Tagebuch der alltäglichen Traurigkeit - Machmud Darwisch - E-Book

Tagebuch der alltäglichen Traurigkeit E-Book

Machmud Darwisch

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Beschreibung

Machmud Darwisch, die Stimme des palästinensischen Volkes und ein überragender Dichter seiner Generation, verfasste im Laufe seines Lebens mehrere bemerkenswerte Bände mit autobiographischen Essays. Die vorliegenden, 1973 in Beirut erstmals veröffentlichten Kurztexte stellen wichtige Fragen zur komplexen Realität, mit der Palästinenser und Palästinenserinnen in Israel konfrontiert sind, und zur Zweideutigkeit von Darwischs eigener Identität als israelischem Palästinenser. Sie berufen sich auf Mythos, Erinnerung und Sprache, um die Erfahrungen des Dichters zu erforschen – den Hausarrest, die Verhöre durch israelische Offiziere und die Zeiten, die er im Gefängnis verbrachte. Das Tagebuch ist ein bewegender, intimer Bericht über den Verlust der Heimat und das Leben innerhalb der Mauern der Besatzung.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 179

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Machmud Darwisch

Tagebuch der alltäglichen Traurigkeit

Aus dem Arabischen von Farouk S.Beydoun

Lenos Verlag

Die deutsche Übersetzung erschien erstmals 1978 im Verlag Der Olivenbaum, Berlin. Für die vorliegende Neuausgabe wurde sie durchgesehen und grundlegend überarbeitet.

Titel der arabischen Originalausgabe:

Jaumijjât al-husn al-‘âdî

Copyright © 1973 by Mahmoud Darwish Foundation

E-Book-Ausgabe 2025

Copyright © der deutschen Übersetzung 2025 by Lenos Verlag, Basel

Alle Rechte vorbehalten

Coverfoto: Singh Srilom/Shutterstock

eISBN 978 3 03925 727 0

www.lenos.ch

Der Mond ist nicht in den Brunnen gefallen

– Was machst du, Vater?

– Ich suche mein Herz, das ich heute Nacht verloren habe.

– Glaubst du, dass du es hier finden wirst?

– Wo sonst wenn nicht hier, mein Sohn? Ich bücke mich und lese es Stück für Stück von der Erde auf, so wie die Bäuerinnen im Oktober die Oliven Stück für Stück aufsammeln.

– Aber du sammelst ja Kieselsteine!

– Auf diese Weise übe ich mein Gedächtnis und schärfe meinen Blick. Wer weiß, vielleicht sind diese Kiesel versteinerte Teile meines Herzens? Wenn nicht, mein Sohn, so habe ich mich daran gewöhnt, nach etwas zu suchen, was verloren schien; ginge es aber tatsächlich verloren, dann wäre ich selbst ein für allemal verloren. Schon allein dass ich suche, heißt, ich werde mich niemals mit dem Verlorenen abfinden. Solange ich nicht wiederfinde, was ich verloren habe, so lange bleibe ich verloren.

– Was machst du noch, Vater?

– Ich suche und finde Kieselsteine, die meinem Herzen ähnlich sehen, und verwandle sie mit meinen brennenden Fingern in Worte. Worte, durch die ich ständig im Zwiegespräch mit dem fernen Land stehe. Wir werden zu einer Sprache aus Fleisch und Blut.

– Hast du nicht auch andere Worte gesprochen?

– Ich spreche Worte aus, ohne sie zu verstehen. Die Frau, mit der ich spreche, wird ein Teil der neuen Fremde.

– Als du noch klein warst, hast du dich da vor dem Mond gefürchtet?

– Ja, so heißt es. Aber es stimmt nicht, dass sich Kinder vor dem Mond fürchten.

Ohne ihn wäre ich schon lange vor der Zeit Waise geworden. Er war noch nicht in den Brunnen gefallen. Er war höher als meine Stirn und näher als der Maulbeerbaum, der im Hof des Hauses meiner Großeltern wuchs. Der Hund bellte, weil der Mond näher kam. Als der erste Schuss gefallen war, wunderte ich mich, wieso mitten in der Nacht Hochzeit gefeiert wird. Und als sie uns in langer Karawane wegschleppten, begleitete uns der Mond auf dem Weg, den wir gingen, auf dem Weg, den ich später als den Weg ins Exil erkannte. Ohne den Mond, sage ich dir, hätte ich meinen Vater verloren.

– Woran erinnerst du dich noch?

– Ich erinnere mich, dass ich schon in frühester Kindheit gelernt habe, allein eine Reise zu machen. Meine Mutter fuhr nach Akka. Ich war böse, weil sie mich nicht mitnahm. Ich liebte Akka so sehr! Damals war Akka für mich der am weitesten entfernte Punkt der Welt. Und heute ist diese Stadt – paradoxerweise – wieder der am weitesten entfernte Punkt der Welt für mich. Ich war gerade fünf Jahre alt und ging die asphaltierte Straße entlang in Richtung Akka.

– Woher kanntest du die Richtung?

– Die asphaltierte Straße, die sich nach Westen hinzog, war mein Wegweiser. Am Ende der Straße liegt Akka. Die Hitze war unerträglich. Ich weinte in der Sonnenglut vor Durst. Mehrmals setzte ich mich hin, um Atem zu holen. Ich überlegte, ob ich nicht einfach umkehren sollte, aber ich schämte mich, eine Niederlage einzugestehen.

– Was nennst du eine Niederlage?

– Für mich ist eine Niederlage, wenn ich mir etwas von Herzen wünsche und es doch nicht erreiche. Wenn ich etwas anfange und es nicht fortsetzen kann. Und deshalb bin ich meinen Weg nach Akka weitergegangen. Ich stand auf einer Kreuzung vor der Stadt. Die Richtung, aus der ich kam, interessierte mich nicht. Ich wandte mich nach Süden und kam zu einer Sanddüne nahe am Meer. Meine Mutter war nicht da. Ich ging zur Kreuzung zurück, schlug den Weg nach Norden ein und kam auf die Straße, die damals nach Beirut führte. Auch dort war meine Mutter nicht. Noch einmal ging ich zur Kreuzung zurück. Nun versuchte ich es in Richtung Westen und kam ins Zentrum der Stadt. Ich ging in ein Lokal und bat um Wasser. Sie gaben es mir und fragten mich, wen ich suchte. Ich sagte: Ich suche meine Mutter.

– Wie kann ein Dorfkind in einer fremden, überfüllten Stadt seine Mutter suchen?

– Ich war sicher, sie unter den Tausenden und Abertausenden herauszufinden. Und hätte ich nicht Angst vor der Nacht gehabt, die unaufhaltsam näher kam, wäre ich nicht allein ins Dorf zurückgekehrt. Aber anscheinend muss sogar ein fünfjähriges Kind die Niederlage kennenlernen. Ich ging noch einmal zur Kreuzung zurück und schlug wieder die Richtung ein, aus der ich gekommen war. Ich fürchtete mich vor der Nacht, die von der Ebene heraufkam, und wartete am Straßenrand. Ein Lastwagen hielt an. Der Fahrer fragte, wohin ich wollte. Ich antwortete: Nach al-Birwa.

Meine Mutter war längst zu Hause, Verwandte und Nachbarn suchten alle Brunnen des Dorfes nach mir ab. Wenn ein Kind verschwunden ist, muss es doch in einen Brunnen gefallen sein. Meine Mutter weinte, und ich weinte mit ihr. Als ihr Herz wieder froh war, schlug sie mich. Mein Großvater hob mich auf seinen Schoß und gab mir Süßigkeiten … So ging meine erste Reise zu Ende.

Damals habe ich einen Vorgeschmack auf Akka bekommen. Immer suche ich in dieser Stadt etwas, was ich nicht finden kann. Damals suchte ich meine Mutter, die schon ins Dorf zurückgekehrt war. Jahre später suchte ich in Akka meine Geliebte. Sie feierte aber Hochzeit mit einem anderen. Noch später suchte ich in Akka Arbeit, doch die Armut verfolgte mich. Ich suchte in Akka mein Volk, aber alles, was ich fand, waren eine Gefängniszelle und ein unverschämter Offizier. Diese Stadt war für mich das Ende der Welt. Sie war der erste all meiner Versuche und die erste all meiner Niederlagen, und ihre Mauern waren angefressen von der Zeit.

– Kannst du dich noch an anderes aus deiner Kindheit erinnern?

– Ich erinnere mich an einen unerklärlichen Zustand, in dem ich Traum und Phantasie zu meiner existentiellen Rettung einsetzen konnte. Die Wirklichkeit wurde ständig unterbrochen, ehe sie noch in meinem Bewusstsein ihre endgültige Form angenommen hatte. Später war ich oft gezwungen, in diesen unerklärlichen Zustand zurückzukehren, und dabei half mir der Traum. So befand ich mich ständig in einem Traumzustand, der durch die Realitäten des Lebens begrenzt war, und nicht etwa in einem Zustand luxuriöser Phantasterei. Damit wird die Erde zu einem Felsen und einem Vogel zugleich. In der gegenwärtigen Situation, die in gar keiner Weise gerecht ist, kannst du nur mit Hilfe des Traums leben, eines Traums, der für dich wirklicher ist als ein in der Erde verwurzelter Baum. Es ist wahr, die Dinge wären nicht so heilig für dich, wären sie nicht ein Prüfstein für deine Existenz. Denn erst dann sind sie heilig, wenn sie umkämpft werden. Aber dass du sie entbehren musst, ist nicht der einzige Beweis für den Wert und die Bedeutung, die sie für dich haben. Nur so können wir verstehen, warum vertriebene Menschen bereit sind, für die Rückkehr in ihr Land die größte Armut auf sich zu nehmen. Wenn wir revolutionäre Losungen ausgeben, vergessen wir oft eines: die menschliche Würde. Mein Land hat nicht immer recht. Aber ich kann nur in meiner Heimat wirklich gerecht sein.

– Warum weichst du mir aus? Warum bleibst du nicht bei den alten Zeiten?

– Weil ich dir erklären will, dass ich kein altes Glück verteidige und auch kein altes Unglück besinge. Haben die Arbeiter denn keine Heimat? Doch, die Heimatlosen haben auch eine Heimat. Vielleicht ist es ein Glück, dass unsere Heimat Recht und Schönheit verkörpert. Doch sie hat nicht nur durch die Projektion unserer Entbehrungen diese schöne Gestalt angenommen. Sie ist ein Traum in ihrer Wirklichkeit und eine Wirklichkeit in ihrem Traum. Wir sehnen uns nicht nach der Wüste, sondern wir sehnen uns nach dem Paradies. Wir sehnen uns danach, unsere Menschlichkeit in einem Land, das uns gehört, zu leben.

– Bleiben wir bei diesem Punkt.

– Das Leben Tausender Opfer und Märtyrer endete hier. Sie haben sich nicht geirrt. Einige von ihnen haben das Land nie erblickt, sie starben an sehnsüchtiger Liebe. Die Landkarte kann nicht immer im Irrtum sein und die Geschichte auch nicht. Warum sonst einigten sich die Propheten, die Armen und die Eroberer auf eine Liebe zu diesem Land bis in den Tod oder bis zum Töten? Aus dem erotischen Tanz des Mittelmeers mit dem Karmel wurde der See von Tiberias1 geboren. Es gibt dort auch ein Meer – sie nannten es das Tote Meer, damit etwas in diesem Paradies an das Sterben erinnert und das Leben dort nicht langweilig wird. Da die Bäume in den Wäldern des oberen Galiläa dicht beieinanderstehen, musste Jerusalem beweisen, dass Felsen die Kraft einer lebendigen Sprache besitzen. Dies ist meine Heimat. Und der Freund meines Vaters, der in Beirut lebte, hat nicht übertrieben, als er sagte, er könne die Zitronenbäume in den Obstgärten von Jaffa riechen, wenn sie blühten. Dann ist er gestorben.

– Ist dies das verlorene Paradies?

– Hüte dich vor diesem Begriff! Daran zu glauben bedeutete, sich einem neuen, durch Eroberungsgesetze geschaffenen Zustand hinzugeben, der scheinbar endgültig geworden ist. Denn der Unterschied zwischen dem verlorenen Paradies im absoluten Sinn und dem verlorenen Paradies im palästinensischen Sinn ist groß. Ersteres bedeutet Resignation, Anpassung und Flucht vor dem Kampf. Das zweite aber bedeutet: berechtigter Widerstand. Solange noch gekämpft wird, ist das Paradies nicht verloren, sondern besetzt und kann jederzeit befreit werden. Damit will ich nicht sagen: Wir haben ja nur eine Schlacht verloren und nicht den Krieg. Worte, die nur der Selbstverteidigung, der Rechtfertigung der eigenen Niederlage dienen. Sondern ich meine, der Palästinenser darf seine Heimat nicht so sehen wie die Araber al-Andalus2 oder so, wie die Gläubigen das Paradies als Belohnung erhoffen. Zwischen Palästina und al-Andalus gibt es einen Unterschied, einen tödlichen Unterschied. Einige »Reisende in Sachen Revolution« betrachten dieses Problem vom Standpunkt der guten Absichten, aber schlechten Ergebnisse, und sie gehen von Begriffen der sogenannten Ästhetik und der gemeinsamen Durchhalteparolen aus. Sicherlich werden sie mehr Tränen vergießen als du, wenn du ihnen zustimmtest, Palästina sei mit al-Andalus zu vergleichen, und wenn du damit deine Rechte und deine Existenz mit einer weinerlichen Sehnsucht einzäuntest. Aber wenn diese Sehnsucht nach dem Gewehr greift und damit zeigt, wie groß der Unterschied zwischen Palästina und al-Andalus ist, dann würden diese »Reisenden in Sachen Revolution«, die die Tragödien der alten Völker lieben, sofort protestieren, weil dann die sogenannte Ästhetik der sogenannten historischen Ähnlichkeit widerspricht. Die Vorstellung vom verlorenen Paradies ist eine Versuchung für Dichter, denen sonst nichts einfällt. Aber diese Idee verdammt die palästinensische Situation zu Blutarmut und Leblosigkeit. So ist meine Heimat dem Paradies überlegen: Sie ist wie das Paradies, aber sie ist auch erreichbar.

– Hast du nicht eines Tages vor einem ähnlichen Abgrund gestanden, als du kein Recht mehr auf deine Kindheit hattest?

– Die Kindheit hat damit nichts zu tun. Der Ort, an dem du geboren wirst, ist nicht immer deine Heimat, es sei denn, deine Geburt erfolgt im natürlichen Verlauf der Ereignisse innerhalb einer historischen Gemeinschaft. Findet die Geburt nicht in einer natürlichen Gemeinschaft statt, ist der Geburtsort zufällig. Und hier liegt der historische Unterschied zwischen der Geburt eines Machmud und der Geburt eines Jisrael am selben Ort. Auch wenn sich jetzt die Besatzer im Land der anderen vermehren, gibt ihnen das kein Recht, es Heimat zu nennen. Doch wenn ein Volk sich im eigenen Land vermehrt, so ist dies die Kontinuität der Nation und Quelle ihrer Legitimität. Dass dies aber zurzeit mit Gewalt unterbunden wird – aufgrund des Exils –, ändert nichts Wesentliches. Das heißt, die Geburtsgleichung geht so lange nicht auf, wie sie nicht Folge einer Ehe zwischen einem Volk und seinem rechtmäßigen Land ist. Die andere Geburt findet zurzeit als Folge einer Beziehung zwischen Besatzern, Schwert und Thora statt. Deshalb fürchten wir nicht, dass sich die Rechtsbegriffe ändern.

Das bedeutet, dass ich das Recht auf meine Kindheit behalte. Was mir geholfen hat, den Verlust der Heimat eigentlich nicht zu empfinden, ist Folgendes: Ich war zwar plötzlich von meiner Heimat entfernt, doch nicht mein Herz und mein Bewusstsein, denn mein Aufbruch war keine freie Entscheidung, sondern Vertreibung und Verbannung. Hinzu kam die Konfrontation mit den schwierigen Umständen im Exil, mit denen ich mich nicht abfand, sondern die meinen Widerstand stärkten. Du beginnst dich zu fragen: Was hat dich in diese schwierige Lage gebracht? Wir sind älter geworden und wissen, dass wir die Ursachen des palästinensischen Elends nicht ausschließlich auf die inneren Bedingungen des Exils zurückführen dürfen. Wüssten wir dies nicht, dann könnten diejenigen, die das Elend verursacht haben, getrost Siege feiern. Dann wäre es dem Täter gelungen, zwischen dem verwundeten Opfer und der Krankenhausverwaltung einen Streit zu provozieren. Nicht dass ich diesen Streit verhindern wollte, aber er darf uns nicht dazu verleiten, die Besatzer zu vergessen, während wir uns mit inneren Angelegenheiten beschäftigen.

Selbstverständlich konntest du deinen Zorn nicht unterdrücken, als dich deine Mitschüler im Exil daran erinnerten, dass du Palästinenser bist und kein Recht hast, Klassenbester zu sein. Diese und ähnliche Beleidigungen waren der Schlüssel zu deinem Bewusstsein. Ein Bewusstsein, das nach einigen Jahren deine ganze Existenz beherrschte. Erst da hast du begriffen, dass deine Sache nicht darin besteht, gleiche Rechte und in Notfällen mehr Brot zu fordern. So hast du in jungen Jahren erfahren, hast spontan gespürt, dass deine Befreiung von der Erniedrigung erst dann möglich ist, wenn du dich von den Ursachen dieser Erniedrigung befreist. Das war der Anfang einer notwendigen – und nicht einer zufälligen – Beziehung zu deiner ersten Welt. Dein Heimatdorf mit seinen engen Gassen, auf einem kleinen Hügel inmitten der Ebene von Akka gelegen, war die Lösung deines Problems, das du nicht verstanden hattest. Seitdem sind die dort zurückgelassenen Dinge der Kindheit und der Wille, zu ihnen zurückzukehren, zur Waffe geworden, mit der du beweist, dass du den anderen ebenbürtig bist. Gleichzeitig wurde sie zu einem Beweis, dass du die Menschlichkeit besitzt, die dich vor der Erniedrigung schützt. Dieses Gefühl verstärkte sich besonders an Feiertagen. Die anderen Kinder zogen neue Kleider an und sprachen über das Festmahl. Und du standest mit Vater und Großvater in einer Schlange von Bettlern und hofftest auf deine Zuteilung an Nahrungsmitteln und alten Kleidern, deren Herkunft du nicht kanntest.

– Wann war das?

– 1949, ein Jahr nachdem wir das Land verlassen mussten.

– Warum nicht schon 1948, in dem Jahr, als ihr das Land verlassen habt?

– Ach, damals waren wir über Nacht im Libanon zu Nomaden geworden. Mein Großvater trug einen Geldbeutel bei sich, und wir folgten ihm von Ort zu Ort. Dabei vergaß er auch nicht, uns zu den Gärten zu führen, wo wir Äpfel von den Bäumen pflücken durften. Jede Woche nahm er uns mit nach Beirut. Und Beirut war die erste Stadt, die ich nach Akka kennenlernte. Es war noch kein Exil, sondern eine plötzliche Reise, ein ungeplanter Ausflug. Wir erwarteten den Sieg der arabischen Armeen über die Eroberer innerhalb der nächsten Wochen. Danach wollten wir nach al-Birwa zurückkehren. Wir wohnten nicht im Lager. Wir sind durch Rmaisch gefahren und blieben dann eine Nacht in Bint Dschubail, das von den Schreien der Vertriebenen erfüllt war. Ein menschlicher Stall! Das war die zweite Nacht, die wir außerhalb unseres Hauses verbrachten. Die erste Nacht hatten wir in einem Beduinenlager in Galiläa verbracht, wo Dutzende von »Gästen« Omelett aus einer einzigen Pfanne gegessen hatten. Dann kamen wir nach Dschisin, wo wir geblieben sind. Dort sah ich die Bäche, die durch die Häuser plätscherten, und den Wasserfall. Und als es kälter wurde, zogen wir weiter nach Damur und wanderten durch die Bananenhaine, spielten am Strand und schwammen im Meer. Eines Tages überquerte ich vor meinem Bruder eine breite Straße. Als er mir folgen wollte, fuhr ihn plötzlich ein Wagen an. Er wurde nicht verletzt, litt aber Jahre unter den Folgen des Schocks, von dem er sich schwer erholte. Mein Großvater war ein guter Zeitungsleser. Die Zeitungen versprachen ihm die baldige Rückkehr. Wir saßen um ihn herum, wenn er sie mit lauter Stimme vorlas. Dabei hatte er immer die Brille auf der Nase. Die Zeitung brachte ihn von der Bereitschaft, sofort alles zu packen, zur Notwendigkeit, sich noch ein wenig gedulden zu müssen, und von dort zum Abwarten. Eines Tages bemerkten wir, wie schwach seine Stimme geworden war und wie seine Brille von ihrem angestammten Platz aus immer tiefer rutschte. – Während der langen Winternächte tauschten sich die Brüder im Exil über den Verlauf der Kämpfe in Palästina aus, und so erfuhren sie auch vom Fall von al-Birwa.3

– War al-Birwa nicht schon früher gefallen?

– Ja, aber nur eine Nacht lang, dann wurde es von seinen Bauern mit primitiven Gewehren und mit Unterstützung der Bauern aus den Nachbardörfern wieder befreit. Gleich nach der Befreiung gingen die Bauern daran, die Ernte von den Feldern zu bergen. Aber die Befreiungsarmee4 besetzte das Dorf, und bis heute wissen wir nicht, wie es dann in die Hände der Juden gefallen ist.

Zwanzig Jahre später, nachdem viele arabische Städte gefallen waren, missfielen meine Äußerungen, die ich einem Freund auf Hebräisch anvertraute, einem Mann neben uns in einem Restaurant, und er begann die israelische Ungerechtigkeit zu verteidigen, mit einem Argument, das er für überzeugend hielt. Er sagte zu mir: Du kennst die Araber nicht. Denn wenn du sie kennen würdest, würdest du nicht in diesem Ton über Gerechtigkeit sprechen. Ich bat ihn, mir dies näher zu erläutern. Er runzelte die Stirn und fragte mich, ob ich jemals etwas von einem Dorf mit Namen al-Birwa gehört hätte. Ich antwortete: Nein. Wo liegt das denn? Er sagte: Du findest es nicht mehr auf der Erdoberfläche. Wir haben es nämlich in die Luft gejagt, den Boden von Steinen befreit, ihn dann umgepflügt und es unter Bäumen begraben. Ich erwiderte: Um das Verbrechen zu verbergen? Er protestierte und berichtigte mich: Nein, um das Verbrechen des Dorfes zu verbergen. Dieses verfluchte al-Birwa! Ich fragte: Und was hat es verbrochen? Er sagte: Es leistete uns Widerstand. Es hat uns bekämpft und uns viele Verluste gebracht. Wir mussten zweimal angreifen, um es besetzen zu können. Das erste Mal hatten wir gerade zu Abend gegessen und warmen Tee geschlürft, als uns die Bauern überraschten und das Dorf zurückeroberten. Wie konnten wir diese Erniedrigung hinnehmen? Ich sag’s dir noch mal, du kennst die Araber nicht!

Als ich bekannte, dass ich Araber bin und al-Birwa mein Heimatdorf ist, entschuldigte er sich sofort mit akrobatischer Geschicklichkeit und sprach mit mir über den Frieden. Dann lud er mich ein, seinen Laden zu besuchen, wo er Möbel und Haushaltsgegenstände versteigerte, die aus dem eroberten Kunaitra5 stammten.

Einige Tage danach feierten zwei jüdische Siedlungen auf dem Boden von al-Birwa ihr silbernes Jubiläum. Ich befand mich damals auf einer Pressekonferenz und sprach über die Ungerechtigkeit, unter der die Araber leiden. Ein Reporter der Zeitung Die Siedlung widersprach. Als ich die Jubiläumsfeier erwähnte, entschuldigte er sich höflich, wenn auch unbeholfen und sprach vom Frieden.

So sind sie. Sie begehen ein Verbrechen, und anschließend bestreiten sie es. Wenn sie mit dem Opfer konfrontiert werden, weichen sie aus und reden vom Frieden.

»Ich gab euch ein Land, um das ihr euch nicht bemüht hattet, und Städte, die ihr nicht erbaut hattet. Ihr habt in ihnen gewohnt und ihr habt von Weinbergen und Ölbäumen gegessen, die ihr nicht gepflanzt hattet.«6

– Hast du dein Dorf später wieder besucht?

– Als der Krieg zu Ende und alles verloren war, begriff mein Großvater, dass unser Aufenthalt im Libanon weder eine Reise noch ein Ausflug gewesen ist. Und als er erkannte, dass die von ihm eigenhändig gepflanzten Weinreben, deren Früchte nun von den Juden gegessen wurden, für ihn zu einer Lebensmittelkarte7 geworden waren, begann er zu fühlen, dass es falsch gewesen war, das Land zu verlassen. Nach und nach wurde ihm bewusst, was es heißt, in der Fremde, im Exil zu leben. Er klammerte sich an die Hoffnung, die arabischen Armeen würden seine Zugehörigkeit zu seiner wirklichen Umgebung wiederherstellen.