Tage im Grünen - E. K. Busch - E-Book

Tage im Grünen E-Book

E. K. Busch

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Beschreibung

In einer Zeit, in der die Menschheit in die natürlich gezeugten Nats und die genetisch optimierten Mods gespalten ist, kämpft der Nat-Mod-Mischling Ibrahim um Erfolg und Anerkennung. Doch die disziplinierten und leistungsorientierten Mods akzeptieren ihn nicht als ihresgleichen, während er selbst jedweden Kontakt mit den Nats zu meiden versucht, die als Abschaum der Gesellschaft gelten. Durch einen Zufall macht Ibrahim dann jedoch die Bekanntschaft der jungen Gaunerin Mina und kurz darauf schon ist nichts mehr, wie es einmal war.

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Seitenzahl: 199

Veröffentlichungsjahr: 2017

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E. K. Busch

Tage im Grünen

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

I

II

Impressum neobooks

I

Er betrachtete einige Fetzen von Plastik, die zwischen die Steine geraten waren. Mit jeder Welle zappelten sie. Manchmal blitze ein verblasstes Schriftzeichen auf. Symbole vergangener Sprachen, die kein Mensch mehr beherrschte.

Er konnte nicht sagen, dass ihn die Herkunft des Abfalls sonderlich interessiert hätte, aber da war etwas Unvorhersehbares, Lebendiges in der Bewegung und das weckte für einen Moment seine Aufmerksamkeit.

Schließlich wandte er gelangweilt den Blick ab und dem Horizont entgegen. In der Ferne meinte er einen schwachen Lichtschein auszumachen, doch der Dunst war dicht an diesem Abend und das Licht blieb nicht mehr als eine Ahnung. Er fröstelte und spürte die Nässe des Steins durch den Stoff seiner Hose dringen. Der Nebel schlug sich kalt auf seiner Haut nieder und er schloss das graue Sakko.

Er wusste mit einem Mal nicht mehr, wieso er hierher gekommen war. Es war bereits spät, er war müde und hungrig. Er hätte nach der Arbeit einfach nach Hause fahren sollen, wie er es üblicherweise tat. Er konnte nicht sagen, warum er auf einmal ans Meer hatte denken müssen. Nach seiner Schicht war er wie gewöhnlich in seinen Wagen gestiegen und hatte den Heimweg eingeschlagen. An der letzten Kreuzung war ihm dann auf einmal dieser Gedanke gekommen. Und was vielleicht noch seltsamer als der Gedanke selbst gewesen war: Er hatte einfach den Autopiloten abgestellt und war weiter geradeaus gefahren, hatte erst sein Viertel links liegen und schließlich die ganze Stadt hinter sich gelassen. Nun saß er hier auf diesem nassen Stein, der vor Algen glitschig war und von grünlicher Farbe und blickte auf das trübe Wasser hinaus, das nach fischiger Fäule roch, nach Abwasser und Salz.

Vielleicht hatte er sich versichern wollen, dass es noch da war: Das Meer. Vielleicht aber gab es auch gar keine Erklärung für sein seltsames Verhalten an diesem Abend. Dieser Gedanke beunruhigte ihn und er befand, dass er besser zurück zum Wagen gehen und nach Hause fahren sollte. Doch irgendetwas ließ ihn noch einen Moment verharren und er starrte hinaus dorthin, wo er im Dunst den Horizont vermutete. Kaum einen Moment später weckte das Knacken von Geäst seine Aufmerksamkeit. Beinahe hastig blickte er sich um, richtete sich dann auf. Angestrengt starrte er ins Dunkel.

Die Sonne war mittlerweile untergegangen und auch das Dämmerlicht erloschen. Nur die Scheinwerfer der Fahrzeuge, die hin und wieder der Küstenstraße folgten, erhellten für einige Sekunden das Ufer, ehe sie die nächste Kurve nahmen und den Strand wieder dunkel zurückließen. Es war nichts zu sehen in der Finsternis.

Er wischte seine feuchten Hände an seiner Hose ab und beschloss nun bereits zum zweiten Mal zurückzukehren zum Wagen. Er war kein ängstlicher Mensch, doch es gab keinen Grund, länger zu bleiben an diesem Ort. Dann jedoch machte er in der Ferne eine schemenhafte Gestalt aus. Sein Herzschlag beschleunigte sich und er blickte auf sein Handgelenk. Doch auf der Anzeige seiner Uhr erschien weder ein Name noch ein Bild. Lediglich die unspektakulären Schlagzeilen des Tages zogen lautlos dahin.

Verunsichert starrte er ein weiteres Mal in den Schatten. Vermutlich hatte ihm seine Fantasie einen Streich gespielt und er war doch ganz allein hier draußen. Warum auch hätte jemand diesen verlassenen Ort aufsuchen sollen?

Doch dann wanderte ein weiterer Streifen Scheinwerferlicht über den Strand und es bestand kein Zweifel mehr: Da war eine Person und sie kam direkt auf ihn zu.

*

Es war eine Frau, klein und zierlich. Tatsächlich konnte er sich nicht erinnern, jemals eine Person von solch zerbrechlich wirkender Statur gesehen zu haben. Zwei schlanke Fesseln ragten unter einem langen, flatternden Rock hervor. Zusammen mit einem einfachen T-Shirt schien das Kleidungsstück dem schmächtigen Körper nur unzureichenden Schutz vor dem kalten Wind zu bieten. Fast meinte er ihr Gerippe unter dem dünnen Stoff ausmachen zu können.

Ihr dunkles Haar wehte der Frau immer wieder ins Gesicht. Andauernd strich sie die langen Strähnen mit ihren knochigen Fingern nach hinten, kam jedoch nicht an gegen den Wind.

Er fragte sich, ob es Grund zur Besorgnis gab. Etwas am Anblick der Fremden erweckte sein Misstrauen. Ob es nun ihre gespenstische Erscheinung war oder der bloße Umstand, dass er ihr an diesem verlassenen Ort begegnete, der doch höchstens zum Umschlagplatz von Hehlerware oder Drogen taugte.

»Ich habe oben am Straßenrand Ihren Wagen stehen gesehen«, erklärte die Fremde nun ohne Umschweife und riss ihn damit aus seinen Überlegungen. Sie schien sichtlich erleichtert, auf ihn getroffen zu sein. Ihre Vertrauensseligkeit verwunderte ihn.

»Ich dachte, Sie könnten mich vielleicht zurück in die Stadt nehmen«, fügte sie hinzu und fingerte eine verirrte Haarsträhne aus ihrem Mundwinkel, der sich zu einem schüchternen Lächeln bog.

Ihre Stimme war fester als er in Anbetracht ihres zarten Körperbaus erwartet hatte, jedoch auch belegt und ein wenig gehetzt. Es war, als stünde sie unter großem Druck oder fürchte sich vor etwas. Und tatsächlich blickte sie immer wieder zurück in die Dunkelheit, als wolle sie sich versichern, dass da niemand war, der ihr folgte.

»Welchen Grund hätte ich das zu tun?«, fragte er nüchtern und blickte prüfend in ihre dunklen Augen, die von einem Schatten aus verlaufener Wimperntusche umgeben waren.

Er hatte tatsächlich wenig Interesse diese Fremde mitzunehmen. Vermutlich würde ihm die ganze Angelegenheit nichts als Ärger einbringen.

Da die Frau ihn lediglich unverwandt anstarrte, fügte er hinzu: »Was suchen Sie hier draußen überhaupt?«

»Das ist eine längere Geschichte.« Sie schluckte trocken, blickte sich dann ein weiteres Mal um. Fröstelnd schlang sie ihre Arme um ihren Oberkörper. »Ich erzähle sie Ihnen gerne auf dem Weg zum Wagen. Aber hier im Wind ist es fürchterlich kalt.« Damit machte sie bereits kehrt und begann, dem schmalen Trampelpfad hinauf zurück zur Straße zu folgen. Ihr dunkles Haar flatterte im Wind. Auf dem unbefestigten Weg war ihr Gang unsicher und einige Male schien sie einem Sturz nur knapp zu entgehen. Ihm fiel auf, dass ihr langer Rock bereits an mehreren Stellen in Fetzen hing und noch dazu einen schmutzigen Saum besaß. Er folgte ihr widerwillig.

»Ich hatte mich hier draußen verabredet«, erklärte sie nun und blieb einen Moment stehen. Sie schien sich eine Verschnaufpause gönnen zu müssen. Ihr Atem ging rasselnd, dann hustete sie. Offensichtlich war sie bei schlechter Gesundheit.

»Verabredet? Hier draußen?«

Auf seinen argwöhnischen Blick setzte sie hinzu: »Ja, aber ich habe es mir anders überlegt.«

»Sie waren verabredet und haben es sich anders überlegt?«, wiederholte er ein weiteres Mal ihre Worte und hob kritisch seine Augenbraue dabei.

»Kann man seine Meinung denn nicht ändern? Es schien mir eben keine gute Idee mehr zu sein.«

Ihr schnippischer Ton irritierte ihn. Er hatte nur selten mit Nats und ihren absonderlichen Gefühlsausbrüchen zu tun. Zudem bestärkte ihre heftige Reaktion sein Misstrauen.

Einen Moment musterte er sie eindringlich, wandte dann ein: »Dann muss es sich wohl um eine äußerst zwielichtige Angelegenheit handeln. Ich wüsste nicht, warum man diesen Ort sonst für eine Verabredung wählen sollte.«

Offensichtlich wusste sie nicht, was sie auf diesen Einwand erwidern sollte, so dass sie nun das Thema wechselte. »Jedenfalls war ich auch gar nicht hier verabredet, sondern etwa fünf Kilometer die Straße hinauf.« Sie deutete mit einem Nicken Richtung Norden.

»Dann haben Sie sich bis hierher ja bereits recht mühelos durchgeschlagen.«

Es war nicht klar, ob sie seinen spöttischen Ton ignorierte oder nicht bemerkte. Ungerührt fuhr sie fort: »Jedenfalls war das die völlige Einöde dort oben.« Sie deutete ein weiteres Mal die Straße hinauf. »Nur ein verlassenes Hotel, das schon ziemlich heruntergekommen war. Deshalb wollte ich auch nicht bleiben. - Aber der dumme Wagen hat mich nicht mehr mitgenommen zurück in die Stadt. Auf einmal waren die Türen verriegelt und dann ist er auch schon weggefahren.«

»Die Schuld an Ihrer misslichen Lage liegt also beim Leihwagen?«, fragte er nach und konnte sich einen spöttischen Unterton nicht verkneifen. Auf ihren verdutzten Blick setzte er hinzu: »Mir ist ja bekannt, dass Ihr Nats nicht sonderlich vorausschauend handelt. Aber sein letztes Hemd für eine Fahrkarte zu geben und nicht an die Rückfahrt zu denken....«

Sie schien nun ärgerlich und starrte ihn unter tiefen Brauen an. »Was spielt es denn für eine Rolle, wer Schuld hat? Sie können auch einfach sagen, dass Sie mich nicht mitnehmen wollen. Dass sie mit einer wie mir nichts zu tun haben wollen. - Ich werde schon irgendwie zurück in die Stadt kommen. Ein Drittel habe ich immerhin schon geschafft. - Was kümmert es Sie auch, wenn ich mich hier mühsam im Straßengraben voranschleppe durch den Abfall und Dreck!? Wer kein Geld hat, muss eben laufen! So ist das nun mal!«

Die Heftigkeit ihrer Worte irritierte ihn. Es war ihm völlig unverständlich, wie man sich so echauffieren konnte. Natürlich waren die Nat für solch absonderlichen Gefühlsausbrüche bekannt. In Anbetracht ihrer jämmerlichen Gestalt aber hätte er der Frau eine dermaßen ungestüme Reaktion kaum zugetraut.

Er verzog tadelnd das Gesicht und entgegnete trocken: »Wenn man sich schon auf solch dubiose Geschäfte hier draußen einlässt, muss man wohl damit rechnen, übers Ohr gehauen zu werden.«

Einen Moment starrte sie ihn nur an, dann brach sie unvermittelt in Tränen aus. Er war ebenso angewidert wie fasziniert von ihrem Mangel an Selbstbeherrschung und fuhr nach kurzem Zögern fort: »Belehren Sie mich gerne eines Besseren: Aber wenn ich Sie jetzt mitnehme, dann wird früher oder später die Polizei bei mir klingeln und mich fragen, was ich mit Ihnen zu schaffen habe.«

Einen Augenblick noch schluchzte sie, dann rieb sie sich ihre geröteten Augen und erklärte: »Wenn Sie ohnehin schon alles wissen, warum informieren Sie dann nicht gleich die Behörden und...«

Als ihr erneut die Tränen in die Augen schossen, schüttelte er den Kopf und wandte ärgerlich ein: »Ich weiß gar nichts über Sie und Sie können mir glauben, dass es mir auch ganz recht so ist. Ich will mir sicherlich keinen Ärger einhandeln Ihretwegen.«

Einen Moment herrschte Schweigen und sie wischte sich erneut die Augen, rieb sich dann fröstelnd ihre Arme.

»Also wollen Sie mich hier einfach stehen lassen?«

Er musterte ihr verquollenes Gesicht. »Jeder Mensch ist selbst für sich und sein Tun verantwortlich.«

Nun stiegen ihr erneut Tränen in die Augen. »Sie wissen doch gar nicht, wieso ich...«

»Wollen Sie mir jetzt irgendeine Mitleid heischende Geschichte auftischen?«

Er konnte nicht sagen, ob sie vor Wut weinte oder vor Verzweiflung. Es war ihm auch einerlei. Er würde jetzt zum Wagen zurückkehren und nach Hause fahren. Was kümmerten ihn diese Nat und ihre Probleme? Sie hatte sich ihre Misere ganz allein selbst zuzuschreiben.

Er schob sich also an ihr vorbei, um weiter dem Trampelpfad hinauf zu folgen, als sie auf einmal seinen Ärmel packte. Er blieb genervt stehen, auch wenn es vermutlich klüger gewesen wäre, sich loszureißen und sie einfach zu ignorieren.

»Ich kann Sie verstehen«, sagte sie dann. »Ich kann verstehen, dass Sie mich nicht mitnehmen können. Also vergessen Sie's einfach!«

Ihr Sinneswandel überraschte ihn. Sie wischte sich noch einmal das Gesicht.

»Ich habe es mir schon gedacht, als ich Ihren Wagen gesehen habe. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.« Sie rang sich ein Lächeln ab und schluchzte dann recht unvermittelt.

»Was hat das mit meinem Wagen zu tun?«

»Sie gehören doch zu denen, oder nicht?«, erwiderte sie nun. »Wenn Sie mich mitnehmen würden, dann bekäme das Ihre Firma doch irgendwie heraus. Und dann würde es früher oder später in Ihrer Akte stehen. Und das ist doch die größte Angst von euch Mods, oder nicht: Dass eure Akten durch irgendeinen Eintrag gebrandmarkt werden könnten. Das ist eine richtige Paranoia unter euresgleichen. Eure Akten sind euch heilig.«

Er sah sie einen ganzen Moment fest an. Heilig. Das Wort erfüllte ihn mit Abscheu und Widerwille. Und obwohl er wusste, dass er es später bereuen würde, meinte er schließlich: »Dann machen Sie schon. Ehe ich es mir noch einmal anders überlege.«

*

Im Wagen war es angenehm warm. Sie schien sichtlich erleichtert, nun wo sie auf dem weichen Sitz saß. »Vielen Dank. Das muss Sie große Überwindung kosten.«

Er nickte kaum merklich, während sich der Wagen von der Straße löste und sich ruhig in die Luft erhob.

»Wo soll ich Sie absetzen?«, fragte er sie.

»Eigentlich muss ich ins Y-Viertel, aber Ihnen wird es sicherlich lieber sein, mich einfach im Stadtzentrum rauszulassen.« Sie lächelte. Wenn er es nicht besser gewusst hätte, hätte er gemeint, sie würde sich über ihn amüsieren.

»Dann werde ich Sie zum Bahnhof bringen.«

Auf sein Geheiß beschleunigte das Fahrzeug und einige Sekunden später schon näherte es sich mit rasanter Geschwindigkeit der Stadt, die im Dunst als eine große strahlende Kuppel erschien. Etliche Meter unter ihnen verlief die Straße. Je näher sie der Stadt kamen, umso stärker stauten sich Lastwagen und die Automobile jener, die sich eine Fluglizenz nicht leisten konnten.

Während die Hochhäuser vor ihnen zusehends an Größe gewannen, ordnete die Frau in einem kleinen Handspiegel ihr wirres Haar und entfernte mit Spucke notdürftig die dunklen Ringe aus Wimperntusche um ihre verheulten Augen.

Für eine Nat hatte sie ein zartes Gesicht und besaß zwar einen ungewöhnlich bleichen, aber nicht übermäßig schlechten Teint. Vielleicht war sie aber auch noch sehr jung. Es fiel ihm schwer, ihr Alter zu schätzen. In der Regel sahen die Nats älter aus als sie waren, gerade wenn sie einem liederlichen Lebensstil frönten, wie es die meisten taten. Aber diese hier hätte er kaum auf Mitte Zwanzig geschätzt. Die feinen Züge ließen sie mädchenhaft erscheinen und der schmächtige Körperbau unterstützte noch diesen Eindruck. Obwohl ihr Gesicht durchaus harmonisch wirkte, unterschied es sie sich doch deutlich von dem einer Mod-Frau. Die dunklen Augen waren zwar einigermaßen groß geraten, jedoch von einer unüblich mandelförmigen Gestalt. Ihre Nase war zu lang und flach und zudem ein wenig nach links geneigt. Lediglich ihr Mund mit seinen üppigen Lippen schien ihm einigermaßen akzeptabel, wenn gleich er nicht ganz mittig in dem ovalen Gesicht saß.

Sie merkte, dass er sie musterte und ließ den Spiegel wieder in der Tasche ihres Rocks verschwinden. Schließlich gestand sie: »Es wundert mich, dass Sie mich doch noch mitgenommen haben. Ihr Mods habt im Allgemeinen wenig Verständnis für uns Nats und unsere Dummheiten.«

Ihre Offenheit irritierte ihn, belustigte ihn aber auch ein wenig. Er konnte nicht sagen, ob ihre Direktheit von Naivität oder Abgeklärtheit zeugte und fragte sich, ob sie allen Nats zu eigen war.

»Sie halten mich also für einen Mod?«, fragte er dann.

Sie verzog das Gesicht. »Besteht da denn irgendein Zweifel?« Sie schüttelte den Kopf, setzte dann spitz hinzu: »Obwohl ich zugeben muss, dass Ihre Gesichtszüge untypisch grobschlächtig ausfallen: Die breite Nase, das eckige Kinn und Ihre abstehenden Ohren. Außerdem scheinen Ihnen bereits die Haare auszugehen. Dabei sind Sie doch höchstens dreißig, oder nicht?«

Kurz fühlte er sich ertappt, dann lachte er und fuhr sich mit der Hand über seinen Kopf, der bedeckt war von kurzen, aschblonden Stoppeln. Tatsächlich besaß er mittlerweile eine ziemlich hohe Stirn, die wohl in den nächsten Jahren noch viel höher werden würde.

»Und doch, trotz all dieser unübersehbaren Makel, halten Sie mich für einen Mod?« Er grinste.

Sie blickte ihn einen Moment fest an, erklärte dann beinahe schnippisch: »Ihre Augen verraten Sie. Welcher Nat hat schon dermaßen blaue Augen? Das ist unnatürlich und fast schon beängstigend. Außerdem sind Sie viel zu groß und muskulös für einen Nat. Ganz zu schweigen von Ihrem selbstgerechten Auftreten und diesem protzigen Wagen hier. Keiner von uns kann sich so etwas leisten.«

»Das Auftreten oder den Wagen?«

Sie schwieg auf seine amüsierte Frage hin, fügte lediglich hinzu: »Vermutlich sind Sie sogar einer von denen, dem die Firma alles auf dem Silbertablett serviert: Nicht nur diesen Wagen hier, sondern auch Huren und Drogen und ein Apartment irgendwo auf dem Berg.«

Er betrachtete sie einen Moment skeptisch, fragte dann: »Wie kommen Sie darauf?«

»Dafür braucht man kein großer Menschenkenner zu sein.« Sie warf einen vielsagenden Blick auf sein Handgelenk. »Diese Uhren aus Platin schenkt euch die Firma doch zu eurem Abschluss, oder nicht? So ein albernes Ding kostet ein Vermögen.«

Er blickte einen Moment auf sein Handgelenk hinab. Tatsächlich wusste er nicht, wie viel die Uhr gekostet hatte. Sie hatte recht: Es war ein Geschenk zu seinem Examen gewesen. Eine Maßanfertigung. Die Software unterschied sich dabei vermutlich nur unwesentlich von kostengünstigeren Exemplaren: Kommunizieren, Dokumentieren, Konsumieren und Navigieren. Die Uhr diente auch der Steuerung seiner anderen Geräte und verlieh ihm Zugang zum Netz und damit zu Musik, Film und Literatur. Hier liefen alle Informationen zusammen. Sie war die zentrale Steuerungseinheit. Und natürlich zeigte sie neben Temperatur, aktuellen Schlagzeilen und den Profilen seiner Mitmenschen auch die Zeit an.

Aber was diese Uhr wirklich von den anderen unterschied, war natürlich das Material. Damit lag sie also ganz richtig. Und auch wenn er es sich in diesem Moment nur ungern eingestand, so empfand er doch einen gewissen Stolz, diese Uhr aus massivem Platin zu tragen, die er sich doch hart hatte erarbeiten müssen und die ihn als einen auswies, der es bis nach ganz oben geschafft hatte.

Als er nichts auf ihre Bemerkung erwiderte, wandte sie schließlich ein: »Wissen Sie, was man sich über diese Uhren erzählt?«

Er blickte sie einen Moment an, schüttelte dann den Kopf.

»Man sagt, es wäre ein Tauschgeschäft mit dem Teufel.«

»Mit dem Teufel?« Er hob kritisch die Augenbraue.

Sie schien seine Skepsis gelassen zu nehmen, wandte jedoch ein: »Um ehrlich zu sein: Ich glaube nicht, dass Ihr Mods tatsächlich eine Seele besitzt, die Ihr verpfänden könntet. Die sind bei dieser ganzen Gen-Optimierung sicherlich abhanden gekommen.« Sie lachte trocken, blickte dann aus dem Fenster hinaus.

»Ich weiß, dass euresgleichen etwas übrig hat für solche Geschichten von Teufeln und Dämonen. Ihr habt so eine Art, euer Versagen anderen in die Schuhe zu schieben.« Einen Moment wollte er noch etwas hinzufügen, entschied sich dann jedoch dagegen und starrte wie sie in den Nebel hinaus. Mittlerweile waren sie schon mitten in der Stadt. Aber im Dunst war kaum etwas zu erkennen und er kannte sich nicht aus in diesem Viertel.

Er hasste dieses Wetter, auch wenn es wohl an 360 Tagen im Jahr das gleiche war. Angeblich war es darauf zurückzuführen, dass die Meeresströmung vor der Küste abgekühlt war. Dadurch hatte sich der Wind gedreht und blies nun aufs Meer hinaus statt aufs Festland. Der Regen war versiegt und dafür der Nebel gekommen. Er jedoch kannte es nicht anders. Für ihn war es immer eine neblige Wüste gewesen. Dort war er geboren, aufgewachsen und hatte in dieser Stadt mit Ausnahme einiger weniger Ferientage sein gesamtes Leben verbracht.

Als sie den Bahnhof erreichten und der Wagen in den Sinkflug überging, schien sie erleichtert. »Dann vielen Dank«, sagte sie und öffnete die Tür, kaum dass sie den Boden erreicht hatten. Er nickte lediglich, doch da war sie bereits im Gedränge verschwunden.

*

Er hatte gewusst, dass die ganze Sache mit Ärger einhergehen würde. Er hatte es gewusst.

Zwei Tage nachdem er die fremde Frau mitgenommen hatte, stand die Polizei vor seiner Tür. Er kam gerade von seiner Schicht nach Hause. Und obwohl er geahnt hatte, dass ihm ein solcher Besuch bevorstünde, war er doch überrascht beim Anblick der beiden Beamten in ihren glänzenden, schwarzen Uniformen. Er hatte nicht damit gerechnet, dass sich die Sonderpolizei mit der Sache befassen würde. Das sprach dafür, dass es um etwas sehr viel Ernsteres als Drogen oder Prostitution ging, und einen Moment zogen sich seine Eingeweide zusammen.

»Ibrahim Tibaux? Dürfen wir Ihnen einen Moment ein paar Fragen stellen?«

Er nickte und betrachtete die beiden Personen mit wachsendem Unbehagen. Die Dienstmützen warfen dunkle Schatten auf die Augen der beiden Beamten und er war froh, als sie diese endlich abnahmen.

»Natürlich. Um was geht es denn? Möchten Sie vielleicht hereinkommen?« Er wollte nicht, dass jeder Nachbar Notiz von seinem ungebetenen Besuch nähme.

Die beiden Polizisten, eine Frau und ein Mann mit den allzu harmonischen und ausdruckslosen Gesichtern der Mods älterer Generation nickten und als sich endlich die Wohnungstür hinter ihnen schloss, empfand er ein Gefühl der Erleichterung.

»Also: Wie kann ich Ihnen behilflich sein?«

Die Frau schüttelte den Kopf, als er höflich auf zwei Sessel deutete.

»Es dauert nicht lang, Herr Tibaux.«

Ibrahim zog seinen Mantel aus und hängte ihn an die Garderobe. Er war es nicht gewohnt, dass man ihm beim Nachnamen nannte und der Klang ließ ihn jedes Mal zusammenzucken. Gewöhnlich nannte man ihn Ibrasch und es war ihm ganz recht so.

Die Polizistin fuhr unumwunden fort: »Sie haben kürzlich eine junge Frau in Ihrem Wagen mitgenommen.«

Als sie ihm das Bild zeigen wollten, winkte er ab.

»Ja, sie tauchte mehr oder weniger aus dem Nichts auf, schien ziemlich aufgelöst und bat mich, sie mit zurück in die Stadt zu nehmen. Die Sache schien mir etwas merkwürdig, aber die Frau wirkte harmlos und ich hatte Mitleid mit ihr. Deshalb habe ich schließlich eingewilligt.«

»Sie haben sich also ganz zufällig da draußen getroffen?«

»Ich war selbst ziemlich überrascht, dort einer Menschenseele zu begegnen.« Er lachte trocken, fand dann jedoch den Klang seiner eigenen Stimme fremd und falsch, sodass er wieder verstummte.

»Weshalb sind Sie denn hinausgefahren ans Meer, wenn man fragen darf? Immerhin haben Sie sich dort ca. 110 Minuten aufgehalten.«

Offensichtlich war die Frau die Wortführerin. Sie hatte eine schneidende Stimme, die Ibrahim durch Mark und Bein ging. Ihre glatten Züge erinnerten ihn an eine Wachspuppe, nur die Beweglichkeit ihrer Lippen wollte nicht recht dazu passen.

»Ich hatte ein Bedürfnis nach frischer Luft«, erklärte er zögerlich.

Den Blicken zufolge fand man seine Antwort wenig überzeugend, weshalb er hinzusetzte: »Ich verbringe den ganze Tag in einem Büro von ca. sechs Quadratmetern. Da hat man abends hin und wieder ein Bedürfnis nach ein wenig Raum und einem Tapetenwechsel. Nachdem meine Verabredung an diesem Abend geplatzt war, kam mit recht spontan dieser Einfall. Er erwies sich allerdings als eine ziemliche Schnapsidee.« Er bemühte sich um ein gleichmütiges Lächeln.

»Es wird vermutlich nicht nötig sein, Ihre Aussage zu überprüfen. Können Sie uns vielleicht trotzdem den Namen Ihrer Verabredung nennen?«

Er war sich sicher, dass sie längst wussten, mit wem er verabredet gewesen war, dennoch erklärte er: »Ihr Name ist Jasmin Hoffmann. Sie ist Dozentin an der Universität für eine dieser alten Sprachen. Es wäre erst unser zweites Treffen gewesen.«

Er meinte an den Gesichtern lesen zu können, was die beiden Polizisten über seine Fahrt ans Meer dachten. Natürlich hatten sie Einblick in seine Akte genommen und meinten nun, alles zu wissen. Über seine Mutter, seinen Vater. Sie brachten das alles jetzt in irgendeinen Zusammenhang und das ärgerte ihn. Als ob man nur ein Relikt der eignen Vergangenheit war.

Er versuchte keine Miene zu verziehen. Immerhin nahmen sie dieses Gespräch mit einer Kamera auf, die unverkennbar an der Brusttasche des männlichen Polizisten prangte. Selbst wenn sein Unmut diesen beiden Beamten verborgen bliebe, dann sicherlich nicht der Software, die den Film auswertete.

Die beiden Polizisten ließen es jedenfalls dabei bewenden. Nach einer Pause fragte die Frau: »Hat sie Ihnen erzählt, was sie da draußen zu tun hatte?«

Er hob die Schultern. »Sie meinte, sie wäre verabredet gewesen, hätte es sich dann jedoch anders überlegt. Mehr wollte sie dazu nicht sagen.«

»Hat sie sonst noch irgendetwas gesagt? Wen sie treffen wollte oder zu welchem Zweck?«

Ibrahim schüttelte den Kopf, erklärte zögerlich: »Wie gesagt: Die Sache schien mir merkwürdig, aber nachdem die Frau nicht darüber sprechen wollte, wollte ich sie auch nicht drängen. Es hat mich auch nicht sonderlich interessiert, um ehrlich zu sein.«

»Und worüber haben Sie dann im Wagen gesprochen?«

»Ich kann nicht sagen, dass es eine richtige Unterhaltung war. Was diese Nats eben so von sich geben: Belangloses Geschwätz.«

Die beiden Beamten nickten zögerlich. »Sie haben sie dann im Stadtzentrum abgesetzt?«

»Am Bahnhof. Sie wollte glaube ich ins Y-Viertel.«

»Hat sie Ihnen einen Namen genannt? Wo sie arbeitet? Wo sie wohnt? Irgendein Detail vielleicht?«

Er schien einen Augenblick darüber nachdenken zu müssen, schüttelte dann den Kopf. »Nein. Ich wollte auch möglichst wenig mit ihr zu tun haben.«

Offensichtlich fand man diese Reaktion seinerseits vollkommen natürlich.

»Falls Ihnen doch noch irgendetwas einfällt, melden Sie sich bitte.«

Er nickte und die beiden Polizisten wandten sich bereits zum Gehen.