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Im Oktober 2018 wird Annette Micklers Leben turbulent. Die alleinerziehende Soziologin lebt mit ihrer Tochter Lisa in Limburg an der Lahn. Sie schlägt sich mit zwei Jobs, als Kellnerin in einem Café und als freie Lokaljournalistin durchs Leben. Ihre Nachbarin, die Studentin Tabea, hat Ärger in ihrem Studentenjob. Annettes Freundin Kristina hadert, weil sie mit der Situation der Wochenendehe nicht zurechtkommt und auch ihre Chefin Barbara, die Inhaberin des Cafés hat Ärger mit ihrem Sohn. Allen versucht Annette, die gute Seele, zu helfen. Die vielen Termine, von denen sie für die Presse berichten soll, belasten sie zusätzlich. Und dann ist da noch dieser Gast, der neuerdings immer zum Mittagstisch ins Café kommt.
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Seitenzahl: 589
Veröffentlichungsjahr: 2023
Christian Leeb
Tage im Herbst
Roman
© 2023 Christian Leeb
Verlagslabel: CeKaEl
ISBN Softcover: 978-3-347-85394-2
ISBN Hardcover: 978-3-347-85395-9
ISBN E-Book: 978-3-347-85396-6
ISBN Großschrift: 978-3-347-85397-3
Druck und Distribution im Auftrag des Autors: tredition GmbH, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Germany
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Deutschland.
Cover
Titelblatt
Urheberrechte
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
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Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
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Kapitel 1
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Aus ein paar, in der Leichtigkeit eines Sommertages gesponnenen Gedanken, ist schließlich dieser Roman geworden. Die Kellnerin, die mich zur Figur der Annette inspiriert hat, arbeitet nicht in Limburg und es ist auch nicht ihre Geschichte, die ich erzähle. Der Ausgangspunkt für den Schauplatz Limburg, war ein Blick aus dem ICE-Fenster. Bei späteren Besuchen, nahmen die Figuren und die Geschichte Gestalt an.
Real sind demnach einige Örtlichkeiten, wenngleich das Café am Limburger Neumarkt nicht Fleur heißt und in der Geschichte auch anders aussieht. Der Realität sind, neben den im Roman erwähnten Personen der Zeitgeschichte, auch der Politiker Mario Bouffier, der Vorsitzende der Kulturvereinigung Limburg, Peter Schreiber und der Kulturverein THING e.V. entliehen. Mir gefiel der Coup der PARTEI, einen namensgleichen Politiker aufzustellen und der Kulturverein, der sehr engagiert Kleinkunst in Limburg auf die Bühne bringt. Ich hoffe, Herr Bouffier, Herr Schreiber und der Verein nehmen mir das nicht übel.
Alle anderen Personen und Handlungen sind fiktiv. Mit Sicherheit agieren die lokalen Politiker und die Journalisten der NNP anders, als ich sie beschrieben habe. Auch die Qualität der Speisen und Getränke in den beschriebenen Lokalen sind frei erfunden. Am besten, man überzeugt sich in der Realität davon.
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Annette ist gerade dabei die Theke zu putzen. Eine Tätigkeit, die sie meistens verrichtet, wenn die Abendschicht endet. Gemeinsam mit einer Kollegin, die für die Vorbereitung von Getränken und Speisen zuständig ist, bringen sie das Café Fleur am Limburger Neumarkt auf Vordermann. Die Kaffeemaschine wird gereinigt: Milchsystem durchspülen, Brühgruppe ausbauen und von Kaffeetrester befreien und über die Maschine wischen. Tische und Stühle hat sie bereits geputzt. Ein anstrengender Tag liegt hinter ihr. Einer von vielen. Die Unterschenkel und die Füße schmerzen. Brigitte, ihrer Kollegin, geht es nicht anders. Beide freuen sich, wenn sie nach Hause kommen. Die Spätschicht setzt Annette besonders zu. Das Café schließt um 20 Uhr. Bis sie und ihre jeweilige Kollegin mit allem fertig sind, wird es schnell neun. Zum Glück muss sie dafür nicht allzu oft einspringen, nur manchmal an den Wochenenden. Danach fährt sie mit dem Rad nach Hause. Vom Neumarkt in der Limburger Altstadt bis in die Weilburger Straße braucht sie zum Glück nur ein paar Minuten. An den Spätschichtabenden passt ihre Nachbarin Tabea auf Lisa, Annettes fast neunjährige Tochter, auf. Tabea ist 24 und studiert an der TH Mittelhessen technische Gebäudeausrüstung. Sie hilft Annette gern und sie mag Lisa sehr. Sie nimmt sich Zeit für sie und versucht, die Kleine für Technik zu begeistern. Lisa ist auch begeistert von Tabea. Sie findet es sehr spannend, was ihre große Freundin mit ihr unternimmt und was sie ihr alles beibringt.
Bald wird Tabea aber ihren Bachelor-Abschluss haben und aller Voraussicht nach in dem Ingenieurbüro arbeiten, in dem sie schon die Praxisanteile ihres Studiums absolviert hat. Erstmal möchte sie in Limburg wohnen bleiben, doch die meisten Aufträge des Büros sind in der Rhein-Main-Gegend, vor allem in Frankfurt. Annette verdrängt noch die Gedanken, wie sie es mit Lisa organisieren soll, wenn Tabea wegzöge. Aber der Tag wird wohl kommen, an dem sie sich dem stellen muss.
Annette selbst hat Soziologie in Marburg studiert. Noch den klassischen Magister Artium. Mittlerweile ist es fünfzehn Jahre her, dass sie den Abschluss gemacht hat. 26 Jahre war sie alt, 2003. In den ersten Jahren nach dem Studium wollte sie etwas von der Welt sehen. Sie war voller Tatendrang gewesen und hatte den Wunsch gehabt, etwas zu bewegen. Da traf es sich gut, dass eine politische Stiftung eine Stelle in Peru angeboten hatte. Annette hatte damals nicht geglaubt, dass sie eine Chance hätte, aber sie musste im Bewerbungsgespräch überzeugt haben, denn sie hatte die Stelle bekommen.
Als junge Frau war sie voller Idealismus gewesen. Sie hatte das Ziel gehabt, die Gesellschaft, das Zusammenleben der Menschen untereinander besser zu machen. Diesem Ideal war die Stelle in Peru schon ziemlich nahegekommen. In Lima hatte sie auch Thilo kennengelernt, einen Journalisten und Politologen aus Oberschwaben, der in Tübingen studiert hatte. Er war ebenfalls bei der Stiftung beschäftigt gewesen. Beide hatten in einem Projekt mitgearbeitet, das die Stiftung zusammen mit der Universität Lima und den Ciudadanos por la paz, den Bürgern für den Frieden, organisiert hatte. Dabei war es um die Aufarbeitung der Taten der Organisation „Sendero Luminoso“, dem Leuchtenden Pfad, gegangen. Man nimmt an, dass zehntausende von Menschen bei Terrorakten und den Auseinandersetzungen des Staates mit der Organisation ums Leben gekommen sein sollen. In dem Projekt hatten Wege gefunden werden sollen, wie der Friedens- und Versöhnungsprozess ganz praktisch, in den Dörfern organisiert werden könnte. Eine sehr herausfordernde Arbeit für die jungen Leute. Zumal sie als Ausländer zunächst einmal die Akzeptanz der Peruaner hatten gewinnen müssen. Verunsicherte Menschen, die einen Bürgerkrieg erlebt hatten, Gewalt durch die Rebellen und Gewalt durch den Staat. Der Bildungsstand war meistens gering gewesen, was die Sache noch zusätzlich erschwert hatte. Es waren viele Gespräche nötig gewesen, teilweise mit Dolmetschern für die indigenen Sprachen. Nicht jeder in der ländlichen Bevölkerung hatte Spanisch gekonnt. Auch Annette hatte ihre Sprachkenntnisse sehr schnell erweitern und vertiefen müssen. Sie hatte oft bis spät in die Nacht Vokabeln gelernt, um ihren Job gut machen zu können. Die Arbeit im Projekt hatte auch zur Folge gehabt, dass Annette und Thilo viele Stunden gemeinsam verbracht hatten. Sie hatten gemeinsam Ideen gesammelt, hatten sie weiterentwickelt und darüber diskutiert.
Thilo hatte sehr charmant sein können. Er hatte Annette oft für ihren Fleiß gelobt und sich begeistert von ihrer Kreativität gezeigt. Arbeit und Freizeit waren zusehends verschwommen. Trotz einiger Kontakte zu den Ciudadanos-Leuten waren die Beschäftigten der Stiftung auch in ihrer Freizeit oft unter sich geblieben oder hatten sich mit anderen Europäern in Lima getroffen. Irgendwann hatte es sich eingebürgert, dass Thilo Annette an den Abenden nach Hause gebracht hatte, vorgeblich, um sie zu beschützen. Aber natürlich hatte Annette bald gemerkt, dass da auch mehr bei ihm gewesen war. Auch sie hatte sich Stück für Stück in ihn verliebt. Seine rotblonden Locken hatten es ihr angetan, dazu die Sommersprossen im Gesicht und sein, für einen Mann, recht zart geformter Mund.
Auch Thilo hatte seine Zuneigung irgendwann ganz offen gezeigt, hatte um Annette geworben. So waren sie eines Abends von einer Diskussion an der Uni zu Annettes Wohnung gekommen und als sie sich hatten verabschieden wollen, hatte Thilo Annette einfach umarmt und sie geküsst. Sie erinnert sich noch genau, dass sie einerseits überrascht gewesen war, andererseits hatte sie aber auch ein Glücksgefühl gehabt. In den kommenden Wochen waren sie sich immer nähergekommen. Irgendwann hatten sie miteinander geschlafen und waren auch für ihr Umfeld ganz offen ein Paar gewesen.
Annette hätte sich damals gut vorstellen können, in Peru zu bleiben. An den Anden hatte sie großen Gefallen gefunden und sie hatte, trotz der großen Spaltung zwischen Arm und Reich, gern in Lima gelebt. Sie hatte auch die gemeinsamen Ausflüge mit Thilo sehr genossen. Wenn sie im Hinterland unterwegs gewesen waren, hatten sie meist einige Wochen in den Dörfern gelebt. Die farbenfrohe Bekleidung der Einwohner, ihre charakteristischen Wollmützen, hatten sich ihr als äußerliches Zeichen der Freude gezeigt, die diese Menschen in sich tragen, auch, wenn das Leben hart und karg ist. Annette und Thilo hatten oft an den Abenden auf Bänken oder Steinen gesessen und den Sonnenuntergang beobachtet. Es hätte nicht romantischer sein können, als es in diesen Momenten gewesen war. Speziell an solchen Abenden war in Annette die Phantasie für mehr gereift.
Natürlich hatte es auch Schattenseiten gegeben. Manche Gegend war immer noch gefährlich gewesen und auch manche Stadtviertel Limas hatte man als Europäer besser gemieden. Auch war der Alltag manchmal recht schwer zu bewältigen gewesen. Stromausfälle oder Wasserknappheit hatten nicht nur Annette und Thilo zu schaffen gemacht. Besonders den Müll in den Straßen hatte Thilo irgendwann nicht mehr ertragen wollen. Allzu oft hatte es Probleme bei der Abfuhr gegeben. Schleichend hatte er sich nicht mehr wohlgefühlt in Peru, hatte auch in der Arbeit bei der Stiftung nicht genügend Möglichkeiten für sich gesehen, um weiterzukommen. Wobei weiterkommen für ihn in erster Linie Geld und Hierarchie bedeutet hatte. Vor allem deshalb hatte es Thilo nach Deutschland zurückgezogen. „Wenn ich jetzt nicht einsteige, kann ich nicht mehr als Journalist arbeiten“, hatte er damals immer argumentiert. Er war deshalb schon eine Weile auf der Suche nach einem Job in Deutschland gewesen und hatte ein Angebot der Nassauischen Neuen Presse bekommen. Er hatte eine Stelle in der Lokalredaktion in Limburg übernehmen können. Trotzdem hatte Annette lange gezögert, mit ihm nach Deutschland zurückzugehen. Hatte das ja auch bedeutet, den Job bei der Stiftung aufzugeben. Aber sie hatte Thilo geliebt und das war, was damals für sie gezählt hatte. Kurz vor Ihrem 31. Geburtstag, Anfang August 2008, waren sie dann nach Deutschland zurückgekehrt.
Sie hatten schnell die kleine Wohnung in der Weilburger Straße in Limburg gefunden. Es hatte ihr gemeinsames Leben werden sollen, so hatten es Annette und Thilo geplant, als sie Peru verlassen hatten. Heute sieht Annette an vielen Stellen, dass es vor allem Thilos Leben geworden ist.
Was von der Beziehung übriggeblieben ist, sind jede Menge seelische Scherben, die Arbeit als freie Journalistin für die Lokalredaktion der NNP und Lisa. Mit den Unterhaltszahlungen von Thilo, den Artikelhonoraren und dem Geld fürs Kellnern kommt sie über die Runden. Aber natürlich ist das nicht das, was sie sich vom Leben erwartet hatte.
Auf dem Weg zur Wohnung stoppt sie auf der Alten Lahnbrücke. Ihr Rad stellt Annette bei der Nepomukskulptur ab. Sie stellt sich an die Brüstung, schaut hinüber zum angestrahlten Dom und hinunter auf den trägen Fluss. Sie mag diese abendliche Stimmung, wenn der Dom sich deutlich vom abendlichen Grau der übrigen Altstadt abhebt. Auch die glatte Wasseroberfläche der Lahn hat etwas. Wie ein schwarzes Band mit ein paar Glitzerfasern liegt sie unter ihr.
Ich wünschte, ich könnte auch mal für mich so eine Ruhe finden. Ein Leben leben, das so langsam und beschaulich dahingleitet. Nicht fortwährend dieser Stress. Zwei Jobs, die Wohnung, Lisa. Ich weiß Lisa, Liebes, ich tue Dir unrecht. Aber manchmal wünsche ich mir auch ein festes Ufer, an dem ich anlegen kann und Halt finde.
Mit Thilo war Annette auch oft hier gestanden. Hier hatte sie ihm auch gesagt, dass sie schwanger ist. Seine erste Reaktion hatte sie verstört. Sie hatte sofort erkennen können, wie ihm die Gesichtszüge entglitten. Nur mühsam hatte er sich fangen können und hatte gestammelt „das, das, … das ist ja wunderbar Annette.“ Aber sie hatte damals sofort gespürt, dass das Gesagte nicht zu dem passte, was sie in seinem Gesicht hatte lesen können. Annette hat ein feines Gespür für das, was Menschen empfinden. „Du freust Dich nicht.“, hatte sie zu ihm gesagt. Thilo hatte nur schwach abgewehrt, hatte ihr mehr widersprochen, weil er geglaubt hatte, dass er es tun müsse.
Annette befällt eine Traurigkeit, wenn sie daran zurückdenkt. Auch damals war sie sehr traurig gewesen. Dennoch hatte sie es unterdrückt zu weinen. Vielleicht hatte sie auch versucht Thilo Glauben zu schenken. Aus heutiger Sicht ist ihr aber bewusst, dass an diesem Abend die Beziehung zu Thilo zerbrochen war. So hatten sie aber noch fast drei Jahre zusammengelebt.
Lisa, ihr Mädchen, sie sollte ihrer Liebe entspringen, doch letztlich hatte sich Thilo in seiner Rolle als Vater nicht zurechtgefunden. Annette hatte sich nicht genug von ihm unterstützt gefühlt, hatte immer den Eindruck gehabt, dass ihm der Job wichtiger ist als Lisa und sie. Er hatte offenbar nie einen wirklichen emotionalen Bezug zu seiner Tochter bekommen. Wie oft war es vorgekommen, dass er erst aus der Redaktion gekommen war, wenn Lisa längst geschlafen hatte. Annette war es zunehmend schwerer gefallen, das immer allein zu tragen. Sie und Thilo hatten immer öfter über Prioritäten und eigene Ansprüche gestritten. Irgendwann hatten sie keine gemeinsamen Ziele mehr gehabt. Im September 2012 hatten sie sich dann getrennt. Thilo arbeitete seither in Stuttgart. Er hatte dort ein lukratives Angebot in der Politikredaktion der Stuttgarter Zeitung bekommen und angenommen. Letzten Endes war das folgerichtig gewesen. Er bezahlt zuverlässig, was er bezahlen muss, aber ansonsten hat er keinen Kontakt mehr zu ihnen, auch nicht zu Lisa.
Dennoch geistern Annette diese Gedanken immer wieder durch den Kopf. Mittlerweile setzt ihr das Alleinleben zu und sie wünscht sich einen Partner. Bis auf zwei kurze Intermezzi hat sich für sie aber nichts mehr ergeben. Sie vermutet, dass es die Männer wohl abschreckt, dass sie Mutter ist. Ruhig fließt die Lahn unter ihr und sie verspürt Wehmut.
Wann ist mir der Thilo abhandengekommen, den ich in Peru so geliebt habe, der mich in Peru so geliebt hat. Ach, die Gedanken sind so müßig. Ich muss ihn endlich hinter mir lassen. Wie schön wäre es, wenn jetzt jemand neben mir stünde. Jetzt lächelst Du wieder wehmütig. Dann tue doch was, statt hier zu jammern. Genauso gut könnte ich fragen, was der Thilo, den ich in Peru so geliebt habe, überhaupt für mich empfunden hat. Es ist so müßig.
Jetzt ist es aber Zeit für Annette, nach Hause zu fahren. Durchatmen. Lisa wartet bestimmt schon auf sie. Meistens sitzt sie bei Tabea am Fenster und winkt schon, wenn sie Annette den Berg heraufkommen sieht. In diesen Momenten wird es ihr immer ganz warm ums Herz. Da spürt sie das starke Band, das sie mit ihrer Tochter verbindet.
Auch heute sieht sie Lisa oben am Fenster, als sie zum Haus in der Weilburger Straße kommt. Lisa winkt und Annette winkt zurück. Sie sieht die Freude im Gesicht ihrer Tochter. Sie fährt mit ihrem Rad in den Hof und stellt es in den Holzschuppen. Herr Pawliczek, ihr Vermieter, hatte es ihr erlaubt, ihr Rad dort einzusperren. Nachdem seine Kinder aus dem Haus waren, war Platz im Schuppen geworden.
Ach Lisa. Das ist so eine Freude, wenn ich Dich da oben so stehen sehe. Gleich wirst Du mir um den Hals fallen und mir deine Liebe schenken. Die tut mir so gut. Einfach nur gut. Was mache ich nur, wenn Tabea mal weggehen sollte.
Annette sperrt die Haustüre auf und geht nach oben. Aus Herrn Pawliczeks Erdgeschoßwohnung ist der Fernseher zu hören. Seit dem Krebstod seiner Frau im April vor zwei Jahren, hat er sich zurückgezogen. Ab und zu bringt Annette ihm ein Stück Kuchen aus dem Fleur mit, das sonst weggeschmissen werden müsste. Am meisten aber freut er sich, wenn Lisa ihm Plätzchen oder Kuchen bringt, die sie zusammen mit ihrer Mutter gebacken hat.
Guten Abend Herr Pawliczek, armer Kerl. Ihnen bleiben auch nur Erinnerungen, ihre Kinder, längst erwachsen, die doch nur selten zu Besuch kommen. Es sind hoffentlich schöne Erinnerungen, an ihre Frau. Aber einsam sind Sie jetzt trotzdem. Ich weiß, wir waren lange nicht mehr mit Kuchen bei Ihnen. Vielleicht sollte ich mich auch sonst ein wenig um sie kümmern. Ich bin einfach immer so platt. Sorry Herr Pawliczek, ich werde sehen, was sich machen lässt.
Im ersten Stock sind die beiden kleinen Wohnungen, Annettes und Tabeas. Lisa steht schon in der Türe zu Tabeas Wohnung. Sie strahlt. Ihr langes blondes Haar, leicht gewellt, trägt sie offen. Mit dem Pony sieht sie richtig frech aus. Aus dem kleinen Mädchen ist ein Schulkind geworden.
Lisa geht jetzt schon in die dritte Klasse. Annette ist froh, dass sie in der Schule gut mitkommt. Wann immer es geht, übt sie mit ihr. Lisa muss aber in die Mittagsbetreuung gehen, damit Annette arbeiten kann. Unter der Woche arbeitet sie am Vormittag, von halb acht bis halb drei. Lisa isst in der Mittagsbetreuung und sie kann im Fleur essen. So muss sie nicht kochen und spart sich Zeit und Geld. Meistens ist Annette sogar vor Lisa zuhause. Die Mittagsbetreuung geht bis um drei. Nur wenn sie Einkäufe erledigt oder in die Redaktion muss, um mit Dieter Wischnewski, dem Leiter der Lokalredaktion, einen Artikel zu besprechen, kommt sie später.
2
Ihr Leben mit Lisa hat sich inzwischen gut eingespielt, aber das war nicht immer so. Gerade jetzt, wie sie Lisa freudestrahlend vor sich stehen sieht, wird ihr das wieder bewusst. „Hallo Prinzessin, Du strahlst ja richtig. War es schön bei Tabea?“, fragt Annette Lisa und bückt sich zu ihr hinunter. Sie legt ihre Arme um sie und drückt ihre Tochter an sich. Sie atmet den Duft ihrer Tochter ein. „Mama, es war so toll. Wir haben ein Windrad gebaut, mit dem man richtig Strom machen kann. Das können wir auf den Balkon stellen und müssen gar nichts mehr bezahlen.“
Ach Du, mein kleiner Schatz. Wenn man aus deiner Begeisterung Strom machen könnte, bräuchte ganz Hessen kein Kraftwerk mehr. Mindestens. Es tut so gut, das zu spüren. Wie schade, dass ich heute nicht mehr viel von Dir habe.
Lisa berichtet voller Begeisterung über den Nachmittag bei Tabea. Die beiden hatten einen Bausatz zusammengebaut, den Tabea als Werbegeschenk von einem Windradbauer auf einer Jobmesse geschenkt bekommen hatte. Mit dem kleinen Windrad und dem Mini-Generator konnte man, mit Puste oder echtem Wind ein kleines Lämpchen zum Leuchten bringen. Natürlich viel zu wenig, um damit effektiv Strom zu erzeugen.
Als Lisa fertig erzählt hat, fragt Tabea Annette, ob sie nach dem zu Bett bringen, noch einmal kurz zu ihr rüberkommen könnte. „Geh nur Mama“, sagt Lisa leichthin. „Ich bin ja schon groß.“ Doch Annette merkt Tabea an, dass es wohl kein angenehmes Gespräch werden würde.
Tabea, was kommt jetzt? Sagst Du mir jetzt, dass Du weggehst. Bitte nicht, das packe ich jetzt nicht.
Annette bietet Lisa an, noch eine Geschichte vorzulesen. Lisa möchte aber keine Geschichte hören. „Mama, bitte lies mir aus dem ‚Was ist Was - Brücken‘ vor.“, bittet sie ihre Mutter. Tabea hatte die Kleine mit ihrer Technikbegeisterung angesteckt. Für Annette blieb das eher verwunderlich, wo doch weder sie noch Thilo, sonderlich Interesse dafür aufbrachten. Aber sie möchte sie auch nicht bremsen und so hatte sie auch nichts dagegen, dass Tabea Lisa ihre alten ‚Was ist Was‘-Bücher geschenkt hat. Das heißt, Annette hatte ein Problem damit, dass Tabea sie Lisa als Geschenk überreicht hatte, nicht mit den Büchern als solches. Immerhin konnte sie ihre Nachbarin mit einem Arroz con pollo überraschen. Einem peruanischen Hühnchen-Rezept, das ihr Victoria, eine Aktivistin der Cuidadanos por la paz, einmal gegeben hatte.
„…Bogenbrücken aus Stein ermöglichten den Menschen in der Antike auch breitere Flüsse zu überbrücken. Die Römer entwickelten darin eine wahre Perfektion. Durch die Verwendung des Opus Caementicium genannten Bindemittels als Mörtel, konnten sie eine feste Verbindung zwischen den behauenen Steinen herstellen.“ „Was ist ein Bindemittel, Mama?“, fragt Lisa dazwischen. Sie scheint noch kein bisschen müde zu sein. „Puh, wie soll ich Dir das jetzt erklären?“, fragt Annette mehr sich, als dass sie von ihrer Tochter eine Antwort erwartet. „Weißt Du was“, schlägt sie vor, „Du schläfst jetzt und ich gehe zu Tabea und frage sie. Die kennt sich bestimmt damit aus.“ Lisa lächelt und erlaubt ihrer Mama großzügig, dass sie noch zu ihrer „großen Freundin“ geht. Annette ist bewusst, dass ihre Tochter auf eigene Faust weiterlesen wird. „So übt sie wenigstens lesen“, denkt sie sich. Sie hat Lisa schon des Öfteren über einem Buch eingeschlafen gefunden. Dann lächelt sie milde, deckt ihre Tochter zu und schaltet die Leselampe aus. Wenn sie heute von Tabea zurückkommt, so denkt sie bei sich, wird es wieder so sein. „Wie großzügig von Dir.“, sagt sie mit gespieltem Ernst, „Aber lies nicht mehr allzu lang. Auch, wenn Du morgen ausschlafen kannst.“
Opus Caementitium, wird wohl eine Art Zement sein. Ob sich Tabea damit auskennt. Na dann, schauen wir, was mich jetzt erwartet.
3
Annette geht aus ihrer Wohnung und klopft an Tabeas Tür. Klingeln möchte sie so spät nicht mehr. Das käme ihr unangemessen vor, weil der Ton nicht zur Dunkelheit und dem heimeligen warmen Licht passen würde, das Tabea in ihrer Wohnung hat.
Klingeln bei Nacht bleibt Notfällen vorbehalten.
Tabea öffnet und bittet sie herein. Sie hat eine Flasche Rotwein geöffnet, was bei ihr eher selten vorkommt. Sie bittet Annette sich zu setzen. Annette nimmt auf dem Sofa Platz, einem sehr gemütlichen blauen Zweisitzer mit Samtbezug. Man sieht ihm den jahrelangen Gebrauch besonders an den vorderen Rändern schon an, aber das tut dem Sitzkomfort keinen Abbruch. Tabea setzt sich ihr gegenüber in den Sessel, ein klassischer Schwingsessel des allseits bekannten schwedischen Möbelhauses. „Trinkst Du ein Gläschen Wein mit mir?“, fragt sie Annette. „Gerne.“, antwortet sie, „Gibt es einen besonderen Anlass? So oft trinkst Du ja keinen Alkohol.“ Tabea lächelt und sieht einen Moment sehr glücklich aus. Sie erzählt Annette wie schön der Nachmittag mit Lisa war, dass sie spazieren gingen und den Josaphat-Spielplatz besucht haben. Dort habe Lisa sich ausgetobt und weil es etwas windig war, sei ihr, Tabea, der Bausatz für das Windrad wieder eingefallen. „Das glaube ich Dir nicht.“, sagt Annette, „den wolltest Du doch bestimmt schon die ganze Zeit mit ihr zusammenbauen.“ Wie schon bei Lisas Erzählung vor dem zu Bett gehen, sieht Annette vor ihrem geistigen Auge, wie Lisa über den Spielplatz läuft. Die Kleine liebt den Josaphat-Spielplatz, das Kletternetz und die Schaukeln, mit denen sie so hoch hinaus kann. Oft kann Annette gar nicht hinschauen, aber sie möchte Lisa in ihrer Freude und Ausgelassenheit nicht einschränken. Lisa trifft dort meistens Freundinnen aus ihrer Klasse oder sie schaut den älteren Jungs beim Skateboarden zu. Auf der dortigen Bahn probieren einige von ihnen waghalsige Manöver, die Lisa gar nicht wild genug sein können. Es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis sie auch so ein Board haben möchte.
Bestimmt hat Lisa Tabea wieder Löcher in den Bauch gefragt, als sie das Windrad zusammengebaut haben. Wie der Generator funktioniert, zum Beispiel. Ich habe mit Technik ja gar nichts am Hut. Tabea, ich bin so froh, wenn Du uns helfen kannst, wenn es mal ein Problem gibt.
Von Tabea wird sie auch aus ihren Gedanken gerissen. Sie hat den letzten Satz von ihr wohl gar nicht mitbekommen mit ihrer Träumerei. „Du solltest Lisa diese Begeisterung auf jeden Fall bewahren.“, sagt sie gerade. „Da muss ich wohl ganz auf Dich bauen.“, erwidert Annette, „Ich habe da überhaupt keine Ahnung.“ Tabea lacht und prostet Annette zu. Dann nimmt sie einen Schluck von ihrem Wein. Auch Annette trinkt. Ein schwerer Primitivo. Tabea setzt ihr Glas ab und blickt aus dem Fenster in die Dunkelheit. Ihr Blick wird ernst.
„Ich weiß nicht, was ich machen soll.“, beginnt sie zu erzählen. „Sven Körber, der Junior-Chef hat sich, glaube ich, in mich verguckt. Leider ist er so gar nicht mein Typ.“ Sie berichtet, wie er ihr einerseits Komplimente macht, wie er immer nach Gelegenheiten sucht, sie in seine Projekte mit einzubeziehen. Andererseits, und das stört Tabea, nimmt er kein Blatt vor den Mund, wenn er über Projektpartner herzieht. „Er macht sich drüber lustig, wie die Leute aussehen, oder wenn sie einen Akzent haben.“ Ganz besonders aber ist es ihr ein Dorn im Auge, wenn er mit den anderen Jungingenieuren im Büro über Frauen lästert. Auch, wenn sie selbst nicht Opfer seiner Tiraden ist, stört sie die Abfälligkeit. „Die Jungs glauben wahrscheinlich, man hört sie nicht. Aber wenn sie in der Teeküche spotten und lachen, schnappt man genug auf, auch ohne es zu wollen.“ Tabea widert es an, wie sie Frauen nur als Lustobjekte sehen, die ordinäre Sprache, mit der sie Frauen und ihre Körper belegen. „Mit so einem möchte ich nicht zusammen sein“, sagt sie. „Am Ende geht es ihm auch nur darum, mich ins Bett zu bekommen, damit er wieder was zu erzählen hat.“ Annette ist betroffen von Tabeas Schilderungen. „Weißt Du“, fährt ihre Nachbarin fort, „selbst, wenn er es ernst mit mir meinte, fühle ich mich da als Frau nicht wohl.“
Puh. Arme Tabea. Jetzt schäme ich mich fast ein bisschen, dass ich vorhin nur an mich gedacht habe. Leider bin ich in solchen Dingen eine ganz schlechte Ratgeberin. Außer Thilo hatte ich nicht so richtig jemanden. Die Schulzeit zählt nicht und seit Thilo, naja, da hat sich wohl eher mein Körper was geholt, als dass für meine Seele was zu holen gewesen wäre. Aber ich verstehe gut, dass das für Dich eine blöde Situation ist.
„Das ist eine blöde Situation für Dich“, kommentiert Annette. Sie fühlt sich etwas unbeholfen, weil ihr nichts Besseres einfällt, was sie Tabea sagen kann. Die zeigt aber gleich die ganze Dimension ihres Dilemmas auf: „Das Blöde ist vor allem, dass ich nicht weiß, wie es wird, wenn ich nach dem Bachelor fest dort arbeiten sollte. Gebe ich ihm einen Korb, schätze ich ihn so ein, dass er Stimmung gegen mich macht oder mich sogar mobbt.“ Annette stimmt ihr zu. Von der Warte hatte sie das Ganze gar nicht gesehen. Wie könnte sie Tabea helfen. Die freute sich doch so, dass sie nach den Praktika gleich einen Job dort antreten könnte. Aber ihre Bedenken sind natürlich nicht von der Hand zu weisen.
Wenn der Junior-Chef tatsächlich so ist, wie Tabea ihn schildert, sollte sie wohl wirklich die Finger von ihm lassen. Sie würde nicht glücklich werden.
„Was soll ich Dir da raten?“, stellt Annette als Frage in den Raum. „Wenn er seine Machtposition tatsächlich ausnutzt, kann Dir das jetzt auf die Füße fallen, oder später, wenn die Beziehung vielleicht scheitert.“ Sie fragt die Freundin, ob sie ihm nicht direkt sagen sollte, dass sie keine Beziehung zu Sven Körber möchte. Vielleicht würde auch ein Gespräch mit seinem Vater helfen. Dass sie zwar gerne in der Firma arbeiten möchte, dass es aber klar sein muss, dass mit Sven nichts läuft. „Allerdings ist das schon ein Risiko.“, entgegnet Tabea. Doch sie merkt selbst, dass sie nicht in der unklaren Situation bleiben kann, auch wenn es im schlimmsten Fall bedeuten würde, dass es mit dem Job nichts wird.
Ach Mensch Tabea, ich hätte Dir so gewünscht, dass Du es gut erwischt. Aber Du bist noch jung. Selbst wenn dein Leben jetzt eine neue Bahn einschlägt, hast Du noch alles offen.
Die beiden sitzen noch ein wenig, wälzen Für und Wider hin und her. Doch wie sie es auch drehen, es kommt keine andere Lösung heraus. Tabea muss Klarheit schaffen und Sven Körber deutlich machen, dass es abseits der Arbeit nichts mit ihnen beiden wird. Wenn er so reagieren wird, wie sie es vermutet, würde sie sich eine andere Arbeit suchen müssen. Annette stößt noch einmal mit Tabea an. „Tabea, ich hätte Dir so gewünscht, dass alles so für Dich klappt, wie Du Dir das vorgestellt hattest.“ Ihre Freundin gibt sich zuversichtlich und meint, dass ja noch nicht aller Tage Abend sei.
Müde fällt Annette ins Bett. Die Gedanken hängen ihr noch nach.
Ich hoffe, Tabea täuscht sich und er will gar nichts von ihr. Vielleicht wartet sie doch besser, bis er sie wirklich anspricht, sie privat treffen möchte. Vielleicht ist es gar nicht so gut, unmittelbar auf ihn zuzugehen. Andererseits ist sie dann die ganze Zeit gelähmt. Außerdem ist er dann vielleicht erst recht gefrustet, wenn er sich für sie interessiert. Es ist halt doof, weil ich ihn auch nicht kenne. Aber das, was sie so von ihm erzählt. Klar sind die Kerle mal derb, im Fleur wird ja auch geredet. Aber wenn es so ist, wie sie es sieht, fürchte ich, wird sie sich was Neues suchen müssen. Es wäre halt gut, wenn sie den Bachelor wenigstens noch fertig machen könnte. Da kommt ganz schön was zusammen.
Grins nicht so blöd, Thilo, ich möchte jetzt schlafen. Dabei fand ich dein Grinsen mal so schön, habe es für Lächeln gehalten. Bitte, lass mich endlich in Ruhe.
4
Am Sonntag hat Annette im Fleur frei. So hat sie viel Zeit für Lisa. Sie spielen gemeinsam und verbringen einen schönen Tag zusammen. Nach dem Essen schauen die beiden die Schulsachen durch. Die Herbstferien gehen zu Ende und der Schulalltag beginnt. Immer noch, auch jetzt in der dritten Klasse ist Lisa von einem richtigen Ehrgeiz gepackt. Annette muss sie fast einbremsen, damit sie nicht nur an die Schule denkt. Auch hier ist Tabea wieder das große Vorbild, weil sie so klug ist und Lisa so viel beibringen kann. So verwundert es Annette nicht, dass die Kleine bei der Durchsicht der Hefte schon darauf hinweist, wo es bestimmt bald eine Klassenarbeit geben wird.
Lisa, Lisa, Du bist mir richtig unheimlich. Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, mögen die meisten Jungs kluge Mädchen so überhaupt nicht. Die sind als Streberinnen verschrien und haben es in den höheren Klassen eher schwer.
Am späten Nachmittag muss Annette in die Stadthalle. Sie soll einen Bericht über das dort dargebotene Theaterstück schreiben. Ein Münchner Tourneetheater gibt „Kleine Eheverbrechen“ nach dem Drama von Eric-Emmanuel Schmitt. Sie ist etwas zwiegespalten, weil sie fürchtet, dass Erinnerungen an Thilo hochkommen. Das Stück wird nur von zwei Personen bestritten, Lisa und Gilles. Das macht es ihr schwer, neutral zu bleiben, wie es sich für sie als Journalistin gehören würde. Die Handlung spielt sich in der gemeinsamen Wohnung des Paares ab. Man erfährt, dass die beiden seit 15 Jahren verheiratet sind. Gilles ist zunächst sehr desorientiert, er lag 14 Tage im Koma. Annette verfolgt das Stück aufmerksam, notiert und versucht, einige Zitate, die ihr brauchbar erscheinen, wörtlich zu protokollieren. Mit der Zeit, so scheint es, ist zu spüren, dass Lisa etwas zu verheimlichen hat. Doch auch Gilles‘ Amnesie erweist sich als einen Tick zu perfekt. Schließlich wird klar, dass es darum geht, ob die beiden es schaffen, ihrer Beziehung neuen Schwung zu geben, ob sie ihre kleinen Geheimnisse verbergen können. Die Schauspieler sind nicht übermäßig gut, aber sie schaffen es doch, ihre Charaktere glaubwürdig rüberzubringen. Ihre Dialoge haben einen doppelten Boden. Sie schießen giftige Pfeile aufeinander, die Spannung ist spürbar. Schritt für Schritt, so scheint es, verstricken sie sich in ihrer beider Ränke. Andererseits, und das gefällt Annette, spüren sie beide doch immer noch einen Funken Liebe in sich. Am Ende sieht es dann doch so aus, als könnte die Rückbesinnung auf die Anfänge die Beziehung retten und beiden einen gemeinsamen weiteren Weg eröffnen. Der Beifall der etwa 80 Zuschauer ist nicht überschwänglich, aber es kommt doch zum Ausdruck, dass sich die Leute gut unterhalten gefühlt haben. Einige von ihnen kennt Annette. Peter Schreiber ist da, der Vorsitzende der Kulturvereinigung, aber auch einige Abonnenten, die regelmäßig Gäste sind. Frau Gerlach, eine ältere Dame spricht Annette an. Wie gut ihr das Stück gefallen habe und dass Verzeihen zu können doch ein sehr wichtiger Punkt sei, wenn eine Beziehung lange halten soll.
Touché, Madame. Obwohl sich die Frage nach dem Verzeihen ja nie gestellt hat. Er ist ja einfach gegangen. Warum schaffe ich es nicht, das Kapitel Thilo endlich abzuschließen. Vielleicht gerade deswegen. Es ist rum, Annette.
Später holt sich Annette noch ein paar Aussagen der Regisseurin, einer jungen Frau, die erst vor zwei Jahren ihr Studium der Theaterwissenschaften abgeschlossen hat. Sie zeigt sich sehr zufrieden. Am Dienstag würde das Stück noch einmal in der Stadthalle aufgeführt. Sie wäre Annette sehr dankbar, wenn sie berichten würde, wenn es ginge, nicht allzu schlecht.
Klar doch, wir Frauen müssen zusammenhalten. Im Grunde habt ihr es ja gut gemacht. Ich versuche Dir zu helfen.
Annette kann ihr nicht zusichern, dass ihr Beitrag gedruckt wird, aber falls dem so wäre, könnte sie mit einem positiven Bericht rechnen. Sie plaudern noch ein bisschen und so erfährt Annette, dass die Truppe noch bis Weihnachten unterwegs sein wird. Sie haben noch Vorführungen in Marburg, Korbach und Bad Arolsen. Im neuen Jahr wollen sie dann in Thüringen und Sachsen touren. „Da sind schwierige Stationen dabei, wo wir vor fast leeren Häusern spielen werden.“, berichtet die junge Regisseurin.
Die Lisa-Darstellerin kennt Annette von irgendwoher. Sie spricht nach dem Abschminken mit ihr, auf dem Flur hinter der Bühne. Auf die diffuse Bekanntheit angesprochen, erzählt sie, dass sie ein paar Mal kleinere Rollen im Tatort hatte. Da fällt Annette das Bild wieder ein. Sie hatte eine Kassiererin in einem Supermarkt gespielt, wo sich Leitmayr einen Schokoriegel und was zu trinken gekauft hatte. „Genau“, sagt die Schauspielerin, das sei sie gewesen. „Dass Sie sich daran noch erinnern…“ Sie wirkt fast verwundert, aber auch ein wenig stolz.
Klar erinnere ich mich. Ich habe genau gesehen wie der Leitmayr gezuckt hat. Du hast ihm gefallen.
Annette erinnert sich noch gut, denn Leitmayr wirkte in dieser Szene spontan irritiert. Sie hatte sich damals überlegt, ob das wirklich spontan war und Udo Wachtveitl beim Anblick der Frau tatsächlich etwas empfunden hat, oder ob das Teil der Rolle war. Im Film wurde es jedenfalls nicht thematisiert und die Kassiererin tauchte auch nicht mehr auf. Auch hier zeigt sich Annettes feines Gespür dafür, wenn Menschen mit ihrer Mimik etwas aus ihrem Inneren verraten. Deshalb fragt sie sie jetzt kurzerhand danach. Doch der Schauspielerin war nichts aufgefallen. Sie sagt mehr im Spaß, dass sie den Udo da mal fragen müsse, wenn sie ihn sieht. Annette betrachtet ihr Gesicht noch einmal ganz genau.
Ihre dunklen Augen haben Tiefe, wenn man möchte, kann man sich darin verlieren. Wie das wohl auf Männer wirken mag. Ob es überhaupt solche Männer gibt, die sich in tiefen dunklen Augen verlieren wollen? Einfach versinken und zu träumen beginnen. Nee, sowas gibt es nicht. Da geht wohl meine Phantasie mit mir durch.
Die Frage nach den Augen stellt Annette dann auch dem Gilles-Darsteller. Der lacht aufgesetzt, doch über sein Gesicht huscht auch ein Ertapptsein. „Mareike, lass mich mal in deine Augen schauen.“, ruft er seiner Kollegin zu, die sich gerade mit der Regisseurin angeregt unterhält. Die Angesprochene sieht ihren Spielpartner mit Annette stehen und antwortet mit einem verschmitzten Grinsen, dass das nur der Udo dürfe. Annette stellt noch drei, vier Fragen zum Stück, zu seiner Einschätzung, warum die, die es noch nicht gesehen haben, unbedingt am Dienstagabend kommen sollten.
Sie verabschiedet sich danach und radelt nach Hause. Heute stoppt sie nicht auf der Brücke. Ihre Lisa ist allein zuhause. Tabea schaut nur ab und an nach ihr. Sie muss etwas für ihr Studium tun. Annette ist nicht wohl dabei, aber sie hat auch keine andere Lösung organisieren können. Sie findet Lisa in ein ‚Was ist was‘ - Buch vertieft. Sie liest über Windmühlen. Der gestrige Nachmittag mit Tabea und der Bastelei hat offenbar einen bleibenden Eindruck hinterlassen. „Ach Lisa. Ich freue mich so über deine Begeisterung. Aber jetzt ist es langsam Zeit schlafen zu gehen. Morgen ist wieder Schule.“ „Nur noch die Seite fertig.“, erwidert ihre Tochter. „Windräder sind voll interessant. So eins möchte ich mir mal in echt anschauen.“ Annette lässt ihre Tochter noch fertiglesen und bringt sie dann zu Bett. Sie schreibt den kurzen Bericht zum Theaterabend und legt ihn auf dem Server der Redaktion ab. „Auch wieder ein paar Euro“, denkt sie sich. Nach den Fernsehnachrichten geht sie auch ins Bett. Vor dem Einschlafen geht ihr Thilo noch einmal durch den Kopf.
Ich weiß noch, wie er sich während der Schwangerschaft doch auf das Kind in meinem Bauch gefreut hat. Unser Kind. Wie er seinen Kopf auf meine Bauchdecke gelegt und gehört hat. Wie er sich später über Lisas Strampler amüsiert hat, die sie gegen die Begrenzung ihrer behüteten Umgebung vollführt hat. Neun Jahre war das jetzt her. Natürlich war er auch bei der Geburt dabei gewesen. Er hat meine Hand gehalten, mir den Schweiß von der Stirn gewischt. Irgendwie muss seine Freude doch echt gewesen sein. Obwohl er sich am Anfang so erschreckt hat. Wann ist das wieder gekippt. Ich weiß es nicht. Warum hat er sich dann wieder so in seinen Job gestürzt? Warum hat er sich von uns zurückgezogen? Von mir? Verdammt, warum geht mir das immer wieder durch den Kopf? Thilo hat es mir nie erklären können oder wollen. Ich verstehe es einfach nicht. Aber eine Antwort darauf werde ich auch nicht mehr bekommen. Ich will diese ganzen Fragen aus meinem Kopf haben.
Und Tabea hat jetzt den Trouble mit diesem Sven Körber. Ich hätte ihr so gewünscht, dass ihr Leben glatt geht. Reicht doch, wenn ich mit den Männern Pech habe. Obwohl Tabea bisher auch nur an die Falschen geraten ist.
Annette, was willst Du. Ob Du hier in Limburg einen Partner finden wirst? Vergiss es. Weggehen, dann wieder scheitern? Warum ist es so schwierig, den einen zu finden, der zu mir passt. Bei dem ich mich aufgehoben fühle und gleichzeitig auch ich selbst sein kann. Jemand, der mit Lisa klarkommt und vor allem sie mit ihm. Vielleicht sollte ich mir ‚Was ist Was? - Die Quadratur des Kreises‘ mal zu Gemüte führen.
5
Am Montagmorgen hat Annette Dienst im Fleur. Sie war nur schwer aus dem Bett gekommen und frühstückt gerade mit Lisa. Ohne ihre große Tasse Sencha kann sie nicht außer Haus. Lisa trinkt wie üblich eine heiße Schokolade. Sie erzählt noch einmal von dem, was sie im Windmühlen-Buch am Vorabend gelesen hat. „Freust Du Dich, dass die Schule wieder losgeht?“, fragt Annette ihre Tochter. „Klar doch!“, erwidert Lisa selbstbewusst und reckt ihr Kinn auf unnachahmliche Weise nach vorn. „Ich bin schon gespannt, was wir in Heimat- und Sachkunde machen. Im Buch kommt als nächstes das Eichhörnchen dran. Da freue ich mich schon drauf. Das Bild, wo das Eichhörnchen die Nuss so mit den Händen hält, ist so süß.“ Lisa ahmt das Tier nach und Annette lächelt. Sie freut sich so an ihrer Tochter.
Ich wünschte, ich könnte an einem Montagmorgen auch mal wieder so motiviert sein. So frisch und ausgeschlafen. Nicht in Gedanken an Stress und die Arbeit, die mich erwartet. Aber ich sollte nicht immer jammern, ich sollte mich mit Lisa und an ihr freuen.
Als Lisa ausgetrunken hat, packt sie ihren Schulranzen zusammen und zieht ihre Jacke an. Annette trinkt einen Schluck Tee und beobachtet sie dabei. Wieder wird ihr ganz warm ums Herz. Sie ist einfach froh, dass ihre Tochter so eifrig und selbständig ist.
Ich hoffe inständig, dass das so bleibt.
Bevor sie aus dem Haus geht, setzt sich Lisa noch einmal auf Annettes Schoß. Dieses Ritual haben die beiden seit der Kindergartenzeit. Annette atmet den Geruch von Lisas Haaren ein. Obwohl er ihr vertraut ist, tut sie das jeden Morgen. Es gehört einfach dazu. Meistens erinnert sie sich dabei an gemeinsame Erlebnisse.
Ich weiß noch, unsere erste gemeinsame Radtour, die wir unternommen haben. Du konntest schon einigermaßen sicher Radfahren. Ich sehe Dich noch mit deinem leuchtend gelben Kinderrad. Du wolltest es unbedingt einmal richtig ausprobieren. Wir sind dann an der Lahn entlanggefahren, bis zur ICE-Brücke. Da musste ich sowieso vorbei, für einen kurzen Bericht. Da hatten Sie die Lahntalbrücke von der Autobahn gerade fertig gebaut. Daneben hatte noch die alte Brücke aus den 60er Jahren gestanden. Die haben sie, glaube ich, erst im darauffolgenden Jahr abgerissen. Ich sehe Dich noch mit deinen fünfeinhalb Jahren vor mir. Dauernd hast Du Dich über den Lärm beschwert, wenn oben auf der Autobahn LKW über die Brücke gefahren sind. Ich habe nur ein paar Fotos geschossen und mir Notizen gemacht. Im Artikel habe ich sogar den Lärm thematisiert, der den Genuss des Radfahrens an der Lahn doch erheblich mindert. Dank deiner kindlichen Expertenmeinung. Jetzt kann ich doch Lächeln. Du wolltest dann noch weiterfahren, naja, so weit ist es ja nun wirklich nicht, aber ich wusste damals nicht, wie lange Du Lust haben würdest. Wir sind auf dem Schleusenweg noch bis zur ICE-Brücke weiter geradelt. Die hat Dir deutlich besser gefallen, weil sie einengroßen Bogen über den Fluss spannt. Der beeindruckt Dich noch heute, wenn wir nach Dietkirchen oder Runkel radeln. Auf dem Rückweg haben wir uns noch ein Eis am Kiosk beim Parkbad gegönnt. Ich sehe Dich auf der Bank sitzen und deine Eindrücke sprudeln nur so aus Dir heraus. Ich musste Dich dabei immer ermahnen, dass Du weiter schleckst, damit nicht das ganze geschmolzene Eis auf dein T-Shirt getropft wäre.
Annette schmunzelt bei den Bildern der protestierenden Lisa, die ihr durch den Kopf gehen. Sie sieht sie mit den zusammengezogenen Augenbrauen vor sich stehen. Sie schimpfte wie ein Rohrspatz.
Jetzt ist es aber Zeit für Lisa zu gehen. Annette gibt ihr noch einen Kuss auf die Stirn, dann verabschiedet sich die Kleine. Sie läuft erst zu ihrer Freundin Maja und holt sie ab, ehe sie zusammen zur Schule laufen. Sonst wäre Lisa viel zu früh dort. Noch möchte Annette nicht, dass sie nach ihr das Haus verlässt. Trotz ihrer großen Selbständigkeit ist Lisa einfach noch ein Kind. Die Verantwortung kann und will sie ihr noch nicht übertragen. Für Kristina Thürle, Majas Mutter und Annettes Freundin, ist es zum Glück in Ordnung, dass Lisa kurz nach 7:00 Uhr schon vorbei kommt. Ohne solche Abmachungen könnte Annette ihren Alltag als Alleinerziehende nicht bewältigen. Für sie heißt es jetzt noch schnell das Geschirr in die Spülmaschine geräumt und über den Tisch gewischt, dann ist es auch Zeit, ins Fleur zu fahren. Ihre Schicht wird sie wieder zusammen mit Brigitte haben. Gemeinsam bereiten sie alles vor, dass das Café um halb acht öffnen kann.
In der ersten halben Stunde bis 8:00 Uhr ist sehr viel Laufkundschaft da. Vor allem Schülerinnen, und etwas weniger Schüler, der Marienschule holen sich einen Kaffee und etwas Gebäck. Annette nimmt die Bestellungen auf und kassiert, Brigitte bereitet die Kaffees, Cappuccini und Latte Macchiatos zu und packt die süßen Teilchen in die Papiertüten. Die jungen Leute bringen meistens keine Zeit mit, sich zu setzen. Schade um den vielen Müll, denkt sich Annette, zumal die meisten Kaffeebecher in den Mülleimern auf dem Neumarkt landen, genau wie die Papiertüten der Croissants, Brezeln oder süßen Teilchen.
Ich weiß noch, wie das zu meiner Schulzeit gewesen ist. Tanja, Frieda und Larissa. In den Freistunden während der Oberstufe sind wir ins Café Krümel. Viel Taschengeld hatte keine von uns zur Verfügung, aber ab und zu haben wir uns das doch gegönnt.
Offenbar ist die heutige Jugend finanziell deutlich bessergestellt. Oder die, die es sich nicht leisten können, kommen einfach nicht zu ihr. Brigitte hatte wohl ähnliche Gedanken. Sie erzählt Annette von ihrer Schulzeit. Sie ist auf dem Dorf groß geworden, hat Geld mitbekommen, damit sie sich etwas zu essen kaufen konnte. „Viel war es nicht. Hat meistens nur für eine Brotzeit beim Hausmeister gereicht. Ins Café gehen ist da nicht drin gewesen.“, erzählt sie, deutlich von ihrem hessischen Dialekt gefärbt. Kurz vor Schulbeginn ebbt der Ansturm der Mitnahme-Käuferinnen dann ab. Es wird wieder etwas ruhiger.
Am Montagmorgen kommen kurz nach acht immer eine Lehrerin und ein Lehrer der Marienschule. Sie haben offenbar erst ab einer späteren Stunde Unterrichtsbeginn und nutzen das Fleur für ein gemeinsames Frühstück. Annette schätzt sie beide auf Anfang 30. Ihr Umgang ist vertraut. Die Namen der beiden kennt sie nicht. Bei anderen Gästen ist das anders. Sie hat schwarze Haare, als Bob geschnitten, der Pony in leichtem Bogen, mit den nach vorne fallenden Seitenhaaren wirkt ihr schmales Gesicht ovaler, bekommt mehr Fülle. Annette findet, dass sie gut aussieht.
Ob das schwarz noch echt ist? Mein eigenes Blond dunkelt leider schon etwas nach. Aber toi toi toi, noch komme ich ohne Farbzukauf aus. Deine stahlgrauen Augen sind faszinierend. Sie sind sehr ausdruckstark. Wie sich da die Schüler wohl beim Abfragen fühlen, wenn sie schlecht vorbereitet sind? Setzt Du die Augen bewusst ein, um streng zu wirken? Wie machst Du das nur, dass Du so eine glatte und so helle Haut hast? Ob dein Begleiter den grazilen Nacken und den zarten schwarzen Flaum wahrnimmt? Hat er Augen dafür?
Annette schmunzelt über ihre Gedanken.
Sie geht zu den beiden, um die Bestellung aufzunehmen. Dabei weiß sie längst, was sie bestellen werden. Zumindest, wenn sie ihren Gewohnheiten treu bleiben. Einige Stammgäste hat Annette, die ihre Wünsche nur wenig variieren. Die beiden Lehrer gehören dazu. Wenn ihr Auftauchen im Fleur mit ihrer Zeit an der Marienschule übereinstimmt, müssten sie jetzt im vierten Jahr unterrichten. Irgendwie scheinen sie es immer hinzubekommen, eine gemeinsame Freistunde am Morgen zu haben. Nicht immer am Montag, aber in den letzten dreieinhalb Jahren kamen sie einmal in der Woche zusammen ins Café. Sie bestellt einen Grüntee, Darjeeling Ambootia und einen Hanfriegel, er eine Chai Latte und ein Schokocroissant.
Eigentlich passt der Hanfriegel nicht zu ihrem sachlichen Gesicht mit den klaren Formen. Im Gegensatz dazu die unruhige Körnerstruktur des Riegels. Aber was solls, wenn’s ihr schmeckt.
„Was darf es denn heute sein?“, fragt sie ihre Gäste. „Bei mir wie immer“, antwortet sie. „Grüntee Ambootia und einen Hanfriegel.“ „Ich nehme heute mal was ganz anderes.“, kommt von ihm. „Statt Chai Latte und Schokocroissant möchte ich heute ein Schokocroissant und eine Chai Latte“, sagt er und grinst. Annette lächelt milde zurück über diesen wirklich ‚sehr gelungenen‘ Witz.
Ist wohl so, wenn man Halbwüchsige unterrichtet. Dabei sähe er gar nicht mal schlecht aus. Etwas längeres, leicht gewelltes dunkelblondes Haar, nach hinten gekämmt. Ansprechende Bräune und blau-grüne Augen.
Als Anette zur Theke geht, beginnen sie sich angeregt zu unterhalten. „Das Übliche?“, fragt Brigitte, die die beiden und ihre Vorlieben natürlich auch schon kennt.
Meist sprechen die beiden Lehrer über Schüler, besondere Leistungen, gute, wie schlechte. Ihre unterschiedliche Einstellung kommt dabei häufig zutage. Während sie sehr sachlich berichtet, was sie beobachtet hat, woran es wohl gelegen haben mag, dass eine Arbeit schiefging oder eine Ausfrage richtig erfolgreich war, neigt er dazu, die Dinge eher stark vereinfacht darzustellen. „Er hat halt nicht gelernt“, oder „sie ist einfach klug und besonders fleißig.“, sind typische Aussagen von ihm. Sie ist da deutlich differenzierter. Zumindest wenn sie erzählt, scheint es so, als beschäftige sie sich weitaus intensiver mit ihren Schülerinnen und Schülern. Berichtet davon, wie sie versucht, sie zu fördern und zu fordern, ihre Begeisterung zu wecken und sie für ihren Unterricht zu gewinnen.
Mag sein, dass er das auch tut, aber so wie er erzählt, scheint es nicht wirklich so zu sein.
„So, einmal den Tee und der Riegel, bitte sehr. Und für den Herrn zur Feier des Tages ein Schokocroissant und eine Chai Latte.“ Während sie sich bedankt, nickt er nur kurz mit dem Kopf. Heute unterhalten sich die beiden Lehrer über den Klimawandel, der auch die Schüler zunehmend beschäftigt. Im Gegensatz zu sonst wirken die beiden viel emotionaler. Annette sieht es an ihrer Gestik, die intensiver ist als sonst. Da sonst nichts anliegt, wischt sie über die Tische und bekommt so mit, was die beiden sagen. „Mel, ich finde es einfach übertrieben, wie dieses Thema gehypt wird.“
Mel nennt er sie. Ob sie wohl tatsächlich diesen kurzen Namen trägt? Oder ist es eine Kurzform von Melanie? Wahrscheinlich eine Abkürzung, denke ich mal.
Mel ist anderer Meinung als…sie sagt nur Du, spricht ihn nicht mit Namen an. „Ich finde es verdammt wichtig, und das weißt Du. Es ist gut, dass die Schüler sich dafür interessieren. Die Politik tut ja nichts, bringt nur Trippelschritte weiter. Klar weiß ich, dass wir in Deutschland die Welt nicht allein retten können, aber wir können den anderen zeigen, dass es geht.“ Annette geht zur Theke zurück und schaut, ob weitere Bestellungen aufgenommen werden müssen. Brigitte putzt über die Kaffeemaschine. Immer wieder wirft Annette einen Blick auf die beiden. Sonst wirkten sie immer sehr harmonisch.
Ken. Ich nenne Dich jetzt einfach Ken, wie den Barbiepuppen-Mann. Heute hat Mel aber eine ganz andere Meinung als Du. Jetzt bin ich gespannt, ob noch etwas mit Substanz kommt. Deine Lässigkeit, wie sonst, ist wohl eher unangebracht. Aber bei Mel hätte ich auch nicht gedacht, dass sie so eingestellt ist. Mel…hm, muss ich mich erst dran gewöhnen. Ich würde mich Melanie nennen lassen. Aber vielleicht heißt sie ja wirklich so. Thilo hat es auch mal mit Netti versucht. Ich wollte aber nicht die kleine niedliche Netti sein.
Mels Gestik hat nichts mehr von der kühlen Sachlichkeit. Ihre Wangen sind gerötet. Ken hingegen lehnt sich zurück, geht körperlich auf Distanz zu ihr, wirkt aber äußerlich ruhig. Das scheint Mel nur noch mehr aufzustacheln. Sie beugt sich nach vorn und spricht aufgeregt. Ken grinst.
Unmöglich, der Kerl. Lass Dir nichts gefallen Mel. Gleichzeitig ist es irgendwie schade, dass ihr beiden heute streitet. Klar gibt es in jeder Beziehung mal Streit. Aber gerade bei euch stört es mich. Ich möchte keinen Streit zwischen euch miterleben. Ihr wart für mich immer der Inbegriff von Harmonie. So schön, euch da sitzen zu sehen. Jetzt denke ich wieder an Thilo, der ewig präsente Schatten. An unsere Streitereien, besonders in der Endphase unserer Beziehung eine ständige und aufreibende Begleiterscheinung. Auch in der Öffentlichkeit. Vielleicht ist es ja gerade dieser Umstand, der mir so sauer aufstößt. Mel und Ken: ihr streitet in der Öffentlichkeit. Auch wenn es um ein Sachthema geht. Zumindest auf den ersten Blick. Aber trotzdem verwundert mich deine hohe Emotionalität, Mel, Melanie. Entweder, Du identifizierst Dich wirklich so stark mit dem Klimathema oder es geht gar nicht nur um das Sachthema und es liegt noch etwas drunter.
Neue Gäste kommen, Touristen, wie es aussieht. Annette geht zu ihnen und nimmt die Bestellung auf. Drei Café Crema und eine Latte Macchiato. Zu essen vorerst nichts, oder vielleicht doch ein Stück Käsekuchen. Der, die Damen mittleren Alters begleitende Herr lässt sich dann doch hinreißen. Nachdem sie aufgetragen hat, wollen Mel und Ken bezahlen. Mel ruft sie. Zahlt heute ihren Tee und ihren Riegel allein. Annette lässt sich nichts anmerken, nimmt die Veränderung aber zur Kenntnis. Auch Ken bezahlt, lächelt Annette besonders auffällig an. Sie bleibt bewusst kühl, möchte Distanz halten. Mel steht auf, zieht ihre Jacke an und geht. Sie wartet nicht auf Ken. Sagt knapp Ciao, mehr zu Annette als zu ihm und ist aus dem Café. Ken zuckt mit den Schultern und lässt sich Zeit.
Kein gutes Zeichen und das nicht, weil ich fürchten würde, dass ihr nicht mehr als Kunden ins Fleur kommt. Heute bist Du mir unsympathisch geworden, Ken.
„Bis zum nächsten Mal“, verabschiedet er sich betont lässig. Ein joviales Lächeln im Gesicht. „Ciao“, entgegnet Annette knapp. „Die waren heute aber auch ein bisschen aufgekratzt“, kommentiert Brigitte den Abgang von Ken und Mel. „Ich glaube auch, dass es da nicht nur um den Klimawandel ging.“, bringt Annette ihre Gedanken zum Ausdruck, die ihr gerade durch den Kopf gegangen sind. „Der Typ ist aber auch ein richtiger Unsympath.“ Unnachahmlich direkt bringt es Brigitte auf den Punkt.
Gegen 10:00 Uhr kommt Barbara Winter, die Pächterin des Fleur, im Prinzip Annettes Chefin. Sie bereitet die Mittagsangebote vor. Täglich gibt es ein Nudelgericht, ein Fleischgericht und etwas Vegetarisches. 45 bis 50 Gerichte verkaufen sie an den Werktagen. Auch da kommt zum größten Teil Stammkundschaft, oder ein paar Touristen finden den Weg ins Fleur. Unter der Woche meist Rentner, die Limburg durch den ICE-Halt gut erreichen können. Barbara und Annette verstehen sich gut. Barbaras Mann Peter ist beruflich viel unterwegs. Er verdient als Vetriebsingenieur nicht schlecht, aber er bezahlt das mit Abwesenheit von zuhause. Barbara hat zwei Söhne. Sören ist 13, schwieriges Alter, und Yannick ist 9. Lisa und er kommen ganz gut miteinander aus, so dass sich auch die Mütter ab und an mal privat treffen. Sören verbringt viel Zeit am Computer, wenn man Barbara reden hört, zu viel. Für Yannick hat sie einen Hortplatz. So kann sie in Stoßzeiten auch mal länger bleiben. Die jeweilige Servicekraft, heute also Brigitte, hilft mit der Zubereitung der Speisen, wenn am Tresen nicht so viel los ist. In der Zeit ist Annette im Café dann allein.
Heute stehen Penne arrabbiata mit Salat, Schweinemedaillons mit Bratkartoffeln und Salat oder Grünkernbratlinge mit Kartoffeln und Salat auf dem Speiseplan. Barbara fragt Annette, was sie essen möchte. Für sie und Brigitte gibt es dann die etwas üppigere „Mitarbeiterportion“. „Mach mir doch einen Grünkernbratling mit“, sagt Annette. „Bist Du jetzt unter die Vegetarier gegangen?“, fragt Brigitte lachend. Annette überlegt kurz und erinnert sich an Mel und Ken. Möglicherweise hat sie die Klimawandeldiskussion unterschwellig beeinflusst. „Es schmeckt mir einfach“, lässt sie Brigitte wissen. Sie weiß, dass weder sie noch Barbara sich sonderlich für die Diskussion interessieren. Peter fährt ohnehin einen hochmotorisierten Kombi, um schnell bei den Kunden zu sein. Natürlich ein Firmenwagen. Brigitte ist eine einfache Frau, Mitte 50. Sie hat das Herz am rechten Fleck, ist hilfsbereit, wirkt vielleicht manchmal etwas spröde, aber man kommt bei der Arbeit gut mit ihr aus. Aber Politik? „Geh fort“, hört Annette sie in ihren Gedanken sagen und lächelt. Aber wenn sie ehrlich ist, hat sie selbst sich auch noch nicht wirklich viele Gedanken gemacht. Sie bekommt wohl die Diskussionen mit, aber richtig nah ist das noch nicht an sie rangekommen.
Vielleicht sollte ich mich mal etwas mehr damit befassen. Ob sich Tabea schon intensiver damit auseinandergesetzt hat? Ich sollte sie mal darauf ansprechen. Im Haustechnikstudium sollte sie doch eigentlich von erneuerbaren Energien gehört haben. Solarenergie oder Geothermie. Ja klar, das Windrad hat sie ja auch mit Lisa gebastelt. Schließlich ist es ja vor allem Lisas Zukunft, die durch die Folgen betroffen wäre. Schon wegen der Kleinen sollte ich mich mal intensiver damit befassen.
Während Barbara in der Küche beschäftigt ist, füllt sich das Fleur langsam. Touristen, Tagesgäste, einzelne Schüler oder Studierende. Noch sind es Cappuccino, Latte, Crema oder Tees, die zu servieren sind. Hier und da ein Snack. Verspätetes Frühstück oder kleiner Hunger zwischendurch. Alles in Allem Routine für Brigitte und Annette.
