Tagebuch einer Trennung - Lina Scheynius - E-Book

Tagebuch einer Trennung E-Book

Lina Scheynius

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Beschreibung

Tagebuch einer Trennung ist das literarische Debüt der gefeierten Fotografin Lina Scheynius. Geschrieben in erschütternd ehrlicher Prosa, die der rohen und verletzlichen Intimität von Lina Scheynius' fotografischem Werk entspricht, handelt Tagebuch einer Trennung von den Nachwirkungen des Endes einer Beziehung. Das Buch, ursprünglich über sechs Monate in Tagebuchform aufgezeichnet, erforscht Gefühle von Trauer, Angst, Liebe, Begehren und Wut, die mit dem Ende einer Beziehung einhergehen, und setzt sich mit der Frage auseinander, wie man wieder lernen kann zu vertrauen. Vor allem sich selbst.  Einige Jahre nach der Trennung reflektiert Lina Scheynius diese intensive Zeit unmittelbar nach dem Beziehungsende und verflicht die originalen Tagebucheinträge mit im Rückblick entstandenen essayistischen Texten. Damit lässt sie in Tagebuch einer Trennung die Grenzen zwischen Memoir, Essay und Autofiktion verschwimmen, erweitert den Blick auf Kunst, Fotografie, Schreibpraxis, Körper, Sex und (Nicht-)Mutterschaft, darauf, was es bedeuten kann, ein Mensch, eine Frau, eine Künstlerin in dieser Welt zu sein. Durchsetzt mit Schwarz-Weiß-Fotografien und geschrieben mit schamloser, ungefilterter Ehrlichkeit, bezeugt Tagebuch einer Trennung das Vergehen der Zeit und das transformative Potenzial von Kreativität.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 137

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Lina Scheynius

Tagebuch einer Trennung

Aus dem Englischen von Eva Bonné

AKI

Wann kam mir die Idee zu diesem Buch? Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß nur noch, dass ich im Sommer 2019 die Tagebücher aus der Zeit meiner sechsjährigen On-off-Beziehung auf die Insel Fårö mitnahm und sie dort noch einmal las. Irgendetwas hatte mich davon abgehalten, mit der ganzen Sache abzuschließen; ein Jahr nach ihrem offiziellen Ende verfolgte die Beziehung mich weiterhin. Ich hoffte, mich ans andere Ufer zu retten, indem ich das Ganze erneut durchlebte, diesmal im Namen der Kunst.

Während ich auf der Insel die Tagebücher las, bemerkte ich, dass die Einträge über die schleichende Beziehungsanbahnung meine Aufmerksamkeit nicht fesseln konnten. Mir wurde außerdem klar, dass ich die ganze Geschichte nur würde erzählen können, wenn ich meine vorigen Beziehungen zu anderen Männern offenlegte. Das alles hatte sich nicht in einem Vakuum abgespielt.

Ganz anders als die Trennung, die sich wie ein isoliertes Ereignis angefühlt hatte. Irgendwann beschloss ich, meinen Fokus genau darauf zu richten. Auf das letzte Kapitel.

Ich tippte das Trennungstagebuch ab. Sechs Monate der Worte, Erinnerungen und Gefühle. Ich ließ mir Zeit. Es machte keinen Spaß. Ich hielt trotzdem durch und lernte, die Worte besser zu verkraften. Manchmal unterbrach ich die Arbeit und stand auf, um zu tanzen. Ich wollte mich bewegen, zappeln, springen.

Ich bezog andere mit ein. Meine Agentin Seren Adams verkaufte die Rechte an Jess Chandler von Prototype. Ich weiß noch, wie ich mit Seren und ihrem Hund am Kanal hinter King’s Cross spazieren ging und versuchte, ihr die letzten Tage mit ihm zu schildern. Mir wurde schwindlig dabei. Anfangs befürchtete ich, das Projekt abbrechen und die Leute, die daran glaubten, enttäuschen zu müssen. Aber ich schrieb weiter und behielt die Notbremse als heimliche Option im Hinterkopf.

Weil das Tagebuch fast vollständig auf Schwedisch verfasst war, konnten weder Seren noch Jess es lesen. Im Herbst 2023 kam Saskia Vogel dazu und machte sich daran, den Text ins Englische zu übersetzen. Als ich neben ihr auf einer Parkbank in Berlin saß, wurde mir nicht mehr schwindlig, als ich über das Ende sprach. Das alles war jetzt mehr als nur eine durchlebte Erfahrung; es wurde zum Buch.

Im Winter begann ich mit der Arbeit an den Essays, die jetzt meine Tagebucheinträge flankieren. Sie waren nicht von Anfang an geplant, sondern entstanden erst nach den Gesprächen mit Saskia, Jess und Seren. Ich habe sie auf Englisch geschrieben. Der Prozess war unglaublich befreiend. Ich verliebte mich in die Gefühle, die dabei aufkamen: Ich fühlte mich beschwingt, stark in meiner Verletzlichkeit, auf das Angenehmste erschöpft. Ich machte auch Fotos, Schwarz-Weiß-Bilder von dem langen schwedischen Winter, den ich schreibend am Computer verbrachte. Eigentlich bin ich Fotografin, dieser Teil fiel mir also leicht. Meine Idee erblühte zu einer geheimnisvollen Sache, die sich als viel größer erwies als anfangs vermutet.

Gern würde ich die Frage beantworten, woher meine Idee überhaupt kam. Unsere letzten gemeinsamen Tage verbrachten wir in einem Hotelzimmer in Stockholm. Die Zeit, bevor er mir den Trennungsbrief gab, gehört zu den erschütterndsten und verwirrendsten meines Lebens. Ich kann mich nur bruchstückhaft an sie erinnern, und wenn ich heute versuche, die Erinnerung abzurufen, zieht sich in meinem Brustkorb etwas zusammen. Er saß auf dem Boden und beugte sich über einen Plastikeimer. Er wünschte mir den Tod. Er redete vor sich hin. Er weinte. Ich war vor Anspannung wie gelähmt und wusste nicht, was er als Nächstes tun würde. Ich hatte Angst. Um zu ihm durchzudringen, kletterte ich irgendwann ins Fenster, setzte mich auf den Sims und flehte ihn an, endlich aufzuhören. Dort draußen, jenseits des Chaos, lag eine regnerische, dunkle Stockholmer Nacht. Auf einmal wollte ich raus. Ich wollte erzählen, wie schlecht er mich behandelt hatte. Ich wollte damit nicht länger allein sein. Sehnte ich mich nach Rache oder nach Heilung? Spielt es eine Rolle? Es war der Moment, bevor alles zerbrach. Bevor sechs Jahre der Verwirrung, der Anspannung und der Konflikte sich endgültig auflösten.

 

Lina Scheynius, im Juli 2024

In unseren letzten gemeinsamen Wochen gab A mir einen neuen Spitznamen: Shamu-Shay. Schon seit Jahren dachte er sich verschiedene Wortkombinationen mit »Shay« aus, als Anspielung auf meinen Nachnamen. Shamu war der Name eines berühmten Wals. Er meinte, seit unserem letzten Treffen hätte ich zugenommen, es sei ihm schon an meinem Gesicht aufgefallen, als ich ihn in meinem dicken Wintermantel vom Bahnhof abgeholt hatte. Zum Ende hin wurde seine Grausamkeit immer offensichtlicher. Ich konnte nicht mehr daran zweifeln oder sie als etwas anderes interpretieren. Er gewöhnte sich an, in meiner Gegenwart Kopfhörer zu tragen, er lief vor oder hinter mir her und hatte dabei Musik auf den Ohren wie ein Teenager. Während des Urlaubs versteckte er sich in seinem Handy. Er war kurz vor dem Absprung, aber er wartete darauf, dass ich die Entscheidung traf und ihm die Schuldgefühle ersparte. Er wollte, dass wir es gemeinsam zu Ende brachten.

Jetzt, so viel später, ist alles klar. So unglaublich klar.

Er nannte mich eine Hexe. Er sagte, ich hätte die Macht, die Wirklichkeit zu meinen Gunsten zu verändern. Wenn die Dinge so liefen, wie ich es wollte, bekam er Angst. Jeder Gewinn für mich war sein Verlust.

Manchmal sprach er von einer Frau aus seiner Vergangenheit. Er wünschte sich, ich wäre mehr wie sie. Diese Frau hatte ihn vergöttert, sie war sein größter Fan gewesen und hätte alles aufgegeben, um ihn zu unterstützen. Gleichzeitig zogen meine Leistungen ihn an, er wollte von mir lernen, wollte meinen Erfolg für sich selbst.

Alles, was mir Vergnügen oder Freude bereitete, war ihm leicht unangenehm. Er brachte mich regelmäßig zum Orgasmus, das aber nicht nur zu meinem Vergnügen, sondern um sich seine Fähigkeiten und seine Kontrolle über mich zu beweisen. Er leckte mich nur ungern.

Eine seiner Foltermethoden war Ehrlichkeit. Er wollte reden, er wollte sich öffnen, er wollte, dass ich ihm zuhöre, ihn vollkommen akzeptiere und ihn »bedingungslos liebe«. Er öffnete sich mir in regelmäßigen Sitzungen, die sich in einem gleichbleibenden zeitlichen Abstand wiederholten. An den genauen Inhalt dieser Gespräche kann ich mich nicht erinnern, aber immer, wenn ich besonders aufmerksam zugehört hatte und wir glaubten, einen Fortschritt erzielt zu haben, sprach er ein neues Problem an. Manchmal fiel es mir schwer, ihm so zuzuhören, wie er es sich wünschte. Irgendwann war die Grenze überschritten, und ich konnte kein weiteres Wort mehr ertragen – stattdessen weinte ich, wurde wütend oder schaltete ab. Wenn ich versuchte, mich zu entziehen, wurde er nachgiebig und holte mich durch seine Zärtlichkeit und seinen Humor zurück. Er sagte, er wolle einfach nur ehrlich sein; anscheinend war er kein Sadist. Er sagte, meine Reaktion würde ihn verletzen.

Ich investierte enorm viel Zeit und Energie in die Lösung unserer Probleme. Ich wollte ihm eine bessere Freundin sein, fügsamer und zufriedener. Ich las alle Bücher über Beziehungen und mentale Gesundheit, die ich in die Finger bekam, ich recherchierte im Internet und bat andere um Rat. Meine Arbeit litt darunter. In diesem Chaos namens Beziehung hatte sie an Bedeutung verloren. Meine Freundschaften litten ebenfalls. Einige meiner Freundinnen konnten ihn nicht leiden, und er gab sich keine Mühe, etwas daran zu ändern. Mein Körper litt. Ich bekam eine Erkältung nach der anderen, was ihn nervte.

Nach etwa zwei oder drei gemeinsamen Jahren attestierte er mir eine Borderline-Persönlichkeitsstörung. Seither habe ich viel Zeit in Therapie verbracht, doch diese Diagnose wurde mir kein einziges Mal gestellt oder auch nur erwähnt. Er lag komplett falsch. Aber damals ließ ich mich von ihm erklären und definieren. Ich verleibte mir die neue Identität ein und erlaubte ihm, mir aufzuzeigen, wer ich war und warum ich mich in unserer Beziehung so instabil fühlte. Ich versuchte, an mir zu arbeiten, ruhiger, ausgeglichener und freundlicher zu sein.

Das erste Mal, dass er mit mir Schluss machte, war auch das erste Mal, dass er sagte, er liebe mich. Der Trennungsbrief, den er mir Jahre später aufs Kopfkissen legte, war in erster Linie ein Liebesbrief. Ich empfing so viele gemischte Signale, dass ich mich irgendwann selbst nicht mehr verstand.

Wenn ich das schreibe, schäme ich mich. Ich schäme mich, weil ich zugeben muss, dass ich trotz allem bei ihm geblieben bin. Ich möchte eine Person sein, die Unrecht erkennt und die sich weigert, es einfach hinzunehmen. Eine Person, die versteht, dass das keine Liebe war.

Einmal, etwa sechs Monate vor dem Ende unserer Beziehung, sagte er, am liebsten würde er mich ins Gefrierfach legen und dann in Ruhe entscheiden, ob er den Rest seines Lebens mit mir verbringen wolle oder nicht. Dieses Bild fängt alles perfekt ein. Ich wartete auf sein Urteil und wurde immer passiver. Ich versuchte fieberhaft, mich in die Frau zu verbiegen, die er anscheinend wollte. Ich verlor meinen Ehrgeiz und meine Lebensfreude. Und als es zu Ende ging, fand ich mich in einer stockfinsteren Welt ohne Konturen wieder; zu viele Anteile von mir lagen im Dämmerschlaf, und nun war ich verloren.

Den Rückweg fand ich, indem ich wieder Vertrauen zu mir selbst fasste.

***

Es war nicht leicht, dieses Tagebuch noch einmal zu lesen. Viele schwierige Erinnerungen und Emotionen kamen hoch, bisweilen spürte ich sogar körperliche Schmerzen. Ich hatte Mühe, mit der Frau aus den Tagebucheinträgen in Kontakt zu treten. Bei dem Gedanken, diese verletzliche Seite meiner selbst mit der Welt zu teilen, wurde mir schlecht. Außerdem war mir bewusst, dass er das Buch möglicherweise lesen würde und verletzt wäre. Vielleicht würde er sich genötigt sehen, darauf zu reagieren. Aber dieses Buch ist nicht für ihn. Während ich das Tagebuch an meinem Laptop abtippte, legte ich immer wieder Pausen ein und tanzte zu lauter Musik, wie um das abzuschütteln, was sich in meinem Körper breitgemacht und festgesetzt hatte. Ich tanzte wild, mit großen, ausladenden Bewegungen.

Natürlich war nicht immer alles schlecht. Ich habe auch viele schöne Erinnerungen. Damals sehnte ich mich nach diesen Momenten und klammerte mich an die Zeit, die ich genossen hatte. Nun, da sich meine Wut und Trauer gelegt haben, wirken diese Erinnerungen noch lebendiger. Sie sind ein Teil von mir und werden es immer bleiben. Ich weiß noch, wie wir in der letzten Woche in Abisko stundenlang am knisternden Kaminfeuer saßen und Schach spielten; wie wir uns in dicke Kleiderschichten hüllten und glücklich wie kleine Kinder durch den tiefen Schnee stapften, während hoch oben am Himmel die Nordlichter tanzten, wie wir kurz vor Mitternacht ins Hotel zurückkehrten, einander die Kleider vom Leib rissen und küssend das neue Jahr begingen. Er war mein Freund, mein Geliebter. Er war klug, seine Gedanken unterhielten und beschäftigten mich. Wir spielten. Wir versuchten, einander zu verstehen und besser zu kommunizieren. Es gab auch gute Zeiten.

Heute ist er nicht mehr Teil meines Lebens. Der Kontakt ist abgebrochen, und ich kann mir nicht vorstellen, ihn jemals wieder aufzunehmen. Es war zu lange zu schmerzhaft. Zu viel Energie wurde verbraucht. Mein Herz war ihm egal.

Noch lange nach der Trennung waren die folgenden Worte mein Mantra: »Zu gehen und nicht zurückzukommen ist das Beste, was du für mich getan hast.« Der Satz gab mir Kraft, wenn ich sie brauchte, dennoch bedeutet er eine Vereinfachung. Die ganze Geschichte und meine Rolle darin aus dem Abstand heraus zu verstehen, fällt mir schwer. Die Zeit hilft definitiv. Seither ist viel passiert. Meine Gedanken von damals sind jetzt ein Buch, das Leute in den Händen halten und lesen können. Vielleicht berührt es sie, vielleicht kann es ihnen sogar helfen. Es gehört nicht mehr nur mir allein.

Tagebuch einer Trennung

Ich lernte ihn auf einer Dachterrasse in Manhattan kennen, bei einer Party, wo ich in einer großen Runde auf einem Kunststoffstuhl saß. Ich gehe nur selten auf Partys, aber weil ich im selben Gebäude lebte, war der Weg zu kurz, um nicht hinzugehen. Ich weiß nicht mehr, was ich an dem Tag trug, oder er, oder ob der Abend warm war. Aber ich kann mich noch gut an meine Überraschung erinnern. Er war scharfsinnig, und als wir über meine Arbeit sprachen, stellte er mir ungewöhnliche Fragen; er war aufmerksam und ein bisschen provokant. Sehr intelligent. Ich weiß noch, dass ich in seiner Nähe bleiben und ihm zuhören wollte. Einer seiner Freunde brachte ihm einen schwedischen Anmachspruch bei, den ich nicht kannte und seither auch nie wieder gehört habe: »Jag kan se mina framtida barn i dina ögon.« Aus der Gruppe wählte er ausgerechnet mich als Testobjekt aus. Er sah mir direkt ins Gesicht und wiederholte in meiner Muttersprache: »Ich kann meine ungeborenen Kinder in deinen Augen sehen.« Wer flirtet so? Ich war fasziniert. Seine Aussprache war gut, er hatte ein Talent für Sprachen, Worte, Menschen.

Er nahm mich mit an den Jersey Shore. Auf der Hinfahrt fragte er mich nach meiner Zeit als Model aus. Wieder wollte er Dinge wissen, die nie zuvor jemanden interessiert hatten. Ich erzählte ihm alles, und er hörte zu. Ich glaube, ich habe ihm auf dem dunklen Strand einen geblasen, oder vielleicht hatten wir auch nur darüber geredet. Irgendwann saßen wir in einer Bar und erkannten am Nebentisch den Pornostar Ron Jeremy wieder. Er hatte einen Haufen Bargeld dabei und war in Begleitung einer Frau. Ist er das wirklich? Tatsache. Er wollte mir sogar seinen Schwanz zeigen, aber ich lehnte höflich ab, was ich im Nachhinein bereue. Er gab uns Getränke aus. Ich glaube, er trug ein T-Shirt mit der Aufschrift Pornostar im Ruhestand – also Ron, nicht mein Date. Weil mir kalt war, kaufte mein Date mir einen grellen Kapuzenpulli mit der Aufschrift Jersey Shore. Als er mich darin sah, musste er lachen. Auf dem Rückweg nach New York standen wir in einem Tunnel im Stau. Als ich ihm von meiner Angst vor Tunneln erzählte, erfand er eine Geschichte über Tunnelmenschen, die unter der Erde leben. Ich sah die Red Flags nicht, von denen alle sprechen, genauso wenig hörte ich Alarmglocken schrillen; ich fühlte mich geborgen. Ich weiß noch, wie wir uns abends auf einer Dachterrasse küssten. Ganz Manhattan lag uns zu Füßen.

Januar 2018

3. Januar, im Zug von Abisko nach Stockholm

 

Die ersten Worte des Jahres. Ich sitze im Speisewagen und esse ein Krabbenbrot. Der Funkenflug des Zuges lässt die vorbeiziehenden Kiefern grün leuchten.

8. Januar, Stockholm

 

DASENDE. SEITGESTERNISTESVORBEI. TRAUER. FREIHEIT.

 

Mauern. So viele Mauern. So viele Warnzeichen. So viele gemischte Signale. So viel Unbehagen. So viel Liebe. Sein Brief ist schön geschrieben. Er kann nicht gut mit Druck umgehen. So viel Widerstand. So viel Hin und Her. Beim zweiten Versuch gab es so viel mehr davon, sagt er, weil es diesmal so viel ernster war. Weil er sehen konnte, dass ich viel geerdeter war.

 

Ich träume von Sperma. Seinem, idealerweise. Ich habe ihn gefragt, ob er mir vielleicht etwas davon geben würde. Er sagte, er denkt drüber nach. Wahrscheinlich wird er Nein sagen, aber ich klammere mich an einen letzten kleinen Traum: ein Kind mit ihm. Ein Kind, für das er keine Verantwortung übernehmen müsste. Ein Geschenk. Das schönste Geschenk, das es gibt.

 

Ich bereue es ein bisschen, dass ich nicht nach New York City gegangen bin, aber vielleicht wäre es dann noch schwieriger geworden. Er war gestresst. Er wollte raus. So ein extremer Stress. Solche Ängste. Unglaublich, wie lange er es mitgemacht hat. Und jetzt ist er immer noch hier und tröstet mich, weil ich weine. Er hält mich im Arm. Und ich ihn. Selbst jetzt kümmern wir uns umeinander. Jetzt, in der dunkelsten, schlimmsten Stunde.

 

Er sagt, dass er mich belastet hat und dass ich ohne ihn umso heller strahlen werde. Dass er meinen Bedürfnissen und Träumen im Weg stand.

 

Was mache ich jetzt? Kontaktabbruch? Für wie lange? Was ist für mich das Beste? Er will mich in seinem Leben haben. Vielleicht will ich ihn auch in meinem. Wenn ich nicht mehr verliebt bin. Ich habe solche Angst davor, dass er mit einer anderen zusammenkommt. Er wird eine andere kennenlernen. Meine Angst davor ist so groß.

 

Mir ist schlecht. Nachdem er mir den Brief gegeben hat, habe ich mir die Finger in den Hals gesteckt. Es kam nichts raus, aber seither ist mir schlecht. Kein Appetit. Zittern. Ich haben geschrien und geweint. Bin schockiert, aber irgendwie auch nicht. Er versucht schon länger, so etwas zu sagen wie »Vielleicht sollten wir besser Schluss machen«. Manchmal habe ich geduldig gewartet, manchmal wütend Druck gemacht.

 

»Man muss so lieben, dass der geliebte Mensch sich frei fühlt.«