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Sie war die letzte von Zeus´ Gaben, die in der sagenumwobenen Büchse zurückblieb, nachdem Pandora diese geöffnet hatte: die Hoffnung. Für die Einen ein Lichtblick, dass es bald besser wird, für die Anderen das schlimmste aller Übel, das uns dazu veranlasst, selbst das größte Leid noch länger zu erdulden. In zehn facettenreichen Kurzgeschichten erzählt Keiji~Chan von den positiven Seiten wie auch von den negativen Seiten der Hoffnung.
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Seitenzahl: 89
Veröffentlichungsjahr: 2021
Tagebuch eines Buches
Geschichte eines Regenponchos
Der Fernseher (von Mira Graf)
RobynEx GmbH
Die Zugfahrt
Die Schublade
Barbara
Verlassen
Das Waisenkind
Heiligabend
Über den Autor
Ich erinnere mich genau an die den Beginn meiner Zeit, damals, vor all diesen Jahren. In mühsamer Handarbeit war ich gebunden worden, eine sorgsame Allianz von vielen Seiten leeren Papiers und einem Umschlag aus rotem Leder. Ich trug keine Worte in mir, ebenso wie ich noch keinen Namen trug. Ein neues, leeres Buch, das dazu bestimmt war, erst noch gefüllt zu werden. Für einen nicht unerheblichen Preis wechselte ich schnell den Besitzer, wanderte von einem erfahrenen Handwerker in die Hände eines äußerst intelligenten jungen Mannes. Beinahe exzessiv arbeitete der junge Mann Tag und Nacht, verbrachte Stunde um Stunde am Schreibtisch und füllte dabei oft hunderte Seiten in einer einzigen Nacht. Auch ich wurde bald schon auserwählt, mein Schicksal zu erfüllen. Innerhalb von nur drei Tagen, in denen er kaum zu Essen oder gar zu Schlafen wagte, füllte das junge Genie meine leeren Seiten komplett aus. Gar pausenlos kratzte die Tinten-getränkte Feder über meine rauen Seiten, notierte komplizierte Formeln, kontroverse Theorien und ein ums andere mal auch filigrane Zeichnungen und Skizzen. Nachdem meine letzte Seite gefüllt worden war, stellte mich das Genie in ein Regal, wo schätzungsweise hunderte anderer vollgeschriebener Bücher standen. Genau wie ich waren sie allesamt gefüllt und erleuchtet mit den weisen Worten und revolutionären Ideen eines jungen Mannes, dem ich zutraute, die Welt zu verändern.
In den nächsten 13 Jahren füllte der intelligente Kopf noch viele Regale mit Büchern. Immer wieder nahm er vollgeschriebene Bücher wie mich wieder hervor, kritzelte kleine Ergänzungen zwischen die Zeilen, steckte lose Blätter mit weiteren Notizen zwischen die Seiten und riss manchmal sogar einzelne Seiten aus uns heraus. Der Kopf dieses Mannes arbeitete unaufhörlich und ich konnte seine bevorstehende strahlende Zukunft schon vor mir sehen, als eines Tages ein furchtbares Unglück seinen Lauf nahm. Eine benachbarte Scheune war in Brand geraten. Das lichterloh in Flammen stehende Heu wurde vom Winde weitergetragen, durch das einen Spalt weit offene Fenster des Arbeitszimmers meines Herrn. Während er seelenruhig schlief, fingen zunächst einzelne Blätter Feuer, bevor sich das Feuer rasant ausbreiteten und das ganze Haus in ihrem zerstörerischen Griff gefangen hielten. Ich sah Regal um Regal in Flammen aufgehen, hörte die hilflosen Schreie meines Herrn aus dem Nebenzimmer. Erst Stunden später, nachdem das gesamte Haus niedergebrannt war, erloschen die Flammen schließlich von selbst. Wie durch ein Wunder hatte ich diese Tragödie fast unbeschadet überstanden, bloß mein Einband hatte ernsthaften Schaden davongetragen. Als am nächsten Tag die verbliebenen Ruinen des Hauses ausgeräumt wurden, packte man mich und ein paar weitere halbwegs glimpflich davon gekommenen Bücher in eine Holzkiste. Neben einem Ring und einer verrußten Taschenuhr befand sich jedoch nichts weiter in der Kiste, an das ich mich heute noch erinnern konnte. Übergeben wurde die Kiste an einen älteren Bruder dieses jungen Genies, dessen Leben von den Flammen zu früh beendet wurde. Der Bruder hatte offensichtlich keine Verwendung für mich und meinesgleichen. Er schnappte sich den Ring und die Taschenuhr aus der Holzkiste – vermutlich, um sie zu Geld machen zu können – und ließ alles andere unberührt in der Kiste zurück, nur um diese in einem Schrank zu verstauen. Jahrzehnt um Jahrzehnt verbrachte ich in dieser Kiste, während sich außerhalb meines hölzernen Gefängnisses die Welt immer weiter drehte. Ein oder zwei mal öffnete Jemand das Gefängnis, blätterte kurz durch meine Seiten… und warf mich wieder zurück in die Kiste, die unverschlossen blieb. Anfangs noch erfreut darüber bemerkte ich jedoch bald, wie die feuchte Luft im Inneren dieses Schranks und der viele Staub den Zahn der Zeit beschleunigten, der an mir und meinen Seiten zu nagen begonnen hatte. Die Zeit verging, doch irgendwann schien es kein Leben mehr zu geben in diesem Haus, das uns seit so vielen Jahren beherbergte. Mit der Zeit begann das Haus, langsam zu zerfallen. Ein herabstürzender Träger hatte irgendwann die Hälfte des Schrankes zerstört und uns so zumindest teilweise der Witterung ausgesetzt, die nun durch das ebenfalls zerstörte Dach des Hauses eindringen konnte. Regungslos sah ich mit an, wie die Jahreszeiten verstrichen und die Natur sich das zerfallene Haus Stück für Stück einverleibte. Mein Einband war längst feucht und verschimmelt, einige meiner Seiten nass geworden. Statt bei der glorreichen Zukunft eines brillanten Kopfes zu helfen, wartete ich nur noch darauf, dass mich der Zahn der Zeit vollends vernichtete und die wertvollen Worte in meinem Inneren mit mir.
Doch ich sollte mich täuschen. Nach vielen Jahren des Zerfalls, 247 Jahre nach dem schicksalhaften Feuer in jenem Arbeitszimmer, fand mich ein Mensch in den Ruinen des Hauses, das seit so vielen Jahren meine Heimat gewesen war. Diese Frau, die mich gefunden hatte, nahm mich vorsichtig mit. Sie säuberte mich sorgfältig, restaurierte und behandelte mich in mühevoller Kleinstarbeit und stellte mich dann heute dem Rest der Menschheit vor. Auf einem Samtkissen gebettet und hinter luftdichtem Glas geschützt, werde ich nun in einem offenbar weltbekannten Museum ausgestellt und von tausenden von Menschen bewundert. Gelehrte von nah und fern würden aus aller Welt zu mir pilgern, um die lange verschollenen Schriften eines jungen Genies doch noch bewundern zu können. Und mit ein wenig Glück findet sich unter all diesen Menschen eines Tages jemand, der diese alte Sprache nicht nur lesen, sondern tatsächlich verstehen kann. Und vielleicht würden die Worte meines Herren die Welt dann doch noch verändern können, wenn auch ein paar Jahrhunderte zu spät ...
Ich weiß noch genau, wie es damals mit mir zu Ende ging, in meinem früheren Leben. Ich war eine Getränkeflasche, ursprünglich einmal gefüllt mit Pfirsich-Eistee. Ein junger Mann mit gewöhnungsbedürftigem Dialekt und wachsenden Geheimratsecken brachte mich mit zu einer kleinen Gruppe von weiteren jungen Menschen, die meine Füllung recht schnell geleert hatten. Der dunkelblonde Mann mit dem schütter werdenden Haar nahm mich dennoch wieder mit zu sich nach Hause, wo er mich noch einige Male auffüllte, ehe ich gen Ende des Monats auf eine Reise wurde – meine letzte Reise. Mit vielen Brüdern und Schwestern steckte er mich in eine große Kunststoff-Tasche. Doch schon nach kurzer Zeit waren wir offenbar am Ziel unserer Reise angekommen, denn nach und nach griff seine Hand in die Tasche und holte einen nach dem Anderen von uns heraus. Als ich an der Reihe war, steckte mich die Hand in die Öffnung eines kleinen Tunnels, wo ich auf einem Förderband weiter nach hinten transportiert wurde. Meine kurze Reise wurde jäh unterbrochen, als ich aus dem Nichts zusammengedrückt und mit anderen zerquetschten Kameraden und Kameradinnen in einem riesigen Müllsack landete. Was dann folgte, war eine Odyssee, von der ich nicht mehr zurückzukehren glaubte. Ich wurde mit Flaschen verschiedenster Form, Farbe und Größe zusammengepfercht, zu einem Würfel gepresst und an einen anderen, furchtbaren Ort gebracht. Wir wurden wieder auseinandergerissen, nach Farben sortiert mit Wasser abgespritzt, bis auch der Letzte von uns komplett nackt war. Doch der größte Horror – und gleichzeitig unser Ende – stand erst bevor. Zunächst wurde Jeder von uns in winzige Stücke zerhackt. Nie zuvor hatte ich eine solche Todesangst verspürt wie in dem Moment, als ich meine nackten Brüder und Schwestern zwischen diese tödlichen Klingen habe fallen sehen. Weshalb wurden wir so behandelt? Hatte ich meinen Dienst nicht überaus erfolgreich erfüllt? Ich war doch sogar weit öfter genutzt worden, als es nach dem Erschöpfen meines Eistee-Vorrates sonst üblich war.
Womöglich war ich doch nicht gut genug, ich weiß es auch nicht. Doch ich konnte nichts dagegen machen, ich konnte mich nicht wehren. Nur Sekunden nach meinem ersten Schock landete ich zwischen den tödlichen Klingen und endete ebenfalls als ein Häufchen Granulat. An das Folgende kann ich mich nicht selbst erinnern, aber es wurde mir von einem Kollegen so erzählt und ich glaube ihm einfach mal. Nachdem die Klingen mich zerkleinert hatten, wurde ich offenbar in einen riesigen Kessel geworfen und eingeschmolzen. In meiner neuen Form wurde ich dann in eine Fabrik gebracht, die regelmäßig ausgedienten, eingeschmolzenen Flaschen wie mir neues Leben schenkte. Damit ist die Fabrik offensichtlich sehr erfolgreich, denn das Erste, woran ich mich nach meiner Begegnung mit den Klingen erinnere, ist der Moment nach meiner unverhofften Wiedergeburt. Ich fühlte mich großartig. Es war toll, wieder in einem Stück zu sein – obwohl ich gar nicht sagen konnte, wie genau ich aussah. Ich wurde zusammengefaltet und in eine enge, schwarze Hülle gesteckt. Doch ich hatte Glück. Kurz bevor die schwarze Hülle geschlossen wurde, bekam ich einen Mitbewohner. Es war ein kleiner quadratischer Zettel, auf dem ich beschrieben wurde, sogar in sechs verschiedenen Sprachen. Auf der rechten Seite des Papierfetzens gab es eine kleine Abbildung, die zeigte, wie ich tatsächlich aussehe. Ich war wiedergeboren worden als Regenponcho, speziell angefertigt für ein alljährliches Musik-Festival im Frühling. Mit vielen weiteren Regenponchos, allesamt Wiedergeborene, wurde ich in einen Pappkarton gesteckt und wartete auf meinen Einsatz. Es war dunkel in diesem Pappkarton und ich konnte nicht abschätzen, wie lange wir dort drin waren. Wir unterhielten uns, erzählten uns Geschichten über unsere früheren Leben und was uns in unserem neuen Leben erwarten könnte. Und dann irgendwann war es so weit. Das Dach über unserem Kopf wurde aufgerissen und ein Hauch frischer Luft erreichte uns. Und tatsächlich, es sollte nicht sehr lange dauern, bis wir alle endgültig in unser neues Leben starten konnten. Schon sehr bald fielen die ersten Regentropfen vom Himmel herab und trafen auf die Menschen, die fröhlich und laut der Musik lauschten. Der Regen wurde stärker und stärker, ebenso wie der Ansturm auf meine Kameraden und mich. Es dauerte gar nicht mehr lange, bis eine junge Frau in schwarzer Kleidung mich und zwei meiner Freunde schnappte und uns zu einer rot-weiß karierten Picknick-Decke brachte. Ich mochte die junge Frau, sie schien sehr aufgeweckt und glücklich zu sein. Sofort freute ich sofort darauf, für sie da zu sein. Und voller Enthusiasmus machte ich mich sogleich ans Werk, denn schon nach wenigen Sekunden entfaltete die junge Frau, der
