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Verstoßen, ungeliebt, abgemagert und immer auf der Flucht. Magische Momente auf Ibiza im Sommer 2007, es kreuzen sich ihre Wege und plötzlich ist alles anders. Dies ist die bewegende Geschichte eines Podenco Ibicenco und eines Mannes, der die Hündin nicht dem sicheren Tod überlassen konnte. Eine Liebesgeschichte der besonderen Art. Dieses Buch soll alle Tierfreunde ermutigen, das Wagnis einzugehen und gegen alle Widerstände anzukämpfen, wenn es darum geht, einem Tier in Not zu helfen, ihm Obhut zu geben und nicht wegzuschauen. Der Lohn ist eine grenzenlose Verbundenheit, die selbst über den Tod hinaus bestehen bleibt.
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Seitenzahl: 277
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Dieses Buch widme ich meiner geliebten Hündin Tanit, die ich im Jahre 2007 unter schier unmöglich erscheinenden Umständen und mit sehr viel Glück gerettet habe. Viele Menschen, denen ich unsere Geschichte erzählt habe, waren sehr bewegt und tief berührt.
Nach ihrem Tod im Sommer 2019 sind mir einige Begebenheiten widerfahren, welche zu diesen magischen Momenten im Leben zählen, die mich dazu bewogen, dieses Buch zu verfassen.
Während dieser Zeit konnte ich meine Trauer verarbeiten und es kamen sehr viele Erinnerungen an all meine Tiere, denen ich ebenfalls zahlreiche Zeilen widme.
Dieses Buch soll alle Tierfreunde ermutigen, das Wagnis einzugehen und gegen alle Widerstände anzukämpfen, wenn es darum geht, einem Tier in Not zu helfen, ihm Obhut zu geben und nicht wegzuschauen. Der Lohn ist eine grenzenlose Verbundenheit, die selbst über den Tod hinaus bestehen bleibt.
Prolog
Teil I Wie alles begann – Ibiza 2007
Teil II Eine Straßenhündin findet ihr Zuhause – Das erste Jahr in Berlin
Die erste Woche
Die zweite Woche
Ein goldener Mantel wird genäht
Hundeschule
Erster Freilauf – Mitte Oktober
Besuch aus Ibiza
Freiheit: Der Inselplatz
Intermezzo – Hundeglück
Alles begann mit Bobbusch
Ein schrecklicher Unfall mit glücklichem Ausgang
Der Zaun in Heiligensee
Eine ägyptische Vase
Rocky – ein kurzes Abenteuer
Onkel Hansi – der Lustige
Carlo, der Treue & Ricky, der kleine Macho
Eine Katze geht Gassi
Da Vinci
BeGee
Ein aufregendes Jahr geht zu Ende
Im Wald
Ein verhängnisvoller Stromschlag
Familienleben & Freunde
Teil III Das Leben mit Tanit – ein Jahrzehnt voller Glück
Ein verhängnisvoller Regenschirm
Ferien auf dem Darß
Ein Eisbad im Dezember
Ein neues Zuhause
Beelitz – der Hundestrand
BeGee & Tanit – immer ein Hingucker
Ein kostbarer Fund und die Macht des Parfums
Jetzt kommt Amy
Tanit auf Jagd
Ausflug in die Sperrzone
Tanit – mehr Katze als Hund
Prinzessin
Hunde-Eisbahn
Wache in besonderen Momenten
Giftköder
Nachtwanderung
Neue Erfahrungen und neue Freunde
Gute Zeiten – schlechte Zeiten
Gedankengänge
Königliche Garderobe
Hundefreundschaften
Herbst des Lebens
Rollentausch
Auf zu neuen Ufern
Teil IV Abschied
Epilog
Nachwort
Dank
Am 31.05.2020 gegen 17 Uhr befinde ich mich auf meinem Boot, in Berlin-Charlottenburg, vor der Schleuse, und warte darauf, dass wir diese passieren können. Mein Sohn Finn hat das Steuer übernommen und ich hänge wieder einmal meinen Gedanken nach. Bei schönen Frühsommertemperaturen denke ich zurück, zurück an meine geliebte Hündin, die ich vor genau einem Jahr einschläfern ließ. Was habe ich alles mit ihr erlebt, wen habe ich alles durch sie kennengelernt, wie sehr hat sie mein Leben verändert, bereichert und vor allem für so viele glückliche Momente für mich und meine Lieben gesorgt.
Ihr erster Todestag. Ich denke seit dem Aufstehen immer wieder an sie. Gerade jetzt, auf unserem kleinen Motorboot, wo sie uns immer begleitete und diese Ausflüge so sehr mochte. Nicht etwa allein mit mir. Nein, in den ersten Jahren war auch noch BeGee dabei, unsere ältere Hündin, die allerdings bereits drei Jahre vor Tanit von uns gegangen ist. Auch meine beiden Söhne waren in den ersten Jahren bei unseren Ausflügen immer mit dabei. Nun begleitet mich fast nur noch Finn auf unseren Bootstouren. Aber immer häufiger auch meine neue Lebenspartnerin Lina mit ihren Kindern Lucy und Sam. Gleich nach dem Aufstehen heute früh erhielt ich diese Nachricht aus dem Hundehimmel per Mail:
Lina kennt mich nur zu gut und weiß, wie ich mich in manchen Momenten seit nunmehr einem Jahr fühle... Heute sind neben Finn noch meine Ex-Frau Cici und ihr Freund Faiska sowie ihre Hündin Amy mit an Bord.
Ich nehme mein Smartphone zur Hand und gebe einfach den Namen meiner Hündin ein und den Ort, an dem ich sie vor fast dreizehn Jahren gefunden habe: »Tanit« und »Ibiza«. Im nächsten Augenblick erscheint das Ergebnis: Tanit, in der Nähe von Ibiza, Spanien, und eine Landkarte mit dem Hinweis: Tanit Beach Eivissa. Ich traue meinen Augen nicht, nachdem ich die Karte auf einen anderen Maßstab heranzoome. Genau der Strandabschnitt, an dem wir die Hündin im Juli 2007 gefunden haben – er trägt heute ihren Namen. Den Namen eines Hundes, den niemand haben wollte. Der verfolgt wurde. Der getötet werden sollte. Mir wird ganz seltsam zumute; wieso heißt ausgerechnet dieser Strand heute Tanit Beacht Bis auf die Menschen aus meinem Umfeld kannte niemand meine Hündin, ihren Namen oder geschweige denn ihre Geschichte. Und auf Ibiza kennt den Namen meiner Hündin, die dort im August 2007 die Insel für immer verlassen hat, kein Mensch. Mit der Ausnahme von Jutta. Sie hat aber mit der Namensgebung des Strandabschnitts ganz sicher nichts zu tun.
Ich schaue weiter auf mein Smartphone; lese weiter unten, um zu sehen, was dort noch erscheint und kann es nicht fassen: Auf einem Platz ist eine Statue eines Podenco Ibicenco liegend auf einem Sarkophag! Ein Podenco in dieser typischen Position, genau wie ein Pharaonen-Hund auf alt-ägyptischen Zeichnungen. Ich sehe mir die Bilder an und bin sprachlos. Auch mein Sohn und Cici können nicht glauben, was wir dort sehen.
Nun können wir in die Schleuse einfahren. Ich bin komplett gefangen – gefangen in meinen Gedanken, die mich nicht mehr loslassen. Was geschieht hier gerade?
Beim Einfahren in die Schleuse steht ein Fischreiher am Ufer und schaut uns die ganze Zeit an. Ich sage zu Finn: »Sieh mal, der Vogel hat Ähnlichkeit mit Tanit. So schlank, der lange Hals, die langen und schlanken Beine, als würde sie uns in Gestalt dieses Vogels zusehen.« Als die Schleusentore geschlossen sind, fliegt der Fischreiher auf das Tor, stellt sich dort hin und dreht sich zu uns. Er beobachtet uns die ganze Zeit, während wir im Boot sitzen. Er lässt uns nicht aus den Augen, bis wir aus der Schleuse hinausfahren. Dort sitzt auf einem Pfahl, der aus dem Wasser ragt, ein zweiter Fischreiher. Dieser ist wesentlich kräftiger und erscheint etwas pummelig. Auch er beobachtet uns ganz genau. Hier sage ich zu Finn: »Sieh, dieser sieht aus wie BeGee.« Dies war unsere Hündin, die wir im August 2016 einschläfern lassen mussten. Auch dieser Reiher blickt uns noch nach. Dann kommt der erste, schlanke Reiher hinter uns hergeflogen und der zweite folgt ihm. Beide folgen uns nach, fliegen einen Bogen und stehen dann am Ufer. Ich habe das Gefühl, beide wollen uns genau beobachten... Was wollen diese Vögel hier? Wollen sie uns etwas sagen? Beide wollen sich vergewissern, dass es ihrer Familie gut geht. Und sie sind zufrieden, dass wir noch immer mit unserem Boot unser Revier abfahren. So zumindest interpretiere ich diese Begegnung mit den beiden Reihern.
Wir fahren noch eine Weile, bis wir dann endlich unseren Hafen am Wannsee erreichen.
Zu sehr beschäftigen mich die Tatsachen, dass man auf Ibiza genau den Strandabschnitt nach »unserer« Hündin benannt hat und dass dort heute eine Podenco-Statue steht. Ausgerechnet dort. Ausgerechnet ein Podenco. Diese verhassten Hunde, die damals auf Ibiza wie Ungeziefer behandelt wurden. Genau hier sind wir uns zum ersten Mal begegnet. Hier lebte sie, allein, zurückgezogen, verängstigt und abgemagert, auf der Suche...
Plötzlich ist alles wieder da, so nah, direkt vor meinen Augen. Ereignisse, die sich vor fast dreizehn Jahren zugetragen haben und mich nicht mehr loslassen. Sicher hängt es auch damit zusammen, dass ich mir seit genau einem Jahr Vorwürfe mache. Ich bin seit diesem Tag sehr oft zerrissen: War es nicht doch zu früh gewesen, sie einschläfern zu lassen? Hätte ich nicht doch noch eine zweite Meinung einholen sollen? Aber es war ein Tag im Ausnahmezustand. So groß und intensiv war der Kampf damals, im Jahre 2007, diese Hündin zu retten. Und jeder Tag, an dem sie uns seitdem begleitete, war irgendwie immer positiv; allein wegen der Tatsache, dass wir es damals, trotz unüberwindbar erscheinender Umstände geschafft hatten, sie zu retten, um ihr ein neues Leben in unserer Familie zu bescheren. Jeden Tag zeigte sie uns, wie sehr sie es genoss, zu uns zu gehören. Denn schließlich hatte sie uns bereits vor dreizehn Jahren auserkoren, auf Ibiza.
Ich erblickte die Insel Ibiza inmitten wunderschön türkis-blau schimmerndem Wasser aus dem Flugzeug bei unserem Landeanflug. Die bekannten Salinas, gleich neben dem Flughafen und dort drüben, die kleine Schwester-Insel Formentera, mit den schönsten Sandstränden im Mittelmeer, umgeben von einem Farbenspiel, welches an die Südsee erinnert...
Es war erst 10:30 Uhr, am 12.07.2007 und wir hatten noch den ganzen Tag vor uns. Meine Söhne Lennart und Finn waren nach dem Start in Berlin schnell zur Ruhe gekommen und hatten sogar noch eine gute Stunde geschlafen. Nun blickten beide voller Aufregung und Vorfreude aus dem Fenster. Meine Frau Cici war erleichtert, dass die Jungs ihren ersten Flug so gut durchgehalten hatten. Zwei gemeinsame Urlaubswochen nahmen nun ihren Lauf.
Seit dem Jahre 1981 zog es mich in regelmäßigen Abständen immer wieder auf diese Insel. Ich hatte meist sehr schöne Zeiten dort verbracht, aber auch regelmäßig melancholische Stimmungen durchlebt. Ob diese Reise unter einem glücklichen Stern stehen würde, wusste ich nicht. Bereits seit geraumer Zeit kriselte es in der Beziehung zwischen meiner Frau Cici und mir. Einige Male standen wir bereits kurz vor einer Trennung. Das war für die ganze Familie häufig belastend.
Und dann kam SIE.
Bereits am Nachmittag unserer Anreise war ich mit meinen Söhnen am Pool. Plötzlich, wie aus dem Nichts, sah ich eine völlig abgemagerte und sehr verängstige Hündin umherschleichen. Sie war offenbar auf Futtersuche. Einige Kinder aus dem Hotel riefen ihr zu, doch sie suchte keine Nähe und war rasch wieder verschwunden. Ihr Bild prägte sich tief in mein Inneres. Eine hoch gewachsene und langgezogene Erscheinung mit sehr großen, aufrechtstehenden Ohren. Eine weiße Grundfarbe mit rot-brauen Flecken. Ich konnte dieses Tier nicht aus meiner Gedankenwelt bekommen, zu sehr berührte mich ihr Anblick und weckte in mir meine Hilfsbereitschaft.
Ähnliche Erfahrungen haben mich mein Leben lang begleitet, mich geprägt und mir viele schöne, aber auch traurige Erlebnisse beschert. Bereits im Jahre 1972, im Alter von zehn Jahren, habe ich meinen ersten Hund an einer Landstraße im Land Brandenburg gefunden, wollte diesen unbedingt retten und brachte meine Eltern dazu, ihn aufzunehmen. Mit ihm fing alles an. Meine große Liebe zu Tieren.
Am frühen Abend des nächsten Tages lief ich mit meinem Sohn Finn durch die große Gartenanlage des Hotels. Er saß noch in einem offenen Buggy-Kinderwagen, da er mit anderthalb Jahren noch keine großen Spaziergänge durchhielt. Plötzlich erblickten wir die abgemagerte Hündin. Sie stand ganz allein im Abstand von zirka sieben Metern vor uns auf einem Weg zwischen grünen Büschen. Ich kniete mich hin und sprach sie an. Sie schaute uns an, war neugierig, aber sehr zurückhaltend. Wir gingen langsam in die andere Richtung, um zu sehen, ob sie uns folgte. Tatsächlich lief sie uns in sicherem Abstand hinterher. Durch andere Gäste des Hotels, die unseren Weg kreuzten, bekam sie Angst und verschwand in der großen Hotelanlage.
Am nächsten Morgen nahm ich vom Frühstücksbuffet einige Grundnahrungsmittel für die Erstversorgung meiner hilfsbedürftigen, vierbeinigen »Freundin« mit. Am Tage hielt ich intuitiv immerzu Ausschau nach der Hündin, egal ob ich mit einem meiner Söhne im Pool war oder wir zu viert am Strand verweilten. Den frühen Nachmittag verbrachten wir am Ende des Strandes, der Playa d’en Bossa, der in einen kleinen Berg übergeht und auf dem ein Steinturm neben einer Finca steht, als ich die Hündin vom Berg hinab in Richtung unseres Hotels laufen sah. Gleich darauf entdeckte ich sie, wie sie wieder durch die Gartenanlage schlich und im Grün der Hotelanlage verschwand. Einige Stunden später, nach dem Abendessen, mit reichlich Nahrung für das Tier im Kinderwagen, begaben Finn und ich uns auf die Suche. Nach wenigen Minuten entdeckten wir sie in einem Gebüsch. Schnell zog ich ein Stück Fleisch aus der Verpackung und warf es ihr zu. Vorsichtig nahm sie es an sich und verspeiste es. Nach und nach verfütterten wir die gesammelten Vorräte an sie. Sie lief uns noch etwas nach und wir gingen auf unser Zimmer, das im Erdgeschoss eines großen Gebäudekomplexes lag. Gleich darauf gingen wir auf unsere Terrasse und hielten von dort Ausschau. Es war kaum zu glauben: Sie stand zwischen den Palmen und Büschen direkt vor unserem Appartement. Wir lockten sie an und sie stellte sich mit ihren Vorderpfoten auf die Brüstung der Terrasse und blickte uns neugierig an. Wir schoben ihr einen sauberen Aschenbecher mit frischem Wasser unter die Brüstung in den Garten. Sofort trank sie das gesamte Wasser aus. Alles Essbare wurde aus dem Zimmer gesucht und an die Hündin verfüttert. Sie hielt immer etwas Abstand und war die ganze Zeit sehr angespannt und voller Vorsicht. Mittlerweile waren auch mein großer Sohn Lennart und meine Frau Cici dazu gekommen und freuten sich über die Fütterung. Kurz darauf erschrak die Hündin und lief schnell davon; Menschen auf dem Weg vor dem Zimmer hatten bei ihr offensichtlich alle Alarmsignale geweckt.
Nun begann ich meine Familie in meine Hilfsaktionen einzubeziehen. Meine Frau und meine Söhne sind ebenfalls große Tierfreunde, allerdings ahnten sie da noch nicht, wie sehr ich in den nächsten Tagen mein Hauptaugenmerk auf diese Hündin richten würde. Ich selbst war einfach nur um ihr Wohl bemüht und wusste an diesem Abend ebenfalls nicht, in welche Situationen wir noch geraten würden.
Der nächste Morgen begann wieder mit »Hamstern« am Frühstücksbuffet. Meine Jungs und ich steckten uns die Taschen voll. Schließlich war die Hündin derart abgemagert, dass es für einen Tierfreund kaum zu ertragen war, dies mit anzusehen. Ich entdeckte sie im Laufe des Nachmittags erneut auf dem Berg neben der Finca. Sie war nur kurz zu sehen und ich erinnere mich heute nicht mehr, ob sie dann in Richtung Hotel oder hinter der Finca verschwand. Erst nach dem Abendessen begegneten wir uns erneut im Hotel.
Wir waren nicht die einzigen Touristen, die sich um die Hündin sorgten. Ich konnte beobachten, wie eine Frau mit einem großen Teller voller Fleisch die Hündin anlockte, ihr den Teller hinstellte und sich dann zurückzog. Die Hündin hat sich dann sehr vorsichtig genähert und zu Abend gegessen. Diese Frau hatte beim Verlassen einige Tränen in den Augen und war sichtlich von der Situation gerührt.
Wir warteten anschließend auf unserer Terrasse und es dauerte nicht lange, bis sie wieder zu uns kam. Pfoten auf die Brüstung und ein neugieriger Blick zu uns. Das gleiche Ritual wie am Vorabend, Wasser und noch etwas Futter. Allerdings brachte sie uns an diesem Abend noch eine leere Plastikwasserflasche mit. Diese nahm sie in ihre lange Schnauze und warf sie im hohen Bogen auf unsere Terrasse. Wir interpretierten dies als Spiel und warfen die Flasche wieder zurück. So ging es einige Male hin und her. Den Sinn dahinter erkannte ich erst sehr viel später.
Unser Spiel wurde abrupt unterbrochen. Die Hündin zuckte zusammen und rannte rasch davon. Zwei Männer in blauen Overalls standen wie aus dem Nichts zwischen den Palmen und Büschen im Garten. Es war zirka neun Uhr und bereits fast dunkel. Nur die Wegbeleuchtung spendete noch etwas Licht. Es handelte sich um Gartenarbeiter des Hotels. Beide hielten jeweils ein Seil in den Händen, welches am unteren Ende eine Schlinge hatte. Ferner hatten sie Taschenlampen und Funksprechgeräte dabei. Ich sprach sie an und fragte, wonach sie hier suchten. Wir konnten uns aus einer Mischung zwischen Englisch, Spanisch und Deutsch relativ gut verständigen. Sie erzählten mir, dass sie einen Hund suchten, der seit Wochen sein Unwesen im Hotel trieb. Ich fragte sie, was sie mit dem Hund vorhätten, wenn sie ihn fingen. Die Antwort: »Killen!« Ich fragte nach, ob es nicht ein Tierheim gäbe. »Wir werden den Hund erhängen«, entgegneten sie mir mit voller Überzeugung. Ich blieb äußerlich gefasst, spürte aber in meinem Inneren eine Mischung aus Ohnmacht, Schmerz, Wut und Trauer. Mein Herz raste und mir wurde übel.
Ich ging auf unser Zimmer und erzählte meiner Frau von diesem Gespräch. In dieser Nacht war ich sehr unruhig und angespannt. Ich fand nicht zur Ruhe und konnte nicht glauben, was ich erfahren hatte. Wie kann man dieser hübschen und liebenswerten Kreatur nur so etwas antun?
Am nächsten Morgen erkundigte ich mich bei einem spanischen Mitarbeiter des Hotels, wie diese Hunderasse denn hieße. Ich kannte diese schlanken Tiere von vorherigen Ibiza-Aufenthalten. In den Achtziger- und Neunzigerjahren hatte ich mehrfach ganze Hunderudel an abgelegenen Straßen gesehen, mir aber nie ernsthaft Gedanken darüber gemacht. War das überhaupt ein Hund? Oder irgendein Wesen zwischen Hund und Wildtier? Der Mitarbeiter erklärte mir, dass es ganz hervorragende Jagdhunde wären, aber hier auf der Insel würden sie nicht gebraucht und vegetierten vor sich hin. Der Name der Rasse lautete Podenco.
Sofort ging ich in den Computerraum des Hotels. Im Jahr 2007 hatte ich noch kein Smartphone, mit dem man von allen Orten aus im Internet recherchieren konnte. Also nichts wie ran an die Tasten und schon wurde ich fündig. Podenco Ibicenco. Ich fand Bilder. Wunderschöne Bilder und erschreckende Texte. Tatsächlich erhängte man diese Tiere, wenn sie nutzlos geworden waren. Egal welche Seite ich auch öffnete, immer der gleiche Kontext.
Völlig niedergeschlagen verließ ich den Computerplatz und lief ziellos durch mein Urlaubsdomizil. Ich fühlte mich gehetzt. Gehetzt wie ein Hund, den keiner wollte! Ich suchte meine Familie, um ihnen diese Fakten mitteilen zu können. Aber was sollten sie machen? Wie konnten sie etwas Entscheidendes bewirken? Trotzdem hoffte ich auf einen Rat meiner Frau oder von Lennart. Sie kannten mich gut und wussten um meine Tierliebe. Nachdem ich sie getroffen und ihnen von den Ergebnissen meiner Recherche berichtet hatte, konnten mich ihre Reaktionen nur wenig beruhigen. Zu sehr war ich in einer Mischung aus Machtlosigkeit und dem Wunsch nach Hilfe, gar Rettung getrieben.
Im Laufe des Tages irrte ich wieder durch das Hotel und suchte nach meiner vierbeinigen »Freundin«. Nun tauchte noch ein weiterer Hund in der Nähe der Küche auf. Ein Schäferhund, lange nicht so abgemagert wie die Podenca, aber ebenfalls auf Futtersuche. So schnell, wie er plötzlich dort war, so schnell war er auch schon wieder verschwunden. Küchenhelfer hatten ihn sofort vertrieben.
Wir freundeten uns mit einer Familie aus Dülmen an. Sie waren in unserem Alter und hatten zwei Söhne im Alter von fünf und acht Jahren. Wir hatten ähnliche Interessen und die Kinder spielten miteinander. Selbstverständlich redeten wir auch über die Hündin. Sie hatten das völlig abgemagerte Tier ebenfalls bemerkt und ich erzählte ihnen von den bisherigen Vorkommnissen sowie meiner Recherchen.
Die Tage vergingen. Meine Frau war schon ein wenig genervt, weil sich bei mir nun alles nur noch um die Hündin drehte. Ich wollte sie einfach nur retten! Ich verließ das Zimmer nicht ohne Futter und jeden Abend suchte ich nach ihr. Regelmäßig konnte ich sie entdecken, ob im Hotel oder auf dem Berg. Sie bekam dann von mir etwas Nahrung und war wie immer sehr vorsichtig und zurückhaltend. Meine Söhne waren schon richtige Fans von dem schönen Tier und suchten ebenfalls den regelmäßigen Kontakt.
Ich traf sie eines frühen Abends und beobachtete, wie sie am Strand herumlief und neben den Liegestühlen nach Essensresten suchte. Die jungen Männer, die für den Abbau der Sonnenschirme verantwortlich waren, warfen mit zusammengefalteten Schirmen wie mit einem Speer nach ihr. Sie war glücklicherweise zu geschickt für diese hinterhältigen Attacken und konnte unversehrt entkommen.
An einem der folgenden Abende sahen wir auf unseren Streifzügen durch die Hotelanlage, wie eine Familie aus den Niederlanden aus dem ersten Obergeschoss des Hotels der Hündin Futter hinabwarf. Mehr taten sie aber nicht für sie. Gut gemeint, leider nicht mehr. Am nächsten Tag, als ich die Hündin an einer recht sicheren Stelle in der Parkanlage fütterte, wurde ich anschließend von einer Frau angesprochen. Sie war ebenfalls zu Gast im Hotel und wollte mehr über das Tier erfahren. Auch sie hatte Mitleid und wollte helfen, wusste aber nicht wie. Wir trafen uns noch einige Male zufällig, um der Hündin etwas Schutz und Futter zu geben.
Mehr und mehr verfiel ich in eine negative Stimmungslage. Die Tage vergingen wie im Flug. Es sollte eigentlich ein Urlaub am Meer mit der Familie sein, aber ich bekam diesen Hund einfach nicht mehr aus meinem Kopf. Sie war irgendwie immer präsent. Sei es beim Schwimmen oder Jet-Ski mit Lennart, Spielen und Sandburgen bauen mit beiden Kindern, bei Shopping-Touren mit Cici in Ibiza-Stadt, Familienausflügen auf der Insel oder Unternehmungen mit unseren neuen Bekannten. Ich spürte eine Zerrissenheit. Ich konnte ja nicht 24 Stunden ausschließlich mit der Rettung eines Straßenhundes beschäftigt sein. Ein Urlaub im klassischen Sinn war für mich schon lange gelaufen. Ich war gedanklich nur noch damit beschäftigt, den Hund zu retten.
Ich sprach einen deutschen Animateur aus dem Hotel an, ob es nicht jemanden gäbe, der sich darum kümmern könnte, den Hund, der hier immer herumlief, in ein Tierheim oder in gute Hände zu bringen. Seine Antwort: »Diese Ratte. Wenn wir sie kriegen, dann bringen wir sie um! Sie ist in die Kleiderkammer eingebrochen, hat dort Requisiten zerbissen und einige Sachen umgekippt. Sie ist ein Parasit und stiftet nur Unfrieden.« Dann erzählte er mir noch, dass es ein paar Spinner auf der Insel gäbe, die sich um diese Hunde kümmern würden. Bis dahin war er mir recht sympathisch gewesen... An der Rezeption erhielt ich die gleichen Reaktionen wie von den Gartenarbeitern und dem Animateur. Nicht so krass, aber deutlich. Das Tier war nicht erwünscht und musste verschwinden.
Mir ging es richtig schlecht. Ich ließ mir nichts anmerken, weder den fremden Menschen noch meiner Familie gegenüber. Immer tiefer wurde mein Wunsch, diesem Tier helfen zu wollen. Sie war mir, aber auch meinen Söhnen, schon so ans Herz gewachsen, dass es sehr schwer werden würde, sie dort im Ungewissen zurückzulassen. Was sollte, ja was konnte ich nur machen?
Ich war in einer sehr misslichen Lage. In Berlin hatte ich sehr gute Kontakte zu Tierschützern, aber hier auf der Insel? Ich kannte niemanden, wir waren Pauschaltouristen, ohne Hundehalsband, ohne Leine, vor allem ohne Impfpass für den Hund. Und wie sollte ich diese »Spinner« ausfindig machen, von denen der Animateur so abfällig gesprochen hatte? Meine Gedanken kreisten: Wie sollte, ja wie konnte ich hier noch etwas zum Guten wenden? Meine Frau war nicht sonderlich begeistert, intensive Hilfe zu leisten. Sie wäre in diesem Punkt eher Realistin. Ich hingegen würde mich in eine Sache verrennen. Sie sagte: »Lass sie hier. Hier ist sie frei und hier gehört sie hin.« Ich dachte auch daran, dass in Berlin eine drei Jahre alte Australian Shepherd-Hündin namens BeGee und eine 13 Jahre alte Katze namens Momo auf uns warteten. Wie sollte denn da noch Platz für eine völlig verängstigte und nicht domestizierte Straßenhündin aus Spanien sein? Zusätzlich hatten wir zwei Kinder und ich leitete im Beruf eine mittelständische Hausverwaltung. Tatsächlich hatte ich nicht viel Zeit, mir noch einen Straßenhund in mein direktes Umfeld zu holen. Mir war bewusst, dass es zu erheblichen Komplikationen führen könnte, diese Hündin nach Berlin zu holen. Vor allem wie? Wie um alles in der Welt sollte ich diese verängstigt Hündin hier einfangen, für einige Tage sicher unterbringen und dann noch mit nach Berlin bekommen? Undenkbar. Sie ließ sich ja noch nicht einmal von mir anfassen.
Ich hatte einige Ideen, aber keine davon war umsetzbar. Klar wurde mir nur, dass ich es auf keinen Fall allein in den nächsten Tagen schaffen würde. Und ich durfte den Kontakt zur Hündin nicht zu eng werden lassen. Ich wollte in jedem Fall verhindern, dass sie Menschen gegenüber Zutrauen gewinnen und sich womöglich anfassen lassen, dadurch in einen Hinterhalt geraten und von diesen scheußlichen Tierfängern verletzt, misshandelt oder gar getötet würde.
Ich fühlte mich wie gelähmt, saß am Strand, blickte auf das Meer und verfiel immer mehr in meine Gedankenwelt. Wie sehr hatte mich diese Insel seit meiner Jugend in den Bann gezogen. Diese faszinierende Altstadt, dieser einmalige Modestyle, die wundervollen Strände und Buchten. Aber nun begann ich, alles in Frage zu stellen. Wie gingen diese Menschen hier mit ihren Tieren um? Diese liebenswerte und wunderschöne Hündin, was machten sie hier mit ihrer eigenen Hunderasse! Ich fühlte mich gebrochen. Wenn ich sie nicht retten könnte, dann würde ich mir sehr, sehr lange Vorwürfe machen, wenn nicht gar mein Leben lang. Ich verfüge über ein wahrhaftig erstklassiges, aber auch beängstigendes Langzeitgedächtnis. Daher wusste ich bereits an diesen Tagen, dass es mich immer wieder einholen würde, wenn ich nicht jetzt mit dem Kampf für diesen Hund beginnen würde. Also, wenn ich sie nicht nach Berlin bekäme, dann sollte sie es doch wenigstens hier gut haben. In diesen Momenten akzeptierte ich, dass meine Gedanken sehr unrealistische Wunschvorstellungen waren. Träumereien, wie ein kleiner Junge, der sich wünscht, dass er diesen Hund bei sich haben kann und dadurch glücklich ist, nur weil es dem Hund gut geht. Ich wollte dann doch lieber realistisch bleiben und versuchen, hier ein gutes oder zumindest erträgliches Zuhause für sie zu finden.
Gleich am nächsten Tag lief ich auf den Berg zur Finca. Eventuell wüsste man dort Näheres, oder vielleicht gehörte sie womöglich dort hin? Leider war das Haus verwaist und es gab keinen Hinweis, dass sie dort ein Zuhause hatte.
Ich wurde immer ruheloser und getriebener. Getrieben von dem Willen, etwas zum Guten bewegen zu können, mit der Erkenntnis, nichts ausrichten zu können. Es war ein Kampf gegen Windmühlen.
Nochmals fragte ich an der Rezeption nach (diesmal war es eine weibliche Angestellte), ob es nicht Möglichkeiten einer Vermittlung oder Unterbringung für den Hund gäbe. Keine Chance. Freundlich, aber sehr bestimmt.
Meine Frau konnte meine Stimmungslage erahnen, aber nicht komplett nachvollziehen. Meine Kinder waren noch viel zu klein und ich wollte sie damit nicht belasten. Unsere Urlaubsbekanntschaft aus Dülmen wurde von mir dazu überredet, dass sie die Hündin noch einige Tage nach unserer Abreise beobachten und füttern würde. Sie waren auch tierfreundlich und der Hündin wohl gesonnen. Das waren aber keine richtigen Hilfeleistungen, sondern nur vorübergehende Linderungen. Schließlich war sie dauerhaft in ernsthafter Gefahr, in eine Falle zu geraten. Fast jeden Abend erblickte ich die Männer in den Overalls mit den Schlingen. Es wurden nun immer mehr. Sie liefen an verschiedenen Stellen herum und sprachen über Funk miteinander. Meine Stimmung war zum Zerreißen. Ich entwickelte nicht nur eine extreme Antipathie gegen diese Menschen, es stellte sich eine regelrechte Verachtung bei mir ein. Ich wollte diese Leute stoppen, sie daran hindern, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen. Aber mit solchen Typen kann man ja nicht sachlich reden. Sie können meine Gefühle Tieren gegenüber nicht einmal im Ansatz verstehen. Für sie war diese Hündin nur ein Feind, den man ausmerzen musste. Keinerlei Mitgefühl mit einem Tier, welches bis dahin nur auf der Flucht gewesen war und bis auf ganz wenige Ausnahmen nur Menschen erlebt hatte, die ihr nicht wohl gesonnen waren.
Nach den ersten Tagen der zufälligen Begegnungen entwickelte sich ein richtiges Ritual zwischen der Hündin und uns. Ich lief mit Finn im Kinderwagen durch die Hotelanlagen, die Hündin kam aus einem Versteck, welches regelmäßig an unterschiedlichen Stellen war und folgte uns. Meine Frau und Lennart folgten dann der Hündin, um sie nach hinten abzuschirmen. Die Hündin wurde uns gegenüber immer zutraulicher und freute sich. Nach den ersten sehr vorsichtigen Annäherungen, bei denen sie immer ihre Rute bis hin zum Bauch zwischen die Beine klemmte, lief sie nun bereits mit wedelnder Rute hinter uns her. Ja, sie lief sogar auf uns zu, wenn wir uns zu ihr drehten! Sie blieb aber noch immer in einem Abstand von rund zwei Metern vor uns stehen. Dabei war Finn in seinem Kinderwagen völlig aus dem Häuschen, er hüpfte vor Freude hoch, winkte und rief ihr zu.
Nun begann ich auch, Fotos von ihr zu machen. Nicht als Urlaubserinnerung, denn eine Erinnerung an sie wäre immer nur schmerzhaft und mit tiefer Trauer verbunden. Intuitiv machte ich Bilder von ihr, um sie eventuell einmal identifizieren zu können. Eine unterschwellige Hoffnung, dass wir uns einmal wieder begegnen würden.
Dann kam der 24.07.2007, mein 45. Geburtstag, und die Hündin war den ganzen Tag nicht zu sehen. Am Abend saßen wir mit den Bekannten am Pool und feierten gemeinsam. Doch nach ausgelassenem Feiern war mir nicht zumute. Ich suchte alle zwanzig Minuten nach ihr, leider ohne Erfolg. Mit einer großen Ungewissheit und voller Sorge um dieses Geschöpf ging ich zu Bett.
Der nächste Morgen war unser letzter Urlaubstag und meine Familie wollte diesen Tag nochmals ausgiebig genießen. Aber ich hatte keinerlei Freude mehr auf dieser Insel. Ich kam nicht mehr heraus, heraus aus meiner Gefühlswelt, aus meiner zutiefst empfundenen Trauer. Der Trauer um ein Tier, welches mir bereits zu nah gekommen war» mir ans Herz gewachsen war, dem ich doch nur allzu gern helfen würde, verhelfen zu einem Leben in Sicherheit und Geborgenheit. Seit Stunden stellte ich mir wieder und wieder die Frage, ob die Tierfänger ihr etwas angetan hatten.
Dem von mir geäußerten Wunsch, die Hündin ausgiebig suchen zu wollen, da wir sie nun bereits seit über einem Tag nicht mehr gesehen hatten, kam meine Familie gern nach. So begannen wir gemeinsam einen Streifzug durch die nähere Umgebung. Und tatsächlich fanden wir sie schon im Laufe des Vormittags. Mir fiel ein großer Stein vom Herzen. Die Freude war auch von ihrer Seite sehr groß. Sie hielt immer noch Abstand, allerdings wedelte sie uns sehr freundlich zu und kam bereits noch ein Stück näher als zuvor. Meine Kinder mochte sie sehr gern, das konnten wir alle spüren. Wie sehr sie meine Kinder mochte, dass wussten wir in diesem Moment noch nicht.
Diese Annäherung war für uns in diesem Augenblick ein wahres Glücksgefühl. Gleichzeitig war die Nähe zu Menschen für sie wahrhaftig sehr bedrohlich: Zu viel Zutrauen oder Nähe zu den falschen Leuten, und ihr Schicksal wäre besiegelt.
Leider verloren wir uns schnell wieder aus den Augen; sie musste fliehen, zu viel Betrieb war auch an diesem Vormittag im Hotel und sie war wieder einmal mehr auf der Flucht.
Ich suchte sie nochmals am Nachmittag am Turm auf dem Berg, aber keine Spur von ihr. Diesen Hund hier zurücklassen zu müssen, mit einem so ungewissen Gefühl, aber gleichzeitig mit der Gewissheit, dass sie kein schönes Leben und sehr wahrscheinlich ein schreckliches Ende erleiden würde, bereiteten mir seelische Schmerzen. Keines meiner Vorhaben, etwas zum Guten bewegen zu können, hatte ich in die Tat umsetzen können. So versank ich erneut in Melancholie und wurde sehr traurig. Ich konnte und wollte es einfach nicht akzeptieren, dass es mir nicht gelungen war, sie zu retten!
Nach dem Abendessen war sie nicht aufzufinden. Finn und ich suchten im ganzen Hotel nach ihr, aber sie war an keinem der vorherigen Verstecke. Niedergeschlagen gingen wir auf unser Zimmer. Es war bereits dunkel und ich blickte von der Terrasse in den Sternenhimmel. Und plötzlich, wieder als käme sie aus dem Nichts, schlich sie durch den Vorgarten in Richtung unserer Terrasse. Sie stellte sich mit den Vorderpfoten auf die Brüstung und begrüßte mich.
Unsere letzte Nacht auf Ibiza. Meine Söhne und meine Frau schliefen ebenfalls noch nicht, und als sie bemerkten, dass unsere Freundin wieder da war, kamen sie alle ruhig und freudig zu mir. Wieder warf sie uns eine leere Plastikflasche auf die Terrasse und sie bekam natürlich Futter und Wasser. Ganz still stand sie plötzlich vor Lennart und nahm direkten Kontakt mit ihm auf. Sie waren sich ganz nah. Nur wenige Zentimeter trennten beide voneinander. Lennart streckte ihr vorsichtig seine Hand entgegen und sie ließ sich von ihm am Kopf streicheln. Was für ein Gefühl. Mir stockte der Atem und mein Herz raste. Vor Glück und tiefster Freude. Aber gleichzeitig schrillten alle Alarmsignale in mir hoch! Was, wenn diese hinterhältigen Tierschänder ihr so nahe kämen?
Doch Lennart ging noch einen Schritt weiter. An den Abenden zuvor hatten wir scherzhaft über einen Namen für sie gesprochen. Lennart war der Meinung, »Pitti« würde gut zu ihr passen, »Ibiza-Pitti«. Ernsthaft hatten wir dies aber nicht verfolgt. Zu groß waren die Gefahren für diesen Hund, zu kurz unsere Begegnungen und zu ungewiss die gesamte Situation. Nun nahm Lennart den Aschenbecher, den wir seit über zehn Tagen als Trinknapf umfunktioniert hatten, füllte ihn mit etwas Wasser und stellte ihn auf den Tisch. Er steckte zwei Finger in das Wasser, streichelte ihr mit den nassen Fingern über ihren Kopf und sagte zu ihr: »Ich taufe dich auf den Namen Pitti.« Sie ließ dieses kurze, aber so einprägende Ritual über sich ergehen. Dann sprach Lenny noch weiter mit ihr. Er sagte: »Ich wünsche dir alles Gute und viel Glück, aber leider werden sie dich hier töten. Nur gut, dass ich dich noch getauft habe.« So wie mein Sohn als ein kleiner Junge im Alter von acht Jahren und in seiner Gefühlswelt mit dieser Hündin sprach, das berührt mich noch heute.
