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Victor freut sich darauf, mit seiner Magda ein paar romantische Tage in Venedig zu verbringen. Doch kaum angekommen, torpediert ein winziger Moment unbedachter Neugier alle Pläne, und er findet sich wieder in der Verantwortung für eine mysteriöse Fremde. Hat er gerade Bekanntschaft mit einer Mörderin gemacht? Noch dazu konfrontiert ihn das Schicksal mit unheimlichen Erscheinungen, deren Existenz er als Rationalist grundsätzlich nicht wahrhaben will. Die Situation entgleitet ihm zunehmend, und die beschauliche Umgebung verwandelt sich in die bedrohliche Kulisse für ein undurchsichtiges Spiel unheimlicher Mächte, bei dem Tauben, Schwarze Madonnen und eine alte Göttin eine ganz besondere Rolle spielen. Und über allem: Die Frage nach den Mächten des Schicksals und wie unsere ganz persönlichen Spekulationen darüber die Welt bewegen. Ein Romantic Thriller mit Tiefgang, in dem Venedig mehr ist als bloße Kulisse. Historische Orte werden mit neuen Geheimnissen aufgeladen und eröffnen ungekannte Perspektiven auf diese faszinierende Stadt.
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Seitenzahl: 634
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Buch
Das Schicksal konfrontiert Victor mit unheimlichen Erscheinungen und mit Mächten, deren Existenz er als Rationalist grundsätzlich nicht wahrhaben will. Ganz anders als Magda, seine geliebte Frau, und eine mysteriöse Fremde, die an Magie und Wunder, an Anderswelten und Hexenkräfte glauben, wenn auch die eine als gläubige Katholikin, während sich die andere einer alten Göttin verbunden fühlt. In Venedig werden die beiden zu erbitterten Kontrahentinnen, bis Victor befürchten muss, sie wollten sich gegenseitig mit Hilfe magischer Kräfte ins Jenseits befördern.
Autorin
Bettina Toepffer wurde in Hamburg geboren, lebt mit ihrer Familie in München und ist im Herzen in Venedig zuhause. Sie studierte Kunstwissenschaften, Philosophie und Psychologie in München, arbeitete im Kultursponsoring, als Staatstheater-Dramaturgin, Fachjournalistin und Kreativitätstrainerin. Als Autorin von Jugendromanen wurde ihr »großes Einfühlungsvermögen, ein guter Schreibstil, die Vermittlung von viel Wissenswertem und packendes Erzählen« zugeschrieben. Mit »TANGO VENEZIANO – Wen die Geister rufen« legt sie nun ihren Debut-Roman für Erwachsene vor.
Für Johannes
in memoriam David Bowie
Der Anfang liegt in ein paar inspirierenden Eindrücken und einer intuitiven, nicht fassbaren Ahnung von einem größeren Gedanken, der alles verbindet. Und dann ist es wie bei der Bildhauerei: Man hämmert und schält, bis sich das Verborgene seinen Weg bahnt und in der fertigen Gestalt offenbart.
UNDE ORIGO, INDE SALUS Woher der Ursprung, daher das Wohlergehen
Inschrift im Zentrum der Basilica di Santa Maria della Salute, Venedig
BLICK
Ins Nest gelegt
Im Sog der Pupille
Weil es Unglück bringt
Paternoster und Ave Maria
Verflucht sei der Samen
TÄNZE
Venedig-Syndrom
Wenn heute Freitag der Dreizehnte wäre
In die Morgenröte
Ein eifersüchtiger Gott
Untote Tote
Am Tor zur Hölle
Du kannst nichts dafür
Hexenland
Der Supergau
Filmriss
Die Göttin mit den tausend Namen
Teuflische Erpressung
VERBEUGUNG
Intergalaktisch gesteuert
Raumtraumzeit
Lilie unter Dornen
Vor blutrotem Meer
Jagd durch die Zeitlosigkeit
Das Wunder der Schwarzen Madonna
Oval, dreidimensional, weiß, auf unregelmäßig grauer Struktur, meldete das Designerareal seines Gehirns beim Blick aus dem Küchenfenster. Vic rieb sich verschlafen die Augen und fragte sich, ob Alkohol nicht vielleicht doch irgendwann blind machte. Bisher hatten da immer bläuliche Eier gelegen, aus denen später nackte Amseln schlüpften, da unten, auf Höhe der ersten Etage, zwischen der Hauswand und den Fallrohren fürs Regenwasser. Nun gut, zwei Flaschen Vino Nobile di Montepulciano eines Spitzenjahrgangs waren es schon gewesen, die er gestern Abend zusammen mit Magda in ihrer Lieblingsweinbar geleert hatte. Und er musste sich eingestehen, dass sie diese Menge nicht so ganz zu gleichen Teilen getrunken hatten.
Doch so sehr er seine Augen auch rieb, das Ei da unten blieb weiß. Von was für einem Vogel es wohl stammte? Vielleicht ja auch von einem Spaßvogel, der sich einen Jux gemacht und ein Hühnerei in den Nistplatz gelegt hatte.
»Gibt es schon Kaffee?«
Magda war also auch schon wach.
»Kommt gleich.«
»Come va?«
»Danke der Nachfrage, ich fühle mich bestens. Du dich etwa nicht?«
»Ma no! Ich dachte nur, du hast vielleicht eine Kreis im Kopf?«, erwiderte sie neckisch.
»Nein, ich habe keinen Kater. Der Wein war wirklich erstklassig.«
»Naturalmente, era italiano«, bekräftigte Magda süffisant mit dem für Italiener typischen Bild ihres Landes, in dem einfach alles gut und sowieso besser war als irgendwo sonst auf der Welt.
Jetzt war auch Hugo wach geworden, gähnte lautstark und räkelte sich genüsslich auf seiner Hundedecke.
»Zum Frühstück un uovo bazotto für dich?«, fragte Vic in der üblichen Mischung ihrer verschiedenen Muttersprachen, wie es sich in ihren bald fünfundzwanzig gemeinsamen Jahren so eingebürgert hatte und fischte mit der Milchflasche auch gleich den Eierkarton aus dem Kühlschrank.
»Wie groß ist das Ei?«, wollte Magda wissen.
»Ungefähr so groß wie ein Hühnerei.«
»Eh?« Magda schien sich zu fragen, ob er sie verschaukeln wollte.
»Was hattest du gefragt?« Erst jetzt tauchte Vic aus seiner Gedankenverlorenheit wieder auf.
Magda war inzwischen aufgestanden und lehnte lässig und noch ein wenig verschlafen im Türrahmen zur Küche.
»Ich wollte wissen, wie groß sind die Eier, die wir haben. Allora, wenn sie sind groß, bitte lass meine Ei fünf Minuten in kochendes Wasser. Du weißt, ich mag nicht, wenn von Eiweiß noch ist etwas glibbelicke.«
Er drehte sich zu ihr um und spürte, wie sich ein zufriedenes Lächeln über seinem Gesicht ausbreitete, sein ganz persönlicher Sonnenaufgang. Wie sie da stand, seine Magda! Mit ihren lebendigen, dunklen Augen, umrahmt vom schulterlangen, leicht gewellten Haar im warmen Ton reifer Maronen, das genauso auch duftete, wenn er seine Nase darin vergrub. Und mit ihrem selbst im Winter sonnigen Teint, ihren sinnlich vollen Lippen und ihrem zierlichen Körperbau, der ihn noch immer magisch anzog. Vielleicht auch gerade, nachdem die Geburt ihrer beiden Kinder die weiblichen Formen ein wenig stärker ausgeprägt hatte. Er ging auf sie zu und hob sie so unvermittelt auf seine Arme, dass ihr ein kleiner Schrei entfuhr, und sie erschrocken die Arme um seinen Hals schlang.
Das hatte Hugo auf den Plan gerufen. Verwegen kläffte der strubbelige, weiß-braune Foxterrier sein Herrchen an.
»Tutto bene, Hugo, alles gut«, versuchte Magda das aufgeregte Tier zu beruhigen.
»Spiel dich nicht so auf, Hugo! Halt dein Testosteron im Zaum, verstanden!« Vic sah dem kleinen Hund mit übertrieben gekräuselter Zornesfalte eindringlich in die Augen. Und Hugo zog aber sofort den Schwanz ein und trottete beleidigt und frustriert wie ein unterlegener Duellant davon.
»Oh, der Arme!«, bedauerte Magda den niedergeschmetterten Hund.
»Nicht beleidigt sein, Hugo! Du bist eine tolle Beschützer! Eine ganz brave Hund!«
»Glibberig heißt das übrigens, amore mio«, hauchte Vic ihr ins Ohr, um die Aufmerksamkeit zurück aufs Gleis zu bringen. Dann biss er ihr zärtlich knabbernd ins Ohrläppchen und trug sie auf Händen zum Küchenfenster.
»Unser Nachwuchs ist flügge. Aber schau, da unten geht es gerade mal wieder von vorne los.«
»Dann haben wir bald piccoli piccioni.«
»Du meinst, das ist ein Taubennest?«
»Si certo, hatten wir viele Male zuhause in Modena.«
»Hier aber noch nie. Seltsam. Amseleier sind mir ohnehin viel lieber in ihrem leuchtenden Blaugrün mit den braunen Sprenkeln.« Er ließ Magda sanft zurück auf die Beine gleiten, hielt sie aber weiter eng umschlungen und küsste sie zärtlich auf den Hals. »Die Schönheit ist nun mal der wirksamste Köder: Wer erst einmal in Leidenschaft entbrannt ist, lässt sich leichter um den Finger wickeln.«
»Possibile, ist vielleicht so. Aber Tauben brauchen das nicht. Ich habe gesehen, wie Mama und Papa schon bauen zusammen das Nest und wie beide sitzen auf ihre Eier und füttern dann die Kleinen zusammen. Ist doch auch für Männer gut so, oder?«, fragte Magda mit einem verschmitzt herausfordernden Augenaufschlag.
»Ja, ja, die Liebe ist die einzige Sklaverei, die als Vergnügen empfunden wird«, scherzte Vic seufzend.
Mit einem Schwung befreite sich Magda aus der Umklammerung, packte seine Handgelenke und kreuzte sie wie ein Polizist auf seinem Rücken.
»Halt, stopp! Das war doch nur ein Zitat! Das hat George Bernard Shaw einmal gesagt!«, versuchte Vic sich zu verteidigen.
Aber sie ließ nicht locker und schob ihn weiter in Richtung Espressomaschine. »Und jetzt eine Kaffee, Sklave, subito!«
»Ihr Wunsch ist mir Befehl, Herrin«, entgegnete er mit gespielter Unterwürfigkeit. »Nur bräuchte ich dazu vielleicht meine Hände?«
Während Vic sich an der Kaffeemaschine zu schaffen machte, spürte er, wie sie ihn zärtlich von hinten umschlang und sich an ihn presste.
»So wird das aber auch schwierig mit dem Kaffeemachen«, jammerte er.
»Das geht schon noch«, lachte Magda und bohrte noch dazu ihre Nase verführerisch in seinen Rücken.
Endlich war auch die Milch fertig aufgeschäumt. Vic ließ sie sachte auf den Espresso rinnen, gönnte sich einen ersten Schluck und reichte die Tasse an Magda weiter. Dann schleckte er sich lasziv den Rand des Milchschaums von den Lippen und zog Magda, samt schaukelnder Espressotasse in der Hand, zurück in Richtung Schlafzimmer.
Da hörten sie, wie sich ein Schlüssel in der Wohnungstür drehte. Sie erstarrten.
»Ciao, Mama, ciao, Papa!«, vernahmen sie ihren Sohn Leon vom Flur her rufen.
Magda fasste sich zuerst. Schicksalsergeben zuckte sie mit der Schulter, wobei sie die Tasse in ihrer Hand vergaß und nur mit Mühe verhindern konnte, dass sie von der Untertasse kippte, während sie flötete: »Ciao, amore!«
Und beide fühlten sie in diesem Moment das Gleiche, das spürte Vic genau. Was für eine absurde Situation! Da standen sie als Eltern wie zwei Teenager, die sich beim Abseilen für den ersten Kuss ertappt fühlten. Und das sogar noch, wenn die Früchte der einst ungestörten Liebesnächte längst selbst unverhohlen deutliche Hinweise auf den Bedarf an sturmfreier Bude signalisierten oder am Morgen regelrecht triumphal mit frischen Knutschflecken zum Frühstück erschienen.
Aber auch Vic fing sich schneller, als er sich selbst zugetraut hätte.
»Du, lass mal gleich die Schuhe an! Hugo muss dringend raus«, rief er zurück. »Und Brötchen kannst du dann bitte auch gleich mitbringen!«
»Und wieso warst du noch nicht mit ihm draußen?«, fragte Leon zurück, und Vic war klar, dass sein Sohn die Ansage noch keineswegs akzeptiert hatte.
»Weil wir ausnahmsweise auch mal ein bisschen länger geschlafen haben.«
»Okay. Aber warum gehst du dann nicht jetzt mit ihm runter?«
»Weil ich sonst immer mit ihm gehe«, antwortete Vic und ahnte, dass auch diese Entgegnung die Diskussion nur noch weiter in die Länge ziehen würde.
»Eben, du gehst morgens immer mit ihm. Hast du vielleicht ein Problem damit, dass ich bei Kimberly übernachtet habe?«
»Ne, wieso? Machst du ja inzwischen dreimal die Woche.«
»Also habt ihr doch ein Problem damit«, schlussfolgerte Leon pikiert.
»Haben wir nicht«, versuchte nun Magda die Eskalation der sinnlos ausufernden Debatte zwischen ihren beiden aufgestachelten Männern zu stoppen. »Aber Hugo ist nicht nur unsere Hund. Da du kannst auch mal mit ihm Gassi gehen, wenn du bist da.«
»Aber warum denn gerade jetzt? Ich kann doch später mit ihm an den Main gehen. Wollte sowieso einen Spaziergang mit Kimberly machen.«
»Du, ich diskutiere das jetzt nicht endlos. Schnapp dir Hugo und geh Brötchen holen, sonst gibt es hier nämlich auch kein Frühstück!«, sagte Vic nun entschieden und griff nach der Hundeleine.
»Was ist denn hier heute Morgen bloß los?«, wunderte sich Leon kopfschüttelnd, nahm dann aber doch die Hundeleine, die ihm sein Vater sehr bestimmt entgegenhielt. »Komm Hugo, wir gehen! Ist echt schrill hier gerade, so richtig autoritär.«
Vic holte zu einem weiteren Schlagabtausch aus, aber Magda kam ihm zuvor: »Hugo wird sich bestimmt freuen, wenn du heute mit ihm gehst zweimal. Und ich darf mir noch etwas wünschen?«
»Was denn?«, fragte Leon so, als wollte er sich hinter seinen Worten vor einem weiteren subversiven Übergriff seiner Eltern in Deckung bringen.
»Kauf die Brötchen bitte nicht bei Schöcke. Ich mag so gerne essen auch Brioches, und die gibt es nur bei Meyer.«
»Okay, auch schon egal. Dann gibt es aber frühestens in einer halben Stunde was zum Frühstück«, gab sich Leon endlich geschlagen und stiefelte, noch weiter in sich hineinmurrend, dem schwanzwedelnden Hund hinterher. Dann fiel die Wohnungstür wieder ins Schloss.
»Meine Güte, ist denn das zu fassen? Hat selbst ständig seine Kimberly im Kopf, aber checkt nicht, dass uns das vielleicht auch mal so gehen könnte«, stöhnte Vic.
»Aber war es anders bei unsere Mama und Papa?«, fragte Magda versöhnlich und schaute ihn nachdenklich von der Seite an. »Und wäre besser, wenn Leon verstanden hätte?«
Vic seufzte und ging in die Küche zurück.
»Ne, wäre immer noch peinlich irgendwie. Auch wenn das irgendwie absurd ist. Und irgendwie ist jetzt auch die Luft raus.«
Magda war ihm gefolgt. Sie stellte ihre bis dahin fest umklammerte Espressotasse auf dem Küchentisch ab und strich ihm sanft über beide Wangen.
»Kann es eine bessere Ort geben für die Liebe als Venezia? Nur noch drei Tage, Vittorio, und wir haben jede Tag für uns, für uns ganz allein!«
Magda sollte recht behalten. Wo am Tag zuvor noch ein weißes Ei gelegen hatte, strahlten Vic nun zwei entgegen, und die Erzeuger des Geleges tanzten aufgeregt drumherum. Wenn es wenigstens wilde Ringeltauben gewesen wären. Waren es aber nicht, nur stinknormale, dunkelgraue Stadttauben, diese fliegenden Ratten!
Er öffnete den Geschirrspüler und begann, den Inhalt in Schränke und Schubladen zu räumen. Magda war schon in aller Herrgottsfrühe zum Flughafen gefahren. Sie musste noch einmal Frankfurt - Barcelona - Frankfurt - Helsinki fliegen und dort vor dem Rückflug nach Frankfurt übernachten, bevor sie endlich selbst ans Kofferpacken für den Urlaub denken konnte.
War diesmal aber doch alles viel entspannter, so ohne die Kinder im Schlepptau, einerseits, dachte Vic. Andererseits fehlte ihm sein Töchterchen schon sehr. Doch ihr Jahr als Au Pair in Südafrika neigte sich seinem Ende zu. In einem Monat würde auch sie endlich wieder da sein. Und ihr Zwillingsbruder zog es ohnehin vor, zuhause zu bleiben, obwohl sie vorsorglich ein Apartment mit einem zusätzlichen Schlafsofa für ihre zwei Wochen in Venedig angemietet hatten. Aber Leon war derzeit zu beschäftigt mit seiner neuen Flamme und wohl sowieso nicht mehr sonderlich erpicht darauf, mit seinen Eltern Urlaub zu machen. Und schon gar nicht in Venedig, wo die Bürgersteige fast überall spätestens um elf hochgeklappt wurden. Dass ihr Sohn nicht mit ihnen reiste, hatte aber auch sein Gutes. Die Post musste nicht abbestellt, der Kühlschrank nicht komplett vor der Abreise leer gegessen und der Hund nicht anderweitig untergebracht werden.
Und endlich würden er und Magda mal wieder als Paar frei sein, ohne die psychologisch höchst anspruchsvolle Herausforderung, die altersabhängigen Interessen ihrer Kinder tunlichst schon zu erahnen und einzuplanen, bevor sie selbst diese überhaupt zu benennen gewusst hätten.
Durch das offene Küchenfenster hörte Vic das Taubenpaar in einem fort gurren. Magda hätte das vermutlich als Ausdruck der Vorfreude auf ihren Nachwuchs gedeutet. Vic hingegen tippte eher darauf, dass sie den Dienstplan zum Bebrüten ausdiskutierten. Diskussionen dieser Art kannten auch Magda und er zur Genüge. Allerdings hatten sie sich in den letzten Jahren weitgehend von selbst erledigt. Doch nicht in erster Linie dadurch, dass ihre Kinder zunehmend selbständiger geworden waren, sondern weil er immer weniger Aufträge bekommen hatte.
Die einströmende Luft war schon jetzt um elf Uhr merklich wärmer geworden. Er ging ins Schlafzimmer, machte die Betten und schloss dort die Fenster. Draußen konnte die Temperatur gern üppig sein, aber in stickiger Luft zu schlafen, war nicht seine Sache. Und seit ein paar Tagen war es heiß im Rhein-Main-Gebiet, Sahara-Strömung bis in die Mitte Deutschlands, hieß es.
Vic schob die beiden auf einer Schiene laufenden, weiß lackierten Schlafzimmertüren hinter sich zu, was er auch noch nach Jahren in ihrer schicken Altbauwohnung regelrecht zelebrierte. Dann ging er über den anheimelnd knarzenden Parkettboden des Wohnzimmers zum Bücherregal aus dem Viktorianischen England. Es war eine echte Antiquität wie der hochglanzpolierte Nussbaum-Schreibtisch im Stil des Art déco. Und dazwischen ausgesuchte Möbel jüngeren Datums. Er liebte diese Kombination, die in gewisser Weise natürlich auch sein Selbstbild repräsentierte, wie es schließlich jeder mit der Einrichtung seines Zuhauses mehr oder weniger bewusst ausdrückt. Antiquitäten in Wohnungen und Häusern von Adligen allerdings, zu denen auch er sich dank eines verdienstvollen Vorfahren zählen durfte, fungierten darüber hinaus als konkrete Beweise für erhalten gebliebene, achtenswerte Relikte einer vergangenen Zeit. Und das harmonische Einfügen ausgesuchter Möbelstücke der jeweiligen Moderne belegte folglich nichts anderes, als die natürliche Fortschreibung der Geschichte zu einem vielschichtigen Ganzen bis in die Gegenwart. Das konnte, so empfand Vic es jedenfalls, letztlich auch symbolisch für den Adel in der heutigen Zeit gelten, seine offizielle Abschaffung hin oder her.
Vic sah die Sammlung seiner Design-Kataloge durch auf der Suche nach dem aktuellen Exemplar des Salone Internazionale del Mobile. Er zog ihn heraus und öffnete die Flügeltür zu dem kleinen Balkon mit seiner noch von Hand geschmiedeten, luftigen Brüstung. Dann griff er nach seinem Bachelor Chair, einem Designklassiker aus den 1950er Jahren. Diesen leichten Armlehnstuhl, bespannt mit cremefarbenem Leder zwischen dem filigran sachlichen Stahlrohrgestell, hatte er auf einem seiner zahlreichen Streifzüge über Flohmärkte und durch Altmöbellager zum Preis eines vermeintlich aus der Mode gekommenen Gartenstuhls erbeutet. Doch eigentlich entsprach dieser Stuhl gar nicht wirklich so ganz seinem Geschmack. Er war eher so etwas wie eine Trophäe, wie das Hirschgeweih über dem Kamin eines Verwandten.
Er stellte den Stuhl über die Schwelle zum Balkon und vertiefte sich in den Katalog. Bei dieser für Möbeldesigner wie ihn bedeutenden, jährlich stattfindenden Mailänder Messe hatte er einst auch Magda kennengelernt. Sie arbeitete damals als Hostess. Er war noch nicht lange mit dem Studium fertig gewesen und ein Jungdesigner voller Träume, solcher Träume, die einem Flügel wachsen lassen und ein Gefühl von Kraft verleihen, die Berge versetzen kann, damals.
Als er studierte, waren Designer im Ansehen wieder aufgestiegen von handwerklichen Konstrukteuren in die Riege der Künstler. Das hatte Vic gut an dieser Zeit gefunden und auch, dass von ihnen keine Massenware, sondern selbstbestimmt entworfene Unikate und Kleinserien gefragt waren. Was er nicht gut fand an dieser Zeit, dass besonders raue und nicht selten sperrige Materialien wie reiner Stahl und Beton en vogue gewesen waren.
Wie sehr seinen innersten Vorstellungen andere, fließende Materialien und Formen als gestalterische Optionen gefehlt hatten, wurde ihm wieder einmal bewusst, als er jetzt im Messekatalog die neusten Objekte seiner Kollegen aus Italien vor sich sah. Dieses Sofa zum Beispiel! Ein in Spitzen auslaufendes, extrem in die Länge gezogenes Oval, das an eine schnittige fliegende Untertasse wie aus Raumschiff Enterprise erinnerte, die dazu einlud, mit seiner Crew auf dem weichen Leder lässig auf den Abflug in den Orbit zu warten. Futuristisch, dynamisch und für seine Ausmaße von unglaublicher Leichtigkeit, einem minimalen Schweben über dem Boden gleich. Einfach traumhaft und wieder mal italienisch!
Er blätterte weiter. Da krabbelte sein Handy surrend über den Boden neben dem Stuhl. Er schaute auf das Display: Magda.
»Wo bist du?«
»Barcelona. Aber es geht gleich weiter. Ich wollte nur sagen: Es ist nicht gut mit Leon und Hugo alleine zuhause. Du hast gesehen gestern. Leon will nicht da sein, und Hugo will nicht sein ohne Leon.«
»Hm, du meinst, die machen sich dann nur gegenseitig Konkurrenz, wer der ärmere Hund ist?«
»Si, so meine ich«, erwiderte sie lachend. »Kannst du nicht wieder fragen deine Schwester?«
Magda hatte recht. Das wäre für beide die bessere Lösung. Und Hugo verstand sich auch bestens mit Blackjack, dem schwarzen Cocker Spaniel seiner Schwester, und die musste sowieso regelmäßig Gassi gehen.
»Okay, ich rufe sie gleich an«, erwiderte Vic.
»Und noch eine Sache«, fügte Magda eilig hinzu. »Kannst du ein bisschen einkaufen für Leon, per favore?«
Auch das war sicher keine dumme Idee, damit ihr Sohnemann sich nicht schon kurz nach ihrer Abreise genötigt sähe, einzig mithilfe amerikanischer Hackfleischfrisbys in gezuckerten Pappbrötchen sein Überleben zu sichern.
»Du weißt, Kimberly geht viel essen in teure Restaurants«, ergänzte Magda, und Vic begriff erst jetzt, dass seine Liebste in eine ganz andere Richtung gedacht hatte. Dank ihres erstaunlich erfolgreichen Lifestyle-Blogs verkehrte diese Kimberly tatsächlich schon im zarten Alter von neunzehn Jahren wie selbstverständlich in Top-Lokalen. Und auch in anderen Bereichen praktizierte sie bereits selbst den luxuriösen Lebensstil, den sie in ihrem Blog proklamierte. Aber das musste sie wohl, um glaubhaft den unbedingten Bedarf an all den sündhaft teuren Produkten rüberzubringen, für die sie Werbung machte.
»Du denkst, das könnte teuer für uns werden«, schloss Vic.
»Vielleicht sie lädt ihn ein. Aber ich mag nicht, dass es wird versaut seine Maßstab«, erklärte Magda.
»Was du dir immer für Sorgen machst. Doch besser reich und gesund als arm und krank, oder?«
»Vic!«, entgegnete Magda entrüstet, und es klang wie immer, wenn sie die Kurzform seines Namens aussprach, durch ihren italienischen Akzent wie Viiiiicke.
»Vielleicht weckt das ja seinen Ehrgeiz, auch mal richtig Geld zu verdienen«, versuchte er die Situation zu entschärfen.
»Kimberly bekommt aber so viel auch geschenkt oder umsonst. Das ist nicht gut«, meinte Magda noch immer besorgt. »Ich muss jetzt Schluss machen. Ciao, Vittorio!«
Vic war ganz und gar nicht Magdas Meinung, aber er wusste, dass jetzt nicht die Zeit war, es mit ihr auszudiskutieren und er war eigentlich ganz froh darüber.
»Ciao, Magda! Melde dich kurz heute Abend von Helsinki, ja?«, verabschiedete er sich und hörte sie schon im Laufen noch ein hastiges si, si und ciao, ciao ins Handy rufen. Dann war die Verbindung beendet.
Inzwischen war die Sonne um die Ecke gekrochen und hatte den Balkon zur Hälfte von seiner Verschattung befreit. Vic rückte den Stuhl ein Stück weiter, kippte den Kopf in den Nacken und hielt sein Gesicht der Sonne entgegen. Schon fast wie in Italien, dachte er, und seine Gedanken flogen gen Süden. Dieses Mal würden sie ganze zwei Wochen in Venedig verbringen! So lange waren sie noch nie dortgeblieben. Das hatte Vic sich gewünscht, weil er diese Stadt mehr als alle anderen auf der Welt liebte, aber auch, weil er sich für dieses Jahr etwas vorgenommen hatte, das Zeit brauchte.
Vor ein paar Jahren hatte er die Gründung eines offiziellen Familienverbandes initiiert. Denn einige seiner Verwandten hatten sich ohnehin immer mal wieder zusammengefunden und sich gut verstanden. Sie alle waren Abkömmlinge einer Familie, die durch die Kriegswirren von Pommern in alle Winde zerstreut worden waren. So folgten dann regelmäßige Familientreffen, die man gern in einem Ambiente abhielt, das man für standesgemäß erachtete, das aber doch auch gut bezahlbar war, wie kleine Hotels in alten Gutshäusern oder Schlössern auf dem flachen Lande.
Aber jetzt wollte Vic endlich mal einen großen Wurf wagen. In Venedig faszinierten ihn die Palazzi, und seine Phantasien vom sagenhaft luxuriösen, ausschweifenden Leben darin hatten ihn überwältigt. Einmal wollte, ja, musste auch er sich als Herr eines venezianischen Palazzos erleben! Viele Jahre hatte er nun schon alles Mögliche über Venedig gelesen. Doch statt einer Sättigung, war sein Hunger auf diese Stadt nur noch größer geworden. Wie beneidete er die Reisenden des neunzehnten Jahrhunderts, deren Berichte er verschlungen hatte, die so mir nichts, dir nichts für ein paar Monate nach Venedig fahren konnten und dort als Gäste in den alten Palästen willkommen geheißen wurden.
Leider hatte er während ihres letzten Venedigbesuchs, zusammen mit den Kindern ein paar Jahre zuvor, vergeblich darauf gehofft, über eine zufällige Bekanntschaft mal so von Adligem zu Adligem in einen Palazzo eingeladen zu werden. Aber wenn es so nicht möglich war, einmal in einem Palazzo zu wohnen, dann eben jetzt anders. Vic plante, seine Verwandtschaft zu einem der nächsten Familientreffen nach Venedig zu locken und dieses in einem Palazzo abzuhalten. Seine Idee war gut angekommen. Der Familienverband erklärte sich sogar bereit, die Miete für das gebuchte Apartment zur Hälfte zu übernehmen, damit er sich vor Ort um die Suche einer schönen Location kümmern könnte. Seit Wochen hatte er im Web nach passenden Angeboten gestöbert. Aber etwas Geeignetes für eine Gruppe von etwa zwanzig Erwachsenen und eine Schar Kinder und womöglich noch eine Meute Hunde zu finden, hatte sich als unerwartet schwierig erwiesen.
Er musste also noch mehr Objekte vor Ort anschauen als gedacht. Doch das empfand Vic keineswegs als Belastung, im Gegenteil. Er freute sich diebisch darauf, auf diese Weise einen Blick hinter die Fassade so manchen venezianischen Palastes werfen zu können.
Vic spürte, wie die beißende Sonne begann, sein Gesicht zu verbrennen. Das nahm er als Anstoß sich aufzuraffen, um noch ein wenig an seiner Besichtigungsliste zu arbeiten. Er ging zum Schreibtisch und fuhr den Computer hoch. Schnell noch ein kurzer Blick in seine Benachrichtigungen, um zu sehen, ob etwas Neues von seiner Tochter da wäre. Es kam noch besser, sie war auch gerade online. Wie ein Geschenk des Himmels erschien es ihm, dass Stella, wenn schon weit weg, so doch in ein Land gegangen war, das in der gleichen Zeitzone lag wie Deutschland. So trafen sie sich häufiger zufällig online oder konnten mit ihrer Tochter ohne störende Nachtaktionen mal eine Plauderei verabreden. Und diesmal war es erstaunlicherweise Stella, die ihm zuerst schrieb.
Ciao, Papa! Alles okay bei euch?
Ciao, Stella! Ja klar, bei dir auch?
Ja, ja. Nur, es gibt eine Veränderung. Der Vater meiner Gastmutter ist gestern gestorben. Du weißt ja, die stammt aus England. Jetzt fliegt die ganze Familie in drei Tagen zur Beerdigung nach Birmingham und sie haben spontan geplant, dann gleich für einige Wochen dort zu bleiben. Mein Job hier ist also einen Monat früher zu Ende. Bezahlt werde ich aber noch für die restliche Zeit, schrieb sie, und Vic wartete auf ein Emoticon, das ihn über die Stimmungslage zur aktuellen Nachricht aufklären würde. Es kam aber nichts. Wie also fand Stella die veränderte Situation?
Dann willst du deinen Rückflug umbuchen?, konstatierte er möglichst neutral.
Und wie fand er selbst diese Überraschung? Dann würde Stella am Tag nach ihrer Abreise heimkommen, und sie wären nicht da. Das gefiel ihm gar nicht. Sie könnte natürlich zu ihnen nach Venedig hinterherfliegen. Vic ertappte sich dabei, dass ihm die Aussicht darauf, diesen ersten Urlaub ohne Kinder nach langer Zeit wieder aufgeben zu müssen, allerdings ebenso wenig gute Laune bescherte.
Wir fliegen ja übermorgen für zwei Wochen nach Venedig. Du könntest natürlich nachkommen und mit uns Urlaub machen, hörte Vic sein Unterbewusstes den schreibenden Fingern diktieren und wusste, dass er es letztlich doch auch gar nicht anders hätte sagen wollen.
Das ist ein tolles Angebot, danke!, entgegnete Stella. Und ich kann echt ein bisschen Urlaub brauchen. Aber ich hab da einen super Tipp bekommen, ein obercooler Strand und ein irres, noch intaktes Korallenriff zum Schnorcheln auf Sansibar und ich hab ja jetzt noch Zeit und wenn ich schon mal hier bin ...
Sansibar? In seinen Ohren klang das nach einem Märchen aus Tausend und eine Nacht und so exotisch, dass er nicht einmal wusste, wo genau er das auf der Landkarte überhaupt suchen sollte.
Hab da eine Adresse von einer echt günstigen Unterkunft. Und die Flüge von Kapstadt nach Stone Town und später von da nach Frankfurt sind so günstig, du glaubst es nicht! Kann ich locker selbst zahlen.
Wo bitte liegt denn Sansibar?, fragte Vic und erlebte sich einmal mehr in der noch gewöhnungsbedürftigen Situation, dass inzwischen auch mal die Kinder ihnen Fragen beantworteten und nicht mehr immer wie selbstverständlich nur umgekehrt.
Vor der Küste von Tansania, Papa!, antwortete Stella so, als wäre seine Frage derart daneben, dass sie einen ersten Hinweis auf Altersdemenz vermuten lassen könnte.
In diesem Moment surrte das Handy wieder. Diesmal war es sein Sohn.
»Leon? Ich habe gerade Stella online. Was ist denn?«
»Wollte nur kurz fragen, ob ich die Tage was für eine Weile in der Garage unterstellen kann«, fragte er.
»Können wir das bitte später besprechen? Ich muss gerade etwas Wichtiges mit Stella klären«, versuchte Vic seinen Sohn für den Moment loszuwerden, nachdem Stella bereits weitere Details geschrieben hatte:
Ich habe die Flüge schon gebucht. Und zwar so, dass ich übermorgen mit meinen Gasteltern zusammen zum Airport fahren kann. Muss dann dort noch ein paar Stunden auf meinen Abflug warten, aber das macht ja nichts.
»Ne, Papa. Ich muss das jetzt wissen!« Leon ließ sich einfach nicht abwimmeln. »Bin auf einer Auktion, da muss ich was gleich entscheiden. Ist eine absolut einmalige Gelegenheit!«
»Also, in Gottes Namen, dann stell dieses Teil eben in die Garage. War es das?«, gab Vic nach, um sich endlich wieder Stella zuzuwenden.
»Ja, Papa, das war alles. Und danke, bis dann. Grüß Stella!«, antwortete Leon und drückte die Aus-Taste.
Stella? Leon hat eben angerufen. Ich soll dich von ihm grüßen, tippte Vic, um die Kommunikation wieder aufzunehmen.
Danke, grüß ihn bitte auch von mir, schrieb Stella. Und zurück nach Deutschland komme ich dann wie ursprünglich geplant.
Und fährt da noch jemand mit, oder hast du in Sansibar irgendwelche Kontakte?, erkundigte sich Vic, dem langsam schwante, was für einen vielleicht doch etwas verwegenen Plan seine Tochter hatte.
Papa! Mein Gott, ich bin zwanzig, ich bin erwachsen! Und ich bin jetzt schon seit einem Jahr in Südafrika alleine zurechtgekommen, argumentierte Stella und machte nicht den Eindruck, als ob sie gewillt wäre, an ihrer Entscheidung noch etwas zu ändern. Das ist ein Spot, wo Backpacker aus der ganzen Welt hinfahren, versuchte sie ihren Vater zu beruhigen. Oder hast du etwa jemals davon gehört, dass da Mädchen hops genommen werden?
Ist doch gerade erst wieder passiert in Afrika!, konterte Vic.
Das war in Nigeria, Papa, und das liegt über fünftausend Kilometer entfernt auf der anderen Seite von Afrika. Von Sansibar hast du das wohl kaum gehört, oder?
Nein, das konnte er nicht behaupten, wo er noch nicht einmal gewusst hatte, wo genau dieses verdammte Eiland überhaupt lag.
Du, Papa, ich muss jetzt noch einkaufen und dann die Kinder von der Schule abholen. Mach es gut, grüß Mama und Leon und Hugo, bis bald. - Herzchen, Küsschen und weg war sie. Unter seiner Stirn formierte sich eine ganze Batterie virtueller Emoticons: Schock, Knockout, runzel, grübel, grrr.
Vic googelte Sansibar und war erleichtert festzustellen, dass diese Inselrepublik im Nirgendwo so unauffällig zu sein schien, dass sie erst hinter einem Sylter Kultrestaurant gleichen Namens gelistet war. Dann: Das Inselarchipel Sansibar, feinster, weißer Sandstrand, strahlend türkisfarbenes Meer, Kokospalmen, exotische Gewürze, tropisches Klima, buntes Korallenriff, Schwimmen mit Delfinen … Der Blick nach Sansibar präsentierte sich geradezu als paradiesisch. Seine Verspannung ließ merklich nach. Stella hatte ja recht, sie war erwachsen, hatte inzwischen in Afrika Erfahrungen gesammelt und sich bewährt und sie hatte es nicht verdient, dass man ihre Entscheidung in Frage stellte. Aber Magda würden sie lieber nichts davon erzählen. Sie sollte es besser erst im Nachhinein erfahren, wenn es keinen Anlass mehr gäbe, sich aufzuregen. Er rief noch einmal die Nachrichtenfunktion auf und informierte Stella über seinen Plan. Anders hätte diese Geschichte nur zu einem Chaos vor ihrer Abreise nach Venedig geführt. Und auf Venedig wollte er sich jetzt auch endlich voll und ganz konzentrieren.
Erst kürzlich hatte er noch über einen ganz besonderen Palazzo gelesen, der seit einiger Zeit in Renovierung war und der, so wurde gemunkelt, dann auch zur Vermietung angeboten werden sollte: Der Palazzo Ca' da Mosto am Canal Grande. Er stammte aus dem dreizehnten Jahrhundert und zählte somit zu den ältesten Palästen der Stadt. Mitte des siebzehnten Jahrhunderts war dieser Palazzo zum ersten Luxushotel der Stadt geworden. Im damals berühmten Albergo Al Leon Bianco, dem Hotel Zum weißen Löwen, stiegen dann zweihundert Jahre lang bedeutende Gäste aus aller Welt ab, sogar gekrönte Häupter! Danach verfiel der Palazzo zusehends und als er wieder ins Bewusstsein der Venezianer rückte, war er in einem derart desolaten Zustand, dass fraglich schien, ob er überhaupt zu retten sein würde. Nun aber hatte man sich vor ein paar Jahren zuversichtlich ans Werk gemacht, doch Vic konnte nicht herausfinden, wie weit die Restaurierungsarbeiten gediehen waren und ob es vielleicht schon möglich sein würde, auch diesen Palazzo als Ort für das Familientreffen in Betracht zu ziehen. Er würde auch dort persönlich vorbeischauen müssen, um das zu klären.
Nachdem Vic am nächsten Vormittag Hugo samt Decke, Fressnapf, Halsband und Leine für die nächsten zwei Wochen bei seiner Schwester abgegeben und sich der kleine Hund mit einer herzzerreißenden Rhapsodie in Wau von ihm verabschiedet hatte, war er einkaufen gegangen. Mit vollgepackten Jutebeuteln in beiden Händen stieg er nun die elegant mit rotem Teppichläufer belegten Holzstufen zu ihrer Wohnung im zweiten Stock hinauf. Als er fast die letzte Zwischenplattform erreicht hatte, entdeckte er eine der beiden brütenden Tauben vor dem Treppenhausfenster. Sie schien auch ihn bemerkt zu haben. Doch anstatt davonzuflattern, neigte sie ihren kleinen Kopf ein wenig und beäugte ihn interessiert. Und selbst, als er seine Einkaufstaschen abstellte, näher an sie herantrat und sich auf ihre Augenhöhe hinunterbeugte, flog sie nicht fort, sondern sah ihm unter leichtem Zucken ihres Köpfchens direkt in die Augen.
Zum ersten Mal nahm Vic ein Taubenauge nicht wie gewöhnlich aus größerer Distanz und als eher abstoßend in mattem Rot wahr. Das Auge dieser Taube bannte ihn geradezu. Vom äußeren Rotbraun, klar abgegrenzt durch einen umlaufenden, schwarzen Ring, ging das melierte Rötliche der Iris über in ein changierendes Bernsteingelb bis hin zu einem in die Tiefe stürzenden Schwarz der Pupille. Und alles an diesem Auge war von einer dreidimensionalen Transparenz wie das Wasser einer geheimnisvollen Grotte, das unwiderstehlich lockte einzutauchen. Und wie im Rausch zog es Vic nun hinein in diesen spiralförmigen Sog. Tiefer und tiefer fühlte er sich gleiten, hinab ins Bodenlose. Ihm wurde schwindelig. Er versuchte, Halt zu finden. Ohne Erfolg. Versuchte, sich dagegen zu stemmen. Vergeblich. Als er sich plötzlich, wie im Traum, gleichzeitig auch von außen sah, wie er machtlos kopfüber durch die steilen Windungen taumelte, sich immer weiter entfernte, unentrinnbar davongerissen von diesem übermächtigen Strudel.
»Vic! Was ist das mit der Garage?«
Von ganz weit her hörte er Magdas Stimme an sein Ohr dringen. Schwerfällig und wie in Zeitlupe drehte er sich um und sah seine Liebste durch einen nebeligen Schleier mit ihrem kleinen Koffer die Treppe heraufkommen. Was war das eben gewesen? Vorsichtig schielte er noch einmal zum Fenster hinüber. Doch da war nichts mehr, die Taube war verschwunden.
»Magda!«, raunte er noch ein wenig benommen und war in diesem Moment ganz besonders froh über den vertrauten Anblick seiner Frau in ihrer adretten Stewardessenuniform.
»Allora, was ist das mit unsere Garage, Vic?«
Er zuckte mit den Schultern, umarmte sie und gab ihr einen Kuss. »So schön, dass du wieder da bist!«
»Du weißt nicht?«, wunderte sich Magda. »Wer hat dann diese Automat in unsere Garage gestellt?«
»Ein Automat steht in unserer Garage? Was für ein Automat?«, wunderte sich nun auch Vic.
»Ist so eine große wie am Bahnhof für Getränke, süße Sachen und so was. Ich konnte nicht schließen das Tor von unsere Garage mit unsere Auto dazu«, erklärte Magda ärgerlich.
Da endlich fiel bei Vic der Groschen. War das etwa das Teil, von dem Leon gestern gesprochen hatte?
»Lass uns erst mal raufgehen. Ich muss mal kurz mit Leon reden«, meinte Vic, nahm seine Einkaufstaschen, und gemeinsam stiegen sie die letzten Stufen bis zu ihrer Wohnungstür hinauf.
»Leon?«
Es kam keine Antwort. Er stellte die Beutel in der Küche ab und ging zu Leons Zimmer. Er war nicht da. Vic zückte sein Handy und rief ihn an.
Der Teilnehmer ist zurzeit nicht erreichbar. Sie können ihm aber eine SMS senden. Der Empfänger wird benachrichtigt.
Vic kratzte sich am Kopf. Inzwischen war er sicher, dass es sich um dieses Teil seines Sohnes handelte. Allerdings hatte der nichts davon gesagt, dass es dabei um so ein Riesentrumm ginge.
»Komm, lass uns erst mal einen Kaffee trinken«, schlug Vic vor und versuchte zu überspielen, dass auch er angesäuert war.
»Va bene! Weil ich bin schon müde, und wir müssen ja noch die Koffer packen. Aber lass mich duschen zuerst«, stimmte Magda zu und verschwand mit ihrem Fluggepäck im Schlafzimmer.
Vic setzte sich an den großen Eichentisch in der Küche und schrieb an Leon: Was ist das für ein Monstrum in der Garage? Was willst du damit, und wie lange soll das da stehen?, fünf Ausrufungszeichen und ab und gesendet.
»Du, ich schau kurz mal zur Garage runter«, rief er Magd zu. »Wo ist denn der Autoschlüssel?«
»In meine Handtasche«, antwortete sie und drehte die Dusche auf.
Er schnappte sich den Schlüssel und trabte nach unten in den Hof zu den Garagen.
Und tatsächlich, ihr Auto ragte ein gutes Stück über den Rahmen des Garagentors hinaus! Vic quetschte sich seitlich am Außenspiegel des Wagens vorbei, bis er vor dem Automaten stand. Es war wirklich so ein Riesentrumm, wie von Magda beschrieben. Und es stand etwa zwanzig bis dreißig Zentimeter von der Rückwand der Garage entfernt. Er setzte sich ans Steuer des Wagens und fuhr ihn ein Stück zurück. Dann stieg er wieder aus und versuchte, den Automaten an die Wand zu schieben. Du liebe Güte, wie schwer war denn dieses Teil! Nachdem es ihm mit den Armen nicht gelang, versuchte er es seitlich unter Einsatz seines ganzen Körpergewichts, aber das Teil bewegte sich auch so um nicht einen Millimeter. Er quetschte sich zurück am Autospiegel vorbei, raus aus der Garage. Da sah er Leon auf den Hof trotten.
»Ciao, Papa!«
»Sag mal, was hast du dir denn dabei gedacht?«
»Hey, ich hab dich doch gefragt!«, verteidigte sich Leon.
»Du hast aber nichts davon gesagt, dass es sich um so ein Monstrum handelt!«, monierte Vic. »Dir ist schon klar, dass die Garage jetzt nicht mehr zu schließen ist?«
»Ne, sorry! Dachte, das würde schon passen«, antwortete Leon ein wenig kleinlauter.
»Tja, wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, dass du denkst. Wie wäre es denn mal mit vorher Ausmessen gewesen?«
»Hab dir doch gesagt, das war eine Auktion. Da hatte ich keine Zeit, das erst hier auszumessen«, versuchte sich Leon zu rechtfertigen.
»Und du wusstest vorher nicht, dass du dieses Teil ersteigern wolltest?«, fragte Vic und las im Gesichtsausdruck seines Sohnes, dass er diese Äußerung wieder mal als unfaire Fangfrage empfand.
»Also gut, ist auch egal. Das Ding steht jetzt hier. Dann komm und hilf mir, es an die Wand zu schieben!«
Doch auch mit vereinten Kräften bewegten sie den Automaten auf dem rauen Betonboden kein bisschen weiter.
»Sag mal, wie schwer ist dieses Ding eigentlich?«, erkundigte sich Vic keuchend.
»Ist vergleichsweise leicht, der hier hat nur 360 Kilogramm.«
»360 Kilo? Na, dann wundert es mich nicht, dass wir den nicht von der Stelle kriegen. Wie ist der überhaupt hier reingekommen?«
»LKW bis in den Hof und dann mit einem ganz kleinen Gabelstapler«, erklärte Leon.
»Tja, nur haben wir hier leider nicht mal einen ganz kleinen Gabelstapler«, stellte Vic entnervt fest. »Setz dich ins Auto und fahr bis ganz dicht an den Automaten heran. Ich stelle mich vorne hin und sag dir, bis wohin du fahren kannst.«
Vic quetschte sich ein weiteres Mal am Auto vorbei und dirigierte Leon bis auf einen Zentimeter vor den Automaten. Dann prüfte er, ob es zum Schließen des Garagentors reichen würde. Tat es nicht, der Wagen hing noch immer gut zwanzig Zentimeter über den Rahmen hinaus.
»Dann werden wir das Tor eben offen lassen müssen«, stellte Vic mit einem Achselzucken fest. »Immer noch besser, als wenn der Wagen im Freien steht. Und mit dem Auto davor wird dein Teil definitiv auch keiner klauen können. Jetzt lass uns wieder raufgehen. Mama ist schon da, und ich wollte Kaffee machen.«
»Weiß ich. Sie hat mich doch zu dir runtergeschickt«, erklärte Leon. »Die war so was von sauer.«
»Sag mal, was willst du eigentlich mit dem Ding?«, fragte Vic, als sie zurück ins Haus gingen.
»Mit dem kann man alles Mögliche verkaufen«, antwortete Leon. »Eigentlich hat Mama mich auf die Idee gebracht. Sie hat uns doch die Fotos von Tokio mitgebracht, wo in diesem Szeneviertel reihenweise solche Vending machines stehen. Und sie hat doch erzählt, wie begeistert die Leute davon sind. Und wie es da Automaten gibt für gebrauchte Handys und Schirme und sogar lebendige Hummer. Oder wie sie da die abgedrehtesten Bedürfnisse befriedigen. Erinnerst du dich an den Automaten mit diesen freakigen Monstergebissen oder den mit den gebrauchten Mädchenslips? Das war doch echt voll pervers.«
»Und was willst du in dem Automaten verkaufen? Gebrauchte Männerunterhosen?«
»Papa!«, erwiderte Leon empört. »Da gibt es total viele Möglichkeiten! Also, keine Ahnung, aber wenn man bedenkt, dass in Japan um die zwanzig Leute auf einen Automaten kommen, dann ist hier aber noch ganz schön Luft nach oben«, eiferte er weiter und bekam dabei wieder Farbe ins Gesicht.
Inzwischen waren sie in der Küche angekommen. Leon ließ sich auf einen der acht geschmackvoll bunt zusammengewürfelten Holzstühle fallen, und Vic schaltete die Espressomaschine ein. Da erschien Magda auch schon im Bademantel und mit Frotteeturban über den frisch gewaschenen Haaren.
»Allora, ist die Garage wieder geschlossen?«
»Fehlen ein paar Zentimeter. Aber das Auto ist so gut wie drin, also kein Problem mit Vogelschiss oder Hagel«, bemühte sich Vic, sie zu beruhigen.
»Und was ist jetzt mit diese Automat? Ist von dir, Leon?«, fragte sie an ihren Sohn gewandt.
»Ja, aber der ist auch sicher, weil das Auto davor steht«, antwortete Leon.
»Bene. Aber was soll diese Automat in unsere Garage?«
»Ich hab Papa vorher gefragt!« Hilfesuchend sah Leon zu seinem Vater.
»Leon hat dir also erzählt vorher«, resümierte Magda, schaute nun Vic in die Augen und zog dabei eine Augenbraue hoch, was er schon immer als Besonderheit mit komödiantischer Note an seiner Frau liebte. Doch so hilfreich dieser ungewollt lustige Gesichtsausdruck auch zur Entschärfung eines emotionalen Zündstoffs sein konnte, so dumm war daran, dass er Vic unweigerlich zum Schmunzeln reizte, was Magda schon oft erst recht in Rage gebracht hatte.
»Ja, hat er«, bestätigte Vic, während er intensiv mit seiner Gesichtsmuskulatur kämpfte, um den gerade erforderlichen Ernst seiner Mimik zu wahren. »Nur wusste ich auch nicht, dass etwas in diesen Ausmaßen hier ankommen würde.«
»Und was ist der Sinn von diese Automat?«, forschte Magda weiter und jetzt wieder an ihren Sohn gewandt.
»Du warst eigentlich der Ideengeber«, beeilte sich Vic einzuwerfen.
»Ich?«, erwiderte sie entgeistert.
»Ja, du! Du hast uns doch die Fotos von all diesen verrückten Automaten in Tokio gezeigt.«
»Cosa? Also, wenn ich zeige Bilder von Afrika, dann wir haben bald eine Giraffe hier?«
Vic dämmerte, dass seine Argumentation nicht so der Hit gewesen war und versuchte, der Geschichte noch eine positive Seite abzugewinnen.
»Ich finde es eigentlich toll, dass Leon aus deinen Reiseberichten gelernt hat und jetzt versucht, selbst ein erfolgreiches Geschäft damit zu machen.«
»Eine erfolgreiche Geschäft, ja, das wäre gut«, entgegnete Magda wieder ruhiger, aber noch keineswegs zufrieden. »Und was ist der Plan?«
»Das wird sich zeigen. Leon arbeitet dran«, erklärte Vic, was aber schon für ihn selbst wenig überzeugend klang.
»Allora, Leon hat eine Automat gekauft, der steht in unsere Garage, wo er kann nichts verkaufen, und es gibt noch keine Plan«, fasste Magda betont trocken zusammen. »Wie konntest du erlauben diese Unsinn, Vic?«
»Mama, man kann alles Mögliche damit verkaufen, das weißt du doch!«, versuchte Leon den sich anbahnenden Streit zwischen seinen Eltern im Keim zu ersticken, fand sich aber schnell auf verlorenem Posten.
»Ich habe deinen Vater gefragt, wie er konnte das erlauben«, wies ihn seine Mutter auch sofort zurecht.
»Ich habe nicht gewusst, worum es sich konkret handelt, als Leon mich anrief und fragte. Aber ich finde wirklich, dass es eine interessante Herausforderung ist. Und er hat sie sich selbst gesucht. Jetzt vertrau ihm mal! Er wird das schon hinkriegen!«, versuchte er Magda zu beschwichtigen und nickte seinem Sohn ermutigend zu.
»Aber wie kannst du erlauben so etwas, wenn du nicht weißt, was es ist wirklich? Hat dich nicht interessiert oder du hattest keine Zeit? Ich verstehe nicht, wie das so konnte passieren«, schimpfte Magda, und Vic glaubte, noch eine ganz andere Botschaft zwischen ihren Zeilen zu vernehmen.
Magda war diejenige, die seit einigen Jahren durch ihren Vollzeitjob den Löwenanteil der Familieneinkünfte reinbrachte. Und so gerne sie über den Wolken schwebte, dort, wo immer die Sonne schien, was ihr als Südländerin in Deutschland doch oft fehlte, wurde es ihr schon manchmal ein bisschen viel mit der dauernden Fliegerei. Und sie hätte zweifellos auch gern mehr Zeit mit den Kindern verbracht. Aber auch Vic hätte eine andere Aufteilung vorgezogen, bei der sie beide familiäre wie berufliche Aufgaben gleichmäßig verteilt hätten leben können. Und nichts wäre ihm lieber gewesen, als wieder mehr im Design zu arbeiten. Aber er war nicht rechtzeitig dazu bereit gewesen, sich dem wieder neu einsetzenden Diktat der Industrie für die Massenproduktion zu beugen. Und irgendwann gab es eben kaum noch Leute, die individuell Möbel entwerfen und anfertigen ließen. Denen mit Sinn dafür, fehlte das Geld, und denen mit Geld, fehlte der Sinn dafür.
Doch er hielt es für unklug, jetzt wieder einmal darauf einzugehen. Ebenso wenig aber konnte er zu seiner Entschuldigung vorbringen, dass er zur gleichen Zeit etwas wirklich Wichtiges mit Stella zu besprechen hatte. Dann würde Magda nachfragen, und er müsste preisgeben, was er ihr mit Rücksicht auf sie vorläufig zu verschweigen beschlossen hatte.
Durchdrungen von den Gedanken, die ihm durch den Kopf rasten, fiel Vic nichts Besseres ein, als heroisch zu verkünden: »Männer brauchen Herausforderungen.«
Während Leon seinem Vater einen Blick mit dem Ausdruck innigster Verbundenheit dafür schenkte, war es bei Magda nun ganz aus.
»Accidenti! Herausforderung ist auch, da sein für die Kinder und für zuhause! Mit deine Gedanken du warst nicht da. Was hast du gemacht? Ich weiß nicht. Ich kann nicht arbeiten und zu gleiche Zeit mich kümmern um die Sachen hier«, polterte Magda, spurtete ins Badezimmer zurück und knallte die Tür so heftig hinter sich zu, dass Vic und Leon zusammenzuckten.
»Wow«, sagte Leon nur knapp, und Vic spürte die Hilflosigkeit seines Sohnes in dieser Situation.
»Mamas Temperament halt. Hat mal wieder gebrodelt im Vesuv. Aber du weißt ja, ein Vulkan, der ordentlich Dampf ablässt, explodiert nicht«, versuchte er seinen Sohn zu beruhigen, obwohl auch er den Eindruck hatte, dass Magda eben den Tränen nahe gewesen war, etwas eher Ungewöhnliches für sie. »Denk dir nichts, sie ist einfach urlaubsreif.«
Würde es die Fliegerei nicht schon geben, sie hätte für Magda erfunden werden müssen, dachte Vic, als er sie auf elftausend Metern Flughöhe von der Seite betrachtete. Magda schaute verträumt hinunter auf die bauschigen Wolkenberge vor dem ungetrübten Himmelsblau. In der Früh war sie noch ein wenig wortkarg gewesen. Doch seit dem Abheben des Fliegers wirkte sie wie ausgewechselt. Probleme schienen für sie erdgebunden und blieben am Boden zurück, sobald sie mit einer Maschine in die Lüfte aufstieg. Sachte legte er einen Arm um ihre Schultern, und ein befreiender Atemzug durchströmte ihn, als er spürte, wie sie nach seiner Hand griff.
Vic konnte dem weiß-blauen Einerlei der höheren Gefilde eher wenig abgewinnen, sodass er seiner Liebsten gern den Platz am Fenster überlassen hatte. Und Magda schien sich in der für sie ungewohnten Rolle des Flugpassagiers besonders zu entspannen. Er hingegen teilte die Empfindungen der meisten Fluggäste, für die, ob sie es nun zugaben oder nicht, Start und Landung den schieren Stress bedeuteten. Und er hasste auch das Gerüttel beim Durchstoßen der Wolkendecke oder die unvermittelten Luftlöcher, bei denen einem das Blut sonst wohin sackte, sodass man sich anschließend käsebleich und verraten fühlte.
Aber Vic hatte sich eine Strategie zur Besänftigung seiner latenten Flugangst zurechtgebastelt. Immer wieder mal befasste er sich mit technologischen Verbesserungen, die aus der Untersuchung von Flugzeugabstürzen resultierten.
So wusste er zum Beispiel, dass die an das Bullauge eines Schiffes erinnernde Form der Flugzeugfenster keineswegs ein technisch bedenkliches Relikt aus den Anfangszeiten der Luftfahrt war. Ganz im Gegenteil. Die gerundeten Ecken eines Flugzeugfensters waren wesentlicher Bestandteil der Weiterentwicklung von der Propellermaschine zum Düsenjet. Als nämlich Anfang der 1950er Jahre das erste Düsenverkehrsflugzeug der Welt mit einer Geschwindigkeit von über siebenhundert Kilometern pro Stunde auf die noch unvertraute Flughöhe von zehntausend Metern stieg, war es in kurzer Zeit zu drei Abstürzen gekommen. Als Ursache hatten die Flugzeugkonstrukteure schließlich die eckigen Fenster der De Havilland Comet ausgemacht. Denn sie stellten fest, dass die für Passagiere und Besatzung überlebenswichtige Luftdruckerhöhung in der Kabine bei dem extrem niedrigen Luftdruck außerhalb der Maschine in derart großen Flughöhen zu einer Differenz führte, die am Flugzeugrumpf zerrende Kräfte entwickelte. Und diese Kräfte mussten abfließen können, was eckige Fenster jedoch nicht ausreichend zuließen. So war es zu Rissen im Rumpfgehäuse und in der Folge zu den Abstürzen gekommen. Vic beugte sich ein wenig vor, um das Fenster neben Magda genauer zu betrachten und sich zu vergewissern, dass die Fensterrahmen auch dieses Fliegers optimal geschwungen wären. Die strategische Absicht tat ihre erhoffte psychologische Wirkung, und er konnte sich auch endlich entspannt zurücklehnen.
Was die Fliegerei für ihn an Positivem verhieß, war die Aussicht auf Entdeckungen. Und was hatten sie nicht schon alles erlebt durch die Möglichkeit, über Magdas Job Flüge ihrer Airline zu einem Spottpreis buchen zu können. Allein im letzten Jahr waren sie zu Ostern in Jerusalem gewesen, hatten London in der Vorweihnachtszeit erlebt und waren Anfang dieses Jahres schon zum dritten Mal in den Staaten gewesen. Und auch dieser Flug kostete sie nicht viel mehr als ein Familienessen beim Italiener an der Ecke.
»Wir beginnen jetzt mit dem Landeanflug auf Venedig. Wir bitten Sie daher, ihre Tische hochzuklappen, die Rückenlehnen wieder in eine aufrechte Sitzposition zu bringen und die Sicherheitsgurte anzulegen.«
Minuten später schon setzte der Flieger sanft an dem Flughafen auf, der nach dem berühmtesten Sohn Venedigs, dem großen Entdecker Marco Polo, benannt ist.
Eine halbe Stunde später hatten sie ihr Gepäck und waren im Besitz der nötigen Fahrkarten für die Überfahrt nach Venedig sowie von ermäßigten Wochentickets für die Vaporetti, die venezianischen Wasserbusse. Und kurz darauf saßen sie in einem Boot der Alilaguna-Linie Arancio, das sie innerhalb weiterer dreißig Minuten an den nördlichen Rand der Stadt bringen würde.
Vom Flughafen aus auf Venedig zuzufahren, hatte natürlich nichts von dem legendär traumhaften Aufscheinen der Serenissima, dieser erlauchtesten aller Städte, wie es sich jenen offenbarte, die zu Zeiten der Machtblüte Venedigs aus südöstlicher Richtung kommend zuerst auf den Dogenpalast und den Markusdom zusegelten. Aber von hier aus auf die Stadt zuzuschippern, hatte seinen eigenen Reiz, fand Vic. Vorbei an den schilfbestandenen Rändern der verschlungenen Wasseradern, die sich durch die grün-braunen Sümpfe zogen, hin zur Weite der Lagune und doch immer strikt zwischen den eng gesetzten Markierungspfählen, um nicht auf Grund zu laufen.
Lange führte der Weg so durchs schiere Nichts, bis das Schiff die dem Gestaltungswillen des Menschen abgewandte Seite Muranos passierte, und die Insel einen ersten Blick auf Venedig freigab, die Silhouette aus dieser Entfernung erst wenig konturiert durch einzelne, markant aufragende Kirchtürme.
»Der Campanile von San Marco!« Vic deutete auf eine weit links aus dem steinernen Panorama herausragende Spitze.
Magda, die ihren Kopf an seine Schulter gelehnt hatte, sah auf.
»Aber das war einfach mit seine grüne Spitze und die Kuppeln von seine Basilika daneben.«
»Die hatte ich noch gar nicht gesehen«, entgegnete er. »Du hast einfach die besseren Augen. Aber stimmt, da schimmert etwas Silbriges, sehe ich jetzt auch.«
»Und zu welche Kirche gehört diese Campanile direkt vor uns geradeaus?«
»Keine Ahnung. Weißt du es?«, gab Vic die Frage zurück.
»Nein, ich weiß auch nicht. Wir müssen mal schauen, wenn wir gehen da vorbei.«
»Aber den hohen Turm da rechts, den erkenne ich, der gehört zu Madonna de l'Orto.«
»Du weißt das sicher?«, fragte Magda ein wenig zweifelnd.
»Ich habe eben ein legendär gutes Gedächtnis«, scherzte Vic, dem die für Venedig ungewöhnliche Zwiebelform dieses Turms, die an bayerische Kirchen erinnerte, in der Anzeige ihres Ferienapartments aufgefallen war. »Ist auch nur gerecht, wenn ich schon schlechtere Augen habe als du.«
Und wieder einmal zog Magda kritisch die linke Augenbraue auf ihre belustigende Weise hoch, sodass er nicht anders konnte, als ihr in aller Öffentlichkeit einen Kuss aufzudrücken, was eigentlich nicht so ganz seinen Prinzipien entsprach.
Inzwischen steuerte das Schiff auf die Friedhofsinsel San Michele zu. Wie streng diese Insel wirkt, dachte Vic. Ihm fiel kein anderes Fleckchen Land in dieser Inselwelt ein, das so von Menschenhand zurechtgestutzt worden wäre, wie dieses konsequent auf ein Rechteck getrimmte. Aber schließlich war es ja auch ein Friedhof, und in Deutschland waren zumindest die ihm vertrauten protestantischen Grabstätten kaum weniger sachlich gestaltet. Die schlanken, dunklen Zypressen hinter der roten Backsteinmauer verstärkten diesen Eindruck noch ebenso wie der riesige Kirchenbau, der sich von der Seite schmucklos und in der gleichen roh wirkenden Bauweise präsentierte wie sein mächtiger Campanile davor, der aber immerhin weiter oben einige aufheiternde Verzierungen sehen ließ.
Das Schiff war derweil auf Höhe der Friedhofsinsel angekommen. Das strahlende Weiß des istrischen Steins, das noch mehr als der hier auch verbaute Marmor das Stadtbild Venedigs prägt, ließ die Front von Kirchenportal und Kapelle wie eine mächtige Schaumkrone aus dem Blau von Himmel und Meer aufsteigen, und plötzlich wurde Vic richtig feierlich zumute. Hier also kamen die Gondeln an, die Trauer trugen. Hier entluden sie die Särge der Venezianer von den schaukelnden Barken. Hier gaben die Lebenden den Verstorbenen das letzte Geleit. Hier, wo diese Stadt noch eine Randkulisse aus dem Fundus märchenhafter Träume für ihre Toten aufbot, in deren zauberhaft urbaner Vollkommenheit sie wie selbstverständlich ein ganzes Leben hatten verbringen dürfen.
»Ob den Venezianern überhaupt bewusst ist, dass sie in der schönsten Stadt der Welt leben?«, sinnierte Vic.
»Sicher sie wissen, dass Venezia ist sehr besonders, weil es kommen so viele Touristen von überall aus der Welt«, meinte Magda. »Als ich noch ein Mädchen war, meine Eltern haben gesagt, Veneziani reisen nicht viel, weil die Leute aus andere Länder kommen schon immer zu ihnen und weil sie auch alles von ihre Länder mitbringen, was ist besonders und gut da. Aber heute, ich glaube, junge Leute finden es nicht mehr alle so. Viele wollen lieber moderne Häuser und ihre Auto vor ihre Haustür und Konzerte mit Musik nicht nur von Vivaldi. Und sie wollen nicht alle arbeiten in eine Ristorante oder eine Hotel oder als Capitano von ein Vaporetto.«
»Also, um hier leben zu können, würde ich das durchaus in Erwägung ziehen«, entgegnete Vic mit todernster Miene, woraufhin Magda ihm lachend mit gespreizten Fingern durch seine kurzen dunklen Locken wuschelte.
»Si, si, il mio capitano!«
Mit Vollgas steuerte ihre Fähre nun auf die Anlegestelle Fondamente Nove zu, wo sie aber aus Richtung Airport kommend nicht anlegte. Von da aus tuckerte sie parallel zum nahegelegenen Ufer weiter. Hinter hohen Mauern verriet das satte Grün mächtiger Bäume große Gärten, die von früheren Klosteranlagen übriggeblieben waren. Dazwischen Handwerksbetriebe und kleine Werften, davor ein Hafenabschnitt mit einer Hundertschaft verschlafen vor sich hin dümpelnder privater Motorboote. Und hier und da ein kurzer Durchblick auf das eng verschachtelte Häusermeer von Cannaregio, dieses am dichtesten besiedelten Sestiere unter den Stadtsechsteln Venedigs.
»Orto!«, rief der Schiffsbegleiter in die Kabine hinab.
Vic und Magda waren am Ziel. Sie schnappten sich ihre Koffer und kletterten die Stufen von der tiefergelegenen Kabine hinauf an Deck.
Kaum war das Schiff an die Poller gerumpelt, wurde es auch schon vertäut, und Vic setzte an, auf die schwimmende Anlegeplattform hinüberzusteigen. Doch genau in diesem Moment erfasste eine Welle Schiff und Ponton, und der Höhenabstand zueinander vergrößerte sich so überraschend, dass er mit einem Fuß an der Front des Anlegers hängenblieb und unhaltbar vornüberkippte. Vic sah sich schon bäuchlings auf dem Ponton liegen, inmitten des überall verteilten Inhalts seines demolierten Koffers, als ihn eine kräftige Seemannspranke unter dem Arm packte und wie ein Fahrstuhl nach oben auf den Ponton hievte. Und noch ehe Vic seine verstreuten Sinne wieder alle beisammenhatte, stand auch Magda schon sicher mit ihrem Gepäck neben ihm, und das Schiff legte wieder ab.
»Das war knapp! Gerade noch mal Glück gehabt«, keuchte er und holte tief Luft.
»Ja, da du hast Glück, dass du bist nicht gefallen«, erwiderte Magda und bekreuzigte sich.
Vic nahm seinen Koffer und ging los. Nach ein paar Schritten sah er sich nach Magda um. Sie stand noch immer an der gleichen Stelle.
»Was ist? Kommst du?«
Doch Magda blieb wie angewurzelt stehen.
»Oh, du verstehst das nicht!«
»Und was verstehe ich jetzt wieder mal nicht?«, fragte Vic, stellte demonstrativ seinen Koffer wieder ab und verschränkte die Arme vor der Brust.
Magdas Antwort kam zögerlich: »Ist nicht auch so in Deutschland, dass du musst zurückgehen und noch einmal an die Stelle vorbei, wo du bist gestolpert?«
»Und warum?«, entgegnete Vic mit skeptisch hochgezogenen Augenbrauen.
»Du weißt genau!«, murmelte sie jetzt richtig eingeschnappt. Und nachdem er nichts erwiderte, setzte sie schließlich widerwillig hinzu: »Weil es bringt sonst Unglück!«
»So, so. Und jetzt? Sollen wir auf die nächste Fähre warten, damit ich das noch mal machen kann?«, fragte Vic herausfordernd, während er sich das Gesicht des verdutzt grinsenden Schiffsbegleiters angesichts einer solchen Aktion vorstellte. »Dauert nur eine schlappe halbe Stunde bis zum nächsten Schiff.«
»Naturalmente no!«, entgegnete Magda gereizt. »Deshalb ich habe auch gemacht das Kreuz. Jetzt lass uns gehen endlich, Vic!«
Sie nahm ihr Gepäck und marschierte entschieden an Vic vorbei den Holzsteg entlang in Richtung der nahen Kirche Madonna de l'Orto, deren Mauern schon zwischen den schlichten, fünfstöckigen Mietshäusern am Anleger hindurchlugten.
Kopfschüttelnd sah Vic ihr nach. Wie, bitte, sollte man so etwas verstehen? Aber Magdas verrücktes Durcheinander von Glaube und Aberglaube war schließlich nichts Neues für ihn, warum also sich jetzt noch weiter darüber aufregen?
Er wandte sich noch einmal der Lagune zu. Aus Richtung der hier zuweilen sichtbaren Alpenkette streute die Sonne dieses Spätnachmittags im August schon ihre ersten grell goldenen Abendfunkel über das Wasser aus. Er tat einen zweiten tiefen Atemzug, diesmal ganz bewusst, um mit allen Sinnen anzukommen. Und die Luft versagte ihm die in seiner Erinnerung eingeprägte Erwartung nicht, sie roch nach Algen und schmeckte nach Salz und weckte alle Lebensgeister, die an Orten fern ab vom Meer müde geworden waren.
Er sah sich nach Magda um. Sie war schon hinter der nächsten Wegbiegung verschwunden. Vic fand sie auf einem sonnenbeschienenen kleinen Platz mit liebevoll gehegten Gärtchen, unter Fenstern mit dunkelblauen oder grünen Läden und schmalen Balkonen mit verschnörkelt geschmiedeten Brüstungsgittern. Und dazwischen, wie vom gleichen Kunstschmied aufmerksam angepasst, weit ausladende historische Straßenlaternen.
Magda spähte verzückt in alle Ecken. Hier war schon richtig Italien, und Vic spürte, wie seine Liebste diese vertraut heimatlichen Eindrücke begierig aufsog.
»Ich finde es irre, wie die Leute hier ihre intimsten Geheimnisse auf der Wäscheleine preisgeben!« Vic staunte mal wieder über die bunte Parade ausgeblichener T-Shirts, bulleriger Männerunterhosen und höchst aufreizender Büstenhalter neben solchen mit Miederfunktion in mindestens dreifacher Körbchengröße, die an jedem zweiten Balkon und zwischen den Häusern über der Gasse zum Trocknen aufgehängt war.
»Die Fenster sind fast immer offen zum Lüften zwischen die nahen Häuser, und so die Nachbarn wissen alles sowieso«, antwortete Magda achselzuckend, als wäre es das Normalste der Welt.
Jetzt zuckte auch Vic mit den Schultern. Er liebte die Italiener und ihre Art zu leben, aber das Verständnis für ein paar ihrer Eigenheiten blieb ihm als europäischem Nordlicht wohl doch verwehrt.
»Guarda, un gattino!« Ein grau getigertes, flauschiges Kätzchen saß am Rande des Campiellos und spielte mit etwas, das sich hin und wieder bewegte. Magda hatte ihren Koffer abgesetzt und näherte sich ihm mit langsamen Schritten.
»Was hat es denn da?«, fragte Vic in einem Tonfall zwischen Ekel und Drohung. Er hasste es, wenn Katzen auf Mäuse oder junge Vögel losgingen und sie dann halb tot noch ewig zu ihrem Vergnügen durch die Gegend jagten.
»Spielt mit eine Heuschrecke«, erklärte Magda, die um seine Vorbehalte gegenüber Katzen wusste. »Aber tut nichts, ist ganz vorsichtig mit eingezogene Krallen.«
Magda hatte sich neben die Katze gehockt und begonnen, sie zu streicheln. Das Tier war so verschmust, dass es sich sogleich auf die Seite rollte und Magda erwartungsvoll ihren Bauch für eine Massage präsentierte.
Vic erinnerte sich an seinen allerersten Venedigbesuch. Da war er noch ein Kind gewesen und mit Eltern und Geschwistern nur auf einen Tagesausflug in dieser Stadt gewesen. Was er aber neben Scharen von Tauben noch lebhaft in Erinnerung hatte, waren Katzen an jeder Ecke, auf jeder Fensterbank, vor jeder Haustür, auf jeder Mauer. Und er hatte sich während der Venedigreise mit Magda und den Kindern vor einigen Jahren schon gewundert, dass sie insgesamt über mehrere Tage nicht mehr als zwei oder drei Katzen zu Gesicht bekommen hatten. Ihm war das durchaus recht gewesen, aber merkwürdig war es ihm schon vorgekommen. Ähnlich verhielt es sich mit den Tauben. Und auch diesmal hatte er noch nicht eine einzige gesehen. Aber vielleicht lag das auch an dieser Gegend am Rande der Stadt, wo die Luft von den Schreien der Möwen erfüllt war. Egal warum, ihm jedenfalls fehlten sie genauso wenig wie diese mordlüsternen Pseudotiger.
»Wollen wir jetzt nicht mal weiter?« Er wurde langsam ein wenig ungeduldig.
»Solo un attimo!«, erwiderte Magda und kraulte, was das Zeug hielt, und das Katzentier kullerte sich dabei genüsslich von der einen auf die andere Seite.
»Hoffe, der Zahn der Zeit nagt derweil nicht allzu sehr an mir«, erwiderte Vic mit einem Blick auf die bröckelnden Fassaden der umliegenden Häuser.
Er entschied, die Zeit dafür zu nutzen, den weiteren Weg noch einmal zu checken. Er rief die GPS-Daten in seinem Smartphone auf. Der Navigationspunkt sprang wild in der Gegend herum. Venedig schien sich auch in dieser Hinsicht den Errungenschaften der Moderne zu widersetzen. Aber zum Glück hatte er noch einen alten Stadtplan aus Papier mitgenommen.
