Tales Tenebris - Kevin Neubert - E-Book

Tales Tenebris E-Book

Kevin Neubert

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Beschreibung

Im Rahmen von elf Kurzgeschichten taucht der Leser in die unterschiedlichsten Welten ein. Mal wird man Zeuge eines Beobachters, der die Spezies Mensch aus dem Blickwinkel seiner außenstehenden Spezies erkundet, mal von einer junge Frau, die vor ihren Häschern in einen vermeintlich verzauberten Wald flieht, sowie von dem zermürbenden Büroalltag eines Angestellten, der sich gegen Geringschätzung und Mobbingattacken auf seine Art versucht zu behaupten. Kevin Neuberts Kurzgeschichtensammlung umfasst nicht nur Dystopien, sondern auch gesellschaftskritische Texte. Die Kritik umfasst Gaffer, Klimaleugner und Helikoptereltern und macht auch vor Politik und Religion nicht Halt. Unerwartete Wendungen und Enden sind weitere Bestandteile von Neuberts mal gruseligen, mal kapriziösen Kurzgeschichten.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 322

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2023 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99131-855-2

ISBN e-book: 978-3-99131-856-9

Lektorat: Sandra Pichler

Umschlagfotos: Svetlana Alyuk, Mia Stendal | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Danksagung

Für meine geliebte Frau Melanie Neubert,

die mir Halt gibt, wenn ich strauchle,

die mich auffängt, wenn ich falle,

und die mich in den Wahnsinn treibt,

wenn es mir gut geht.

Und für:

Carsten Wilms

Christoph Bier

Genna Di Febo

Hannelore Schneider

Karin Gräfe

Julia Neubert

Lisa Schneider

Marion Großpietsch

Martina Horn

Michael Luckei

Sandra Klöhn

Torsten Seibel

Ulrich Leitfeld

u. a.

Ohne Euch hätte es dieses Buch nicht so schnell gegeben.

Danke, Leute!

Vorwort des Verfassers

Ich lese gerne. Angefangen habe ich mitDie Rollbahnvon Heinz G. Konsalik aus dem fadenscheinigen Grund, an einem Lesewettbewerb in der Schule teilzunehmen, um dem eigentlichen Unterricht zu entgehen. Dann, an einem lauen Sommerabend auf dem Campingplatz Klingelwiese, fixte mich ein Bekannter meiner Großmutter mit Richard Bachmann und Stephen King an. Da war ich ungefähr zwölf. Kurz darauf war ich schon ein Riesenfan von King – und bin es heute noch. Meine ersten zarten Versuche als Autor habe ich dann im Alter von vierzehn Jahren unternommen, nachdem ich „Stark – The Hark half“ gelesen hatte (einer der wenigen Romane, die ich mehrmals gelesen habe). Damals nutzte ich die Wut und Verzweiflung, das Gefühl derNichtbeachtungund desUnverständnissesdurch meine Eltern, was wohl jeder Teenager während der Pubertät empfindet, um Leute umzubringen. Natürlich nur auf dem Papier.

Am liebsten hörte ich dabei Meat Loaf, der gerade sein Comeback mitBat Out of Hell IIfeierte. Irgendwie hatte seine Musik für mich den magischen Sound zu den schauerlichen Geschichten, an welchen ich mich versuchte, um es demKing des Horrorsgleichzutun. Man kann also zurecht sagen, dass beide mich – wie sehr wahrscheinlich auch viele andere und bessere Autoren als meine Wenigkeit – auf ihre eigene Art zum Schreiben motiviert und inspiriert haben.

Bei seinen Kurzgeschichten hat Mr. King immer eine kleine Erklärung, entweder als Einleitung oder in den Post-Credits geschrieben, wie es zu der Story kam und/oder wie er auf die Idee gekommen ist. Was ihn dazu bewegt hat. Kurz: eine kleine Geschichte zu der Geschichte.

Und gerade in seinen Einleitungen zu den Geschichten aus der SammlungBasar der bösen Träume, welche ich zum Anfang des Jahres 2020 gelesen habe, gab es für mich persönlich viele Situationen und Konstellationen, die auch auf meine kleine Sammlung bzw. auf die in ihr enthaltenen Geschichten zutreffen. Ein ums andere Mal, wenn eine Idee konkreter wurde, dachte ich mir:Guck mal, das ist genau so, wie King es vor der und der Story geschildert hat.Ein schönes Gefühl, wenn man so prägnante Parallelen zwischen sich und solch einem Talent findet.

Sie halten hier jedoch nicht mein erstes Werk in den Händen. Mein Schreibstil und meine Fantasie reiften über Jahre hinweg, während ich mich an einer Fantasy-Story versuchte. Ganze fünfzehn Jahre, nämlich von 2003 bis 2019, habe ich, natürlich nicht kontinuierlich, neben meinem regulären Job und meinem abenteuerlichen Leben als LARPer, Ehemann, Festivalgänger u. v. m. an dieser Geschichte gearbeitet. Als sie fertig war, war ich froh und viele, die sie gelesen hatten, meinte, ich solle sie veröffentlichen, doch ich traute mich nicht recht. Wer bin ich denn schon. Also schrieb ich einfach weiter. Ich wollte das Gefühl, eine Geschichte zu erzählen, nicht wieder so einschlafen lassen, wie in den Jahren davor.

Zuerst habe ich mich an einer Fortsetzung meines unveröffentlichten Fantasy-RomansDer Pfad der Abenteuerversucht und es nach zwei Seiten direkt wieder gelassen. Die Fahrt zu meinen Schwiegereltern im Januar 2020 sowie der Erwerb des oben genannten Sammelbands von Kings Kurzgeschichten im Februar 2020 setzte dann den Stein ins Rollen, der zu den Geschichten in dieser Sammlung führte. Es sind viele kleine Geschichten mit unterschiedlichen Themen, Genres und Stilen. Jede hat ihre eigene Entstehungsgeschichte und musste erst den Korrektur- und Feedbacktest meiner kleinen, geheimen Gruppe von Testlesern bestehen (auch dafür ein herzliches Dankeschön, Leute).

Das haben sie und durch das positive Feedback folgte dann auch der Mut, den Schritt der Veröffentlichung zu wagen. Zwar musste ich mir noch was bzgl. des ursprünglichen, langweiligen Arbeitstitel einfallen lassen, der eigentlich2020 anno Pandemiclautete, doch a) habe ich die GeschichtenDer erste Tag,VeiztanzundWie war dein Tag?in 2021 geschrieben und b) wurde ich von meinem Verlag darauf hingewiesen, dass es schon einige Bücher mit dem Titel2020gäbe. Dank meiner tollen Ehefrau hatte ich schnell einen neuen Titel bei der Hand und nachdem jetzt auch das Crowdfunding für das Startkapital sowie die Verlagsverhandlungen abgeschlossen sind, freue ich mich darüber, Ihnen mein Buch präsentieren zu dürfen.

Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen.

IhrKevin Neubert

19.07.2022/Dortmund

Vorwort

Ich habe mir die Rohform dieser Geschichte vor über 20 Jahren überlegt. Damals hatte ich noch kein Auto und war viel zu geizig, Geld für öffentliche Verkehrsmittel auszugeben. Außerdem hatte ich zwei gesunde Füße, einen Walkman mit Akku-Batterien, die ich zu Hause wieder aufladen konnte, und diverse gute Mixtapes mit spitzen Musik für unterwegs. Das reichte vollkommen aus, selbst wenn einem der Heimweg betrunken durch einen dunklen Park führt. Gegebenenfalls singt man einfach lauthals (und schief) mit.

Durch Zufall habe ich die erste, handschriftlich niedergeschriebene Seite dieser Story wiedergefunden, kurz nachdem ich mit der Geschichte in 2020 wieder angefangen habe, und ich war schon recht stolz auf mich, dass ich wohl in 20 Jahren einiges in puncto Stilistik und Dramaturgie dazugelernt habe. Das Ende jedoch war mir wirklich erst klar, als es so weit war. Sprich, wäre meine Verfassung an dem Tag, als ich die Geschichte zu Ende geschrieben habe, etwas anders gewesen, wer weiß, wie die ganze Sache dann für den Protagonisten ausgegangen wäre. Aber ist es irgendwie nicht immer so? Das Ende von unserem Lebensabschnittsweg hängt von unserer Verfassung an dem jeweiligen Zeitpunkt ab.

Der Beobachter

Für Vincent Vega und Jules Winnfield

Ich sehe Sie – und das nicht erst seit heute. Auch wenn Sie mich nicht sehen, so wandle ich doch mitten unter Ihnen. Und ich bin damit nicht allein. Wer von Ihnen hatte nicht auch schon mal dieses Gefühl, selbst wenn man, vermeintlich, mutterseelenallein war? Hier und jetzt kann ich Ihnen sagen: Sie haben vollkommen recht. Sie waren nicht allein und sind es auch niemals, selbst wenn niemand anderes da ist.

Dass Sie uns nicht sehen können, ist zwei Dingen geschuldet. Der UV-Strahlung Ihrer Sonne und der Beschränktheit Ihres menschlichen Körpers. Um genau zu sein, könnte man den letzten Punkt auch wieder in zwei Unterpunkte aufteilen, denn besagte Beschränktheit ist auch wieder der rückständigen anatomischen Entwicklung Ihres Auges geschuldet, auf das Sie ja nur wenig Einfluss hatten. Was das angeht, ist Ihre Spezies ja eher ein Opfer der Evolution geworden.

Was aber gänzlich auf Ihre Kappe geht, ist die Ignoranz, mit der Sie Ihren anderen Sinn geflissentlich ignorieren und damit nicht zuletzt der Engstirnigkeit des kümmerlichen kleinen Dings, das Ihre Spezies großspurig Verstand nennt. Denn Sie, die Menschheit, haben sich in den letzten fünftausend Jahren gegen alles abgeschottet, was Sie sich nicht erklären konnte, und dahin gehend weiterentwickelt, dass alles, was nicht im Lehrbuch steht bzw. seit Kurzem bei Wikipedia, schlicht weg unmöglich und somit nichtexistent ist. Und so ging Ihnen das Gespür für das Irrationale oder Magie, wie es früher genannt wurde, abhanden. Auch wenn es Ihnen täglich begegnet.

Ja ja … im Mauern sind Sie Menschen wirklich ganz weit vorne im ganzen Kosmos. Besonders wenn es sich um Mauern um eure Wahrnehmung handelt.

Da schaut man lieber in die andere Richtung, als sich mit dem auseinanderzusetzten, was einem am Anfang erst einmal unheimlich vorkommt und einen ängstigt. Aus den Augen, aus dem Sinn, wie Sie so schön sagen. Das ist einfach viel bequemer und Bequemlichkeit wird für einen Großteil von Ihnen recht großgeschrieben.

Aber bitte vergeben Sie mir, denn ich schweife ab. Ich könnte mich einfach Stunden darüber auslassen, was bei Ihrer Spezies alles bemerkenswert falsch gepolt ist, wobei ich mich absichtlich des umgangssprachlichen Gebrauch des Wortes „Stunden“ bediene. Dekaden oder Säkulum wäre wohl der richtige Terminus Tempus. Aber sehen Sie es mir nach. Solche wie ich existieren, um zu beobachten, weshalb man uns auch allgemein als Beobachter bezeichnet. Zugegeben nicht wirklich eine kreative Bezeichnung, aber sie bringt die Sache auf den Punkt. Selbstredend habe ich auch einen richtigen Namen, aber mit Ihrer sprachlichen Form der Kommunikation würde er sich lediglich wie eine Aneinanderreihung von atonalen Geräuschen anhören. Also fast so wie Dubstep oder wie das Geräusch eines laufenden Kernspintomographen, was ja fast dasselbe ist.

Bitte verfallen Sie jetzt nicht in Panik, rufen Sie nicht nach der Polizei, der Nationalgarde oder die Ghostbusters. Ich komme in Frieden und es gibt eh nichts, was Sie gegen uns tun könnten. Ich beobachte nun mal, gucke zu und da kommt es mehr als gelegen, dass Ihre Gattung mich nicht sehen kann. Aber wie gesagt, ich bin nicht allein und auch neben den anderen Beobachtern gibt es Dinge, die Sie nicht sehen können oder wollen. Und das ist vielleicht gar nicht mal so schlecht. Denn diese Dinge sind es, die Ihnen oftmals ohne Grund eine Gänsehaut verpassen, den Hund grundlos bellen oder die Katze wie von der Tarantel gestochen durch die Wohnung sausen lässt. Jedenfalls im besten Fall.

Diese Wesenheiten sind die Alpträume, die Sie plagen und der Schatten unter Ihrem Bett. Sie sind das Monster im Schrank und der Buhmann im Keller, der Kinder nachts nicht schlafen lässt. Sie sind die Furcht vor dunklen Orten, die unglückliche Schicksalsfügung und der plötzliche Herzinfarkt, der zu einem völlig unvorhersehbaren Tode führt. Sie sind die Monster, vor denen sich Ihre Vorfahren hilfesuchend an Schamanen, Druiden oder Zauberern gewandt haben, um sich dagegen zu erwehren. Sie sind die unsichtbare, vermeintlich unbegründete Angst Ihrer Spezies. Und diese Dinge zehren von Ihrer Furcht, laben sich an Ihrer Angst und hungern nach Ihrem Entsetzen.

Und genau so wenig, wie Sie was gegen mich und die Meinen machen können, können ich und die Meinen was gegen diese Dinge tun. Immerhin sind wir nur Beobachter, das ist unsere Natur, unser Sein.

Dafür existieren wir, ohne dabei grausam oder voreingenommen zu sein.

Das heißt aber nicht, dass Ihre Spezies völlig wehrlos gegen diese Dinge ist. Sie haben einfach nur vergessen, wie man es anstellt.

Ich befinde mich gerade in der Parkanlage „Hippergrund“ in Steinheim, es ist in Deutschland 03:38 Uhr am 05.04.1996 und der junge Tom Talmann befindet sich gerade auf seinem Heimweg. Tom kommt nicht etwa von der Arbeit oder von einem Date. Zwar hat er schon seit drei Jahren eine feste Freundin, Janina mit Namen, mit der er auch schon sein erstes Mal hatte und es seitdem öfters und in jeder erdenklichen Art (zumindest für einen Siebzehnjährigen) mit ihr getrieben hat, als dass er sich tatsächlich erinnern kann, aber darüber wollen wir uns nicht unterhalten. Hier und jetzt kommt er woanders her.

Er biegt von dem Baumannweg nach links, lässt den von Laternen beleuchteten und von Wohnhäusern des Spar- und Bauvereins umrahmten Weg hinter sich und betritt nun den dunklen Park des „Hippergrunds“. Er hat leichte Schlagseite, wie fast jeden Freitagabend, den er bei seinem besten Freund, Björn Gärtner, verbracht hat.

Tom arbeitet neben der Schule, wo er gerade versucht, seine allgemeine Hochschulreife zu erlangen, an einer Total-Tankstelle, nicht weit von der Wohnung, in der Björn mit seiner Mutter lebt. Die beiden kennen sich nun auch schon seit über drei Jahren aus der Pfadfindergruppe. Ihre Mütter hatten sie mit vierzehn dort hingesteckt in der Hoffnung, dass die Jungs dort etwas von den alten Werten beigebracht bekommen und ihnen ein Gespür für die Umwelt und das Miteinander vermittelt wird. Der Erfolg war mäßig, denn dank dem Austausch und den Erfahrungen dort haben sie nicht nur Bier und Zigaretten, sondern auch Dope und hin und wieder etwas Pepp für sich entdeckt. Und genau mit diesen Begleitern bestreiten beide seit geraumer Zeit ihre Freitagabende und hin und wieder schaue ich auch vorbei.

Tom macht die Tankstelle um 23:00 Uhr dicht, wobei er die Uhr in dem Laden immer um fünf Minuten vorstellt, um schneller raus zu sein. Während die Abrechnung der Kasse selbstständig durchläuft, putzt er den Verkaufsraum und räumt die Tankstelle auf. Zwischen 23:20 Uhr und 23:30 Uhr wartet Björn draußen, um ihn abzuholen. Dabei ist die Ressourcenbesorgung klar verteilt. Björn besorgt die Videos für den Abend. Immer ein „cooler“ Streifen und ein Porno, sowie etwas Piece, während Tom für die anderen Genussmittel zuständig ist, was bedeutet, dass er aus der Tankstelle Bier und Kippen für sie beide klaut. Zwei Schachteln Camel für Björn und zwei Schachteln Lucky Strike für sich, wobei sein Wochenvorrat am Sonntag, wenn er wieder dort arbeiten muss, erneut aufgestockt wird. Hin und wieder lässt er auch noch ein paar Chipstüten, Snacks aus dem Hause Jack Link’s oder eine kleine Flasche Schnaps mitgehen. Immerhin will er seinen Feierabend nach diesem langen Arbeitstag und der anstrengenden Schulwoche ja auch entsprechend genießen.

Zwar existiert eine Kamera an der Wand hinter der Ladentheke in dem kleinen Geschäftsraum, doch hatte Tom direkt am Anfang seines Minijobs von einem anderen Kollegen erfahren, dass es sich dabei nur um eine Attrappe handelt. Ein Dummy, um potenzielle Räuber und Ganoven abzuschrecken, was bisher wohl auch gut gegangen ist, denn obwohl der Dienst alleine erfolgt, kam es noch nie zu einem räuberischen Zwischenfall von jemanden, der hier nicht arbeitet. Tatsächlich waren der Besitzer, ein kleiner, aufgeplusterter Kerl namens Erik Hartmann, und seine aufgetakelte Frau Birgit viel zu geizig, um eine richtige zu installieren.

Und so hatten die beiden Jungs es sich nach der nervenaufreibenden Arbeit (die für Björn tatsächlich lediglich in dem Besorgen des Dopes bestanden hatte) mit Dosenbier und einem Ensemble aus Carazza und Funny Paprikachips gemütlich gemacht. Dabei rauchten sie Dope und guckten sich heute Abend an, wie Jackie Chan für „Rumble in the Bronx“ sorgte.

Als kleine Gelegenheitskiffer, die sie waren, wurde das Dope gut eingeteilt. Die Beute war für gewöhnlich lediglich ein Bröckchen Roter Libanese, was gerade mal für vier Köpfe reichte, die auf eine selbstgebaute PET-Flaschen-Bong geschraubt und tief inhaliert wurden. Ein Kopf für jeden pro Film.

Doch an diesem Abend hatte Björn ein gutes Geschäft gemacht und für zarte zehn deutsche Mark einen großen Klumpen Schwarzer Afghane ergattert.

„Mindestens zwei fette Köpfe für jeden von uns“, hatte Björn voller Selbstgefälligkeit getönt, während Chipsstückchen aus seinem Mund krümelten und sich über seinem Nirvana-T-Shirt verteilten.

Wenn man Tom besser kannte, so wusste man jedoch – und gerade ich als Beobachter des Abends –, dass er eher dazu tendieren würde, drei kleine Köpfe draus zu machen. So hätte er noch einen vor dem Heimweg und währenddessen einen herrlichen Rauschzustand.

Als Tom nun den sicheren Lichtradius der Straßenlaternen verlässt, zündet er sich eine Zigarette an. Dem Mond ist heute hell und voll genug, dass man den Weg problemlos ohne zusätzliches Licht erkennen kann. Davon abgesehen ist er schon hunderte Male zu jeder Tages- und Nachtzeit durch diesen Park gelatscht und kennt ihn daher in- und auswendig. Mehrere Pfade führen in die verschiedenste Richtungen des Parks und egal, wo lang, es geht fast immer bergauf. Andererseits, was erwartet man auch anderes von der Topografie eines Parks, wenn man in einem Landstrich namens „Bergisches Land“ wohnt?

Ich sehe ihn am Eingang stehen mit einer brennenden Lucky zwischen den Zähnen stecken. Er atmet den Rauch tief ein und freut sich innerlich über die aufglimmenden Lichterquellen bei der Prozedur. Es scheint ihm so, als wären die Temperaturen seit seinem Feierabend um mindestens zehn Grad gesunken, doch das hat einen anderen Grund. Ich weiß es, er nicht, daher zieht er sich tiefer in seine viel zu große, braun-olivfarbene Fliegerjacke zurück, in der er ein bisschen wie eine paramilitärische Variante von Marty McFlys Sohn aus „Zurück in die Zukunft II“ aussieht. Im Zuge seiner jugendlichen Geschmacksverirrung hat er noch eine Jeans-Weste von Diesel über die Fliegerjacke gezogen, die er seinem älteren Bruder irgendwann mal abgeluchst hat.

Der Park liegt ruhig und dunkel vor ihm. Zu ruhig und zu dunkel, denkt sein benebeltes Großhirn, doch aus seinem Frontallappen wird ihm die logische Alternative, nämlich der Rückweg zu Björn und dann ein Umweg von gut und gerne fünfzehn Minuten aufgezeigt. Absolut inakzeptabel für Tom. Er ist müde, dicht, geil und will eigentlich nur noch ins Bett. Sie können sich bestimmt vorstellen, was er dann dort noch machen wird. Ich für meinen Teil weiß es.

Also geht er durch den Park und ich bin direkt hinter ihm. Der Weg schlängelt sich durch eine Rasenlandschaft, die rechts von einem Teich inklusive Randbepflanzung verziert wird. Links kann man durch knorrige Bäume noch die Rückseiten der Häusersiedlung sehen. Dichtes Buschwerk umsäumt ihre Stämme wie ungepflegter Haarwuchs. Ein großer Hügel, auf dem die Kinder im Winter immer Schlittenfahren, erhebt sich weiter geradeaus wie eine saftige Beule auf einem geschundenen Körper. Auf dem Plateau an der Spitze des Hügels ist ein Rondell, von dem man tagsüber schön auf den ganzen Park blicken kann. Einzelne rundgetrimmte Büsche bedecken hier und da die bergauf führende Rasenfläche, wie überdimensionale, dunkle Pilze und einzelne schmale Baumgruppen stehen wie verirrte Touristen auf der Parkfläche.

Der Weg, dem Tom folgt, ist asphaltiert und führt in hinreichendem Abstand an den ganzen dunklen Orten des nächtlichen Parks vorbei.

Ich bin bei ihm, direkt hinter ihm und gleichzeitig bin ich in seinem Kopf und genieße diese Art von Entertainment. Doch das Gefühl, das sich seiner bemächtigt, das mit jedem Schritt stärker wird, kommt nicht von mir. Es kommt von dem, was in dem Busch, keine zwanzig Schritte von ihm entfernt, sitzt und ihn jetzt ebenfalls bemerkt hat und beobachtet. Ich kenne den Namen der Kreatur, doch ich bezweifle, dass Sie damit was anfangen können und Tom schon gar nicht. Doch es sitzt da und lauert auf seine Chance, während es seine Aura erweitert, welche in konzentrischen Kreisen wie Schallwellen durch den Park wabert. Seine, in Ihrer Sprache ausgedrückt, Chitzöene zucken vor Hunger und seine unteren Vlamyne (sehen Sie, was ich meine?) pulsieren erregt, was so viel bedeutet wie, dass es sich über den nächtlichen Imbiss zu später Stunde freut.

Wie kalte Finger, die mit leichter Berührung den Rücken hochkrabbeln, macht sich ein Gefühl in Tom breit. Es ist noch keine Angst, eher eine Vorstufe. Ein mulmiges, ungutes Gefühl. Etwas, das unerklärlich und unbenannt, aber da ist. Er bleibt kurz stehen und zieht an seiner Zigarette. Ein kleines Glimmen erhellt die Nacht im Park und sorgt kurz für Hoffnung und Sicherheit. Dann meldet sich der rationale Teil seines Verstands und bestätigt ihm, dass da nichts ist, immerhin würde er es ja ansonsten sehen. Obwohl … Und dann geht es los.

Sein angetrunkenes und bekifftes Hirn beschwört Szenarien aus diversesten Legenden, Fantasy- und Horrorfilmen herauf, aber noch hält der rationale Teil seines Verstands dagegen. Er trinkt einen Schluck Bier aus der Dose, die seine Finger der linken Hand langsam in Eiszapfen verwandelt hat. Ein weiterer Zug an der Lucky, ein weiteres Aufleuchten, dann geht er weiter, aber das Kribbeln in seinem Hinterkopf bleibt. Die Geräusche der Nacht sind da, und doch weit weg für ihn. Dann ein Kratzen, noch nicht mal von dem Buschmonster, sondern nur von seiner Fantasie, aber das langt, um sich umzudrehen. Könnte er mich sehen, würde er keine drei Zentimeter vor mir stehen, mir direkt in mein Angesicht blicken, aber so blickt er durch mich durch und sieht natürlich nichts außer dem dunklen Weg, den er gekommen war. Ein langer Schluck aus der Dose, um sie endlich loszuwerden und um seine arschkalte Hand dann endlich in die Jackentasche stecken zu können, ein letzter Zug an der Zigarette, dann dreht er sich um, schnipst die Kippe in Richtung See und macht einen Schritt.

Ich spüre sein Bedürfnis, schneller zu gehen, seine Schritte zu beschleunigen. Er will raus aus diesem Park. Dem schummrigen Zwielicht voller langer Schatten und grauenhaften Fantasievorstellungen entkommen. Doch seine Lungen kratzen schmerzhaft von dem letzten Kopf Dope. Seine Kondition ist in einem Meer aus Cola und Bier in Seenot geraten und hält sich nur gerade so über Wasser. Er durchsucht seine Jackentasche nach einem Feuerzeug. Rechts findet er nichts. Jetzt kramt er mit seiner Rechten in der linken Jackentasche. Er stellt sich dabei so ungeschickt an, dass er sich um seine eigene Achse dreht. Wie ein Hund, der seinen eigenen Schwanz jagt. Auch dort ist nichts.Hab’ ich es bei Björn liegen lassen, stolperte ein Gedanke durch seinen Kopf gefolgt von dem nächsten, der ihn anrät, sich zu bewegen und nicht noch länger hier stehen zu bleiben. Seine Linke, kalt wie eine Leiche, umklammert weiter die Bierdose, während in einem kurzen Anflug aus Sucht, Panik und Verzweiflung seine Rechte seine Hosentaschen abklopft. Treffer!

Eines von Birgitt Hartmanns scheußlich kitschigen Feuerzeugen mit irgendwelchen ätzenden Liebessprüchen drauf. Aber jetzt ist es für ihn die ganze Welt, was nur jemand nachvollziehen kann, der schon mal nach einer Zigarette geschmachtet hat.

Er zündet sich eine neue Kippe an und ich blicke zu dem Busch hinüber, während er leicht auf der Stelle schwankt. Das Ding, das dort verborgen lauert, hat sich bewegt und ist zum Teil auf dem Weg. Wie eine Ölspur auf der Autobahn zieht sich sein Körper. Es ist aufgedunsen, wohl genährt und doch noch immer hungrig. Es nimmt noch einem Happen von Toms zweifelnder Emotion und investiert sie gut. Ich kann sehen, wie es sich zusammenzieht, wie ein Muskel, der sich kontrahiert, kanalisiert das Ding seine Kraft, fokussiert sie und sorgt unter einer immensen Anstrengung dafür, dass just, als Tom sein Feuerzeug aufflammen lässt, zwei gelbe Lichtpunkte wie die grimmigen Augen von etwas Unaussprechlichem aus einem Stephen-King-Roman im Busch aufleuchten.

Tom sieht es nur kurz und nur aus dem Augenwinkel, aber er hat es gesehen. Ich weiß es, ich rieche und schmecke es an seiner Aura. Und das Buschmonster tut dasselbe. Tom ist jetzt ein Fisch an der Fangleine der Kreatur und wird langsam eingeholt.

Ich kann Toms Wahrnehmung sogar hören. Sie klingt wie die Alarmsirenen seines rationalen Denkens, welche in seinem Kopf losgehen und anfangen zu kreischen wie ein Rudel Banshees. Es ist der Konflikt des empirischen Wissens, dass das gerade Bemerkte nicht sein kann, und des rationalen Teils, der darauf besteht, dass er das gerade wahrgenommen hat.

Vielleicht hat der Flammenkegel oder der Feuerstein deinem Geist einen Streich gespielt, versucht die Logik einen Konsens zu finden und den Körper zu beruhigen, doch die Schatten im Park fangen für Tom an zu wabern und sich zu verschieben, als würden sie zu einem nicht hörbaren Rhythmus tanzen. Tom muss kurz an das Cover desDie drei ???-Hörspiels „Der tanzende Teufel“ denken, welches er in seiner Kindheit oft gehört hat. Ein mit Fell überzogener Dämon mit langen Hörner, die seitlich aus seinem Kopf ragen, und roten Glubschaugen auf einer Düne, der einen langen, tanzenden Schatten wirft. Keine Konturen, kein Mund, keine Nase, nur diese liedlosen, kreisrunden Augen, welche sich einem in die Seele bohren. Das Hörspiel war nicht unheimlich, aber heute Abend langt ihm schon die Erinnerung an den Titel und an das Bild auf dem Cover. Nur heute Nacht hat der Teufel leuchtende gelbe Augen.

Ein Prickeln durchzieht sein Hirn, als hätte man eine Ameisenfarm darüber ausgeschüttet und seine Augen huschen hin und her, ohne etwas Spezielles fixieren zu können. Er schwankt von einem Bein auf das andere. Das Ding kennt, wie ich, die Bilder, die von Angst und Furcht mit einen gehörigen Klecks Panik in Toms Geist gemalt werden und ist erregt. Es ist jetzt ganz aus dem Busch herausgeglitten und tastet sich vorsichtig näher an seine Beute ran. Sein amorpher Körper verformt sich auf seiner Ebene und macht sich zum Sprung bereit. Schwarze Haare sprießen überall und es zieht sich zusammen wie eine Schnecke, die man mit Salz bestreut. Zwei Hörner wachsen aus dem Klumpen, der sich zu einem Kopf ausbildet und zwei glubschende gelbe Punkte erscheinen da, wo bei einem Menschen die Augen sitzen. Ich sehe zu, wie es zum „tanzenden Teufel“ wird.

Wenn ich könnte, würde ich Tom anschreien, wegzulaufen, die Beine in die Hand zu nehmen und abzuhauen, solange er noch kann. Doch ich kann nur beobachten und hoffen.

Tom trinkt einen Schluck aus der Dose. Das Bier ist längst schal und schmeckt abgestanden wie ein alter Keller. Dennoch schluckt er den Großteil der kalten Flüssigkeit runter und spuckt den Rest unbewusst in Richtung des sich nähernden Schreckens.

„Vielleicht spielt dir dein Geist Streiche, du bist ganz schön dicht“, spricht er laut in die Dunkelheit und dreht sich wieder um, um seinen Weg fortzusetzen. Doch ich und der tanzende Teufel, welcher sich jetzt auf seine beiden Hinterbeine stellt, spüren den Zweifel in seinen Worten.

Nervös inhaliert er weiter den verbrannten Tabak in seine Lungen. Sein ganzer Körper fühlt sich jetzt so kalt wie seine linke Hand an. Er hat das unbeirrbare Gefühl, nicht allein zu sein, dass er verfolgt wird, und damit hat er leider recht. Noch kann er das Buschmonster, den tanzenden Teufel, nicht sehen, aber je mehr sich Tom fürchtet, desto mehr der Kreatur dringt in Toms Realität. Erste Umrisse eines Schattens zeichnen sich blassgrau und kaum wahrnehmbar auf dem nächtlichen Asphalt des Weges hinter Tom ab.

Er geht über einen kleinen Steg, der in japanischem Stil über einen schmalen Zulauf führt, der den See hinter ihm speist und der ihm folgende Schatten wird zunehmend deutlicher. Wie ein undichtes Ventil tropft mehr und mehr des Wesens in Toms Welt. Zottelige Krallen sind erkennbar und Hörner an einem Kopf, an dem zwei blasse gelbe Augen glimmen. Der Fisch ist fast eingeholt.

Ich habe so was schon oft gesehen und weiß daher ziemlich genau, was jetzt kommen wird. All die Äonen stand ich da, sah zu und habe nur beobachtet. Doch an diesem Abend im Hippergrund-Park kommt mir ein Gedanke:Wenn so ein Haufen Protoplasma, eine transsubstanzielle Ausgeburt der jenseitigen Sphäre wie das Buschmonster die Grenzen zu Toms Welt überwinden kann, warum dann nicht auch ich? Immerhin sollte ich eine weiterentwickeltere Spezies sein als alle beiden zusammen.

Ich konzentriere mich, sammle meine Kraft, meine Erfahrungen, die ich über eine nicht zu benennende Zeit an unzähligen Orten und Welten gesammelt habe und lass sie in mir gären, wie ein Orangensaft in der Sonne. Ich weiß nicht genau, was ich mache, doch etwas platzt aus mir heraus. Nicht akustisch, das wäre unmöglich. Es ist, als würde ich Toms Gedanken überschreiben. Aus Leibeskräften brülle ich einen Funken in seinen Verstand und leckte an seinem Geist: LAUF!!!

Dann versuche ich, ihn an den Schultern zu packen.

Doch Tom bleibt stehen, ihm ist kalt und mir auch. Sein Bewusstsein rieselt wie Sand in einer Sanduhr durch mich. Ich blicke zum Schatten, der immer noch nicht ganz erkennbar zwischen den Ebenen des Seins steckt, und auch er hat innegehalten. Hat mich etwa doch einer gehört? Toms Blick klärt sich, er ist berauscht, doch nicht vom Dope. Wie Wolken, die den Sonnenstrahlen weichen, klärt sich sein Geist, zumindest kurzfristig.

Langsam führt der junge Mensch die Bierdose an seinen Mund und nimmt einen Schluck, lässt jedoch noch eine Pfütze des schalen Getränks in ihr zurück. Ich spüre die Kälte an ihm, dann weicht auch sie aus ihm. Dafür höre ich Akzeptanz. Tom hat akzeptiert, was er gesehen hat. Etwas erblüht in seinem Verstand und strömt dann aus ihm heraus, doch es ist weder Angst noch Panik. Es ist Wissen. Altes Wissen. Es schmeckt nach Erinnerung. Es ist Gelassenheit. Es ist die Abwesenheit von Furcht. Der Fisch hat die Leine zerrissen.

Tom dreht sich um. Seine Augen fixieren den tanzenden Schatten auf dem Boden und er schaut dem nicht materialisierten Ding in seine gelben Glubschaugen. Dann spuckt er das Bier aus seinem Mund dem Wesen direkt in sein von Hörnern umrahmtes Gesicht. Die Flüssigkeit fällt in Toms Welt auf den Boden und auf den blassen Schatten. Der tanzende Teufel zuckt erst zusammen, dann jault das Ding auf und schlägt sich die pelzigen Klauenhände vors Gesicht. Das Bier brennt sich in den Schatten und lässt kaum merklich Rauchschwaden von dem Asphaltweg aufsteigen, als hätte Tom konzentrierte Säure gespuckt. Ruhig und mit einer von mir seit nahezu unendlich langer Zeit nicht mehr gesehenen Sicherheit zieht Tom noch einmal an seiner Zigarette.

„Fahr zur Hölle, du Bastard“, spricht er zu dem vor Schmerzen tanzenden Teufel und schnipst die Lucky dem Schatten entgegen. Ich kann beides sehen. Wie die Zigarette in Toms Welt durch die Luft fliegt und mit einem kleinen Funkenschlag auf dem Weg aufschlägt, aber auch, wie der Zigarettenstummel auf der Ebene des Buschmonsters, einem flammenden Projektil gleich, den pulsierenden Körper des „tanzenden Teufels“ durchschlägt. Das Ding kreischt atonal vor Verwunderung, Wut und vor Schmerzen, was sich wie Musik für mich anhört. So etwas hat es – und auch ich – schon seit Jahrhunderten, vielleicht sogar seit tausend Jahren nicht mehr erlebt. Ob es Instinkt oder einfach nur Glück war, mag dahingestellt sein, aber Tom hatte in seinem Zustand, an diesem Abend für einen kurzen Zeitpunkt die richtige Schwingung erreicht. Fluchtartig zieht sich die Kreatur verletzt in den Busch zurück, während seine angenommene Form zerfällt, wieder amorph wird und protoplasmische Substanz aus den Wunden an seinem Leib sickert.

Toms Gefühle sind gerade faktisch nicht vorhanden, in seinem Geist herrscht einfach nur Ruhe und innerer Ausgleich. Dann steckt er sich eine neue Zigarette zwischen die Zähne und zündet sie entspannt an. Er legt den Kopf in den Nacken, als er den Rauch ausatmet, sodass dieser wie eine entschwindende Seele zum dunklen Himmel hinaufsteigt. Dann verschüttet er den letzten Schluck Bier auf den Rasen des Parks, während sein Geist die Worte „für die Götter“ formt.

Ich weiß, dass ich kein Gott bin, nehme sein Geschenk dennoch dankbar an und gucke ihm zu, wie er seine Schritte in Richtung Parkausgang lenkt. Für heute werde ich ihm nicht weiter folgen. Ich fühle mich berauscht und habe den Eindruck, dass sich was geändert hat. Dass ich etwas geändert habe.

Mit diesem Hochgefühl bewege ich mich in eine andere Richtung. Immerhin gibt noch genug andere Menschen, die jetzt gerade unterwegs und beobachtungswert sind. Sollte ich Tom wiedersehen wollen, weiß ich eh, wo ich ihn finden werde.

Vorwort

Wie schon in der Einleitung zu dieser Sammlung erwähnt, entstand die Idee zu der Story auf einer Fahrt zu meinen Schwiegereltern Anfang 2020. Meine liebste Lieblingskollegin im Büro, und mittlerweile sehr gute Freundin, hatte mir von einem privaten Problem erzählt, wobei ich ihr nicht helfen konnte, aber meine Frau. Auf dem Weg an einem Freitagabend im Januar 2020 telefonierten die beiden also, während ich durch die Nacht fuhr. Meine Frau stand meiner Kollegin mit fernmündlichem Rat zur Seite und half so gut sie konnte. Die beiden Frauen fanden eine Lösung und das Telefonat endete. Ich für meinen Teil profitierte insoweit ebenfalls von dem Gespräch, dass mir dazu diese Geschichte in den Sinn kam und ich wieder etwas hatte, woran ich im Büro arbeiten konnte, falls es wieder nicht anderes zu tun gab (und das gab es in der Abteilung leider oft).

Welche Teile davon Fiktion und welche Realität sind, überlasse ich ihrer eigenen Fantasie und Vorstellungskraft. Nur eines möchte ich verraten: den Fuchs gab es wirklich.

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Für Genna Di Febo

Sie fühlten sich verpflichtet, an diesem Wochenende zu helfen, und das Zurecht. Deswegen waren Julius und Lola auf dem Weg nach Bodenwerder.

Es ging dabei nicht etwa um eine direkte Bringschuld, sondern eher um eine moralische Verpflichtung, wie man sie unter guten Freunden oder in der Familie oft fand. Deswegen gab es kein faules Wochenende auf der Couch, sondern ein Wochenende der fleißigen Hände in der Geburtsstadt des berühmten Barons von Münchhausen.

Lolas Vater hatte dort ein neues Objekt erworben und stemmte gerade mit dem engsten Kreis der Familie die Renovierungs- und Umzugsarbeiten (bei einer Großfamilie von drei Brüdern und zwei Schwestern mütterlicher- und sechs Schwestern väterlicherseits sowie einer ganzen Heerschar von Cousins, Cousinen und deren Ableitungen, ergänzt um eine unbestimmte Anzahl des VerwandtschaftspräfixGroß, konnte man bei insgesamt sechs Personen, die helfen würden, schon von dem engsten Kreis reden). Oft genug war Lolas Familienzweig, vorne weg ihre Eltern, für sie dagewesen, hatte mit angepackt, wenn Not am Mann war oder ihr und Julius finanziell ausgeholfen. Jetzt konnten sich die beiden wenigstens ansatzweise revanchieren und würden die Überraschungsgästehelfer sein. So war es mit Lolas jüngerer Schwester Tina abgesprochen und deswegen der Trip zu der Stadt an der Weser.

„Ich bin mal gespannt, was sich dein Vater jetzt schon wieder vorgenommen hat.“

„Ich habe auch nur die Handybilder gesehen, was bisher schon gemacht wurde. Du hast die Bowlinghalle ja Silvester gesehen, aber wie genau die umgearbeitet werden soll, weiß ich auch nicht.“ Die Aussage wunderte Julius nicht im Geringsten.

„Na ja, ich schätze mal, es wird erst mal eine ganze Menge rausgerissen werden“, schlussfolgerte Lolas Gatte, während im Radio eine MP3-CD mit Lolas neuesten Spotify-Entdeckungen lief.

Alle beide kannten den Tatendrang und die Visionen von Bert Hammerschmidt, der schon einen Blumenladen sowie eine kleine Boutique in wunderschöne Ferienwohnungen samt Wellnessbereich umgearbeitet hatte, und das Ganze in Eigenregie und größtenteils ungelernt. Man konnte Bert Hammerschmidt einiges nachsagen.

Er war ein ruhiger Typ und weiß Gott kein Mann großer Worte (das hatte er bei der Hochzeit der beiden im vergangenen Jahr deutlich unter Beweis gestellt „Lieber Julius, liebe Lola, alles Gute!“ – Ende der Brautvaterrede). Laut Lola war er auch nur bedingt ein guter Vater gewesen, da er damals als Berufskraftfahrer ständig unterwegs war und wenn er doch mal zu Hause vorbeischaute, auch gerne mal bis morgens in einer Kneipe versackte.

Damals war Lola oft von dem Streit zwischen ihren Eltern wach geworden und nicht nur einmal musste der Geschirrbestand im Hause Hammerschmidt aufgefüllt oder gänzlich neu gekauft werden.

Doch diese Zeiten waren schon lange vorbei (zumindest was das Kraftfahren und den Geschirrverbrauch anging) und Julius hatte Bert immer nur als entspannten Herrn fortgeschrittenen Alters kennengelernt, der zwar immer noch gerne einen hob (was Julius nicht unangenehm war, da er ebenfalls über ordentliches Kneipensitzfleisch verfügte – Töchter suchen sich halt doch irgendwie immer Männer wie ihre Väter aus), dessen Fokus jetzt aber auf ganz anderen Sachen lag.

Was jedoch eine seiner herausragenden Eigenschaften, wenn nicht sogar seine herausragendste darstellte, war sein handwerkliches Geschick und, so fand Julius, der Mut, sich an abenteuerliche Projekte heranzuwagen, um seine Vorstellung nahezu eins zu eins umzusetzen. Egal, wie abstrus sie auch erst mal klingen mochten.

Dabei rechnete Bert in Gelddimensionen, die Julius und Lola mehr als luxuriös empfanden. Die Glastür für eine der Duschkabinen in der alten Wohnung ihrer Eltern, welche auch gleichzeitig als Dampfsauna betrieben werden konnte und Platz für eine Kleinfamilie bot, kostete mal eben knapp tausend Euro und somit fast einen ganzen Monatslohn von Lola als Zahnarzthelferin. Und genau dieses Stück Glas, was ein Viertel des Kaufpreises von Julius und Lolas Autos wert war, ist beim Einbau in tausend Teile zersprungen (einen Euro für jeden Splitter). Bert hatte danach nicht mal kurz geflucht, sondern einfach eine neue geholt. „Bringt ja alles nix“, pflegte er bei so etwas zu sagen und einfach weiterzumachen. Da zahlte sich die kühle Ruhe und das entspannte Wesen von Berts nordischen Charakter aus, so wie man seine Geburtsstätte Petershagen noch zu Norddeutschland zählen konnte.

Jetzt sollte es dann eine Bowlinghalle sein, welche zum neuen Firmensitz von „Fantasy Arts“, der 3-D-Druck Firma von Lolas Eltern, sowie zum neuen Wohnsitz von Bert, seiner Gattin Agata als auch von Tina und ihrem Freund Sven werden sollte. Tina und Sven arbeiteten ebenfalls in der Firma und gaben so dem Begriff „Familienbetrieb“ seine ordnungsgemäße Rechtfertigung. Dasganze Objekt sollte eine knappe Million kosten und Julius hatte angesichts der Summe geschluckt, aber Bert hatte ihm die Blässe im Gesicht entweder nicht angesehen oder es war ihm egal. Agata hatte ihm und Lola dann vorgerechnet, dass durch die Steuerabsetzungen, den Verkauf des alten Firmengebäudes sowie der aktuellen Wohnung, wegfallende Fahrtkosten zur Firma hin, zusätzliche Einnahmen aus den Ferienwohnungen im Sinn, man letzten Endes nur eine Finanzierung von ungefähr zweihunderttausend Euro benötigte. Nicht viel für jemanden, der es sich leisten konnte, Brot nach einem Tag wegzuschmeißen, weil es so alt ja nicht mehr schmeckte. Auch hatte sich Bert vor Kurzem von seinem Boot getrennt (in letzter Zeit führte die Weser so wenig Wasser, dass man beschlossen hatte, dass ein Boot nicht mehr nötig sei), dafür aber einen ’64 Chevrolet Chevelle gekauft. Die Malibu-Version mit 182 PS und mit knapp vier Litern Hubraum, um die Quentin Tarantino in einer Anspielung auf die Geschichte des norwegisch-walisischen Schriftstellers Roald Dahl, Man from the South in dem Film Foor Rooms wettete. Und wenn man einen ’64er Chevi Chevelle fährt, einen Blumenladen in eine Traumwohnung und eine Boutique in eine luxuriöse Ferienlounge umwandeln kann (und das auch einfach nur, weil man es kann), warum sollte man dann nicht auch in einer umgemodelten Bowlinghalle seinen Firmen- und Wohnsitz haben?

Die Tauglichkeit der Bowlinganlage an sich hatte man schon zum Jahreswechsel ausgiebig getestet und zu jener Gelegenheit hatte Julius scherzhaft gemeint (auch wenn schon keiner mehr über diesen Witz lachte), dass Bert langsam aber sicher ganz Bodenwerder aufkaufen würde. Auch Julius’ Vermutung, dass Bert über kurz oder lang zum Bürgermeister ernannt werden würde, wiederholte sich mindestens einmal pro Wiedersehen. Lola hielt es da eher wie ihr Dad und blieb lieber wortkarg, nicht minder daran zweifelnd, dass ihr Vater hinbekommen würde, was auch immer er sich vorgenommen hatte. So wie jedes Mal. Sie brauchte dafür nur in sich hineinzuhören. Immerhin war sie ihres Vaters Tochter.

In einer Sache unterschied sich Lola jedoch gänzlich von ihrer Familie. Damit war nicht etwa ihr Liebesleben gemeint, wie bei ihrem schwulen Onkel Jakob, der jüngste Bruder ihrer Mutter, welches Großmutter Wollmann immer missbilligte, was wiederum Onkel Jakob dazu brachte sich zu verbiegen und zu verdrehen, um es seiner Mutter recht zu machen. Das Ganze führte dann auf Familienfesten, gerade wenn es feuchtfröhlich herging, fast immer zu einer Eskalation. Gott sei Dank hatte Jakob sich erst nach dem Tod seines und Agatas Vaters geoutet, sonst wäre er sehr wahrscheinlich verstoßen und enterbt worden.

Es war auch nicht Lolas Lebensstil, wie der ihrer verschollenen Großcousine Eveline, welche sich nach einigen erfolgreichen Jahren als Brokerin in New York als Globetrotter und Abenteurerin neu definierte und es sich zur Aufgabe gemacht hatte, in jedem Fluss der Welt einmal zu baden. Aktuell hielt sie sich wohl irgendwo im ostasiatischen Raum auf.

Im Gegensatz zu diesen doch recht profan erscheinenden Charakterzügen und Lebenseinstellungen war Lolas etwas Andersartigkeit wesentlich außergewöhnlicher. Man könnte sogar sagen, dass ihre Gabe sie nahezu einzigartig in den beiden ansonsten scheinbar gutbürgerlichen Familienzweigen machte.