick. »Sie ist herrlich!«
»Gut, wenn Sie begeistert sind, bin ich es auch«, erwiderte Jason.
Olivia bedankte sich immer wieder bei ihm, und er strahlte vor Stolz und Erleichterung. Er hatte Wort gehalten und das Boxspringbett im Schlafzimmer aufgebaut.
»In diesem Haus steckt sehr viel Potenzial«, meinte Jason.
»Und ich habe bis vorhin nichts davon bemerkt«, erwiderte Nick.
»Dafür hast du ja mich«, beruhigte ihn Olivia und warf ihm einen Kuss zu.
Um eine Minute nach vier – also mehr oder weniger überpünktlich – glich der Garten einer Geisterstadt. Alle waren fort. Sie hatten das Haus endlich für sich alleine.
»Ich bin froh, dass du mit dem Haus glücklich bist«, meinte Olivia, und die winzigen goldenen Sprenkel in ihren Augen funkelten.
»Ich bin jedenfalls sehr glücklich, mit dir hier zu sein«, erwiderte Nick und dachte: Wir brauchen nie im Leben ein derart großes Haus.
Nach einem chilenischen Crudo und einem Torpedobarsch im Restaurant Coda del Pesce auf der Isle of Palms und einem Glas Wein auf der über dem Wasser gelegenen Terrasse – während sie die Sterne zählten und zusahen, wie der Mond aufging – fuhren sie nach Hause, machten das Licht aus, gingen in ihr neues Schlafzimmer und brachen mehr oder weniger auf dem Bett zusammen.
Olivia hatte das Schlafzimmer eingerichtet, als hätte ein Wohnmagazin eine Fotostrecke über das Leben im amerikanischen Süden geplant. Die Laken des Luxusherstellers Sferra waren im französischen Knotenstich bestickt und hatten eine Durchbruchbordüre. Über geruchlose Stumpenkerzen auf Tellern hatte sie Kerzengläser gestülpt. Außerdem hatte sie wunderbare weiße, türkische Baumwollhandtücher, herrliche handgeschöpfte Seife und zwei Bademäntel mit ihren Initialen besorgt. Es würde wohl ihre letzte Shoppingtour für längere Zeit gewesen sein, auch wenn sie alles im Ausverkauf erstanden hatte.
»Lampen sagtest du also?«, meinte Nick, der gerade die Knöpfe seines Pyjamaoberteils schloss.
»Ja«, erwiderte Olivia und blies die letzte Kerze aus. »Ich muss noch Lampen kaufen.«
»Ich könnte mir vorstellen, dass die Liste der Dinge, die wir noch brauchen, sehr lang ist.« Er küsste ihre Stirn und schlüpfte laut gähnend ins Bett.
Ja, und ich will gar nicht daran denken, was das kosten wird, dachte sie.
Der Mond und die Lichter der Stadt auf der anderen Seite des Hafens schienen durch die Fenster, so dass sie sich problemlos durch das Zimmer bewegen konnte. Sie war vollkommen erschöpft. Sie wusste, dass der Flug, die Entscheidungen, die sie treffen musste, und der Wein sie innerhalb von Minuten einschlafen lassen würden. Nick schnarchte bereits leise neben ihr. Sie krabbelte ins Bett und zog sich die Decke über die Schultern. Als sie in den Schlaf glitt, hörte sie ein dumpfes Poltern und riss die Augen ruckartig auf. Sie lag so still sie konnte und lauschte. Sie hörte Rascheln und erneut ein Poltern. Sie schüttelte Nicks Schulter.
»Nick!«, flüsterte sie. »Nick! Wach auf! Da ist jemand im Obergeschoss!«
»Was? Was zum Teufel ist denn los?«
Dann schwieg er, und sie lauschten gemeinsam.
Rums! Raschel! Rums!
»Schlaf weiter, Liebling, ich besorge gleich morgen ein paar Fallen«, meinte Nick.
»Wofür?«
»Für die Ratten. Das sind Sumpfratten. Und nicht Jack the Ripper.«
Augenblicke später war Nick bereits wieder eingeschlafen, doch Olivias Körpertemperatur war schlagartig in die Höhe geschossen, und sie begann zu schwitzen.
Ratten? Ratten im Haus? Mehr als eine? Oh Gott! Die Luftfeuchtigkeit? Okay. Moskitos? Gerade noch erträglich. Aber Ratten? Ratten waren ein Ausstiegsgrund.
Ach? Dann sind es also nur Sumpfratten?, dachte sie. Nur Sumpfratten? Na ja, das ist gut, denn einen Moment dachte ich, wir hätten ein echtes Problem!
Wodurch genau unterschied sich eigentlich eine Sumpfratte von einer normalen Ratte? Durch ihre Größe? Durch die Länge ihrer Zähne? Durch ihre Vorliebe für weibliches Menschenfleisch? Gesichtsfleisch?
Olivias Gedanken rasten, und ihr Herz pochte. Hatte sie tatsächlich Geld, das sie eigentlich gar nicht hatte, für ein Haus ausgegeben, das von Ratten heimgesucht wurde? Was hatte sie bloß getan? Sie wollte weinen. Schreien. Davonlaufen. Stattdessen kletterte sie leise aus dem Bett, stopfte die brandneuen Handtücher von Yves Delorme unter die Tür und schob ihr Gepäck davor. Dann betete sie um ihr Leben. Und natürlich sprach sie auch ein Gebet für Nick. Sie war sich nicht einmal sicher, ob sie sich den Köder für die Fallen leisten konnten.
2
Das Rattenproblem wurde schnell, effizient und zur Zufriedenheit aller gelöst.
»Sie werden nie wieder etwas von den Tieren hören«, schwor Jason.
»Ich ertrage einfach keine Ratten, Jason«, erklärte Olivia.
»Meine Mom mag sie auch nicht«, erwiderte er.
Olivia verspürte den Drang, sofort ins Luxuskaufhaus Bergdorf’s zu laufen und sich eine neue Antifaltencreme für den Hals zuzulegen.
Olivia und Nick waren mittlerweile wieder in ihre Wohnung in New York zurückgekehrt und verpackten die Schätze, die sie mit nach South Carolina nehmen wollten.
Nick hatte sich in den Kopf gesetzt, ihre Besitztümer nach einem strengen Prinzip auszusortieren. Er wollte sämtliche Antiquitäten loswerden, abgesehen von seinem Schreibtisch und seinen beiden Lieblingslehnsesseln. Jeder Teppich, der mehr als tausend Dollar wert war, musste raus. Genauso wie ihre Gemälde, mit Ausnahme zweier kleinerer Bilder, die sie behalten würden. Ein Ölbild von William Glackens, das seiner Blumen-im-Glas-Reihe entstammte, und ein ziemlich kleines Bild von Guy Wiggins, das eine verschneite und mit amerikanischen Flaggen geschmückte Fifth Avenue zeigte.
Ihre wertvollen Bergkristalllampen aus der Regency-Zeit, ihr georgianisches Tafelsilber, ihre Perserteppiche, ihre Feinkeramik und sämtliche Skelettuhren wanderten schließlich ins Auktionshaus Sotheby’s, um zusammen mit den Überresten eines anderen Haushaltes versteigert zu werden. Sie verringerten ihren Hausstand – zumindest was Nick betraf.
Olivia hatte andere Pläne. Sie wollte sich nicht von jeder Sicherheitsnadel trennen. Sie kämpfte mit harten Bandagen um ihr silbernes Teeservice und gewann. Was werden meine Kunden denken, wenn ich nicht einmal ein Teeservice habe? Soll ich ihnen Tee oder Kaffee vielleicht in einem deiner hübschen Kaffeebecher mit Werbelogo servieren?
