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»Der Kafka der Generation Facebook« DER SPIEGEL Paul, 25, lebt als Schriftsteller im New Yorker Stadtteil Williamsburg, und sein Leben dreht sich im Kreis. Phasen, in denen er nichts anderes tut, als seine Internetpräsenz in Endlosschleife zu aktualisieren, wechseln sich mit exzessiven Liebesabenteuern und Drogenexperimenten ab. Im Dauerrausch der Existenz treibt er nach Taipeh, zu den Wurzeln seiner Familie, und in die Arme von Erin, mit der er die vielleicht ungewöhnlichste Liebesbeziehung der Literaturgeschichte eingeht. Pauls Odyssee ist ein Irrweg zu sich selbst, die beispielhafte Suche eines hochmodernen Menschen nach Wahrheit und Aufrichtigkeit, von der Tao Lin mit buddhistischer Ruhe und Konzentration erzählt. In seinem faszinierenden autobiografischen Roman, mit dem er in den USA zum gefeierten Literaturstar wurde, fängt er die vage Angst, den Verdruss und die Liebesunfähigkeit einer Generation ein, die die Welt hauptsächlich gefiltert durch soziale Netzwerke und leistungssteigernde Medikamente wahrnimmt. Wie nebenbei entstehen so Einsichten von existenzieller Wucht und ergreifender Tiefe.
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Seitenzahl: 405
Veröffentlichungsjahr: 2014
Tao Lin
TAIPEH
Roman
Aus dem Englischen
Die amerikanische Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel
»Taipei« bei Vintage Books, A Division of Random House, Inc., New York.
© Tao Lin 2013
eBook 2014
© 2014 für die deutsche Ausgabe: DuMont Buchverlag, Köln
Alle Rechte vorbehalten
Übersetzung: Stephan Kleiner
Satz: Angelika Kudella, Köln
eBook-Konvertierung: CPI books GmbH, Leck
ISBN eBook: 978-3-8321-8817-7
www.dumont-buchverlag.de
1
Aus einem diesigen, wolkenlos wirkenden Himmel begann es leicht zu regnen, als Paul, 26, und Michelle, 21, in Richtung Chelsea gingen, um die Release-Party einer Zeitschrift in einer Kunstgalerie zu besuchen. Paul hatte aufgehört zu sprechen, und es kam ihm zunehmend so vor, als würde er weniger »auf dem Bürgersteig gehen« als sich vielmehr »durch das Universum bewegen«. Er starrte mit einem maskenhaften Gesichtsausdruck geradeaus und unternahm einen schwachen Versuch, sich daran zu erinnern, wo er vor einem Jahr, im vergangenen November, gewesen war – er tat es mehr um der Beschäftigung willen als aus tatsächlichem Interesse, ohne aber völlig frei von Neugier zu sein. Michelle, die links von ihm ging – so weit entfernt, dass unwissende Passanten zwischen ihnen hätten hindurchgehen können –, driftete in sein Blickfeld herein und wieder hinaus wie ein träges, amorphes Flackern. Paul dachte gerade auf meditative Weise, als Platzhalter und Ziel zugleich, das Wort »irgendwo«, als Michelle ihn fragte, ob alles in Ordnung sei.
»Ja«, sagte Paul automatisch. Als sie wenige Minuten später ein Gebäude betraten, warf er einen schnellen Blick zu Michelle hinüber, sah überrascht, dass sie grinste, und konnte nicht anders, als selbst zu grinsen. Manchmal, wenn sie sich stritten, kam es Paul vor, als spielte er eine Rolle in einem Film und die Szene wäre gerade abgedreht, und dann konnte es passieren, dass er plötzlich grinste, was dazu führte, dass Michelle ebenfalls grinsen musste und sie eine bis vierzig Stunden lang wieder Spaß daran hatten, etwas gemeinsam zu unternehmen, aber diesmal war die Situation anders, was zum Teil daran lag, dass Michelle zuerst gegrinst hatte. Paul wandte leicht irritiert den Blick ab und schaltete sein Grinsen ab.
»Was«, sagte er mit versehentlich zu lauter, monotoner Stimme, unschlüssig, was genau er fühlte, und sie bestiegen einen großen, nüchtern wirkenden Aufzug, dessen Tür sich langsam schloss.
»Was«, sagte Paul in normaler Lautstärke.
»Nichts«, sagte Michelle, die immer noch grinste.
»Warum grinst du?«
»Einfach so«, sagte Michelle.
»Was hat dich zum Grinsen gebracht?«
»Nichts. Das Leben. Die Situation.«
Als sie die Party im vierten Stock betraten, fiel Paul ein, dass er irgendwann einmal im Internet diffus negative Dinge über eine Person geschrieben hatte, die wahrscheinlich anwesend war, also ging er schnell zu Jeremy hinüber – einem Bekannten, mit dem man sich gut unterhalten konnte – und fragte ihn, was für Filme er in letzter Zeit gesehen hatte. Michelle stand nicht weit entfernt – halb verdeckt, dann vollständig verdeckt, dann vollständig sichtbar – und kam schließlich, augenscheinlich mit einem listigen Lächeln im Gesicht, herüber, um zu fragen, ob Paul etwas trinken wolle. Jeremy rechnete gerade laut den auf die Stunde heruntergebrochenen Eintrittspreis eines zweiteiligen Biopics über Che Guevara aus, als Michelle mit einem Bier zurückkam. Paul bedankte sich, und sie entfernte sich auf eine stockende, sich windende, krabbenartige Weise, wobei sie einen zugleich entspannten und orientierungslosen Eindruck machte. »Sie will allein sein«, dachte Paul ein wenig verwirrt. »Oder mir die Gelegenheit geben, allein zu sein.«
Eine Stunde später saßen sie, ihre dritten oder vierten Drinks in der Hand, auf Stühlen in einer dunklen Ecke einer Gruppe von, wie Paul schätzte, sechzig bis achtzig Freunden und Bekannten gegenüber. Laute, tanzbare, vorwiegend elektronische Musik – im Moment war es Michael Jackson – drang aus verborgenen Lautsprechern. Paul starrte auf eine Fläche aus Oberkörpern. Er wusste, dass er in vorherigenen Beziehungen Unzufriedenheit in gewisser Weise als empirisch unterfütterten Enthusiasmus hinsichtlich einer möglichen Zukunft erlebt hatte, die eine zufriedenstellendere Beziehung zu jemandem versprach, den er noch nicht kennengelernt hatte; in seiner Beziehung mit Michelle, der er sich näher fühlte als seinen vorherigen Freundinnen – was er ihr mehrere Male wahrheitsgemäß gesagt hatte –, kam ihm die Unzufriedenheit wie eine persönliche Schwäche vor, ein direkter Indikator einer inneren Fehlfunktion, an deren Korrektur er im Stillen fokussiert arbeiten sollte. Stattdessen, das war ihm vage bewusst, wartete er darauf, dass Michelle – oder eine Kombination aus Michelle und der Welt – seine Negativität durchstand und überwand, dass sie zu der Lösung wurde, in der er sich unwiderruflich und rückstandslos auflösen könnte. Er nippte an seinem Wein und dachte daran, dass Michael Jackson dem Internet zufolge zehn bis vierzig Xanax pro Nacht genommen hatte, bevor er im vergangenen Sommer gestorben war. Paul rutschte geistesabwesend mit seinem Stuhl zu Michelle hinüber und berührte ohne eindeutigen Grund ihre Schulter, tastend und unbekümmert wie ein Kind, das einen großen Hund tätschelt und dabei in eine andere Richtung schaut. Er erwartete denselben gelangweilten Gesichtsausdruck wie zehn Minuten zuvor, als Michelle mit einem frischen Getränk auf ihren Platz zurückgekehrt war und sie einen unverbindlichen Blick ausgetauscht hatten, und war überrascht von der schwerwiegenden, offen hervortretenden – geradezu brodelnden – Depressivität, die in ihrer Miene lag. Ihr Gesicht rötete sich konfrontativ, offenbar ein Verteidigungsreflex, denn gleich darauf wirkte sie frustriert und leicht irritiert und dann schüchtern und peinlich berührt. Paul fragte sie, ob sie bald gehen wolle. Michelle zögerte und fragte dann, ob Paul das wolle.
»Ich weiß nicht. Hast du Hunger?«
»Eigentlich nicht. Du?«
»Ich weiß nicht«, sagte Paul. »Ich könnte schon irgendwo etwas essen.« Vor Monaten hatten sie sich eines Nachts an der Lafayette Street auf eine Bürgersteigkante gesetzt, um einen begonnenen Streit in einer ruhenden Haltung fortzuführen. Durch Michelles besonnenes, intelligentes Verhalten abgelenkt, hatte Paul die Ursache des Streits aus den Augen verloren und sich mit wachsender Dankbarkeit darauf fixiert, dass Michelle ihn genügend mochte, um nicht einfach zu gehen und ihn niemals wieder zu treffen, was sie durchaus hätte tun können – was jedermann jederzeit tun konnte, hatte Paul gedacht, plötzlich fasziniert vom Konzept der Dankbarkeit. »Willst du im Green Table essen?«
»Wenn du das willst«, sagte Michelle.
»Okay. Wann willst du gehen?«
»Wenn ich das Glas Wein ausgetrunken habe.«
»Okay«, sagte Paul und rutschte mit seinem Stuhl wieder den halben Weg zurück. »Ich stelle Kyle jemandem vor. Ich bin so in fünf Minuten zurück.«
Paul, der weder Kyle, 19, noch dessen Freundin Gabby, 28, entdecken konnte – er bewohnte mit ihnen gemeinsam ein Apartment in Brooklyn an der Bahnstation Graham der Linie L –, war auf dem Weg zurück zu Michelle, als er bemerkte, dass er an Kyle vorbeigelaufen war, der allein und angetrunken inmitten einer dichten Menschenansammlung stand, als wäre er auf einem Konzert. Nach einem kurzen Verharren in Unentschlossenheit machte Paul kehrt und fragte Kyle, ob er ihn mit Traci bekanntmachen solle. Kyle nickte und folgte Paul nach draußen auf einen breiten Korridor, wo sechs Leute, unter ihnen Traci – die früher am Abend von Kyle mit den Worten »total scharf« und von Paul mit »ihr Blog bekommt viele Klicks« beschrieben worden war –, einander die Hände schüttelten. Paul grinste peinlich berührt, während er in die Runde starrte und dachte, er hätte »nicht das Geringste« zu sagen, vielleicht abgesehen davon, was er gerade im Moment dachte, doch das schien ihm unpassend und änderte sich außerdem ständig. Er bemerkte, dass Michelle etwa zehn Meter von ihm entfernt allein dasaß, eine Wand im Rücken. Die Vorderseite seines Kopfes fühlte sich fremd und festgesaugt an wie eine Plastiktüte, die von einer Windbö dort festgehalten wurde, während er, wissend, dass sie wahrscheinlich gesehen hatte, wie er Traci angelächelt hatte, zu Michelle ging und sie fragte, ob sie jetzt die Party verlassen wolle.
»Willst du?«, sagte Michelle, ohne aufzustehen.
»Ja«, sagte Paul, in Richtung der Galerie schauend.
»Du kannst auch weiter mit Kyle reden.«
»Will ich nicht«, sagte Paul.
»Es sieht aber so aus, als wolltest du.«
»Tu ich nicht«, sagte Paul, der sich darüber im Klaren war, Freunde hauptsächlich als ein Mittel zu betrachten, um an Mädchen heranzukommen, anders als Michelle, die sie um ihrer selbst willen wertschätzte (sie hatten das einige Male diskutiert und sich in gewisser Weise darauf geeinigt, dass Paul sein Schreiben hatte und Michelle ihre Freunde). »Ich verabschiede mich nur schnell. Ich bin gleich wieder da.« Als er Kyle auf dem Korridor nicht fand, ging er roboterhaft zurück in die finstere, menschengefüllte Galerie, wobei er in einem gefährlich quasi-ernsthaften Ton »verloren in der Welt« dachte. Kyle stand seitlich neben einer Gruppe von Leuten, wodurch nicht eindeutig zu erkennen war, ob er sie kannte oder nicht. Er sah Paul so an, als würde er darüber nachdenken, was er sagen sollte, dann so, als hätte er vor, Paul zu beleidigen, und daraufhin nicht unbedingt so, als hätte er sich bewusst dagegen entschieden, sondern eher so, als hätte er das Interesse verloren.
»Ich glaube, Michelle denkt, dass ich ihr nicht genug Aufmerksamkeit schenke«, sagte Paul langsam.
»Das ist lustig«, sagte Kyle nach ein paar Sekunden. »Weil Gabby nach einer unserer Partys gesagt hat, du wärst Michelle gegenüber so aufmerksam und wärst immer in ihrer Nähe und würdest dich mit ihr unterhalten, während ich immer nur mit anderen Leuten reden und sie nicht lieben würde.«
»Und was hast du gesagt?«
»Dass ich sie liebe und aufmerksam bin«, sagte Kyle mit einem Gesichtsausdruck, der gelangweilt und voller Selbsthass war.
Paul konnte Michelle auf dem Korridor nicht finden, aber als er um eine Ecke bog, sah er sie auf dem Boden des hellen, cremeweißen Flurs kauern, fehl am Platz und verwundbar wie ein seltenes Tier, zwanzig bis fünfundzwanzig Meter weit von ihm entfernt und augenscheinlich ohne irgendetwas zu tun. Während er unsicher auf sie zuging, dachte Paul vage an einen Abend zu Beginn ihrer Beziehung zurück, als er aus irgendeinem Grund nicht erwartet hatte, dass sie sich in seinem Sichtfeld vergrößerte, während er sich im Think Coffee der Stelle näherte, an der sie stand (sie sah auf einen Flyer hinab, ein Bein leicht angewinkelt). Die erheiternde, irritierende Angst – zugleich beruhigend und überraschend, amüsant und bedrohlich –, die er verspürt hatte, als ihre Gestalt rasch und irgendwie unheilvoll anwuchs, war charakteristisch für ihre ersten beiden gemeinsamen Monate gewesen. Es hatte den Anschein gehabt, als würden sie sich niemals streiten, und die Zukunft war von einem Nichts zu einem gerüsthaften Etwas geworden, das insgeheim aufregend war, wie wenn man als kleines Kind das Haus einer anderen Familie betrat oder wie die beginnende Ausarbeitung eines Science-Fiction-Concettos. Dann, eines Nachts Ende April, hatte Paul sich, nachdem sie gemeinsam Pasta gekocht und gegessen hatten, darüber beschwert – kleinlaut, ohne ihr ins Gesicht zu sehen –, dass Michelle sich nie am Spülen der Teller beteiligte. Michelle starrte ihn einige Sekunden lang an, bevor ihre Augen plötzlich feucht wurden; die durchsichtige Schicht materialisierte sich wie eine delikate Substanz, die vergossen wurde. Paul starrte merkwürdig gebannt zurück – er hatte sie nie zuvor weinen sehen –, bevor er, schwindelig vor Emotionen, quer über den Holzboden und über seine Yoga-Matte hinwegkroch, um sie in den Arm zu nehmen und sich zu entschuldigen. Im Mai begann er sich ein, zwei Mal pro Woche zu beschweren (dass Michelle manchmal rücksichtslos handle, dass er sich vernachlässigt fühle), und im Juli war er an den meisten Tagen entweder sichtlich irritiert oder stumm und unergründlich bedrückt – als hätte er allein einen tiefen Einblick in schreckliche Wahrheiten, was, wie er wusste, nicht der Fall war –, aber immer noch in der Lage, sich in gewissen Maßen gut zu fühlen, etwa nach der Einnahme von Kaffee oder Alkohol oder, wenn er an sie herankam, verschreibungspflichtigen Medikamenten, zuletzt vor allem Methadon, das von einem Freund von Michelle kam, der eine Treppe hinuntergestürzt war, und das sie bis vor drei Wochen über einen Zeitraum von fünf Wochen hinweg alle vier bis sechs Tage genommen hatten. Danach hatte es einen Abend gegeben, an dem Michelle zu Paul gesagt hatte, es komme ihr vor, als »hasse« er sie. Paul hatte sie nach einer etwa zehnsekündigen Pause an einen Tag erinnert, an dem sie zusammen Spaß gehabt hatten, und dann hatte er gegrinst und unlogischerweise »Nein« gesagt, als Michelle zutreffenderweise gesagt hatte, dass sie an jenem Tag auf Methadon gewesen seien.
»Warum sitzt du so weit weg?«
»Ich warte auf dich. Du hast vor einer Stunde gesagt, dass du gehen willst.«
Draußen auf dem Bürgersteig ging Michelle zügig voraus, die Hände in die Jackentaschen gesteckt, als könnte sie Paul besser entkommen, wenn sie ihrer Gestalt eine Stromlinienform verlieh, wobei es allerdings auch regnete. Paul fragte, was sie tun wolle. »Ich weiß nicht«, sagte sie. »Hunger habe ich nicht mehr.«
Sie überquerten die 10th Avenue, in einer Diagonalen, nicht an einer Kreuzung, liefen durch das Scheinwerferlicht eines haltenden Taxis – zwei oder drei Leute schlossen ihre Regenschirme und stiegen ein –, traten auf den gegenüberliegenden Bürgersteig und gingen weiter in Richtung Downtown, die Körper gegen den Wind gebeugt.
»Warte«, sagte Paul. »Können wir für eine Minute anhalten?«
Sie blieben auf dem Bürgersteig stehen, beide in dieselbe Richtung blickend.
»Was ist los?«, sagte Paul nach einigen Sekunden in leicht vorwurfsvollem Ton.
»Du hast mich den ganzen Abend lang ignoriert.«
»Ich bin nah an dich herangerückt und habe dich in den Arm genommen, als wir da gesessen haben.«
»Sobald wir drin waren, bist du weggegangen und hast mit anderen Leuten geredet.«
»Du bist weggegangen«, sagte Paul. »Ich war irritiert.«
Ein Mitarbeiter eines Feinkostladens stand unter einem Vordach und fixierte aufrichtig uninteressiert einen unbestimmten Punkt. »So habe ich dich noch nie erlebt«, sagte Michelle zögerlich und mit gesenktem Blick, plötzlich müde und ängstlich, ihr Protest in Verhandlungsbereitschaft verwandelt. Vor zwei oder drei Monaten hatte sie einige Tage lang erwogen, im kommenden Frühjahr ein Auslandssemester in Barcelona zu absolvieren, was eine viermonatige Trennung bedeutet hätte. Paul dachte daran, wie sie es immer wieder aufgeschoben hatten, Flugtickets zu kaufen, um seine Eltern in Taiwan zu besuchen – im Dezember, was, wie er wusste, nächsten Monat war –, als gäbe es ein stillschweigendes Einverständnis, dass ihre Beziehung nicht so lange halten würde. Paul spürte, wie er die Situation zu interpretieren versuchte, als gälte es, ein Problem zu lösen, doch da schien es nichts zu geben, oder vielleicht gab es tatsächlich etwas, aber er war drei oder vier Fähigkeitsniveaus vom Begreifen entfernt, wie eine Amöbe, die per CSS eine Homepage zu erstellen versucht.
»Ich verliere nur auf natürliche Weise das Interesse«, sagte er schließlich leicht improvisiert, woraufhin Michelle leise zu weinen begann.
»Ich habe überhaupt nicht mit so etwas gerechnet«, sagte sie. »In den letzten zwei Wochen hatte ich ein gutes Gefühl, was uns angeht. Ich hatte das Gefühl, wir waren uns näher als je zuvor.«
»Ich glaube, das mit dem Auslandsstudium hat mir zugesetzt«, sagte Paul fast unhörbar, irritiert darüber, dass sie gedacht hatte, sie wären sich in den vergangenen zwei Wochen nah gewesen.
»Geh zurück auf die Party. Ich melde mich morgen.«
»Warte. Ich glaube, wir sollten einander jetzt nicht allein lassen.«
»Amüsier dich gut mit deinen Freunden«, sagte Michelle aufrichtig.
»Warte. Welche Freunde denn?«
»Wir reden morgen.«
»Wenn wir jetzt so auseinandergehen, ist es vorbei.«
»Das muss nicht sein.«
»Ich gehe nur auf Partys, um Mädchen kennenzulernen«, sagte Paul, sich selbst paraphrasierend, und sie standen eine oder zwei Minuten lang da, ohne sich anzusehen, während Regen von einem weit entfernten Ort in ihren Kleidern und Haaren verschwand. Paul war überrascht über den freundlichen Klang seiner Stimme, als er Michelle fragte, ob sie in einem Restaurant mit ihm zu Abend essen wolle.
»Ich will gerade nicht mit dir sprechen.«
»Ich will nicht in so einer Beziehung leben.«
»Ich auch nicht«, sagte Michelle.
»Wenn du nichts mit mir unternehmen willst, gehe ich zurück.«
»Ich will nach Hause. Gute Nacht.«
»Okay«, sagte Paul und drehte sich um, wobei ihm bewusst war, dass sie so noch nie auseinandergegangen waren. Er überquerte die 22nd Street und bog ab, um die 10th Avenue zu überqueren, und sah, wie Michelle in abruptem Wechsel in seine Richtung rannte und dann wieder in gewöhnlichem Tempo ging, um schließlich in der Haltung eines depressiven Teenagers an einer roten Ampel stehen zu bleiben. Paul dachte daran, wie sehr sie Nirvana mochte, als sie die Straße überquerte, wobei sie langsamer wurde, je näher sie kam, und schließlich mit einer Armeslänge Abstand stehen blieb. »Paul«, sagte sie nach einigen Sekunden und berührte seinen Unterarm, wie um ihm einen Weg zu ebnen, einen Weg, der durch sie hindurch zurück zu einer früheren Intimität führte, von wo aus sie sich vorsichtig einen Tunnel zu einer anderen oder wieder zu derselben Stelle graben konnten, aber dieses Mal gekonnter, da sie es bereits einmal geübt hatten. Paul verharrte reglos, unschlüssig, was er sagen oder denken sollte. Michelle ließ ihre Hand sinken. »Was machst du denn?«, sagte sie leicht defensiv.
»Was meinst du?«
»Gehst du nicht zurück zur Party?«
»Doch. Habe ich doch gesagt.«
»Okay«, sagte Michelle.
Paul verspürte eine passive Verpflichtung, sich nicht zu bewegen.
»Warum stehst du hier?«
»Du bist zurückgekommen«, sagte Paul schwächlich, als vier bis sechs Menschen sich aus der Richtung näherten, in der die Party lag. Michelle machte einen Schritt in einen erdigen Bereich hinein, der niedriger gelegen und dunkler war als der Bürgersteig, und stützte sich zwischen spitzen Streben auf einen Metallzaun, ihre linke Gesichtshälfte – von ihrem langen dunklen Haar verdeckt – Paul zugewandt, der dümmlich auf die sanfte Krümmung ihres Rückens starrte und mit theoretischem Abstand dachte, dass er sie trösten sollte und dass das unangenehme Gefühl ihrer gegen das dünne Metall des Zauns drückenden Unterarme vielleicht einen Ort geschaffen hatte, der nur für sie erreichbar war und an den sie sich zurückziehen konnte, eine Art Schwund, fort von dem, was sie fühlte.
»Willst du –«, sagte Paul und hustete zwei Mal mit geschlossenem Mund. »Willst du irgendwo mit mir zu Abend essen?« Michelle drehte ihren Körper etwas in seine Richtung und bewegte den Kopf, um durch ihre Haare hindurchschauen zu können. »Was machst du denn?«, sagte sie in traurigem, geistesabwesendem Tonfall und lehnte sich an den Zaun zurück, ohne eine Antwort abzuwarten. Nachdem eine unbestimmte Zeitspanne vergangen war, hörte Paul sich fragen, ob sie mit ihm im Green Table zu Abend essen wolle, einem der wenigen Restaurants, in dem sie noch nicht gewesen waren, obwohl sie es immer vorgehabt hatten, dann ging sie davon, die langen Beine scherenartig in ihren kleinen, geordneten Bewegungen. Sie würde Tausende von Schritten brauchen, um irgendwohin zu gelangen, doch sie würde mit Leichtigkeit dort ankommen, und wenn sie ihr Ziel erreichte, in ihrer Gegenwart, würde es scheinen, als wäre es eine einzige Bewegung gewesen, die sie dorthin gebracht hatte. Erweckte das Dasein je den Anschein, mit Anstrengungen verbunden gewesen zu sein? Man schien einfach zu existieren, weniger in einer Anhäufung von Momenten als vielmehr aufgrund einer einzelnen Vereinbarung, die von einer unerreichbaren Zukunft kontinuierlich erneuert wurde.
Während Michelle kleiner wurde und verschwand, spürte Paul wie von fern die Implikationen früherer Gedanken, die er größtenteils vergessen hatte: dass das Universum in seiner Gesamtheit die an sich selbst gerichtete Botschaft darstellte, sich nicht schlecht zu fühlen – ein sich ewig ausweitender, in sprachloser Rhetorik vorgebrachter Appell dagegen, sich schlecht zu fühlen –, und das beunruhigte ihn; er fürchtete, dass seine Gedanken und Vorhaben an irgendeinem Punkt in der Vergangenheit, im April oder Mai oder vor Jahren, auf dem College oder als Kind, irregeleitet worden seien, er jedoch in diesem Irrtum fortgefahren habe und nun so weit von einem korrekten Ausgangspunkt entfernt sei, dass das Universum (und er selbst, als Teil des Universums) deutlich gegen ihn sprach.
In seiner Müdigkeit und Unaufmerksamkeit vergegenständlichten sich diese Intuitionen in Paul als ein unkompliziertes Gefühl von Trostlosigkeit – dem Eindruck, dass er sich im Zentrum von etwas Schlechtem befand, dessen Grenzen sich beständig erweiterten, während er an derselben Stelle blieb. Vage erkannte er darin eine Art Humor, aber hauptsächlich nahm er den Regen wahr, kontinuierlich und allgegenwärtig wie eine unbegreifliche Information, während er die optisch vergrößerte Straße überquerte, glänzend und geschwärzt vom Regen, um zurück zur Party zu gehen.
Dass Michelle in Taiwan nicht dabei war, wurde ein Mal zur Sprache gebracht, während eines Abendessens mit acht bis zwölf Verwandten, eine Woche nach Pauls Ankunft, als Pauls Vater, 61, in für ihn charakteristischer Weise ohne äußeren Anlass oder Kontext laut scherzte, dass Paul immer von seinen Freundinnen sitzengelassen werde, und dann mit geschlossenen Augen in ein unkontrolliert wirkendes, beinahe winselndes Gelächter ausbrach. Pauls Mutter, 57, antwortete leicht verärgert, das Gegenteil sei der Fall und Pauls Vater solle nicht »so dreist lügen«, wie sie auf Mandarin sagte.
Paul hatte seine Eltern nicht gesehen, seit sie anderthalb Jahre zuvor ihr Haus in Florida verkauft hatten und nach beinahe dreißig Jahren, die sie in Amerika verbracht hatten, zurück nach Taiwan gegangen waren; in einem sich rasch entwickelnden Viertel Taipehs hatten sie eine Wohnung bezogen, die sich im dreizehnten Stockwerk befand und zwei Gästezimmer hatte, die, wie Pauls Mutter betonte, für Paul und seinen Bruder bestimmt waren. Paul fand, dass seine Eltern sich sehr ähnlich sahen, doch er betrachtete seine Mutter, bei der »Prädiabetes« diagnostiziert worden war, etwas anders, vielleicht als jemanden, der die mittleren Jahre überschritten hatte, ohne jedoch wirklich alt zu sein. In ihren E-Mails der vergangenen acht Monate hatte sie, als eine Art Randbemerkung oder Erinnerung, vor allem an sich selbst, regelmäßig erwähnt, dass sie ihren täglichen Kaffee nun mit weniger Zucker trinke, den Zucker aber eigentlich ganz weglassen sollte – ihre nachdrücklichste Botschaft an ihre Familie in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten war Pauls Meinung nach die Bedeutung guter Gesundheit für ein glückliches Leben gewesen –; allerdings finde ihr Arzt die Menge in Ordnung, und sie fühle sich an Tagen ohne Zucker in ihrem koffeinfreien Kaffee »leer, als ob etwas fehlt«, wie sie in einer E-Mail geschrieben hatte.
Als Paul eines Nachmittags sah, wie sie Zucker in ihren Kaffee schüttete, kam es ihnen beiden vor, als wäre sie dabei »erwischt« worden, etwas Verbotenes zu tun. Sie errötete und konzentrierte sich einen Augenblick lang verlegen darauf, ihren Kaffee mit einem kleinen Löffel umzurühren, dann sah sie Paul an, und ihr Mund öffnete sich reflexhaft in einem liebenswert kindlichen, verlegenen Ausdruck von Schuld und Scham und Reue, den Paul von jenen seltenen Gelegenheiten her kannte, an denen er sie dabei beobachtet hatte, wie sie etwas tat, das sie ihm untersagt hatte, wie etwa Dinge zu essen, die auf den Boden gefallen waren. Nachdem ein grinsender Paul obligatorisch etwas Negatives über Zucker gesagt hatte – dass alle Menschen, nicht nur Diabetiker, ihn meiden sollten –, verwandelte sich der Gesichtsausdruck seiner Mutter in die kontrollierte, schmunzelnde, ironisch-zufriedene Miene eines Erwachsenen, der eher amüsiert als peinlich berührt ist, dabei erwischt worden zu sein, wie er einem niederen Bedürfnis nachgibt, das er öffentlich als schlecht für sich und andere erklärt hat. In den darauffolgenden zwei Wochen erwischte Paul seine Mutter unabsichtlich noch zwei weitere Male dabei, wie sie Zucker nahm, was ähnliche – aber weniger ausgeprägte – Reaktionen und Resultate nach sich zog. Die 0,75-Liter-Flasche Bio-Agaven-Dicksaft, die er ihr geschickt hatte, weil das in seinen Augen die sicherste Alternative für Diabetiker darstellte, war geöffnet, aber allem Anschein nach nicht häufiger als ein oder zwei Mal verwendet worden.
In der vierten Woche seines Aufenthalts in Taiwan – was bereits eine Woche länger war, als er geplant hatte – begann seine Mutter ihm zwei oder drei Mal am Tag vorzuschlagen – mit einer leicht aufgesetzt wirkenden, strategischen Nonchalance, wie es ihm vorkam –, er könne doch für ein Jahr nach Taiwan ziehen, um Englisch zu unterrichten. Mehr als ein Mal erwähnte sie Hemingway und wies darauf hin, dass Paul als Schriftsteller von einer solch interessanten Erfahrung profitieren würde. Paul sagte, er würde davon profitieren, in Amerika zu sein, wo er die Landessprache beherrsche und Freundschaften unterhalten und »etwas unternehmen« könne, wie er auf Mandarin sagte, während er im Geiste sah, wie er auf seiner Yoga-Matte lag, das MacBook auf die abschüssige Fläche seiner Schenkel gebettet, und Internetseiten ansah. Seine Eltern versuchten ihn zu überreden, eine fünfte Woche zu bleiben, wogegen er sich schweren Herzens entschied, weil er es für »exzessiv« hielt, woraufhin seine Mutter festhielt, er werde sie von nun an jeden Dezember besuchen, was sie wie eine Tatsache betonte, um dann ein Geräusch anzufügen, das »richtig?« bedeutete. Pauls Erwiderungen reichten von »Vielleicht« über zwischen neutral und verärgert schwankende Geräusche bis hin zu der Erklärung, warum er sich in seinen Entscheidungen umso weniger beeinflussen ließ, je mehr sie ihn drängte.
Am Flughafen begleitete Pauls Mutter ihn, bis sie ohne Ticket nicht weiter vorgelassen wurde. Sie zeigte auf ihre Augen und sagte, sie seien feucht. Paul »müsse« sie, sagte sie mit gespieltem Ernst auf Mandarin, im kommenden Dezember wieder besuchen.
Als er mit geschlossenen Augen am Terminal saß, stellte Paul sich vor, wie er im Alter von vielleicht 51Jahren allein nach Taipeh zog, wenn er vielleicht eine ausreichende Anzahl an Freundschaften und Beziehungen durchlaufen hatte. Weil sein Mandarin nicht gut genug für Unterhaltungen mit Fremden war – seinen Verwandten stand er nicht sehr nah, und die Gesprächsversuche, die er unternahm, führten zu Ergebnissen, die in ihrer Kürze und Ergebnislosigkeit an Kōans erinnerten und für gewöhnlich damit endeten, dass eine der beteiligten Personen sich ostentativ nach Hilfe umblickte und dann aufstand, um zu gehen –, war er präventiv entfremdet, insgeheim unbefreundbar. Die individuumslose, sich stetig verändernde Masse aller anderen wäre ein sich durch die ganze Stadt ziehender Bildschirm, auf welchen er den Film seiner ununterbrochenen Imagination projizierte. Weil es scheinen würde – weil es ihm gelingen würde, es so erscheinen zu lassen –, als wäre er ein Teil der Masse, auch wenn er es nicht war, würde er vielleicht zunehmend eine bedürfnislose Intimität empfinden, ähnlich wie wenn man sich mit einer geliebten Person in einem Raum befand und Zuneigung zueinander empfand, ohne sich gegenseitig zu berühren oder miteinander zu sprechen. An einem gewissen Punkt würde er ernsthaft beginnen, sich ein Zweitleben aufzubauen, dessen Blaupausen und Unterbauten er skizziert und konstruiert hatte (im Laufe der durchschnittlich sechs Wochen pro Jahr, die er über sein ganzes Leben verteilt in Taiwan verbracht hatte), woraufhin er, Monate oder Jahre später, eines Morgens das unabhängige Heranwachsen eines zweiten, vagabundierenden Bewusstseins spüren würde – angelockt von den neuen, unbesetzten Strukturen –, in dessen Richtung er schließlich die Daten seiner Sinneswahrnehmungen senden würde. Das gehörnte, planschende, wassertretende Landtier seines ersten Bewusstseins würde im See von Pauls Selbst in eine tiefer gelegene Region absinken, wo seine zerfallenden Partikel – und vorbeitreibenden pelzigen Teile – manchmal, wenn Paul im Schlaf dort hinabglitt, in Träumen von ihm wahrgenommen würden, während es im Schema des nächstgelegenen funktionierenden Systems verschwand.
Im Flugzeug stellte Paul sich nach einer Tasse Kaffee Taipeh als eine fünfte Jahreszeit oder eine »Anderswelt« vor, die außerhalb oder als Negativ seines immer vertrauteren und gehemmt-repetitiven Lebens in Amerika existierte, wo es schien, als hätten die Jahreszeiten sich durch rechte Winkel miteinander verbunden, hätten aus irgendeiner fehlgeleiteten Motivation heraus ein Rechteck geformt, das in sarkastischer Weise nichts einschloss – oder als wären sie, wie Paul, das Gesicht auf seinen Armen auf dem Klapptisch, etwa eine Stunde später vage dachte, zu einem Türklopfer eingeschmolzen worden, den ein Kind, das bereits zwanzig oder dreißig Mal angeklopft hat und nicht mehr mit einer Antwort rechnet, in einer Art Dämmerzustand weiter betätigt, sich der Sinnlosigkeit seines Tuns nicht bewusst, geistesabwesend in eine andere Richtung blickend, nicht wissend, wann es der Sache abrupt überdrüssig wird und das Klopfen träge einstellt.
2
Etwas Elektrostatisches, Paranormales lag in der Luft, die eines Spätnachmittags durch ein halb geöffnetes Fenster hereinwehte, und ließ einen sanft erwachenden Paul, der ein Kissen umklammert hielt und ein wenig sabberte, glauben, er wäre ein kleines Kind in Florida, in einem mittelgroßen Haus, in oder kurze Zeit vor oder nach den Winterferien. Er verspürte eine diffuse Aufregung, erwartete eine hyperaktive Bewegung seines Körpers in eine aufrechte Position und war dann für eine unbestimmte Zeitspanne größtenteils ohne Bewusstsein, bis er Notiz von etwas nahm, das ihm wie ein verblüffender Gedankensprung vorkam– und, flüchtig, in seiner mysteriösen Annäherung aus einer gespenstischen Distanz, wie das Bewusstsein eines anderen–, bevor es sich schlicht als eine Erinnerung daran entpuppte, Florida irgendwann schon einmal verlassen zu haben, um an der New York University zu studieren. Nach einer apathischen Pause, während der die neue Information gemäß Voreinstellung als kürzlich durchlebte Erfahrung akzeptiert wurde, glaubte er beiläufig, es wäre Herbst und er wäre auf dem College, und während er die spezielle Finsternis dieses Zeitabschnitts fühlte, spürte er zugleich, wie sich in einer gewissen Entfernung in seinem Inneren Dutzende einstmals vertrauter Bilder, Menschen, Orte, Situationen aufbauten. Mit dem Gefühl, einen vorherigen Kontext mühelos und vollständig zu verlassen, über keinerlei Erinnerung zu verfügen, konzentrierte er sich als faszinierter Beobachter auf diesen Aufbau und wurde von dem Drang überrascht– den er, wie er sofort wusste, seit Monaten oder vielleicht Jahren nicht verspürt hatte–, sich körperlich in die andauernde, konkrete Simultanität dessen, an was er sich da passiv und langsam erinnerte, hineinzubegeben, indem er nach draußen ging und Tag für Tag geduldig lebte. Aber das Gefühl löste sich in einer Art Nichts auf– und die daran angeschlossenen Erinnerungen waren bald nicht mehr auszumachen; wie Organe in einem leblosen Körper verschwanden sie im metaphysischen Äquivalent, wenn es eines gab, von Entropie–, während er, blinzelnd und sein neues Zimmer inspizierend, das nach zwei Monaten immer noch fremd auf ihn wirkte, mit einiger Irritation und einem seltsam instinkthaften Zögern feststellte, dass er an einem anderen Ort war, als ein anderer Mensch, in einem viel späteren Jahr.
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
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