Tagesbrüche - Achim Heinz - E-Book

Tagesbrüche E-Book

Achim Heinz

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Beschreibung

Um 1890. Tief unter der Erde arbeitet der 17jährige Joseph. Dort ist er Tag für Tag mit dem Grubenpferd Max in einer Eisenerzgrube unterwegs. Bei einem Grubenunglück bewährt der Pferdejunge sich. Bald ist er dort unten in geheimer Mission unterwegs. Doch was treibt der unheimliche Bergmann Hugo bei seinen nächtlichen Ausflügen, für die er sogar nüchtern bleibt? Um 2004. Die 11jährige Linda kurvt wieselflink durch ihren nicht immer einfachen Alltag. Dabei entwickelt sie eine enorme Fähigkeit zur Selbstdarstellung. Fantasievoll schafft sie es, das tägliche Leben mit ihrer überforderten Mutter zu meistern. Doch ihre Welt droht einzustürzen. Linda sieht sich Herausforderungen gegenüber, die für sie kaum zu bewältigen sind. Und hat auch noch eine ebenso fette wie fiese Feindin. Und ganz tief in ihr drin ist da auch noch etwas. Und das ist noch viel schlimmer. Was hat Lindas Welt mit der uralten Bergbaugeschichte zu tun? Warum zweifelt ein Jäger immer wieder an seinem Verstand? Wie kann die Vergangenheit Linda helfen? Und was ist eigentlich das "Geheimnisvolle Geräusch"? Die "Tagesbrüche" bringen es an den Tag.

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Seitenzahl: 447

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Achim Heinz

Tagesbrüche

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Titelei

Kapitel 1 Müde bin ich, geh zur Ruh...(2004)

Kapitel 2 Wer andern eine Grube gräbt (1890)

Kapitel 3 Linda legt los

Kapitel 4 Die Welt der Fortuna

Kapitel 5 Lindas Welt

Kapitel 6  Heldenwege

Kapitel 7  Tagesbrüche

Kapitel 8  Es kommt heran so sacht die Nacht

Kapitel 9  Es werde Licht

Kapitel 10  Briefe an Elisabeth

Kapitel 11  Linda

Zitatnachweis

Glossar

Impressum

Impressum neobooks

Titelei

Tagesbrüche

von Achim Heinz

Text © Copyright  2013 by  Achim Heinz

Alle Rechte vorbehalten

Cover © Copyright 2013 by Stephan Hütter

Titel: N 50°4x.xxx‘ E 007°5x.yyy‘

Foto aus dem Zyklus "Illuminationen"

www.lichtfaenger.org

»Tagesbrüche« sind Einbrüche der Erdoberfläche, die durch Hohlräume alter Bergwerke bedingt sind

»Was war, das ist in Mir

Niemand wird je vergangen sein

Ich bin Ich

Und Ich bin nie allein«

Linda, 11 Jahre, eine Heldin in »Tagesbrüche«

Ein schöner Tag im Ort. Ein Montagmorgen im frühen Frühling. Pferdefuhrwerke mit Erz auf dem Weg von der Grube zur Schmelzhütte. Kinder vor der Schule, die Pause an der frischen Luft genießend. Wäsche auf den Wiesen zum Bleichen ausgelegt. Frauen an der Waschstelle am Bach. Schrubben und Plaudern. Der Hirte längst im Wald mit den meisten Kühen. So konnte das Jahr beginnen.

Langsam fuhr die Lokomotive in den kleinen Bahnhof ein. Wasser nehmen und Kohlen bunkern. Wagen abkoppeln. Wagen mit Erz anhängen. Und dann weiter.

Oben vom Wald her die Dampfsirene. War das Fortuna?

Menschen merkten auf. Türen schlugen. Lauter als sonst. Schneller als sonst auch manche Leute. Kopf hoch und horchen. Wo schauten, wo liefen sie hin? Ein Junge kam ins Dorf gerannt. Wohin? Warum?

Wie alle anderen Bergmannsfrauen wusste Marianne sofort, worum es ging. Wusste, dass dieser Tag nicht wie alle Tage sein würde.

Wie alle anderen sehnte sie sich nun verzweifelt nach dem irgendwie immer gleichen Ablauf, wünschte sich die schwerste und monotonste Arbeit bis zum Abend. Arbeit auf Feld und Wiese, im Stall und im Haus. Nur nicht diesen gehetzt rennenden und schreienden Jungen, der immer näher kam. Einige liefen ihm entgegen. Aber die meisten verharrten wie angewurzelt. Gott, lass ihn nicht zu uns laufen, bitte keine Nachricht für uns.

Kapitel 1 Müde bin ich, geh zur Ruh...(2004)

»Und jetzt schlaf schön.«

Manuela Lange sandte einen maskaraumflorten Blick zu ihrer Tochter. Halb zehn vorbei. Und ich hab immer noch so viel zu tun. Egal. Sie streifte die Schuhe von den Füßen und legte sich zu ihr aufs Bett.

Sofort fühlte sie sich zu Hause, zusammen mit dem Kind und etlichen Kuscheltieren, die alle irgendwie mit Hunden zu tun hatten. Neben ihr bald nur Entspannung und ruhige Atemzüge. Wie erschlagen musste die Kleine gewesen sein, wieder mal.

Die üblichen Geräusche. Ein wenig Fernsehen, Klospülung. Tritte, ganz verhalten waren hier und da auch noch Kinder zu hören. Durchs gekippte Fenster ganz leise der Verkehr weit unten in der Stadt. Bei Westwind nachts die Autobahn, leise und einlullend. Irgendwie gewöhnungsbedürftig schön. Ist doch nicht alles ganz so übel. Sie drehte sich zur Seite.

Das Zimmer ihrer Tochter. Anders hatte sie sich das vorgestellt. Aber das taten sicher viele. Eine Wohnung mit Kinderzimmer, immerhin. Vierter Stock, mit Leuten rechts und links, drüber und drunter, mit ihr und der elfjährigen Linda. Der selig schlafenden Linda und ihrer todmüden Mutter voller Gedanken.

So lange schon waren sie allein. Egal, nein, nicht egal, ganz und gar nicht egal. Erinnerungen an Hoffnungen. Pläne.

Manuela und der Rest der Welt. Was kostet die Welt. So viel. Zu viel. 

Dämmerstunde im Kinderzimmer. Langsam verlöschte der Tag im vierten Stock.

Manuela war wieder wach. Leicht benommen schaute sie sich um. Was hatte sie geweckt? Ruhig das Kind, beständig und verlässlich beruhigend auch der Hintergrund aus Haus und Stadt. Ruhekissen, Gewissen, vielleicht war das es wieder. Noch immer Abend.

He Manu, komm hoch, bist noch lang nicht fertig. Kinderträume, Kinderschlaf, nicht mehr für dich. Im Zimmer war´s fast dunkel. Schemen von Möbeln und Spielzeugen, leichter Wind in den Gardinen.

Mit dem Aufstehen war sie wieder voll da, verflogen die watteweichen Wenngedanken. Hoch also und strecken, leise rein in die Schlappen. Fast wäre sie über einen kleinen bunten Ball zwischen ihnen gestolpert.

Der Hundeball. Linda hatte einen Hund im Kopf, und der spielte gern mit dem kleinen bunten Ball. Mamas fallen manchmal über kleine bunte Bälle. Manuela grinste. Auf geht’s.

Geliebte gehasste Gewohnheit in der kleinen Küche. Reste des Abendessens wollten beseitigt werden.  Alles ging ihr gut von der Hand. Scannerkasse und Stress, lange Wege durch den Tag. Und danach Linda und die Wohnung. Alles klein, aber ein Wohnzimmer für beide und ein Schlafzimmer für jeden. Ein ganz klein wenig Luxus.

Wohnzimmer. Dunkel nun und flimmernder Fernseher. Aus dem Fenster noch einmal ein Blick über die Stadt. Rechts ganz hinten das Licht des Stadions, Training. Fit sein, ausgehen, Leute treffen. Manuela schaute nach links. Das Stadtzentrum, eigentlich potthässlich, doch am Horizont überall Wald. Gegend.

Ein dicker Kaffeepott. Morgens voller Kaffee, abends gab´s daraus roten Wein. Ein, zwei Glas, oft auch mehr.

Fernsehlicht. Manuelas Tag entfernte sich vorsichtig. Schon wieder zu müde. Routine. Langsam stand sie auf und schaltete den Fernseher aus. Noch mal nach Linda sehen.

Linda schlief tief und fest. Um sie herum ihre Kuscheltiere, ihr Zimmer, die Wohnung und im Kopf des Kindes die Gewissheit einer Mutter nebenan. Sonst gab´s nichts in der Nacht und in dieser Stadt oder überhaupt irgendwo. Keine Omas und Opas und erst recht keinen Vater. Aber schon das genügte ihr.

Ohne Licht zu machen ging Manuela  zum Bett und betrachtete ihre schlafende Tochter, denn Mütter können dies auch im Dunkeln. Wo Linda war, schien immer ein Licht. Linda so jung. Zuversicht und Zukunft.

Zum zweiten Mal an diesem Abend erschien ein  Lächeln auf Manuelas Gesicht. Sie war sich sehr wohl bewusst, was ihre Tochter alles überstanden hatte.

Auch wenn bei ihnen so vieles nicht einfach war, Linda hatte bisher alles gemeistert. Das Kind lernte gut, schlechte Noten waren die Ausnahme. Aufstehen, den Tag durchstehen mit allen Widrigkeiten, sie kam mit allem klar.

Doch Manuela machte sich da nichts vor. Linda war für ihr Alter hart, eigensinnig oft. Linda hatte auch mal zugeschlagen. Linda ließ sich nichts gefallen. Gute Nacht, mein liebes Kind.

Leise verließ Manuela das Kinderzimmer. In der Tür zum Flur wäre sie fast wieder über den kleinen bunten Hundeball gestolpert. Wie gerne hätte sie dem Kind einen echten Hund geschenkt. Frühlingswiese, Rennen, Bellen, Toben, sabbernde Anhänglichkeit ohne Wenn und Aber. Für uns oft zuviel Aber, dachte sie.

Manuela im Bett. Jetzt lange schon abgeschminkt. Manuela allein im Bett. So lag sie da.

Mieterin, Mitarbeiterin und Mutter.

Dann irgendwo ganz weit weg Manuela mit selbstbewusstem Lachen. Manuela auf einem Motorrad, Wind und Sonne und ganz viel Leben mit einer Zukunft ohne Ende. Blicke und Worte für Manuela, Blicke ohne Worte, Blicke und warme Haut.

So lag sie da, feucht und heiß und zukunftskalt, und als sie es entdeckte, schlief sie längst.

Manuela erschöpft schlafend, im Zimmer daneben Linda, das tapfere Kind.

In Lindas Kopf ein Hund, der gern mit einem bunten Ball spielen würde, der jetzt ganz langsam durch das Kinderzimmer rollte.

Kapitel 2 Wer andern eine Grube gräbt (1890)

Wie leise doch der Wald im Winter war. Und besonders in der Nacht.

Hugo stapfte den Hügel hinauf. Trotz seiner groben Schuhe wurden seine Füße feucht. Der Schnee war halt sehr nass. Aber er sorgte auch für ein wenig Helligkeit, so kam er schneller voran. Das Öl für die Lampe konnte er sparen, davon konnte man nie genug haben. Der Tag würde  vielleicht Tauwetter bringen, seine Spuren auslöschen.

Gleichmäßig ging sein Atem. So leicht brachte ihn nichts aus dem Tritt.

Die Nacht auf Sonntag und völlig nüchtern. Irgendwie erwischte er sich dabei, dass er dies genoss. Klar im Kopf, feste Schritte und in den Lungen frische Luft.

Zeit für ein Pfeifchen. Pflänzchen gingen ihm durch den Kopf.

Manche glaubten nicht an »Zeigerpflanzen«. Er  wusste es besser. Erzadern änderten über Tage den Bewuchs.

Das hatte gut getan. Am Stamm einer Birke klopfte er die Pfeife aus. Leicht hustend setzte er seinen Weg fort. Aufpassen nun, es war nicht mehr weit. Hugo war kein Anfänger. Dort, wo sein Weg unter Tage führte, lag sicher kein Schnee. »Ausziehende Wetter« würde ein Grubenbeamter sagen. Für so was hatten die studiert.

»Teufel komm raus«, spuckte Hugo in den Schnee. Er würde die Stelle finden.

Schon die zweite Samstagnacht, die er sich nun um die Ohren schlug. Aber der Lohn war nicht schlecht. Bald würde es ihm besser gehen. Steiger konnte er natürlich nicht werden, da machte er sich nichts vor. Doch ein wenig mehr verdienen und auch etwas zu sagen zu haben, das reizte ihn. Und endlich auf einer anderen Grube sein.

Er dachte zurück an die Arbeit in der Grube, und Zorn stieg in ihm auf.

»Fortuna« hieß das Loch. Irgendein Klugscheißer hatte tatsächlich behauptet, das würde »Glück« bedeuten. Tolles Glück. Morgens noch vor fünf raus und laufen, laufen, laufen. Er meist allein und quer durchs Gelände. Bei jedem Wetter. Immer klamme Klamotten, nicht nur von der Arbeit unter Tage. Auch der Weg war alles andere als ein Vergnügen. Die Arbeit war hart, machte ihm aber eigentlich nichts aus.

Da war etwas anderes. Meist nahm er es nicht wahr, manchmal fühlte er es, aber verstehen konnte er es nicht recht. Er hätte nicht sagen können, was es war. Hatte irgendwie mit ihm und den anderen zu tun. Oder mit allem anderen. Ja, da irgendwo lag der verdammte Hund begraben. Nie fühlte er sich wohl, mochte auch niemanden.

Das waren jetzt wieder so Gedanken, die ihn überfielen. Ganz wild wurde es wieder in ihm. Wirr und unsicher im Kopf stapfte er weiter durch den Wald.

Und mit ihm immer mehr seine Begleiter Wut und Trotz, die er fühlte und so gut kannte, aber niemals hätte benennen können.

Wie viele Jahre ging das nun so? Richtig schlimm war es geworden, seit er Bergmann war.

Nie war er in ein Gedinge gekommen. 25 verdammte Jahre alt und noch immer nicht im Abbau, am Erz und damit ein wenig am Geld. Karrenläufer immer noch, das hatten manche mit 18 hinter sich. Verflucht, wofür im Kopf alles Platz war in der Nacht auf Sonntag, wenn da  so viele Gedanken waren und kein Wacholder.

Als der Tag langsam dämmerte, war ein enttäuschter Hugo auf dem Rückweg. Wieder hatte er den Zugang nicht gefunden. Eine Samstagsschicht unter Tage und  eine nächtliche Suche über Tage steckten ihm jetzt in den Knochen. Hinzu kam ein kalter Regen, sein Begleiter auch auf so vielen Wegen zur Grube und zurück. Wenigstens würde niemand seine Spuren sehen, denn nach und nach wurde der Schnee aufgeweicht. War also erst mal nichts mit der Belohnung. Also demnächst noch mal eine Nacht dranhängen.

Stehen bleiben, noch eine Pfeife. Schon seltsam. Tag für Tag fuhr man ein in die Grube, alles war so gewohnt. Und jetzt stand er hier und suchte einen versteckten Eingang genau dorthin.

Hugo schaute sich um.

Für einen Moment kam der durchaus berechtigte Gedanke in ihm auf, dass es an vielen Stellen in seinem Kopf nicht sehr hell war. Die Ahnung, dass er überdies noch bösartig war, verflog schneller als der Rauch aus seiner Pfeife.

Frühschicht Montagmorgen. Für viele schlimmer als eine Doppelschicht in den Samstag.

Die Grube förderte Eisen und Kupfer, Silber und Blei. Hart und laut würde es bald werden. Doch der Arbeitsbeginn war ungewöhnlich still.

Fast still auch lag die Grube im Wald. Leises Zischen und Surren hier und da. Spärliches Licht schimmerte aus den Übertageanlagen, Rauch und Dampf vermischte sich mit dem morgendlichen Nebel, der aus der Nacht herüber kam. Alles schien ruhig und wie im Schlaf.

Dann kamen sie. Pfade, viele seit Jahrhunderten von Generationen in den Boden getreten, führten sie zu ihrer Arbeitsstätte. Hier und da ein Wort, vielleicht ein heiseres Lachen und viel Husten. Immer wieder der Husten.

Hier waren Bergleute unterwegs. Erst vereinzelt, dann teils in längeren Reihen strebten sie aus den verschiedensten Richtungen der Grube zu. Alle beneideten nun die Nachtschicht, die endlich ein Bett erwartete.

Die »Fortuna« war eine ordentliche Grube. Kein Dreckloch. Moderner Dampfbetrieb. Das Gedinge war schmal bemessen und die Arbeit hart. Aber das war überall so. Doch am Wochenende verlässlich die Lohntüte. Anstehen, Hut abnehmen nicht vergessen, unterschreiben und Dankeschön sagen. In der Tüte der Lohn.

Der Lohn: Niemals gleich für Bergleute im Abbau unter Tage. Nach Leistung wurde gezahlt. Gedinge. Erz ist Geld. Ohne Erz kein Geld. Der Lohn allein reichte kaum zum Leben. Bauernarbeit erwartete daher die meisten noch nach der Schicht.

Ohne Gedinge, für einfachere, aber oft nicht weniger schwere Arbeiten, sah es noch schlechter aus. Nicht nur unter Tage.

Schlechten Lohn gab´s  für Frauen und Kinder über Tage, auf Halden und unter den Röstöfen. Aber trotzdem: Auf »Fortuna« anfahren, hieß Geld verdienen. Die Abkehr von dort wollte keiner. Fast keiner.

In der Schachthalle kamen die Bergleute jetzt zusammen. Geruch nach Schweiß, feuchten Kleidern und den Schwefelgasen der Röstöfen. Müde und grau würden sie in acht bis zwölf Stunden aussehen.

Jetzt waren sie hellwach. Alle hatten schon einen längeren Fußweg durch die späte Nacht hinter sich, manche schon das Vieh versorgt.

Hatten eine Ziege oder sogar eine Kuh. Heim und Stall waren nun ganz weit weg.

Erinnerung nur noch das warme Bett und die Frau darin.

Ganz anders jetzt der Geruch des Schachts. Ausziehende Wetter, das Versammeln zur Andacht.

»Segne diese Bergwerker..«,  begann ein Steiger ein kurzes Gebet. Sammlung und ein wenig Trost vor der Einfahrt.

Immer wieder fuhr der eiserne Förderkorb ein in die Tiefe des Berges, immer wieder kam er hoch, neue Bergleute zu holen. Hell klang die Glocke der Fördermaschine. Seilfahrt für die Frühschicht. Während der Förderkorb sich senkte, herrschte Schweigen.

»Himmel, hast du gesoffen.« Jupp nahm wie immer kein Blatt vor den Mund.

»Wenn du meinst.« Hugo hatte keine Lust zu reden. Samstagnacht futsch, Sonntag ein wenig Spaß und schon wieder eine neue Woche.

»Glaub auch, wir haben jetzt Schlagwetter«, meinte der Pferdejunge, aber sofort lag er auf dem Rücken. Hugo konnte schnell zuschlagen.

Dessen kräftige Fäuste zerrten ihn wieder hoch und schüttelten ihn. Nicht noch mal, Kleiner.

»Gib Ruh.« Jupp nahm Bohrer auf die Schulter, verließ das Füllort und folgte Martin und Henner, seinem Ortsältesten, in die Strecke. Hätte er doch nichts gesagt. Für Hugo war jedes Wort zu viel. Nützte nichts.

Jupp, Henner und Martin redeten kaum. Eingespieltes Drittel.

Ihr Weg bis in die Gangstrecke dauerte zwanzig Minuten. Steil ging´s nun hoch in den Abbau. Die Sprossen waren nass und glitschig. Dann endlich oben. Das war ihr Teil der Grube. Ihr Verdienst. Das Erz hier ihr Lohn, die Arbeit die eigene, von den Besuchen des Steigers abgesehen bestimmten sie hier alles. Ihr Arbeitsreich.

»Kein Wunder, dass der Arsch es nie ins Gedinge schafft« Jupp war noch immer sauer.

»Der Kleine hat aber auch ´ne freche Klappe« meinte Martin. » Hab erlebt, wie Hugo ganz andere Kerle wegen weniger platt machte. Hat halt ´ne kurze..«

»Habt ihr die Zündschnur?« Henner war sauer. Jupp und Martin schauten sich an. Das fing ja gut an. Zündschnur am Füllort vergessen. Dafür mussten sie geradestehen. Kam aber vor.

»Bin gleich wieder da.« Jupp verschwand in der Fahrt.

Henner setzte sich auf das Haufwerk und rauchte. »Ich sag dir was«, stieß er den Rauch aus. »So geht das. Oft jedenfalls.«

»Aber bei uns das erste Mal«, meinte Martin.

Henner legte die Beine hoch, lehnte sich zurück und machte die Augen zu. »So einfach ist das nicht. Hier mal was am Füllort vergessen. Gut, fällt ein Mann für ´ne halbe Stunde aus. Kann man wieder reinholen. Aber manchmal steckt der Wurm drin.«

»Wir machen doch sowieso jetzt erst mal Halbschicht, die verpasst der Jupp«. Martin richtete sich zur Pause ein.

»Das mein ich nicht.« Henner war oft sauer. Manchmal wurde er wütend. Selten hieß es, dass er die »Wut« kriegte. Dann kochte die Luft. Momentan war der Ortsälteste ein milder Menschenfreund.    »Es ist so oft dasselbe. Ich bin so lang dabei. Ein Korb geht tausendmal rauf und runter, und dann bleibt er an ´ner verdammten Spurlatte stecken und die Knochen brechen. Tag für Tag läuft so ein Gaul zum Schacht und plötzlich geht er durch. Oder ein Schuss kommt nicht und die nächste Schicht erwischt ihn und fliegt in die Luft. Hab ich alles erlebt.«

»Kann doch keiner was dafür.«

»Immer war etwas. Streit, Neid, Frauen. Suff. Irgendsowas oder alles zusammen. Was nicht zusammen passt. Nicht umsonst rennt Jupp jetzt zum Füllort. Seine Halbschicht, aber unsere Zündschnur. Dafür habe ich unterschrieben, wir müssen die bezahlen.«

»Mach dich nicht verrückt, der ist doch gleich zurück. Ess erst mal was. Wird schon klappen, sagt meine Frau immer.«

»Halt die Klappe und hör auf deine Frau«, sagte Henner und gab es auf.

 Schweigend essend saßen sie da.

»Hast ja recht. Die Sauferei, Hugo packt´s manchmal gewaltig.« Martin zündete sich eine Pfeife an.

»Und der Jupp sagt´s ihm mitten ins Gesicht. Zur Frühschicht am Montag. Wundert mich, das nur der Kleine einen gefangen hat. Der Blitz geht halt manchmal kurze Wege.«

»Was riecht hier eigentlich so gut?«

»Dann probier schon.« Henner fingerte ein kleines Stück Blutwurst zwischen seinen Brotscheiben hervor.

Martin lachte. »Hast Glück, dass Jupp noch nicht zurück ist.«

»Wenn man vom Teufel spricht..« sagte Henner mürrisch und schaute zum Loch der Fahrt, in dem ein Lichtschein zu sehen war. Schon bald kletterte Jupp in den Abbau. Er streckte sich und warf missmutig einen Ring Zündschnur in die Ecke.

Henner sah ihn scharf an. »Das seh´ ich nicht noch mal.«

»Glückauf, Herr Seelentröster.« Martin konnte es nicht lassen.

»Hör doch auf. Du spuckst doch auch nicht rein. Und was macht ihr? Zieht einfach ab. Denke, wir sind ein Drittel, denke wir sind ein Gedinge. Hätte dem Hugo gern was gesagt, und auch den Kleinen haben wir allein gelassen. Sollte der Gaul dem helfen?«

»Leg dich mit dem Kerl nicht an, das geht nicht gut.« Henners Stimme klang fast gleichgültig.

»Als ob ich dem nicht gewachsen wär.«

»Darum geht’s nicht. Der ist nicht sauber. Hier nimm.« Henner reichte Jupp ein Scheibchen Blutwurst.

»Warum ist der eigentlich nicht im Gedinge?« Martin gähnte Henner an.

»Hugo? Würdest du dem eine Zündschnur geben? Der ist doch selber eine.«

Jupp kaute und Martin nickte.

Henner schaute hoch zur Firste des Abbaus. Er war der Ortsälteste. Er verhandelte den Lohn für das Drittel mit dem Steiger. Er sagte an, was in diesem Abbau zu tun war. Das Besetzen und Abtun der Schüsse war seine Sache. Denn nur er durfte mit dem Sprengstoff umgehen. Eigentlich. Aber die beiden waren schon zu gebrauchen. Eigentlich.

»Ne kleine Runde noch«, brummte Henner.

Auf schmalen Brettern, die einst Dynamitkisten gewesen waren, lehnten sie sich zurück. Ein paar Minuten Ruhe hatte Henner genehmigt. Ein wenig ersehnter Schlaf. Ihr Schlaf, Zeit, die nur ihnen gehörte. Zeit, die ihnen anschließend fehlen würde. Jede Tonne Erz, eigentlich jeder Stein, den sie nach unten in die Wagen auf der Strecke schicken würden, war ihr Lohn. Wenn dort nichts ankam, sah es schlecht aus. Frei waren sie und doch gefesselt.

So lagen sie da, im Abbau tief unter der Erde, mit ein wenig Blutwurst und Sprengstoff, der Hoffnung auf viel Erz und die Hand eines guten Gottes über ihnen. Lass doch ein leichtes Knistern in der Firste, im Erz über uns sein. Es wartet. Noch einmal kurz die Augen zu, in Gedanken zurück irgendwo hin oder gar zu einer Frau im warmen Bett. Luxus unter Tage.

Kurz darauf war Henner wieder wach. Er konnte hier unten schlafen, aber auch dies war hier anders, wie alles. Über Tage war nicht unter Tage. Schlaf im Bett nicht ein kurzes Einnicken im Abbau. Viele Jahre im Berg hatten auch seinen Schlaf geprägt. Der Geruch der blakenden Öllampen, der leichte Wetterzug von Fahrt und Rolle, entferntes Rollen der Wagen auf den Strecken über und unter ihnen. Nicht zum Schlafen waren sie hier.

Er steckte seine Pfeife ein und schaute zu Jupp und Martin. Natürlich schliefen sie noch. Mit ihnen konnte er arbeiten, beide fleißig und zuverlässig. Auf beide wartete über Tage noch eine zweite Schicht in der Landwirtschaft. Auf Martin auch noch eine Familie.

Sein Husten ließ die beiden fast gewohnheitsmäßig aufwachen.

Pock, pock, pock erklang es entfernt aus den benachbarten Abbauen. Auch Henner und Jupp begannen mit dem Bohren der Sprenglöcher. Martin füllte das hereingeschossene, zuletzt gesprengte Erz der letzten Schicht in die Rolle. Durch diese Röhre fiel es über zwanzig Meter nach unten in die Wagen. Arbeit im Abbau. Wache Männer jetzt wieder, wach und selbstbewusst und manchmal ein wenig stolz.

Einer von vielen Abbauen. Dazwischen die Sohlen, auf deren Strecken das Erz aus den Rollen in  die Wagen donnerte. Der Weg zum Füllort. Menschen und hier und da ein Grubenpferd. Dort der Schacht. Tagaus mit dem Förderkorb. Wagen für Wagen. »Fortuna« förderte.

Joseph war auf dem Weg zum Schacht. Das Rumpeln der Wagen übertönte die Tritte von Max, dem Grubenpferd. Eine an den ersten Wagen gehängte Öllampe brachte ein wenig Licht in die Dunkelheit der Strecke. Der Weg war kaum zu sehen. Das war auch nicht nötig. Die Gleise führten eh ans Ziel und Max kannte den Weg.

»Brav.«

Obwohl beide nun schon einige Monate zusammen unterwegs waren, musste der Junge immer wieder staunen. Das riesige Pferd beugte stets an den richtigen Stellen den Kopf, um nicht anzustoßen. Nicht schlecht für ein fast blindes Tier.

In Josephs hämmerndem Kopf kreisten die Gedanken. Wer nicht anstößt, hat auch keine Kopfschmerzen. Nicht wahr. Vom Wacholder bekam man auch einen Kopf. Wie der Mistkerl heute Morgen. So etwas hatte er noch nicht erlebt.

Natürlich hatte er sich auch schon geprügelt. Stark war er und schnell. Seit seinem zehnten Lebensjahr war er harte Arbeit gewohnt. Steineklopfen auf der Grubenhalde. So hatte es angefangen. Schubkarren fahren auch und unter den Röstöfen die Arbeit mit der Schaufel. Alles schwer, aber nicht zu schwer für ihn. Reichlich Püffe und Schläge hatte es dort gegeben. Vom Aufseher manchmal, aber meist hatten sie sich untereinander  das Leben schwer gemacht, und der alte Aufseher hatte dann als Zugabe noch was draufgelegt. Wenn er sie erwischte.

Joseph musste lächeln. Längst waren die meisten von damals auch unter Tage. Längst waren die Prügeleien jener frühen Jahre vergessen. Wenn man sich traf im Dorf oder bei der Arbeit in Wald und Feld, trafen sich alte Freunde, die alten Haldenjungen der Grube »Marie«. Irgendwie jedenfalls. Na ja, ein paar Hitzköpfe gab´s immer noch. Und er konnte den Kopf hoch tragen. Die »Fortuna« war die modernste Grube weit und breit. Die nahmen nicht jeden. Mit etwas Erfahrung hier als Pferdejunge konnte er vielleicht in ein Gedinge kommen, vielleicht sogar Hauer werden. Abzeichnen bei der Sprengstoffausgabe.

Lesen und Schreiben konnte er gut. »Ein heller Kopf«, hatte der Lehrer mal gesagt. Nur einmal, aber immerhin.

Max blieb stehen und schnaubte. Joseph lehnte sich an den riesigen Körper. Max drehte den Kopf. Süßer Pferdemaulgeruch. Ein großer Freund. Wie stolz war er, jetzt nicht loszuheulen.

Noch nie hatte er sich so hilflos gefühlt wie an diesem Morgen am Füllort. Als sei er ein Bündel nasser Wäsche, auf den Boden geklatscht und gleich wieder hochgehoben. 

Wieder schnaubte das Pferd.

Langsam näherte sich das Licht einer Grubenlampe.

Gehorsam zog Max wieder an und furzte einige Liter Gas in die Strecke.

Joseph wusste, wer da unterwegs war. Der Steiger auf seinem Weg zu den Abbauen. Bloß nichts falsch machen. Immerhin traute man ihm schon zu, allein die Wagen zum Schacht zu fahren.

»Glückauf Herr Steiner.« Joseph erkannte den Mann mit der blankpolierten Messinglampe. Der Steiger. Das würde Fragen geben. Aber Max war in Ordnung, wie immer.

»Glückauf. Richard wartet am Schacht. Er wird Max für den Rest deiner Schicht übernehmen. Sag dem Anschläger, dass du vor der Seilfahrt ausfahren darfst. Warte in meinem Büro.«

»Es war nicht meine Schuld, ich wollte ihn nicht ärgern.« Joseph wusste kaum was er sagte. Sein Verdienst wurde gebraucht. Weg von »Fortuna«, Abkehr mit siebzehn Jahren nur wegen einer dummen Bemerkung. Was sollte nun werden?

»Stimmt was nicht?«

»Am Schacht, ich meine..«

»Gut beieinander, der Gaul. Richard versteht´s mit den Pferden. Nimm deinen Beutel mit ins Büro und ess dort was. Wenn wir wieder einfahren, kann´s länger dauern. Fahren wahrscheinlich erst gegen Abend aus.«

Joseph blieb ein Glückauf im Hals stecken. Schneller als sonst trieb er Max zum Schacht. Was war hier los? Nichts war wie sonst. Die Eintönigkeit seiner Arbeit schien ihm plötzlich so sehr erstrebenswert. Max und er auf der Strecke, Wagen anhängen und los in der Dunkelheit, mattes flackerndes Licht, dampfender Pferdekörper unterwegs auf feuchter Sohle. Das Rollen der Wagen. Ein Junge und ein Pferd tief unter der Erde.

Richards Reich. Der Pferdestall nicht weit vom Schacht. Gerade so, dass der Wetterzug nicht zu schlimm war. Pferde waren ebenso empfindlich wie robust. Im Heu lag ein Riese, der stärkste Mann  weit und breit, und schlief.

Wovon träumst du, Richard? Schwer zu sagen. Von den Dragonern vielleicht, zu denen er so gerne gehört hätte. Träume führten so weit weg. Die ganze Fülle des Lebens. Wahr wurden sie nie. Nicht für ihn. Richard der Starke, Kaiserschnurrbart und als Palast ein Pferdestall unter Tage.

Ganz schön was los am Füllort. Wagen wurden aufgeschoben. Er wurde wach und erinnerte sich des Auftrags des Obersteigers. Max übernehmen. Den Jungen ausfahren lassen. Der Anschläger wusste schon Bescheid. Richard war langsam, sehr langsam, aber er vergaß nichts. Behäbig stand er auf und ging zum Schacht.

»Ich soll ausfahren« rief Josef ihm aufgeregt entgegen.

»Sonderorder für unseren Helden.« Richard breitete seine mächtigen Arme aus. Einer landete auf dem Pferdehals, der andere auf den Schultern des Jungen. »Machst ja ganz schön Wirbel für ´nen Pferdejungen am Montagmorgen. Will gar nicht wissen, wie deine Woche noch weitergeht.«

»Manche müssen halt schaffen, wenn andere Tabaksaft ins Heu sabbern.« Joseph tauchte unter der Pranke durch zur Seite.

»Besser im Heu aufschlagen als im Dreck der Sohle. Deine Klappe kostet dich irgendwann die Zähne.«

»Erzähl´s bloß nicht weiter, bin nicht gerade stolz drauf.«

»Bist doch sonst so flink.«

»Der ging schneller hoch als ein Kettenköter.«

»Kriegt halt jeder, was er verdient.« Genau daran musste Richard oft zweifeln.

»Der nächste Abbau ist der unterm Erzsteig. Fährst besser los.«

»Bring mir noch ´nen Priem mit, wenn du wieder einfährst. Frag Karl, der wird noch einen haben.«

»Frag doch den Obersteiger.«

»Mach, dass du fortkommst. Oder ich hetz´ den Gaul auf dich.«

Joseph zog los.

Richard sah das Pferd an. »So wär´ ich auch gern mal gewesen«, meinte er zu sich selbst.

Der Junge hatte einen schnellen Kopf und ging auf die Welt zu wie ein Welpe an die Wurst. Eigentlich hatte der Bursche alles, was ihm selbst immer fehlen würde. 

Richard war dreißig Jahre älter und er war nur eingeschränkt einsatzfähig. Beschränkt.

»Davon gibt´s viele«, sagte er zu Max. Aber im Gegensatz zu den meisten wusste er, dass es so war. Langsam trotteten die beiden in die Strecke. Wie so oft hatte Richard dem Tier noch einiges zu erzählen.

»Eine Extraseilfahrt für den jungen Herrn. Wenn den Herren Steigern nicht dauernd was einfiel, hätte ich ja auch nichts zu tun.« Der Anschläger griff zum Signal. Zunächst viermal ertönte die Glocke des Schachtsignals.

Immer schneller hob der Förderkorb Joseph nach oben. Der Pferdejunge allein im Korb. Die Förderung musste solange warten. Seilfahrt nur für ihn. Das hatte er noch nie erlebt. Sonst fuhren meist nur wichtige Leute während der Förderung mit dem Korb. Alle anderen fuhren an und erst nach der Schicht wieder aus. War das ein Tag. Dabei ahnte er nicht, was ihn noch erwartete.

Gut, dass er einiges gewohnt war. Ein kleines Bündel zusätzlicher Lampen hing über der einen Schulter, eine Ölflasche und ein Beutel über der anderen. Steiger Steiner legte ein ganz schönes Tempo vor. Längst hatten sie die befahrenen Strecken verlassen. Erklärt hatte man ihm nichts.

»Was suchen wir denn?« Irgendwann musste er dann doch fragen.

»Den Stein der Weisen.« Steiner blieb stehen.

»Mein Gott. Wo gibt´s denn so was?«

»Das wüssten viele gern. Noch nie gehört – oder gelesen?«

»Ganz bestimmt nicht.«

»Kannst doch lesen, oder?«

»Besser als Richard.«

»Donnerschlag.« Zum ersten Mal sah er den Steiger grinsen.

Josef war stolz. Kaum ein Wort verloren die Grubenbeamten an einen Pferdejungen. Ein »Glückauf« war da schon viel. Hauer im Gedinge flößten ihm schon Respekt ein. Steiger oder Markscheider waren eine andere Welt. Auch Steiner hatte bisher nur das Nötigste mit ihm geredet. Anweisungen halt.

»Aber den Alten Mann kennst du doch, oder?«

»Besser als mir lieb ist. Letzte Woche wurde im Erzsteig wieder verfüllt. Natürlich musste ich helfen. ´Ne ganze Menge haben wir da ´reingeschaufelt. Dann lieber mit Max unterm Gang. Junge Leute sollten den Alten Mann in Ruhe lassen, wenn sie mich fragen.« Wieder konnte er seine Klappe nicht halten.

»Das hätte meine Frau hören sollen«, lachte Steiner. »Das hätte ihr gefallen.«

Der Steiger stapfte weiter. Jetzt musste eigentlich die Schicht zu Ende sein. Müde und hungrig hätte Joseph jetzt ausfahren sollen. Doch daran dachte er nicht. Selten war er so wach gewesen.

Seilfahrt für die Frühschicht. Lange vorher hatte Richard die letzten Erzwagen am Schacht abgeliefert. Gut versorgt ruhte Max in seinem Stall unter Tage aus. Ein anderes Pferd stand für die Mittagsschicht bereit. Und ein alter Freund hatte ihm eine kleine Bitte erfüllt.

Der Anschläger kontrollierte die Seilfahrt. Die Förderung ruhte. Nach und nach fanden sich die Hauer am Füllort ein. Nicht so ernst wie bei der Einfahrt, kein Gebet nun. Aber jeder hatte seine Marke mit seiner Nummer zu nehmen. Bei der Einfahrt hatte der Anschläger sie auf einen Drahtring gesteckt. In der gleichen Reihenfolge fuhren sie nun aus. War der Drahtring leer, war auch die Frühschicht wieder heil über Tage.

Auch der ständige Wetterzug am Schacht konnte den Geruch nach Schweiß und feuchter Kleidung nicht vertreiben. Grau waren die Gesichter, müde Routine alles, langsam und fahrig die Bewegungen.

Hier waren Tonnen über Knochen gegangen. Für die meisten wartete noch eine Schicht in der Landwirtschaft, auf dem Feld oder im Wald. Endlich aber ausfahren, Luft und Sonnenlicht. Möglichkeiten machten sich in Köpfen breit. Vielleicht die Frau, vielleicht der Schnaps. Hoffnungsvolle Erschöpfung. Erst mal ausfahren. Und der Sonntag noch so weit.

Schubsen in der Reihe. Seit wann gab´s das denn?  Korb für Korb glitt über Tage.

Hugos Nummer wurde nicht aufgerufen. Nach und nach fuhren alle aus. Gerne hätte er sich beschwert, aber mit so schlechten Karten wie an diesem Tag war er besser still. Stimmungen konnte er manchmal schon einschätzen. Mengen an Schnaps und nur ein falsches Wort am falschen Platz. Das fürchtete er nicht. Aber er kannte es. Er wusste auch, das er Glück gehabt hatte. Noch mal davongekommen war. Niemand würde erzählen, wie er den verdammten Naseweis fertig gemacht hatte. So gehörte es sich. Wäre ein Steiger in der Nähe gewesen, hätte er seine Abkehr bekommen. Auf anderen Gruben gab´s Abzug von der Schicht. Nicht auf Fortuna. Scheißmoderner Betrieb. Grubendirektor Schubert hatte längst klar gemacht: Wer schlägt, fliegt. Erst mal die Pfeife wieder anzünden. Eigentlich auch verboten. Vor allem bei Seilfahrt. Scheiß drauf.

Niemand mehr da außer dem Anschläger. Hugo stieg ein. Schwach schien das Licht des Füllorts hinein, das Öl seiner eigenen Lampe sparte er längst. Etwas Großes verdunkelte den Korb. Ein leichtes Wippen, und er war auf dem Weg nach oben. Nackte Felswände glitten an ihm vorbei. Auf zwei Seiten hatte der Förderkorb keine Wände.

Pferdegeruch. Hugo wusste sofort, dass er nicht allein war. Ein mächtiger Arm umschloss seinen Körper. Eine Hand in seinem Genick. Er versteifte sich, aber unaufhaltsam wurde sein Gesicht auf die vorbeigleitende Felswand zugeschoben.

»Richard.«

»Hugo, alter Freund«

»Du bist´s nur.« Er versuchte Luft zu holen. Alles klar. »War nicht so schlimm, ist doch ein dummer Bengel.«

Im nächsten Moment verstärkte sich der Druck auf seinen Nacken. Ganz nah die gleitende Felswand des Schachts. Die Pfeife flog weg und seine Nase wurde von scharfem Schiefer aufgeritzt. Ganz wenig nur.

»Pack noch einmal den Jungen an, und ich bring dich auf die Zweimeter-Sohle.«

Der Korb kam an der Hängebank an. Licht. Hugo fand seine Pfeife und verschwand eilig Richtung Kaue, um seine Nase zu versorgen. Er wusste, wann er verloren hatte. Zumindest vorläufig.

Richard ging nach Hause. So viele Worte in einer Schicht, dachte er.

Josef und Steiner waren immer noch unterwegs. Die Mittagsschicht war sicher schon eingefahren. Nach der Uhrzeit zu fragen, getraute er sich nicht. Längst bot die Grube ein ganz anderes Bild.

Der Ausbau mit Türstöcken war völlig verrottet, an vielen Stellen schon verfallen. Immer wieder kamen sie an verbrochene Abschnitte. Oft war die Firste nachgebrochen, so dass sie über Schuttberge klettern mussten, die ihnen gerade noch einen Durchschlupf boten.

Gerne hätte Joseph sich Zeit genommen, um alles genauer zu betrachten. Mächtige Stalaktiten hingen überall herab, schillerten trotz des trüben Lichts in vielen Farben.

»Dann wollen wir mal klettern.« Steiner blieb stehen. Nach rechts zweigte ein kleinerer Gang ab.

»Na bitte«, sagte er zufrieden. »Da geht´s rauf.«

»Und wohin?«

»Zum Alten Mann. Mitten in seine gute Stube.«

Von irgendwo da oben waren große Mengen Gestein heruntergekommen. Steile Hänge waren das nun, die sie zu bezwingen hatten. Immer weiter und weiter ging es bergan. Ewig erschien ihm die Kletterei. Die vielen Lampen behinderten Joseph nun sehr. Das Geröll schien kein Ende zu nehmen und wurde immer steiler. Obwohl er nun zu schwitzen anfing, schien es etwas kälter zu werden.

»Na bitte.« Steiner hielt die Lampe hoch. Keine Decke zu sehen.

»Den Bruch haben wir hinter uns.« Seine Stimme klang ein wenig wie in einer Kirche.

»Was ist das hier?« fragte Joseph.

»Uralter Abbau, der nach unten abgegangen ist. Jetzt mach mal die Frösche an.«

Joseph nahm die Ölflasche und befüllte sorgfältig die Lampen.

Immer mehr lichtete sich das Dunkel. Steiner wies ihn an, wohin er die Lampen zu stellen hatte. Nach und nach erschloss das Licht ihnen den Blick in das riesige Gewölbe über ihnen.

»Irgendwann kriegen wir wohl auch mal besseres Geleucht. « Steiner suchte sich eine geeignete Stelle und setzte sich.

»Halbschicht?«

»Pack aus, die haben uns doch was eingepackt.«

Joseph öffnete den Beutel. Brotschnitten, geschmiert mit Butter und belegt mit Wurst.

»Darf ich auch?«

»Hinein, Onkel Otto. Bist doch sonst nicht so langsam.«

Vorbei mit dem Reden. Essen. Wer wollte da noch was sagen?

»Was suchen wir eigentlich?« Joseph musste natürlich was sagen. Die Frage stellte er sich nun schon seit sie unterwegs waren.

»Was sucht der Bergmann?« Steiner hatte jedes Wort betont.

»´Ne feuchte Einfahrt«, entfuhr es Joseph.

»Du scheinst ja schon viel gelernt zu haben. Von Max hast du das aber nicht.«

»Wo sind wir hier eigentlich?« Schneller Joseph. Schnell ein anderes Thema.

»Blutspat. Uraltes Feld. Das Alter ist nicht bekannt. Woher der Name kommt, weiß ich auch nicht. Die haben aber sicher kaum Spat abgebaut. Selbst wir haben ja noch Brauneisenstein in den oberen Sohlen.«

»Spat im Wagen, Wurst im Magen!«

»Woher hast du das schon wieder?«

»Weiß nicht.«

»Aber alles bleibt hängen. Oder spuckst es auch schnell wieder aus.«

»Leider.« Joseph dachte an den Morgen am Schacht.

»Wieso?«

»Ist halt so.« Sich ausweinen war seine Sache nicht.

Steiner entnahm seiner Jacke eine Karte und faltete sie auseinander.

»Leuchte mal. Aber vorsichtig.«

Joseph erhob eine Lampe. Ganz selten war er auf dem Steigerbüro gewesen. Gib das ab, hol dies. Dort gab es solche Karten. Dort waren auch die Markscheider. Studierte wie auch der Steiner. Fast ehrfürchtig schaute er auf das ausgebreitete, auf dünnes Leinen aufgezogene Papier. Farben, das war alles bunt.

»Das ist besser als Schrift«, entfuhr es ihm.

»Hier sind wir.« Steiners Zeigefinger umkreiste einen Bereich in der Karte.

»Da ist ja nichts.«

»Die Karte ist eben modern. Die mal hier gebaut haben, von denen gibt´s keine Karten mehr. Vielleicht haben die auch nie welche angelegt. Pack ein. Weiter. Zum Glück reicht mir dein Ausleuchten, seh den Weg schon.« Einpacken, und schon ging er weiter.

»Und was suchen wir?« fragte Joseph noch einmal, aber Steiner drehte sich noch nicht einmal um.

Langsam wurde ihm klar, dass er eine dumme Frage gestellt hatte.

Wieder ein verbrochener Durchlass. Hier mussten sie kriechen. Joseph löschte die Lampen bis auf seine eigene und folgte Steiner. Nasser Schiefer schien ihn zu umschließen. Heftig flackerten die beiden kleinen Ölflammen.

»Was für ein Wetterzug. Genau das habe ich erwartet.« Steiner war begeistert.

»Solange das Licht nicht ausgeblasen wird.« Auf dem Bauch kriechend sah Joseph nur die mit Nägeln besetzten Stiefelsohlen des Steigers vor sich.

Dann verlosch seine Lampe. Unmöglich, sie in so einer engen Fahrt wieder anzuzünden. Verdeckt vom Körper vor ihm kam noch ein wenig Licht zu ihm durch.

»Ich kann nicht mehr so schnell. Hab kein Licht mehr. Seh´ kaum noch was.« Seine Stimme erschien ihm seltsam fremd.

»Solange ich etwas sehen kann..«, begann Steiner. Dann war auch seine Lampe erloschen.

Nur der Ölgeruch erinnerte daran, dass hier soeben noch Frösche, die Lampen der Bergleute, geleuchtet hatten.

Die Finsternis war überwältigend. Das war nicht die Dunkelheit des Erwachens in der Nacht, des Tastens durch unbeleuchtete Zimmer und Keller. Es war auch nicht der dunkle Wald in einer Novembernacht.

Seit einem halben Jahr arbeitete Joseph unter Tage. Schlagartig wurde ihm klar, wie wenig er davon kannte. Hier war nicht das Rollen der Wagen, das entfernte Pochen von Schlägel und Bohrer. Hier fehlten vertraute Stimmen und auch der Geruch von Max, dem Grubenpferd. Das ungewohnte Kriechen in dem engen Raum hatte ihm nichts ausgemacht. Mit dem Verglimmen des letzten Dochtes in Steiners Frosch war dies jedoch Vergangenheit. Obwohl sein Körper auf dem nassen Boden lag, verlor er sofort jede Orientierung. Irgendein Raum umfing ihn, in dem es weder rechts noch links, vorne und hinten, oben oder unten gab. Frische Wetter strichen an ihm vorbei. Atmen. Diese Luft tief einsaugen. Sein Brustkorb versagte, bewegte sich nicht. Aufstehen, strecken, Luft herbei – all das ging nicht. Sein Kopf schnellte nur ein wenig hoch und knallte gegen Fels. Der zweite Schlag für heute. Da also war oben. Ab nach vorne. Von dort traf ihn Steiners Stiefel.

»Ist ja so still dahinten. Fass meine Füße und komm.«

»Können Sie was sehen?«

»Wozu. Hier geht´s erst mal nur in eine Richtung.«

»Wann gibt´s wieder Licht?«

»Wenn wir durch sind. Verschütte kein Öl. Sonst noch einen Wunsch?«

»Ich gäb was für ein Pferd.«

»Ich hab´s geahnt, du bist ein Dichter.«

Der Gang ging plötzlich steil abwärts.

»Du wartest hier.«

Joseph hörte, wie der Steiger sich nach unten schlängelte. Schon bald sah er unter sich einen Lichtschein und kroch darauf zu. Mit dem Kopf voran plumpste er auf eine Sohle.

»Tolle Geburt. Mach auch Licht.« Steiner lachte.

Joseph zündete seine Lampe an und richtete sich auf. Strecken, Luft holen. Umschauen. Ein enger Stollen mit glatten Wänden. Nicht die zerklüfteten Wände seiner Sohle auf »Fortuna«.

»Was ist das hier?« Joseph staunte.

»Der Alte Mann. Haben seinen Abbau befahren und jetzt eine Strecke erreicht. Ist noch geschlägelt. Die hier mal waren, hatten noch kein Schießpulver. Hat die viel Zeit und Mühe gekostet.«

»Irgendwie schön, wie ..«

»Reine Handwerksarbeit eben. Aber wenn du mal im Gedinge bist, wirst du froh sein, dass wir heute schießen können.«

»Wie alt ist die Grube hier?« Allmählich fühlte sich Joseph etwas besser.

»Keine Ahnung. Hundert Jahre und mehr. Vielleicht waren deine Vorfahren schon hier. Riech mal.« Steiner sog die Luft ein.

»Max ist das nicht. Stollenluft, aber auch Wald irgendwie.«

»Der Alte Mann hat oft Verbindungen nach über Tage.«

»Wo sind wir denn hier?«

»Westlich vom Dorf. So etwa unterm Stangenwald, denke ich. Deshalb sagt man zum Feld Blutspat meist Stangenwald. Auch unter Tage.«

»Himmelarsch.«

»Was?«

Joseph kratzte sich an seinem geschundenen Kopf. »Genau da sollte ich jetzt sein.«

»Im Winter?« wunderte sich Steiner. Natürlich arbeiteten die meisten Familien in Wald und Feld. Auch er kannte das von Kindesbeinen an. Hauberg. Lohe schälen, Holz schlagen, Korn ernten – immer gab es dort was zu tun. Für die ganze Familie. Selbst für Kinder. Fluch und Segen zugleich war der Hauberg. Ein nötiges Zubrot, wo sonst wenig nur zu holen war, aber auch ständige Arbeit nach den eigentlichen täglichen Pflichten. Außer im Winter.

»Bin halt gern dort oben.« Eine bessere Lüge fiel Joseph nicht ein.

»Ist ja auch wirklich gemütlich dort. Fast kuschelig. Besonders Ende November am frühen Abend.« Steiner schüttelte den Kopf und dachte an Katharina. Ofen, Essen, eine warme Stube und ein gutes Bad. Wasser und Seife und dann im noch kühlen Bett der warme Körper seiner Frau. Wie kam er jetzt darauf?

»Kann man von hier ausfahren?« Joseph war froh, ein anderes Thema gefunden zu haben.

»Früher sicher. Vielleicht sind wir sogar auf einer Stollensohle.« Steiner bewegte die Lampe langsam zu verschiedenen Stellen. »Dem Wetterzug nach aber führt hier jetzt alles nach oben.«

»Sind Abbaue hier drüber?«

»Reichlich, und durchschlägig nach über Tage.«

»Wie hoch über uns ist der Stangenwald?«

»Wohl so 100 Meter.«

»Doch so weit.« Joseph schaute hoch zur Firste. Nasser Schiefer. Könnte er doch jetzt da oben sein. Wär hier doch eine Seilfahrt. Er würde jemandem einiges erklären müssen, warum er jetzt nicht da oben war. 

»Irgendwo hier haben die geschlafen«, meinte Steiner.

»Wie?«

»Den Gang verpasst, das Erz verloren und aufgegeben.«

»Deshalb sind wir hier?«

»Warum sind wir überhaupt unter Tage? Gänseblümchen pflücken?«

»Sie meinen, hier ist noch was?« Joseph sah sich zweifelnd um.

»Hier ist wohl nicht mehr viel, aber unter uns vielleicht. Erz für Jahrzehnte. Das Feld Blutspat oder auch Stangenwald könnte bald von Fortuna wieder erschlossen werden.«

Langsam setzten sie ihren Weg fort. Ohne Hast ging Steiner nun voran, leuchtete immer wieder alles gründlich aus. Meter für Meter ging es voran. Joseph atmete tief durch. Die Wetter waren brauchbar. Steiner blieb stehen.

»Total verquarzt.« Milchig-weiß begann der Gang rechts über ihnen und setzte sich links zu ihren Füßen fort.

»Ist das gut?«

»Nein, deshalb haben die doch aufgegeben.«

»Und wir?«

»Fangen gerade erst an.«

»Wenn ich Ihnen doch helfen könnte«, entfuhr es Joseph.

»Tust du doch. Soll ich Öl und Lampen allein schleppen?«

»Das mein ich nicht.«

»Versteh´s schon.«

»War bisher nur auf Strecke mit dem Max.«

»Muss auch jemand tun. Wie lange fährst du schon ein?«

»Seit meinem Sechzehnten. Ein Jahr.«

»Ob aus dir mal ein Bergmann wird?«

»Wieso?«

»Willst doch immer in den Stangenwald.« Der Steiger ging voran.

»Hier geht ein Abbau ab.« Steiner schüttelte zweifelnd den Kopf. »Ist doch alles verquarzt.«

Von der Strecke führte ein Kanal fast senkrecht nach oben. Weißer Quarz im Schiefer.

»Stell rechts und links eine Lampe auf.«

Joseph füllte zwei Frösche mit Öl, zündete sie an und stellte sie auf.

Sie stiegen ein. Langsam und vorsichtig der Steiger.

»Noch eine Lampe.«

Er machte einen weiteren Frosch fertig und reichte ihn voran. Steiner zündete ihn an und hängte ihn an den Fels.

»Warte hier.« Mit seiner eigenen Lampe in der Linken stieg er weiter auf.

Weit über ihm sah Joseph das Licht des einzelnen Froschs. Lampen und Ölkanne legte er ab und machte es sich auf dem schrägen Geröll so bequem wie möglich. Ständig einen Grubenbeamten um sich zu haben war ungewohnt für ihn. Selbst ein »Glückauf« wurde von denen oft nicht erwidert, wenn es von einem Pferdejungen kam. Aber irgendwie war er auch nicht besser. Vor einem Jahr hatte er noch auf der Halde über Tage Steine geklopft und sortiert. Das war so ziemlich die am schlechtesten bezahlte Arbeit überhaupt. Er gestand sich ein, dass er nun bereits mit ein wenig Stolz auf seine Jugendfreunde herabschaute, die immer noch dort schufteten. Pferdejunge unter Tage war schon was. Auch wenn er noch lange kein Hauer im Gedinge war. Ein Anfang jedenfalls. Und jetzt durfte er einem Steiger helfen.

Das Rieseln kleiner Quarze weckte ihn auf. Nein, er hatte nicht geschlafen, war höchstens kurz eingenickt. Das Licht über ihm begann leicht zu flackern.

Und nun musste ihm niemand sagen, was er zu tun hatte. Es überfiel ihn ganz plötzlich.

Da kamen die Reste eines Abbaus runter. Mit einem Sprung war er auf dem Weg nach unten. Während er sich das erste mal überschlug, überholte ihn schon das Geröll aus dem Abbau über ihm.

»Ganz schöne Sauerei« Steiner klang nicht sehr beeindruckt.

»Gott sei dank, Sie sind da.« Joseph musste husten. Wieder diese totale Finsternis. Den Staub konnte er nicht sehen, aber schmecken.

»Hast du dir was getan?«

»Hab heut´ schon mehr auf den Kopf gekriegt.«

»Hör gut zu. Zieh dein Hemd über die Nase und fang sofort an, die Lampen zu suchen. Das muss jetzt schnell gehen.«

»Die laufen aus!« Erst jetzt erfasste Joseph den Ernst der Lage.

»Für einen Pferdejungen hast du einen schnellen Kopf. Such langsam und gründlich.«

Beide tasteten in der Dunkelheit umher. Längst war ihnen klar, dass sie sich auf der Strecke befanden, in die sich nun das Geröll aus dem Abbau über ihnen ausgebreitet hatte. Steiner folgte dem Schuttberg.

»Hier bin ich rein. Rechts und links von mir müsste also auf der Sohle noch eine Lampe sein. Da müssen wir ganz schön graben.«

»Ich rieche Öl.« Joseph kroch langsam voran. Die Ölflasche. Na bitte. Vorsichtig schütteln.

»Da ist noch was drin.«

Stein für Stein flog zur Seite. Steiner rechts und Joseph links vom Aufgang zum Abbau. Oder wo sie ihn vermuteten. Mutlosigkeit überkam Joseph. Wie lange suchten sie nun schon? Wenn man nur was sehen könnte, nur ein wenig Licht, einen schwachen Schein, nur ein kurzes Aufleuchten, um zu sehen, wo man suchte. Langsamer wurde die Suche.

»Lass uns einen Moment ausruhen. Jetzt ist längst das Öl aus den Lampen gelaufen. Und zum Glück hast du ja die Flasche gefunden.«

»Aber Übel ist´s jetzt doch, oder?«

Kapitel 3 Linda legt los

Linda wusste, dass nun wieder was fällig war. Das war ab und zu der Fall. Damit musste sie rechnen, wenn die Dinge, die ihrem Gehirn so blitzschnell einfielen, ebenso behände auch schon ihren Mund verlassen hatten.

Sicher, es war eine allgemein bekannte Tatsache, dass Patty Schnitzler sowohl übermäßig dick als auch ungeheuer dumm war. Patty vermied es seit Jahren, irgendetwas zu essen, was nicht bunt oder knisternd verpackt war, abgesehen vielleicht von Softeis und Pommes. Hemmungsloser ständiger Konsum von Deppensendern und die konsequente Weigerung, irgendetwas zu lesen, das nicht mit bunten Bildern garniert war, hatten genau die umgekehrte Wirkung hervorgerufen wie ihre Fressalien. Während sie außen immer dicker wurde, nahm innen drin ihr Verstand stetig ab. Irgendwann würde sie völlig hohl sein.

Dass Pat sich auf fett reimte, war für Lindas flinkes Mundwerk zu verführerisch gewesen.

Ungewollt holte Linda tief Luft, was sie aber umgehend bereute. Sie war auf dem Weg zum Sport und befand sich in den so genannten Katakomben unter der Turnhalle. Der Gestank nach Schweiß, Urin und Desinfektionsmitteln war typisch für diese Gänge zu den Toiletten, Duschen und Umkleideräumen.

Linda blieb stehen und schätzte ihre Chancen ein. Überall wäre sie Patty entkommen. Auch hier. Aber Patty hatte Freundinnen. Ein Haufen unsensibler Gören.

Noch nicht zu sehen. Doch zu hören. Die warteten nicht nur im nächsten Gang da vorne. Auch hinter ihr hörte sie Schritte und verhaltenes und doch schrilles Gelächter. Da stimmte man sich auf etwas ein. Was war jetzt fällig? Vorne und hinten Pats Party und rechts die Wand. Links zwei Türen. Ganz flink und leise verschwand Linda vom Gang.

Und war zum ersten Mal in der Umkleidekabine der Jungs.

Es war, als ob man ihr eine alte Socke über den Kopf gestreift hätte. Welch ein widerlicher Gestank. Egal. Laute schnelle Schritte auf dem Flur jetzt. Ihr Handy. Kein Empfang. Aber wen sollte sie auch anrufen. Nur weiter.

Dann die Rettung: Klotüren. Rein, zu und abschließen. Nein, bloß nicht abschließen. Fällt ja direkt auf. Deckel auf die Schüssel und hinsetzen. Füße hoch. Na bitte. Wenn´s drauf ankommt ist sie schnell, sagte Mama immer. Laute Linda schaltete um auf stille Maus.

Türenschlagen und aufgeregtes Gekicher. Patty gab den Ton an: Seid mal ruhig. Irgendwo hier. Stille. Schritte kamen näher.

»Dann mal los.« Unverkennbar Pattys Krötenquakstimme. Der Türgriff ging langsam, fast genüsslich, nach unten. Und sofort wieder hoch. Irgendwo schlug eine andere Tür.

»Hallo Mädels«.

Mannomann. Das war ein Junge. Klasse. Patty und ihre Prolltussies zogen schnell und erstaunlich leise ab. Linda atmete auf. Blieb aber eingefroren. Was jetzt kam, kannte sie nicht so genau. Sie erkannte es trotzdem sofort. Neben ihr pinkelte jemand. Im Stehen ! Jetzt furzte er auch noch, wobei er genüsslich grunzte.

»Das hab ich gehört.«

 Noch ein Junge. Wo kam der denn her ?

»Was sein muss, muss sein.«

»Wenn du hier sonst nichts treibst.«

»Doch nicht allein.«

»Und was kam mir da gerade entgegen?«

»Keine Ahnung, was die hier wollten. Militanter Kindergarten auf geheimer Mission oder so.« Klospülung und Türenschlagen. Die beiden jetzt vor den Zellen.

»Alles klar für heute Nacht? Hast du´s gekriegt?«

»Hat gedauert, aber ich hab´s.«

»Na also, ohne geht´s halt nicht.«

»Hab´s direkt in Folie geschweißt. Soll ja nicht nass werden.«

Linda, kluges Kind, wusste sofort was da abging. Drogen. Das war was anderes als Patty Pudding. Das waren Leute, die irgendwas rauchten. Oder spritzten. Oder noch was anderes. Lindas stets sprungbereite Spontanfantasie lieferte sofort das Bild eines Geldscheins. Und eines weißen Pulvers. Und einer Nase.

Und das war ein Problem.

Wieder ein Bild in Lindas Kopf. Ein Kaninchen. So süß. Würde es nur nicht diese ständigen Bewegungen mit seinem Schnupperteil machen. Wie das juckte und kribbelte. Nur nicht niesen. Blitzschnell schaltete Linda auf ein Rettungsbild um. Ihre Augen weiteten sich. Das Rennpferd in der Startbox. Weit geblähte Nüstern.

Einmal noch atmen.

Das half.

Es half nicht.

Eine Tür fiel ins Schloss. Ein Gatter  ging auf. Das Pferd rannte los. Linda nieste.

Genug gewartet. Jetzt aber raus hier. Lindas Lieblingswort war: los! Zurück blieb eine Schüssel mit beiden Deckeln drauf. Premiere da unten im Jungenklo.

Wie stark sie sich fühlte. Jetzt hatte sie wieder dieses Zeug entwickelt. Voller Adrenalin stapfte sie tapfer voran. Manchmal hatte sie eben auch Glück. Jetzt nur raus hier. Endlich die Türe nach draußen. Eigentlich mochte Linda den Sportunterricht, der heute für sie ausfallen würde. Man musste auch verzichten können. Dafür tat die frische Luft echt gut.

Den ersten Schlag hatte Patty sich selbst vorbehalten. Als Linda die Außentreppe hinaufgegangen war und um die Ecke bog, schlug sie zu.

Natürlich traf sie nicht. Adrenalin-Linda war für sie um Welten zu schnell. Und das nicht nur im Ausweichen. Kaum sauste Pattys Pummelarm ins Leere, traf sie auch schon Lindas Tasche in den Rücken. Auf der Tasche waren niedliche Hundewelpen abgebildet, die jeder einen etwas zu großen Knochen im Maul hatten.

Mit schrillem Schrei stolperte Patty die Treppe hinunter, wo sie unten mit einem satten Klatschen von der Tür gestoppt wurde.

Erstaunlich schnell war sie wieder auf den Beinen.

Und sie war nicht allein. Während Patty die Treppe heraufkeuchte, stand Linda oben, eingekreist von fünf weiteren Gören. Hier war nicht mehr viel zu holen. Jetzt war es wohl so weit. Hände zerrten an ihr, Schläge trafen sie. Instinktiv ging sie in die Hocke, Hände über den Kopf.

Linda so klein, Linda so allein.

Der Rucksack war schwer, und sein Wurf gut berechnet. Seine Flugbahn war kein Bogen. Wie eine riesige, unförmige Bowlingkugel schoss er knapp über dem Boden dahin. Mitten ins Knäuel der Mädchen.

Dort blieb niemand auf den Beinen. Er verfehlte nur die unten liegende Linda. Gestoppt wurde seine Bahn erst von Patty, die gerade die oberste Stufe erreicht hatte und dahin zurückkehrte, von wo sie sich erst soeben aufgerappelt hatte.

Niemand mehr da. Linda, raues Kind, stand langsam auf. Alles tat weh. Auch die Kids hatten gut getroffen.

»Was war das denn?« Ein Junge kam heran.

Linda schaute sich um. Die Pattygang hatte wohl der Erdboden verschluckt. Sie hob den Rucksack auf, der sich geöffnet hatte. Nicht schlecht das Teil.

»Schick. Jack Wolfskin.«

»Lassen sich jedenfalls gut werfen.«

»Bist in der 10 ?«

»11. Bist du okay?«

»Immer.«

»Wer waren die denn?«

»Ist doch egal. Aber nicht aus der 10ten.«

»Kommst du klar?«

»Sicher.«

Der Junge sammelte seine verstreuten Sachen ein.

»Muss dann mal weiter.« Und schon war er weg.

Linda ging die Treppe hinunter zur Tür. Ihr frecher Teil, immer bereit, dachte an Fettflecken an der Scheibe.

Kapitel 4 Die Welt der Fortuna

Die Seilfahrt war beendet. Müde und staubbedeckt war auch die Belegschaft der Spätschicht ausgefahren. Auch über Tage erwartete sie Dunkelheit.

Die Nachtschicht stand zur Einfahrt bereit. Das Gebet war gesprochen, der Anschläger wartete am Schacht.  Doch es ging nicht weiter. Warten. Verwunderung. Es tut sich was. Steiger Schmidt. Markscheider Münker auch dabei. Die fahren zuerst ein. Na bitte, wie immer, die hohen Herren. Machen uns noch das Gedinge kaputt. Was ist denn los?

»Geheim«, sagte der Anschläger und steckte die erste Kontrollmarke der Nachtschicht auf den Drahtring.

Joseph genoss den Geruch der brennenden Lampen fast so sehr wie das Licht.

»Ist das schön.« Auf der Strecke sitzend lehnte er sich an die Felswand und betrachtete seine Hände. Überall Schrammen und Blut vom Graben nach den Lampen. Aber es hatte sich gelohnt. Eine Lampe für jeden. Und Steiner war froh, dass seine wertvolle Messinglampe dabei war. Die war schon etwas ganz Besonderes.

»Erst mal Halbschicht, dann fahren wir aus. Haben hier ganz schön gewühlt. Das Öl wird sicher reichen.« Steiner verschloss notdürftig die Ölflasche.

»Wenn nicht noch was passiert.«