Tagebuch einer Halberleuchteten - Evelin Monschein - E-Book

Tagebuch einer Halberleuchteten E-Book

Evelin Monschein

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Beschreibung

Juli ist 28, spirituell ambitioniert und herrlich ehrlich. Sie liebt Kakao, ringt mit ihrem inneren Schweinehund Fritz und sucht nach Erleuchtung. Zwischen guten Vorsätzen, Liebeschaos und Neuanfängen stolpert sie unbeirrt durchs Leben - auf der Suche nach Glück, Erkenntnis und sich selbst. Ein charmant-chaotisches Tagebuch voller Selbstironie, Herzenswärme und leiser Lebensweisheit - für alle, die sich selbst mit einem Lächeln begegnen wollen.

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Seitenzahl: 153

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Jänner

Februar

März

April

Mai

Danksagung

Für alle, die denken und gleichzeitig lachen können.

Für jene, die sich manchmal verlieren – und dabei ein kleines Stück näher zu sich selbst finden.

Für alle, die ihren inneren Schweinehund duzen, mit ihm Kakao trinken – und trotzdem auf dem Weg zur Erleuchtung bleiben.

Jänner

Mittwoch, 3. Jänner - Über Mütter und Tagebücher

Ein Tagebuch! Tatsächlich ein Tagebuch! Wie kommt meine Mutter nur auf die Idee, mir ein Tagebuch zu schenken? Bin ich zwölf oder was?

Ich bin 28 Jahre alt. Da ist man aus dem „Ichmuss-mich-unbedingt-über-die Ungerechtigkeit-der Welt-auskotzen“-Alter längst draußen.

Mein letztes Tagebuch hatte ich mit zehn. Das fand ich damals großartig, obwohl es rückblickend betrachtet, auch damals ziemlich unnötig war. Was schrieb ich denn groß hinein? Worüber ich mich geärgert hatte, welche Leute ich mochte und welche ich verabscheute, was ich den ganzen Tag getrieben hatte, wofür ich in der Schule ungerechterweise bestraft worden war, dass mein Bruder mich genervt hatte, dass meine Geschwister immer alles durften und ich nie, und dass meine Mutter Mohnnudeln gekocht hatte, obwohl keiner sie mochte. Dafür braucht man heute keine Tagebücher mehr – dafür gibt es Facebook.

Jedoch ist meine Mutter der Ansicht, es sei wichtig, abends seine Gedanken, Gefühle und Erlebnisse zu ordnen und zu überlegen, was man am nächsten Tag besser machen könnte. Und das am besten schriftlich. Und täglich! Das sei der persönlichen Entwicklung äußerst förderlich, und die hätte ich ihrer Meinung nach dringend nötig.

Ich dachte eigentlich, ich sei mit meiner Entwicklung ganz gut unterwegs. Aber meine Mutter sagte nur: „Das denkst DU!“ Und meiner Mutter widerspricht man am besten nicht.

So kommt es, dass ich nun ein Tagebuch besitze, in welches ich täglich zu schreiben und mich gleichzeitig zu entwickeln habe.

Sagt meine Mutter!

Freitag, 5. Jänner - Ein Tag ohne Aufregungen

Mein Vorsatz, wirklich täglich in dieses unselige Buch zu schreiben, ist gestern bereits gescheitert. Ich habe es schlichtweg vergessen. Aber ehrlich gesagt: Es gab auch nichts zu ordnen oder zu sortieren.

Mein Leben verlief wie am Schnürchen. Keinerlei Ärger, mein Bruder ist auf Schiurlaub, niemand kochte Mohnnudeln, und sonst gab es auch keine besonderen Vorkommnisse.

Nur eines irritiert mich ein wenig: Dass ich meinen ernsthaften Vorsatz, diesem Tagebuch pflichtbewusst zu dienen, bereits am zweiten Tag gebrochen habe. Nun ja – irgendwie war es ja auch eher der Vorsatz meiner Mutter.

Für heute bleibt mir also nur festzuhalten: Auch ein Tag ohne Aufregungen verdient einen Eintrag. Vielleicht werde ich – wenn ich dieses Buch in zehn Jahren lese – denken:

DAS war der Tag! Der Tag, an dem es keine Mohnnudeln gab und mein Bruder auf Schiurlaub war.

Samstag, 6. Jänner - Von Geburtstagen und guten Vorsätzen

Heute hat mich meine Freundin Elli angerufen, um mir zu meinem drei Tage zurückliegenden Geburtstag zu gratulieren. Allerdings begann ihr Anruf mit einem Vorwurf: Sie kommt einfach nicht darüber hinweg, dass mein Geburtstag inmitten all dieser Feiertage liegt. Rundherum nur Silvester, Neujahr, die Heiligen-Drei-Könige – da sei sie schlicht zu abgelenkt, und ich müsse mich nicht wundern, wenn sie darauf vergisst.

Ich habe mich gar nicht gewundert. Ganz im Gegenteil. Erstaunt war ich eher darüber, dass ihr mein Geburtstag bereits am sechsten eingefallen ist. Normalerweise ruft sie nicht vor dem fünfzehnten an.

Ich finde es übrigens äußerst praktisch, dass mein Geburtstag so nahe an Silvester liegt. Das gibt den Neujahrsvorsätzen eine zweite Chance.

Ich liebe Neuanfänge. Und gute Vorsätze! Wirklich.

Ich liebe es, mein Leben neu zu ordnen, zu strukturieren, mich selbst zu überlisten. Und dazu gehört natürlich eine annehmbare Anzahl von Neujahrsvorsätzen.

Leider sind diese am dritten Jänner meist schon wieder Geschichte – was meinem Geburtstag eine ganz neue Bedeutung verleiht. Zweiter Anlauf! Großartig, oder?

Allerdings hat sich in diesen drei Tagen meine Willensstärke erfahrungsgemäß nicht wesentlich verbessert. Und spätestens am zehnten Jänner ist von den Vorsätzen nicht mehr viel übrig – außer vielleicht einem vagen Schuldgefühl.

Zum Glück gibt es übers Jahr verteilt noch zahlreiche Gelegenheiten für einen Neubeginn. Frühlingsbeginn zum Beispiel. Oder Ostern – mindestens ebenso symbolträchtig. Danach die Sommersonnenwende. Und dazwischen natürlich immer wieder Montage. Besonders die Montage, die auf einen Monatsersten fallen.

Wenn das kein Zeichen ist!

Die letzte echte Chance ist die Wintersonnenwende. Und von da ist es ja nicht mehr weit bis Silvester.

Ich finde das wirklich beruhigend.

So viele Möglichkeiten, sich lebensverändernde Verhaltensweisen auszudenken. Da muss das Leben ja gelingen. Irgendwann! Hoffentlich!

So. Schluss für heute.

Ich habe nun jedenfalls so viel geschrieben, dass ich wegen des ausgelassenen Tages keine Schuldgefühle mehr haben muss.

Sonntag, 7. Jänner - Wenn meine Mutter für mich plant

Meine Nichte Jana lernt seit August das Friseurhandwerk. Heute rief mich meine Mutter an.

„Juli“, sagte sie, „Jana braucht jemanden, an dem sie das Haare färben üben kann.“

Ich ahnte Böses.

Ich möchte meine Haare nicht von Jana färben lassen. Mir gefallen meine Haare. Punkt.

Außerdem habe ich keine Zeit. Ich beziehe in zwei Wochen eine neue Wohnung, und bei mir herrscht das blanke Chaos. Ich muss mindestens noch fünfmal zur Mülldeponie fahren, und auch noch all die Dinge verpacken, die ich für „umzugswürdig“ befunden habe.

Trotzdem habe ich keine Ahnung, wie ich aus dieser Nummer heil herauskommen soll. Wie ich meine Mutter kenne – gar nicht.

Übrigens: Juli ist die Abkürzung von Juliana. Ein wirklich grauenhafter Name. Ich habe keine Ahnung, was meine Eltern sich dabei gedacht haben. So ein Name fällt einem doch nicht einfach so ein! Vermutlich waren sie bekifft, als sie mir diesen Schicksalsschlag verpasst haben.

Ich sehe sie direkt vor mir, wie sie kichernd über dem Wiegenbettchen standen und sich gegenseitig übertrumpften:

„Diese kleine schrumpelige, brüllende Katastrophe nennen wir Juliana. Ho ̈ hö hö.“

(An alle Julianas dieser Welt: Bitte vergebt mir. Vielleicht ist der Name gar nicht so schlimm. Nur mir gefällt er nicht. Und das reicht ja schon.)

Immerhin nennt mich kaum jemand Juliana. Man nennt mich Juli. Auch das haben sich meine Eltern ausgedacht.

„Also ist das abgemacht!“ Für meine Mutter ist immer alles so einfach.

„Nein, Mama, das geht leider nicht“, antworte ich mit fester Stimme.

„Du weißt, dass ich am Packen bin. In zwei Wochen muss ich aus der Wohnung raus. Und morgen ist mein erster Arbeitstag nach dem Urlaub.“

„Packen kann man auch mit gefärbten Haaren. Deine Farbe ist sowieso etwas langweilig. Du solltest also dankbar sein. Jana kommt um 15 Uhr zu dir.“

So verlaufen fast alle Gespräche mit meiner Mutter.

Widerspruch zwecklos.

Montag, 8. Jänner - Modische Entgleisungen

Mein erster Arbeitstag nach dem Winterurlaub. Diesen Tag würde ich gerne vergessen - aber das dürfte schwierig werden.

Kaum jemals hatte ich mich unwohler gefühlt als in diesem Augenblick, als die Tür aufflog, Kuno schwungvoll hereinwehte, und im selben Augenblick erstarrte. Er glotzte mich an, als sei ich gerade vom Mars gekommen.

So hässlich war meine neue Haarfarbe dann auch wieder nicht. Zugegeben, sie wich drastisch von meiner ursprünglichen Vorstellung ab, aber es war nun mal nicht zu ändern. Meine Nichte hatte ganz offensichtlich nicht ihren besten Tag gehabt, und das Ergebnis davon trug ich nun auf meinem Kopf herum.

Statt des dezenten Tizianrots mit goldenen Strähnchen ergab sich ein weniger dezentes Lila, und die goldenen Strähnchen waren eher gelb geraten und hatten sich unpassenderweise alle in der Mitte meines Kopfes versammelt, sodass ich aussah, als trüge ich ein Rührei auf einem lila Hut. In der Tat eine sonderbare Kombination, aber kein Grund, mich so anzustarren. Ich starrte trotzig zurück.

Ich durfte mich von Kunos Reaktion nicht einschüchtern lassen. Ich musste meine lila Haare mit Rührei selbstbewusst und mit Würde tragen.

Und auch meine orangefarbene Bluse mit den gelben Sonnenblumen, die ich heute fatalerweise angezogen hatte.

Die Bluse hatte mir meine Tante Vera – die meistgefürchtete Tante der Familie - von einer ihrer Weltreisen mitgebracht. „Du bist noch jung, du kannst so etwas tragen“, war ihre einzige Begründung für diesen modischen Fehltritt gewesen. Und der einzige Grund, aus dem ich dieses Ungetüm heute angezogen hatte, war, dass ich den Karton mit meinen T-Shirts im Umzugschaos nicht gefunden hatte

Diese Bluse hatte die Reise in die neue Wohnung nicht mit antreten sollen, sondern nur den etwas kürzeren Weg zu den Mülltonnen. Daher lag sie gut sichtbar auf einer Mülltüte und war somit meine einzige Alternative.

Ich mochte Kuno. Schon im Kindergarten, den wir gemeinsam besucht haben. Nicht, dass er die hellste Kerze auf der Torte gewesen wäre. Er hatte einen Sprachfehler und konnte kein „l“ aussprechen, aber dennoch fand ich ihn nett.

Naja, nicht immer. Das Kerlchen nannte mich mangels eines „l“ in seiner Konsonanten-Bibliothek Juniana. Oder Juni!! Und selbst nannte er sich Kuni. Alle Kinder, und auch Frau Bärbel, die Kindergärtnerin, fanden das unbeschreiblich witzig. Nun ja, man konnte darüber lachen oder auch nicht. Ich jedenfalls lachte nicht. Ich fand es nur blöd.

Der langen Rede kurzer Sinn – ich mag Kuno immer noch. Obwohl ich ihm „Juniana“ nie ganz verziehen habe!

Und jetzt starrt er mich an, als hätte er noch nie Rührei auf einem Lila Hut gesehen!

Sollte er doch dastehen wie scheintot. Das berührte mich nicht im Geringsten. Endlich löste sich seine Erstarrung und er grinste mich an. „Juli, Juli“, sagte er, „du wirst noch mal der Trendsetter für eine völlig neue Modebewegung werden.“

In diesem Moment öffnete sich die Tür zum Nebenbüro und mein Chef betrat mit federnden Schritten den Raum. Großartig, lässig, elegant wie immer.

„Frau Rothnagl…“, begann er. Und dann herrschte Stille. Mit offenem Mund starrte er mich an.

„Was kann ich für sie tun, Herr Birkenfeld?“ fragte ich so kühl, wie es mir möglich war. Herr Birkenfeld gewann mühsam seine Fassung zurück. Er räusperte sich - aber seine Stimme wollte ihm nicht recht gehorchen. Er krächzte irgendetwas Unverständliches, schüttelte den Kopf und verließ fluchtartig den Raum. Kaum hatte er die Tür hinter sich geschlossen, ertönten aus dem Nebenbüro undefinierbare Geräusche - eine Art Jaulen und Prusten. Wirklich sonderbar. Vielleicht sollte er zum Arzt gehen.

Kuno grinste unglaublich breit und verließ ebenfalls das Büro.

Nun erst bemerkte ich, dass mich auch meine Kollegin Mia über den Rand ihres Monitors hinweg entgeistert anstarrte.

„Was ist dir denn da eingefallen?“ flüsterte sie heiser. „Frag das meine Friseurin“, knurrte ich und setzte mich an meinen Computer.

„Deine Friseurin solltest du verklagen.“

„Das kann ich nicht. Die Friseurin ist meine Nichte, und sie im ersten Lehrjahr. Ich kann doch nicht meine sechzehnjährige Nichte hinter Schloss und Riegel bringen. Der Gedanke ist zwar reizvoll, aber meine Schwester würde mich erwürgen!“ Mia schüttelte immer noch fassungslos den Kopf. „Dann verklag wenigstens den Designer der Bluse. Dieses Teil ist ein Verbrechen an der Menschheit!“

Auch wenn ich die Bluse selbst schrecklich fand, gegen Mias Angriff musste ich sie verteidigen. „Die Bluse ist ein Geschenk meiner Tante Vera!“ sagte ich daher trotzig. „Der Designer wird sich schon irgendetwas dabei gedacht haben,“ fügte ich ohne rechte Überzeugung hinzu, „irgendwo auf dieser Welt trifft diese Bluse garantiert total den Zeitgeist.“

„Armer Zeitgeist“, hörte ich Mia noch murmeln. „Ein Zeitgeist, der von dieser Bluse getroffen wird, ist rettungslos verloren.“

Ich hörte ihr nicht weiter zu und machte mich mit verbissenem Eifer an die Arbeit. Ich konnte es jedoch nicht verhindern, dass der „Zeitgeist“ als kurioser Geist vor meinem inneren Auge erschien – einer, der von meiner Bluse getroffen hilflos zusammenbrach.

So viel zu meinem ersten Arbeitstag.

Nach der Arbeit schaute ich noch bei meinen Eltern vorbei. Aber davon schreibe ich morgen. Für heute reicht es mir.

Kuno – Gedanken an Juli

Der erste Arbeitstag nach dem Weihnachtsurlaub war zu Ende. Kuno räumte sorgfältig seinen etwas chaotischen Schreibtisch auf. Erstens, weil sonst die Frau, die abends hier saubermachte, mit ihm schimpfte. Und zweitens liebte er eine gewisse Ordnung.

Er musste diese Ordnung nicht haben, während er arbeitete. Da hatte er keine Zeit für so etwas. Aber ehe er nach Hause ging, liebte er es, seinen Schreibtisch aufzuräumen.

Dieser Tag heute hatte es in sich gehabt. Zuerst hatte ein Kunde seine Entwürfe für einen Flyer abgelehnt, die er mit so viel Liebe hergestellt hatte. Dann hatte die Kaffeemaschine im Büro gestreikt. Und dann musste er bemerken, dass er heute Morgen versehentlich zwei verschiedene Socken angezogen hatte. Das passte nicht zu ihm. So etwas konnte Juli passieren. Aber nicht ihm.

Ach ja, Juli. Der einzige Lichtblick dieses Tages. Kuno kannte Juli bereits seit dem Kindergarten. Er war ein Jahr älter als sie, aber sie waren in derselben Gruppe gewesen. Er hatte Juli immer gemocht. Und soweit man das von einem Vierjährigen sagen konnte, war er sogar ein wenig verliebt in sie gewesen. Damals schon. Auch während ihrer gemeinsamen Schulzeit. Er liebte sie auf seine ruhige, beständige Art und Weise.

Juli liebte ihn auch. Besonders dann, wenn sie gerade niemand anderen hatte. Aber das kam selten vor. Juli, die immer etwas chaotisch war, die Humor hatte, und mit der man immer etwas zu Lachen hatte, war stets umringt von Freunden. Er selbst war für sie so etwas wie ein Baum gewesen. Jemand, der still im Hintergrund wartete und da war, wenn er gebraucht wurde. Er hatte ihr das sogar einmal gesagt. Sie hatte ihn jedoch nur erstaunt angesehen, und dann zustimmend genickt. Mehr gab es für sie dazu nicht zu sagen. Er war ihr Baum. Und sie war zufrieden damit.

So war Juli. Und er – er hatte nicht viel mehr erwartet. Er war schon froh, wenn er ihr Baum sein durfte.

Er hatte ihr das Radfahren beigebracht, als sie fünf war. Er hatte sie getröstet, wenn sie mit ihrer besten Freundin gestritten hatte. Er hatte ihren Schulrucksack getragen, wenn er ihr zu schwer war, und ihr bei den Mathematik-Hausaufgaben geholfen. Und er war immer bereit gewesen, herbei zu eilen, wenn sie mit dem Finger schnippte.

Und als sie heute im Büro erschienen war, mit lila-gelb gemusterten Haaren und einer Bluse, die aussah, als sei sie aus dem alten Schlafzimmervorhang seiner Großmutter genäht worden, und sich verzweifelt bemühte, den letzten Rest ihrer Würde aufrecht zu halten, da empfand er einfach nur Zärtlichkeit für sie.

Trotzig hatte sie versucht, ihre Unsicherheit zu verbergen, und so zu tun, als sei ihr Outfit völlig normal. Aber Kuno kannte sie gut genug, um zu bemerken, wann ihre Coolness nur ein dünner Schutzmantel war, den sie sich anzog, wenn es schwierig wurde.

Kuno blickte zufrieden auf seinen aufgeräumten Schreibtisch, als würde er in einen stillen See schauen. Die Ordnung war sein letzter Akt des Tages, ein kleiner Triumph über das Chaos, das sich manchmal in die Stunden schlich.

Er griff nach seiner Jacke, zögerte einen Moment und sah den kleinen Kaktus auf der Fensterbank an, den Juli ihm vor zwei Jahren zum Geburtstag geschenkt hatte. „Der ist wie du“, hatte sie gesagt, „der braucht nicht viel zum Glücklichsein. Ihm genügt es, einfach dazustehen. Wie ein Baum. Wie du.“

Kuno trat aus dem Büroflur in die Kühle des Abends. Schnee knirschte unter seinen Schuhen, die Straßenlaternen warfen goldene Kreise auf den Gehweg. Er spürte, wie sich die Anspannung des Tages langsam löste. Vielleicht, dachte er, war es gar nicht so schlimm, zwei verschiedene Socken zu tragen. Vielleicht war es ein Zeichen. Ein Zeichen für ein bisschen mehr Mut zum Unvollkommenen.

Er blieb an der Straßenbahnhaltestelle stehen, als er plötzlich Julis Stimme hinter sich hörte. „Wartest du auf die Bahn oder auf ein Wunder?“ Sie grinste, ihre Haare leuchteten im Licht der Laterne, und für einen Moment schien all das Grau des Tages von ihr weggeschoben zu werden.

„Vielleicht auf beides“, sagte Kuno und lächelte zurück.

Sie stellten sich nebeneinander, nahe nebeneinander, und warteten gemeinsam. Es war wie immer – vertraut, ruhig, und doch voller Möglichkeiten. Kuno wusste, dass Juli oft in andere Richtungen strebte, wie ein Wind, der nie lange an einem Ort verweilt. Aber in diesem Moment, zwischen knirschendem Schnee, goldenem Licht und dem Atem, der in kleinen Wölkchen in der kalten Luft stand, dachte er, dass es vielleicht genügte, einfach da zu sein.

Die Straßenbahn bog um die Ecke, und Juli stieg ein. Bevor die Tür sich schloss, drehte sie sich um und sagte: „Danke, Baum, dass du wenigstens jetzt so tust, als sähe ich nicht aus wie jemand, der gerade mit einem Rührei auf dem Kopf aus der Mottenkiste gehüpft ist.“ Kuno lachte leise, winkte und sah ihr nach, bis die Bahn im Licht der Stadt verschwand.

Er hatte keine Lust mehr, auf seine Straßenbahn zu warten. Er entschied, dass ein kleiner Spaziergang ihm guttun würde, steckte die Hände in die Taschen und machte sich auf den Weg nach Hause.

Morgen würde ein neuer Tag beginnen – vielleicht mit passenden Socken, vielleicht mit einem weiteren abgelehnten Flyer. Aber auch wieder mit kleinen Momenten, die alles bedeuten konnten. Und das reichte ihm.

Dienstag, 9. Jänner - Farbexplosion mit Nebenwirkungen

Der Besuch gestern bei meinen Eltern war herzerfrischend wie immer. Meine Mutter sah mich prüfend von oben bis unten an. „Der Urlaub hat dir gutgetan, Juli“, sagte sie. „Du siehst richtig erholt aus. Nicht mehr so abgehetzt und verkniffen. Du hattest ja bereits richtige Falten im Gesicht und Ringe unter den Augen. Schön war das nicht.“ Sie schüttelte wehmütig den Kopf. „Du sahst ja fast aus wie deine eigene Großmutter!“

Dann bekam sie ihren nachdenklichen Blick – den Blick, bei dem ich genau weiß, jetzt schießt sie noch was hinterher. Und richtig. „Das war nicht fair, Juli. Das nehme ich zurück. Oma war immer sehr auf ihr Äußeres bedacht. Es ist nicht fair, sie zu beleidigen.“ Sie seufzte tief - so wie nur sie es kann. „Du sahst eben ziemlich erbärmlich aus!“

Dann betrachtete sie eingehend meine Haare. „Also ich finde ja, dass das gar nicht so schlecht gelungen ist. Jana hat ja bereits erzählt, dass die Farbe nicht so recht gegriffen hat. Zugegeben, das Gelb könnte etwas besser verteilt sein. Aber alles in allem ist es doch viel frischer als das mausgraubraun, das du vorher hattest.“

Ich spürte, wie Ärger in mir hochkroch. Meine Mutter verteidigte immer alles, was Jana - das Goldkind -, meine Schwester Katharina und mein Bruder Konrad taten. Nur ich durfte nie einen Fehler machen. Nie! Ich war immer die Schuldige. So war es schon in meiner Kindheit und so ist es bis heute geblieben.

„Und die Bluse, Juli! So frische, lebendige Farben! Woher hast du denn dieses bemerkenswerte Stück?“ Eine Antwort wartete sie gar nicht erst ab. Sie schob mich zu Papa ins Wohnzimmer und eilte in die Küche, um Kaffee zu kochen.