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Auf Tonis und Annas romantischer Berghütte haben sie schon so manchem Paar den Weg ins Glück geebnet. Aber an die Tatsache, dass die Kinder ihrer Patchwork-Familie erwachsen werden, müssen sie sich erst noch gewöhnen. Toni schmerzt das Herz, wenn er an das Lebens- und Liebesglück seiner Tochter Wendy und der geliebten Adoptivkinder denkt. Wird Franziskas erste große Liebe ihr großes Glück oder großen Kummer bringen? Wozu wird sich Sebastian entscheiden, - übernimmt er eines Tages die Berghütte? Und dann gibt es auch im engsten Freundeskreis ungewohnte Aufregung – in mehreren Ehen kriselt es. Toni und Anna können da nicht untätig zusehen! Diese Bergroman-Serie stillt die Sehnsucht des modernen Stadtbewohners nach einer Welt voller Liebe und Gefühle, nach Heimat und natürlichem Leben in einer verzaubernden Gebirgswelt. Die Sonne stand tief über den Bergen. Waldkogel lag schon im Schatten. Es war alles still im Dorf. Walli legte ihr Umschlagtuch um und hängte die Handtasche über den Arm, die sie nur sonntags benutzte, wenn sie zur Messe ging. So ging sie aus dem Haus. Martin Engler saß in der Wohnküche, die Fenster standen offen. Er sah, wie die alte Waltraud Schwanninger den Hof verließ. Walli sah nicht zu ihm herüber. Martin war froh, dass sie ihm den Haushalt machte und sich um ihn kümmerte, so lange Katja ihm immer noch böse war. Aber er wagte nicht, Walli hinterher zu rufen und sie zu fragen, wohin sie ginge. Es waren schon Tage vergangen, seit Manuela Andler, die Ärztin, die ihm nach dem Unfall in der Praxis geholfen hatte, Waldkogel verlassen hatte. Die Nachricht musste auch bis zur Berghütte vorgedrungen sein, wohin sich seine Frau zurückgezogen hatte. Ebenso musste Katja erfahren haben, dass Pfarrer Zandler einen Fahrdienst zusammengestellt hatte, damit Martin seine Hausbesuche machen konnte. Martin rieb sich mit der Hand über das Knie, das er auf einen Stuhl hochgelegt hatte. Die Heilung ging ihm immer noch zu langsam voran. Als Arzt wusste er, dass jede vorzeitige Belastung die Heilung verzögern würde. Seine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Da er auf Krücken angewiesen war, war es ihm auch unmöglich, hinauf auf die Berghütte zu wandern, um mit Katja zu reden und sie zu bitten, wieder ins Tal zu kommen. Martin nahm sein Handy und schickte Katja eine Nachricht, wie so viele zuvor. Niemals hatte er eine Antwort bekommen.
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Seitenzahl: 129
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Die Sonne stand tief über den Bergen. Waldkogel lag schon im Schatten. Es war alles still im Dorf.
Walli legte ihr Umschlagtuch um und hängte die Handtasche über den Arm, die sie nur sonntags benutzte, wenn sie zur Messe ging. So ging sie aus dem Haus.
Martin Engler saß in der Wohnküche, die Fenster standen offen. Er sah, wie die alte Waltraud Schwanninger den Hof verließ. Walli sah nicht zu ihm herüber. Martin war froh, dass sie ihm den Haushalt machte und sich um ihn kümmerte, so lange Katja ihm immer noch böse war. Aber er wagte nicht, Walli hinterher zu rufen und sie zu fragen, wohin sie ginge.
Es waren schon Tage vergangen, seit Manuela Andler, die Ärztin, die ihm nach dem Unfall in der Praxis geholfen hatte, Waldkogel verlassen hatte. Die Nachricht musste auch bis zur Berghütte vorgedrungen sein, wohin sich seine Frau zurückgezogen hatte. Ebenso musste Katja erfahren haben, dass Pfarrer Zandler einen Fahrdienst zusammengestellt hatte, damit Martin seine Hausbesuche machen konnte.
Martin rieb sich mit der Hand über das Knie, das er auf einen Stuhl hochgelegt hatte. Die Heilung ging ihm immer noch zu langsam voran. Als Arzt wusste er, dass jede vorzeitige Belastung die Heilung verzögern würde. Seine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Da er auf Krücken angewiesen war, war es ihm auch unmöglich, hinauf auf die Berghütte zu wandern, um mit Katja zu reden und sie zu bitten, wieder ins Tal zu kommen.
Martin nahm sein Handy und schickte Katja eine Nachricht, wie so viele zuvor. Niemals hatte er eine Antwort bekommen. »Wie soll das nur weitergehen?« Sein Herz war schwer. »Nur nicht in Selbstmitleid verfallen«, schimpfte er sich aus. Er nahm die Krücken, ging hinüber in die Praxis und erledigte Schreibarbeiten.
Walli ging derweil in die Kirche und stiftete den Engeln vom ›Engelssteig‹ Kerzen. Sie hielt sich nicht lange auf, denn sie hatte noch etwas zu erledigen. Es war ein weiter Weg bis zum ehemaligen Hof der Gassers.
Die alten Gassers hatten die Landwirtschaft schon lange aufgegeben, die Gasser Alm war zu einem Ferienhaus ausgebaut worden und die Wiesen verpachtet.
Es war ein großes Bauernhaus, dessen große, weißgekalkte Fassade mit farbenprächtiger Lüftlmalerei verziert war. Die Haustür stand offen.
»Grüß Gott! Ist einer daheim?«, rief Walli.
Leonhard Gasser und seine Frau Heidrun, die Heidi gerufen wurde, kamen aus der großen Wohnküche.
»Ja, mei, die Walli!«, rief Leonhard. »Grüß Gott!«
»Komm rein, Walli«, sagte Heidi, »und setz’ dich! Magst du ein Glas Wasser? Du bist ein bisserl überhitzt.«
»Danke, Heidi, gern! Ich habe nicht gedacht, dass es noch so schwül ist.«
Leonhard, der Leo gerufen wurde, bot Walli den Arm und führte sie in die Küche. Dankbar nickend, sank sie auf einen Stuhl.
Heidi reichte ihr ein großes Glas Wasser. Sie wusste, dass alte Leute am liebsten Wasser tranken.
Walli trank es aus.
Heidi füllte ihr erneut das Glas.
»Das tat gut. Ich danke euch!«
Leo und Heidi setzten sich zu ihr an den Tisch. Sie sahen sie neugierig und erwartungsvoll an. »Also, Walli, ich denke, dein Weg hat dich nicht zufällig zu uns geführt. Stimmt’s?«, sagte Leo.
»Das zu erraten, dazu gehört nicht viel. Und ich bin sicher, du ahnst auch, warum ich hier bin, Leo.«
»Mm, eine Ahnung habe ich schon. Aber du musst mir schon sagen, um was es geht.«
»Also«, sagte Walli, »zuerst einmal freue ich mich, dass ich dich angetroffen habe, Leo. Es hätte ja sein können, dass du Nachtdienst bei der Bergwacht hast.«
»Das stimmt, aber ich habe Urlaub. Es ist mein letzter Tag. Morgen muss ich wieder arbeiten.«
»Oh, das ist gut, sehr gut!« sagte Walli. »Es wäre nicht vorteilhaft gewesen, wenn dein Urlaub noch länger gedauert hätte.«
»So meinst du? Das kann ich nicht beurteilen, Walli. Du musst mir schon sagen, um was es geht.«
Walli trank noch einen Schluck. Sie ließ das Umschlagtuch von den Schultern gleiten und faltete es zusammen.
Leo und Heidi warfen sich fragende Blicke zu.
»Also, ich will nicht lange drum herumreden, Leo. Du bist Martins Freund. Allerdings hast du dich in den letzten Wochen rargemacht.«
Leo stand die Verlegenheit im Gesicht. »Walli, es gehen so viele Gerüchte um, dass ich mich nicht entscheiden konnte. Ich wollte mich da nicht einmischen. Außerdem sieht die Ehekrise eines Paares für Außenstehende immer anders aus. Also, wenn Heidi und ich mal eine Krise hätten, was nie vorkommen wird, wollen wir auf keinen Fall, dass sich unsere Freunde einmischen. Das ist, als gieße man noch Öl ins Feuer.«
»Schmarrn!«, brach es aus Walli hervor. »Du hättest Martin besuchen und ihn fragen sollen, was an den Gerüchten dran ist. Aber noch ist es nicht zu spät, Leo. Deshalb bin ich hier. Martin braucht einen Freund. Er braucht alle seine Freunde.«
»Toni …«, begann Leo.
»Toni hat sich von Katja einwickeln lassen«, schnitt Walli ihm das Wort ab. »Das verstehe ich. Toni konnte Katjas Tränen genauso wenig widerstehen, wie ich. Wir haben alle Fehler gemacht.«
»Willst du damit sagen, dass an der Angelegenheit nichts dran ist?«, fragte Leo nach.
»Die Sache ist ein wenig kompliziert. Eins ist sicher, Martin hatte mit dieser Frau Doktor Manuela Andler kein Verhältnis, auch wenn es so aussah. Weißt du, das war so ein bisserl wie bei einer Fata Morgana, Leo. Verstehst du?«
Leo rieb sich das Kinn. »Ich verstehe es ungefähr. Aber verschone uns bitte mit Einzelheiten, Walli. Irgendwann wird Martin es mir selbst erzählen. Das ist besser, als wenn es aus drittem oder vierten Mund kommt.«
»Da hast’ Recht, Leo.« Walli trank wieder einen Schluck. »Also, Martin kann sein Knie immer noch nicht belasten. Das bedeutet konkret, es ist ihm unmöglich, hinauf auf die Berghütte zu wandern. Er will mit Katja sprechen. Was ich für gut halte. Die beiden müssen sich aussprechen. So wie bisher kann es nicht weitergehen, Leo.«
Leo schmunzelte. »So, so! Und da hast dir gedacht, ich könnte Martin hinauf fliegen.«
Walli schmunzelte. »Warum nicht? Du fliegst doch auf den vorgeschriebenen Übungsflügen auch die Bierfässer hinauf, getarnt als Ballast. Dann kannst du doch auch Martin mitnehmen.«
Leo lachte. »Da hast dir ja etwas Schönes ausgedacht, Walli. Aber ein Mensch ist kein Ballast. Das hat etwas mit den Vorschriften für Personenbeförderung zu tun.«
»Papperlapapp, Leo! Komme mir nicht damit! Also, du lässt dir etwas einfallen, oder ich muss einen anderen Weg einschlagen. Es gibt rund um München genug Firmen, die Hubschrauberrundflüge anbieten. Ich will dich nicht bedrängen. Ich will auch nicht, dass du in Schwierigkeiten gerätst. Aber vielleicht fällt dir eine Möglichkeit ein, wie du Martin helfen kannst.«
Leo stand auf und holte drei Bier aus dem Kühlschrank und Gläser.
Walli lehnte ab. Sie blieb bei Wasser.
So tranken Leonhard und Heidi allein.
Leo schwieg eine Weile. »Walli, ich kann dir nicht mehr versprechen, als dass ich darüber nachdenke.«
»Das ist schon mal gut.«
»Ich habe eine Idee, Leo«, sagte Heidi.
»Lass mich erst einmal nachdenken!«, sagte Leo ernst.
Heidi verstand, dass ihr Mann später mit ihr darüber sprechen wollte, wenn sie unter sich waren.
Walli verstand den Wink. »Was ich sagen wollte, habe ich gesagt, Leo. Gib mir bitte Bescheid, ob du es machen kannst oder nicht! Vielleicht bis morgen Mittag? Wenn du es nicht machen kannst, ist dir niemand gram. Dann miete ich einen Hubschrauber und lasse Martin hinauf fliegen.« Waltraud Schwanninger stand auf. »Dann gehe ich wieder. Ich bin nicht gern in der Dunkelheit unterwegs.«
Heidi und Leo brachten Walli hinaus. Sie verabschiedeten sich herzlich.
Heidi umarmte Walli und flüsterte ihr dabei ins Ohr. »Mache dir keine Sorgen! Das wird schon.«
Dann sahen sie Walli nach, wie sie davonging.
Leo und Heidi gingen zurück in die Wohnküche und setzten sich an den Tisch. Leo dachte nach, und Heidi schwieg.
»So, jetzt kannst du mir sagen, was du gedacht hast, Heidi. Ich habe dich vorhin nicht ausreden lassen, weil Walli zuhörte und ich ihr keine falschen Hoffnungen machen wollte.«
»Das habe ich schon verstanden, Leo«, lächelte Heidi. »Also, höre!« Heidi erklärte ihrem Mann, was sie sich ausgedacht hatte. »Ich weiß natürlich nicht, ob das geht. Du musst prüfen, ob es eine Möglichkeit ist. Aber ich halte das für einen guten Trick, Leo.«
Leo rieb sich das Ohrläppchen und schmunzelte. »Das ist eine ganz famose Idee. Wenn Martin mitspielt, Heidi.«
»Wenn er rauf auf die Berghütte zu Katja will, dann ist das seine Chance. Ansonsten muss er warten, bis Katja irgendwann herunterkommt oder sein Knie eine Wanderung zulässt. Du musst mit ihm sprechen.«
»Du hast Recht, Heidi. Das mache ich.«
Leo ging zum Telefon und rief Martin Engler an. Es läutete hin.
Nach dem zweiten Klingelton nahm Martin das Gespräch an. »Praxis Engler«, meldete er sich.
»Ich bin’s, Leo! Heidi und ich sitzen gerade zusammen. Wir haben an dich gedacht und von dir gesprochen. Ich wollte mal nachfragen, wie es dir geht?«
»Ha, das ist zweischneidig, Leo. Erst mal vielen Dank, dass du dich gemeldet hast!«
»Ja, ich habe auch ein schlechtes Gewissen, weil ich mich in letzter Zeit etwas rargemacht habe.«
»Darüber musst du dir keine Gedanken machen. Lieber spät, als nie!«
»Stimmt! Also, wie geht es dir?«
»Mei, das Knie heilt halt langsam, zu langsam. Das erfordert viel Geduld. Aber sag mal, wir müssen uns doch nicht am Telefon unterhalten. Du weißt doch, ich vermeide lange Gespräche am Telefon, für den Fall, dass ein Notfallanruf kommt.«
»War das eine Einladung?«
»Frag doch nicht so dumm! Was denkst du? Wollt ihr nicht herkommen? Ich würde mich sehr freuen. Dann ist der Abend nicht so lang für mich und ich habe Abwechslung.«
Heidi, die dicht neben ihrem Mann stand und mithörte, nickte.
»Ja, wir kommen zu dir. Wir machen einen Abendspaziergang und sind zehn in Minuten bei dir.«
»Ich freue mich. Mei, wie ich mich freue!«, sagte Martin. »Bis gleich und Pfüat di!«
Sie legten auf.
»Aufi, gehen wir«, sagte Leo.
Sie schauten nach dem Schäferhund Rex, der in seinem Hundekorb schlief. Er war inzwischen alt geworden und suchte immer mehr die Ruhe. Sie weckten ihn nicht. In der Wohnküche ließen sie die kleine Wandlampe an und verließen das Haus.
Doktor Martin Engler saß auf der Bank neben der Haustür und wartete. »Grüß Gott!« Martin war die Freude deutlich anzusehen.
Die beiden Freunde umarmten sich herzlich.
»Geht voraus! Mit meinen Krücken bin ich nicht so schnell.«
Sie gingen ins Haus. Martin bot Leo und Heidi ein Bier an.
»Danke, ich hatte schon ein Bier«, wehrte Leo ab. »Ich habe morgen wieder Dienst, nach meinem Urlaub. Da will ich ganz nüchtern sein.«
Martin verstand. »Gut, dann koche ich einen Tee. Ich habe aber auch noch Saft im Kühlschrank.«
Martin wollte aufstehen, aber Heidi bot sich an, den Saft und die Gläser zu holen. Martin setzte sich wieder und legte sein Bein hoch.
»Also, wie geht es dir?«, fragte Leo noch einmal.
»Nun, ich muss vorsichtig sein und darf das Knie nicht belasten. So heilt es schneller ab. Aber in der Praxis läuft es besser. Pfarrer Zandler hat Leute mobilisiert, die mich zu meinen Hausbesuchen fahren oder auch zu Notfällen. Es gibt einen Stundenplan und der Chauffeurdienst klappt gut. Deshalb konnte ich auf die Unterstützung der jungen Vertretungs-Ärztin verzichten.«
Leo und Heidi nickten und sagten, dass sie wussten, dass Manuela Andler inzwischen abgereist war.
Es entstand eine kleine, peinliche Pause.
Leo seufzte. »Martin, wir sind Freunde seit unserer Kindheit. Also sage ich es dir direkt. Wir wissen, was über dich und Frau Doktor Manuela Andler geredet wurde und dass Katja das Haus verlassen hat. Was ist dran an der Sache?«
Martin lächelte bitter. »Leo, ich dachte, du kennst mich besser. So wie du das sagst, scheinst du dir nicht sicher zu sein.«
»Mei, Martin, rede nicht solch einen Schmarrn!«, schimpfte Leo mit ärgerlichem Unterton. »Was bist du empfindlich! Heidi und ich, wir geben nichts auf Gerüchte. Deshalb frage ich dich direkt. Natürlich haben wir uns Gedanken gemacht, warum Katja fortgegangen ist. Das gebe ich zu. Wir konnten uns das nicht zusammenreimen. Du bist mit Sicherheit kein Hallodri und hinter Weiberröcken her. Doch dass Katja auf der Berghütte bei Toni und Anna Schutz gesucht hat …« Leo suchte nach Worten. »Mei, wir kennen Katja und konnten uns keinen Reim darauf machen.« Leo errötete leicht. »Ich meine, warum sollte Katja dich verlassen, wenn sie keinen Grund hat? Würdest du nicht auch so denken, wenn Heidi mich verlassen hätte?«
Martin schaute seinem Freund in die Augen. »Leo, ich will ehrlich sein. Ich hätte genauso gedacht. Ich wäre unsicher gewesen. Aber das steht nicht zur Diskussion. Ich liebe Katja. Ihr wisst, wie glücklich unsere Ehe ist – oder soll ich sagen, war?« Martin kämpfte mit der Fassung. Er räusperte sich, bevor er mit schwankender Stimme weiter sprach. »Die Sache ist aus dem Ruder gelaufen. Katja hat sich wohl Tag für Tag mehr in ihre Eifersucht hineingesteigert. Ich mache ihr keinen Vorwurf. Ich hätte keinen so lockeren Umgang mit der Kollegin führen sollen. Es gab viele Gründe, warum sich alles so hochgeschaukelt hat. Ich war zu unbekümmert. Katja sah nur, was sie sehen wollte und legte es auf ihre Weise aus. Da sie lange Zeit nichts sagte, kam mir überhaupt nicht in den Sinn, sie könnte denken, dass sich ein Verhältnis zwischen mir und Manuela anbahnt oder besteht. Dann kam Toni eines Tages und machte mir die größten Vorwürfe. An dem Abend wollte ich in Ruhe mit Katja darüber sprechen. Sie hatte sich mit Freundinnen getroffen.«
»Stimmt, ich war auch dabei«, sagte Heidi. »Es war ein schöner Abend.«
»Manuela hatte ich weggeschickt, weil Toni mich unter vier Augen sprechen wollte. Sie war oben im Gästezimmer. Meistens saßen Manuela und ich abends im Wohnzimmer und unterhielten uns über medizinische Themen. Es waren kollegiale Gespräche, mehr nicht.« Martin trank einen Schluck Saft. »Nun, nachdem Toni gegangen war, stand ich auf und wollte mein Handy holen, um Katja anzurufen. Dabei fiel eine Krücke um. Beim Aufheben bin ich schwer gestürzt und ausgerechnet auf das Knie gefallen, das ich mir beim Unfall verletzt hatte. Ich schrie auf. Manuela hatte das Poltern und meinen Schrei gehört. Sie war schon im Bett gewesen und kam barfuß und im Nachthemd herunter.« Martin seufzte tief. »Mei, es ist Hochsommer und heiß. Es war ein knappes Nachthemd. Aber das wurde mir erst viel später bewusst. Ich hatte große Schmerzen. Mir wurde ein paar Mal schwarz vor Augen. Ich dachte, ich verliere die Besinnung. Manuela handelte sofort. Sie spritzte mir ein Akut-Mittel aus dem Giftschrank und verarzte mich. Dazu zog sie mir die Hosen aus und behandelte mein Knie. Nach der Notfallbehandlung half sie mir hinüber auf die Krankenstation. Mir ging es wirklich nicht gut. Schmerzen hatte ich keine mehr, aber das Mittel machte mich heiter. Mir war, als hätte ich Drogen genommen. Ich war völlig neben mir. Es war eine der seltenen Nebenwirkungen. Manuela war sehr besorgt und blieb bei mir. Sie hoffte, dass die Nebenwirkungen bald abklingen würden.«
Heidi und Leo hörten aufmerksam zu.
