3,99 €
Der alleinstehende, lärmempfindliche Kontrabassist Klaus Gronius träumt davon, endlich seinem Single-Dasein ein Ende zu setzen - und auch dem städtischen Krach zu entkommen, der ihn täglich umgibt. Die Online-Partnerschaftsvermittlung scheint erfolgversprechend, aber auch die neue, allerdings verheiratete Orchesterkollegin beschäftigt Klaus doch sehr. Da trifft ein gänzlich unerwarteter Brief ein, und vollkommen neue Perspektiven tun sich im Leben des 51-jährigen Musikers auf. Ja, selbst die größten Träume können sich erfüllen; mitunter jedoch verkehren sie sich auch zu Albträumen. Ständige Begleiterin des Protagonisten ist die von ihm heiß geliebte klassische Musik. Ob sie wohl seine einzige Begleiterin im Leben bleiben wird? »Tannbacher Idyll« ist ein beschwingter Roman über die von Irrtümern und Verstrickungen geprägte Suche nach Lebensglück und über die Schwierigkeit, Stille zu finden in unserer lauten Welt.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 307
Veröffentlichungsjahr: 2017
Der alleinstehende, lärmempfindliche Kontrabassist Klaus Gronius träumt davon, endlich seinem Single-Dasein ein Ende zu setzen – und auch dem städtischen Krach zu entkommen, der ihn täglich umgibt.
Die Online-Partnerschaftsvermittlung scheint erfolgversprechend, aber auch die neue, allerdings verheiratete Orchesterkollegin beschäftigt Klaus doch sehr. Da trifft ein gänzlich unerwarteter Brief ein, und vollkommen neue Perspektiven tun sich im Leben des 51-jährigen Musikers auf. Ja, selbst die größten Träume können sich erfüllen; mitunter jedoch verkehren sie sich auch zu Albträumen.
Ständige Begleiterin des Protagonisten ist die von ihm heiß geliebte klassische Musik. Ob sie wohl seine einzige Begleiterin im Leben bleiben wird?
Tannbacher Idyll ist ein beschwingter Roman über die von Irrtümern und Verstrickungen geprägte Suche nach Lebensglück und über die Schwierigkeit, Stille zu finden in unserer lauten Welt.
Wolfgang Tzschaschel, 1954 in München geboren, in Paris, Bagdad und Algier aufgewachsen, zeigte schon früh Interesse an Musik und Sprache. Nach Jura-Studium und Promotion war er viele Jahre im Hochschulmanagement tätig. Er schreibt regelmäßig Musikkritiken und musiziert auch selbst gern – allerdings nicht mit einem Kontrabass, sondern mit der Oboe.
Wolfgang Tzschaschel
Roman
© 2017 Wolfgang Tzschaschel
Umschlaggestaltung: Klaus Neunstöcklin
Umschlagabbildung © senticus/Shutterstock.com
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback978-3-7439-6853-0
Hardcover978-3-7439-6854-7
e-Book978-3-7439-6855-4
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Wie ist die Welt so stille,
Und in der Dämmrung Hülle
So traulich und so hold!
Als eine stille Kammer,
Wo ihr des Tages Jammer
Verschlafen und vergessen sollt.
Matthias Claudius
Am Nachmittag kam ein leichter Frühlingswind auf. Er versetzte die zart begrünten Zweige der Laubbäume in eine sanfte Bewegung. Vom Luftzug erfasst, öffnete sich das angelehnte Fenster im Erdgeschoss des Hauses Tulpenstraße 8 und entließ die Geräusche des Wohnzimmers in den Garten. Dort hätte ein aufmerksamer Zuhörer nun weiterhin dem melodiösen Gesang eines Amselmännchens lauschen können. Er hätte zugleich aber auch Worte gehört, die so gar nicht zu diesem freundlich strahlenden Sonnentag passen wollten:
»Nein, verdammt! Doch nicht so, dickes Schwein!«
Der solchermaßen Titulierte ließ nur ein sonores Brummen vernehmen. Er war in der Tat etwas dick, dazu von dunkelbraunem Teint, und er hatte einen langen Hals, an dessen Ende vier ebenfalls einigermaßen dicke Saiten befestigt waren. Es handelte sich um einen Kontrabass aus dem 19. Jahrhundert, mit handwerklichem Geschick erbaut und über die Jahrzehnte von wechselnden Eigentümern sorgsam gepflegt. Inzwischen war er in den Händen des Orchestermusikers Klaus Gronius gelandet, der ihn überwiegend respektierte und schätzte, manchmal jedoch auch grob beschimpfte.
Zu Beschimpfungen kam es meist dann, wenn der Komponist eines gerade einzuübenden Stücks eine Bassstimme mit besonders hinterhältigen Passagen geschrieben hatte. Für Klaus Gronius schien es in solchen Fällen unausweichlich, anstelle des nicht mehr zu belangenden Komponisten das zweifellos mitschuldige Instrument mit seinem gerechten Zorn zu übergießen.
Die Bezeichnung »dickes Schwein« indessen war gar nicht allzu unfreundlich gemeint. Ihre Entstehung verdankte sie einem Zufall: Klaus war bei einer Polizeikontrolle in barschem Ton gefragt worden, was er denn »in dem unförmigen schwarzen Koffer« im Heck seines Kombis versteckt habe. Die aus einer Mischung von Übellaunigkeit und Frechheit entstandene Antwort »Ein dickes totes Schwein« trug damals zwar keineswegs zur Beschleunigung der polizeilichen Amtshandlung bei, sicherte dem einigermaßen wertvollen Musikinstrument jedoch fortan seinen Spitznamen.
Kontrabassist Klaus Gronius tat, was er von Berufs wegen täglich zu tun hatte: Er übte. Dies geschah an diesem Tag in einer Weise, die keinen Gedanken an die Frühlingssonne vor dem nunmehr offenen Fenster aufkommen ließ. Dazu war der von Johann Sebastian Bach knapp dreihundert Jahre zuvor ersonnene Basslauf nach Meinung des Übenden allzu heimtückisch. Beschimpft wurde diesmal allerdings eben nicht der Komponist, sondern das dicke Schwein. Und die Bassstimme dieses Brandenburgischen Konzerts klang einfach noch nicht so, wie sie bei der Orchesterprobe am folgenden Tag zu klingen haben würde.
Auf die Probe freute Klaus sich dennoch. Zum einen ging es um das Musizieren – ein Wort, das viele seiner Kollegen eher mieden, wenn professionell Musik zu produzieren, mithin ein »Dienst« zu verrichten war. Klaus Gronius hingegen hatte sich von Anbeginn seines Musiker-Daseins fest vorgenommen, sich die naive oder vielleicht sogar eher tiefgründige Freude an der Musik möglichst zu erhalten, wenngleich diese für ihn Mittel zum Zweck des Geldverdienens war.
Er war denn auch nach wie vor in der Lage, bei besonders aufwühlenden Musikpassagen jenen wohligen Schauder zu empfinden, bei dem man zur Zeit Johann Sebastian Bachs so bildhaft »Mich überläuft’s« gesagt hätte. Die Mehrzahl seiner Kollegen blickte dagegen eher gelangweilt in die Noten, sofern die eigene Beanspruchung gerade keine Konzentration verlangte.
Klaus legte also Wert darauf, nicht »zum Dienst« zu gehen, sondern eben zum Musizieren. Und dies machte im Zusammenspiel des Orchesters allemal mehr Spaß als der einsame Notenkampf zu Hause.
Aber seit einigen Wochen kam etwas anderes hinzu. In der Orchestergruppe der zweiten Violine gab es einen Neuzugang: Carolin Grabeel war eine zierliche, fast unscheinbare Person mit halblangem dunkelblondem Haar und großen braunen Augen. Ihr Gesicht war schmal, mit etlichen Sommersprossen verziert, und das meistens bei ihr zu beobachtende Lä cheln wirkte manchmal etwas spöttisch, überwiegend aber einfach nur stillvergnügt. Klaus hätte sich wohl sofort in sie verguckt, jedenfalls war er von der Geltung des Konjunktivs »hätte« fest überzeugt. Was ihn zumindest vordergründig davon abhielt, war der Umstand, dass Frau Grabeel verheiratet war, und zwar mit keinem Geringeren als dem Leiter des Orchesters, Henning Grabeel. Ihr Gatte hatte sie nach zahlreichen Versuchen endlich überreden können, in seinem Orchester mitzuspielen.
Trotz dieser familiären Verknüpfung der neuen Geigerin wusste der Mann am Kontrabass den erbaulichen Anblick zu genießen, und er freute sich über das eine oder andere freundliche Lächeln, das ihn am Rande der Probe traf. Solches war ja nicht verboten, und es lag darin gewiss keine Illoyalität seinerseits gegenüber dem Dirigenten.
Gründe gab es also genug, nicht nur gut vorbereitet, sondern darüber hinaus auch frohgemut der nächsten Probe entgegenzusehen. Und geübt war für heute genug.
»Ich lass dich jetzt in Frieden, dickes Schwein«, murmelte Klaus in versöhnlichem Ton.
Er überlegte kurz, ob das heitere Wetter nicht Anlass für einen Spaziergang sein könnte. Ein wenig körperliche Bewegung wäre eigentlich höchst angebracht gewesen. Man konnte Klaus gewiss nicht als dick bezeichnen. Aber er zeigte einen deutlichen Bauchansatz und wurde bei gelegentlichen Arztbesuchen stets auf die Notwendigkeit hingewiesen, wenigstens etwas Sport zu treiben. Jegliche Art von sportlicher Betätigung gehörte jedoch zu den »Zivilisationsverirrungen«, die Klaus von Herzen verabscheute. Zudem gab er vor, dass übermäßige Schlankheit mit seinem Berufsethos nicht zu vereinbaren sei:
»Als Bassist ist man auf einen gewissen Resonanzkörper dringend angewiesen«, gab er gern zum Besten. In Musikerkreisen nickte man zu dieser Aussage beifällig mit dem Kopf, dachte dabei allerdings mitnichten an Kontrabassisten, sondern vielmehr an Sänger in der Basslage. Bei denen diente natürlich, anders als bei Instrumentalisten, der eigene Körper ganz eindeutig der Tonerzeugung. Wer Klaus Gronius näher kannte, unterstellte ihm jedoch gern die gute Absicht, mit seinem Instrument wenigstens in Ansätzen solidarisch voluminös zu sein.
Für heute entschied sich Klaus jedenfalls gegen einen Spaziergang und blieb in seiner Wohnung, die ihn immerhin etwas vom allgegenwärtigen Straßenlärm abschirmte. Es lag ihm ja immens viel an der Natur, und deren zunehmende Belebung um diese Jahreszeit liebte er besonders. Aber was sollte er denn jetzt, ganz allein, mit Frühlingsgefühlen anfangen, die dort draußen womöglich aufkämen? Besser schien es, etwas für deren sinnvolle Kanalisierung zu unternehmen.
Also setzte er sich an den Computer und loggte sich bei AmorNovus ein. Es handelte sich dabei um ein einigermaßen seriöses Internetportal zur Partnerschaftsvermittlung. Wie der lateinische Name bereits vermuten ließ, sollten dort in erster Linie einsame Herzen mit akademischer Bildung angesprochen werden.
Klaus war in seinen bisherigen Liebesbeziehungen noch nicht an die Frau geraten, mit der es die gemeinsame Bereitschaft gegeben hätte, wechselseitig die jeweiligen Macken des anderen auf Dauer zu ertragen. Nun war er 51 und seit drei Jahren ohne feste Beziehung, da schien es ihm an der Zeit, dem normalen Kennenlern-Zufall etwas nachzuhelfen. Es erfüllte ihn auch zunehmend mit Wehmut, wenn etwa zur Orchesterprobe Henning Grabeel zusammen mit seiner liebreizenden Frau erschien und nach der Probe ebenso gemeinsam wieder nach Hause fuhr. Er, Klaus Gronius, hingegen musste sich stets mit der Begleitung durch sein dickes Schwein zufrieden geben.
Nun also der Versuch mit AmorNovus.
Eine neue Nachricht von Ingeborg wartete auf ihn. Der psychologisch geschulte Computer, wie Klaus sich die Kontakt-Maschinerie bei diesem Vermittlungsportal vorstellte, hatte einige Gemeinsamkeiten in den Persönlichkeitsprofilen der beiden entdeckt.
Dass Klaus Musiker war, hatte er gleich in der Selbstbeschreibung angegeben, und dass er Kontrabass spielte, war eine der Primär-Informationen, die er nach dem »Erstkontakt« preisgegeben hatte. Schließlich gehörte das dicke Schwein ja untrennbar zu ihm. Darüber hinaus hatte er versucht, sein Äußeres einigermaßen realistisch zu schildern: 184 cm groß, kräftige Figur, dunkelbraunes, fast schwarzes »unfrisiertes« Haar mit einer Andeutung von Locken, graugrüne Augen, markante, leicht gebogene Nase, kein Bart.
Und Ingeborg, nach eigener Beschreibung »langmähnige und -beinige« Erzieherin mit Freude am »Sonntagnachmittagskuscheln«? Die schrieb ihm nun, sie fände sein »Steckenpferd« hochinteressant, sie bekomme doch »bei Geigenmusik« immer feuchte Augen und freue sich schon auf ein Ständchen von ihm. Kopfschüttelnd klickte Klaus diesen Kontakt aus der ihm zugewiesenen Vorschlagsliste.
Vielleicht dann doch lieber spazieren gehen?
Eine Woche später, es war der 28. April, stand das Geburtstagskonzert für Dr. Knab an. Dr. Erwin Knab war ein ortsansässiger Industrieller, der sich inzwischen zur Ruhe gesetzt hatte. In seiner beruflich aktiven Zeit hatte er nicht immer als Wohltäter seiner Mitmenschen agiert, war dabei aber zu beträchtlichem Reichtum gelangt. Knab war musikalisch niemals selbst aktiv gewesen, zählte jedoch zu den glühendsten Anhängern der Musik Johann Sebastian Bachs. Um dieser Leidenschaft kräftige Nahrung geben zu können und zugleich das eigene Renommee mit Ewigkeitsgarantie aufzuwerten, hatte er eine anständig dotierte Stiftung gegründet. Gelegentlich wies er denn auch »mit der gebotenen Bescheidenheit« auf die Parallele zu Alfred Nobel hin.
Die Erträge aus der Erwin-Knab-Stiftung waren es, die das sonst so Unwahrscheinliche ermöglichten: den Unterhalt eines durchaus angesehenen Bach-Orchesters in der kulturell im Übrigen eher durchschnittlich ausgestatteten Kreisstadt Krontal. Mit einigem Geschick hatte der Stifter zudem erreicht, dass die Kantorenstelle der evangelischen Kirchengemeinde am Ort aufgewertet wurde, sodass man in der Lage war, einen Kirchenmusikdirektor, bedeutungsschwer »KMD« abgekürzt, zum Leiter des Krontaler Bach-Orchesters zu ernennen.
Ein nirgends verbrieftes, aber allseits anerkanntes Zugeständnis an den großherzigen Stifter war das alljährliche Geburtstagskonzert des Orchesters für ihn – und zwar exklusiv für ihn allein. Das Konzert fand stets, etwas beengt, im Foyer der Knab’schen Villa statt, dauerte kaum länger als eine Stunde und hatte – wie konnte es anders sein – ausschließlich Musik von Johann Sebastian Bach auf dem Programm.
Der Jubilar, der das gesamte Publikum verkörperte, saß nun während seines Geburtstagskonzerts keineswegs andächtig lauschend auf einem Stuhl oder Sessel. Er hielt vielmehr eine Videokamera in der Hand, mit der er das komplette Konzert aufnahm. Auf leisen Sohlen schlich der illustre Kameramann durch das Foyer, gelegentlich auch auf die umlaufende Empore, um aus verschiedenen Blickwinkeln die Mitwirkenden in Szene zu setzen.
Den Mitgliedern des Orchesters blieb dabei nicht verborgen, dass Erwin Knab jeweils zu Beginn des Konzerts artig den Dirigenten und die Orchester-Totale ins Bild nahm, im weiteren Verlauf aber das Objektiv bevorzugt auf die jüngeren weiblichen Kräfte des Bach-Orchesters richtete. Standorte des Filmenden und Bewegungen des Zoom-Objektivs ließen kaum Zweifel daran, dass großzügige Dekolletés und frühsommerlich freigelegte Beine ihn dabei erheblich mehr interessierten als das Auf und Ab der Geigenbogen oder das Klappenspiel einer Oboe.
Natürlich wurde lebhaft über die Verwendung dieser Aufnahmen spekuliert. Und es gab ein paar respektlose Musiker, die, wenn sie unter sich waren, von Dr. Knab nur als dem »Wichser« sprachen. Klaus Gronius enthielt sich solcher Interpretationen. Ihm erschien es unanständig, vom Geld dieses Mäzens ausgehalten zu werden, um dann hinter seinem Rücken hemmungslos über ihn zu lästern. Mochte der einsame Alte sich doch an den Orchesterbildern erfreuen. Es gab ja auch wirklich einige sehr ansehnliche Musikerinnen im Krontaler Bach-Orchester, die im Übrigen – diese Erkenntnis behielt Klaus aber lieber für sich – offensichtlich nicht nur gern hören, sondern ebenso bereitwillig sehen ließen, was sie zu bieten hatten.
Das diesjährige Geburtstagskonzert wartete mit einer Besonderheit auf. KMD Grabeel musste sich wegen eines Venenleidens für ein paar Tage in stationäre Behandlung begeben, und einer dieser Tage war dummerweise jener 28. April. Ausfallen konnte das Konzert keinesfalls, und eine Verschiebung war zumindest aus Sicht des Jubilars fast ebenso unmöglich. Nun verfügte allerdings das Bach-Orchester über eine Konzertmeisterin: Patrizia Kurmeier aus der ersten Geige. Prinzipiell konnte zur Not auch sie ein Konzert dirigieren. Sie konnte es jedenfalls dann, wenn wie in diesem Fall ein nicht allzu wichtiger »Dienst« (wie die Orchestermitglieder es nannten) zu erledigen war. Die Bitte um würdige Vertretung des Maestros am 28. April war eine jener seltenen Gelegenheiten, bei denen Henning Grabeel seine Konzertmeisterin mit »Frau Kollegin« ansprach. Und selbstverständlich war Kollegin Kurmeier nur allzu gern bereit, diese ehrenvolle Aufgabe zu erfüllen.
Am Tag des Geschehens kam Freude auf. Und zwar bei einigen Orchestermitgliedern, die endlich eine Gelegenheit sahen, dem bei aller Großzügigkeit nicht sonderlich beliebten Mäzen zur allgemeinen Erheiterung einen Streich zu spielen. Die Musikalität Erwin Knabs stand nicht in wesentlich besserem Ruf als seine moralische Integrität. Und nun sollte sie einem fiesen kleinen Test unterzogen werden. Ein solches Vorhaben wäre mit dem stets korrekten Grabeel ausgeschlossen gewesen, war unter dem Dirigat Kurmeiers aber möglich.
Auf dem Programm standen drei von Bachs »Brandenburgischen Konzerten«. Offiziell. Und zwar zur Eröffnung das Konzert Nr. 5 in strahlendem D-Dur, nach der anschließenden obligatorischen Sektpause dann das viel gespielte Konzert Nr. 3 und zum Abschluss das weniger prominente Konzert Nr. 4. Alle drei Stücke wurden programmgemäß gespielt, jeweils vom ersten bis zum letzten Takt, ohne auch nur eine einzige Note wegzulassen.
Indes gab es eine nicht programmgemäße Ergänzung: Die Gruppe der Verschwörer hatte sich darauf verständigt, beim ersten sowie beim finalen dritten Satz des Vierten Brandenburgischen Konzerts, also im letzten Programmpunkt, einen Song der Beatles parallel mit zu intonieren. Während also die Aufmerksamkeit des Zuhörers natürlich seiner Kamera, aber daneben auch der solistisch hervortretenden Flöte gewidmet war, spielte eine kleine Streichergruppe »Help!« aus der Feder von John Lennon und Paul McCartney.
Die Idee, gerade diesen Beatles-Song auszuwählen, hatte Klaus Gronius gehabt, nachdem er Joshua Rifkins originelle Version von »Help!« im Stil einer Bach-Arie gehört hatte. Was konnte also besser zur Verknüpfung mit einem Bach’schen Originalwerk passen? Es passte gerade beim ersten Allegro-Satz schon deshalb erstaunlich gut, weil die musikalischen Rebellen den Beatles-Klassiker nicht nur in übereinstimmendem G-Dur intonierten, sondern auch überdeutliche Reibungen durch Tonart-Modulationen, rhythmische Anpassungen und geschickt platzierte Pausen umgingen.
Wie kam nun dieses »Doppelkonzert« bei Erwin Knab, dem nach zwei Gläsern Sekt bestens gelaunten Musikliebhaber, an? Knab vernahm das Vierte Brandenburgische, das ihm nicht so vertraut war wie der vorangegangene Barockschlager, also das Konzert Nr. 3. Allerdings hatte er das Konzert Nr. 4 vor Jahren ebenfalls schon gehört.
Aber da war doch noch etwas, das er schon einmal gehört hatte! Und dieses »Noch etwas« ließ ihn immerhin seine Kamera absetzen, obwohl die aparte Flötistin gerade ausgesprochen vorteilhaft vor dem Objektiv saß. Doch, er kannte diese Musik, sie musste ja von Bach sein. Aber war sie es wirklich? Vielleicht hätte er das zweite Glas Sekt besser auf den Umtrunk nach dem Konzert verschieben sollen?
Es folgte der langsame Mittelsatz – ohne jegliche Zusätze, sodass die leichte Irritation des Jubilars verschwand und er wieder einen größeren Teil seiner Aufmerksamkeit den optischen Reizen des Soloparts widmen konnte.
Beim dritten, also letzten Satz jedoch wurde es ernst: Die Partisanengruppe spielte die Beatles-Melodie diesmal stur nebenher – ohne Rücksicht auf Dissonanzen und rhythmische Unvereinbarkeit. Die Gruppe spielte nicht allzu laut, aber es klang so schauderhaft, dass auch in Erwin Knabs Gehörgängen Alarm ausgelöst wurde.
Knab ließ erneut die Kamera sinken und blickte forschend zum Orchester. Eine leichte Röte breitete sich dabei inmitten des weißen Haarkranzes aus, der seinen Kopf zierte. Unruhig schob er die silbern eingefasste Brille mehrmals nach oben. Er erwartete eigentlich, dass den Musikern anzumerken sein müsste, wie sie selbst über den offenkundigen Missklang erschraken. Genau dies aber blieb gänzlich aus, wiederum zum Erschrecken Erwin Knabs. Da hatte er doch gedacht, er als Bach-Kenner hätte gleich mitbekommen, dass an der Darbietung etwas nicht stimmt, dass irgendjemand im Orchester sich fürchterlich verspielt haben musste. Aber nein, alles schien in bester Ordnung zu sein, sie spielten ungerührt weiter.
Da hatte wohl der alte Bach wieder einmal so ungewohnte, scharfkantige Musik komponiert, wie sie seinerzeit bereits den Ratsherren in Leipzig Anlass zu heftiger Irritation gegeben hatte! Mit dieser selbst gegebenen Erklärung konnte Knab sich letztlich zufrieden geben. Er lehnte sich betont entspannt zurück und spendete zuletzt seinen nicht gerade enthusiastischen, aber doch zufriedenen Beifall. Der Test allerdings, dem er sich ungewollt und unbewusst unterzogen hatte, war insgesamt leider zu seinen Ungunsten ausgefallen.
In Gedanken noch beim Geburtstagskonzert des Vortags, schaltete Klaus seinen Computer an, um sich erneut bei AmorNovus umzusehen. Es war schon eine spannende Angelegenheit, sowohl neue Kontaktvorschläge zu studieren als auch zu verfolgen, wie laufende Anbahnungsversuche sich entwickelten. Ein gewisses Suchtpotenzial schien da enthalten zu sein. Die bisherigen Kontakte, mit denen AmorNovus Klaus beglückt hatte, waren allerdings eher enttäuschend gewesen.
Bisher am meisten interessiert hatte ihn Lisa, Buchhändlerin aus Berlin. Schon äußerlich war sie eine aparte Erscheinung, und die elektronisch-verbale Vorstufe des Kennenlernens entwickelte sich rasch zu einem wahren Feuerwerk. Gegenseitige Sympathie war eindeutig vorhanden, und die Originalität der wechselseitigen E-Mails konnte auf eine Beziehung hoffen lassen, in der man sich jedenfalls nicht langweilen würde. Klaus merkte, dass er im Begriff war, sich in eine Frau zu verlieben, von der er einzig und allein einige auf seinem Bildschirm aufgetauchte Texte und ein in mäßiger Qualität übertragenes Foto kannte. Dass ihn dabei ein leises Unbehagen beschlich, war nur allzu berechtigt, wie sich bald zeigen sollte.
Klaus fuhr nach Berlin, wo er sich ohnehin schon längst einmal hatte umsehen wollen. Man traf sich in einem von Lisa kundig ausgewählten Café, und bereits bei der naturgemäß etwas unsicheren Begrüßung wurden beide von enttäuschender Ernüchterung erfasst. Nein, die Fotos hatten nicht gelogen, und ja, sie fanden sich gegenseitig durchaus attraktiv. Aber was auf der virtuellen Ebene so schnell funktioniert hatte, nämlich dass sie sich mächtig zueinander hingezogen fühlten, blieb in der Realität vollständig aus. Sie unterhielten sich freundlich, mit distanziertem Interesse, und Klaus genoss den köstlichen Apfelkuchen, den er in diesem Café serviert bekam. Zudem freute er sich, dass er am Abend ein Konzert mit den Berliner Philharmonikern hören würde – und letztlich auch darüber, dass er um eine wichtige Erfahrung reicher geworden war.
Ebenfalls vielversprechend hatte der AmorNovus-Kontakt mit Britta, der schwedischen Ballett-Tänzerin, begonnen. Klaus war von der elfenhaften Zerbrechlichkeit, die ihr Foto ausstrahlte, ebenso fasziniert wie von ihren Mail-Texten. Die zeigten zwar erhebliche Schwächen in der deutschen Orthografie, verzauberten den Kontakt-Interessenten aber gleichwohl mit ihrer poetischen Ausdruckskraft.
Man traf sich in einem Frankfurter Hotel, und nach einem gemeinsamen Restaurantbesuch mit mittelmäßigem Essen, jedoch reichlich genossenem Rheinhessen-Wein gehobener Qualität endete der Kennenlern-Abend einvernehmlich im Bett. Das hatte zwar für beide seinen körperlichen Reiz, war aber vor allem der verzweifelte Versuch, die wenig poetische Realität zu kaschieren, dass sie von Angesicht zu Angesicht einander eigentlich nichts zu sagen hatten.
Nun gab es einen neuen Versuch von AmorNovus, Klaus Gronius mit einer Frau zusammenzubringen, die eine hohe errechnete Übereinstimmung in Eigenschaften, Gewohnheiten und Vorlieben mit ihm aufweisen sollte. Sie hatte den nicht ganz alltäglichen Vornamen Nele-Clara, ihr Familienname blieb wie üblich zunächst verborgen. Sie schien jedenfalls in der Gegend von Krontal zu leben, war 39 Jahre alt und hatte ihre Interessen so beschrieben:
Als Erstes MUSIK, dann ganz sicher erneut Musik,
und wenn noch Raum für ein Drittes ist: Gedichte.
Sie charakterisierte sich selbst als »meist zurückhaltend, aber dann streitbereit, wenn dem grünen Wald und dem blauen Himmel ihre Farben genommen werden sollen«.
Das war als politische Haltung nicht gerade originell, brachte in dieser Formulierung aber bei Klaus eine Saite zum Klingen. Er fand, dass zu Naturverbundenheit und Umweltbewusstsein Nele, also der erste Teil ihres Vornamens, ganz gut passte, während Clara eher den musikalischen Part abdeckte.
Aber was war es denn, was Klaus sich von einer künftigen Partnerin erhoffte oder erwartete? Wonach sehnte er sich beim Gedanken an Zweisamkeit?
Im Vordergrund stand zweifellos die erotische Anziehung. Dabei war es Klaus bisher allerdings nicht gelungen, das Geheimnis dieser Anziehung zu ergründen. Subjektiv empfundene Schönheit und sexuelle Attraktivität standen im Vordergrund, waren aber gewiss nicht alles. Der Geruch spielte wohl eine weitere Rolle, ebenso der Klang der Stimme. Aber es musste noch mehr sein: eine seelisch-geistige Verbindung, die schwer zu beschreiben, aber für eine Liebesbeziehung unerlässlich ist.
Ganz sicher sollte die für Klaus infrage kommende Frau eine ausgeprägte Affinität zur Musik mitbringen. Nicht, dass er etwa darauf erpicht war, sich privat mit einer Kollegin zu verbinden – ganz im Gegenteil. Aber emotional in die Musik eintauchen, sich von ihr mitreißen lassen, das wollte er schon gern zusammen mit einem geliebten Menschen. Und wenn dieser geliebte weibliche Mensch auch sonst so weit mit ihm harmonieren würde, dass das Ziel eines gemeinsamen Lebens unter einem Dach zu verwirklichen wäre, dann sollte dies möglichst für immer sein.
Die von AmorNovus nun ins Spiel gebrachte Nele-Clara hatte ihre Interessen immerhin schon mal so beschrieben, dass es Klaus danach drängte, sogleich eine Nachricht an sie zu senden:
Du könntest wohl eine Frau sein, die meine Widersprüche erträgt und mitträgt. Denn ich liebe die Stille, bin aber den lieben langen Tag geräuschvoll damit beschäftigt, deine ersten beiden Interessen zu bedienen. Ich suche die Ruhe und lass mich, wenn es sein muss, doch auch auf heftigen Streit ein – etwa dann, wenn es um deine Farben geht.
Auf deine Antwort freut sich
Klaus
Sein Foto wollte Klaus diesmal nicht gleich freigeben, das hätte die Behutsamkeit durchbrochen, die ihm hier angezeigt schien. Aus der Erfahrung mit Lisa, der Berliner Buchhändlerin, hatte er gelernt, dass es besser war, sich zunächst vorsichtig an ein potenzielles neues Glück heranzutasten, dann aber bei beginnendem Herzklopfen so schnell wie möglich eine reale Begegnung an die Stelle des virtuellen Überschwangs treten zu lassen. Nele-Clara sollte erst einmal die von Klaus angefertigte AmorNovus-Kurzbeschreibung, dazu seine knappe heutige Nachricht und nicht zuletzt seinen Vornamen auf sich wirken lassen.
Mit diesem seinem Namen war Klaus bisher eigentlich immer recht zufrieden gewesen. Geradezu mit Dankbarkeit erfüllte es ihn, dass seine Eltern ihm die Kombination »Klaus-Dieter« erspart hatten. Zudem hatte man ihn niemals mit der Lächerlichkeitsform »Klausi« gequält.
Hingegen war er selbst es gewesen – im tatendrängenden Alter von 17 Jahren –, der zu Veredelungsmaßnahmen gegriffen hatte: Nach Jahren der für alle Beteiligten zermürbenden schulischen Fehde mit dem Fach Latein hatte der Gymnasiast Klaus Gronius sein Faible für diese klassisch-edle und irgendwie auch vornehm-nutzlose Sprache entdeckt. Daran war sicherlich sein damaliger Lateinlehrer nicht unschuldig gewesen, ein Mann, der wiederum einen zu seinem Metier völlig unpassenden Namen trug, nämlich Knut Praschtl. Dieser Lehrer hatte zunächst versucht, mit verzweifelten Konstrukten wie »Knutus Prastulus« eine Harmonisierung zwischen seiner Person und seinem Unterrichtsfach herzustellen. So wenig ihm das gelungen war, so sehr gelang es ihm doch, sein halbwüchsiges Auditorium für Lebensart, Denkweise und eben auch Sprache der alten Römer zu interessieren, Einzelne, wie etwa den discipulus Gronius, sogar zu begeistern.
Der aber empfand just zu dieser Zeit zwar seinen Nachnamen verständlicherweise als überaus ansprechend, den Vornamen Klaus jedoch als allzu germanisch-plump. Er nahm daher einen kleinen Eingriff vor, indem er sich, wo immer möglich, »Claus« schrieb und, den öden Diphthong vermeidend, den Namen betont zweisilbig »Cla-us« aussprach. Letzteres verging ihm dann sehr rasch, als er mit der entzückenden Heike Beunter liiert war. Die hatte zwar ihrerseits keine Einwände, mit einem Cla-us zusammen zu sein. Klaus’ Bruder Frank allerdings nutzte die Gelegenheit zur abgefeimten Bosheit, indem er vor versammeltem Freundeskreis verkündete, He-ike Be-unter wolle ihren Gladiator zu den Löwen schicken. In der Tat lag damals, wenn auch nicht auf gar so blutrünstige Weise, Trennung in der Luft. Und alsbald hatte unser Held nicht nur das zarte Glück mit Heike verloren, sondern zugleich die Lust an Cla-us’scher Zweisilbigkeit.
Geblieben war ihm indes die Gewohnheit, ab und an das Fehlen eines zweiten Vornamens dadurch zu verschleiern, dass er mit »Klaus A. Gronius« unterschrieb. Wofür dieses »A.« stehen sollte, war ihm selbst nicht klar, er fand aber, dass sein Name dadurch deutlich an Gewicht und Eleganz gewann.
Nachdem Klaus seinen Briefkasten geleert hatte, machte er es sich zunächst am offenen Fenster bequem, um beim Sichten der Post die frische Frühlingsluft zu genießen. Er sprang aber sogleich wieder auf, denn das Gemisch aus gedämpfter Popmusik vom Nachbarhaus und ungedämpftem Auspuffknattern von mehreren vorbeifahrenden Mopeds ertrug er nicht. Mehr bekümmert als wütend schloss er das Fenster.
Krontal war zwar nur eine Kleinstadt, aber die akustischen Nachteile des jedenfalls städtischen Umfelds lösten bei Klaus, der als Musiker wohl lärmempfindlicher war als der Bevölkerungsdurchschnitt, immer wieder Verbitterung aus. Und zu Beginn der wärmeren Jahreszeit litt er darunter ganz besonders. Vielleicht sollte er doch irgendwann einmal einen Umzug aufs Land erwägen?
Post aus der Landeshauptstadt war gekommen, ein Brief von einem Notariat. Im Kopf unseres Musikers baute sich eine Assoziationskette auf: Justizbehörden – Amtsgericht – Vorladung – Zwangsgeld – Beugehaft – Handschellen ... Bevor seine Fantasie ihn noch am Schafott enden ließ, öffnete er schnell den Brief. Nach dem zweiten Lesen hellte sich die Miene des Delinquenten deutlich auf. Er war nämlich keineswegs ein solcher, sondern etwas erheblich Angenehmeres: ein Erbe!
Einige Wochen zuvor war Patentante Josefine nach kurzer, aber unbarmherziger Krankheit im Alter von 78 Jahren verstorben. Die Nachricht von ihrem Tod hatte Klaus zwar nicht allzu sehr erschüttert, ihn aber doch mit unbehaglichem Nachdruck daran erinnert, dass er den Kontakt zu ihr mehr oder weniger bewusst hatte einschlafen lassen. Sie war gänzlich unmusikalisch, und auch sonst hatten Patin und Patenkind sich kaum noch etwas zu sagen. Da war der Restbestand an Anhänglichkeit bald aufgebraucht, der aus jenen Tagen herrührte, als der kleine Klaus sich jeden Sommer darauf freute, bei Tante Josefine Himbeeren vom Strauch zu pflücken und diese dann im großen Hängesessel auf der Terrasse zu verspeisen.
Als Klaus von ihrer Krankheit erfahren hatte, war er fest entschlossen gewesen, die alte Tante einmal zu besuchen und ihr zur Anknüpfung an vergangene Zeiten eine Portion Himbeeren mitzubringen. Nun war es definitiv zu spät für diesen Besuch, er konnte allenfalls noch einen Himbeerstrauch auf ihrem Grab pflanzen. Bei dieser Überlegung fielen ihm die Birnen des berühmten Herrn von Ribbeck ein, und erneut gab es ein Versäumnis zu beklagen. Denn Klaus hätte der Tante ja eine Himbeere mit ins Grab geben müssen ...
Jetzt aber war der Gedanke an Himbeeren weit weg, denn auf dem Tisch lag die förmliche Mitteilung, »dass die verstorbene Frau Josefine Pentig Herrn Klaus Gronius durch Verfügung von Todes wegen ein Wertpapierdepot zum gegenwärtigen Kurswert von 294.547,16 Euro vermacht« habe.
Bin ich jetzt reich, fragte sich Klaus, ungläubig staunend.
Seine Aufmerksamkeit wurde allerdings sogleich auf andere Aspekte des Ereignisses gelenkt: Da war zunächst ein eher beiläufiger Hinweis auf die fällige Erbschaftssteuer. Klaus nahm sich vor, gleich am nächsten Tag beim Finanzamt seines Vertrauens nachzufragen, welcher Anteil ihm denn nach Entrichtung dieser Abgabe am Ende bleiben würde.
Nur graduell weniger beunruhigend war das zweite in dem Briefumschlag befindliche Stück Papier, eine Kopie des von Tante Josefine handgeschriebenen Testaments. Was der Notar mitgeteilt (und obendrein mit einer konkreten Zahl versehen) hatte, stand dort auch, war allerdings noch mit einem Zusatz versehen:
Meinem Patensohn Klaus vermache ich alle meine
Wertpapiere. Dafür soll er für mich beten.
Auf dem Karussell in des Erben Kopf zirkulierten jetzt drei grell beleuchtete Fragen: Darf ich ohne ernst gemeintes Gebet das Geld überhaupt nehmen? – Was lässt das Finanzamt mir übrig? – Was kann ich Sinnvolles mit einer so großen Summe anstellen?
Nach ein paar Minuten stoppte Klaus das Kopf-Karussell. Immerhin die Steuerfrage würde sich doch ziemlich schnell über das Internet klären lassen. Also tastete sich unser Großerbe durch die Katakomben des Erbschaftssteuerrechts, wobei er nicht recht wusste, ob er es bedauern oder vielmehr heilfroh darüber sein sollte, kein Jurist geworden zu sein. Schließlich konnte er aber doch das einigermaßen sichere Ergebnis ans Tageslicht hieven, dass er ein knappes Drittel des Geldsegens dem Staat zu überlassen hatte. Na ja, der hatte sich womöglich intensiver um Tante Josefine und deren Wohlbefinden gekümmert als das treulose Patenkind.
Nun stand also eine nach wie vor verführerische Zahl im Raum: Zweihunderttausend. Für Klaus war von vornherein klar, dass er eine solche Summe niemals leichtfertig verjubeln, sondern mit Bedacht ausgeben würde. Es müsste doch möglich sein, mit so viel Geld das eigene Leben auf Dauer spürbar zu verändern, ihm eine neue Richtung zu geben oder zumindest einen höheren Grad der Sorgenfreiheit.
Vielleicht könnte es ein Häuschen im Grünen werden?
Aber da gab es noch diese religiöse Auflage, die Klaus geradezu als demütigend empfand. Der Notar hatte diesen Passus in seinem Schreiben gar nicht für erwähnenswert befunden. In der Tat handelte es sich dabei weder um eine rechtsverbindliche Bedingung, noch war ein Gebet für den Juristen ein irgendwie beweis-, widerleg- oder erzwingbarer Sachverhalt.
Klaus indessen fühlte sich moralisch in arger Bedrängnis. Gebetet hatte er zuletzt als Kind, der allabendlich wiederkehrende Text war ihm völlig präsent:
Lieber Gott, nun schlaf ich ein,
Schicke mir mein Engelein,
Dass es treulich bei mir wacht
Durch die ganze lange Nacht.
Schütze alle, die ich lieb’,
Alles Böse mir vergib.
Kommt der helle Morgenschein,
Lass mich wieder fröhlich sein.
Das hatte damals für die »ganze lange Nacht« etwas zutiefst Beruhigendes und Tröstliches – mindestens so wirksam wie später das gelegentliche Glas Bier oder Rotwein. Nun, dem Wunsch von Tante Josefine konnte man wohl kaum dadurch Genüge leisten, dass man auf ihr Wohl ein Glas Wein leerte. Aber ein Gebet aus seinem Munde käme Klaus gegenwärtig unecht und damit von vornherein ungültig vor.
Gerade deshalb, weil er spürte, wie unverdient der in Aussicht stehende Reichtum war, hatte er gewaltige Skrupel, die Patentante posthum auch noch zu hintergehen. Und genau das täte er doch, wenn er die zwar nicht rechtlich, aber ganz gewiss moralisch bindende Auflage missachten würde, mit der die großzügige Zuwendung belastet war.
Neidvoll dachte Klaus an seinen Bruder Frank. Der hätte als regelmäßiger und überzeugter Kirchgänger mit Gebeten aller Art keine Not. Und obendrein wäre Frank mit dem für ihn zuständigen Pfarrer als kundiger Beratungsinstanz in religiös angehauchten Moralfragen gesegnet. Nun gut, weder ein Theologe stand Klaus zu Gebote noch überhaupt ein entsprechendes geistliches Umfeld, aber er hatte immerhin seinen Bruder. Den würde er um Rat fragen, auch wenn dies bei einem solchen Thema kein reines Vergnügen zu werden versprach.
Einen drei Jahre älteren Bruder zu haben, war für Klaus schon immer ein Glück mit einigen Macken gewesen.
Die Eltern gaben sich redliche Mühe, ihren beiden Söhnen – weitere Kinder gab es nicht – gleichermaßen gerecht zu werden. So musste im Gegensatz zu anderen Zweitgeborenen Klaus so gut wie nie die Kleidung auftragen, die sein Bruder abgelegt hatte. Frank fand im Alltag allerdings andere Gelegenheiten, Vorrechte des Erstgeborenen für sich zu reklamieren – etwa wenn es um die Wahl des Zimmers beim Wohnungswechsel oder des Sitzplatzes bei Autofahrten ging. Wurde es jedoch ernst, zum Beispiel bei Raufereien im Schulhof oder später bei Verbalangriffen von außen, stand er verlässlich an der Seite des Jüngeren.
Während eines Familienurlaubs in der Bretagne – die Jungs waren siebzehn und vierzehn Jahre alt – fuhren die Eltern zu einem Konzert in die nächstgrößere Stadt, wo sie dann auch übernachteten. Frank, der eigentlich gern ins »Bistro Plage« gehen wollte, hatte die Weisung, bei seinem kleinen Bruder zu bleiben. Kurzerhand interpretierte er das elterliche Gebot jedoch um und nahm Klaus mit in die Kneipe, in der sich einheimische und touristische Heranwachsende trafen. Klaus, der mit Abstand Jüngste in dem Lokal, langweilte sich entsetzlich, zumal er kein Französisch sprach und seinen »Aufpasser« erst gegen Mitternacht wieder in seiner Nähe hatte. Der seinerseits hatte im »Bistro Plage« für den Kleinen nun wahrlich keine Zeit, da er unbedingt seine Fremdsprachenkenntnisse mit der tags zuvor erst kennengelernten Françoise vertiefen musste.
Am späten Abend war Klaus kurz eingenickt. Die Cola, die Frank immerhin für ihn bestellt hatte, war längst ausgetrunken, und nun begann eine Jazz-Combo zu spielen. Mit solcher Musik war Klaus zuvor nicht in Berührung gekommen, nun taugte sie ihm wenigstens als Mittel gegen die Langeweile in der Kneipe. Er postierte sich in der Nähe des Kontrabasses, den er nicht nur wegen dessen Größe am interessantesten fand. Die tiefen gezupften Töne empfand er wie eine Kopfmassage, zugleich spürte er ihre Schwingungen im ganzen Körper. Allmählich schwand sein Groll darüber, dass der große Bruder ihn ins »Bistro Plage« verschleppt hatte. Dass hier an der französischen Atlantikküste der Grundstein für seinen späteren Beruf gelegt wurde, ahnte Klaus damals allerdings nicht.
Zu Hause waren die Brüder oft unter sich. Die Eltern betrieben gemeinsam ein Architekturbüro – mit stark schwankendem Erfolg. Da wurden die Söhne frühzeitig in die Haushaltsführung eingebunden, durchaus mit der Maßgabe, die zu erledigenden Arbeiten möglichst gleichmäßig aufzuteilen. Diese Gleichmäßigkeit wusste Frank indes durchaus zu seinen Gunsten auszugestalten. So ergab es sich, dass Klaus etwa zum Zwiebelschneiden und Kartoffelschälen kommandiert wurde – unter der verantwortungsvollen Aufsicht des Älteren, der seinen eigenen Part eher darin sah, großzügig gute Ratschläge zu erteilen.
Mehr oder weniger gute Ratschläge waren ohnehin ein Markenzeichen des Frank Gronius. Kein Wunder, dass im Familienkreis schon früh die Überzeugung wuchs, für diesen jungen Mann könne als Berufsziel nur Lehrer infrage kommen. Dies wurde dann zum Selbstläufer, sodass Frank sich letzten Endes tatsächlich für das Lehramt an Gymnasien entschied. Und während eine gewisse Oberlehrerhaftigkeit den Familienmitgliedern gelegentlich auf die Nerven ging, war Studienrat Gronius später sowohl bei seinen Schülern als auch im Kollegium der Schule ausgesprochen beliebt.
Als ihn vom Status des Studienrats noch zwei Staatsexamina trennten, kümmerte Frank sich allerdings mehr um größtmögliche »Beliebtheit« bei seinen Kommilitoninnen. Insgesamt kann man seine Studienjahre ohne Übertreibung als Lotterleben bezeichnen, welches aber immerhin rechtzeitig vor den Abschlussprüfungen einem hinreichend strebsamen Lebenswandel wich.
Selbst in seiner wildesten Zeit schaffte Frank es dennoch, seinem jüngeren Bruder als leuchtendes Vorbild präsentiert zu werden. Dafür gab es einen einfachen Grund: die Studien- und Berufswahl. Die Eltern Gronius sahen es mit uneingeschränktem Wohlwollen, dass ihr älterer Sohn Lehrer wurde, hingegen mit Skepsis und Sorge, dass Klaus sein Leben als Musikant fristen wollte. Aufnahmeprüfung und Einschreibung an einer renommierten Musikhochschule konnten zwar die elterliche Stimmung merklich aufhellen, aber der Beruf des Orchestermusikers blieb für die beiden eine bestenfalls halbseriöse Angelegenheit.
Besuche des Musikstudenten bei den Eltern verliefen gleichwohl in einer insgesamt harmonischen Atmosphäre. Klaus vermied es, von seinen (durchaus lukrativen) »Auftritten« in der Fußgängerzone seiner Hochschulstadt zu erzählen. Stattdessen berichtete er von den Klausuren etwa über Musikgeschichte oder Harmonielehre, um die Ernsthaftigkeit seines Studiums zu unterstreichen.
Wenn gelegentlich die Brüder gemeinsam zu Besuch kamen, herrschte im Hause Gronius meist eine gewisse Anspannung. Die rührte zum Teil von der räumlichen Enge in der kleinen Wohnung des Architektenpaares her. Sie wurde aber auch von Franks subtilen Sticheleien genährt, mit denen er das Seriositätsgefälle zwischen Gymnasiallehrer und Musikus thematisierte. Die zwei Alten brachte er damit häufig in Verlegenheit, denn einerseits beschäftigte dieses vermeintliche Gefälle sie ja ebenfalls, andererseits sollten beide Söhne gleichermaßen und ohne Ansehen des künftigen Berufs die elterliche Liebe erfahren.
In der Zeit der Examensvorbereitung sah Klaus seine Eltern selten. In deren Mietwohnung konnte er nicht auf seinem Kontrabass üben, da die Sorge übermächtig war, womöglich Ärger mit den Nachbarn zu bekommen. Das vielstündige Üben bestimmte Klaus’ Tagesablauf in dieser Zeit jedoch auch an den Wochenenden.
Um dennoch seine Sehnsucht nach Familienkontakt zu stillen, stattete er Frank, der nicht allzu weit vom Hochschulort entfernt wohnte, öfter mal einen Besuch ab. Der große Bruder gab sich durchaus Mühe, emotional zum Examenserfolg beizutragen. Aber er konnte es sich doch nicht verkneifen, dem Kandidaten so viele gute Ratschläge zu erteilen, dass dieser ihm einmal ironisch vorschlug, am besten an seiner Stelle die Prüfung zum Orchestermusiker abzulegen. »Der Herr Schulmeister wird es vermutlich sogar hinkriegen, dass er es sein wird, der die Prüfer examiniert und benotet«, giftete Klaus hinterher.
Als kurz nach Abschluss des Musikstudiums erst sein Vater und ein knappes Jahr später die Mutter starb, begann Klaus sich dessen bewusst zu werden, dass er inzwischen definitiv als erwachsen zu gelten hatte. Zur Trauer über den Verlust gesellte sich zudem eine gewisse Empörung darüber, mit Ende zwanzig bereits der ältesten Generation seiner Familie anzugehören.
Sein Bruder Frank war nun der einzige Angehörige, von dem Klaus sagen konnte, dass er ihm seit seiner Geburt stets nahe war – was sich keineswegs nur mit angenehmen Gefühlen verband. Als der Sarg seiner Mutter in das bis dahin nur vom Vater belegte Familiengrab hinabgelassen wurde, entfuhr ihm im Stillen der Stoßseufzer: Ihr könnt mich doch mit diesem Bruder nicht allein lassen!
Die beiden Waisenknaben entwickelten allerdings nach dem Tod der Eltern ein zunehmend entspannteres Verhältnis zueinander. Dass der »kleine Bruder« erwachsen geworden war, nahm auch Frank zur Kenntnis – mit der Folge, dass die einseitigen Belehrungen seltener wurden, das wechselseitige Vertrauen dafür ausgeprägter.
