Tales Inside - Jorina C. Havet - E-Book

Tales Inside E-Book

Jorina C. Havet

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Beschreibung

45.000 qm 4000 Bürger 5 Kasten 1 Künstliche Intelligenz: Das ist die Welt von 764: Einer Bürgerin, die im Bunker von Arcos geboren und aufgewachsen ist. 764 wurde als Security ausgebildet, doch ihr Leben ändert sich schlagartig, als sie zu den Reaktortechnikern in die Arbeiterkaste strafversetzt wird. Reaktortechniker sterben schnell. Die Strahlung zersetzt ihre Körper, und so wird 764s Bestreben, in die Securitykaste zurückkehren zu können, zu einem Wettlauf gegen die Zeit.

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel *1*

Kapitel *2*

Kapitel *3*

Kapitel *4*

Kapitel *5*

Kapitel *6*

Kapitel *7*

Kapitel *8*

Kapitel *9*

Kapitel *10*

Kapitel *11*

Kapitel *12*

Kapitel *13*

Kapitel *14*

Kapitel *15*

Kapitel *16*

Kapitel *17*

Kapitel *18*

Kapitel *19*

Kapitel *20*

Kapitel *21*

Kapitel *22*

Kapitel *23*

Kapitel *24*

Kapitel *25*

Kapitel *26*

Kapitel *27*

Kapitel *28*

Kapitel *29*

Anhang: Übersicht der Kasten und Aufgabengebiete

Anhang: Übersicht über die wichtigsten Personen

Arbeiterkaste:

Securitykaste:

Versorgerkaste:

Gesellschafterkaste:

Anhang: Bunkervertrag

Über die Autorin

Nachbemerkung und Dank

Tales

Inside

Jorina C. Havet

Tales

Inside

Teil 1

Bürger Orange 764

Vergessene leben nicht

von Jorina C. Havet

Das Grundthema des Hauptcharakters wurde inspiriert vom Charakter des

"Tales - Inside Run 2" von:

Stefanie Matzander

Vorbemerkung und Lesehinweis

Im Anhang befindet sich eine Liste der vorkommenden Personen. Da diese Liste durch die Beschreibung Spoiler enthält, sollte sie erst nach dem Lesen von Kapitel 5 genutzt werden.

Mangels einer geschlechtsneutralen Bezeichnung in der deutschen Sprache werden alle Bürger und Bürgerinnen mit dem männlichen Wort "Bürger" bezeichnet. In der Gesellschaft von Arcos spielt das Geschlecht keine Rolle, ein Bürger ist ein Bürger.

Dasselbe gilt für den Ausdruck "Sir".

Um die Lesbarkeit zu vereinfachen wurde die weibliche Form "Arbeiterin" etc. eingehalten. Auch hier ist das Geschlecht aber letztlich irrelevant.

Für den technisch versierten Leser:

Da es bei Personen mit technischem Know How zu Verwirrung kam, hier für die Interessierten unter euch folgende Information: Es handelt sich bei dem im Buch vorkommenden Reaktor um einen Siedewasserreaktor, nicht um einen Druckwasserreaktor. Er hat daher nur einen Kreislauf, und der kontaminierte Dampf wird direkt zu den Turbinen geleitet. Druck und Temperatur entsprechen nicht denen vom Druckwasserreaktor. Die Brennstäbe befinden sich unten im Druckbehälter, und auch die Steuerstäbe werden zur Abschaltung und Korrektur von unten nach oben zwischen die Brennelemente gefahren, und nicht von oben nach unten, wie bei einem Druckwasserreaktor

"Wir müssen einem Leben Lebewohl sagen

bevor wir in ein anderes eintreten können."

(Anatole France)

Kapitel *1*

Es war die Angst vor dem schleichenden Tod, die sie seit ihrer Strafversetzung ins Reaktorteam Nacht für Nacht aus dem Schlaf schrecken ließ. In ihren Träumen hielt sie ihr eigenes Haar büschelweise in den Händen, deren Haut an den Innenflächen wie Feuer brannte.

Reaktortechniker starben schnell. Sie wollte diesen Traum nicht bis zum Schluss träumen, sie wusste ohnehin, wie er weiterging. Als hätte ihr Unterbewusstsein ihren Wunsch respektiert, schreckte sie plötzlich aus dem Schlaf und schlug die Augen auf. Die Bilder aus ihren Träumen verfolgten sie weiter: Die ausgefallenen Haare, die brennende Haut, der schmerzhafte Husten, mit dem sie Blut hervorwürgte. Unter ihrer dicken Steppdecke zitterte sie vor Kälte, die eher von innen als von außen zu kommen schien. 'Konzentrier dich!' befahl sie sich selbst und starrte nach oben. Die Metallstreben an der Unterseite des Stockbettes über ihr setzten sich in der spärlichen Nachtbeleuchtung kaum von der Unterseite der Liegefläche ab. Sie betrachtete die kleinen Vierecke im Gittermuster des festen Textilgewebes und versuchte sich abzulenken, indem sie über die vielen Generationen von Bürgern nachdachte, die in diesen Betten geschlafen hatten. 'Sie sind hier in diesem Bunker geboren und aufgewachsen, genau wie du, und sie haben sich sicher nicht so angestellt, nur weil sie einen Job bekommen haben, der sie das Fürchten gelehrt hat.', dachte sie, als wäre es ein Mantra, das ihre Angst vertreiben könnte. 'Und sie sind hier gestorben', wisperte ein unbelehrbares Stimmchen in ihrem Hinterkopf. 'Sie waren nur Rädchen im System, deren Akten nach dem Tod vernichtet wurden. Sie sind vergessen, genau wie du eines Tages vergessen sein wirst. Niemand wird sich erinnern, dass du hier warst.' Sie stieß wütend die Luft aus, um die Stimme zum Schweigen zu bringen, und fuhr sich mit den Händen über ihre feuchte Stirn.

Sie hatte ihr Gesicht noch nie gesehen, aber sie konzentrierte sich jetzt darauf, wie es sich anfühlte. Ihre Nase hatte einen sanften Schwung, genau wie die gewölbten Augenbrauen. Sie hatte lange Wimpern und einen schmalen Mund mit geschwungener Oberlippe. Ihr Haar war weich. Sie griff hinein und zog daran. Die dichten dunkelblonden Locken saßen fest in der Kopfhaut. Es ziepte, und endlich kam sie wieder ganz in der Gegenwart an. Vor Erleichterung über den Schmerz in der Kopfhaut hätte sie beinahe gelacht, aber stattdessen setzte sie sich mit etwas zu viel Schwung auf und lauschte auf die Geräusche um sie herum. Über ihr schnarchte jemand, ein paar Betten weiter drehte ein anderer sich raschelnd um. Jemand hustete trocken. Dann begann sie, die Umrisse in ihrer Umgebung mit den Augen abzutasten. In der dämmerigen Nachtbeleuchtung wirkten die Jacken, von denen drei identische an jedem Stockbett hingen, wie unheimliche Gestalten, die neben den Schlafenden Wache hielten. Sie stand auf und griff nach ihrer eigenen Jacke.

Der Stoff war kühl, genau wie der Betonboden unter ihren bloßen Füßen. Die Jacke war grau, nur an den Schultern hatte sie zwei farbige Aufsätze, die sogar jetzt in dem dämmerigen Licht orange leuchteten. Bei dem Anblick hätte sie die Jacke beinahe wieder fallen gelassen, als sei sie ein widerliches Tier, das ihre Hand besudelte. Etwas Dunkles, Kaltes schien sich um ihr Herz zu legen. Sie hatte vergessen, warum sie zu den Reaktortechnikern versetzt worden war. Sie war ausgebildet worden, an der Sicherheit des Bunkers mitzuwirken. Ihre Aufgabe war es gewesen, die Bürger vor ihren Mitbürgern und manchmal auch vor sich selbst zu schützen und einzugreifen, wenn die Gesetze des Bunkers missachtet wurden. Sie hatte zur Kaste der Security gehört. Dann war irgendetwas passiert, sie hatte irgendeinen Fehler gemacht - und war als Strafe zu den Reaktortechnikern versetzt worden. Vergeblich versuchte sie eine Erinnerung zu erhaschen, an der sie sich festhalten konnte, aber alles, woran sie sich erinnern konnte, war eine Treppe hinter einer Stahltür, die in einen feuchten Raum führte, und an einen modrigen Geruch in ihrer Nase. Aber dann war da plötzlich nur noch Nebel, und die Erinnerung entglitt ihr.

Es war durchaus normal Dinge zu vergessen. Dafür sorgte eine Pille, die sie täglich bekamen. Es wäre auch sehr lästig, sich immer und zu jeder Zeit an alles zu erinnern, was jemals passiert war, aber das hier war anders. Man vergaß das Alltägliche, Begegnungen, Gesichter und kleine Erlebnisse. Man vergaß aber nichts, was mit heftigen Emotionen verknüpft gewesen war, und man vergaß auch nicht die einschneidenden Momente in seinem Leben. Jedenfalls glaubte sie das. Irgendetwas stimmte daran nicht, das fühlte sie so deutlich wie den Stoff der Jacke, die sie in den Händen hielt.

Sie ließ ihre Hände über den Stoff gleiten und hielt an der harten Kante ihres Ausweises inne. In der spärlichen Nachtbeleuchtung war er kaum zu entziffern, aber sie wusste ja ohnehin, was darauf stand: Die Ziffer 22, gefolgt von ihrer persönlichen Kennnummer "Sieben - sechs - vier". Dann folgte ihr Rang, den sie nun in der Hierarchie dieser Gesellschaft innehatte, auf orangefarbenen Untergrund: #A2. Früher war der Hintergrund blau gewesen und der Rang: #B2. Damals, als noch alles gut gewesen war.

'Hör auf zu grübeln!' schalt 764 sich selbst, 'Das hat genauso wenig Sinn wie Angst zu haben.' Entschlossen streifte sie sich die Jacke über.

Als sie sich danach ihre Hose anzog und in ihre Stiefel schlüpfte, begann die Nachtbeleuchtung um sie herum in die Tagesbeleuchtung überzugehen. Aus unsichtbaren Lautsprechern ertönte erst leise, dann lauter werdend eine fröhliche Melodie. An guten Tagen summte 764 diese Melodie mit, sie kannte sie in und auswendig, es war jeden Morgen die gleiche. Heute summte sie nicht mit. Stattdessen sah sie die lange Reihe von Stockbetten entlang. Als Mitglied der Security hatte 764 in einem kleineren Raum in einem abgeschiedenen Teil des Bunkers geschlafen. Mit ihrer Versetzung hatte sie dieses Privileg verloren und war wie alle anderen Arbeiter hier untergebracht. Die dreistöckigen Betten zogen sich in drei Reihen so weit an der Wand entlang hin, dass 764 das Ende der Reihen nicht mehr ausmachen konnte. "Guten Morgen, Bürger", erklang die monotone Frauenstimme der künstlichen Intelligenz Iris aus den versteckten Lautsprechern. Sie übertönte die Melodie. "Bitte öffne deine Augen bei null, in drei...zwei...eins...null." 764 hatte sich schon häufiger gefragt, wie viele Bürger entgegen den Anweisungen erst später die Augen öffneten und sich dabei rebellisch vorkamen, oder diese Aufforderung verschliefen. In den Stockbetten um sie herum begann es zu rascheln. Überall bewegte es sich unter den Decken. Das Licht wurde immer noch Stück für Stück heller, als die Musik bereits verklungen war und Iris sich mit den Worten: "Ich wünsche allen Bürgern einen produktiven Tag!" für den Moment verabschiedete.

764 drehte den Betten den Rücken zu. Vor ihr blockierte eine Reihe von mannshohen Spinden die Sicht. Die Spinde trennten den Schlafbereich der Arbeiter, in dem sie untergebracht war, von der riesigen Halle des Bunkers Arcos, in der tagsüber beinahe alles Leben stattfand. Bei dem Spind direkt vor ihr blätterte ein Stück weiße Farbe ab, darunter kam das blanke Metall zum Vorschein. Durch eine Lücke zwischen zwei Spinden fiel ein Lichtstrahl, in dem der Staub tanzte. 764 ging darauf zu und trat durch den schmalen Spalt hindurch. Die große Halle lag leer und verlassen vor ihr. In dem Licht der Strahler, die in regelmäßigen Abständen an den Stahlträgern hinunter leuchteten, tanzte auch hier der Staub. Die scheinbare Schwerelosigkeit der Partikel zogen sie in ihren Bann.

Weit hinten, von ihrem Standpunkt aus auf der rechten Seite der Halle, lag der Bereich der Arbeiter mit den Werkstätten. 764 gegenüber trennten weitere Spinde einen zweiten Schlafbereich ab. Ein verschlafen taumelnder Bürger, dessen Gesicht über die Entfernung nur als bleiches Oval zu erkennen war, trat dort drüben zwischen den Spinden hervor in die Halle. Auf gewaltigen Stahlträgern schwebten über den beiden Schlafbereichen die oberen Ebenen, die sich an der Längsseite der Halle von der Mitte des Raumes aus, wo sie jetzt stand, bis hinten über den Arbeiterbereich hinzogen. Fenster sahen von dort oben auf die Halle herab. Aus ihnen leuchtete es weiß. Wie es sich wohl anfühlte, zu denen zu gehören, deren regelmäßiger Arbeitsplatz so erhaben über den anderen schwebte? 764 wusste es nicht.

Drei Spinde von ihr entfernt trat ein Bürger mit weißen Schulteraufsätzen aus der Versorgerkaste nach draußen in die Halle und hastete wenig später an ihr vorbei. 764 wandte sich nach links und folgte dem Bürger etwas langsamer durch die kleinen Staubwolken, die seine Stiefel aufgewirbelt hatten. 764 ließ die Spinde hinter sich, kam am Eingang zum Garten vorbei und wandte sich dann nach rechts, um die Halle zur anderen Seite hin zu durchqueren.

Zwei Frühaufsteher kreuzten ihren Weg, grüßten, und verschwanden im Garten. In diesem Teil der Halle gab es keine oberen Ebenen und keine Fenster, die von oben auf sie herabsahen. 764s Gang wurde unwillkürlich ein wenig entspannter. 'Als ob die Fenster Augen hätten', amüsierte sie sich innerlich über sich selbst. Sie ging jetzt auf eine Wand zu, an der rautenförmig angeordnet fünf riesengroße schwarze Tafeln hingen: Eine ganz oben, drei in der Mitte und eine ganz unten über dem Boden. Neben den Tafeln ragte eine Transportvorrichtung mit Schwerlastrollen aus der Wand. Darüber stand auf einer schmutzig - weißen Tafel das Wort: "Versorgerschleuse". Ein Bürger mit weißen Schulteraufsätzen trat an die Schleuse. Sie trug eine Metallkiste, die sie auf die Schwerlastrollen stellte, dann gab sie der Kiste einen kräftigen Stoß. Es grollte, als die Kiste über die Rollen glitt. Eine Klappe in der Wand öffnete sich, verschluckte die Kiste und schloss sich sofort wieder. Die Frau hastete wieder davon. 764 sah auf die Klappe und fragte sich nicht zum ersten Mal, was wohl dahinter war. Hinter dieser Klappe lag der Zugang zu einer Welt, in der keine Menschen lebten, sondern computergesteuerte Maschinen, die Ressourcen lieferten und verarbeiteten. Sie riss ihren Blick von der Klappe los und sah stattdessen auf die großen Tafeln vor ihr. Die oberste Tafel war rechts in der Ecke mit einem roten Symbol versehen und zeigte die einzelnen Hierarchiezweige und Aufgabengebiete der Kaste der Administration, deren Verwaltung und Rechtsprechung sie alle unterlagen. Die drei Tafeln darunter waren den drei Kasten Versorgung, Security und Gesellschafter gewidmet. Das Symbol der Versorger glänzte weiß und hob sich deutlicher vom Untergrund ab als das Blau der Security und das Grün der Gesellschafter. 764 suchte den Block der Reaktortechniker auf der untersten Tafel bei den Arbeitern. Man hatte sie aufgrund ihrer militärischen Ausbildung bereits eine Woche nach ihrer Zwangsversetzung innerhalb der neuen Kaste befördert, und dafür einen anderen degradiert, was den Start in der neuen Kaste denkbar schwierig gemacht hatte.

***

Legende

Das Hierarchiesystem im Bunker Arcos

Ränge:

Beispiel: Bürger A ist auf einer Ranghöhe mit Bürger B.

Rang 1: Farbe (z.B. Bürger Orange)

Rang 2: Farbe + Großbuchstabe (z.B. Bürger Orange #A)

Rang 3: Farbe + Großbuchstabe + Zahl

(z.B. Bürger Orange #A1)

Rang 4: Farbe + Großbuchstabe + Zahl + Kleinbuchstabe

(z.B. Bürger Orange #A1a)

Befinden wir uns in der Arbeiterkaste (Orange) und wollen den Bürger im untersten Rang ganz links außen im Schaubild bezeichnen, hätte dieser Bürger das Rangabzeichen: Orange A1a

Der Bürger ganz rechts außen das Rangabzeichen: Orange C3c

Zusammenfassung:

Je mehr Buchstaben und Zahlen sich im Rangabzeichen befinden, desto niedriger steht der Bürger in der Hierarchie.

Blöcke:

A-Block der roten Kaste C1 - Block der roten Kaste

Eine Übersicht der Aufgabengebiete der einzelnen Kasten und deren Symbole und Farben befindet sich im Anhang.

***

764 ging weiter. Sie lief hinter der Bühne entlang, die schwarz und verlassen auf Holzblöcken über dem Boden schwebte, dann an den großen grüngrauen Schränken der Entertainer vorbei. Durch Plastikklappen vor einer Öffnung in der Wand rechts von ihr traten zwei Bürger mit roten Aufsätzen an den Schultern. 764 musste ihnen ausweichen, um einen Zusammenstoß zu vermeiden.

Sie erreichte schließlich den Versorgungsbereich. Die vielen ordentlich aufgereihten Tische und Bänke waren verwaist. Nur am hintersten Tisch saß eine Gruppe Kinder, die ganz sicher um diese Uhrzeit nicht hier sein durften. 764 spannte sich unwillkürlich an und beobachtete die Bewegungen der Kinder. Sie sahen sich nervös um und kicherten. Ein rothaariger Junge zeigte den anderen irgendeinen Gegenstand, den er in der hohlen Hand hielt. Einem Impuls folgend wollte 764 losstürmen und ihm den Gegenstand entreißen. In diesem Moment hob der Junge den Blick. Seine Augen weiteten sich für einen winzigen Augenblick, dann streifte sein Blick das Orange an ihren Schultern und seine Schultern entspannten sich. 764 hielt abrupt in der Bewegung inne. Hilflos sah sie zu, wie der Junge die anderen Kinder anstieß und sie sich kichernd erhoben, um aus ihrem Blickfeld zu entfliehen. 764s Hände ballten sich zu Fäusten und sie presste die Kiefer aufeinander. Ihr untrüglicher Instinkt sagte ihr, dass hier ein kleines Rädchen der Gesellschaft aus den Fugen geriet, aber es gab nichts, was sie dagegen tun konnte. Um ihre Anspannung zu lösen, griff sie in die Tasche, holte ein Zopfband heraus und band ihre dunkelblonden Locken im Nacken zusammen. Entschlossen lief sie die letzten Meter durch die Tische und Bänke hindurch zur ersten Versorgerausgabe, wo ein Bürger mit weißen Schulteraufsätzen gerade Becher hinter seiner Theke stapelte. 764 lehnte sich an das Metall der Theke. Der Versorger sah auf.

"Hallo", sagte 764.

"Hallo..." erwiderte der Versorger und suchte mit seinem Blick ihr Ausweisschild, an dem er hängen blieb. Sein Mund formte lautlos ein Wort. Er schien unsicher, ob er sie mit "Sir" anreden musste, oder nicht. 764s Mundwinkel zuckten leicht. Sie war eine Rang 3 Arbeiterin, aber da die Hierarchie der Arbeiterkaste im Verhältnis zu den anderen Kasten um einen Rang verschoben war, besaß sie in der Gesamthierarchie den gleichen Rang wie der Rang 4 Versorger vor ihr. Bloß kapierten das viele einfach nicht, oder vergaßen es immer wieder, und starrten dann verwirrt auf ihre Rangbezeichnung, bevor sie sich meist sicherheitshalber doch zu einem "Sir" entschlossen.

"Löckchen", sagte 764. Der Versorger blickte verwirrt auf. Sein Haar war ebenso weiß wie die Aufsätze an seinen Schultern, aber sein Gesicht wirkte noch jung.

"Als ich hier vor ein paar Wochen zum ersten Mal aufgetaucht bin, hast du mich Löckchen genannt", sagte 764. "Du hast behauptet, Sieben sechs vier sei eine unperfekte Zahl und du könnest dir nur perfekte Zahlen merken, und deshalb müsstest du mich Löckchen nennen, weil meine Haare wie Sprungfedern wären." Für einen kurzen Moment glaubte 764 ein Erinnern in seinen Augen aufflackern zu sehen, aber dann erlosch es gleich wieder. Aber er lächelte dennoch und wiederholte das Wort "Löckchen", als höre er es zum ersten Mal.

"Keine Sorge", sagte sie, "ich hab‘ auch einiges vergessen, an das ich mich erinnern sollte. Ein Wasser", fügte sie ihre Bestellung nahtlos an. Der Versorger nahm einen Becher von einem der Stapel.

"Vergessen", sagte er dabei, "ist Seligkeit."

"Vergessen", widersprach 764, "ist Verlust." und dachte unwillkürlich an die Stahltür, die Treppe dahinter und den modrigen Geruch.

Der Versorger ließ gurgelnd Wasser aus einem Schlauch in der Wand in den Becher laufen. Das Wasser schien nicht richtig zu sprudeln und er zog an dem Schlauch. Er hob kurz den Blick.

"Du solltest so niemanden dein Gesicht sehen lassen", sagte er und richtete sich auf, als das Wasser wieder lief. "Lächeln", sagte er, dann lächelte er selbst. Sein Lächeln war so echt, dass es ansteckend war. 764 lachte und erlebte einen der wenigen Momente, in denen sie sich völlig unbeschwert fühlte. Sie hätte dem Versorger dafür glatt eine Wertmarke schenken können.

Kurze Zeit später traten zwei Männer an die Theke und orderten zwei Kaffee. Der Versorger schaute auf die rote Farbe an ihren Schulteraufsätzen, warf 764 einen entschuldigenden Blick zu und stellte ihren eben fertig gefüllten Becher knapp neben dem Schlauch ab. Er nahm sich zwei neue und eilte an die hintere Wand, wo er aus einem Schlauch, der dort aus der Wand kam, heißen Kaffee in die Becher laufen ließ. Mit zwei dampfenden Trinkgefäßen kehrte er zur Theke zurück. Die beiden Bürger grüßten ihn kurz, legten ihre Wertmarken auf den Tresen und eilten davon, wobei sie demonstrativ über 764s Kopf hinweg sahen. 764s Lachen blieb ihr im Hals stecken. Der Versorger reichte ihr endlich ihren Becher über den Tresen und zwinkerte ihr aufmunternd zu, aber diesmal bildete sich durch seine Fröhlichkeit bloß ein dumpfer Kloß in ihrem Hals.

Sie nahm den Becher, setzte ihn an die Lippen und trank. Das Wasser war lauwarm und schmeckte staubig, aber es tat trotzdem gut. Allerdings meinte sie sich zu erinnern, dass das Wasser, welches man ihr ausgehändigt hatte, als sie noch Blau getragen hatte, irgendwie anders geschmeckt hatte. Auf einmal kam ihr ein erschreckender Gedanke. Würde sie irgendwann vergessen, dass sie einmal zur Security gehört hatte? Ganz sicher würde sie das. Sie würde eine Reaktortechnikerin sein und bleiben und nicht mehr wissen, dass sie mal jemand anders gewesen war. Der Gedanke ließ ihr kalten Schweiß ausbrechen. Sie wollte nicht vergessen. Mehr noch: Sie wollte zurück. Die Lösung ihres Dilemmas erschien ihr auf einmal so klar, dass sie sich nicht erklären konnte, warum sie nicht eher darauf gekommen war. Sie würde herausfinden, was sie getan hatte, es wieder gut machen und in ihre Kaste zurückkehren. 'Vielleicht', dachte sie plötzlich hektisch, 'bin ich schon früher darauf gekommen, aber ich habe es wieder vergessen.' Es gab einen Weg, das Vergessen zu verhindern. Sie stellte den leeren Becher zurück auf den Tresen und ging zurück zur Versorgerschleuse, ohne auf den besorgten Blick des Versorgers zu achten, der ihr nachschaute.

Kapitel *2*

Aus einem rostig - roten Kasten neben der Versorgerschleuse starrte ihr ein schwarzer Monitor entgegen. 764 trat an die klobige, abgenutzte Tastatur. Die meisten der Buchstaben darauf waren irgendwann von Hand nachgezeichnet worden, nur das Q und das X waren noch im Original vorhanden. 764 loggte sich ein. Auf dem schwarzen Bildschirm erschienen in orange auf schwarz ein Ablagesystem, ihre Bürgerdaten und das Chatfenster für die Kommunikation mit Iris. 764 hatte nie einen Sinn darin gesehen zu versuchen, mit einem Computer zu chatten, der nur Standardphrasen und Algorithmen ausspucken konnte.

Sie ignorierte wie immer das Chatfenster, erstellte im linken Fenster eine neue Datei, die sie "täglich_lesen" nannte und wechselte in den Editor. Das schmale Fenster links und das Mittelfenster verschwanden und wurden von einem neuen Viereck abgelöst, in das 764 schrieb: "Du gehörst in die blaue Kaste. Finde heraus, was du getan hast, und mache es wieder gut. Kehre zurück, bevor der Reaktor dich zersetzt."

Sie speicherte den Text und loggte sich aus, bevor sie sich auf den Weg zum anderen Ende der Halle machte, wo die alltägliche morgendliche Wartung des Reaktors auf sie wartete.

"Da hat mal wieder jemand länger geschlafen als sein Rang lang war," war die unfreundliche Begrüßung, die sie erwartete, als sie sich der Arbeitergruppe vor der Tür zum Reaktorraum näherte. Die zischende Stimme gehörte zu der Arbeiterin, die zu 764s Gunsten degradiert worden war. 764 sah sich nach ihr um. Ihr braunes dichtes Haar stand buschig vom Kopf ab, und eine ihrer prägnanten Augenbrauen war spöttisch nach oben gezogen. 764 wusste, dass sie es nur schlimmer machen würde, wenn sie auf die Provokation eingehen würde. Also schwieg sie und schaute über den Kopf der Arbeiterin hinweg auf die Reaktortür, woraufhin die braunhaarige Arbeiterin die Augenbraue senkte und stattdessen die Stirn in zornige Falten legte. 764 tat so, als habe sie auch das nicht bemerkt und konzentrierte sich auf die große runde Tür, die in die Querwand der Halle eingelassen war und den Raum verschloss, in dessen inneren sich ihr neuer Arbeitsplatz befand. Der Durchmesser der Tür war einen guten halben Meter länger als 764 groß war. An den Ecken der großen zahnradförmigen Ausbuchtungen der Türkante blätterte die grüne Farbe ab, darunter kam ein rostiges Braun zum Vorschein. Ein Arbeiter stand bereits vor der Tür und hatte die Hände an ein grünmetallenes Rad in ihrer Mitte gelegt. Seitlich der Tür öffnete 764s Vorgesetzter, Orange #A, das abschließbare Metallgitter über der Kontrollpaneele. Neben dem Gitter hing eine Sanduhr, die eine kaputt gegangene Anzeige ersetzte. Sie bestimmte wann die Zeit ablief, die ein Reaktortechniker maximal im Reaktorraum bleiben durfte.

Es quietschte, als Orange #A das Gitter über der Kontrollpaneele zur Seite klappte und den Blick auf einen großen roten Hebel und einen Schaltkasten frei legte. Mit leisem Klicken legte Orange #A drei Schalter um. Wenig später ertönte aus dem kleinen Lautsprecher über der Tür Iris‘ Stimme mit den Worten: "Reaktortür wird entriegelt." Aus der Wand erscholl gedämpft erst ein Zischen, dann ein dumpfer Aufprall. "Reaktortür ist nun zum Öffnen bereit." erklang es kurz darauf aus dem Lautsprecher. Orange #A griff nach dem roten Hebel, spannte die Muskeln an und legte ihn um. Die riesige Tür löste sich mit einem Zischen aus der Wand. Der Arbeiter direkt davor, der immer noch die Hände an dem Rad hatte, musste zwei Schritte zurücktreten, als sie einen halben Meter auf ihn zufuhr. Aus den entstehenden Schlitzen zwischen Wand und Türkante strömte Dampf aus. Ein durch Mark und Bein gehender Alarm begann zu schrillen.

764 bereitete sich innerlich darauf vor, in wenigen Sekunden den Reaktorraum zu betreten. Sie warf einen raschen Seitenblick auf die drei anderen Mitglieder ihrer Schicht, die sich abseits von ihr versammelt hatten. Eine hellblonde Arbeiterin stand neben einem Jugendlichen, der gerade erst dem Lehrlingsalter entwachsen sein konnte. Als 764s Blick auf den dritten Arbeiter fiel, wurde ihr übel und sie drehte rasch den Kopf weg. Seine Haut schälte sich von seinem Gesicht und seine Lippen bestanden nur noch aus aufgesprungenen Blasen. Auf seinem Kopf wuchs kein einziges Haar mehr, aber da er die Nummer 701 trug, konnte er nicht viel älter sein als 764 selbst. Der Arbeiter an der Tür begann das Rad zu drehen. Die großen Zahnräder der Tür griffen in die Ausbuchtungen einer Laufschiene über dem Boden, und die kreisförmige Tür drehte sich dumpf grollend zur Seite weg. Die Öffnung dahinter war ein schwarzes, gähnendes Loch. 764 sah sich nicht mehr nach den anderen Mitgliedern ihrer Schicht um, sondern ging auf das schwarze Loch in der Wand zu.

Die untere Laufschiene reichte ihr bis zu den Knien. Sie tastete nach der glatten Kante, bevor sie einen großen Schritt darüber hinweg ins Innere des Reaktors machte. Die Kollegen ihrer Schicht folgten ihr. Die anderen, darunter die Arbeiterin mit dem buschigen braunen Haar, traten zurück. Dicht hinter der Tür blieben alle vier Reaktortechniker ihrer Schicht in einer Reihe stehen. In dem Licht, das durch die Tür herein fiel, warfen ihre Gestalten lange Schatten auf den Boden.

"Los ihr Schnarchnasen! Wenn die Tür noch länger offen steht, können sich hier draußen gleich alle zum Sterben hinlegen!" erklang Bürger Orange #As Stimme unfreundlich hinter ihnen. Im nächsten Moment hörte sie schon das mahlende Geräusch, als die Tür über die Schiene zurück rollte. Der Lichtschein von draußen wurde schmaler, bis er ganz verschwunden war, die langgezogenen Schatten auf dem Boden verschwanden zusammen mit dem Licht. Als die Tür mit einem dumpfen Aufprall zurück in die Wand gedrückt wurde, fühlte 764 sich wie eine Gefangene im Bauch eines riesigen Ungeheuers, das eben sein Maul geschlossen hatte. Es war so dämmerig im Reaktorraum, dass es im ersten Moment wirkte, als sei alles dunkel. 764 wusste nicht ob die ursprüngliche Beleuchtung irgendwann mal kaputt gegangen war, jedenfalls hatte man sie durch mehrere eher schwächlich leuchtende Lichtquellen ersetzt, die sich im Raum verteilten.

Durch das mangelnde Licht schärfte sich ihr Gehör, und das Dröhnen und Wummern, das den Raum erfüllte, schmerzte in ihren Ohren.

Wertvolle Sekunden vergingen, in denen sich ihrer aller Augen an das Dämmerlicht gewöhnen mussten. Helle Dampfschwaden, die durch die Luft schwebten, waren das erste, was 764 ausmachen konnte. Aus dem Nebel schälte sich schließlich das Innenleben des hallenartigen Raumes heraus. Links von 764 verschwand ein eiserner Steg mit Geländer in dem Dunst. Rostrote Stellen überzogen das Geländer, das durchlöcherte Eisen des Steges selbst war in der Mitte ausgetreten und blank, zu den Seiten hin verlor sich der Glanz in einem stumpfen Braunrot. Nur wenige Meter vor ihr erhob sich im Dunst ein massiver schwarzer Turm, dessen oberes Ende irgendwo im Nebel verschwand. Er enthielt den Druckbehälter mit der Brennkammer und den Brennstäben darin. 'Kernspaltung', schoss es 764 durch den Kopf.

Manchmal kamen ihr Wörter oder Bilder der Ausbildung, die sie bekommen hatte um diesen Job machen zu können, plötzlich in den Kopf, wenn sie durch einen äußeren Reiz getriggert wurden. Außerhalb dieser Halle hier hätte sie die Funktionsweise des Reaktors niemals erklären können, aber hier drin wusste sie auf einmal was sie tun musste. Was auch immer für ein Verfahren angewandt wurde um diese Kurzausbildungen bei Strafversetzungen durch zu führen - es funktionierte erstaunlich gut. Die Pille griff diesen Teil der Erinnerung nicht an, und 764 konnte es abrufen wenn sie es brauchte. Daran erinnern wie sie es gelernt hatte konnte sie sich nicht.

Auf Brusthöhe leuchtete durch eine ovale durchsichtige Scheibe Licht aus dem großen Turm nach draußen und färbte die Dampfschwaden davor hellblau. Weitere kleinere Türme erhoben sich hinter dem großen Hauptturm als blasse Schemen: Zugänge zu den unterirdischen Algentanks, in denen der Sauerstoff produziert wurde.

Es war kochend heiß im Raum. Der Schweiß lief 764 zwischen den Brüsten herab. Sie verfluchte sich selbst dafür, dass sie noch immer jedes Mal vergaß, sich ihrer Oberkleidung zu entledigen, bevor sie den Raum betrat. Sie befreite sich von ihrer Jacke und streifte sich den weichen Stoff des langärmeligen Unterhemdes über den Kopf. Das einstmals weiße Top darunter war am Rücken bereits feucht. 764 ließ Jacke und Hemd achtlos fallen, und sah sich nach den anderen um. Auch sie trugen keine Jacken mehr, und mit mit der Kleidung hatten sie ihre Ausweise abgelegt. Als würden sie damit auch ihren Rang verlieren, galten hier im Reaktorraum andere Gesetze als draußen. Es spielte keine Rolle mehr, wer die kürzeste Rangbezeichnung auf seinem Ausweis hatte, sondern nur noch, wer diesen Job schon am längsten innehatte. 764 wandte sich an den glatzköpfigen Arbeiter. Er hustete trocken und schickte die hellblonde Arbeiterin in Richtung der Sauerstoffaufbereitungsanlage im hinteren Teil des Raumes, bevor er sich zu 764 wandte und stumm auf den eisernen Steg deutete.

764 hatte keine Zeit zu verlieren. Je länger sie hier drin blieb, desto schneller würde ihr Gesicht aussehen wie das des entstellten Arbeiters. Ihre Schritte hallten metallisch auf dem Steg, als sie in den Dunst hinein lief. Das Dröhnen wurde lauter, je weiter sie auf dem Steg vorwärts kam. Als es so laut war, dass 764 sich am liebsten die Ohren zugehalten hätte, kreuzte ein zweiter Steg den ihren. Sie bog nach rechts ab und durchschritt kurz darauf einen offenen Türsturz in einer massiven Betonwand. Dahinter schwebte der Steg mehrere Meter über dem riesigen Abklingbecken. Das Licht eines Strahlers brach sich auf dem Wasser, von dem ein gespenstisches hellblaues Leuchten ausging. Dampfschwaden hingen darüber und erschwerten die Sicht auf die unter der Wasseroberfläche liegenden Brennelemente. Als 764 die andere Seite des Beckens erreicht hatte, rann ihr der Schweiß über die Stirn in die Augen, wo er höllisch brannte. Sie wischte ihn mit dem Saum ihres Tops weg. Kurz darauf erreichte sie ihr Ziel: Eine Ausbuchtung im Boden, die sich vier Meter breit und mehrere Meter lang durch die Halle erstreckte. In der Ausbuchtung im Boden vor ihr lag dunkelrot, tonnenförmig und übermannshoch der Generator.

764 trat vor die Seite des Generators. Der dicke Eisenstab der durch den Generator hindurch führte, und sich durch den Turbinenantrieb rasend schnell drehte, verbarg sich unter einer metallenen Ummantelung.

764 sah eine Weile darauf. Dann sammelte sie ihren Speichel im Mund, trat dicht an das Lager und spuckte darauf. Noch während die Flüssigkeit an der Ummantelung herunter tropfte ohne zu zischen, wandte sie sich ab und lief an der Seite des Generators entlang.Die Welle führte nach ein paar Metern aus dem roten Eisenbehälter wieder heraus und verschwand in der Niederdruckturbine, deren Ummantelung schmutzig - weiß in der Bodenausbuchtung lag. Dicke Rohre zweigten daraus nach oben hin ab und verschwanden weit über 764s Kopf in der Decke. Ein Metallsteg führte zwischen den beiden Tonnen über die Welle hinweg, 764 lief bis zur Mitte des Steges und wiederholte den Spucktest an der Ausbuchtung der Niederdruckturbine, nahe dem Austrittspunkt der Welle. Auch hier blieb die Spucke flüssig. Flüchtig fragte sie sich ob auch hier irgendwelche Messgeräte ausgefallen waren, die Temperatur schlicht mit Spucke zu prüfen erschien ihr unangebracht unzuverlässig. Sie kniete sich hin und legte durch das Geländer des Steges hindurch ihre Hand an das weiße Metall der Tonne.

Es fühlte sich an als lege sie ihre Hand an ein lebendiges Wesen. Als würde die Anlage des Reaktors mit ihr kommunizieren wollen, über die Vibration, das Dröhnen und die Hitze. 764 zog erschrocken ihre Hand zurück und sprang auf. Als würde der lebendig gewordene Geist des Reaktor sie verfolgen wenn sie nicht schnell genug wäre rannte sie den ganzen Weg bis zur Niederdruckturbine und wieder zurück, um ihren Rundgang abzuschließen.

Als sie zur Tür zurückkam, wartete die hellblonde Arbeiterin bereits lässig an die Wand gelehnt auf sie, aber die anderen beiden waren noch nicht wieder zurück. 764s Herz pochte unruhig, und sie meinte fühlen zu können, wie die vergiftete Luft im Reaktorraum sich unter ihre Haut bohrte und ihre Organe befiel. Da bewegte sich hinter dem Turm mit den Brennstäben etwas. Kurz darauf schälte sich aus dem Halbdunkel eine Gestalt: Unförmig, die Bewegungen schwankend und scheinbar ziellos. 764 kniff die Augen zusammen, in der Hoffnung, dann deutlicher sehen zu können. Ihr Herz schlug schneller. Die hellblonde Arbeiterin stieß sich von der Wand ab, sie wirkte auf einmal bis ins äußerste gespannt, von der lässigen Art war nichts mehr übrig. Sie fegte an 764 vorbei auf die unförmige Gestalt zu. 764 folgte ihr. Erst im Gehen begriff sie endlich, was sie da sah. Die unförmige Gestalt bestand aus zwei Menschen: Es war der Jugendliche, der 701 quer über den Schultern trug. Die beiden Frauen erreichten ihn in dem Moment, in dem ihm unter dem Gewicht des Älteren die Beine wegsackten. 701s Körper schlug dumpf auf dem Boden auf. Die hellblonde Arbeiterin kniete sich neben das entstellte Gesicht und fasste an seinen Hals. "Er lebt", sagte sie ohne jede erkennbare Gefühlsregung. Ohne darüber nachzudenken, dass es gefährlich war die Haut eines anderen Bürgers zu berühren, fasste 764 den Mann unter den Achseln, um ihn hoch zu heben, aber seine Haut löste sich einfach vom Fleisch, und er fiel wieder zu Boden. Der Körper stank bestialisch. 'Raus hier!' war 764s einziger Gedanke. Sie lief zu den Füßen des Mannes, packte ihn an der Hose und zog. Die beiden anderen folgten ihrem Beispiel und gemeinsam zerrten sie den Bewusstlosen zum Ausgang. Das Geräusch des schleifenden Overalls auf dem Betonboden brannte sich in 764s Kopf. An der Tür angekommen schlug die hellblonde Arbeiterin unnötig heftig auf den dort rot leuchtenden Signalknopf. Ein lautes Klingeln schrillte. Die wenigen Sekunden, die es dauerte, bis die Tür zischend aus der Wand fuhr, schienen eine Ewigkeit zu dauern. Endlich grollte die Tür über die untere Laufschiene. Ein breiter werdender Lichtstrahl erschien auf dem Boden. Der Junge stolperte als erster hinaus und erbrach sich unmittelbar auf dem Boden direkt vor dem Reaktor. Eine Hand griff ihn am Kragen und schleifte ihn in Richtung der Dekontaminationsduschen, während 764 und die andere Arbeiterin versuchten, 701s Körper über die Laufschiene zu hieven. Hände streckten sich ihnen entgegen, weitere Haut löste sich von Muskeln, und der Geruch des stinkenden Fleisches mischte sich mit dem vom Erbrochenen. Ein Schleifen, ein Reißen, und endlich stürzte der schwere Körper dumpf auf der richtigen Seite der Tür auf den Boden. 764 kletterte über die Schiene, rutschte auf dem Erbrochenen aus, sie torkelte, ein namenloser Arm fing sie auf, Schweiß lief ihr über das Gesicht. Schweiß oder Tränen? 764 wusste es selbst nicht. Irgendwer zerrte sie über den Bewusstlosen hinweg und bugsierte sie zu den Duschen. Dabei fiel ihr Blick auf das Gesicht des Mannes, das nur noch eine blutige Masse war. Vermutlich hatten sie ihn mit dem Gesicht nach unten über den Boden geschleift, um aus dem Reaktor heraus zu kommen.

Die Welt um 764 verschwamm. Jemand rief irgendwas, jemand schüttelte sie, die ganze Halle drehte sich, und auf einmal stand sie in einer grünen Kabine, deren Tür geschlossen und von außen verriegelt wurde. Kurz darauf hüllte zischender Dampf 764 ein und sie hielt sich an den Griffen an den Seiten fest. Die Metallstreben zwischen den grünen Wänden verschwammen vor ihren Augen. 'Ich gehe in die blaue Kaste zurück', dachte sie, 'Ich gehe in die blaue Kaste zurück'. Der Gedanke hielt sie aufrecht bis das Zischen verstummte und die Tür wurde von außen entriegelt wurde. Zwei paar Hände griffen hinein und zogen sie heraus. Die Halle drehte sich nicht mehr. Vor der Reaktortür hatte sich um den bewusstlosen 701 eine Traube von Arbeitern gebildet. Iris Stimme erscholl aus den Lautsprechern und erfüllte die Halle. "Bürger Grün #A1 bitte in den Arbeiterbereich. Bürger Grün #A1 bitte in den Arbeiterbereich." Die monotone Frauenstimme wirkte merkwürdig fehl am Platz, aber ihre Vertrautheit war dennoch beruhigend. Dann erst begriff 764, was Iris Aufforderung bedeutete. Bürger Grün #A1 war der Reinigungsbeauftragte. Der Mann mit dem blutigen Gesicht war nicht mehr bewusstlos. Er war tot. Der Reinigungsbeauftragte würde seinen Körper durch die Versorgungsschleuse in die unteren Ebenen schicken. Dort würde er verrotten und nach Jahren als Erde für den Garten wieder zurückkommen. Ein anderer würde seinen Rang bekommen und seine Aufgabe übernehmen. In ein paar Wochen wäre vergessen, dass er jemals gelebt hatte.

Aber 764 wollte ihn nicht vergessen. Vielleicht hatte sie ihn getötet. Vielleicht wäre er noch am Leben, wenn sie ihn getragen und nicht geschleift hätten. Sie wusste, dass er ohnehin bald gestorben wäre, aber sie wurde das Gefühl der Schuld nicht los, und sie befürchtete in heller Panik, dass die Nässe auf ihren Wangen Tränen waren. Sie musste hier weg, bevor jemand sie weinen sah, sonst würde man sie zu den Psychologen der weißen Kaste schicken. Kein Bürger kam aus deren Behandlung unverändert zurück. Sie machten die Bürger glatt und kalt. 764 musste noch die routinemäßige Nachuntersuchung durch die Ärzte durchstehen, ohne dass irgendwer merkte, dass etwas mit ihr nicht stimmte. Die beiden Reaktorbetreuer, die sie aus der Dekontaminationsdusche geholt hatten, sahen zu der Menschentraube hinüber und beachteten 764 nicht. 764 drehte sich rasch um und lief auf die hintere Werkstatt zu. Neben der Tür war ein Iris - Terminal und sie musste es erreichen, bevor die Betreuer sie einholten. Sie wusste selbst nicht genau, warum es so wichtig war, aber sie rannte so schnell sie konnte. Als sie das Terminal erreichte, hörte sie hinter sich jemanden rufen. Die Buchstaben auf dem Bildschirm verschwammen, aber sie schaffte es sich einzuloggen. Sie schrieb einen einzigen Satz und legte die Datei in ihrem Ordner ab: "Vergiss 701 nicht. Du hast ihn getötet." Dann loggte sie sich aus. Im nächsten Moment verengte sich ihr Sichtfeld. Sie nahm noch wahr, wie ihre Beine unter ihr nachgaben und die Tastatur auf sie zuraste, dann wurde ihr schwarz vor Augen.

Kapitel *3*

764 schlug ein zweites Mal an diesem Tag die Augen auf. Grelles Licht blendete sie und verschwommene Gestalten liefen um sie herum.

"Sie wacht auf," stellte eine dumpfe Stimme fest. Sie schien 764 merkwürdig weit weg. Irgendetwas klapperte im Hintergrund, dann sagte eine andere, klarere Stimme:

"Langsam aufrichten!"

Hände griffen unter ihren Rücken und drückten sie nach oben. Sofort wurde ihr wieder schwindelig. In ihrem Mund sammelte sich Speichel und sie würgte. Aus dem Nichts erschien eine weiße Schale unter ihrem Gesicht. In der Mitte der Schale war am Boden das Versorgerlogo aufgedruckt. 764 versuchte sich zurück zu halten, aber sie konnte nicht anders, sie übergab sich mitten auf das Logo. Sofort bekam sie Panik. War es verboten sich auf ein Logo zu übergeben? Sie konnte sich nicht erinnern. Aber nichts passierte, und sie beruhigte sich langsam wieder.

"Atmen", befahl eine Stimme. "Ein... Aus... Ein...Aus." 764 atmete im Takt der Anweisung ein und wieder aus. Jemand presste ein kaltes Metall gegen ihren Arm. Der Schwindel ließ nach. Ein Becher wurde ihr hingehalten, und sie trank. Das Wasser war klar und kalt, nicht lauwarm und staubig. 764 sah sich um. Sie saß auf einer Liege in einem kleinen Raum, der an den Wänden mit Regalen versehen war, in denen Verbände, kleine braune Flaschen und silbern metallene Dosen standen. Ein grelles Licht schien von oben direkt auf sie herab.

Sie kannte diesen Raum. Hier kam sie nach jedem Einsatz her. Sie war bei der Routineuntersuchung nach ihrem Reaktoreinsatz. Erleichterung durchströmte sie und ein warmes Gefühl von vertrauter Sicherheit stellte sich ein. Das Gewusel um sie herum war beruhigend alltäglich. Einer der Ärzte hielt ein handgroßes Gerät in die Höhe. "Kann sie aufstehen?" fragte er über 764s Kopf hinweg, als sei sie gar nicht da. Der Krankenhelfer hinter ihr nickte. 764 fühlte sich nicht bereit aufzustehen, aber das war offenbar nicht ihre Entscheidung. Behandschuhte Hände griffen unter 764s Achseln und zogen sie entschlossen von der Liege herunter. 764 konzentrierte sich auf einen Fleck an der Wand des Raumes, wo sich der Putz löste. Der Fleck hatte die Form eines Gesichtes. Als sie stand schwankte sie leicht, aber der feste Punkt an der Wand half ihr, das Gleichgewicht zu halten. Der Arzt bewegte das Gerät an ihrem Körper auf und ab. Sie hatte keine Jacke und kein langärmeliges Hemd an. Wo waren ihre Sachen geblieben? Verschwommen erinnerte sie sich daran, sie im Reaktor liegen gelassen zu haben. Das würde sicher Extraschichten für sie bedeuten. Während der Arzt das Gerät dicht an ihrem Körper herauf und herunter bewegte, gab es in unregelmäßigen Abständen leise Klickgeräusche von sich. 764 lauschte auf den Rhythmus. Er wurde nicht schneller, wenn das Gerät in ihre Nähe kam und das bedeutete, dass sie nach dieser Prozedur entlassen werden würde. Als der Arzt das Gerät zur Seite stellte, wollte 764 sich schon abwenden und nach rechts in Richtung Tür gehen, aber der Arzt richtete sich auf und bedeutete ihr mit einer knappen Handbewegung stehen zu bleiben. "Einmal durch diese Tür bitte", sagte er und deutete auf eine Tür links von ihr. 764s Schultern verkrampften sich unwillkürlich. Sie befanden sich in der oberen Ebene der Versorger, und die Tür rechts führte zur Treppe nach unten. Wohin die Tür links führte, wusste sie nicht.

"Nur zur Sicherheit", lächelte der Arzt, der ihre Anspannung offenbar gespürt hatte. Mit steifen Schritten ging 764 auf die linke Tür zu, die der Krankenhelfer nun lächelnd für sie öffnete. Sie trat durch den Türrahmen in den dahinter liegenden Raum. Mitten darin stand ein einzelner Stuhl, auf den eine Lampe ausgerichtet war. Hinter dem Stuhl wartete ein Mitglied der weißen Kaste. 764 suchte die Bezeichnung auf seinem Ausweisschild: Bürger Weiß #C1a. Sie erinnerte sich an die große Tafel unten in der Halle. Der C - Block der Versorger bestand ausschließlich aus Psychologen. 764s Hände wurden feucht und sie begann trotz der fehlenden Jacke zu schwitzen. 764 hatte in ihrer Zeit als Security viele Bürger die in ihrem Job nicht funktionierten zu den Psychologen geschickt, und genau deshalb wusste sie, dass sie hier ganz sicher nicht sein wollte. Es war natürlich zum Besten der Bürger, wenn sie behandelt wurden, aber 764 hatte sich immer vor den glatten, ausdruckslosen Mienen gefürchtet, die die Bürger nach einer Behandlung bei den Psychologen meist für eine ganze Zeit auf ihrem Gesicht trugen. Unpassenderweise überfiel sie mit plötzlicher Heftigkeit die Erinnerung an ein Gesicht, das aus Blut und Fleisch bestand und keine Lippen mehr hatte, an das Geräusch reißenden Stoffes und an Nebel aus Dampf und Staub, der im Dunkel des Reaktors ihre Lungen füllte, während sie einen schlaffen Körper zum Ausgang schleifte.

Sie zwang sich, die Bilder zu verbannen und in das Gesicht des Psychologen zu schauen. Er lächelte sie freundlich an und deutete auf den Stuhl. Mit zitternden Beinen ging 764 darauf zu und setzte sich. Das bläuliche Licht der Lampe leuchtete ihr ins Gesicht und auf ihr schmutzig weißes Hemd. Es war erschreckend still. Die Stille schien lauter in ihren Ohren zu wummern, als das Dröhnen der Turbinen im Reaktorraum. Der Psychologe ging um ihren Stuhl herum, während der Krankenhelfer sich hinter ihrem Stuhl postierte. Nervös rutschte 764 auf dem Stuhl ein Stück nach vorne, als könne sie dadurch den Blicken den Krankenhelfers in ihrem Rücken entrinnen. Ihr rasendes Herz und das Rauschen ihres Blutes in ihren Ohren übertönten jeden vernünftigen Gedanken. Der Psychologe holte aus einer Ecke des Raumes einen weiteren Stuhl. Die Stuhlbeine scharrten über den Boden, als er ihn vor 764 zog und ihn dort abstellte. Er richtete den Stuhl in aller Ruhe genau auf den ihren aus, bevor er sich setzte.

"Hallo, 764. Ich freue mich das du hier bist", sagte er dann ruhig. Seine Stimme war warm und weich, wie der süße Pudding, den sie als Kinder manchmal bekommen hatten. Mit Nummer angesprochen zu werden ließ 764 mit plötzlicher Heftigkeit Tränen in die Augen schießen. Niemand hatte sie mehr mit Nummer angesprochen, seit sie nicht mehr bei den Blauen war. Seitdem wurde sie mit ihrem Rang angesprochen, und war einfach nur Bürger Orange #A2. Aber sie durfte jetzt auf keinen Fall weinen. Sie blinzelte ein paar Mal und konzentrierte sich auf eine Naht an der grauen Hose des Psychologen, aus der ein Faden heraus hing. "Was ist heute im Reaktor passiert?" fragte der Psychologe sanft.

Kurz überlegte 764, ob sie lügen sollte um den Psychologen davon abzuhalten Einblick in ihre Gefühlswelt zu bekommen, oder ob es nicht doch besser wäre sich behandeln zu lassen und sich emotionslos wieder voll funktionsfähig in die Gesellschaft einzugliedern. Ihre merkwürdige Besessenheit von Ereignissen, die in der Vergangenheit lagen und sie definierten, war ohnehin bedenklich. Aber sofort schrak sie vor diesem Gedanken zurück. Nein, sie musste über ihre wahren Gefühle lügen. Lüge. Dieses Wort rüttelte an irgendeiner Erinnerung. "Wir sind hinein gegangen und haben die Wartung durchgeführt.

---ENDE DER LESEPROBE---