Tage mit dir - Dörte Leuchtmann - E-Book

Tage mit dir E-Book

Dörte Leuchtmann

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Beschreibung

Mia erlebt den Albtraum vieler Menschen: Sie wird von einem Mann aus ihrem Tanzunterricht tätlich angegriffen und gestalkt. Daher kommt für sie der Urlaub bei ihrer besten Freundin Charlotte in Schottland gerade zum richtigen Zeitpunkt. Dort kann Mia lachen, tanzen und versuchen das Erlebte zu verdrängen. Aber egal wie sehr sie sich bemüht, alles hinter sich zu lassen, ab und zu holt sie das Chaos ein. Dies lässt sie genauso aus dem Takt geraten wie warmherzige graugrünen Augen. Ein Buch über die Folgen von physischer und emotionaler Gewalt und das jeder seinen eigenen Weg finden kann. Dies ist das nachfolgende Buch von "Tage nach dir: Charlotte" Beide Bücher können als Reihe oder getrennt voneinander gelesen werden.

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Seitenzahl: 391

Veröffentlichungsjahr: 2021

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„Lerne, dir selber zu vertrauen,

denn dann wirst du wissen,

wer es gut mit dir meint!

Lasse dich nicht von Äußerlichkeiten blenden,

sondern schaue tief in die Seele eines Menschen.

Erst dort tun sich Abgründe auf.“

Dörte Leuchtmann

Tage mit dir

Mia

Inhaltsverzeichnis

Triggerwarnung

Schottland

Prolog

Teil 1

Playlist

Kapitel 1

2. August 2019

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

16. August 2019

Kapitel 8

Kapitel 9

20. August 2019

Teil 2

Playlist

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

23. August 2019

Kapitel 13

25. August 2019

26. August 2019

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

4. September 2019

Kapitel 18

Kapitel 19

10. September 2019

Teil 3

Playlist

Kapitel 20

11. September 2019

14. September 2019

Kapitel 21

18. September 2019

Kapitel 22

Kapitel 23

28. September 2019

Kapitel 24

29. Oktober 2019

Kapitel 25

Kapitel 26

Epilog

Bereits erschienen

Triggerwarnung

In diesem Buch werden physische und emotionale Gewalt und Stalking thematisiert, sowie deren Folgen. Auch werden einzelne Szenen eine deutliche Darstellung der genannten Themen beinhalten.

Solltest du Unterstützung benötigen, können die folgenden telefonischen Beratungsstellen eine erste Anlaufstelle sein.

Hilfetelefon “Gewalt gegen Frauen”

0800 116 016

Opfertelefon vom “Weißen Ring”

116 006

Telefonseelsorge

0800/111 0 111 oder 0800/111 0 222

Hilfeportal und Hilfetelefon Sexueller Missbrauch

0800 22 55 530

Alle Angaben ohne Gewähr

Schottland

Prolog

Seit Wochen zähle ich die Tage, bis ich meine beste Freundin wiedersehe und ihr um den Hals fallen kann.

Ich vermisse sie.

Als sie mir vor knapp fünf Monaten ihre Pläne mitgeteilt hatte, dachte ich, dass sie nun vollkommen verrückt geworden wäre. Doch ich kann Charlotte auch verstehen. Der Suizid ihres besten Freundes und ihres Partners Tobias hatte sie Anfang des Jahres in ein tiefes Loch fallen lassen. Hier in Geesthacht warten an jeder Ecke alte Erinnerungen auf sie. Für Charlotte gab es nur die Flucht nach vorn – in diesem Fall war es Inverness, Schottland.

Das Land, in dem alle vier Jahreszeiten an einem Tag durchlebt werden können, das ein Einhorn auf seinem Wappen und mehr flauschige Kühe auf den Weiden stehen hat, als es Einwohner gibt.

Schweren Herzens ließ ich meine Freundin ziehen, weil ich wusste, dass dies die einzige Möglichkeit eines Neuanfangs für sie war.

Und das war ihr gelungen.

Charlotte arbeitet in einem kleinen Kindergarten, hat ein schnuckeliges Apartment und sogar jemanden Neues kennengelernt. Letzteres war definitiv nicht geplant gewesen, doch ich freue mich, dass sie nun nicht alleine ist.

Nicht nur meine beste Freundin hatte dieses Jahr Deutschland den Rücken gekehrt, sondern auch meine Eltern.

Mit einem umgebauten Camper waren sie zu einem Roadtrip rund um die Welt aufgebrochen. Seit ich denken kann, hatten sie davon erzählt, im Alter auf Entdeckungstour zu gehen. Jetzt lassen sie es Wirklichkeit werden. Ich zog dadurch aus meiner Wohnung zurück in mein Elternhaus. Eine Vermietung an Fremde wollten Mama und Papa nicht, denn so können sie nicht mal eben spontan nach Hause kommen und eine Pause machen. Leerstehen sollte es auch nicht. Also war es das Naheliegendste, dass ich wieder in mein Kinderzimmer einziehe.

Für mich bleibt es beim Alltag. Eine freundliche Routine, die mir das Gefühl von Beständigkeit gibt. Tagsüber arbeite ich in einem Versicherungsbüro und abends tanze ich. Was sich anhört wie die Kurzbeschreibung eines neuen Hollywoodfilms, ist in Wirklichkeit nicht allzu glamourös.

Vor einigen Monaten habe ich einen neuen Tanz- und Unterrichtspartner von dem Tanzstudio zugewiesen bekommen, da mein bisheriger aufhören musste. Doch sind Finn und ich – ich drücke es mal vorsichtig aus – nicht besonders harmonisch. Während er technisch perfekt ist, klappt es zwischenmenschlich kaum. Er wirkt kalt und emotionslos, was mir jedes Mal ein wenig Bauchschmerzen bereitet, wenn wir gemeinsam Tanzen. Und Tanz lebt von Gefühlen, Leidenschaft und Verbundenheit. All das kann ich bei ihm nicht fühlen.

Mehrfach die Woche gebe ich abends mit Finn Unterricht in Standardtänzen. Doch der Funke will einfach nicht überspringen, egal wie sehr ich mich auch bemühe. Ich könnte das alles gut ertragen, wenn Tanzen nicht mein Leben und ich glücklich in meinem Hauptjob wäre. Doch die Schreibtischtätigkeit dient lediglich dazu, dass ich genug Geld verdiene, um mir irgendwann meinen Traum vom eigenen Tanzstudio zu erfüllen, ohne jahrzehntelang bei der Bank einen Kredit abzustottern. Dieser Traum ist noch in weiter Ferne und erfüllt sich nur, wenn ich eine Bank überfallen oder im Lotto gewinnen würde und beides wäre höchst unwahrscheinlich.

Ich schaue auf meine Uhr.

In einer Stunde ist der heutige Discofox-Kurs vorbei und ich sehne mich nach einer Dusche. Die Sonne hat das Studio unterm Dach aufgeheizt, was meinen Tanzpartner nicht davon abhält, die Schüler und mich über das Parkett zu scheuchen.

Ich gebe gerne Unterricht, mag die Begeisterung der Teilnehmer und schaue ihnen gerne bei ihren Fortschritten zu. Aber mit Finn, der die Wärme eines arktischen Winters mit sich bringt, ist diese Freude eingefroren.

Während er mit einer der teilnehmenden Frauen tanzt, leite ich einen jungen Mann an, der ungefähr in meinem Alter, etwa Ende zwanzig, sein muss. Er hat schwarze Haare, die er in Form gegelt hat, sein Gesicht ist markant, die blauen Augen schauen auf meine Füße, verfolgen jeden einzelnen Schritt. Der Griff um meine Hüfte ist fest und auch meine Hand hält er eng umfasst.

Tom ist seit einigen Tanzstunden im Kurs. Er flirtet gerne und versuchte, mich bereits nach der ersten Einheit zu einem Kaffee einzuladen. Auch wenn er auf den ersten Blick ganz nett ist, ermahnt mich mein Bauchgefühl bei ihm zur Vorsicht. Ein schneller Discofox ertönt aus dem Lautsprecher. Tom übernimmt automatisch die Führung. Sie ist mehr schlecht als recht, doch er lässt sie sich nicht abnehmen. Mein Blick fällt auf die Wanduhr – noch eine halbe Stunde.

Teil 1

Während die eisblauen Augen in meine starren

und sich der Griff verfestigt,

bleibt mir die Luft weg.

Dieser Moment brennt sich

in meine Gedanken,

Gefühle und

meinen Körper

ein.

Playlist

Dancing In The Dark

Keith MacInally Original: Bruce Springsteen

The Sound of Silence

Pentatonix Original: Simon & Garfunkel

Bad Timing

Rachel Grae

Every Breath Your Take

Music Travel Love Original: The Police

Fire Within

Royal Bliss

Wild Mountain Thyme

Jamie Dornan Emily Blunt

Wenn mir die Worte fehlen

Wincent Weiss

Some Nights

The Choir of Man Original: Fun

1

2. August 2019

„Kannst du mich hören?“

Aus weiter Ferne dringt eine nicht gänzlich fremde Stimme in mein Bewusstsein.

„Macht mal ein bisschen Platz“, brummt eine tiefe, sonore Männerstimme.

Langsam öffne ich die Augen und sehe direkt in eine kleine Lampe, die mir ins Gesicht leuchtet. Unwillig wedle ich mit der Hand, um die lästige Helligkeit loszuwerden. Die Umrisse vor mir sind verschwommen, so als würde ich durch ein schlecht eingestelltes Kameraobjektiv schauen. Mühsam fixiere ich einen Punkt an der Decke.

Moment!

Was mache ich hier auf dem Boden?

Ich habe doch eben noch getanzt!?

Vorsichtig versuche ich, mich aufzusetzen, werde aber von einer Hand auf meinem Brustkorb zurückgehalten.

„Warte noch einen Moment.“

Es ist wieder die Männerstimme, die spricht.

Ich will aber aufstehen und nicht wie ein Maikäfer auf dem Rücken liegen, während sich jemand über mich beugt. Der Druck auf meiner Brust verstärkt sich, sodass ich meinen Aufstehversuch seufzend aufgebe.

„Keine Sorge, ich mache das beruflich“, erklärt die Stimme, die ich langsam Tom zuordne, meinem Tanzpartner mit dem herausfordernden Führungsstil aus der heutigen Stunde.

Mir ist es egal, was er wann oder wie tut. Viel mehr interessiert mich, was passiert ist. Statt mir meine unausgesprochene Frage zu beantworten, leuchtet er mir schon wieder in die Augen.

Die Helligkeit löst rasende Schmerzen aus. Ein Pochen an der Hinterseite meines Kopfes lässt mich stöhnen. Automatisch kneife ich meine Augen zusammen. Die Dunkelheit ist angenehm, der Schmerz verflüchtigt sich sofort.

„He, nicht wieder ohnmächtig werden“, höre ich ihn aus einiger Entfernung lauter sagen. Gleich darauf weist er Finn an, mir etwas zu trinken und ein Kühlkissen zu holen. Schritte entfernen sich, nur um kurz darauf wieder näher zu kommen.

„Nicht erschrecken, es wird ein wenig kalt an deinem Hinterkopf. Du hast dir den ordentlich angehauen.“

Ich merke, wie eine warme Hand meinen Kopf vorsichtig anhebt und dann etwas Kühles die klopfende Stelle berührt. Leise stöhne ich auf. Die Position ist unangenehm, die Kälte lässt die Kopfschmerzen nur stärker werden. Unwirsch schiebe ich das Gelkissen zur Seite.

„Meinst du nicht, dass es besser wäre, einen Rettungswagen zu rufen?“

Finn richtet die Frage an meinen Helfer, der sich erneut über mich beugt.

„Nein, das ist nicht nötig. Ich weiß, was ich tue.“

Der Tonfall ist bestimmt und lässt keinen Raum für einen Widerspruch. Finn schnaubt ungehalten. Ich muss mich endlich aufrichten und setze meinen Gedanken auch gleich in die Tat um.

„Langsam, langsam“, bremst mich Tom.

„Jaja ist schon gut“, murre ich.

Vorsichtig setze ich mich auf, stütze mich mit meiner Hand. Mein Oberkörper fühlt sich schwerfällig an. Mein Kopf brummt bei der Positionsveränderung sofort stärker und lässt mich schwindelig werden. Ich brauche eine Stütze im Rücken. Zum Glück ist die Wand nicht weit, sodass ich das kleine Stück nach hinten rutsche und mich anlehne.

Besser!

Meine Augen lasse ich weiterhin geschlossen, denn das helle Deckenlicht blendet und brennt in ihnen.

„Kannst du mich mal anschauen?“, fordert Tom.

Hm, wenn es denn sein muss.

Wie in Zeitlupen bewegen sich meine Lider nach oben und ich schaue in leuchtend blauen Augen.

„Okay, siehst du klar?“

Nicht wirklich, aber ich nicke. Er soll bloß nicht wieder mit seiner Lampe einen auf Fernseharzt à la Grey`s Anatomy machen.

„Kannst du deinen Kopf drehen?“

Vorsichtig bewege ich ihn nach links und rechts, danach nicke ich erneut. Dieses Mal entspricht es der Wahrheit.

„Super! Hast du Kopfschmerzen oder ist dir schwindelig?“

„Es pocht am Hinterkopf. Schwindelig ist mir weniger. Aber mal schauen, was passiert, wenn ich gleich aufstehe.“

„Du bleibst erst mal hier sitzen. Weißt du noch, was passiert ist?“

Sicher!

Die Umgebung ist mir so vertraut wie mein Wohnzimmer. Es ist Freitagabend, 2. August 2019, - Anfängerabend im Standardtanz. Ich bin in der Tanzschule.

„Wir haben getanzt. Du hast mich gedreht und beim erneuten Eindrehen bin ich über Füße gestolpert.“

Eine Hand streckt sich mir ins Sichtfeld, so als wolle er mir diese zur Begrüßung reichen oder sich zu Wort melden.

„Ja, das waren meine.“

Zerknirscht schaut Tom mich an. Seine Mimik zeigt, dass es ihm leidtut. Die schönen blauen Augen hingegen bleiben unergründlich, liegen kühl auf mir.

„Möchtest du einen Schluck trinken?“

Er hält mir ein Glas mit Wasser hin. Zielsicher greife ich danach, leere es in einem Zug.

„Sehr gut. Scheint, als würde es dir besser gehen. Aber du solltest dich heute ausruhen.“

Ich schüttle mit dem Kopf.

„Nein, das geht nicht. Der Kurs ist noch nicht zu Ende“, wende ich ein.

„Da hast du aber so was von recht. Glaub ja nicht, dass ich die Arbeit für zwei übernehme“, mault Finn, der sich mit den Fingern genervt durchs dunkelblonde Haar fährt, bevor sich seine Arme vor dem Brustkorb verschränken.

„Mit der Beule am Kopf kann sie aber nicht tanzen“, erwidert Tom bestimmend, fast unnachgiebig.

„Ich schaff das schon“, mische ich mich ein, während ein kurzes Schwindelgefühl mich überkommt.

Drehungen sind vielleicht jetzt nicht mehr angesagt, aber ich entscheide selber, ob ich noch tanzen kann oder nicht.

„Nein, entweder du lässt dich von jemandem abholen oder der Rettungsdienst tut es.“

Erschrocken schaue ich Tom an. Diese Aussage gibt dem Ganzen eine neue Wende.

Nein, Krankenhaus kommt nicht infrage! Das letzte Mal habe ich eins betreten, als Tobias gestorben war. Ich saß mit Charlotte an seinem Bett. Dem Geruch von abgestandem Desinfektionsmittel mit einer dezenten Urinnote will ich nicht wieder ausgesetzt sein. Zumindest nicht, wenn es nicht unbedingt notwendig wäre.

„Gut, dann fahre ich nach Hause – abholen kann mich keiner“, gebe ich klein bei und kann sehen, dass Finn von Sekunde zu Sekunde missmutiger wird.

„Du fährst bestimmt nicht selber“, widerspricht Tom mir. „Du kannst ja noch nicht mal sitzen, ohne dass du dich anlehnen musst.“

„Mach dir keine Sorgen, ich bekomm das hin.“

„Boah, ich diskutiere doch jetzt nicht mit dir. Wenn du unbedingt deine Sturheit ausleben musst, dann mach das an einem anderen Tag.“

Seine tonangebende Art macht mich wahnsinnig. Ein entnervtes Seufzen kommt über meine Lippen.

Wollen mich heute alle in den Wahnsinn treiben?

„Ich bin nicht stur. Ich mag nur nicht auf Unterstützung angewiesen sein.“

„Das ist jetzt eine Ausnahme. Entweder du lässt dir helfen oder ich rufe einen Rettungswagen und du verbringst die nächsten Tage im Krankenhaus.“

Nein! Das geht nun wirklich nicht.

„Also gut, dann hilf mir auf“, gebe ich klein bei und schaue zu Tom hoch.

Er sieht so aus, als könnte er mich mühelos hochheben und aus dem Raum tragen.

Finn steht in einigen Metern entfernt, unterhält sich mit unseren Schülern. Ich kann hören, wie er ihnen versichert, dass die Stunde selbstverständlich weiter stattfindet, er die verlorene Zeit hinten dranhängen wird. Eben noch nörgeln, dass er nicht für zwei arbeiten will und jetzt auf einmal so zuvorkommend, weil ihm eine der Teilnehmerinnen schöne Augen gemacht hat. Was für ein Schleimbeutel.

Mein „Retter in der Not“ beugt sich zu mir runter, greift unter meine Arme und hebt mich langsam auf die Füße. Sofort fängt alles an sich zu drehen. Unbewusst lehne ich mich an ihn. Ich versuche, langsam und ruhig gegen den Schwindel anzuatmen. Mit den Händen halte ich mich an seinen Unterarmen fest, spüre dabei, wie seine Muskeln sich anspannen.

„Wenn wir hier so eng beieinanderstehen, dann kommen die anderen vielleicht noch auf komische Gedanken“, lacht er mir leise ins Ohr.

Mein Kopf lehnt an seiner Brust und ich kann die Vibration seiner dunklen Stimme in seinem Brustkorb spüren. Vorsichtig mache ich einen Schritt zurück. Seine Hände legen sich stützend an meine Taille, so als wolle er verhindern, dass ich umkippe. Er schaut mich mit einer Mischung aus Freundlichkeit und Besorgnis an. Die vollen blassroten Lippen verziehen sich nun zu einem Lächeln, sodass kleine Grübchen auf den Wangen und am Kinn entstehen.

Er ist die Art von Mann, bei der viele Frauen weiche Knie bekommen und auch ich merke ein leichtes Flattern in der Magengrube. Das müssen eindeutig Nebenwirkungen vom Sturz sein. Ich gehöre nicht zu denen, die bei einem Mann mit Sixpack und strahlenden Augen dahinschmelzen, wie Schokolade im Sommer.

Tom tritt einen Schritt zurück, betrachtet mich.

„Dann werde ich dich mal nach Hause bringen“, entscheidet er und stellt mich so endgültig vor vollendete Tatsachen.

So was kann ich überhaupt nicht gut leiden. Ich bin schließlich kein willenloses Püppchen. Doch ich versuche, seinen dominanten Tonfall zu überhören, bevor ich ihn bitte, noch einen Moment zu warten, damit ich mich von Finn verabschieden kann.

„Leg du nur die Füße hoch und lass den Mann mal arbeiten“, höre ich ihn von der Seite gönnerhaft sprechen.

Wenn sich nicht immer wieder alles um mich herumdrehen würde, dann gäbe es auf diesen dämlichen Machospruch die passende Antwort. Aber Finn bestätigt mir einmal mehr mein Gefühl, dass wir weder tänzerisch noch menschlich zusammenpassen. Doch ich kann jetzt nicht auch noch das zwischen uns klären.

Später!

Kurz überlege ich, ob ich Tom irgendwie davon überzeugen kann, dass ich es auch alleine nach Hause schaffe. Doch da überkommt mich eine mittelgroße Schwindelattacke und ich greife nach seinem Arm, halte mich daran fest. Toms Augen ruhen die ganze Zeit auf mir. Ihm entgeht nicht eine Regung.

„Finn, du hast doch seine Daten?“, rufe ich meinem Tanzpartner hinterher, der sich bereits wieder den anderen Kursteilnehmern zuwendet.

Mit fragendem Gesichtsausdruck dreht er sich zu mir um, zuckt dann mit den Schultern und deutet auf die Sammelmappe mit den Anmeldebögen für den Kurs.

Tom lacht laut auf.

„Keine Sorge, ich vergrabe dich nicht im nächsten Wald“, meint er grinsend.

„Das sagten die meisten Mörder bestimmt auch zu ihren Opfern, bevor sie mitten in der Nacht mit einem Klappspaten und einer Leiche im Kofferraum unterwegs waren“, entgegne ich schnippisch.

Meine spitze Bemerkung übergeht er.

„Oder soll ich dich lieber tragen?“, fragte er mich nun.

Seine Mundwinkel zucken belustigt. Ihm scheint es sichtlich Spaß zu machen, den vermeintlichen Helden zu spielen.

„Danke, ich schaffe das alleine“, erwidere ich zähneknirschend.

Ich bin kein hilfloses Mäuschen, was auf die starken Arme eines Mannes angewiesen ist.

„Wie du meinst“, abwehrend hebt er den Arm, lässt mich los, was meine Balance sofort verschwinden lässt.

Immerhin hat er den Anstand, dies unkommentiert zu lassen, bevor er seinen Arm um mich legt und mir erneut Halt gibt.

„Mein Auto steht nicht weit entfernt.“

„Ist es möglich, mein Rad mitzunehmen?“, frage ich ihn und deute auf meinen angeschlossenen Drahtesel, der vor dem Tanzstudio steht.

„Sag jetzt nicht, dass du wirklich vorgehabt hast mit dem Rad nach Hause zu fahren?“

Ungläubig schaut er mich an.

„Ach, das wäre mit ausreichend Pausen schon irgendwie gegangen. Außerdem geht es mir schon besser.“

Und das entspricht der Wahrheit. Die frische Luft hat meine Kopfschmerzen eingedämmt. Ein laues Lüftchen weht mir um die Nasenspitze. Zum Beweis, für meinen veränderten Zustand drehe ich mich einmal um die eigene Achse.

Doch das ist ein Fehler.

Sofort gerate ich ins Stolpern.

Ein Arm greift um mich und verhindert einen erneuten Sturz. Obwohl ich wieder sicher stehe, dreht sich alles um mich herum, so als würde ich in einem Kettenkarussell sitzen.

„Du musst wohl immer das letzte Wort haben. Das werde ich dir aber noch austreiben. Und jetzt hakst du dich gefälligst bei mir unter.“

Tom knurrt mehr, als dass er spricht. Kleinlaut nehme ich seinen Arm, gehe neben ihm her, während er auf der anderen Seite mein Rad schiebt. Seine breite Statur überragt mich um fast dreißig Zentimeter, sodass ich mich wirklich klein und zierlich fühle. Obwohl ich mit meiner Körpergröße und meinem Gewicht weder das eine noch das andere bin.

Erleichterung macht sich in mir breit, als er vor einem schwarzen SUV stehen bleibt, denn mir zittern die Beine. Das Auto ist höher gelegen, geländetauglich und meiner Meinung nach ein wenig protzig. Eben ein Lifestyle-Auto. Tom öffnet mir die Beifahrertür und macht Anstalten mir hineinzuhelfen, in dem er mir unterstützend an die Hüfte greift. Meine Hilflosigkeit ist mir unangenehm. Aber ohne ihn hätte ich den Tritt nach oben wohl nicht geschafft.

„Okay, dann wollen wir mal“, sagt er und schlägt die Tür mit Schwung zu.

Danach legt er mein Fahrrad in den Kofferraum.

Ich lotse ihn bis zu meinem Elternhaus, das am ruhigen Stadtrand von Geesthacht liegt. Er fährt zügig, aber gleichzeitig vorsichtig. Mir ist zwischendurch immer wieder schwindelig und die Kopfschmerzen nehmen rasant zu. Ich möchte nur noch auf meine Couch. Sie verspricht Ruhe und hoffentlich auch ein bisschen Schlaf. Dann würde sich die Welt bestimmt wieder aufhören zu drehen. Zwar sehne ich mich auch nach meiner Dusche, aber ich will es mal nicht direkt übertreiben.

„Danke fürs Bringen. Den Rest schaffe ich nun alleine“, sage ich, als das Auto vorm Haus zum Stehen kommt.

Das meine ich auch so. Mit dem Fahrrad hätte ich es nie bis nach Hause geschafft. Tom steigt aus, geht zur Beifahrertür und öffnet sie für mich. Meine Knie fühlen sich plötzlich wackelig an, als ich meine Füße auf die abgeflachte Bordsteinkante stelle.

„Du siehst nicht so aus, als würdest du es alleine schaffen“, stellt er mit skeptischem Blick fest.

„Doch, es geht schon“, erwidere ich mit Nachdruck.

Schwankend, als hätte ich den Abend in einer Bar verbracht, gehe ich auf die Haustür zu. Tom lädt mein Rad aus, lehnt es dann an die Garagenmauer. Mit zitternden Händen schließe ich die Tür auf.

Verdammt! Was ist bloß los mit mir?

„Also. Danke noch mal“, verabschiede ich mich und trete über die Schwelle.

Ehe ich mich umdrehen kann, um die Tür hinter mir zu schließen, hat sich Tom bereits an mir vorbei in den Flur geschoben.

„Ähm, was wird das, wenn es fertig ist?“, frage ich skeptisch.

„Glaubst du etwa, dass ich dich jetzt alleine lasse?“

Er verschränkt seine Arme vor der Brust, was ihn noch ein wenig muskulöser wirken lässt.

„Ehrlich gesagt: Ja! Ich möchte mich hinlegen und einfach nichts hören oder sehen.“

Mein Ton ist gereizt, weil es mir nicht gefällt, wie er mir den Durchgang zu meinen vier Wänden verwehrt und sich ohne meine Erlaubnis Zutritt verschafft hat.

„Mia, verdammt nochmal. Du kannst entweder mit meiner Gesellschaft vorliebnehmen oder ins Krankenhaus zur Überwachung gehen. Mit einer Gehirnerschütterung ist nicht zu Spaßen.“

„Das ist Erpressung“, murre ich.

„Das ist der Deal: Take it or leave it.“

„Von mir aus! Aber nur zehn Minuten. Ich möchte wirklich schlafen“, räume ich unwillig ein.

Vielleicht werde ich ihn ja los, wenn ich ihm glaubhaft weismachen kann, dass wirklich alles in Ordnung ist.

Ohne ein weiteres Wort drängt Tom sich an mir vorbei in den kleinen Flur, schlüpft aus den Schuhen und geht direkt ins lichtdurchflutete Wohnzimmer. Es fühlt sich nicht gut an, dass er einfach da ist. Ich gehe hinterher, sage aber nichts, sondern lasse mich erschöpft auf das Sofa fallen. Trotz der warmen Temperaturen fange ich an zu frieren. Meine Fingerspitzen greifen nach der grauen Kuscheldecke, die über der Lehne hängt.

„Ist dir kalt?“, fragt Tom fürsorglich.

„Ein bisschen.“

„Das ist ganz normal. Du hast dir ziemlich doll den Kopf gestoßen. Tanzen oder Arbeiten solltest du für den Rest der Woche lieber sein lassen.“

Er kommt zu mir und stopft die Decke um mich herum fest.

„Ich mache dir einen Tee und wenn du möchtest, dann bring ich dir auch etwas zu essen.“

„Mach dir keine Umstände.“

Er soll endlich gehen!

„Kein Problem. Mach ich doch gerne für so eine hübsche Frau.“

Flirtet er schon wieder mit mir?

Ich schaue ihm nach, wie er in die Küche geht.

Von meinem Platz aus kann ich jeden Einzelnen seiner Schritte verfolgen und ihn mit Hinweisen, wo er die Teebeutel findet, bei seinem Tun unterstützen. Das Teewasser kocht nach kurzer Zeit in meinem roten Wasserkocher. Rhythmisch brodelt es vor sich hin.

„Hast du keinen losen Tee?“, fragt er, als er in den verschiedenen Teebeuteln kramt.

„Nein, mir reichen die.“

„Na, das werden wir dann mal ändern“, sagt er beiläufig, „welchen Tee möchtest du denn?“

„Irgendwas mit Frü …“

Er unterbricht mich mittendrin.

„Ach ich sehe schon, hier ist Kamille. Der beruhigt die Nerven.“

Bah, Kamillentee. Der kann nur aus den Vorräten meiner Mutter stammen.

„Ne, lass mal. Mir reicht Früchtetee“, sage ich genervt.

Ich höre, wie das heiße Wasser aus dem Wasserkocher in einer Tasse landet.

„Jetzt habe ich ihn schon aufgegossen. Und du willst doch sicherlich keine Lebensmittel verschwenden.“

Nein, natürlich nicht. Aber Kamillentee wird nur besser, wenn man ihn im Ausguss runterspült und durch meinen Lieblingsfrüchtetee mit Himbeeren ersetzt. Allein der Geruch lässt mich krank werden. Tom stellt den Becher mit dampfendem Tee auf dem Couchtisch ab.

Dieses Gebräu werde ich niemals nie trinken.

Ich würge geräuschlos bei dem Gedanken daran, dass ich ihn doch herunterbekommen muss.

„Ich bin dir wirklich dankbar für deine Hilfe und das nach Hause fahren“, sage ich, „aber du musst jetzt gehen.“

„Wenn du schlafen möchtest, ist es kein Problem. Ich kann still daneben sitzen. Falls es dir nicht gut geht, bin ich sofort da.“

Sein Vorschlag ist für mich eine Mischung aus gruselig und fürsorglich.

Fürsorglich, weil er sich wirklich Sorgen zu machen scheint und gruselig, weil ein Fremder mir beim Schlafen zuschauen möchte.

„Nein, das ist wirklich nicht nötig“, sage ich mit Nachdruck.

„Und was ist, wenn dir schlecht oder schwindelig wird? Zwölf Stunden nach einer Gehirnerschütterung sollte jemand da sein, der zur Not einen Rettungswagen rufen kann oder sich mit der Symptomatik auskennt. Wenn keiner da ist und du plötzlich bewusstlos wirst, dann liegst du hier oder stürzt vielleicht noch die Treppe herunter.“

Er deutet auf die Holztreppe, die vom Wohnzimmer nach oben in die erste Etage führt.

„Woher weißt du das alles?“

„Ich arbeite bei der Feuerwehr. Eine Sanitäterausbildung ist bei uns auf der Wache Pflicht.“

„Aber irgendwann werde ich ins Bett gehen“, wende ich ein.

„Das ist kein Problem. Wir sind beide erwachsen und für mich ist es kein Ding, neben dir zu schlafen. So bin ich gleich da, wenn es dir schlechter geht.“

Schockiert schaue ich ihn an.

Er will neben mir schlafen?

In einem Bett?

Ich kenne ihn kaum!

Nein, falsch.

Ich kenne ihn gar nicht!

„Reicht es nicht aus, wenn du auf dem Sofa bleibst und ich dich rufe, wenn etwas ist?“

Mir ist nicht wohl bei dem Gedanken, neben einem fremden Mann zu schlafen.

„Natürlich, es ist deine Gesundheit und dein Leben.“

Tom zuckt mit den Schultern und wirkt dabei beleidigt. Ich atme einmal tief durch, setze mich aufrechter hin als vorher, um ihm etwas besser in die Augen zu sehen. Freundlich liegt sein Blick auf mir. Nachdenklich betrachte ich ihn, will meinem Bauchgefühl vermitteln, dass er keine Hintergedanken hegt. Ein klein wenig beruhigt sich das aufgekommene warnende Kribbeln.

Ich nicke.

„Okay, aber du wirst auf der einen und ich auf der anderen Seite schlafen“, stelle ich klar.

Toms Mundwinkel verziehen sich zu einem milden Lächeln.

„So, wie du es brauchst“, sagt er und lehnt sich ein Stück zu mir hinüber.

Dabei streicht sein Atem meine Wange.

Ich rieche etwas, dass ich nicht einordnen kann. Es ist eine Mischung aus Kaugummi, Minze und noch etwas. Doch ich habe keine Zeit, um darüber nachzudenken. Auffordernd hält er mir die Teetasse unter die Nase. Der Kamillenduft lässt mich schwer Schlucken. Eben noch dagewesene Gedanken werden von der Bemühung, sich nicht zu übergeben, abgelenkt.

„Und jetzt trink deinen Tee, solange er noch heiß ist.“

2

Es ist stockfinster.

Nur schemenhaft erkenne ich die Umrisse von meinem Schlafzimmer. Verschlafen reibe ich mir die Augen und drehe mich auf den Rücken. Erleichtert stelle ich fest, dass mir dabei nicht mehr schwindelig oder schlecht wird. Auch die Kopfschmerzen sind verschwunden. Ich schaue zur Decke. Dort hoffe ich, das Dachfenster zu sehen, durch das die Sterne des sommerlichen wolkenlosen Himmels zu erkennen sind. Aber die Jalousie ist zugezogen worden, so dass da nur noch Dunkelheit ist.

Neben mir höre ich gleichmäßige Atemgeräusche. Tom scheint tief und fest zu schlafen. Ich hätte es lieber gesehen, wenn er im Wohnzimmer geblieben wäre, aber er hat das konsequent abgelehnt. Denn die Holztreppe sei mit möglichen Schwindelattacken viel zu gefährlich, um sie alleine zu gehen. Also liegt er nun in dem breiten Bett direkt neben mir.

Wo ist nur mein Durchsetzungsvermögen geblieben?

Vorsichtig taste ich meinen Hinterkopf mit den Fingerspitzen ab. Ich ziehe scharf die Luft ein, als ich eine empfindliche Stelle berühre. Das wird eine ordentliche Beule geben. Die eingeatmete Luft lässt meinen Mund trocken werden. Ich greife neben das Bett und bekomme mit den Fingerspitzen die Wasserflasche zu fassen, die dort für genau diesen Fall steht. Leise schraube ich sie auf, setze die Öffnung an meine Lippen, aber statt dem ersehnten Durstlöscher, finden nur einzelne Tropfen ihren Weg in meinen Mund.

Leise seufze ich.

Da muss ich wohl runter in die Küche gehen, um meinen Durst zu stillen.

Kurz überlege ich, ob ich Tom wecken soll, damit er mich begleitet. Doch als ich meine Füße aus dem Bett strecke und mich auf die Kante setze, fühle ich keinen Schwindel oder irgendwas anderes, was mich dazu veranlassen könnte. Also entscheide ich mich, ihn weiter schnarchen zu lassen. Dann kann ich es mir auch gleich auf dem Sofa gemütlich machen.

Mir ist es nach wie vor unangenehm, dass er die Nacht so nah neben mir verbringt. Hätten wir einige Dates gehabt, dann wäre es etwas anderes oder wenn er mir sympathisch wäre. Aber so ist weder das eine noch das andere der Fall. Während ich auf der Bettkante sitze und nachdenke, schlingt Tom von hinten seinen Arm um mich und zieht mich mit einem Ruck zurück ins Bett. Kleine Sternchen leuchten mir bei dieser abrupten Bewegung vor den Augen auf.

„Ich bin gleich wieder da“, murmle ich und befreie mich aus der Umarmung.

„Nein, du bleibst schön hier.“

„Versprochen, ich bin gleich wieder da. Ich hole mir nur etwas zu trinken. Möchtest du auch etwas?“

Erneut legt er seinen Arm um meine Taille und verstärkt seinen Druck.

„An Wasser hättest du denken sollen, bevor du ins Bett gegangen bist“, grummelt er verschlafen.

„Beim nächsten Mal“, antworte ich ihm und stehe ungeachtet seines Griffs auf.

Langsam taste ich mich in Richtung Tür vor. Es ist so dunkel, dass ich noch nicht einmal die Ecke meines Bettes erkenne, sondern sie erst spüre, als ich mit meinem kleinen Zeh dagegenstoße.

Mit einem lauten Zischen unterdrücke ich eine Reihe an Flüchen. Der Schmerz währt nur kurz und es ist so schön, wenn aus dem plötzlichen Stechen ein sanftes Pochen wird. Leise humpelnd taste ich mich weiter voran, in der Hoffnung, schnell an die Tür zu gelangen, um dort den Lichtschalter für den Flur zu betätigen.

Plötzlich wird mein Körper aus der Bewegung gerissen und hart gegen die Wand neben der Tür gedrückt. Mein Kopf schlägt unsanft dagegen. Sofort breitet sich ein gleißender Schmerz von Kopf bis Fuß in mir aus. Ein Unterarm legt sich quer über meinen Brustkorb, presst mir dabei die Luft aus der Lunge.

Vor mir baut sich ein bedrohlicher Schatten auf, greift mit der anderen Hand schmerzhaft an meine Schulter. Finger bohren sich knapp unterhalb meines Schlüsselbeins in die nackte Haut, zwingen mich in die Knie. Aber ich falle nicht. Der vor mir angespannte Körper fixiert mich zusätzlich an der Wand.

Mein Herz klopft schneller, als ich anfange, zu realisieren, was da gerade passiert. Ich höre neben mir ein leises Klicken, werde vom hellen Licht der Deckenlampe geblendet. Blinzelnd versuche ich mich im Raum zu orientieren. Doch ich sehe nur blaue Augen, die eisig funkelnd auf mich herabblicken. Dieser Blick geht mir durch Mark und Bein. Er ist so kalt, so herrisch, so aggressiv, dass mir das Blut in den Adern gefriert.

„Lass mich los!“

Entrüstet bäume ich mich vor ihm auf.

Was fällt ihm ein?

„Du tickst doch nicht ganz richtig!“

Als Antwort löst er seine Finger von meinem Schlüsselbein. Der Schmerz an der Stelle lässt nach. Ich möchte gerade durchatmen, glaube, dass meine Worte etwas bewirkt haben, da spüre ich auch schon eine Hand an meinem Hals. Die Finger legen sich hart an meine Haut. Erschrocken schnappe ich nach Luft und traue mich nicht, wieder auszuatmen.

Bisher hat Tom noch kein Wort gesagt. Sein Gesicht ist wutverzerrt, sein Kiefer mahlt unaufhörlich und ich fange unter seinem kalten Blick zu zittern an. Ein nie da gewesenes Gefühl von Angst überkommt mich.

„Bitte! Bitte lass mich los!“, flehe ich ihn mit erstickter Stimme an.

Ich verstehe nicht, was los ist - was mit ihm nicht stimmt.

„Du fragst mich, ob ich noch richtig ticke? Was glaubst du eigentlich, wer du bist? Den ganzen Abend habe ich dich umsorgt, dich quasi auf Händen getragen und jetzt passt es dir auf einmal nicht, dass ich dir zeige, wo dein Platz ist.“

Entsetzt schaue ich ihn an.

Was passiert hier gerade?

Ich möchte schreien!

Aber mein Kopf ist vor Schreck wie leer gefegt und kein Ton verlässt meine Lippen.

„Ach, jetzt auf einmal so sprachlos. Ich habe dir gesagt, dass du liegen bleiben sollst! Wenn du etwas brauchst, dann weckst du mich. So war es vereinbart. Du musst besser auf mich hören. Dann hättest du dies hier vermeiden können!“

Ich kann seinen vom Schlafen säuerlichen Atem riechen, während sich seine körperliche Präsenz verstärkt und die Hand an meinem Hals beginnt kontinuierlichen Druck auszuüben. Ganz langsam nimmt er mir die Luft. Ich spüre jeden einzelnen Finger, wie er sich eng an meine Kehle drückt. Mir wird schummerig und meine Knie werden weich. Das Gefühl, jeden Augenblick bewusstlos zu werden, greift um mich. Zusammen mit der Angst, lässt sie Panik in mir aufkommen. Mein Brustkorb hebt und senkt sich viel zu schnell.

„Du tust mir weh“, wispere ich und hoffe, dass er von mir ablässt.

Doch es passiert nichts. Mein Blick gleitet zu Boden, meine Schultern fallen herab. Stück für Stück geben die Beine unter mir nach.

Bloß nicht ohnmächtig werden, schießt mir ein erster Gedanke durch den Kopf, wer weiß, was er dann noch tut …

„Schau mich gefälligst an!“, fordert er mich wütend auf.

Seine Hand verschwindet von meinem Hals, so schnell wie sie gekommen war. Befreit atme ich ein, lasse aber die Luft sofort wieder aus den Lungen strömen, als ich einen scharfen Schmerz an meiner Kopfhaut spüre. Tom hat in meine Haare gegriffen und zieht an ihnen. Ruckartig fährt mein Genick nach hinten und ich sehe direkt in sein Gesicht. Genauso schnell lässt er wieder los, schlägt mit der flachen Hand neben meinem Kopf an die Wand und legt sie blitzschnell wieder um meinen Hals.

Wenn mir vor wenigen Momenten noch eine mögliche Ohnmacht Angst machte, so sehne ich sie jetzt herbei. Ich traue mich kaum zu atmen. Wie versteinert stehe ich an der Wand, sein Gesicht ist nur wenige Millimeter von meinem weg. Das Schwindelgefühl setzt wieder ein. Ohne es zu merken, rutsche ich ein Stück an der Wand nach unten.

Toms Hand verschwindet von meinem Hals. Auch der Arm von meiner Brust verringert den Druck und ist plötzlich ganz weg. Stattdessen greift er mir unter die Arme und richtet mich auf.

„He, alles in Ordnung bei dir?“

Seine Stimme ist freundlich, fast besorgt. Eben noch Mister Hyde, jetzt wieder Doktor Jekyll.

Keine Ahnung, ob mir von der schnellen Bewegung schwindelig ist oder wegen seines abrupten Stimmungswandels.

Ich bleibe stumm.

„Sprich mit mir!“, fordert er und ich kann wieder die Kälte in seiner Stimme hören, die mich augenblicklich zusammenzucken lässt. Erneut möchte ich ihm gerne sagen, dass er mir Angst macht, mir wehtut, aber ich bekomme kein Wort heraus. Ich zittere am ganzen Körper, kann kaum noch stehen. Mein Hals brennt, gleichzeitig ist er trocken und schmerzt bei dem Versuch zu schlucken. Tränen treten mir in die Augen. Mühsam versuche ich sie wegzublinzeln.

„Möchtest du immer noch etwas trinken?“

Instinktiv schüttle ich vorsichtig den Kopf, weil ich ihn nicht reizen möchte. Und ich glaube, dass mein weiterhin bestehender Wunsch nach Wasser genau dies tun würde.

„Gut, dann haben wir uns ja verstanden. Also was tust du als Nächstes?“

Meine Überlegung dauert nicht lange.

„Ich gehe zurück ins Bett“, wispere ich tonlos.

Ein sanftes Lächeln umspielt Toms Lippen, lässt seine Gesichtszüge wieder weicher werden. Ganz langsam, so als würde er seine körperliche Überlegenheit weiter demonstrieren wollen, zieht er sich etwas von mir zurück.

„Braves Mädchen und jetzt husch zurück in die Federn.“

Sein Ton ist spielerisch, schon fast liebevoll. Dieser abrupte Wechsel zwischen Härte und Sanftheit lässt mich straucheln. Mehr stolpernd als gehend wanke ich zurück zu meiner Bettseite. In dem Moment, wo ich mich auf die Kante setze, schaltet Tom das Licht wieder aus. Mein Atem gerät erneut ins Stocken, als ich merke, wie die Matratze sich hinter mir neigt.

„Komm schon, leg dich wieder hin.“

Ich zögere und wäge meine Chancen ab.

Wenn ich jetzt aufspringe, würde ich es dann vielleicht in den Garten schaffen? Dort könnte ich laut um Hilfe rufen. Einer der Nachbarn hat bestimmt sein Fenster in der lauen Sommernacht auf und würde meine Rufe hören.

Toms Arm legt sich von hinten um meinen Oberkörper. Mit einer Mischung aus drücken und ziehen, holt er mich ins Bett.

Nein, er wäre schneller als ich.

Wie eine Marionette folge ich seiner nonverbalen Aufforderung. Aber ich rutsche so nah an die Bettkante, dass ich fast herausfalle. Tom rückt nach und lässt mir keinen Freiraum. Sein Arm schiebt sich unter meine Schulter, sodass ich seine Hand direkt vor Augen habe. Obwohl ich sie in der Dunkelheit nur erahnen kann, spüre ich ihr Dasein. Nur eine minimale Bewegung seinerseits und er könnte mir wieder die Luft nehmen.

Meine Atmung wird flach. Ich versuche, mich so klein wie möglich zu machen, ihm dadurch weniger Angriffsfläche zu bieten. Die Angst lässt mich in eine Starre verfallen.

Innerhalb kürzester Zeit kann ich Toms gleichmäßiges Schnarchen hinter mir hören. Er schlummert genauso friedlich wie vorhin. Seine tiefen Atemzüge lassen nicht erahnen, was in den vergangenen Minuten geschehen ist.

Mein Körper zittert vor Anspannung. Mühsam entspanne ich Muskel für Muskel. Doch es hilft nur mäßig. Hellwach und gleichzeitig vollkommen erschöpft blinzle ich unruhig. An Schlaf ist nicht zu denken. Sein wutverzerrtes Gesicht, die kalten eisblauen Augen, sein angespannter Körper gehen mir nicht aus dem Kopf. Seine Anwesenheit ist für mich allgegenwärtig.

Mein Herz rast bei dem Gedanken daran, dass dieser Mann nur wenige Zentimeter hinter mir liegt.

Ein nasser Fleck auf meinem Kopfkissen erregt meine Aufmerksamkeit.

Woher kommt das Wasser?

Meine Finger fahren über mein Gesicht und ich finde eine feuchte Spur.

Tränen.

Still laufen sie mir über die Wange, verleihen meiner Hilflosigkeit und meiner Angst einen Ausdruck. Ein aufkommender Schluchzer bleibt mir in der Kehle stecken.

3

Nervös schrecke ich aus dem Schlaf hoch. Es ist immer noch dunkel im Zimmer, aber ich kann ein klein wenig Tageslicht durch die geschlossene Jalousie des Dachfensters erkennen. Irgendwann muss ich eingeschlafen sein, obwohl ich versucht habe, mich krampfhaft wach zu halten. Ein leises Geräusch aus dem Erdgeschoss lässt mich zusammenzucken. Kerzengerade setze ich mich im Bett auf, drehe mich hektisch um und will sehen, ob er noch neben mir liegt. Doch zum Glück ist die Bettseite leer. Für einen Augenblick beschleicht mich die Hoffnung, dass er vielleicht einfach gegangen ist. Ein erneutes Klappern aus der Küche, das sich wie ein Schneebesen in einem kleinen Gefäß anhört, macht diesen Wunsch zunichte.

Die Erinnerungen der letzten Stunden werden greifbarer, je wacher ich werde. Innerlich schüttelt es mich, während ich äußerlich einen ruhigen und gefassten Eindruck mache. Vorsichtig fasse ich an den Hals, dort, wo letzte Nacht seine Finger gelegen hatten. Die Stelle tut zum Glück nicht weh, aber ich spüre, dass mir das Schlucken schwerfällt. Es fühlt sich an, als hätte ich einen Frosch im Hals. Ich versuche, mich zu räuspern, unterlasse dies aber augenblicklich, als ich höre, wie Tom die Holztreppe nach oben kommt. Schnell lege ich mich zurück, kuschle mich in meine Bettdecke und stelle mich schlafend. Meine Ohren sind wachsam, hören jede kleinste Bewegung, jedes Rascheln seiner Hose, jedes leise Atemgeräusch und letztendlich das Abstellen eines Kaffeebechers auf dem Nachttisch an meiner Bettseite. Beklemmend pocht mein Herz schneller in meinem Brustkorb, lässt mich zittrig und flach atmen. Die Matratze sinkt neben mir ein. Ich kann seine stärker werdende Präsenz spüren. Krampfhaft halte ich meine Augen geschlossen. Eine Hand legt sich auf meinen Brustkorb. Sanft platziert er erst einen Kuss auf meiner Stirn, dann auf meinem Mund. Es ist das erste Mal, dass er mich küsst, und ich möchte ihn am liebsten von mir wegstoßen. Aber ich bin unter meiner Decke erstarrt. Zärtlich fahren Finger über meinen Hals und hinterlassen dabei eine brennende Spur. Ich bemühe mich, weiter zu atmen, ruhig und gleichmäßig, so als würde ich friedlich schlummern, während ein eiskalter Schauer nach dem anderen über meinen Körper läuft. Ich muss meine ganze Selbstbeherrschung aufbringen, um nicht schreiend aufzuspringen, ihm irgendetwas über den Schädel zu ziehen und dann davonzulaufen. Denn ich weiß ganz genau, dass ich es noch nicht mal bis zum Treppenabsatz schaffen würde.

„Da warst du die letzte Nacht ganz schön unvorsichtig. Wir bekommen es schon wieder hin“, flüstert er, bevor seine Lippen erneut meine Stirn treffen.

Sofort fängt die Stelle an zu brennen, so als hätte er mich mit einem glühend heißen Brandeisen markiert. Vermeintlich verschlafen öffne ich die Augen, versuche dabei seinem Blick auszuweichen und gleichzeitig mich unter der behütenden Decke zu verstecken.

„Ich habe dir einen Kaffee gebracht. Wie sagst du dazu artig?“

„Danke“, kommt es mir kratzig über die Lippen.

„Wie geht es dir?“

Für einen Augenblick bin ich über die Frage verwirrt, denn eigentlich müsste er genau wissen, dass es mir nicht gut geht.

„Antworte mir, Mia“, setzt er nach und mustert mich eindringlich.

„Es ist alles in Ordnung“, antworte ich schüchtern.

„Kein Schwindel, keine Übelkeit?“

Ich schüttle den Kopf. Nein, im Moment scheint an der Stelle wirklich alles gut sein. Doch selbst wenn nicht, dann würde er es nicht erfahren. Mein oberstes Ziel ist es, ihn aus dem Haus zu bekommen und die Tür hinter ihm abzuschließen.

Nur wie?

Ich habe keine Ahnung.

Seine Hand verschwindet von meinem Brustkorb. Stattdessen kesselt er mich mit seinen Armen ein. Sie stemmen sich links und rechts neben meinen Kopf in die Matratze, dabei liegt Tom halb auf mir.

Er lässt mich seine Überlegenheit spüren, denke ich und versuche, mir sein Verhalten logisch zu erklären.

Doch bei meinem Körper versagt die Logik. Er verspannt sich von Sekunde zu Sekunde mehr, wehrt ihn innerlich und äußerlich ab. Er versucht, mich erneut zu küssen, aber ich drehe meinen Kopf zur Seite weg und tu so, als müsste ich gähnen. Das Ablenkungsmanöver funktioniert und er steht auf.

„Steh auf, dann können wir frühstücken. Ich muss um 12 Uhr in Hamburg zur Schicht antreten. Wenn ich als Feuerwehrmann zu spät komme, kann das Leben kosten. Das willst du doch nicht“, sagt er und ich merke, dass seine Stimmung schon wieder am Kippen ist.

Erstaunlich, wie schnell ich feine Nuancen der Veränderung wahrnehme. Gleichzeitig weiß ich nun, wann er endlich das Haus verlässt. Eine Sekunde spüre ich so etwas wie Erleichterung.

„Beeil dich“, herrscht er mich an, als ich nicht sofort in Bewegung komme.

Drohend streicht er im Aufstehen noch einmal über meinen Hals, knurrt: „Und leg dir einen Schal um. Es muss keiner deinen Fehler sehen.“

Dann verschwindet er aus dem Schlafzimmer. Kaum, dass er die Räumlichkeit verlassen hat, hole ich tief Luft und versuche, mein aufkommendes Zittern zu stoppen.

Ich kann jetzt nicht ausflippen.

Wer weiß, was Tom dann machen wird?

„Das schaffe ich“, flüstere ich mantramäßig vor mich hin.

Mit weichen Knien stehe ich auf und tausche meine bequemen Schlafsachen gegen ein Shirt und eine Yoga - Hose.

„Mia! Die Eier werden kalt!“

Seine Ungeduld schwingt in jedem Wort mit. Deswegen greife ich schnell in die Schublade mit den Loops. Er hat gesagt, dass ich einen Schal tragen soll, und ich will ihn nicht reizen, indem ich es nicht mache.

Der weiche Stoff schmiegt sich an meine Haut.

Eng, viel zu eng!

Blitzschnell greife ich nach dem Tuch, halte es von meinem Körper fern. Aber es ändert kaum etwas. Es ist nur schwer ertragbar.

„Mia! Zwing mich nicht, dich holen zu müssen“, ruft er unwirsch.

Langsam lasse ich den Stoff los und bemühe mich, trotz des aufkommenden Gefühls von Luftnot weiter zu atmen.

Einmal tief durchatmen, mit den Fingern durch die Haare fahren, Lächeln aufsetzen und dann erst gehe ich nach unten.

Schon von den oberen Treppenstufen kann ich den perfekt gedeckten Frühstückstisch erkennen, der auf mich wartet. Jedoch auch einen verdrießlich dreinschauenden Tom.

„Du hast getrödelt und geduscht bist du auch nicht.

Ich habe dir doch gesagt, dass du dich beeilen sollst“, mault er schlecht gelaunt, als er mich erblickt.

„Tut mir leid. Gib mir ein paar Minuten. Ich kann mich schnell duschen“, versuche ich ihn zu beruhigen und mache auf dem Absatz kehrt, um ins Badezimmer zu gehen.

Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie er vermeintlich entspannt den Stuhl zurückschiebt. Mich überkommt ein Impuls, den ich schon seit mehreren Stunden erfolgreich unterdrücke.

Ich will einfach nur weg!

Auch wenn das mein Haus ist, ich will hier weg!

Nun bahnt der Drang sich seinen Weg, setzt meinen Körper unter Spannung, lässt mich mit großen Schritten in Richtung des Flurs springen. Doch ich komme noch nicht mal bis zur Tür – so wie ich es bereits vorhin im Schlafzimmer vermutet habe. Abrupt werde ich in meiner Bewegung gestoppt, als sich ein harter Griff um meinen Oberarm schließt.

„Nein, du bleibst hier. Ich will die wenige Zeit mit meiner Süßen verbringen.“

Süße?

Seine?

Habe ich etwas nicht mitbekommen?

War die Gehirnerschütterung auch gleich mit einem Gedächtnisverlust verbunden?

Ich möchte ihm widersprechen, doch als er mich bestimmend zu sich dreht, sein Finger unter mein Kinn fährt und er mich so zwingt, ihm direkt in die Augen zu schauen, verkneife ich es mir. Auf den ersten Blick wirkt er freundlich, aber seine Gesichtszüge verraten mir, dass sein Geduldsfaden verdammt dünn ist.

„Du wirst dich doch nicht wieder verletzen wollen?“

Mit diesen wenigen Worten setzt er meinen Fluchtinstinkt außer Kraft.

Ich möchte weglaufen, aber gleichzeitig kann ich mich vor Schreck kaum rühren.

Ich möchte schreien, doch ich lächle.

Ich möchte Tom rausschmeißen, doch stattdessen lasse ich mich von ihm an den Esstisch bugsieren.

Erst dort lässt er meinen Arm los, zieht mir den Stuhl zurück, auf den ich mich setze – auf die Kante, jederzeit bereit zum Laufen. Unauffällig reibe ich mir die schmerzende Stelle und linse dabei in Richtung Wanduhr.

10:45 Uhr.

Das bedeutet, in weniger als einer Dreiviertelstunde ist er verschwunden. Ein Ende ist in Sicht.

Tom macht Smalltalk, aber ich antworte nur einsilbig.

„Kannst du dich auch vernünftig mit mir unterhalten? Ich habe dir einen traumhaften Frühstückstisch gedeckt und als Dank bekomme ich dein muffeliges Ich“, knurrt er mich an.

„Nein, nein! Das hat nichts mit dir zu tun. Es ist alles wunderschön. Ich habe bloß nicht so gut geschlafen“, antworte ich schnell und versuche, mich damit bei ihm zu entschuldigen.

Gleichzeitig ist es mein Versuch ihn zu beschwichtigen, denn seine Augen fangen schon wieder an gefährlich kalt zu funkeln.

„Kein Wunder! Deine Aktion heute Nacht war auch absolut unnötig. Du hättest einfach auf mich hören sollen.“

Ich merke, wie mir die Röte ins Gesicht steigt. Normalerweise würde ich meinem Gegenüber jetzt donnernd die Meinung sagen, aber ich halte mich zurück. Mein Kampfgeist ist vollkommen erloschen.

Stattdessen flüstere ich eine Entschuldigung: „Es tut mir leid, Tom.“

„Das ist auch das Mindeste. Und nun hör auf, an deinem trockenen Brötchen zu knabbern, und nimm wenigstens ein wenig Marmelade“, antwortet er in einem Tonfall, der mich dazu bringt nach dem Pflaumenmus zu greifen.

Allerdings schiebt mir Tom die Kirschmarmelade rüber. Eine der wenigen süßen Aufstriche, die ich nur mit Joghurt vermengt mag. Doch um ihn nicht weiter aufzuregen, nehme ich mir etwas davon und streiche es dünn auf das Brötchen. Langsam kaue ich, trinke immer wieder kleine Schlucke von meinem Kaffee. Eigentlich mag ich lieber Latte macchiato oder zumindest Milch im Kaffee. Aber ich sehe keine auf dem Tisch stehen. Also nippe ich an dem bitteren Heißgetränk, wie ich es nie trinken würde.

Es ist still im Wohnzimmer. Nur das Ticken der Uhr lässt mich nicht die Nerven verlieren. Die Gleichmäßigkeit beruhigt mich, denn die Zeit läuft für mich.

Als Tom plötzlich aufsteht, schrecke ich zusammen. Verwundert schaut er mich an.

„Was zuckst du denn so?“

Er bleibt auf meiner Höhe stehen, mustert mich eindringlich. Meine Hand schließt sich um das Schmiermesser auf dem Tisch. Sollte er es wagen, mich anzufassen, werde ich nicht ein weiteres Mal tatenlos sein.