Tagebuch einer Spätrentnerin - Bärbel Rühl - E-Book

Tagebuch einer Spätrentnerin E-Book

Bärbel Rühl

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Beschreibung

Das Leben als alternde Rentnerin wird nicht einfacher. Da sind die vielen großen und kleinen Fallstricke des Lebens, da ist die Schrecken einflößende digitale Welt, die ein Eigenleben zu entwickeln scheint, die mich nicht nur zum Lachen bringt. Da sind die wörtlichen Stolperstellen auf dem Weg des Daseins, denen man unbedingt ausweichen sollte aber denen auszuweichen nicht immer gelingt. Aber, weitermachen ist die Devise, nicht verblüffen lassen. Unbedingt! Aufgeben ist nicht erlaubt.

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Seitenzahl: 191

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Der Beginn meiner neuen Zeitrechnung

oder

Tagebuch einer Spätrentnerin

Als ich mit 70 Jahren in den beruflichen Ruhestand trat hatte ich mir vorgenommen ein Tagebuch über das erste Jahr dieses neuen Lebensabschnittes zu schreiben, musste aber nach einigem Überlegen schnell feststellen, dass dies, wörtlich genommen, etwas langatmig werden könnte. 365 Tagebucheinträge hätten wohl zu einer Überforderung des Lesers geführt, bestimmt aber zu meiner.

Dies ist mein ganz persönliches Tagebuch und alle aufgeschriebenen Erkenntnisse haben nur sehr bedingt Allgemeingültigkeit.

Eine Warnung: Es ist nicht zum Lesen geeignet für Menschen, die noch nicht im Rentenalter sind. Es enthält deprimierende Teile und könnte die Freude auf diesen Lebensanschnitt stark schmälern.

Inhaltsverzeichnis

Tag Null meiner neuen Zeitrechnung. 29.12.

Tag 1 meiner neuen Zeitrechnung

Tag 2 meiner neuen Zeitrechnung

Januar

Februar

März

April

Mai

Juni

Juli

August

September

Oktober

November

Dezember

Tag Null meiner neuen Zeitrechnung. 29.12.

Dies ist der Tag Null für mich und das in mehrfacher Hinsicht.

Erst einmal ist meine 7.Null, nicht unerwartet aber unerwünscht, über mich gekommen oder zu mir gekommen oder einfach bei mir aufgetaucht.

Zum anderen ist es der Tag Null für einen neuen Lebensabschnitt. Ich bin heute zur Spätrentnerin geworden, im Gegensatz zu den vielen, mehr bekannten Frührentnern, die unsere Cafés und Reisebusunternehmen unterstützen.

Es ist also der letzte Tag meines Geld-für Arbeit-Lebens.

Ab jetzt ist Arbeit nur noch ehrenamtlich eine Option. Dafür gibt es ein breites Betätigungsfeld. Was wäre unsere Gesellschaft ohne die vielen vitalen, nach Beschäftigung suchenden Rentnern?

Aber will ich mich da einreihen? Ich weiß es noch nicht. Es wird sich zeigen, wie sich mein Spätrentnerdasein entwickeln wird. Erst einmal werde ich sehen, ob ich etwas vermisse, ob ich Lücken füllen muss oder ob ich zufrieden bin mit dem, was meine tägliche Routine werden wird.

Ich habe Pläne für mich selbst. Einen Gang oder auch zwei herunterschalten, mein Lebenstempo meinem Alter anpassen. Viele Reisen unternehmen, ich habe schon einige Reiseziele ins Auge gefasst. Lesen, viel lesen. Das muss nicht hohe Literatur sein, das können einfach Bücher sein, die zum Weiterlesen anregen, weil sie so überzeugend geschrieben sind oder ein interessantes Thema behandeln. Ins Kino gehen, ins Theater, in Konzerte. Es gibt so viele Dinge, die in den letzten Jahrzehnten einfach zu kurz gekommen sind.

Und vor allem Freundschaften pflegen. Ich brauche menschliche Kontakte für mein Wohlbefinden, unbedingt. Ich weiß, dass es Menschen gibt, die mit ihrem Hund, ihrer Katze oder nur mit sich selbst zufrieden sind. Obwohl ich von solchen Aussagen nicht ganz überzeugt bin. Wir alle brauchen Dialoge, Gedankenaustausch, sonst werden wir zu Caspar Hausers und wer will das schon freiwillig?

Vielleicht ist das Bedürfnis nach solchen Kontakten nicht bei allen Menschen gleich stark, der eine braucht weniger davon, der andere mehr aber ich glaube nicht, dass ein menschliches Wesen mit sich allein zufrieden sein kann oder mit einem Tier als Ersatz.

Ich weiß für mich jedenfalls, dass ich den Austausch mit Menschen dringend benötige um zufrieden zu sein.

An diesen Zielen will und muss ich arbeiten und damit fange ich gleich einmal an. Also gehe ich in einen Buchladen und kaufe mir einen Stapel Bücher, in ein Reisebüro und hole mir Reisekataloge, ich erforsche die Programme der Theater, der Kinos und weitere Veranstaltungstermine. Und ich mache das alles gaaanz laaangsam, so ganz anders als bisher. Das kann schon einige Tage dauern.

Und ich verabrede mich mit 3-4 Freundinnen für die kommende Woche. Das sollte erst einmal an Aktivitäten reichen. Es soll nicht zu viel werden, ich bin schließlich in Rente!

Tag 1 meiner neuen Zeitrechnung

Meine Mutter erzählte als alte Frau von ihrem dreigeteilten Leben. Sie erzählte es allen Leuten, die ihr zuhörten und auch den anderen.

Die Dreiteilung war: vor der Ehe, Ehe, nach der Ehe.

Wegen des 2. Weltkrieges heiratete sie spät und das letzte Drittel hatte sie sich redlich verdient und genoss den Abschnitt „nach der Ehe“, nachdem ihr Mann, mein Vater, gestorben war.

Bei mir sieht das anders aus. Mein Leben ist zweigeteilt, in Familien-und Arbeitsleben, jetzt gefolgt vom drucklosen Nichtstun, Wenig tun, nur tun, was ich möchte. Es wird sich zeigen, ob das stimmt und sich so entwickelt.

Auf meiner Geburtstagsfeier hatte ich verkündet, ich wolle nicht pessimistisch sein, nicht von Leid und Krankheit erzählen aber Anderen geduldig bei diesen Berichten lauschen, meine enorm angehäuften Weisheiten nur zum besten geben, wenn erfragt und insgesamt eine verträgliche Zeitgenossin sein.

Dabei bin ich der Meinung, meine Probleme liegen ganz woanders. Z.B. sollte ich besser aufpassen auf meinen 2 Beinen zu bleiben und das meine ich wörtlich und nicht über jede Unebenheit auf dem Gehweg zu stolpern und mich zum Schrecken der Leute um mich herum auch noch auf die Knie oder auf die Nase zu fallen. Heile Knochen sind viel wichtiger als ein angenehmer Zeitgenosse zu sein. Finde ich!

Diese Anziehung Richtung Füße bezieht sich beileibe nicht nur auf den öffentlichen Raum. Auch in der gewohnten Wohnumgebung, in der man die kleinen Fallen und Stolperstellen kennen sollte, lässt es sich schnell bewerkstelligen von der Vertikalen in tiefer gelegene horizontale Bereiche zu stolpern, zu fallen oder zu rutschen. Und dabei sind die alten Knochen brüchiger geworden und möchten eigentlich nur ohne größere Erschütterungen bewegt werden.

Es müsste unsichtbare Gehstöcke oder Gehwagen geben, dann hätte ich die wichtige Unterstützung dieser Geräte ohne das peinliche Eingeständnis einer eventuellen Notwendigkeit. Aber so weit bin ich zum Glück noch nicht.

Oh Graus, oh Graus, wie soll es erst werden mit einer 8 oder 9 vor der Null?

Abwarten und nicht verblüffen lassen ist meine Devise.

Tag 2 meiner neuen Zeitrechnung

Heute ist ausgerechnet auch noch Silvester. Der Tag der Reflektion, der Abrechnung mit den guten Vorsätze der letzten Jahreswende und der Formulierung der neuen, die man spätestens am 15.1. des neuen Jahres wieder vergessen oder weil zu schwer durchsetzbar, entschuldigend lächelnd, auf den nächsten Silvester verschoben hat. Das Vergessen der guten Vorsätze kann aber auch viel schneller gehen, die Wahrscheinlichkeit für eine längere Dauer ist da ehr selten. Die Halbwertzeit lässt sich meist in Tagen beziffern.

Trotzdem ist dies der Tag schlechten Gewohnheiten den Kampf anzusagen, voller guter Vorsätze und der Überzeugung in die eigene Durchsetzungsfähigkeit gegen sich selbst. Naja, und wenn es nicht klappt, also nicht so ganz wie gewünscht, sich nicht so umsetzen lässt wie gehofft, also dann…….. war der Versuch zumindest sehr lobenswert. Man sieht ja, die Anderen schaffen es auch nicht oder oft nicht oder positiv ausgedrückt: selten.

Bei mir fällt der Rückblick etwas umfassender aus, nicht nur das zu Ende gehende Jahr betreffend, nein, mein ganzes bisheriges Leben

Aber, ehrlich gesagt, diese Gedanken will ich eigentlich gar nicht aufkommen lassen. Es war wie es war und ich möchte nicht noch einmal 20 oder 30 sein. Ich würde doch nur wieder dieselben Fehler machen. Nein, das will ich nicht. Und was vorbei ist, ist vorbei. Da kann man nichts machen, da kann man nichts ändern. Ich sehe nach vorn. Jawohl!

Ist da denn noch etwas worauf ich mich freuen kann? Da wird schon noch etwas sein außer sich morgens schon auf das Fernsehprogramm am Nachmittag oder am Abend zu freuen. Außerdem weiß ich gar nicht, wie lange mir dieses Medium noch erhalten bleibt, bei der rasanten technischen Entwicklung. Man erhalte mir meine abendliche Sofaecke mit Blick auf Pilcher, Jauch, Kleber und Co. Was mag nur danach kommen?

Januar

Die Sonne scheint und das am 1.1. Was will ich mehr?

Es hat ja auch absolut keinen Sinn zu erwarten oder zu erhoffen, dass:

Donald Trump durch eine Gehirnzellenauffrischung zu irgendwelchen allgemeinverträglichen Reaktionen und Denkweisen fähig werden könnte.

Herr Erdogan und Kimm Jon Un ihre Aggressionspotentiale in einer Boxarena oder an einem simplen Punchbag abreagieren werden und dann milde lächelnd und in ganz neuem Geiste in der Öffentlichkeit wieder auftauchen.

dieser eigenartige Herr Dutarte von den Philippinen wegen vielfachen Mordes vor Gericht und dann im Gefängnis landen wird.

Ich hätte da einen Vorschlag zu machen. Die UNO hat so viele Untergruppen, warum nicht eine mit der Bezeichnung großes „P“ und kleines „g“. Dies stünde für „Psychiatrie geschlossen“. Bei Verurteilung einer Person durch die UN-Vollversammlung mit einer Zustimmung von 89,99% dürfte es nicht möglich sein von einer Nation ein Veto einzulegen. Bei einem solchen Abstimmungsergebnis müsste eine Resolution angenommen und die zur Verurteilung gebrachte Person von Blauhelmen verhaftet und in „P g“ verbracht werden. Hier könnten sich dann kleine Skatrunden zusammen finden. Die UN müsste nur ein Auge darauf haben, das die Zahl der Eingewiesenen sich durch 3 teilen ließe. Sollte einer der bekannten Choleriker ausflippen, käme er in eine Gummizelle bis er wieder ruhig lächeln kann.

Doppelkopf wäre als Beschäftigungstherapie nicht so sehr geeignet, weil sich hier Partner zum Zusammenspiel finden müssten. Die einsitzenden Patienten haben aber schon vor der Einweisung unter Beweis gestellt, dass sie dazu nicht in der Lage waren.

Bridge bietet sich auch nicht unbedingt als Freizeitgestaltung an, da ich gehört habe, dass dies doch eine gewisse Intelligenz voraus setzt. Nähere Erläuterungen erübrigen sich sicher.

Also, was die oben erwähnten Herren betrifft, so wird das neue Jahr in dieser Hinsicht nicht unbedingt Verbesserungen mit sich bringen. Oder doch?

Aber die Sonne scheint. Habe ich das schon erwähnt? Das sollte pessimistischen Gedanken und Vorhersagen das Bedrückende nehmen. Was sagt der Volksmund: Versuch macht kluch. Also werde ich mir eine Liste mit positiven Vorhaben für den heutigen Tag aufschreiben und so versuchen die schlimmen Dinge dieser Welt in den Hintergrund zu drängen.

Eine Kerze zum Frühstück anzünden (nicht vergessen sie wieder auszumachen)

Meine Freundin anrufen (oder doch nicht, sie erzählt so viel von ihren Rücken-Hüft- Kopfschmerzen)

Mir einen Blumenstrauß kaufen ( ach nein, das geht nicht, heute ist Feiertag)

Das wunderbare Marzipan, natürlich Niederegger, von Weihnachten ist noch da, mmhh (und dann wieder von den Pfunden runter kommen?)

Spazierengehen ( im Radio sagen sie gerade, dass Regen und Sturm im Anzug sind, also ade Sonne)

Es wird ja wohl auch Vorhaben geben ohne Bedenken auszulösen. Da denke ich noch immer positiv.

Bisher hat sich mein Leben so gestaltet wie ein durchschnittliches Frauenleben ebenso abläuft, sich fortwährend entwickelt, abschnittsweise, ein Teil aus dem anderen.

Schule, Berufsausbildung, Partnerfindung, Heirat, Kinder, Familienleben, daneben Berufstätigkeit, Kinder aus dem Haus. Alles schön eines nach dem anderen oder auch einiges parallel, wie man das eben so lebt.

Bis hierhin habe ich es geschafft, alles ist „Gewesenes“, ist nicht mehr im Vordergrund. Nun ist ein wichtiger Teil meines Erdendaseins vorbei.

Ab jetzt geht es ums Überleben!

Wie werde ich ohne Herzinfarkt, ohne Diabetes, ohne Krebs, ohne Alzheimer, ohne Schlaganfall alt? Was muss ich beachten um möglichst unbeschadet ans Ziel zu kommen? Naja, das Ziel ist natürlich nicht wirklich das Ziel, denn das Ende ist bekannt aber kann im eigentlichen Sinne nicht das von mir gewählte Ziel sein.

Was ist also das Ziel? Ich will es einmal so ausdrücken, es ist das Überleben an sich. Wie man so schön sagt, der Weg ist das Ziel. Ist das ausreichend oder zu wenig für das Leben nach der Berufstätigkeit?

Bis jetzt bestand mein Leben aus Etappen mit kleinen Zwischenzielen. Jetzt, mit der letzten Etappe, kommen nur noch Höhepunkte oder ggf. auch Tiefschläge. Wenn ich es nüchtern betrachte, kann auch der letzte Lebensabschnitt durchaus noch weiterführende Unterteilungen bekommen, kleinere Wohnung, Altenheim. Aber diesen Möglichkeiten will ich meine Gedanken nicht zuwenden. Ich finde sie zu unschön um darüber zu philosophieren oder ihnen vorzuhängen (im Gegenteil zum Nachhängen). Runde oder halbrunde Geburtstage und Familienjubiläen, Reisen, Bücher, Treffen im Café, Unternehmungen mit den Enkeln, den Hund ausführen, Spaziergänge, Radtouren, Kinobesuche, Theater und Konzerte. Dies sind alles kleine Höhepunkte, wenn man sie denn zu genießen weiß.

Tiefschläge möchte ich nicht aufzählen, die kommen ungefragt, die Höhepunkte müssen meist geplant werden, wenn man mal von schönen Sonnenauf- und Untergängen absieht.

Also konzentriere ich mich bei meinen Plänen und Überlegungen einmal auf die aktiven Dinge und lass mich nicht von den unvermeidlichen passiven Überraschungen ins Bockshorn jagen.

Gute Nacht!

Guten Morgen.

Was sind also die aktiven Dinge eines älter werdenden Menschen, der gut und mit Freude überleben möchte?

Na klar, neben körperlicher Fitness ist es die geistige Fitness. Wer das nicht verstanden hat muss ein Eremit sein. Das lese ich zumindest in Zeitschriften, sehe ich im Fernsehen, höre ich im Radio und erfahre ich aus der Rentnerbravo, von der wir nun auch wissen, dass sie von der Pharmaindustrie finanziert wird. Sind wir verblüfft, dass man hier wieder einmal ein Süppchen auf Kosten einer älter werdenden Generation kochen will? Wir sind doch durch das Leben klug geworden und nicht mehr so naiv wie mit 20.

Aber vielleicht ist das auch unser Beitrag um die Wirtschaft anzukurbeln und die jüngeren Mitbürger, die unsere Renten und Pensionen erwirtschaften müssen, in Lohn und Brot zu halten, indem Bedürfnisse bei uns geweckt werden, die wir erfüllen sollen oder wollen. Wäre unsere Generation weiterhin so genügsam wie sie von der Erziehung her ist, dann würde es nicht die Nachfrage nach so vielen Medikamenten, Lebensmittelergänzungsmitteln uvm. geben. Soweit zu dem vielgelesenen Apothekersprachrohr.

Aber kommen wir zu den Kernaktivitäten zurück, die unabdingbar für mich zu sein scheinen. Ich bin natürlich in einer Frauensportgruppe. Der Altersdurchschnitt in dieser Gruppe ist mit den Jahren stark gewachsen. Wir haben mit unter 50 angefangen und sind nun recht hoch geklettert, alle miteinander. Wenn ich da so an meine Großmutter denke, Jahrgang 1876 (ja, in meiner Familie wurde in den letzten zwei Generationen spät geheiratet), die mit 86 starb, ist diese heutige Wirklichkeit schon erstaunlich. Nie im Leben wäre meine Oma im Alter von 70 Jahren auf die Idee gekommen irgendwelche sportlichen Aktivitäten auszuführen. Allerdings war sie auch als jüngere Frau keine Anhängerin von Turnvater Jahn. Nur gelaufen ist sie viel, das hat sie schlank und fit gehalten. Allerdings, im Vergleich zu unserer heutigen 3. Jugend, war sie schon recht alt in Aussehen und Verhalten.

Wir denken also, dass heutzutage ältere Menschen, und ich definiere hier mal ab 70, von der Fitness her jünger sind als früher. Ein Test des NDR hat in der Sendung „Plitsch“, „Wie alt sind Sie wirklich“ Erstaunliches heraus gefunden. Die Menschen, die hier getestet wurden, waren vorwiegend topfit für ihr Alter, ihr biologisches Alter war trotzdem mehrheitlich höher als ihr tatsächliches Alter. Ich kenne die angewandten Rahmenbedingungen nicht aber es handelte sich um eine wissenschaftliche Untersuchung, da sollten die Ergebnisse wohl eine gewisse Allgemeingültigkeit aufweisen. Normale „Abnutzung und Verschleiß“ sind hier Faktoren. Da gibt es nichts zu tricksen, die Gene spielen die Hauptrolle. Schade! Die andere Option wäre das Skalpell aber davon bin ich nun gar nicht überzeugt. Als gruselige Maske möchte ich nicht leben.

Trotzdem werde ich natürlich bei meinem täglichen Fitnessprogramm bleiben. Dies gibt mir zumindest das Gefühl etwas für mich und meinen welkenden Körper und gegen meinen zunehmend löchriger werdenden Geist zu tun.

Und natürlich werde ich auf meine Ernährung achten. Aber das habe ich schon immer getan. Selbstverständlich wenig Fett und Zucker. Allerdings brauche ich zum Überleben mein nachmittägliches Stück Kuchen. Es dürfen auch gerne mal zwei Stücke sein und etwas Sahne verdoppelt den Genuss. Das ist mein Alkohol, sind meine Zigarette, meine Bratwurst, sind meine Pommes.

Und dann das Thema trinken, trinken, trinken im Alter. Das ist ein Thema für sich.

Vor 35-40 Jahren fing es an, dass man gefragt wurde: Trinkst du auch genug?

Seit dem plagen wir uns, wenn wir uns denn nach den von Fachleuten angegebenen Vorgaben richten, mit Trinkmengen von 2-3 Litern täglich herum.

Kinder machen seit dem von Geburt an bis ins Erwachsenenalter keinen außerhäuslichen Schritt ohne Trinkflasche. Warum eigentlich?

Meine Antwort: Weil wir immer von Wissenschaftlern herausgefundenen Erkenntnissen folgen müssen. Dies ist für mich ein zwanghaftes Verhalten, weil wir alles richtig machen wollen. Wo bleibt da der gesunde Menschenverstand?

Warum muss jedes Kind, jeder Mensch jederzeit Zugriff zu Essen und Trinken haben, sind wir am Verhungern oder am Verdursten? Das führt dann dazu, dass wir Menschen auch generell immer alles zur Verfügung haben müssen und das bitte sofort, wenn unser Bedürfnis danach verlangt.

Die Toilettenrennerei in den Grundschulen ist nichts gegen das, was junge Erwachsene in den weiterführenden Schulen machen. Nicht wenige von ihnen haben ihre Flasche vor sich im Klassenraum stehen, oft mit Saugöffnung, als wären sie noch nicht entwöhnt worden. Die Flascheninhalte bestehen nicht etwa aus Wasser oder Fruchtsäften, nein, Eiweißgetränke und künstliche Kraftspender müssen es sein. Warum? Weil es angesagt ist, weil alle es machen und weil es aus unerfindlichen Gründen soooo gut und soooo cool ist. Sicher ist, dass irgendwer schon einen Vorteil davon haben wird, zumindest der Hersteller.

Und was oben reingenuckelt wird, auch währen des Unterrichts, muss logischerweise unten wieder raus. Da geht die Klassenzimmertür immer auf und zu und manche Lehrkraft hat ein Tuch von beiden Seiten um die Klinken gebunden um nicht immer während des Unterrichts gestört zu werden.

Die Saugkraft von Inkontinenzwindeln ist erstaunlich hoch, vielleicht wäre das eine Lösung. Schnuller und Windeln, das passt zusammen.

Ich will nicht gemein sein. Erstens gibt es sicher genügend Menschen, die nicht in diese Falle gehen und zweitens können diese Kinder und Jugendlichen nichts für ihre Erziehung. Es ist ihnen einfach von Klein an anerzogen und angewöhnt worden.

„Möchtest du etwas trinken?“, „Hast du schon getrunken?“, „Hast du deine Flasche dabei und ist sie gefüllt?“ Die Jüngeren machen das Trinken schon automatisch.

Aber wir Alten? Ach, immer muss man uns erinnern! Die Ärzte, die Familie, die Werbung, alle halten uns zum Trinken an, denn es passieren schlimme Dinge, wenn man keine 2-3 Liter am Tag trinkt. Wahrscheinlich werden wir heute älter, weil wir mehr trinken.

Dabei ist bekannt, dass auch in der festen Nahrung ein großer Teil Flüssigkeit enthalten ist. Selbstverständlich gehört Flüssigkeit zur Ernährung aber die Menge ist sicher von Mensch zu Mensch variabel, meine unmaßgebliche Meinung, ganz ohne wissenschaftliche Untermauerung.

„Haben wir heute schon genügend getrunken?“ Frage im Plural, obwohl die Einzahl gemeint ist. Natürlich müssen alte Menschen erinnert werden, wenn ihr natürliches Durstgefühl nicht mehr richtig funktioniert. Aber sie müssen an Vieles erinnert werden, nicht nur ans Trinken, wenn ihr Gedächtnis nachlässt.

Ich werde es weiterhin so halten, wie ich es schon immer getan habe. Ich trinke, wenn ich Durst habe und genauso, wie ich auf die Qualität und Quantität bei meiner Ernährung achte, so mache ich es auch bei meinem Trinkverhalten.

So halte ich es mit meiner Flüssigkeitszufuhr, anders als meine Schwiegermutter, die den Bier- und Weinkonsum in ihrer Familie damit erklärte, dass „wir nun einmal die Leber auf der Sonnenseite haben“. Was auch immer sie damit meinte.

Februar

Bisher habe ich mir Gedanken um mein körperliches Überleben gemacht. Aber ich will natürlich keine körperlich fitte aber ansonsten vertrottelte Alte werden.

Da gibt es natürlich die Klassiker Sudoku und Kreuzworträtsel. Aber mal ehrlich, Sudokus bewegen sich im Zehnerbereich. Eigentlich sogar nur von 1-9. Diese Kategorie hatte ich eigentlich in der Grundschule 2. Klasse schon gemeistert. Ist das Ausfüllen von Sudokus ein Rückschritt in meinem Leben oder Prävention nicht so leicht in dieses Alter zurück zu fallen, frage ich mich. Ich fröne dieser Freizeitbeschäftigung ohne die Antwort zu kennen und schäme mich nicht einmal.

Und Kreuzworträtsel? Sie sind ein wunderbarer Begleiter bei langweiligen Fernsehprogrammen und auch andere Lückenfüller. Naja, alles soll mir recht sein, was meinen Kopf aktiviert, natürlich.

Ach, Lesen habe ich vergessen. Lesen bildet, sagt man. Dem kann ich ohne Einschränkung zustimmen, obwohl es auch Lesestoff gibt der eher in die andere Richtung geht und entbildet.

Aber was mir am wichtigsten ist, ist Kontakt zu und mit andern Menschen. Gespräche und zwar die, in denen man sich tatsächlich real ansehen kann, gemeinsame Unternehmungen, das alles ist für mich wichtig. Natürlich sind Dialoge wie diese:

„Ich habe dich nicht verstanden. Kannst du mal lauter sprechen. Ich glaube, du sprichst extra leise.“

„Nie verstehst du mich, du verstehst mich sowieso nicht.“

oder

„Was machen wir heute? Wollen wir spazieren gehen, wollen wir jemanden besuchen oder einladen? Oder hast du eine andere Idee?“

„Immer musst du etwas machen. Ich habe gar keine Zeit.“ usw., usw.

nicht gemeint, sondern oft mehr frustrierend als förderlich für das Allgemeinbefinden. Aber sie regen die Gesprächspartner immerhin auf oder im besten Falle an und der Kreislauf kommt in Fahrt. Das ist auch richtig wichtig!

In diesem Sinne: Reibung ist besser als stummes Sitzen in der Sofaecke, ganz bestimmt. Aber noch viel besser ist ein mehr harmonisches Miteinander, auch in Gesprächen.

Wer braucht schon menschliche Isolation, Einsamkeit und das stumme Warten auf das unvermeidbare Ende?

Da wir schon einmal bei den kognitiven Fähigkeiten sind…… Es gibt ein Problem, über das alle älter werdenden Menschen klagen (außer natürlich Helmuth Schmidt und ähnliche Größen. Aber vielleicht hatten die nur eine besser funktionierende Trickkiste, die sie meisterhaft beherrschten…).

Ich meine natürlich die zunehmende Vergesslichkeit.

„Meine Güte, da gehe ich in die Küche und habe total vergessen, was ich da eigentlich wollte.“

„Alles muss ich aufschreiben, sonst vergesse ich die Hälfte.“

„Wenn ich jemandem auf der Straße begegne fällt mir oft partout nicht der Name ein.“

Und da hilft es auch nicht, wenn jüngere Zeitgenossen bemerken: Ach, das passiert mir auch oft.

Nachdem ich eine solche Situation mit einem Lächeln und Kopfnicken überspielt habe fällt mir natürlich der Name ein, sobald ich weiter gegangen bin. Ich könnte nun ja hinter der Person herrufen:

„Mensch Henning, wie geht’s? Was macht Gisela (seine Frau), ist Sebastian (sein Enkel) mit dem Studium fertig? Und wie geht es dir nach dem Herzinfarkt?“

Denn inzwischen sind mir all diese Einzelheiten wieder eingefallen. Aber die Blöße kann ich mir nicht geben. Da wird Henning dann sicher nachher zu Gisela sagen:

„Ich habe vorhin, ach, wie heißt sie noch? getroffen. Die hat sich aber komisch verhalten.“

Dumm gelaufen für uns beide. Dabei hätten wir so schön einen kleinen Plausch halten können.

Nach Feststellung der Tatsache Vergesslichkeit geht die Suche nach Vermeidung oder Kompensationsmöglichkeiten dieser Schwäche los.

Also, ich gehe das Problem oft folgendermaßen an: Ich gehe das Alphabet im Kopf durch. Es funktioniert so, dass ich in 50% der Fälle nach einem Durchgang von A-Z fündig werde. Weitere 20% bringen Erhellung bei wiederholten mentalen Durchgängen des ABC und der Rest wird meist zukunftsnah gelöst. Das ist eine Trefferquote von sagen wir einmal 80% innerhalb der ersten 5 Minuten. Das finde ich nicht so schlecht, ist aber eindeutig eine unbrauchbare Methode während eines Gesprächs.

„Gestern habe ich, äh, wie heißt sie noch mal……?“

„Von wem sprichst du?“

„Du weißt doch, die…………… Warte mal eben, es fällt mir gleich wieder ein.“

5 Minuten Pause. Alphabet durchgehen.

„Ich meine natürlich Barbara.“

„Ach so.“

Inzwischen hat sich der Gesprächspartner andern Dingen zugewandt.

Seit einigen Jahren gibt es Gedächtnistrainingsveranstaltungen (schon das Schreiben dieses Wortes setzt eine gewisse Hirnfunktion voraus). Mögen sie helfen! Zumindest könnte die soziale Komponente hier eine positive Wirkung haben.

Was bleibt mir also anderes übrig als mir kleine Eselsbrücken zu bilden, so viele Kontakte wie möglich mit allen Altersgruppen meiner Spezies zu pflegen und ansonsten dem Schicksal ins Auge zu sehen.