Tanjas Welt Band 6 - Tanja Wekwerth - E-Book

Tanjas Welt Band 6 E-Book

Tanja Wekwerth

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Beschreibung

Warum besuchen uns Schwiegermütter? Warum muss man wissen, wie spät es ist? Und warum eigentlich immer ich? Tanja Wekwerth ist wieder da! Nunmehr zum sechsten Mal schreibt die Mutter von drei Kindern über den ganz alltäglichen Wahnsinn in der Familie - launig, witzig und manchmal richtig weise.

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Seitenzahl: 216

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1 Meine Kinder mögen Eis – keine Kunst

»Auch im Urlaub kann man nicht immer nur mit Playmobil spielen«, sagte ich meinen Kindern. Schließlich wollte ich sie allesamt in die Neue Pinakothek schleppen …

»Stimmt«, antwortete Samuel einsichtig. Doch bevor ich allzu stolz auf ihn sein konnte, ergänzte er: »Und deswegen gehen wir heute ins Schwimmbad und zu Mittag in die Pommesbude!«

»Nein!«, widersprich ich streng. »Wir gehen in eine Gemälde-Ausstellung!«

»Wer hat da was gemalt?«, wollte Sanne wissen.

»Ganz viele Maler. Zum Beispiel Caspar David Friedrich«, schwärmte ich. »Ein romantischer Maler, er gilt als einer der größten Künstler Deutschlands und des neunzehnten Jahrhunderts und …«

»Ach, nö«, sagte Mäxchen, unser Jüngster, daraufhin schlicht. »Ich möchte doch lieber ins Schwimmbad.«

»Meine Güte!«, rief ich ungehalten. »Andere Kinder in eurem Alter haben schon Opern komponiert. Mozart zum Beispiel. Und ihr wollt immer bloß spielen. So ein bisschen Kunstgeschichte wird euch nicht wehtun!«

So kam es, dass ich mich mit meinen drei desinteressierten, schwitzenden Kindern an einem heißen Nachmittag im August auf den Weg in Münchens Theresienstraße machte.

In der Leopoldstraße gab es die erste Krise. »Mir ist heiß«, knatschte Samuel.

»Wir sind ja gleich da«, beruhigte ich ihn. »Du wirst sehen: Die Ausstellung gefällt euch ganz sicher. Friedrich zum Beispiel gilt mittlerweile als Wegbereiter der europäischen Moderne.« Ich muss gestehen, dass ich mich wirklich gut auf diesen Museumsbesuch vorbereitet hatte.

»Wie hat der denn den Weg bereitet?«, motzte Samuel.

»Nun …«, begann ich verunsichert.

Zum Glück unterbrach mich Sanne in diesem Moment. »Gibt es da eine Klimaanlage?«, wollte sie wissen, und das begann mich dann wieder zu ärgern.

»Wieso …«, meckerte ich, »… wieso seid ihr so ignorant? Was ist so schlimm an weltberühmten Gemälden, die die Natur als Spiegel menschlicher Empfindungen betrachten, was ist so schlimm an …«

Schon wieder wurde ich unterbrochen. »Gefühle ?«, rief Mäxchen mit schriller Stimme. »Was haben denn die damit zu tun?«

»Kinder«, sagte ich und bemühte mich um mütterlich heitere Gelassenheit, was mir bei über dreißig Grad verdammt schwer fiel. »Dieses Museum ist ein künstlerischer Höhepunkt der Stadt München. Mehr als 400 bedeutende Gemälde des 18. und 19. Jahrhunderts sind hier zu sehen.«

»Vierhundert Bilder?«, schrie Sanne entsetzt auf. »Du heiliger Strohsack! Wie lange wird das dauern?«

Genervt stöhnte ich auf. »Andere Kinder spielen Schach und Geige und überspringen nebenbei noch ganz lässig zwei Klassen. Und alles, was ich von euch erwarte, ist, dass ihr einfach mal eine Ausstellung besucht!«

»Und andere Kinder dürfen Reiterferien auf dem Ponyhof machen!«, konterte Sanne geschickt.

»Ich will ein Eis«, quengelte Samuel. »Andere Kinder kriegen jeden Tag dreimal Eis.«

So viel zum Argument »andere Kinder«.

»Ihr bekommt nach der Ausstellung ein Eis, okay?«, versuchte ich zu verhandeln. Ohne großen Erfolg.

»Jetzt!«, beharrten die Kinder.

»Später!«, betonte ich.

»Jetzt!«

»Später!«

»Jetzt!«

»Okay!«

Umgehend wurde der nächste Eisstand von uns belagert, und es dauerte eine Weile, bis meine Kinder sich entschieden hatten, ob sie nun Erdbeer-Himbeer-Eis im Hörnchen oder lieber grünes Shrek-Eis im Becherchen haben wollten.

»Und gleich können wir uns in aller Ruhe die Gemälde ansehen«, rief ich froh und bemühte mich sogleich wieder darum, das Kunst-Interesse der Kinder zu erwecken. »Wisst ihr, dass Friedrich und viele seiner Kollegen im Alter hoch verschuldet waren ?«

»Na!«, machte Sanne abfällig und bohrte ihre Zunge in eine Kugel Eis. »Zum Malen braucht man ja nicht viel Geld. Wenn allerdings Britney Spears keine Platten mehr aufnehmen könnte – das wäre schlimm!«

»Oder Benjamin Blümchen!«, rief Max voller Entsetzen.

»Das wäre gar nicht so schlimm«, widersprach ich, und so langsam fragte ich mich, ob ich tatsächlich die Nerven haben würde, mit drei mürrischen, erhitzten Kindern in die Pinakothek zu gehen. Würden sie nicht nacheinander alle aufs Klo müssen, anschließend Durst haben und sich dann sowieso nur für Feuerlöscher und Notausgangsschilder interessieren?

Inzwischen hatten wir den Vorplatz des Museums erreicht, und für all jene, die es nicht wissen: Da stehen einige Bäume, unter deren kühlen Schatten man es sich bequem machen kann.

Das haben wir dann alle vier auch getan, und weiter sind wir an diesem heißen Nachmittag im August nicht mehr gekommen. Wir haben noch ein Eis gegessen, und dann sind wir ins Hotel gegangen und haben die Maler eben Maler sein lassen.

Ich werde morgen allein wiederkommen und am Nachmittag mit den Kindern ins Schwimmbad gehen und Pommes rotweiß essen. Andere Kinder sind in diesem Alter vielleicht bereits Klaviervirtuosen und spielen nicht mit Playmobil, aber meine Kinder sind eben ganz normale Kinder, und ganz besonders nette – wenn sie dreimal am Tag Eis essen dürfen.

2 »Das ist ja sooo ungerecht!«

Meine drei Kinder haben einen ausgeprägten Sinn für Gerecktigkeit. Und das nicht nur, wenn es darum geht, eine Viererpackung »Hanuta« zu teilen.

»Das ist ja so ungerecht«, erbost sich Samuel, weil seine Schwester einen Millimeter mehr der heiß begehrten Haselnuss-Knusperwaffel ergattert hat. »IMMER bekommt Sanne mehr als ich. IMMER wird sie vorgezogen, nur weil sie ein blödes Mädchen ist!«

Haben Sie schon mal versucht, ein viereckiges, krümeliges Hanuta in drei gereckte Teile zu zerlegen? Es ist nicht einfach. Schon gar nicht, wenn man dabei von drei argwöhnischen Augenpaaren beobachtet wird. »Na schön«, habe ich also erwidert und das Messer, mit dem ich die höchst komplizierte Zerlegprozedur durchgeführt hatte, beiseite gelegt. »Ich habe eine bessere Idee.« Und dann habe ich mir das dreigeteilte Objekt der geschwisterlichen Verfeindung selbst in den Mund gestopft.

Zuerst herrschte schockierte Stille in der Küche. Man körte nur meine Kiefer mahlen. (Ganz schön lecker, so ein Hanuta). Dann gellte es aus drei geknechteten Kinderkehlen: »Das ist ja so ungerecht!!!«

»Wieso?«, gab ich mit vollem Mund zurück. »Im Gegenteil: Ihr drei habt jeder ein Hanuta gehabt, und das vierte ist für mich. Ganz einfach.«

»Aber du bist auf Diät!«, erinnerte mich Sanne listig. Und Samuel schüttelte fassungslos den Kopf. Dass seine Mutter so egoistisch, so verfressen, so gehässig sein konnte, ihren eigenen Kindern ein wichtiges Grundnahrungsmittel vor der Nase wegzufuttern!

Er sah jedenfalls so aus, als ob er all das gerade dachte.

Mäxchen zog die Nase kraus. »Mamas brauchen keine Schokolade«, erklärte er mir. Das fand ich dann wiederum ganz schön ungerecht.

»Mamas sind auch Menschen«, erinnerte ich ihn. Und dann machte ich mich daran, die Spülmaschine auszuräumen. »Kann mal einer helfen?«, fragte ich in die Besteckschublade, doch da waren alle Kinder auf einmal verschwunden. »Das ist ja so ungerecht«, murmelte ich.

Wenig später fiel mir auf, dass die englische Rose auf Nachbars Balkon viel schöner blühte als meine. Um genau zu sein, blüht meine überhaupt nicht mehr, sie ist nämlich eingegangen. Und das ist auch wieder ungerecht. Ungerecht von wem eigentlich? Von der Rose? Oder vom Schicksal? Wie auch immer. Ob es um ein Hanuta geht oder um das Glück, den grüneren Rasen, den größeren Busen, die talentierteren Kinder zu haben, immer ist es irgendwie ungerecht.

»Du hast Samuel drei Gute-Nacht-Küsschen gegeben und mir nur einen«, schluchzt Mäxchen unter seiner Bettdecke.

»Dafür warst du zehn Sekunden länger bei Mäxchen«, kontert Samuel und verzieht sich ebenfalls unter der Decke. Und wie aus einem Munde tönt es gedämpft an mein Ohr: »Das ist ungerecht.«

Also küsse ich links noch zweimal nach, verweile rechts zehn weitere Sekunden (nicht elf! Um Gottes Willen!) am Bettrand und gehe dann hinüber zu Sanne, die sich sowieso immer ungerecht behandelt fühlt. Von mir, von ihrem Vater, von ihren Brüdern, Freundinnen, Lehrern. Es muss am Alter liegen.

»Elisa hat viel längere Wimpern als ich«, stößt sie verbittert hervor.

»Dafür hast du längere Haare«, versuche ich zu trösten.

»Aber ihre sind gelockt und meine sind Schnittlauch.«

»Weißt du«, sage ich zu Sanne, »manche Leute haben überhaupt keine Haare.« Nachdenklich sieht sie mich an.

»Stimmt«, sagt sie.

»Und Heidi Klum hat auch Schnittlauchhaare und verdient eine Menge Geld damit«, fahre ich fort.

»Stimmt«, sagt Sanne wieder und sieht auf einmal ganz zufrieden aus.

»Man findet immer, dass es andere besser haben«, fahre ich mit meiner Predigt fort, weil ich gerade so gut in Schwung bin. »Aber meistens stimmt das nicht.« Den Gedanken an Nachbars üppig blühende Rose verdränge ich schnell. Dafür werde ich mir Lavendel kaufen, der ist nämlich nicht so zickig wie englische Rosen.

»Aber dass Deutschland gegen Italien verloren hat, ist ungerecht!«, kräht Samuel aus dem Nachbarzimmer.

»Ist es nicht«, ruft Sanne zurück. »Die Italiener haben einfach besser gespielt!« Sie grinst mich an, als lautes Protestgeheul aus dem Jungszimmer zu uns dringt.

»Aber dass die Bayern Bruno den Bären abgeschossen haben«, kreischt Mäxchen wie eine Feuerwehrsirene, »das ist wirklich ungerecht!«

»Stimmt!«, gebe ich zu. »Vielleicht hätte man sich mehr Mühe geben müssen, ihn lebend zu fangen, aber wisst ihr, Bären sind sehr gefährlich und …«

»Und was am aller-aller-ungerechtesten ist …«, werde ich von Samuels Stimme unterbrochen, »… ist, dass du immer ewig bei Sanne am Bett sitzt und bei uns nie so lange!«

3 Elternabende sind so langweilig …

Manche Dinge machen mehr Spaß als andere. Zunehmen ist zum Beispiel lustiger als abnehmen, und im Kino zu sitzen ist sehr viel unterhaltsamer als beim Elternabend.

Genau darauf konzentriere ich mich gerade. Ich befinde mich mit eingeschlafenem Gesäß auf einem viel zu kleinen Kinderstühlchen und nehme an Mäxchens Kindergarten-Elternabend teil. Es geht gerade um die Zweckmäßigkeit von Schutzimpfungen. Offenbar ist das ein hoch emotionales Thema. Kann ich nicht verstehen. Wer will sich heutzutage noch mit Mumps, Masern und Röteln rumschlagen, wenn er nicht muss? Aber die Mutter von Lotte sieht das anders.

»Man muss den Körper selbst reagieren lassen«, erbost sie sich. »Impfungen können sehr gefährlich sein!«

Aus meinem Mund dringt ein Gähnlaut, der jäh unterbrochen wird von der vor Empörung zitternden Stimme von Mimis Vater. Er hält einen Vortrag über die Masern. Ich nutze die Zeit, um ein Schälchen Erdnüsse quer über den (niedrigen!) Tisch in meine Nähe zu ziehen.

»Möchte noch jemand eine Tasse Kräutertee?«, fragt die Mutter von Malve.

Nee, denke ich und gehe zu Gummibärchen über, ich hätte lieber ein Glas Rotwein.

Als die Gummibärchen alle sind, hat die Erzieherin wieder das Wort. »Das Sommerfest ist noch zu planen«, sagt sie gerade. »Wir brauchen viele, viele gute Ideen.«

Energisch sauge ich an einer Salzstange. Das sieht bestimmt irre kreativ aus. Ist es aber nicht.

»Wir könnten verschiedene Rassel- und Trommelinstrumente herstellen und die Kinder musizieren lassen«, schlägt eine üppige Mutti vor.

»Gute Idee«, murmele ich mit vollen Backen, um auch mal was zu sagen. Nicht, dass ich hier negativ auffalle. Nicht, dass die anderen glauben, ich wäre eine von denen, die sich aus allem raushält. So bin ich gar nicht. Wirklich nicht.

»Prima«, freuen sich Erzieherin und mollige Mutti wie aus einem Munde. »Dann kannst du ja diesen Part übernehmen.«

Ich verschlucke mich an der Salzstange. »Ich?«, rufe ich hustend. »Wieso ich? Es war doch überhaupt nicht meine Idee!«

Die mollige Mutter lächelt mich listig an. »Aber sie hat dir spontan so gut gefallen.«

Toll! Jetzt kann ich mir den Kopf darüber zerbrechen, wie ich heitere Rasseln und Trommeln herstellen werde. Den Rest des Elternabends verbringe ich stumm. Nicht, dass ich auch noch zum Elternbeirat gewählt werde. Das hätte gerade noch gefehlt.

Ein paar Tage später ist wieder Elternabend. Diesmal an Sannes Schule. Wenigstens sind hier die Stühle nicht mehr so zwergenhaft. Dafür gibt es auch keine Gummibärchen.

»Wer führt das Protokoll?«, fragt die Klassenlehrerin Frau Schulz streng.

Alle blicken zu Boden.

Ich fühle den fragenden Blick der Lehrerin auf meinem Scheitel brennen. Und kann es gar nicht mehr aushalten.

Wenn sie mich fragt, werde ich sagen: »Tut mir Leid, Frau Schulz, ich habe heute bereits so viel geschrieben, mir tut schon die Hand weh.« Das kommt doch gut: viel beschäftigte Autorin mit Schreibkrampf.

»Frau Wekwerth, Sie vielleicht?«, höre ich in diesem Augenblick ihre Stimme.

»Ja, o.k.«, flüstere ich ergeben und ärgere mich maßlos über meine Charakterschwäche. Um mich herum wird aufgeatmet.

»Thema Nummer eins: Hausaufgaben«, sagt Frau Schulz, und ich muss schon wieder gähnen. Es geht eine lange Weile hin und her. Zu viele Hausaufgaben finden die einen, zu wenig die anderen. Was denn nun? Sollen sie es mal ausdiskutieren, ich male solange ein paar Blümchen an den Rand.

Irgendwie habe ich auf einmal den Anschluss verpasst, denn inzwischen geht es um die Anschaffung eines Zirkels. Vielleicht bin ich auch kurzfristig eingenickt? Die Ausführung eines schnauzbärtigen Vaters hat mich zu sehr ermüdet. »Meine Güte«, denke ich und male das Haus vom Nikolaus, »kann das Leben langweilig sein.«

»Was erzählen denn die Kinder zu Hause?«, will Frau Schulz jetzt wissen.

»Na«, denke ich. »Das werde ich dir ganz bestimmt nicht sagen.«

»Frau Schulz ist eine blöde Kröte und hat Mundgeruch«, hat Sanne erst heute Morgen am Küchentisch verkündet.

»Frau Wekwerth, Sie lächeln so versonnen«, wendet sich die blöde Kröte, pardon, Frau Schulz an mich. »Was erzählt denn Ihre Sanne so?«

»Ähemmm«, mache ich. Und dann fängt der Schnauzbartvater zum Glück an, über den Sportlehrer zu meckern. Unruhig rutsche ich hin und her. Mir ist so langweilig, dass ich gleich vom Stuhl kippe. Wann war mir das letzte Mal so langweilig? Ich glaube zu Schulzeiten, in der Geschichtsstunde von Frau Drossel.

4 Sind Cheeseburger wirklich gesund?

Natürlich sind sie das, sonst würde doch ein so sportlicher Typ wie Michael Ballack nicht dafür werben. Das jedenfalls glauben meine Söhne.

Und meine Tochter Sanne schwört auf den Joghurt-Shake von McDonald’s. Sie hofft, damit ebenso schön zu werden wie Heidi Klum. Mir sind sowohl Michael als auch Heidi ziemlich egal. Ich mache mir dafür tiefschürfende, pädagogische Gedanken. Denn kürzlich habe ich gelesen, dass man den Kindern Fast Food nicht gänzlich vorenthalten sollte, sonst würde die Neugier darauf nur umso größer. Die alte Geschichte also. Hätten Adam und Eva sich vom Apfelbaum bedienen dürfen, hätten sie dafür Pflaumen geklaut, hätte König Blaubart nicht die Tür mit dem goldenen Schlüssel verboten, hätte Frau Blaubart ihre toten Vorgängerinnen nicht entdeckt und wäre heute noch mit dem Fiesling verheiratet.

Wenn die Kinder also von vornherein ein goldenes Schlüsselchen haben, dann wissen sie, was hinter der geheimnisvollen »Big Mac Tasty«-Welt steckt. Nämlich ein schlappes Brötchen mit Hackfleisch. So dachte ich. Die Chefs der Hamburger-Ketten sind aber schlauer als ich, oder sie haben länger nachgedacht. Und deswegen haben sie viel Geld an Heidi und Michael gezahlt und zusätzlich noch das Happy Meal erfunden.

»Dreimal Happy Meal«, sage ich bissig am Tresen, und sogleich beginnt das große Durcheinander.

»Ich will die Schiedsrichterpfeife«, schreit Samuel schrill und panisch.

»Ich auch!«, echot sein Bruder. »Nein, doch nicht. Ich will lieber die Hantelflasche!«

»Es geht doch jetzt erst mal ums Essen«, sage ich milde.

»Ich nehme den Kickzähler!«, ruft Samuel.

»Und ich die Armtasche«, erklärt mir Max geduldig.

»Wollt ihr Hamburger oder Cheeseburger?«, will jetzt die Dame hinter dem Tresen erfahren.

»Cheese!«

»Harn!«

»Nein, lieber doch Hamburger!«

»Kann ich auch Chicken Mac Nuggets haben?«

So geht es eine Weile hin und her.

»Was soll ich überhaupt mit dem ganzen Fußballkram?«, empört sich Sanne auf einmal. »Ich möchte doch kein Happy Meal, sondern den Crispy Chicken Caesar Salad und einen Fruchtjoghurt-Drink Waldbeere. Genau wie Heidi.«

Ich höre mich stöhnen.

Die Dame tippt hektisch in ihrer Kasse herum. Sie müsste mit der Problematik vertraut sein.

»Jetzt hab’ ich’s!«, ruft Samuel froh.

Wie schön, denn hinter uns in der Warteschlange wird bereits gemurrt.

»Ich nehme, und jetzt bin ich mir ganz sicher, doch die Schiedsrichterpfeife.«

»Nachmacher!«, meckert Max.

»Wiesoooo? Ich hab es zuerst gesagt!«

»JUNGS!«, höre ich mich rufen. Etwas zu laut. »Wollt ihr Hamburger oder Cheeseburger?«

»Cheeseburger«, antworten beide wie aus einem Mund.

Na also, es geht voran.

Die Dame hackt auf der Tastatur herum. »Pommes oder Farmkartoffeln?«, will sie jetzt wissen.

Ist das ein Verhör? »Was sind denn Farmkartoffeln?«, fragt Samuel. Man erklärt es ihm. »Lieber Pommes«, entscheidet er.

»Ob Heidi auch Farmkartoffeln isst?«, fragt sich Sanne halblaut. »Dann würde ich die auch gern nehmen.«

Ich schwitze und atme tief den Geruch von Fritierfett ein.

»Ketchup oder Mayo?«, fragt die Dame weiter. Ich kann nicht mehr. Meine Kinder geben zahlreiche Antworten.

»Ketchup.«

»Mayo!«

»Auch Mayo!«

»Nachmacher!«

»Selber!«

»SCHLUSS!« (Das war ich.)

Die Dame kratzt sich diskret am Kopf. Und schon macht sie den Mund wieder auf, um weitere, heitere Fragen zu stellen. »Cola, Fanta, Wasser?« Und wieder wird munter geantwortet. Alle durcheinander.

Sehr kommunikativ ist dieser Laden. Sehr weit sind wir trotzdem nicht gekommen. Samuel plagen nervöse Magenschmerzen: Er weiß einfach nicht, ob er nicht doch die Torwarthandschuhe nehmen soll. Das ist wirklich eine kniffelige Entscheidung für einen kleinen Jungen. Max hat sich inzwischen entschieden. Er nimmt den Trainingskicker, einen Cheeseburger mit Pommes und Ketchup und eine Fanta.

Bravo! Dieses Kind wird es mal weit bringen.

Samuel rauft sich die Haare, schließlich sagt er sichtlich gestresst: »Das nehme ich auch.«

»Nachmacher«, zetert Max. Ich gebe ihm einen kleinen Stoß. Hinter uns haben viele Menschen die Schlange gewechselt. Mein Deo beginnt zu versagen. Sanne will inzwischen lieber einen Gartensalat, doch dann entdeckt sie die Armtasche.

»Ich nehme doch das Happy Meal«, verkündet sie fröhlich. »Dann kann ich meinen Kirsch-Labello unterbringen.«

Wir haben es geschafft. Ich könnte weinen vor Glück.

»Und Sie?«, fragt die Dame und sieht mich an.

»Einen Kaffee«, sage ich schnell. Und Champagner für alle, denke ich erleichtert. Falls es den hier gibt.

Doch zu früh gefreut. »Ach«, ruft die Dame. »Die Trainingskicker sind leider alle.«

»Nein!«, höre ich mich schrillen. »Das darf doch nicht wahr sein!«

»Ist ja nicht so schlimm, Mama, reg dich nicht auf. Dann nehmen wir eben den Sprungzähler oder lieber doch die Schiedsrichterpfeife?«

5 Lust auf Veränderung

Haben Sie die auch manchmal? Es gibt verschiedene Methoden, diese Lust auszuleben. Die meisten sind teuer. Viele bereut man später. Und was die Familie dazu sagt, ist noch mal ein ganz anderes Thema.

Sich in wilder Veränderungswut in die nächste Modeabteilung zu stürzen, kostet meistens sehr viel Geld und endet damit, dass man ein untragbares Kleidungsstück mehr im Schrank hängen hat. Seit meinem letzten »Jetzt muss aber mal was passieren«-Anfall, der auch irgendetwas mit Midlife-Crisis zu tun hatte, liegt ein transparenter Minirock in Leopardenoptik hinter einem Stapel Pullover. Er war sehr teuer, das Preisschild hängt noch dran, und jedes Mal, wenn mich ein neues Mimikfältchen überfällt, erinnert mich der Minirock stumm daran, dass ich nicht Sonya Kraus bin und auch gar nicht sein will und dass Älterwerden auch ganz nett sein kann. Ich meine, Brigitte Mira war doch auf ihre Weise auch ein ganz heißer Feger.

So richtig überzeugt war ich aber doch nicht. Den Minirock hat meine Tochter Sanne schließlich bei einer Verkleidungsparty getragen. »Der ist ja so herrlich peiiiiiiinlich!«, hat sie gerufen und sich als »Blöde Tussi« verkleidet. Die wahre Ursprungsgeschichte des »Tussi-Rocks« habe ich meiner pubertären Tochter erspart. Und dass ich mich immerhin eine Viertelstunde lang in einer Umkleidekabine ganz umwerfend darin gefunden hatte, auch.

Inzwischen habe ich einen neuen Weg gefunden, wenn mir nach Veränderung ist, einen viel preisgünstigeren, um mich neu zu erfinden: Ich räume meine Wohnung um. Denn heißt es nicht, dass das Äußere auch das Innere widerspiegelt? Was will mir also diese bauchige, verstaubte Vase aus den Siebzigern über meinen Seelenzustand sagen? Dass ich Tante Gertrud, die sie mir vermacht hat, so besonders gern gehabt habe? Dass ich in der Lage bin, Dinge in Ehren zu halten? Nö, eigentlich nicht. Eher, dass ich keine Lust habe, ganz oben im Regal Staub zu wischen. Nachdenklich betrachte ich das orangefarben gescheckte Monstrum und schüttele den Kopf. Dieses Ding muss raus aus meinem Leben.

Sogleich fühle ich mich wohler. Was jetzt? Eine Rundum-Veränderung ist ein Vasen-Rausschmiss nun auch nicht wirklich. Man könnte ja mal das Sofa umstellen, den Teppich aufrollen, die Gardinen herunterreißen. Wild klopft mein Herz. Ja! Das werde ich tun, denn zu einer modernen, selbstbewussten, extravaganten Frau (all das beschließe ich ab sofort zu sein) passt diese überaus spießige Wohnzimmereinrichtung nicht mehr. Energisch zerre ich am Sofa. Was soll diese stereotype Anordnung? Warum müssen sich alle Sitzmöbel um den Fernseher gruppieren? Mein neues wildes Ich keucht entsetzt. Wie KONNTE ich bloß so lange so leben? Wenig später steht das Sofa lässig mit dem Rücken zum Fernseher. Das sieht geradezu avantgardistisch aus. Wer will schon fernsehen im Hause Wekwerth? Hier wird ab sofort über Kunst diskutiert, hier werden Lesungen und Vernissagen stattfinden. Ich sollte mir einen Opiumtisch anschaffen. Ich werfe einen skeptischen Blick auf den langen Kratzer im Parkett, den das Sofageschiebe verursacht hat. Na und? Nicht immer alles so perfekt, Frau Biedermann … Ab sofort sehe ich das Leben gelassener. Was so eine Ummöblierung alles bewirkt!

Jetzt die Gardinen von den Fenstern gerissen. Eine einzige, energische Handbewegung befreit mich von der bürgerlichen Last. Ich will ab sofort hinaussehen können, dem Himmel, den Bäumen näher sein. Doch wo man hinaussehen kann, kann man auch hineinsehen. Und das tut gerade Frau Kroger vom gegenüberliegenden Balkon. So wahnsinnig befreit von bürgerlichen Konventionen bin ich noch nicht. Es stört mich. Vielleicht gewöhne ich mich noch daran? In diesem Moment kommen die Kinder nach Hause.

»Was ist denn hier los?«, fragt Samuel. »Wieso reißt du die Gardinen runter?«

»Wenn wir das gemacht hätten«, beschwert sich Mäxchen.

»Jetzt kommt gleich Kim Possible im Fernsehen«, sagt Sanne.

Wie eine verkrampfte Braut ihren Schleier, halte ich noch immer die Gardine in meinen Händen. Und glaube die neugierigen Blicke der gesamten Nachbarschaft in meinem Rücken zu spüren. Ach was, der ganzen Welt.

Rittlings hocken sich die Kinder auf die Sofalehne, verdrehen die Hälse und sehen sich ihren Zeichentrickfilm an.

Es sieht sehr ungemütlich aus.

Auf dem Weg zur Mülltonne, mit Tante Gertruds Blumenvase unter dem Arm, treffe ich Frau Kröger.

»Schicke Vase«, sagt sie. »Ist ja wieder ganz im Trend.«

»Ach ja?«, frage ich.

»Ja, unbedingt. Bei IKEA gibt es jetzt sogar eine ganz neue Retro-Kollektion. Alles im Stil der Siebzigerjahre. Aber Ihre Vase ist bestimmt ein Original.«

»Natürlich!«, rufe ich und presse das gute Stück fest gegen mein Herz.

»Wo wollen Sie denn damit hin?«

Ich denke scharf nach. »Ich gehe ein wenig mit meiner Lieblingsvase spazieren«, antworte ich.

Das Sofa steht an seinem alten Platz, die Gardinen hängen wieder. Nur Tante Gertruds Vase hat einen Ehrenplatz erhalten. Die Sache mit den Künstlertreffen in meinem Wohnzimmer verschiebe ich vorerst ein paar Jahre. Der Kratzer im Parkett wird mich schon daran erinnern.

6 Wenn das schlechte Gewissen plagt …

Meist fängt es ganz harmlos an: Ich habe keine Lust, die Geschichte von »Töffelchen«, dem kleinen Bernhardiner vorzulesen, die Kinder sagen: »Nie hast du Zeit für uns!« Und dann geht’s los.

Sofort bekomme ich ein schlechtes Gewissen.

Warum habe ich mir so lange die Fingernägel gefeilt, anstatt mich um die Kinderchen zu kümmern? Warum habe ich so lange mit meiner Freundin telefoniert und anschließend (große Vernachlässigungs-Sünde!) eine halbe Stunde auf dem Balkon geschlafen? Warum schlafe ich überhaupt? Wenn ich es recht bedenke, habe ich eigentlich immer ein schlechtes Gewissen.

Alles, was ich tue, scheint irgendwie nicht genug zu sein.

Ich gieße die Blumen der Nachbarin. »Schade, dass Sie das Basilikumpflänzchen in der Küche übersehen haben«, lautet der Dank nach zwei Wochen. Anstatt zu sagen: »Stellen Sie sich nicht so an wegen eines lumpigen Basilikumpflänzchens, das in jedem Supermarkt zu haben ist!«, bekomme ich ein schlechtes Gewissen. Wie unaufmerksam von mir. Wie schlampig. Wie lieblos. Bestimmt darf ich nie wieder ihre Blumen gießen. Und dann fühle ich mich so richtig schäbig.

Ich mache den Kindern einen Grießbrei. »Gibt es dazu Kirschsoße?«, werde ich gefragt.

»Nein«, murmele ich beschämt, denn in mir gurgelt bereits ein schlechtes Gewissen, das sich gewaschen hat. Du liebe Güte. Ich bin die Mutter dieser liebreizenden Kinder. Ich muss doch wissen, dass sie Kirschsoße zum Grießbrei sehr schätzen. Nun sind sie enttäuscht. Ich habe versagt, ich bin eine Rabenmutter, die nicht einmal weiß, was ihre Kinder gern essen.

Ich dekoriere den Tisch für unsere Gäste.

Robert sagt: »Dass du immer alles so übertreiben musst«, und mir wird klar, wie recht er hat, ich werfe Geld und Zeit zum Fenster hinaus, derweil die Kinder vernachlässigt im Türrahmen hängen und anklagend die zerfledderte Version von »Töffelchen« in die Höhe halten.

Ich habe es ihnen schon wieder nicht vorgelesen. Meine armen, armen Kinder. Da haben sie schon keine Kirschsoße bekommen und dann das.

»Liest du uns vor?«, kräht Mäxchen prompt. Meine Kinder haben ein sehr feines Gespür für mütterlich-moralische Schräglagen.

»Ich muss diesen Tisch erst decken«, krächzt die Rabenmutter. Dass es in der Küche noch ein Kilo Pilze zu hobeln sowie einige andere Kleinigkeiten zu erledigen gibt, behalte ich für mich. Die Kinder blicken betreten zu Boden. Ob sie weinen? Sie sind mit einer amüsierfreudigen, geltungsbedürftigen Mutter geschlagen, die hemmungslos Abendgesellschaften gibt und ihren Kindern keine Aufmerksamkeit schenkt.

»Ich habe euch doch vorhin drei Willi-Wiberg-Bücher vorgelesen«, wage ich einzuwenden und zupfe schamesrot an der Satinschleife, die ich über den Esstisch drapiert habe. Wie oberflächlich von mir.

»Aber nicht Töffelchen«, heult es dreistimmig.

»Meine Güte«, entfährt es mir, »Sanne ist zwölf Jahre alt, was hat die noch mit dem blöden Schäferhund zu tun?«

Jetzt bewegt sich Familie Wekwerth auf eine Krise zu. Entsetzt werden Kinderaugen aufgerissen. Den Blick meiner Tochter werde ich nie vergessen. Ich überlade sie nicht nur täglich mit der Verantwortung, sich um zwei kleine Brüder zu kümmern, nein, ich zwinge sie auch dazu, viel zu früh erwachsen zu werden.

»Töffelchen ist kein Schäferhund, er ist ein Sennenbernhardiner«, sagt Samuel mit kalter Stimme.

»Dann soll Papa es vorlesen«, erwidere ich.

Robert reißt den Kopf hoch, der eben noch friedlich über einer Zeitung geschwebt hat. »Ich?«, fragt er entsetzt. »Ich habe keine Zeit.«