Tango ist meine Leidenschaft - M.A. Numminen - E-Book

Tango ist meine Leidenschaft E-Book

M.A. Numminen

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Beschreibung

"Auf die vielgestellte Frage nach dem Sinn des Lebens ist meine Antwort: Tango." - Virtanen liebt Tango über alles. Zugegeben, das ist für einen Finnen nichts ungewöhnliches. Alle Finnen lieben Tango. Virtanen liebt aber auch den griechischen Philosophen Platon, und Platon hat gesagt, dass die Frau mit 24 reif für den Geschlechtsakt ist und der Mann mit 35. Virtanen ist jetzt 35... und um Platon zu besiegen, hat er sich vorgenommen, noch ein Jahr länger unberührt zu bleiben. Ein Unterfangen, das in denkbar großem Widerspruch steht zu seiner leidenschaftlichen Art und Weise, den Finn-Tango zu tanzen. Als Virtanen sich kurz vor seinem 36. Geburtstag ernsthaft verliebt, kommt es zur Katastrophe!

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Veröffentlichungsjahr: 2014

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M. A. Numminen · Tango ist meine Leidenschaft

M. A. NUMMINEN

Tango ist meineLeidenschaft

ROMAN

AUS DEM FINNISCHENVONEIKE FUHRMANN

Die finnische Originalausgabe»Tango on intohimoni«erschien 1998 bei Schildts, Helsinki.

Die deutsche Erstausgabe erschien 2000 im Haffmans Verlag Zürich.Vom Autor und Übersetzer neu durchgesehene und hier und darevidierte Neuausgabe.

© 2014 Haffmans & Tolkemitt GmbH,Inselstraße 12, D-10179 Berlinwww.haffmans-tolkemitt.de

Mit Ausnahme der finnisch- und schwedischsprachigen Rechte:Copyright © 1998 by M. A. Numminen.

Alle Rechte Vorbehalten, insbesondere das Recht der mechanischen, elektronischen oder fotografischen Vervielfältigung, der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen, des Nachdrucks in Zeitschriften oder Zeitungen, des öffentlichen Vortrags, der Verfilmung oder Dramatisierung, der Übertragung durch Rundfunk, Fernsehen oder Internet, auch einzelner Text- und Bildteile, sowie der Übersetzung in andere Sprachen.

Titelbild: Foto von Pertti Mannelin, im Bild M. A. Numminen und Pedro Hietanen.

Umschlaggestaltung: Studio Ingeborg Schindler.

Herstellung & Produktion von Urs Jakob,

Werkstatt im Grünen Winkel, CH-8400 Winterthur.

Satz: Ebner & Spiegel, Ulm

E-Book Konvertierung: Calidad Software Services, Puducherry, India

ISBN 978-3-942989-78-7E-Book ISBN 978-3-942989-84-8

Ran-tán-tan-tan, rata tan-tan tan-tán-tan-tan!

Die ersten Tangotakte meines Lebens. La Cumparsita von Matos Rodrígues grub sich in mein Bewußtsein ein, bevor ich noch sprechen gelernt hatte. Stillte die Mutter mich vor dem Radio, um ›Ihre Lieblingsplatten am Samstag‹ zu hören, nukkelte ich an ihrer Brust zum gleichen Rhythmus: RAN-TÁN-TAN-TAN. Für mich wars eine finnische Melodie. Möglich, daß schon der Großvater in den zwanziger Jahren Tango getanzt hatte. Für den Großvater gabs keine Fremdkultur.

Auf die vielgestellte Frage nach dem Sinn des Lebens ist meine Antwort: Tango.

Tango lernte ich als Dreizehnjähriger. Damals passierte einiges in meinem Leben. Ich lernte Lipeäkala, getrockneten und in Lauge eingelegten Dorsch, essen. Und mochte ihn. Meine Altersgenossen mochten ihn nicht. Ich hatte begriffen, daß man sich von Frauen fernhalten muß, und bastelte mir eine eigene Partnerin. Ich faßte einen Besen am Schaft und hob ihn mit dem Quast in Hüfthöhe. Einen zweiten abgebrochenen Schaft steckte ich durch den Quast des ersten Besens: Fertig war die berockte Partnerin. Am oberen Teil des längeren Schaftes befestigte ich mit einem Stück Schnur einen krummen Wacholderzweig als Kopf.

Ran-tán-tan-tan! La Cumparsita war viel zu schwer. Im Kino hatte ich gesehen, wie die Argentinier Tango tanzen. Schauderhaft schwierig. Ich finde, Toivo Kärki tat im zweiten finnisch-russischen Krieg das Richtige, als er während einer Feuerpause in der Phase des Stellungskrieges die russische Romanze und den deutschen Marsch zum finnischen Tango vereinte. Rhythmisches Gehen auf dem Tanzboden, das wars doch. Gehen!

Ich hasse scheußliche Kunststücke, die mich faszinieren, und möchte ungern in den Hosen eines Latino stecken. Was für ein Streß, was für eine Verantwortung. Offenbar müssen die Haare gefettet und nach hinten gekämmt sein, bevor man sich an den Tango macht. Ich finde fettige Haare ekelhaft, außer wenn sie auf natürliche Weise fettig geworden sind. Ein paar Abende war ich mit ungewaschenen Haaren beim Schwof. Und hab trotzdem Tango getanzt. Ein gutes Gefühl, zu zeigen, daß Tangogehen nicht von sauberen Haaren abhängt.

Ich hatte noch nie was mit einer Frau. Mit fünfzehn stieß ich auf Platon. Er sagt, daß die Frau mit vierundzwanzig reif für den Geschlechtsakt ist, der Mann mit fünfunddreißig. Bald werd ich sechsunddreißig und noch immer unberührt sein. Wenn ich das schaffe, bin ich besser als Platon!

Zum Tango braucht man nicht unbedingt eine Frau, mit einem Mann gehts genausogut.

Dann und wann war ich auch schon mal beim Schwulentanz. Aber Männer machen mich nicht an.

Russische Männer tanzen miteinander Krakowiak, und keiner denkt sich was dabei.

In Argentinien haben zuerst nur Männer Tango getanzt. In Finnland können Frauen miteinander tanzen, Männer nicht – normalerweise. Irgendwas ist falsch. Damit mein ich nicht die sexuellen Beziehungen im allgemeinen, sondern meine Gelüste im besonderen. Ich krieg von einem Mann nicht, was ich von einer Frau kriege. So einfach ist das. Mit einem Mann künstlerisch tanzen, kann ich mir vorstellen, sogar Tango. Ich tauge nicht zum Künstler. Manchmal träum ich, ein Künstler zu sein. Das Leben des Künstlers ist spannend. Unsicher und großartig.

Weil ich vom künstlerischen Tanz praktisch keine Ahnung hab, fällt mir dazu auch kein Beispiel ein. Aber ich hab in der Zeitung eine Menge von Pablo Picasso gelesen. Und nach dem, was von ihm berichtet wird, war er ein Ekel. Unterdrückte seine Umwelt, auch seine Frauen, war aber erfolgreich. Alles war ihm recht für den Altar seines Erfolgs. Den Knaben schätze ich nicht, allerdings ein paar seiner Bilder. Da war Luis Buñuel doch ein anderer Typ. Der wurde nicht besoffen davon, wie man ihn bewundert hat, auch als seine Filme schließlich einigermaßen erfolgreich geworden waren. Wenn Sie mir nicht glauben, lesen Sie Buñuels ›Mein letzter Seufzer‹. Erfrischend, auch für den depressiven Geist.

Wär ich Künstler, würd ich einen Tanz für zwei Männer erfinden. Der müßte allerdings woanders stattfinden als im Schwofschuppen oder im Tanzlokal. Aber ich bring das nicht. Meine Bühne ist das Parkett im Lokal oder der gewachste Fußboden im Sommerschwof-Pavillon. Die Konvention verlangt, daß der Mann mit der Frau tanzt. Das findet man schön, und so gehört es sich. Von mir ist ein Bruch mit den gesellschaftlichen Normen nicht zu erwarten. Und jetzt als Erwachsener kann ich ja wohl kaum noch einen Besen als Partnerin nehmen. Nicht alle Frauen beherrschen das Tangogehen; sie versuchen ständig, richtig zu tanzen, mit Zwischenschritten, weil sie den Rhythmus durcheinanderbringen wollen.

Den Gehtanz können alle, Männer wie Frauen, ich aber bin allein für Gehtango zu haben. Das ist die ganz eigene Art zu tanzen. Dazu braucht es Übung. Entweder es klappt, oder es klappt nicht. Wenn man bedenkt, wie viele Ehen mit einem Gehtango anfangen, muß es bei vielen klappen. Andererseits hat der Finne ein so schlechtes Gefühl für Rhythmus, daß er nur tanzen kann, wenn der Takt mit der großen Trommel gedroschen wird.

Außer dem Akkordeon ist also das Schlagzeug das wichtigste Instrument in der Musikkapelle. Andere Instrumente braucht man eigentlich nicht, sie sind weitgehend Verzierung. Eine schrille Ziehharmonika und das wichtige Schlagzeug. Damit haben wir das Grundrezept für den Finn-Tango.

Der Gesang ist am allerwichtigsten. Der Sänger könnte allein auf der Bühne stehen und den Rhythmus mit dem Knie angeben. Vor allem, wenn ein Mikrofon dran angeschlossen ist. Schwof in der Dünnbierkneipe, Schwof im Sommertanzschuppen, was braucht man mehr? Aber nein! Wir sind total degeneriert. Ein Orchester muß es sein. Der Mensch verlangt nach mehr als Neandertalermusik. Klangfülle muß sein. Harmonien müssen her, wenn auch schlechte.

Wie viele Bässe spielen im Orchester die Melodie! Nicht den Schimmer einer Ahnung davon, daß Bässe eindeutig als Gegenstimmen zur eigentlichen Melodie gespielt werden müssen!

Ich leide und schweige. Bassisten sind vielleicht Volksmusiker. Auch in der Volksmusik spielt der Baß die Melodie.

Ich werd nicht zum Bassisten gehen und ihm sagen, daß er falsch spielt. Ich leide und schweige, denn das wichtigste im Leben ist der Tangorhythmus. Hätten die Finnen nicht Mitte der vierziger Jahre angefangen, Tango zu marschieren, wie Toivo Kärki seinerzeit gesagt haben soll, was wäre aus dem kleinen Volk geworden? Nie wäre es zum Geburtenrekord von 1947 gekommen, als uns 108168 neue Finnen beschert wurden. Wären wir Platon gefolgt, die Geburtenrate wäre niedrig geblieben.

Beim Tango kriegt man eine Ahnung, was Geschlecht ist. Auch ich gerate beim Gehtango in Erregung, wenn sich Wange an Wange preßt. Erregung schafft einen mitunter.

Das Glied schwillt an und stört beim Tanzen. Auf dem Land verschwinde ich dann immer gleich nach dem Tanz in den Wald, reiße einen Birkenzweig ab und bestrafe das Glied mit scharfen kleinen Hieben. Die Züchtigung bringt es wieder zur Räson, und ich kann zurück und eine andere Braut auf den Tanzboden holen.

In der Stadt muß ich dazu auf die Toilette, aus der hinteren Hosentasche die spezielle Gliedpeitsche hervorholen und das steife Organ durchhauen. Klar, daß es sich beruhigt. Gewalt ist das einzige Mittel, das Glied schlaff zu kriegen. Obwohl es sich wie zum Trotz in irgendeiner Kurve beim nächsten Gehtango schon wieder aufrichtet. Scheint, als kapiert es nicht, was aus so einem Benehmen folgt. Besonders ärgerlich find ich, daß ich, immer wenn das Glied steif wird, gerade mit einer Frau am Tanzen bin. Zu Hause, wenn ich im Gedenken an meine Jugend mit dem Besen tanze, zeigt das Glied nicht die geringste Irritation. Es ist biologisch auf Frauen fixiert. Ich selbst halte viel von Frauen, geistig, aber ich laß mich deswegen doch nicht vom Sinn meines Lebens abbringen.

Ich hab ein paar Hefte, in die ich Wissenswertes zur Geschichte des Finn-Tango eintrage. Das meiste ist von einem Onkel, der anfing, mir Geschichten zu erzählen, als meine Tango-Leidenschaft erwachte. Einen Teil seiner Erzählungen hat er vom Großvater.

Der Tango kam 1913 nach Finnland mit einem dänischen Tanzpaar, das im Restaurant Börs in Helsinki auftrat. Tango war verrucht, ihn zu tanzen war lasterhaft. Sicher war die Show der beiden Dänen gerade deshalb so beliebt und blieb mehrere Jahre im Programm der Börs.

Der Onkel war Anfang der siebziger Jahre mal zufällig in Gesellschaft der Opernsängerin Annikki Ami, die sich damals schon von der Bühne zurückgezogen hatte, und während des Abends steif und fest behauptete, sie wäre diejenige gewesen, die in Finnland zum ersten Mal Tango gesungen hätte, und zwar im Grande, dem heutigen Fennia. Irgendwann später war der Onkel bei einem Vortrag von Ilpo Hakasalo, dem bekannten Schlager-Experten. Sie kamen ins Gespräch, und der Onkel erwähnte Annikki Arni und was sie gesagt hatte. Nach einigem Nachdenken meinte Hakasalo, daß Annikki Arni 1913 erst fünfzehn gewesen sein konnte. Ob eine Minderjährige damals in einem öffentlichen Lokal auftreten durfte?

Zwar ist von einem Tango-Fieber des Großvaters eigentlich nichts überliefert, aber dem Onkel hat er erzählt, wie schon Anfang der zwanziger Jahre Schüler und Studenten mit einem Kristall-Detektor Radioübertragungen direkt aus dem Pariser Lido empfangen hätten. Schon 1915 hatte ein Witzbold namens Iivari Kainulainen, seines Zeichens Coupletsänger, zur Verhöhnung der Tango-Leidenschaft ein Stango-Lied aufgenommen. Ich hab einen anderen Sinn für Humor als die übrigen Menschen. Parodien auf den Tango kann ich gar nicht ab.

In den zwanziger Jahren war Tango Sache der besseren Kreise, weniger des einfachen Volkes. Es war ausländische Musik aus Argentinien, Deutschland, Frankreich, wo die Tangos damals herkamen. Während in den feinen Restaurants Tango getanzt wurde, waren Schottischer, Polka oder Walzer Sache der einfachen Leute. Die erste finnische Tango-Platte war Tango Carita, komponiert von François de Godzinsky, der aus Petersburg nach Helsinki gekommen war. Tango Carita wurde von Martta Tiger gesungen, einer Schauspielerin. George de Godzinsky, der Sohn von François, war seit den dreißiger Jahren ein bekannter und vielseitiger Dirigent von Unterhaltungsorchestern; ihm verdanken wir eine Reihe von Evergreens.

Es bringt mich zur Verzweiflung, daß ich um keinen Preis eine Aufnahme vom ersten echt finnischen Tango auftreiben kann. Ich weiß noch nicht mal, wie der Komponist mit Vornamen hieß, nur daß er mit E. anfängt. 1930 erschien der Tango Mä muistan sua/Ich denk an dich von E. Karjalainen, dessen Text nur aus vier Zeilen besteht und, wie das damals so üblich war, erst nach einem langen Instrumentalteil kommt. Zwei Jahre später kam der erste Tango von Arvo Koskimaa – ist einer meiner Lieblingskomponisten – heraus: Unelma/Traum-Tango, Text von Erkki Ranta. Im gleichen Jahr erschienen mehrere andere Tangos, einer davon Donna Bella, komponiert vom finnlandschwedischen Georg Malmsten und mit einem finnischen Text von R. R. Ryynänen. Malmstens Plattenkarriere fing 1929 an, in den dreißiger Jahren war er einer der beliebtesten finnischen Schlagersänger, im Volksmund der Moll-Schorsch genannt. Und R. R. Ryynänen, von dem eine Unmasse von Schlagertexten stammt, war Georg Malmstens Hofübersetzer ins Finnische.

Die nächste Rarität, Tamara tanssii/Tamara tanzt von 1933, habe ich aber. War damals vermutlich aufregend sündhaft und darum so unglaublich erfolgreich.

Mit blutroten Lippen und heißem Gesicht

geht nachts zum Tanz das wilde Steppenmädchen …

Kosakenromantik, so penetrant wie möglich, das ist es, was wir in Finnland schon immer geliebt haben. Der Texter ist Veikko Virmajoki, der später einen Haufen Schlager gedichtet hat; der Komponist war Valto Tynnilä, ein echt begabter Künstler, der als grade mal Sechsunddreißigjähriger im Winterkrieg gefallen ist.

Einer von meinen Lieblingstangos, auch heute noch, Valkea sisar/Schwester in Weiß, von 1934, ist von Martti Jäppilä unter dem Künstlernamen M. Maja und wurde durch – na, wen schon – Georg Malmsten zur Legende. Krankenschwestern-Erotik, heimliche Liebe zur Pflegerin wurde im nächsten Jahrzehnt ein wichtiges Motiv, als Finnland Krieg führte. Das war was fürs Publikum, das war vor allem was für die Soldaten.

Der Finn-Tango, wie wir ihn heute kennen, ließ allerdings noch auf sich warten. Der Tango der dreißiger Jahre war mehr oder weniger deutsch. Überhaupt wurden eifrig deutsche Schlager ins Finnische übersetzt oder auch – wenigstens von Schülern und Studenten – im Original gesungen. Ich selbst bin schlecht in fremden Sprachen, aber der Onkel hat mir schon in der Schulzeit den Refrain von In einer kleinen Konditorei beigebracht. Trotzdem wurden auch in den Dreißigern erstaunlich viele Tangos bei uns komponiert, einige wurden Evergreens. Bei manchen dauerte das allerdings ziemlich lange, wie zum Beispiel bei Tappavat suudelmat, den Tödlichen Küssen. Die komponierte Arvo Koskimaa zu einem Text von Dagmar Parmas, und die Aufnahme mit Eugen Malmsten kam 1935 raus. Aber ein großer Tango wurde das Ganze erst knapp dreißig Jahre später in der Aufnahme mit Reijo Taipale vom 14.4.1964 und mit dem Text, den Sauvo Puhtila entschärft hat. Heute heißt das Stück Vaaraliset huulet/Gefährliche Lippen. Die erste Version war sogar im Radio verboten. Kein Wunder, wenn man sich das allgemeine Klima von damals vorstellt. Wieviel unbändiger war der Text der ersten Fassung im Vergleich mit der zweiten:

FASSUNG DER 3OER JAHRE

Doch wenn von den Lippen dein

Gift trink ich,

dann ist der Tod mein;

das weiß ich sicherlich.

FASSUNG DER 6OER JAHRE

Nun stürz ich in Gefahr mich,

da ich dich küsse;

gefährlich deine Lippen,

die mich besiegen.

Nicht alle erfolgreichen Tango-Komponisten in Finnland waren hauptberuflich Musiker, ganz davon zu schweigen, daß sie von ihrer Musik hätten leben können. Wenn man sich dagegen den amerikanischen Komponisten Hoagy Carmichael vor Augen hält, der mit einem einzigen Stardust für den Rest seines Lebens ausgesorgt hatte!

Anders in Finnland. Einer meiner Favoriten, Arvo Koskimaa, 1912 geboren und 1972 gestorben, war im Hauptberuf Bürochef bei der Großhandelsgenossenschaft SOK. Er hatte eine Musikgruppe, die vor allem in Helsinki auftrat, wo er dann – bescheiden wie er war – immer ganz hinten am Klavier seinen Platz hatte. Einen kleinen Zusatzverdienst brachte ihm sein spezielles Hobby in einer Zeit, als Lotto und Toto in Finnland noch keine Rolle spielten. Arvo Koskimaa setzte nämlich Geld bei Wetten in England und gewann hin und wieder kleinere Summen.

Zu den großen Tangos von Arvo Koskimaa gehören Syyspihlajan alia/Unter der Herbstesche von 1942 und Kesäinen muisto/Sommererinnerung von 1945, außerdem kann ich die unvergänglichen Stücke Irja-Tango und Tango Anjalle/für Anja auswendig.

Auch wenn Koskimaa seine bedeutendsten Tangos schon in den dreißiger und vierziger Jahren geschrieben hat, groß rausgekommen sind viele von seinen Nummern erst mit den Sängern und den Plattenaufnahmen der Sechziger.

Eigentlich ist die Finnlandisierung des Tangos überhaupt nicht verwunderlich. Auch in den europäischen Ländern außerhalb von Finnland wurde der Tango vereinnahmt, und das schon früher als bei uns. Aus dem argentinischen wurde der französische, deutsche, englische Tango. Noch heute ist weitgehend unbekannt, daß der Anfang der achtziger Jahre gestorbene bekannte Tango-Komponist und Dirigent A. Molando Holländer war und mit seinem richtigen Namen Ariel Maasland hieß.

Toivo Kärki bewundere ich ganz besonders. 1915 geboren und nach einer unglaublich langen, nämlich über dreißigjährigen Karriere als Erfolgskomponist 1992 gestorben. In jungen Jahren, mit Anfang Zwanzig, war Kärki begeisterter Jazzer und gewann 1939 den Jazz-Komponisten-Wettbewerb, den das englische Magazin ›Melody Maker‹ ausgeschrieben hatte, mit Things Happen That Way, einem Stück in Moll, das völlig anders war als die anderen Wettbewerbsbeiträge.

Ich hab ein ganz passables Ohr für Musik, aber von Theorie keine Ahnung. Oft bedaure ich, daß ich nie Musik studiert habe. Also ein ewiger Dilettant. Der Onkel hatte ziemlich viel Ahnung, aber auch er war kein Profi. Von ihm weiß ich den Unterschied zwischen finnischem und ausländischem Tango. Einfach gesagt: Der internationale Tango hat eine aufsteigende Melodie in Dur, der finnische dagegen eine absteigende in Moll. Ausnahmen gibts bei den ausländischen Tangos jede Menge, aber kaum einen finnischen Tango in Dur.

Kärki wollte sich gerade aufmachen, Amerika zu erobern, als der Krieg zwischen der Sowjetunion und Finnland ausbrach und er als Artillerie-Leutnant an die Front geschickt wurde.

Der Onkel kennt jede Menge Menschen, und irgendwann ist er auch dem Dr. phil. Pekka Gronow, Musikwissenschaftler und Chef der Schallplattenabteilung von Yleisradio, dem finnischen Rundfunk, begegnet. Der wiederum kannte den Vater unseres heutigen Tango, Toivo Kärki, und der hat Gronow erzählt, wie er auf den Finn-Tango gekommen ist.

Während des Stellungskriegs, solange er als Batteriechef nicht gebraucht wurde, hatte Kärki Zeit genug, darüber nachdenken, was für eine Musik die Finnen besonders anmachen würde. Da kam ihm eine Idee, und er verrührte slawische Romantik und deutschen Marschtritt zum Finn-Tango. Ein erster Versuch folgte mit On elon retki näin/So ist der Gang des Lebens, das er 1941 mit Eero Väre aufnahm. Elon retki zündete bei den Finnen nicht, es steckte noch voll von internationalen Elementen und Kärkis eigenen Ambitionen.

Aber der nächste Versuch klappte. In Syväri, in der Gemeinde Chomorowitsch (im heutigen Rußland) komponierte Kärki 1943 Liljankukka/Lilie, und als die mit Henry Theel am 5.11. 1945 als Platte rauskam, war der finnische Tango geboren. Ganz nach dem Geschmack des Volkes. Und so beginnt die Geschichte des Finn-Tango. In Chomorowitsch entstanden auch Siks oon mä suruinen/Drum bin ich traurig und Tule hiljaa/Komm leise, mit Olavi Virta schon vor der Lilie aufgenommen. Aber die Lilie wurde am berühmtesten, Landmarke aller finnischen Tangos.

»Ich bin einfach nur«, sagt Toivo Kärki in seinen Erinnerungen und meint damit seine Stellung als Komponist populärer Musik. Mit 2000 Kompositionen, davon 1500 auf Platten mußte Kärki erleben, was die jetzigen Popmusiker nicht mal theoretisch nachvollziehen können. Popmusik ist heute Kultur wie jede andere Kultur auch. Sie ist Thema der ›Kultur‹-Seiten der Zeitungen und wird dort besprochen, was vorher keineswegs so war. Schlager und sonstige Unterhaltungsmusik waren Sache des sogenannten einfachen Volkes, hatten mit Kultur nichts zu tun und gehörten auf die ›Vermischtes‹-Seiten der Zeitungen. Unterhaltungskünstler waren Angehörige einer niedrigeren Kaste und keine Vertreter richtiger Kunst; auch Kärki mußte diese bittere Erfahrung machen.

Anfang der Fünfziger wurde er zu einer – wie es in der Einladung hieß – »Unterhaltung über Musik« gebeten, einem live übertragenen Radioprogramm. »Man redet in aller Ruhe über alles, was mit Musik zu tun hat.« Bei seiner Ankunft stellt Kärki fest, daß er der einzige Vertreter der leichten Musik ist. Nachdem die seriösen Musiker ihn vor den Ohren des ganzen Volkes fertiggemacht haben, beschließt Kärkli, nie wieder anders öffentlich aufzutreten als durch seine Songs. Und dabei blieb es bis in die siebziger Jahre.

Da hatte die populäre Musik die Stellung erobert, die ihr als Lieblingsmusik der meisten Leute zukommt, und Toivo Kärki erfuhr als erster der sogenannten alten Musikergeneration Anerkennung für sein Werk.

Vor allen Dingen kriegte man eine Ahnung von seiner gewaltigen Plattenproduktion. Und mit den Konturen, die Kärki allmählich im öffentlichen Bewußtsein annahm, wurde auf einmal auch deutlich, daß es über fünfzig Filme gibt, zu denen er die Musik geschrieben hat. Wie er selber sagt, mußte er auf Verlangen des Regisseurs Toivo Särkkä für einen einzigen Film Dutzende von Songs schreiben und alle für großes Unterhaltungsorchester arrangieren. Auch für eine Unzahl von Kabarettabenden in Punainen Mylly, der Roten Mühle, hat er Lieder produziert. Bei vielen von diesen Projekten war Reino Helismaa Kärkis Hoftexter, mit dem er außerdem an fast zweihundert Tagen im Jahr auf Tournee war, um die Menschen draußen im Land zu unterhalten.

Als die Produktion in den vierziger Jahren auf Hochtouren lief, komponierte Kärki solche Mengen und produzierte Platten in so großer Zahl, daß Yleisradio sie nicht mehr ausstrahlen wollte. Jedes zweite Stück wäre sonst von Kärki gewesen, der also auf den Trick verfiel, unter Pseudonymen zu komponieren: Finnisch komponierte er unter Kari Aava, spanisch unter Pedro de Punta (Kärki=Punkt=Punta), italienisch unter Antonio Brave, deutsch unter Karl Stein, amerikanisch unter W. Stone und russisch unter C. Kaparow. Beim Rundfunk glaubte man drei Jahre lang, man hätte es echt mit verschiedenen Komponisten zu tun.

Problematisch allerdings war Orvokki Itä, weil das das Pseudonym von Toivo Kärki und auch von Reino Helismaa war. So hieß es auf dem Cover von Rakkauden arvoitus/Rätsel der Liebe einfach: Text und Musik: Orvokki Itä. Nur ›Teosto‹, die finnische Gesellschaft für Autorenrechte, muß wohl gewußt haben, daß es sich beim Komponisten um Toivo Kärki, beim Texter um Reino Helismaa gehandelt hat. Übrigens ist Orvokki Itä ein Anagramm für Toivo Kärki.

In den Fünfzigern wurde Kärki Produktionsleiter für Schlagermusik bei der Musikfirma Fazer und mußte als Büromensch arbeiten. Obwohl weiterhin voller musikalischer Ideen verschwand er als Künstler aus dem öffentlichen Bewußtsein und galt fortan als verbeamteter Komponist.

Die neuen Trends in der Musik brachten es mit sich, daß Kärki der Stuhl des Produktionsleiters allmählich unterm Hintern weggezogen wurde. Da reagierte er ein letztes Mal als echter Bohemien und kündigte einen Monat vor seiner Verrentung den Arbeitsvertrag mit der Firma, bei der er fünfundzwanzig Jahre lang beschäftigt war.

Bis in die achtziger Jahre hatte Kärki sich den wechselnden Forderungen der Zeit bestens angepaßt, und so dauerte seine Komponistenkarriere also auch länger als üblich. Wenn man den Beginn mit der Lilie 1945 ansetzt, so ging sie bis weit in die Siebziger. Die Lilie ist ein Gleichnis, wo die Geliebte mit einer Lilie eben verglichen wird. Im Täysikuu/Vollmond der Fünfziger bittet der Sänger den Mond, der alles sieht, der Geliebten seine Botschaft zu überbringen. Rakasta, kärsi ja unhoita/Liebe, leide und vergiß handelt in den Worten von V. Enckell vom tragischen Kreislauf der Liebe: von ihrem Erwachen bis zum Vergessen. In den sechziger Jahren setzte Kärki seinen Erfolg mit Tango merellä/Tango auf See und Anneli, Anneli, Anneli fort, indem er ein weitverbreitetes Thema aufgriff. Dagegen setzte er mit Tallinnan laulu/Lied von Tallinn (Reval) einen neuen Trend, indem er die romantisierten Landschaften einer damals allgemein als fremd empfundenen Sowjetunion und sogar Leningrad zum Motiv machte.

Als mit Beginn der siebziger Jahre die Tango-Welle verebbte, komponierte Kärki getarnte Tangos und erfolgreiche langsame Balladen. Obwohl er immer auch andere Musik geschrieben hat, bleibt er vor allem als Tango-Komponist in Erinnerung.

Meine Geburtsstunde schlug in der Blütezeit des finnischen Tango, und die beginnt mit Unto Mononens Satumaa/Märchenland. Mit Goldbuchstaben hab ich das Datum »13.10.1962« an die Wand geschrieben, eingerahmt und links und rechts davon ein Foto aufgehängt. Das eine zeigt den Komponisten Unto Mononen, das andere den Sänger aller Sänger von Satumaa, nämlich Reijo Taipale. Mononen starb schon Ende der sechziger Jahre, genau gesagt am 28. Juni 1968, aber Reijo Taipale lebt, und es geht ihm gut. Auf dem Tanzboden im Helsinki-Pavillon kam ich an sein Autogramm, und da steht: »Für Virtanen mit Grüßen, Reijo Taipale«. Ein anderes Autogramm hab ich von Eino Grön, und da steht: »Für Virtanen, Eino Grön«. Das war im Maestro.

Beide Autogramme hab ich in der Rahmenhandlung Frimodig in Gold fassen lassen und unter die »13.10.1962«-Gedenktafel gehängt. Zwar wurde Märchenland schon 1955 mit Henry Theel aufgenommen, aber erst die Platte mit Reijo Taipale sieben Jahre später brachte es bis in die Hit-Listen und blieb fast ein Jahr dort. Ich hab gehört, man hätte das Lied für das neue Kirchengesangbuch vorgeschlagen–wenn das wahr ist, fand ich es Spitze, wenn es die Nummer 666 würde. Ich käme dann unter Orgelbegleitung zu diesem Tango in die Kirche getanzt und – wer weiß – auch Gott näher.

Am 12.8.1963 nahm Eino Grön Mononens Kohtalon/Schicksals-Tango auf, das Datum steht in Silberbuchstaben an der Wand. Bronze konnte ich nicht vergeben. Wenn, dann hätte sie wahrscheinlich Syvä kuin meri/Tief wie die See vom 10.3. 1965 verdient, gesungen von Esko Rahkonen, von dem ich auf der Großtanzfläche von Lahti ein Autogramm bekommen habe: »Für Virtanen in Freundschaft, Esko Rahkonen«.

Wirklich, Gold und Silber gehören einfach an die Brust von Reiska und Emppu – in Hörweite von Reijo und Eino hätte ich mich natürlich nie getraut, solche Kosenamen zu benutzen.

Also die Vergabe von Bronze ist schwer, weil Tamara Lunds Lapin/Lappland-Tango ganz entschieden mit der Tiefen See konkurriert. Aber ich habe kein Autogramm von Tamara Lund. Erstens ist sie eine Frau, zweitens ist sie schon während meiner Kindheit ins Ausland gegangen. Grundsätzlich hab ich nichts gegen Frauen, praktisch aber ist es so, daß ich nun mal kein Autogramm von Frau Lund habe, und das ist für die Rankingliste von entscheidender Bedeutung.

Ich bin hemmungsloser Mononen-Fan. Geb ich zu. Es gibt eine ganze Menge von guten Tango-Komponisten bei uns, zum Beispiel find ich Toivo Kärkis Täysikuu/Vollmond super. Schauer laufen mir auch immer wieder über den Rükken, wenn ich Koskimaas Vaaralliset huulet/Gefährliche Lippen höre. Aber mit Mononen ist das einfach so: Er hat zu Lebzeiten nur knapp hundert Lieder veröffentlicht, trotzdem waren darunter mehr Top-Tangos als bei irgendeinem anderen.

Und außerdem kann ich nichts daran ändern, daß Mononen jede Menge Tangos komponiert hat, die mir ganz speziell liegen. Ich denke wie Unto Mononen, wenn Reijo Taipale aus Tähdet meren yllä/Sterne überm Meer singt:

Fliegt mein weißes kleines Boot

hin zur fernen Insel dein

oder Esko Rahkonen im Marja-Tango:

Wenn du, Marja, mein Hoffen erfüllst, wenn dann

alles du gibst, und am schönsten die Welt…

Manchmal stell ich mir vor, ich wäre Tenho (gespielt von Pertti Koivula) in Markku Pölönens tangosattem Film Onnen maa/Land des Glücks. Dann kommt mir sofort Arvo Koskimaas Tango Kesäinen muisto/Sommererinnerung in den Sinn. Endlich fällt Tenho mit Verve (gespielt von Katariina Kaitue), der Frau seiner Träume ins Getreidefeld, während die Kamera über die grünen Wipfel der Birken schwenkt; für mich eine Szene der reinen Naturbeschreibung. Sommererinnerung malt den Zauber dieser ländlichen Szene tausendmal besser, als das je in irgendeinem Tango-Video geglückt ist, ob aus Argentinien oder Japan.

Ich versteh recht gut, warum Reijo Taipale für finnische Männer genauso wichtig ist wie für finnische Frauen. Er ist der Inbegriff des Helden aus den Tiefen unserer Nadelwälder, mit ihm verbindet sich die Vorstellung der finnischen Anspruchslosigkeit, er ist der Wir-Held. Ich geh nicht zu seinen übervölkerten Konzerten, weil man in der Finlandia-Halle nicht tanzen darf. Außerdem würd ich es nicht aushalten, neben einer eventuellen Tanzpartnerin zu sitzen. So oder so würde ich auffallen, mit oder ohne Filzdecke auf dem Schoß.

Lieber als ins Konzert zu gehen höre ich mir zu Haus Kassetten an. Da muß ich mir keinen Zwang antun und kann ganz ich selbst sein. Wann ich will, kann ich den Besen aus der Ecke nehmen, ihn an mich drücken und mitsingen: »Das Schicksalslos ist gnadenlos…« Ich bin keiner, der im Schrank tanzt. Wenn mich jemand fragt, ob ich zu Haus tanze, antworte ich in aller Ruhe, daß ja. Ich mach aus meinem Hobby kein Geheimnis. Weil ich nichts zu verbergen hab, brauch ich nichts zu verstecken.

Virtanen ist ein ungeduldiger Mensch. Zwar hat er jede Menge Ahnung von allem, was mit Tango zu tun hat, aber er kriegt sein Wissen nicht ordentlich auf die Reihe und vergißt Sachen, die an sich klar sind. Trotzdem möchte er gern den Eindruck erwecken, er wäre Experte auf dem Gebiet. Er kommt deswegen regelmäßig ins Café Kalervo und läßt sich vom Alten und Weisen Tips geben, um mehr zu erfahren oder um Längstbekanntes noch mal zu hören.

Spitzensänger zu vergleichen, ist Unsinn. Man stellt ja auch keine Rankingliste für gute Getränke auf, weil jedes auf seine Weise gut ist.

Warum für Virtanen Reijo Taipale (geb. 1940) der Top-Sänger ist, ist ganz klar. Nämlich Virtanen kann mit der Art, wie Eino Grön Tango singt, nichts anfangen. Reijo Taipale ist erdverbunden und singt, wie sich das für den finnischen Tango gehört: aufrecht und geradlinig. Eino Grön dagegen genießt, wie er den Finn-Tango mit den Nuancen des Originals singt. Manchmal schleppt er so stark, daß die Begleitband ganz aus dem Rhythmus kommt und nicht mehr so recht weiß, wo eigentlich der erste Taktschlag ist. Dann wieder zieht er in einem Tempo davon, daß die Musiker erst nach ein paar Takten wieder auf gleicher Höhe mit ihm sind. So was stellt eine Band auf eine harte Probe.

Eino Grön (geb. 1939) weiß das natürlich genau und sonnt sich im Glanz seiner Virtuosität. Und das um so mehr, wenn er mal eine Truppe hat, die problemlos mithalten kann.

Aber wer von den mürrischen breitschädeligen Finnen weiß schon, was es mit solchen Feinheiten auf sich hat. Der Finne hört das Pauken der großen Trommel und stapft los.

Für uns ist der argentinische Tango was zum Hören und zum Gucken, wenn wir uns bloß nicht selber dazu drehen müssen. Uns graust vor allem, was anders ist als ein gleichmäßiger Takt. Und wenn es anders ist, dann ist die Band eben schlecht. Würde in Ostbottnien ein argentinisches Orchester zum Tanz aufspielen, dann würden die Männer wahrscheinlich zu ihren Finnmessern greifen: Spielt gefälligst ordentlich, wenn euch euer Leben lieb ist!

Die armen Ausländer begreifen gar nicht, warum man so eintönig spielen soll, wo doch erst Rhythmus- und Tempowechsel den Tango interessant machen. Unverständlich für sie, daß gerade Variation von Rhythmus und Tempo – ganz wichtig für die erotische Qualität des Tango – in Finnland zu Erstarrung führen, während umgekehrt ein gleichbleibend marschmäßiger Takt den Finnen anmacht, und seine Finnin mit ihm.

Eino Grön ist unser Mittler zum internationalen Tango. Er hat in Argentinien Aufnahmen gemacht und ist dort unter Begeisterungsstürmen aufgetreten. Ein Blonder aus dem Norden, der versteht ordentlich Tango zu singen! Wie kriegt ein Ausländer La Cumparsita so latinomäßig hin?

Selbst seine eigenen sonderbaren Finn-Tangos sind gut. Man braucht nur an Täysikuu/Vollmond zu denken – ganz wie einer von den unseren! Oder Syysplhlajan alla/Unter der Herbstesche – hat das etwa keinen Schwung? Und Valkovuokot/Anemonen? Der Rhythmuswechsel, die Melodie – als wäre die Komposition in ihrer kargen Exotik von einem von uns. Ei no ist wie einer von uns!

Eino Grön war früher Ringkämpfer und gehörte in den fünfziger Jahren zur Meisterklasse. Später, als er schon Künstler geworden war, praktizierte er seinen Sport gemeinsam mit seinen Musikern. Nach der Vorstellung mußte einer gegen ihn antreten, meistens kam zuerst der Bassist dran. Wenn der besiegt war, die anderen. Ein ehemaliger Akkordeonspieler (heute verlangt Grön nicht mehr, daß die Musiker mit ihm ringen), der sich um den Ringkampf drücken wollte, behauptete, daß er zu müde wäre und ins Bett müßte. Am folgenden Morgen fand er sich samt Bett in einer anderen Ecke des Zimmers wieder. So sind sie, die Jungs.

Es ist wirklich kein Wunder, daß Virtanen auf die Tangos der sechziger Jahre fixiert ist, obwohl er selbst im gleichen Jahrzehnt geboren wurde. Auch jüngere Altersgruppen finden immer wieder den Weg zu dieser Musik, und auf allen Festivals und Wettbewerben – vor allem beim Tangomarkt von Seinäjoki – werden immerzu die Sachen aus den fünfziger und sechziger Jahren gesungen, außerdem natürlich die ausländischen Klassiker. Im Vergleich dazu spielen neuere Tangos eigentlich kaum eine Rolle. Nach den Sechzigern war der Tango-Boom in Finnland mehr oder weniger vorbei, und eigentlich hat er nur drei Jahre gedauert: von Anfang 1963 bis Ende 1965.

Aber verschwunden ist der Tango keineswegs. Schon Ende der Sechziger waren die sogenannten getarnten Tangos in, also Melodie und Rhythmus wie Tango, aber damit man sie besser verkaufen konnte, bekamen sie nach dem Geschmack der Zeit von Baß und Schlagzeug einen Beat-Sound verpaßt. Das gleiche in den folgenden Jahrzehnten: In den achtziger Jahren wurden die Hit-Listen von der Gruppe Yö/Nacht aus Pori mit dem Stück Joutsenlaulu/Schwanengesang angeführt. Yö war damals die wohl führende Rock-Gruppe. Joutsenlaulu dagegen war purer Tango, auf Rock getrimmt.

Sie betrieben alle Augenwischerei, ob Musiker, Plattenfirmen oder Publikum, und machten sich selbst was vor. Sie glaubten, es ginge um zeitgemäße Popmusik. Und doch: Die ganzen Jahrzehnte hindurch hat der Tango quer durch alle Schichten des Volkes seine Stellung bewahrt.

Ich hab gelernt, Frauen auf Distanz zu halten, obwohl sie für den Tango ausgesprochen wichtig sind. Zwar find ich sie unheimlich anziehend, von weitem betrachtet oder als Tanzpartnerinnen. Auf eine engere Beziehung mit einer Frau laß ich mich aber nicht ein. Ich bin erst fünfunddreißig. Würde ich jetzt mit einer Frau ins Bett steigen und tun, was ich im Fernsehen und im Kino gesehen habe, hätte ich gegen Platon verloren. In jedem Fall muß ich also noch mindestens ein Jahr warten, lieber noch länger, damit ich den verehrten Philosophen im edlen Wettstreit der Entsagung besiege. Eigentlich hat Platon ja auch gar nichts darüber berichtet, ob er sich mit fünfunddreißig einer Frau hingegeben hat, oder womöglich schon früher, um erst später dann dieses Prinzip der spirituellen Erziehung zu erfinden.

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