Tage der Toten - Volker W. Noll - E-Book

Tage der Toten E-Book

Volker W. Noll

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Beschreibung

Javier Torres de Font trifft im Frühjahr auf seiner ersten Rucksackreise durch die Küstengegend von Mexiko und Belize auf Beatrice, die Enkelin von Esteban Trujillo. Nach einigen Tagen des Zusammenreisens wird er spontan von ihr zu einer Veranstaltung ihres Großvaters, des Großmeisters des Zirkels `Narradores de Calaveras`, eingeladen. Einer Veranstaltung, die jedes Jahr am Tag der Toten, Ende Oktober, stattfindet. Javier, der schon immer den Dia de los muertos besuchen wollte, sagt mit Freude zu. Und so treffen sich fünf Menschen auf Einladung von Esteban Trujillo Vargas zur Fiesta im zentralmexikanischen Patzcuaro. Dem Mittelpunkt der jährlichen Aktivitäten zum Fest der Toten. Die Tradition an diesem Abend der Zusammenkunft besagt, dass jeder Besucher eine Geschichte von einem Totenkopf erzählen soll. Dafür sind Kost und Logis an diesem Abend im Hause der Geschwister Trujillo Vargas frei. Es ergibt sich ein Abend mit regen Diskussionen und Erzählungen, die sich um erstaunliche Fakten von alten, mystischen und neuen Totenköpfen drehen. Sehr zur Freude von Esteban Trujillo.... Ein Buch für jeden Mexikofan, für jeden Halloweenfan, für jeden Interessierten an den unterschiedlichen Gebräuchen der Welt. Für jeden Individual und Rucksackreisenden, egal wo auf der Welt.

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Seitenzahl: 176

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Volker W. Noll

Tage der Toten

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

Javiers Paradies

Beatrice

Tikal

Los Peleones

Anreise zu den Totenkopfschwärmern

Ankunft in Patzcuaro

Meson de San Antonio

Janitzio – Insel der Totenbesucher

Cempasúchil – die magische Blume

Bibliotheca Gertrudis Bocanegra

Das Vanitasstilleben

Das Abendessen - Dinner de los muertos

La Vitrina Esteban

Narradores de Calaveras

Santeros Geschichte

Beas Geschichte

Javiers Geschichte

Lewis Geschichte

Der Morgen danach

Javiers Fragen

Epilog

Zum Epilog

Impressum neobooks

Prolog

Tage der Toten

Dias de los muertos

Diese Geschichte basiert auf einer wahren Begebenheit.

Einige Namen der beschriebenen Personen wurden verändert, denn nicht alle gaben die Zustimmung zur Erzählung dieser Geschichte.

Es ist die erste Reisegeschichte von Javier Torres de Font.

Er meinte Geräusche im Treppenhaus zu hören, aber das konnte auch täuschen. Nach all diesen Eindrücken, die er an diesem Abend gewonnen hatte, konnten ihm seine Sinne hier einen schreckhaften Streich spielen.

Das war sogar sehr wahrscheinlich.

Denn einige der Geschichten von heute waren doch sehr bedenklich gewesen.

Er drehte sich in den weißen, gut duftenden Laken, in diesem holzgezimmerten Bett auf die linke, der Tür abgewandten Seite und schloss müde und satt die Augen.

Es war klar, er würde heute von den Maya träumen und seinem Triumph für die Nachwelt, den er zweifelsohne bald erringen würde.

Dadurch sah er sie nicht kommen.

Sie hatten lautlos die Tür geöffnet, sie kannten das Haus und befanden sich bereits in seinem Zimmer, nachdem sie einen fast verräterischen Laut auf der Treppe von sich gegeben hatte.

Sie waren zu zweit.

Und sie funktionierten wie ein eingespieltes Team.

Natürlich hatten Sie nicht vor ihm den Schädel einzuschlagen und es musste einigermaßen lautlos werden.

Nebenan schliefen die anderen.

Der Mann holte ein scharfes Obsidian Schwert hervor, wie es die Inkas immer für ihre Ritualzeremonien benutzt hatten.

Obsidian, ein vulkanisch gehärtetes Glas.

Die gehärteten rasiermesserscharfen Klingen waren großflächig in das Holz eingearbeitet.

Ein abgeflachter Baseballschläger mit Obsidian Klingen im oberen Drittel.

Und er fand es nur allzu passend für sein Vorhaben in der heutigen Nacht. Dieser Mensch hier vor ihm im Bett hatte ja eine Vorliebe für Glas.

Ein Tod aus Glas.

Ein geübter Schlag reichte ihm, um den Kopf des Schlafenden vom Rumpf zu trennen. Das hätte auch jedem anderen Zeremonienmeister wahrlich gefallen.

Kein lästiges, unsauberes Nachschlagen war nötig.

Sauber und effektiv.

In früheren Zeiten hätten ihm die Massen am Fuße der Pyramide wahrscheinlich laut zu gejohlt, da war er sich sicher.

Unter den Laken war eine großflächige Plastikfolie unterlegt, die das Einsickern all dieses Blutes in die Matratze verhinderte und damit nach sorgfältiger Entsorgung des Bettzeugs keinerlei Spuren hinterließ.

Das Zimmer war schon eine Stunde später so jungfräulich wie tags zuvor.

------------

Mexiko City, 30.10.2015

Javiers Paradies

Mexiko, mal wieder.

Land der Mayas und Inkas.

Der wunderbarsten Traditionen.

Bereits vor einem Jahr war er hier gewesen.

Damals hatte ihn die Riviera Maya gereizt und zugegebenermaßen auch die günstigen Ferienflüge von Madrid aus. Drei Monate Zeit hatte er besessen damals, um mit dem Rucksack umherzureisen und er hatte es offen gelassen wie weit er es von Cancun Richtung Süden und nach Mittelamerika schaffen würde.

„Schaun wir mal“, hatte er zu sich selbst und auch zu seinen fragenden Freunden gesagt.

Vielleicht bis nach Panama. Vielleicht auch nur bis Honduras oder Nicaragua.

Es wurde dann `nur` Belize und Guatemala.

Auch wegen Bea.

------------

Javier, mittlerweile 33, nutzte damals die Gunst der Stunde, die ihm seine Vertragsauflösung mit seiner Firma nach nur einem Jahr Arbeit gegeben hatte. Im Auflösungsvertrag stand eine sechsmonatige Weiterzahlung des Gehaltes und somit war das nun genau die Antwort auf die Fragen seiner besten Freunde: „Na, wann geht denn unser Weltenbummler wieder auf reisen?“

Vier Jahre lang hatte er keine große lange Rucksackreise mehr gemacht, ganz anders als zu seinen Studentenzeiten, wo er in den Wintersemesterferien immer hart gearbeitet hatte, um dann die Sommersemesterferien mit Reisen zu verbringen.

Damals schon war er äußerst fleißig gewesen in der Abgabe seiner geforderten Hausarbeiten und etliche seiner Professoren hatten immer wieder gestaunt, dass er damit so schnell war. Aber ihm war schnell klar geworden: „Nur in der Studienzeit hast Du viel Zeit, dann leider aber auch wenig Geld und später im normal geregelten Berufsleben hast Du wahrscheinlich ausreichend Geld, dann aber keine Zeit.“

Also nutzte er jetzt die Gelegenheit seines „garden leaves“, um nochmals loszuziehen. `Garden Leave`, Zeit für den Garten, was für eine blumige Umschreibung für einen Rausschmiss.

„Na dann“, waren seine letzten Worte an seine Kollegin Anne, „dann werde ich mich ab jetzt mal um die Blumen kümmern.“ Und beide lachten dabei.

Javier, absolvierter Politikstudent, war eine charismatische Erscheinung. Dunkelblond, mit blauen Augen, die ihm auf Reisen, gerade in die asiatischen und lateinamerikanischen Länder immer interessierte Blicke der Einheimischen einbrachten. Hochstehende Wangenknochen und schlanke Statur. Sommersprossen, die ihm eindeutig von seiner Mutter Marianne vererbt worden waren. Sie hatte ihm als kleinem Jungen immer erzählt, dass diese etwas ganz Besonderes seien. Immer dann auch, wenn die anderen Jungs ihn auf dem Schulhof wieder deswegen gehänselt hatten. Allerdings wuchs er damals für sein Alter recht schnell und so war ihm nicht ganz klar, ob die Beharrung auf der Meinung seiner Mutter gegenüber seinen Mitschülern Eindruck machte oder doch eher seine schon früh ausgewachsene Statur Respekt bezeugte. Jedenfalls hielten sich die gehässigen Sprüche in seiner Gegenwart nicht allzu lange und die Mädels in der Schule und auch später fanden sie laut eigener Aussage toll.

Eins fünfundsiebzig Zentimeter groß war er jetzt bei Abschluss des Wachstums. Stets, auch auf Reisen, gut rasiert und auch mit einer imposanten großen Schulternarbe, die er sich beim Sport als Student im Übermut zugezogen hatte. Er konnte halt schlecht verlieren damals und so hatte er sich die Schulter ausgerenkt bei einem artistischen Fallrückzieher Versuch beim Fußballspielen. Und obwohl die ausgekugelte Schulter und die überstreckten Sehnen innerlich in ihm einen tosenden Schreikrampf verursachten, blieb er äußerlich still und fragte als erstes den herbeigeeilten Betreuer, ob der Ball drin war.

Seine beliebteste Geschichte allerdings dazu war, wenn er denn am Strand nach neugierigen Blicken auf die Schulternarbe danach gefragt wurde immer eine andere.

Sie variierte zwischen einem „Haiangriff im Atlantik vor Biarritz und dem anschließenden Annähen des linken Armes“ bis hin zum „Autounfall an einem entlegenen, unbeschrankten Bahnübergang, wo sein Auto auf den Schienen liegengeblieben sei. Er vom Zug mitgeschleift worden wäre und schließlich von der Feuerwehr nach stundenlangem Warten mit der Kreissäge herausgeschnitten wurde“.

Bis er schließlich nach mehreren Bieren und einigen „Echt, jetzt?“ Zurufen den Zuhörern die seines Erachtens langweilige Story vom Sportunfall beichtete.

Meistens hatte er bis dahin seine Gesprächspartnerinnen so fasziniert, dass dies der bereits gefassten Vertrautheit zu ihm dann auch keinen Abbruch mehr tat und er sich überlegen konnte, wie weit er mit ihr, wenn es eine Dame nach seinem Geschmack war, gehen wollte.

„Man muss Dinge nur richtig darstellen können, um sich interessant zu machen“, meinte er immer auch zu seinen Geschäftspartnern.

Und Eloquenz war ihm zweifelsohne gegeben.

Auch seine valencianischen Freunde bestätigten das.

------------

Auch Beatrice hatte er diese Geschichten erzählt, als sie ihn das erste Mal am Strand von Caye Caulker auf die lange rosafarbene Narbe an der linken Schulter ansprach.

Denn vor diesem einen Jahr hatte er auf seiner Rucksackreise durch Mexiko, Belize und Guatemala eben diese Beatrice oder besser `Bea` getroffen.

Er wusste es natürlich noch genau.

Sein Reiseplan damals war Tulum-Belmopan-Belize City-Caye Caulker.

Und da saß er nun als `Gringo`, Fremder, im Nachtbus von Tulum nach Belmopan, der Hauptstadt von Belize. Wie alle hatte er wahrlich keine guten Dinge gehört von anderen Backpackern über das Ankommen am dortigen Busbahnhof.

Da war die Rede von Bettlern, Gaunern bis bewaffneten Banditen gewesen. „Überfälle, Abzocke, Antanzen“ waren die Schlagworte in den Geschichten in den einschlägigen Bars der Strandhochburg Tulum an der Costa Maya.

„Passt bloß auf, die sind da unten nicht zimperlich, kein Geld, nix zu Fressen und vollkommen abgedreht durch ihr Ganga! Alle vollkommen zugedröhnt. Am besten ihr geht als Gruppe vom Busbahnhof zum Pier. Da haben sie dann ein bisschen mehr Respekt Euch anzumachen.“

Also hatte man sich im Überlandbus bei diversen Pausen und einer schnellen Zigarette recht schnell miteinander verabredet um die vorgeschlagene Strategie „als Gruppe aufzutreten“ umzusetzen und zusammen weiter nach Caye Caulker zu reisen.

Gesagt – getan. Die Truppe ging geschlossen. Einige von Ihnen eindrucksvoll verbissen guckend vom Busbahnhof bis hin zur Mole. Da, wo die Katamarane zur Überfahrt nach Caye Caulker warteten.

Und sie hatten Erfolg als Gruppe.

Niemand quatschte sie dumm an, obwohl viele Augenpaare sie doch neugierig musterten.

Niemand löste sich so auffällig von der gegenüberliegenden Straßenseite, um sich dann seitlich an `das Opfer anzutanzen`, wie es so schön im europäischen Polizeijargon hieß.

Er liebte diesen Ausdruck, musste er bei der Vorstellung doch immer innerlich schmunzeln und verlor somit auch jeglichen Respekt vor der ankommenden Person, dem antanzenden Gauner.

Er verlor ganz und gar nicht die Vorsicht, nein, nur den Respekt.

Und irgendwie hatte es noch keiner dieser Tänzer auf seinen Reisen geschafft ihm irgendwelche Habseligkeiten zu entwenden.

Er sah sie immer kommen, ob Mann oder Frau, oder besser gesagt, er sah, wie sie sich lösten von der gegenüberliegenden Straßenseite.

Wie ein Schwimmer, der sich vom Beckenrand abstieß.

Bei ihrer Gruppe stieß sich keiner ab.

Hier blieben die Gauner sitzen und warteten scheinbar auf bessere Beute. Eben auf Einzelpersonen, die keinen Ratschlag in einer Bar in Tulum bekommen hatten oder noch besser ein ahnungsloses Backpackerpaar, dass leichtgläubig auf ihren Tanz einging.

„Hola Amigo - „De donde eres?“

„Woher kommst Du?“

„Hola my friend“, sprudelte es dann meist aus dem auftauchenden Kerl als erstes heraus.

Um den Tanz zu eröffnen.

Und dann immer dieser Versuch des ersten Körperkontaktes.

Ätzend. Überall auf der Welt immer dasselbe Schema.

Aber hier in Belize City.

Heute Morgen.

Nichts davon.

Cool!

------------

Die Konversation innerhalb dieser bunt zusammengewürfelten Truppe war spärlich. Sie waren zu sechst. Fünf Männer, eine Frau, die sie intuitiv in die Mitte nahmen. Eine Zweckgemeinschaft eben, die dann auch nur bis zum Einchecken auf dem Schnellboot hielt. Dann hatte jeder nur noch eines im Sinn.

Wann erschien Caye Caulker am Horizont?

Caye Caulker, ein Traum! Das Paradies!

Ein vorgelagertes Eiland von Belize.

Berühmt unter Backpackern durch seine Bar `Am Split`.

Einer zweistöckigen, notdürftig zusammengeschusterten Hütte, die das eiskalte `Belikin` Bier in Eimern, je acht Bier im Eimer, an die Gäste ausgab, die sich dort vom Nichtstun, vom Tauchen oder von einer großen Ladung Ganga erholten.

`The Split`, weil ein Hurrikan der Stärke fünf vor Jahren über die Insel hinweggefegt war und das sandige Mittelteil auf einer Länge von mehreren hundert Meter einfach mal so mit sich gerissen hatte.

Und so ein Split entstanden war.

Eine Spalte oder ein Riss, wenn man es übersetzen wollte.

Jetzt befand sich hier eine Wasserfurt von mehreren hundert Metern, die gefährliche Strömungen hervorrief und auch ein Jagdrevier für Haie war.

Auch große Haie.

So mancher Idiot, oder waren es lebensmüde Trottel, versuchte ein ums andere Mal die andere unbewohnte Inselseite schwimmend zu erreichen, was oftmals im Desaster endete. Entweder er verpasste das Ufer durch die Strömung und musste dann unter Gelächter der latent unterbesetzten Küstenwacht an einer der kilometerweit entfernten Bojen geborgen werden, wenn er denn eine von denen erreichte.

Oder es fanden sich wie auch immer abgetrennte Körperteile Tage später in den Fischnetzen der Einheimischen.

Hier glaubte mir jeder meine Eingangsgeschichte, was meine Schulter anbelangte.

Gewohnheit macht leichtgläubig.

Allein in der Woche, in der Javier auf der Insel war, wurden zwei Touristen nachhaltig vermisst. Nachhaltig deshalb, weil kurzfristig Vermisste es viele gab.

Das waren die, die nach einem Tag irgendwo wieder aus einem Busch herausgekrabbelt kamen, gerade wieder aufgewacht aus ihren Ganga Träumen oder irgendwelchen magischen Pilzgerichten.

„Nachts schwimmen, nicht gut“, meinten die Einheimischen am Split, „da sind die großen Haie unterwegs.“

Javier hatte schon oft auf seinen Reisen erlebt, wie diese zivilisationsverwöhnten Touris, zu denen er ja eigentlich auch gehörte, sämtliche Vorsichtsmaßnahmen vor Ort in den Wind schlugen.

Was hatte er alles schon gesehen. Leute mit Schlappen im Gebirge. Leute, die ohne Taschenlampe und Karte in Höhlensysteme gingen. Leute, die bei Tiersafaris gegen jede Vernunft das Auto verließen.

Und auch hier auf Caye Caulker meinte der Kapitän, mit dem er eines Tages zum Schnorcheln draußen war, ob er richtig sehen würde am Horizont.

„Was machen denn die da?“, rief er und er zeigte auf zwei fette, rosafarbene Stehpaddlerinnen, die dort bestimmt seit Stunden, erst wohl gedankenverloren, unterwegs waren und nun wohl langsam bemerkten, dass sie viel zu weit hinausgepaddelt waren.

Mann, Mann, Mann, das war doch kein Binnensee hier.

Mädels, seid ihr bescheuert?

„Ohne uns haben die keine Chance zurückzukommen. Bei der Meeresströmung. Keine Chance. Die sieht dann keiner mehr wieder. Der einzige Verleih dieser Dinger ist zwei Stunden westlich von hier. Und nach dieser unbewohnten Busch- und Mangroveninsel dort vorne kommt nix mehr. Nur noch Wasser. Vollkommen crazy die Mädels.“

Wäre unser Boot also nicht zufällig vorbeigekommen, „dann wären die ausgetrocknet auf hoher See“, meinte der Skipper. „Oder später ertrunken, was auch immer… oder beides. Aber zurückgekommen wären die nicht mehr.“

Und half dabei der ersten, die schon schwer nach Sonnenschlag aussah, über die Reling an Bord.

Rückwirkend betrachtet war Javier am meisten schockiert, dass die beiden Frauen sich der Gefahrenlage immer noch nicht wirklich bewusst waren… und wahrscheinlich heute Abend auf den sozialen Medien selbstbewusst und heroisch ihr Abenteuer schildern würden.

Javier hatte da immer so etwas wie einen „Warnkompass“ im Kopf, der ihn abwägen ließ, ob das noch sinnvoll, schon gefährlich oder noch kalkulierbar von den Risiken her sei.

Und das hieß bei `The Split`, never ever, auf die zwischen den Bäumen aufgehängte Schaukel zu steigen und sich laut juchzend in die Strömung zu schaukeln.

Sein Gefahrenkompass funktionierte perfekt, da war er sich sicher!

So leicht brachte er sich nicht selbst in Gefahr.

------------

Beatrice

Aus der Gruppe fand er Beatrice sofort interessant.

Ja, irgendwie hatte er bei dem Vorschlag sich zusammenzutun auch gehofft, dass sie dabei sein würde. Aber da sie eine allein reisende Frau zu sein schien, hatten die Wetten darauf gutgestanden.

Sie war eins achtundsechzig, sehr schlank, hatte schulterlanges, braunes, gelocktes Haar, kastanienbraune Augen und war, wie man an den vielen Stickern an ihrem Rucksack sehen konnte scheinbar auch ein Reisefreak.

Es sei denn, der war nur geliehen.

Gut gepackt der Rucksack, stellte Javier fest, da gab es ja so manchen Ausreißer in den Überlandbussen. Nichts baumelte an der Seite oder war hastig in die Seitennetze verstaut. Man sah bei ihr kein Tattoo, keine Nasenringe, keine sichtbaren Piercings. Kein Schlabberlook, kein Süßholzgeknabber, keine Dreadlocks, und am wichtigsten:

Es war kein Typ dabei.

Wo war hier der Haken?

Nun, es gab offensichtlich keinen.

„Erstes Mal hier?“, war seine erste, wenn auch nicht sonderlich intelligente Frage, aber irgendwie doch unaufdringlich und so fragte er weiter „Kannst Du mir einen Tipp geben, wo man am besten unterkommt?“

„Ja, erstes Mal, keine Ahnung, ich habe auch noch nichts, brauche aber was Billiges, mein Budget ist nicht mehr ganz so üppig!“

„Wir können ja zusammen schauen, ich denke mal am Pier werden einige Schlepper mit ihren Pappkartons warten, um Unterkünfte zu vermitteln.“

„Wenn Sie nicht zu bekifft am Strand rumliegen, und die Ankunft verpassen.“ Sie lachte.

Mag sein, dass damals einige bekifft am Strand herumlagen, doch es waren immer noch genügend da, um Ihnen ihre Unterkünfte anzupreisen, als sie zwei Stunden später am Pier anlegten.

Selbstgebastelte Collagen aus Bildern von den Gästezimmern, der Vorderfront des Hauses und meistens der Seaview wurden Ihnen zur Inspektion vorgehalten. Unterlegt mit dem Redeschwall des Besitzers der Collage.

„Best price!“ - „Good price only for you.“

Das Übliche.

Wir folgten einem Einheimischen, der als besonderen Service seine Schubkarre mitgebracht hatte, um uns die Rucksäcke zu transportieren.

„Geschenkt…“, war Javiers Antwort, „hier gibt’s eh nur zwei parallel verlaufene Straßen und wir wollen uns die Hostels mal an der Mole anschauen.“

Es wurde `Bellas Backpackers`.

Wie alle Behausungen hier direkt am Strand gelegen. Pink angestrichen. Mit vorgelagerter Terrasse und mit überall diesem feinen zerriebenen, unverschämt weißen Korallensand.

Da sie beide Geld sparen wollten und doch ein wenig Luxus wollten, hatten sie sich schnell entschieden ein gemeinsames Zimmer im ersten Stock mit Strandblick zu nehmen.

Backpacker eben. Unkompliziert

„Hauptsache sauber und so wie das hier aussieht, auch mit dem Wetter, sind wir eh fast immer draußen.“ – „Stimmt, eigentlich kauft man nur die Dusche und ein bisschen Ruhe, …schlag mich, wenn ich schnarche.“

Er hatte schon vorher gelesen von anderen Reisenden, dass diese Insel gefährlich sein könnte.

Gefährlich deshalb, weil man hier nach ein paar Tagen nicht mehr wegwollte.

Und auch sie entschieden fünf Tage lang immer wieder spontan beim Morgenkaffee, dass sie dann doch noch einen Tag bleiben wollten.

„Es ist wirklich das Paradies!“, meinte er.

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Es war, als tasteten ihre Körper nacheinander, während sie noch im Halbschlaf lagen. Bea küsste ihn. Sie stieß ihm ihre Zunge in den Mund, die sehr groß zu sein schien, und er schmeckte ihren Schlaf. Sie hatte die Spitzenunterwäsche abgestreift und auch ihr gestreiftes Schlafshirt `verloren`. Sich dann einfach auf ihn gelegt. “Ich weiß noch“, sagte er später zu sich selbst, „dass ich mich wunderte, wie schwer sie war und wie warm“.

Es war unvermutet gerade jetzt dazu gekommen, aber es war auch irgendwie erwartbar gewesen. So wie sie die Tage zuvor zusammen geschnorchelt hatten am Lighthouse Reef vor Caye Caulker und sich schon beim ersten Mal auf Anhieb ohne Worte unter Wasser verstanden hatten, bedurfte es auch hier und jetzt keiner Worte. Auch hier und jetzt verstanden sie sich auf Anhieb. Jetzt trieben sie nicht mehr nebeneinander her, mit großen geweiteten Augen unter der Maske. Jetzt trug keiner von beiden eine Maske und Bea, dass erkannte er im Halbschlaf aus dem er immer mehr erwachte hatte ihre Augen geschlossen und genoss seine morgendliche Erregtheit in sich.

Und wie beim Schnorcheln auch, so sprachen sie nach dem gemeinsamen Auftauchen nicht weiter über das eben Erlebte.

Nach Caye Caulker fuhren sie weiter nach Tobacco Caye, bekannt durch seine vielen Anhäufungen von riesigen, rosafarbenen Karettmuscheln, die die Fischer nach der Ernte einfach auf die vorgelagerten Riffs warfen. Zu weit entfernt Tobacco Island, um sie in die nächsten größeren Souvenirläden zu bringen und dort an die Touristen zu verkaufen. Der Name Tobacco Caye oder Island erschloss uns nur in dem Sinne, dass man in den dreißig Hütten die hier rumstanden eine Menge Tabak rauchen musste um die Nerven zu behalten und nicht durchzudrehen. Wir drehten nach zwei Tagen nicht durch, sondern mit dem ersten Kleinboot wieder um aufs Festland und fuhren dann weiter über Hopkins und Placencia nach Punta Gorda, ein mehr als verschlafenes Städtchen in dem `laut Reiseführer, die Leute so verschlafen sind, dass sie selbst den Namen des Ortes nicht vollständig aussprechen, sondern nur PG nennen`.

Also noch weiter, in diesen drei Tagen hatten wir uns wirklich kennengelernt, ohne dabei viel miteinander zu sprechen. Reisestress verbindet. Wir hatten viel miteinander geschlafen und jetzt hatten wir Lust, wenn auch aufeinander so doch auch auf noch ein bisschen mehr Erlebnis, als diese elendigen verschlafenen Orte an der Küste von Belize.

Sie entschieden sich für einen Besuch von Tikal, diesem mysteriösen Ort tief im Dschungelherzen von Guatemala, der nicht nur den geografischen Wendepunkt für Javiers Reise bedeutete.

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Tikal

„Tikal. Das werde ich nie vergessen.“, dachte Javier später.

Diese imposanten Maya-Ruinen liegen im Norden Guatemalas, im Herzen des riesigen Departamento Petén. Hier gibt es keine großen Städte, kein enges Straßennetz, sondern Regenwald, Regenwald, Regenwald und wilde Tiere. Und früher mal viele Mayas. Wer Tikal so intensiv wie möglich erleben möchte, muss früh aufstehen. Am besten die Nacht durchmachen, denn am Morgen sind die Tiere am aktivsten, und nur wenige Besuchergruppen sind auf dem riesigen Gelände unterwegs. Überhaupt sind nicht allzu viele Besucher dort, der Convenience Tourist fährt nach Tulum. Da habe ich doch direkt auch Strand, neben der Pyramide, war zumeist der Gedanke. Oder von dort noch zwei Stunden nach Chichen Itza. Gut erreichbar und für viele mit dem Bonus, dass man auf der Liste mit den anerkannten Weltwundern erfolgreich noch mal einen Haken machen konnte. Chichen Itza – yep. Bingo. Hab ich.

Ausgangspunkt für Tikal ist immer die Stadt Flores. Etwa sechzig Kilometer von den ehemals heiligen Stätten entfernt. Ehemals heilig, weil Javier meinte, dass jede Stätte durch den Besuch von Leuten mit einem Mobiltelefon `verunheiligt` wurde.

Früh aufstehen heißt allerdings auch wirklich früh.

Die Pforten zu Tikal, naja es gibt eigentlich gar keine Pforten, öffnen um sechs Uhr. Man organisierte sich also eine Mitfahrt in einem der ersten Minibusse gegen vier Uhr.

Beim schnellen und dennoch einigermaßen lautlosen Marsch durch den Regenwald von Tikal werden alle Sinne angesprochen, sofern man als Besucher die Sinne und den Sinn nach Jahren des zivilisatorischen Lebens dafür noch hat.

Eine Gruppe Nasenbären flitzt von rechts über den Weg. Die derzeitigen Einheimischen hier. Nicht mehr als einen Blick für die Menschen übrighabend und weiter nach Essbarem suchend. Im Hintergrund krakeelten die Vögel. Es roch nach nasser Erde. Die Blätter rauschten. Im Laub raschelte es. Riesige Farne bewegten sich im Wind auf und ab.

Alles dampfte und nebelte.

Javier und Bea setzten sich direkt von der Kleingruppe ab. Waren gut vorbereitet und ausgerüstet mit einer detaillierten Karte des Geländes unterwegs.