Tagebuch eines Soldaten - Raoul Rott - E-Book

Tagebuch eines Soldaten E-Book

Raoul Rott

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Beschreibung

Durch Glück, Rafinesse und eine enge Freundschaft überlebt ein junger Soldat einen Krieg. Nun versucht er seinen Platz in der Nachkriegswelt zu finden, um die prägende Vergangenheit endlich hinter sich zu lassen. Dabei stürzt er sich in einen neuen Kampf, der ihm alles abverlangt. Innerlich wie äußerlich.

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Seitenzahl: 182

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Raoul Rott

Tagebuch eines Soldaten

Raoul Rott

Tagebuch eines Soldaten

Roman

© 2023 Raoul Rott

Umschlaggestaltung: Raoul Rott (unter Verwendung von https://www.midjourney.com/)

Verlagslabel: Cothedo – Connecting the dots

ISBN Softcover: 978-3-347-74951-1

ISBN Hardcover: 978-3-347-74953-5

ISBN E-Book: 978-3-347-74956-6

Druck und Distribution im Auftrag des Autors:

tredition GmbH, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Deutschland.

Weil Wiedergeburt nicht nur eine Vorstellung und Hoffnung ist. Und weil das Leben endlich ist.

Inhalt

Cover

Halbe Titelseite

Titelblatt

Urheberrechte

Vorwort

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

20 – Epilog

Tagebuch eines Soldaten

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

Vorwort

20 – Epilog

Tagebuch eines Soldaten

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Vorwort

Keiner wird als die Person geboren, die man einmal sein wird. Zu groß ist doch die Anzahl an Möglichkeiten, die das Schicksal für uns bereithält. Blickt man zurück, kann man natürlich sagen, dass dieser Weg genauso vorherbestimmt war. Am Anfang kann man aber nicht zurückblicken. Nur am Ende. Und selbst dort kann man nur auf das zurückblicken, was war. Nicht auf das, was sein wird. Der Tod ist unumgänglich. Der Weg dorthin muss gelernt sein. Leben heißt also sterben lernen.

Ohne ein Risiko einzugehen, hätte ich sicherlich von meinen frühen Jahren berichten können oder den Späteren oder von der Zeit selbst.

Diese, meine Geschichte ist der Beweis dafür, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Wenn auch nicht so wie es die Religionen versprechen. Und doch genauso, wie es die Religionen versprechen. Mein Leben und meine Wiedergeburt sind so gesehen ein Zeugnis dafür, dass alle Religionen Recht haben. Jede auf ihre Weise. Meine Religion, die ich eigentlich nicht so nennen möchte, denn sie soll niemals eine Solche werden, beanspruche ich doch in keiner Weise die Wahrheit als solche für mich, hat mich dennoch hin zur Wiedergeburt geführt. Nennen wir sie also lieber anders. Ich denke, dass der Begriff der Realität die passendste Bezeichnung bereithält. Die Wiedergeburt also hat mich eine neue Realität annehmen lassen. Wer an diesem Teil meiner Geschichte, den ich für den Wichtigsten halte, also teilnimmt, sei gewarnt: Nun steht das Wort so, wie ich es für wichtig erachte.

Möge Justitia es mir nachsehen!

1

Der Krieg ist vorbei. Das weiß ich, weil ich überlebt habe. Das weiß ich, weil ich mich zu den Glücklichen zählen kann.

Doch es hätte alles anders kommen können, wäre es nicht für meinen teuren und treuen Freund, dem ich all dies verdanke. Dem ich verdanke, dass ich wieder des Morgens aufwachen kann und mich an den wärmenden Sonnenstrahlen erfreue, die ohne großen Widerstand durch die Fenster in mein Zimmer eindringen. Nicht bedrohlich, wie die Soldaten des Feindes, nein. Ihr einziger Zweck ist es mich mit ihrer Wärme wach zu kitzeln und mich ein ums andere Mal daran zu erinnern, dass ein neuer Tag angebrochen ist. Ein neuer Tag, an dem ich lebe.

Ich lebe und bin keiner derjenigen, die in den tiefen, nassen Gräben der Schlachtfelder qualvoll verendeten.

Vom Hunger zerfressen. Von Bomben und Granaten in tausend Stücke zerrissen oder von den ratternden Maschinengewehren gnadenlos durchlöchert. Von unzähligen Kugeln im Bruchteil einer Sekunde durchbohrt. Wie von überhungrigen Ratten, die sich gierig durch den fetten, saftigen Schinken fressen.

Blei ist es egal, aus welchem Dorf oder Land du kommst. Bleikugeln und Granaten machen da keine Unterschiede.

Man sagte uns, dass das Maschinengewehr einen schnellen Sieg für uns bedeuten würde. Dass es zu einem schnellen Ende des Krieges führen würde. Der Krieg sei vorbei, ehe wir richtig zu kämpfen begonnen hätten, versprach man uns. Allerdings hatte man uns nicht gesagt, dass der Feind genauso über Maschinengewehre verfügte. Und, dass der Feind die Gleichen, nein, dieselben Worte an seine Soldaten gerichtet hatte.

Und so zogen wir freudig in den Krieg. Träumten schon von der ersten Schlacht. Von den Heldentaten, die uns erwarten würden und über die noch in Generationen gesprochen werden würde. Aber das Einzige, was schnell kam war der Tod.

Die unzähligen Opfer, die diese neue Kriegsmaschine forderte. Sie und all die anderen Spielereien, die die Heeresleitungen beider verfeindeter Seiten an die Fronten schaffen ließen. Ein unsichtbarer Feind, der weit hinter den Linien Stellung bezog und, gnadenlos wie Regen, auf uns niederprasselte. Alles in seinem Weg zerstörend. Ewig hungrig und nie schlafend mähten die neuen Maschinen Freund wie Feind, Jung und Alt gleichermaßen nieder.

Lieber tot als ein Krüppel hieß es unter den Kameraden schon nach kurzer Zeit. Dann bekommt wenigstens die Frau mit den Kindern daheim eine gute Verpflegung. Als Krüppel, so mit nur einem verbliebenen Arm oder einem Bein oder gar ganz ohne, zu was ist man da noch nütze? Auch blind oder taub lässt sich kein Feld bestellen. Keine Ernte einfahren.

In diesem Punkt waren wir uns alle einig. Dann lieber der Tod. Dann lieber die Sicherheit für die Liebsten in der Heimat.

Und so kämpften wir. Nicht wie zu Anfang für unsere Offiziere oder Generäle oder für das Vaterland. Sondern für die Hoffnung auf den schnellen Tod und das Wohlergehen unserer Familien und Geliebten daheim. Oder darauf, dass wir nach einem weiteren Angriff unbeschadet zurück in unsere Gräben kriechen konnten, aus denen wir noch vor wenigen Minuten brüllend rausgestürmt waren. War es doch immer das gleiche Bild: Viele gingen, wenige kamen zurück.

Der Krieg ist vorbei. Und ich darf gehen. Ich darf zurückkehren. Ich habe meine eigene Strafe bekommen. Sie stillschweigend hingenommen und abgesessen. So viel sie mich auch beschimpft und bespuckt haben. Mich mit ihren Holzknüppeln bis zur Bewusstlosigkeit prügelten und mich mit ihren schweren Lederstiefeln traten, bis meine Rippen knackend brachen und zu blauen Flecken verkamen. So lange, bis die blauen Flecken selbst blaue Flecken bekamen. In das dunkelste und dreckigste Loch steckten sie mich. So dunkel, dass ich jedes Gefühl für Tag und Nacht, ja die Zeit selbst vergaß. Der Gestank so widerwärtig, dass das Erbrechen meine einzige Beschäftigung wurde. Immer und immer wieder, sodass auch das wenige trockene Brot und braune, stinkende Wasser, das sie mir gaben und auch die Galle in meinem Magen nicht mehr ausreichten. Oft war ich im Begriff meine eigenen Innereien herauszuwürgen. So viel sie es auch versuchten, so darf ich nun doch gehen.

Der Schmerz und die unzähligen Wunden bleiben. Verkrustet und vom Stoff der dünnen Kleidung meiner löchrigen und schäbigen Kleidung bedeckt, in die sie mich zwangen, bleiben als Mahnung.

Sie haben so viele Narben hinterlassen. Für mich aber sind sie eine Erinnerung. Die Erinnerung, dass ich überlebt habe. Die Erinnerung, was ich durchgemacht habe, um zu leben. Die Erinnerung, dass ich niemals mein Ziel aus den Augen verlieren werde. Das Ziel, das mich diese Hölle überleben ließ.

Sie wollten von mir, dass ich ein Soldat bin. Für sie kämpfe und für sie sterbe. Ohne Fragen zu stellen. Als ich mich weigerte und ihre Regeln brach, nahmen sie mir das, was mir das Teuerste ist.

Jetzt bin ich frei. Denn ich habe überlebt. Jetzt bin ich frei und ziehe wieder als Soldat in den Krieg. In meine letzte Schlacht. Sie wollten einen Soldaten. Was sie schufen, war ein neuer Feind.

Jetzt bin ich frei und ich lebe.

2

Wie so oft schwing die Stahltür mit einem Quietschen auf und ich warte unterwürfig in eine Ecke der Zelle gekauert darauf, dass die Prozedur beginnt. Aber nichts passiert.

»Gefangener. Aufstehen!« kläfft mich der Wachmann an.

Es dauert einen Moment, bis ich begreife, was der Wachmann zu mir gesagt hat und ich mich aus meiner zusammengekauerten Stellung, die sie mir wie einem Hund beigebracht haben, löse. Offensichtlich nicht schnell genug. Ich zucke zusammen.

»Gefangener. Sofort aufstehen!« hallte es wieder dumpf durch die isolierte Zelle.

Ich zwinge mich auf meine schwachen, ausgemagerten Beine, die schon längst nicht mehr von Muskel oder Fett gestützt werden. Willenlos stehe ich da und warte darauf, dass man mir einen Befehl erteilt. So habe ich es gelernt. Ganz der Soldat.

Ich werde am Arm gepackt und unerwartet sanft aus der Zelle geführt. Kein dunkler Sack über meinem Kopf, keine Holzknüppel, die sich in meine Magengrube bohren. Orientierungslos stolpere ich halb auf den Wachmann gestützt den Gang entlang. Einen Gang, den ich vorher nie zu Gesicht bekommen habe. Ich kenne nur die Zelle. Das grelle Licht sticht mir in die Augen und blendet mich.

Was geht hier vor?

Der Wachmann führt mich durch eine hölzerne Tür zu einem Stuhl, auf dem er mich grob platziert und dann loslässt. Es ist hier noch heller als im Gang und meine Augen scheinen sich nicht an das plötzliche Licht gewöhnen zu wollen.

»Gefangener« sagt eine andere Stimme vor mir. Sanfter und süßer, als alles was ich seit langer Zeit gehört habe.

»Meinen Unterlagen zur Folge haben Sie…«

Sie?

Keine Häftlingsnummer wird genannt. Keine gebrüllten Befehle und keine Schläge von den Stöcken der Wachmänner.

Wer ist dieser Mann und was geht hier vor?

»…Ihre Verwahrungszeit bei uns abgesessen. Ich muss Ihnen also mitteilen, dass Sie unsere Anstalt mit sofortiger Wirkung verlassen. Sie sind frei.« trägt mir der Wachmann fast klagend vor. In seiner Stimme erkenne ich Wehmut.

Die Worte hallen in meinem Kopf wider. Trotzdem dauert es einen Moment, bis ich begreife, was der Mann gerade gesagt hat. Ich wiederhole sie in Gedanken. Nähre mich an der Fantasie. An der Illusion.

Ich bin frei.

Die Unterhaltung ist damit beendet ohne, dass ich ein Wort gesagt habe. Der Wachmann geleitet mich mit einer führenden Hand an meinem Ellbogen aus dem Raum durch ein Labyrinth aus Gängen und Treppen in einen weiteren Raum, in dem ein alter Mann hinter einer Drahtwand mit einem kleinen Guckloch steht.

Ist es so weit?

Innerlich habe ich mich oft auf den Moment vorbereitet, an dem sie mich endlich in den eckigen Hof auf der Rückseite des Gefängnisses führen, in dem einsam ein Holzpfahl steht. Mich daran fesseln und den Sack von meinem Kopf ziehen. Ich blicke in die emotionslosen Gesichter des Erschießungskommandos und warte darauf, dass mir der Vollstreckungsbefehl vorgetragen wird. Mir wieder die Augen verbunden und der Befehl gegeben wird. Ich höre, wie die Gewehre durchgeladen werden. Dann ein weiterer Befehl. Ein kurzer Moment der Stille. Das letzte, was ich höre sind ein einziges Wort und das Knallen der Gewehrkolben. Dann… nichts mehr.

Aber es passiert nicht. Stattdessen blicke ich auf die verstaubten Regale, die sich hinter dem alten Mann türmen. Über und über mit Kisten gefüllt.

Der Wachmann, der mich hergebracht hat, übergibt dem alten Mann ein Stück Papier. Dieser macht sich sogleich wortlos auf den Weg und verschwindet zwischen den Regalen.

Es dauert nicht lange, da taucht der alte Mann wieder hinter dem Guckloch auf. Er hat eine Kiste dabei.

»Eine Uniform, ein paar Groschen und ein verschlossener Briefumschlag.« sagt er und schiebt mir mein Hab und Gut entgegen.

»Waschen und Umziehen erste Tür links. Viel Glück da draußen.« murmelt mir der Mann entgegen.

Da draußen. Welch süßen, verheißungsvollen Klang diese Worte mit sich bringen.

Der Wachmann bittet mich mit ausgestrecktem Arm zur ersten Tür links. Ein Wachmann, der es genau wie ich geschafft hat dem Krieg auf seine Weise zu entkommen.

Ein Wächter der Gerechtigkeit. Kein Ausharren im selbst ausgehobenen Graben. Die einzige Aufgabe des Wachmanns ist es, die Insassen täglich daran zu erinnern, was da draußen auf den Schlachtfeldern vor sich geht. Nur der Kampf geht immer weiter. Der Kampf mit den Gefangenen, die die Hölle des Schlachtfeldes gegen eine neue Hölle eintauschten, die um ein Vielfaches dem entspricht, was da draußen passiert. Hier erleiden sie tausendfach den eigenen Tod und bleiben am Ende doch am Leben. Und das ist das, was zählt.

Es gibt keine Tür. Nur einen Durchgang in einen kleinen Raum mit einer dreckigen Waschschale, die mit sauberem, klarem Wasser gefüllt ist. Außerdem stehen dort im Raum ein Holzschemel und ein alter Holztisch. Der Raum kommt mir vor wie eine letzte Probe. Die Versuchung, um mich bei der kleinsten falschen Bewegung wieder in das Loch zu werfen aus dem sie mich gerade gezogen haben. Aber nichts dergleichen passiert und so ziehe ich mir die Lumpen aus und lasse das kalte Wasser über mein Gesicht und meinen Körper fließen. Schmutz und Dreck, Blut und Schweiß fallen von mir ab wie die alte Haut einer Schlange.

Ich schlüpfe in meine saubere Hose und streife mir die gewaschene Uniform über. Auch meine alten Stiefel sind noch intakt und passen. Erinnerungen kommen in mir hoch. Erinnerungen, für die ich so lange keine Zeit und keine Erlaubnis gehabt habe. Erinnerungen, die mir ausgetrieben wurden. Meine Hände streifen die Uniform glatt und mein gebeutelter Rücken strafft sich aufrecht, so weit dies möglich. Ich werde aufrecht in die Freiheit treten. Ich vergewissere mich ein letztes Mal, dass auch der Briefumschlag sicher in der Innentasche meiner Uniform verstaut ist und lasse den Raum hinter mir.

Der letzte Gang in die Freiheit lässt mich noch einmal spüren, was ich so lange erleiden musste. Ein letztes Brandmal, das sich in mein Unterbewusstsein einbrennt. Noch wenige Schritte trennen mich von dem großen Tor aus blankem, silbergrau glänzenden Stahl. Das einzige Hindernis, das mich noch von der Freiheit trennt. Das Tor in die Freiheit und in das freie Denken. Eben jenes freie Denken, welches mich in die Situation gebracht hat, der ich nun endlich entfliehe. Meine Gedanken und Erinnerungen, die ich so lange unterdrückt habe, ergreifen Besitz von mir. Aber ich schiebe sie zur Seite. Dafür ist jetzt keine Zeit. Ich atme tief ein und setzte den ersten Fuß durch die kleine Tür in dem riesigen Tor, die sich mir nun öffnet und trete durch das Gefängnistor nach draußen in die Freiheit.

Ich bin frei und ich lebe.

Es gibt keine Zeit zu verlieren. Je eher ich mich ans Werk mache, desto besser. Ich krame nach dem Briefumschlag und öffne ihn, um mich zu versichern, dass der Inhalt noch derselbe ist. Dann mache ich mich zufrieden und entschlossen auf den Weg.

3

Das dünne Nachthemd klebt an meinem Körper wie ein nasser Sack. Das Betttuch und die Daunendecke, mit der ich zugedeckt bin, verbreiten einen muffigen, unangenehmen Geruch und fühlen sich an als habe man sie gerade aus der hölzernen Waschtonne genommen und, anstatt sie aber zum Trocknen aufzuhängen, direkt auf das Bett gelegt. Ich ziehe meine Beine unter der Daunendecke hervor, schwinge sie seitlich aus dem gigantischen Bett und setzte mich schnaufend und atemlos auf die Bettkante.

Ich kann nicht sagen, wie lange ich geschlafen hatte, denn nie zuvor war ich so tief und fest im Reich der Träume gefangen gewesen. Ich konnte mich wahrlich nicht daran erinnern, was ich geträumt hatte oder ob ich überhaupt geträumt hatte. Aber es war ein sehr tiefer Schlaf gewesen. Nach all der Zeit auf der harten Holzpritsche und der dünnen Strohdecke, die keinen Schutz vor der kalten Zelle des Zuchthauses geboten hatte und die jeden erholsamen Schlaf unmöglich gemacht hatte, fühlte ich mich wie auf Wolken gebettet. Ein Gefühl, das seit meiner Zeit auf dem gemütlichen Feldbett fast in Vergessenheit geraten war. Konnte ich mir damals, nach den unzähligen Nächten im Dreck und Gestank der Schützengräben, nichts Schöneres vorstellen als ein weiches Feldbett und eine Baumwolldecke, war ich nun wahrlich im Himmel auf Erden angekommen. Und wieder hatte ich dies meinem treuen Freund zu verdanken.

Obwohl ich mich wie neu geboren fühle, verrät der muffige Geruch und mein nasses Nachthemd, sowie das durchtränkte Bett, dass mein Schlaf unruhig war. Ist es die ungewohnte Situation der Freiheit, oder doch die Last, die endlich von mir abfällt? Ich vermag es nicht zu sagen. Sicherlich wird sich ein ruhiger Moment finden, in dem ich darüber nachdenken kann. Jetzt habe ich aber vorerst genug geschlafen. Es ist Zeit, mich ans Werk zu machen. Denn Arbeit gibt es genug zu tun. So viele Jahre habe ich gehofft zu überleben, um den Plan in die Tat umzusetzen und mein Versprechen einzulösen. Endlich ist die Zeit gekommen. Aber sie ist kostbar und sollte deshalb nicht belanglos vergeudet werden.

Neben dem Bett steht auf einer niedrigen Kommode eine Schale mit frischem Wasser, die noch nicht lange dort stehen kann, da sie eine angenehme Wärme ausströmt und seichter Wasserdampf von ihr emporsteigt. Anscheinend war mein Schlaf so tief, dass ich nicht einmal bemerkt habe, wie die Schale dort platziert wurde. Nichts vermochte mich aus meinem erholsamen und doch so aufgebrachten Schlaf zu reißen.

Neben der Schale liegt ein säuberlich zusammengelegtes Bündel. Anders als das von Schweiß stinkende Nachthemd, verströmt das Bündel einen leichten Duft von Lavendel. Oder ist es nur mein Verlangen, dass mich diesen Duft wollen lässt? Es macht keinen besonderen Unterschied für mich. Es reicht die Tatsache, dass es sich um frische Wäsche handelte.

Ich streife mein durchnässtes Nachthemd ab und gönne mir zumindest einen Moment der Erfrischung. In meinem aktuellen Zustand bin ich weder mir noch meiner Umgebung, geschweige denn dem Plan von Nutzen. So viel Zeit muss also sein. Wenn es daran scheitern sollte, ist der Plan eh zum Scheitern verurteilt. Und das darf er nicht. Niemals.

Das Stück Seife, welches neben der Schüssel liegt, nehme ich wie einen wertvollen Schatz in die Hand. Wieder spricht die Gewohnheit aus mir. Der betörende Duft der Seife zeigt mir den harschen Kontrast zu dem rauen Waschstein im Zuchthaus auf, der einem mehr die Haut als den Dreck und Schweiß vom Körper rieb. Ganz zu schweigen davon, dass diese Seife eine duftende und sogar säubernde Wirkung entfaltet.

Ohne einen weiteren Gedanken an die Herkunft des duftenden Bündels und der dampfenden Wasserschale zu verschwenden, schöpfe ich mir mit beiden Händen Wasser in Gesicht und Nacken. Jeder Wassertropfen auf meiner Haut kommt einer Explosion von Empfindungen gleich. Unvergleichbar mit dem Wasser aus der dreckigen Schüssel, die sie mir bei meiner Haftentlassung hinstellten.

Dieses Wasser und diese Seife wurden von jemandem hier her gestellt, dem offensichtlich etwas an meinem Wohlempfinden liegt. Mit jeder weiteren Hand voll Wasser, die meinen Körper vom klebrigen Schweiß befreit, wächst die unbeschreibliche Dankbarkeit in mir. Mit jedem verstreichenden Moment will ich nichts mehr als diese Wohltaten tausendfach zurückzahlen. Ein Scheitern, das wird mir immer klarer, steht außer Frage. So gebietet es mir die Ehre. Eine Verpflichtung, die von keinem jemals angezweifelt werden kann.

Durch den Überschwall an Gefühlen und Empfindungen fällt mir erst jetzt auf, dass die Vorhänge des Raumes zugezogen sind. Natürlicherweise war ich davon ausgegangen, allein durch Schweiß, Albtraum und Morgenlicht geweckt worden zu sein. Aber es sind nicht die Strahlen der Morgensonne. Trotzdem ist der Raum hell erleuchtet.

In der Mitte des Raumes hängt ein großer Kronleuchter von der Decke. Allerdings ist kein Flackern von rundum aufgesteckten Kerzenflammen zu beobachten. Keine Wachstropfen auf dem Boden auszumachen. Stattdessen geht das Licht von wie Kerzenflammen geformten Glaskugeln aus. Ein helles und gleichzeitig warmes Licht durchströmt so jede Ecke des Raumes. Bei meiner Ankunft sind mir solche Details verborgen geblieben. Zu erschöpft fiel ich in das himmelgleiche Bett.

Gehört hatte ich schon von elektrischem Licht. Gesehen hatte ich es dennoch noch nie, gilt es doch als ausgesprochener Luxus eine solche Technik zu besitzen. Für einen normalen Arbeiter oder Soldaten also ein Ding der Unmöglichkeit.

Zugegebenermaßen ist diese Technologie durchaus hilfreich. Spart man doch viel Zeit und Geld für Kerzen. Stelle man sich allein vor, wo diese Technologie bereits wäre, wenn das Geld des Krieges, das Geld für die todbringenden Maschinen, die so vielen meiner Kameraden das Leben kosteten, dafür ausgegeben worden wäre. Eines Tages, so stelle ich es mir vor, wird ein jeder diese Technologie besitzen. Eines Tages kann ein jeder reich sein und in Luxus leben. Heute aber, genieße ich sie nur und schätze die Vorteile, die sie mir bringt.