Tanten retten - Paula Thomé - E-Book

Tanten retten E-Book

Paula Thomé

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Beschreibung

"Die Mischpoke hier ist ja vollends ohne mich verloren. Lauter Schmocks mit einem Haufen Wirrsinn im Kopf. Glasauge sei wachsam!", kräht der Nacktpapagei von der Gardinenstange und charakterisiert damit zutreffend den Zustand unserer etwas seltsamen Familie, die mit einem Haufen Fiffis, Kakadus, Möpsen und anderem Getier am Rande der Stadt lebt und versucht, über die Runden zu kommen. Eines Tages verschwinden auf rätselhafte Weise die alten Tanten der Stadt und die Mitglieder unserer Familie sind alarmiert. Mit der Hilfe eines vierbeinigen Großaufgebots bringen sie in einer spektakulären Tantenrettungsaktion nicht nur die Ganoven Tist und Lücke zur Strecke, sondern finden auch zu sich selbst zurück. Paula Thomé erzählt in ihrer vergnüglichen Geschichte von der Kraft des Andersseins und der Möglichkeit, über solidarisches Handeln wieder ins Leben zurückzufinden. Lesealter: Ab 10 bis 100 Jahre. Zum Selberlesen. Vorlesen wäre noch schöner.

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EPUB
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Seitenzahl: 175

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Dieses Buch ist meinem Mann und meiner etwas verrückten Familie gewidmet. Ohne seine Unterstützung und Liebe wäre es nicht zur Realisierung dieses Projektes gekommen.

Paula Thomé, geboren 1965 in Bad Godesberg, arbeitet seit vielen Jahren mit Kindern und Jugendlichen. Sie schreibt seit ihrer frühen Jugend Dramen, Prosatexte und Gedichte.

Kapitelübersicht

Das erstes Kapitel

oder von einer etwas seltsamen Familie und anderen Tieren.

Das zweite Kapitel,

worin Saskio zu seinem Namen kommt und der Urgroßvater umsonst gekocht hat.

Das dritte Kapitel,

in dem Sasa beinahe von einem Rhönrad überfahren wird, er seine bis dahin älteste Freundin trifft und eine Geschäftsidee ihren Anfang nimmt.

Das vierte Kapitel,

worin allerhand Viehzeug ins Haus zieht und der Ochsenfrosch gleich wieder ausziehen möchte.

Das fünfte Kapitel

erzählt von Madame Perrier und ihren sonderbaren, aber nützlichen Fähigkeiten, von einer Hutmacherin ohne Haare und einer Nonne, die nicht beten kann.

Das sechste Kapitel,

worin sich die Familie langsam komplettiert und auch wieder nicht.

Das siebte Kapitel,

in dem Stutz zum Erfinder wird und Susu beginnt, Zahnbürsten einzukochen.

Das achte Kapitel,

worin der Faulbär auf keinen Fall gestört werden möchte, Monsieur Bonnemaison nach Amerika auswandert und der Alte zu seinem Häuschen kommt.

Das neunte Kapitel,

in dem der Alte mit seinem Ziegenkarren vorfährt und Saskio das Licht der Welt erblickt.

Das zehnte Kapitel,

das von den Anfängen Sasas berichtet und der Bestätigung der Newtonschen Gesetze.

Das elfte Kapitel,

worin der Faulbär einen Entschluss fasst und die Einreisebehörde der Vereinigten Staaten sich unnachgiebig zeigt.

Das zwölfte Kapitel,

in dem alles Gute von oben kommt, der Faulbär der Liebe seines Lebens begegnet und der Handel mit Heilhumus ungeahnte Früchte trägt.

Das dreizehnte Kapitel

spielt in einem nicht enden wollenden Sommer und im fernen Amerika schreiben zwei Eltern einen verzweifelten Brief.

Das vierzehnte Kapitel,

worin Sasa fast eine Such- und Findeagentur eröffnet hätte und erst Saskio, dann Susu zum Meisterkoch wird.

Vom fünfzehnten Kapitel,

in dem Donella verschwindet, eine Windharfe nicht singen will und der Nacktpapagei einen guten Rat gibt.

Das sechzehnte Kapitel,

indem ein Berg Viktualien herangeschafft wird, um die Denkfähigkeit zu erhöhen.

Das siebzehnte Kapitel,

worin ein Findefundstück für Aufregung sorgt und Schwester Soir nicht mehr Hosianna singen will.

Im achtzehnten Kapitel

kommt es zu einem rätselhaften Tantenschwund, Plätze im Paradies sollen noch frei sein und die Musiklehrerin erhält Besuch von zwei zwielichtigen Herren. Sasa lässt das alles keine Ruhe.

Das neunzehnte Kapitel,

in dem Gegenmaßnahmen ergriffen werden, Madame Perrier einen verhängnisvollen Fehler begeht, Petit Four ohne ihren Hut nicht auf Reisen geht und auf den Bahnverkehr doch noch Verlass ist.

Das zwanzigste Kapitel,

worin sich Familienzusammenhalt bewähren kann, Stutz die Segnungen der Elektrifizierung preist und zum Angriff geblasen wird.

Das einundzwanzigste Kapitel,

in dem man sich das Paradies anders vorgestellt hat und eine Kühlkammer nicht nur für Echsen ungeeignet ist.

Im zweiundzwanzigsten Kapitel

sind Fremdsprachenkenntnisse von großem Nutzen, trotzdem muss man sich in Geduld üben.

Das dreiundzwanzigste Kapitel,

in dem zwei alte Bekannte ausgetrickst werden und Südindien ein wunderbares Reiseziel ist.

Das vierundzwanzigste Kapitel

hält eine Überraschung bereit und Stutz träumt, Tante Soir übernimmt ein Amt und ein Versprechen wird gegeben.

Das fünfundzwanzigste Kapitel,

in dem die Dinge sich richten und ein Holzbein geklebt wird.

Das letzte und sechsundzwanzigste Kapitel,

in dem ein kleiner Hund zur Heldin wird, Mademoiselle Four ein neues Dach erhält und die Welt leuchtet.

Das erste Kapitel oder von einer etwas seltsamen Familie und anderen Tieren.

Es gab einmal jemanden, der hatte drei Urenkelkinder. Zwei Sonntagsurenkelsöhne und ein Samstagsurenkelkind. Dann kam noch ein viertes dazu. Ein Findelkind. Eines Morgens lag es auf der Fußmatte vor der Tür, eingeschlagen in ein altes Tuch und sehr winzig. Sie nannten es Fin, von finden. Es ist immer noch winzig, aber schon etwas größer als am Anfang. Die fünf lebten schon viele Jahre zusammen in dem merkwürdigen Haus, von dem niemand so genau wusste, wer es erbaut und wann es entstanden war. Eins war aber sicher, die vielen An-, Vor-, Hinter-, Über- und Unterbauten gingen auf die Kappe des Mannes und Findeurgroßvaters, der meinte, jedes Kind müsse unbedingt sein eigenes Zimmer haben. Dabei schliefen die vier am liebsten zusammen in dem großen, leicht staubigen Ehebett. Der Großvater schlummerte schnarchend auf dem Sofa in der Küche. So hatte er alles im Blick – niemand benutzte die Haustür, alles wanderte durch die Küchentür nach draußen und wieder zurück. Einäugig beobachtete der Alte vom Sofa aus das Kommen und Gehen. Das andere Auge hielt er geschlossen und wechselte von Zeit zu Zeit, sodass jedes Auge zu seinem wohlverdienten Schlaf kam. Deshalb war seine Nachtruhe länger als die aller anderen, aber nicht so lang wie die aller zusammengezählt. Seine Urgroßvater- und Aufsichtspflichten nahm er ziemlich ernst.

Ansonsten genossen aber alle die größte Freiheit und konnten mehr oder weniger tun, was sie wollten. Was dazu führte, dass das älteste aller Urenkel, der auch das älteste Sonntagsurenkelkind war, als es den Kinderschuhen so gerade entwachsen, den ehrenwerten und viel Geschicklichkeit erfordernden Beruf des Taschenspielers ergriff. Er brachte es darin zu großer Kunstfertigkeit! Nicht nur, dass er mit Taschen aller Größe und Form jonglierte, Bällewerfen ist dagegen ein Kinderspiel, sondern er bugsierte auch die unwahrscheinlichsten Dinge in Westen-, Rock- und Hosentaschen hinein und anderes wieder hinaus, selbstverständlich ohne dass die jeweiligen Besitzer auch nur im geringsten Verdacht schöpften. Sie merkten rein gar nichts! Darin lag ja die Kunst. Sie staunten nicht schlecht, als sie etwa statt des erwarteten Taschentuches einen Knackfrosch in der Hand hielten. Übrigens genauso einer, mit dem sie in ihrer entfernten Kinderzeit die Großmutter jedes Mal unsanft aus dem Mittagsnickerchen geweckt hatten. Auch blieb es ein Rätsel, warum um Gottes willen ihre Geldbörse sich schmerzhaft in eine Mausefalle verwandelt hatte und nun zugeschnappt an ihrem Daumen hing.

Saskio, so hieß der älteste aller Urenkel, ging dieser Profession eher beiläufig nach und achtete darauf, dass er nur reiche Pinkel um ein paar Geldstücke erleichterte. Das gehörte schon zu seiner Berufsehre. Arme Menschen waren ja schon geschlagen genug, da musste man nicht auch noch Schicksal spielen. Eine besondere Gabe von ihm aber lag auf einem anderen Felde und verschaffte der Familie eine zuverlässige Einnahmequelle, was den dann doch eher sporadischen, wenn auch eleganten Taschenspielereien vorzuziehen war. Er hatte nämlich ein einnehmendes Wesen und ein geduldiges Ohr für die Sorgen und Nöte des betagteren Teils der Bevölkerung. So wurde er, obwohl er die Volljährigkeit noch nicht einmal erreicht hatte, zum Manager des Clubs der Hundertjährigen ernannt und übte einmal wöchentlich mit der Seniorenrugbymannschaft auf dem Sportplatz Tackling1, Dropkicks2 und Scrums3 (ihr wisst schon, das ineinander verschachtelte Spalierbückenstehen der Mannschaften), bei denen er jedes Mal dazwischen gehen musste, weil die alten Herrschaften sich aus dem Gedränge nicht mehr selbst befreien konnten und der Ball auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden drohte.

Sein Meisterstück sollte indes später die Betörung alter, nach Lavendel duftender Tanten werden, die er um ihr Erspartes brachte, indem er ihnen hoch und heilig versprach, quasi bei seiner Ehre, sich nach ihrem - der Tanten - Ableben, um deren Fiffis, Möpse und Papageien zu kümmern.

Von so viel Verantwortungsbewusstsein und Einfühlungsvermögen betört, ergriffen allesamt tiefgerührt diese einmalige - und für die meisten auch einzige - Chance, fütterten ihn mit selbstgemachten Kuchen und Konfekt, tätschelten ihm die Wange, seufzten und waren glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Sie verabschiedeten ihn immer mit einem Lächeln auf ihren zerfurchten Lippen und gedachten seiner in etwas versonnener und kurzatmiger Liebe. So war keinem geschadet und alle waren zufrieden. Auch der Urgroßpapa, der sich über den stetigen Geldsegen freute, da er selbst eher weniger, also eigentlich nichts, zum Familieneinkommen beitrug. Das war die pekuniäre Seite der Angelegenheit, allerdings nicht die einzige.

1 Meint im Rugby das Umklammern und Tiefhalten des Gegners.

2 Viel Geschicklichkeit erfordernder Sprungtritt - geradezu akrobatisch -, um den Ball aus dem laufenden Spiel zwischen die Malstangen und über die Querstange zu bugsieren.

3 Unter der Voraussetzung, dass der Ball nach vorne geworfen wird, müssen die Spieler 1 bis 8 ein Gedränge ausführen und versuchen, sich gegenseitig wegzudrücken, um den Ball für das eigene Team freizubekommen. Hier ist nicht nur Kraft, sondern auch Dickköpfigkeit erforderlich.

Das zweite Kapitel, worin Saskio zu seinem Namen kommt und der Urgroßvater umsonst gekocht hat.

Nun aber zum ältesten aller Sonntagsurenkelsöhne und mutmaßlichen Stammhalter Saskio persönlich: Alle Welt nannte ihn zwar Sasa, aber sein Taufname war das nicht. Eigentlich hieß er Saskio. Saskio N. Wagemut. Den Namen hatte er noch von seiner Mutter im Kindbett erhalten. Ursprünglich hatte sie sich ein Mädchen gewünscht – wusste aber insgeheim, dass es ein Junge werden musste, rein familientechnisch betrachtet. Einen kleinen Moment war sie ein bisschen enttäuscht darüber, dass es ein Junge geworden war, aber, na ja, was soll‘s.

Jedenfalls hatte sich Donella in der Schwangerschaft schon einen Namen für ihre Tochter überlegt, eben Saskia, und weil es jetzt schnurstracks ein Junge geworden war und die Sache auch nicht mehr zu retten und sie selbst Halbitalienerin war, daher auch ihr Name Donella, und sie in einem Italienischkurs mal gehört hatte, dass die männliche italienische Endung in der Deklination der Substantive häufig im Nominativ auf „o“ endete, änderte sie Saskia kurzerhand in Saskio, was immerhin sehr nett klingt und, weil sie ganz sicher gehen wollte, dass auch alles gut geht und jeder es auch versteht, setzte sie noch das N. hinzu, was so viel bedeutet wie Nominativo und schließlich, weil sie dem Neugeborenen neben allen guten Wünschen einen ganz besonders mitgeben wollte, auch noch Wagemut. Sozusagen Programm und Ermunterung gleichermaßen, und in der Tat, der Junge zeigte schon früh Fortune und Durchsetzungskraft.

Das war damals, als Donella noch in dem Haus lebte, später war sie dann verschwunden. Eine wirkliche Erklärung hatte dafür niemand so recht. Die einen meinten, sie sei im Kindbett des dritten Kindes gestorben, eine damals recht übliche Todesart für Mütter. Die Leute konnten ja nicht wissen, dass die Söhne Nr. Zwei und Drei auf ganz andere Weise ins Haus gekommen waren. Andere munkelten, sie sei mit einem Artisten eines durchreisenden Zirkus durchgebrannt. Das ein Jahr später auf der Fußmatte schlafend gefundene Findelkind sei eben dieser wilden, fahrenden Verbindung entsprossen. Wahrscheinlich habe sich der Luftakrobat und fahrende Gesell als nicht so ganz familientauglich entpuppt, so dass es der Mutter sicherer und wohlgeordneter erschien, den Kleinen in die Obhut seiner Geschwister und dem, wenn auch etwas unbeweglichen so doch verlässlichen alten Herrn zu übergeben.

Immerhin, das Haus war groß genug und einem klapprigen Wohnwagen vorzuziehen. Außerdem wollte Donella, dass der Junge später zur Schule gehen sollte, und was könne da ein Zirkus schon bieten, außer Feuerschlucken und Messerwerfen. Eine Karriere auf dem Drahtseil lehnte sie für den Kleinen strikt ab, nicht nur, weil er etwas verdrehte Füßchen hatte, sondern auch, weil sie Abend für Abend tausend Tode starb, wenn sie ihren Akrobatenmann in luftiger Höhe sein Leben riskieren sah – für was eigentlich? Für die Belustigung tumber Dörfler und verdorbener Städter, das karge Salär, das kaum für den nächsten Tag reichte? Nein, sie wollte das Kind in soliden Verhältnissen wissen. So jedenfalls die Mutmaßungen aus der interessierten Nachbarschaft. Tatsache ist leider, dass bis heute nicht ganz klar ist, wo Donella hingeraten ist. Der Alte wird es wissen, aber der schweigt sich aus.

Einmal im Jahr, im Frühling, deckt er ganz fein den Tisch, mit Tischdecke und allem Pipapo, Servietten und Serviettenringen. Man stelle sich vor, verschiedene Gläser für Wein und Wasser. Aber nur für zwei Personen. Eine Kerze stellt er auch auf den Tisch. Dann kocht er den ganzen Tag die kompliziertesten Speisen aus seinem zerfledderten Kochbuch. Der dicke Hofhund Anatol weicht ihm dann nicht von den Fersen, hofft er doch, den einen oder anderen Bissen abzubekommen. Der Alte tut ihm den Gefallen, wenn auch mit etwas schlechtem Gewissen, weil Anatol wirklich etwas zu dick ist. Wenn es Abend wird, scheucht er die Kinder aus dem Haus und bei Todesstrafe dürfen sie das Haus nicht mehr betreten, bis er sie wieder hereinruft. Natürlich haben sie sich auf die Lauer gelegt, um zu sehen, wer denn da zu Besuch kommen soll. Aber wie jedes Jahr haben sie niemanden gesehen und sie haben sehr gut aufgepasst!

Der alte Herr ist an diesem Abend noch einsilbiger als ohnehin schon, brummelt vor sich hin und räumt die Küche auf. Selbst den Abwasch macht er selbst - macht er sonst das ganze Jahr nicht - und überhaupt ist mit ihm nichts anzufangen. Aus dem Abfalleimer ragen mehr oder weniger unangerührte Taubenbeinchen, auch der Schokopudding landet da. Aber das ist nur ein Abend im ansonsten hellen und weichen Frühling, in dem alle voller Pläne und guter Dinge sind.

Das dritte Kapitel, in dem Saskio beinahe von einem Rhönrad überfahren wird, er seine bis dahin älteste Freundin trifft und eine Geschäftsidee ihren Anfang nimmt.

An einem solchen Abend ging Saskio nach vollbrachten Tagwerk in Form von allerlei mehr oder weniger erfolgreichen Taschenspieler- und Koffertricks noch ein wenig in die Felder, sich die Beine zu vertreten. Der Einfall, sich um die verwaisten Lieblinge betagter Damen und Herren gegen ein kleines Geld zu kümmern, war noch nicht geboren, so dass die finanzielle Situation der Familie, nun sagen wir, etwas angespannt war. Saskio machte sich Gedanken über einen neuen Zaubertrick. „Tischlein versteck dich“ wollte er ihn nennen und am Ende sollten sich alle Dinge, die sich vormals auf dem Tisch befanden, nach dem Hokuspokus sicher in seinem Arbeitskoffer unter dem Tisch befinden. Aber bis zur Aufführungsreife war es noch ein langer Weg, und die Idee wollte auch noch nicht so recht Gestalt annehmen.

Nichtsahnend und gedankenverloren schlenderte er so vor sich hin, ein Liedchen pfeifend, als er plötzlich von hinten lauthals angerufen wurde.

„Aaah! Aus dem Weg! Achtung, wir können nicht bremsen! Weg da!“

Doch zu spät! Ein riesiges, kreiselndes Etwas kam mit hoher Geschwindigkeit auf ihn zu. Was war das? Er schaute genauer hin – Saskio bewies wieder einmal Nervenstärke – und glaubte seinen Augen nicht zu trauen. Ein großes, sich immer schneller drehendes Rad, in dessen Inneren sich eine alte Dame wie ein Speichenkreuz aufgespannt hatte, raste genau auf ihn zu.

„Aus der Laufbahn!“, kreischte die Alte, doch es half nichts.

Im Moment wurde er von dem wild wirbelnden Rad erfasst und zur Seite geschleudert. Das seltsame Gefährt kam kurz ins Trudeln, es ruckelte und eierte etwas, dann kam es wieder in die Senkrechte und nahm erneut Fahrt auf.

Als Saskio sich aufgerappelt hatte, dachte er einen kurzen Moment lang, er habe in die hypnotischen Augen einer Schlange geschaut, aber das war wohl nur eine kleine Sinnestäuschung in der Sekunde des Schrecks. Da der Weg hier abschüssig war und zum nahegelegenen Bach hin abfiel, landete das seltsame Gespann mit einem lauten Platsch und einem spitzen Schrei – offensichtlich von Seiten der Dame – im Wasser. Prustend und schnaubend kam die alte Tante wieder hoch und versuchte mühsam ans Ufer zu klettern. Saskio galoppierte zum Ufer, um der alten Frau hinaus und hinauf zu helfen.

Das Ufer war vom letzten Regen noch etwas durchweicht und glitschig. Das Riesenrad war nicht mehr zu sehen, stattdessen schlängelte sich eine monsterlange Boa aus dem Wasser und auf die beiden zu. Schreckenstage! Wo kam die her? Saskio hielt die Luft an, doch die alte Frau schnurrte auf die Riesenschlange zu und gurrte:

„Oh, oh, Annilein, du hast dich doch hoffentlich nicht verletzt?“ Die Schlange schüttelte verneinend ihren großen Kopf.

„Und Ihnen ist hoffentlich bei unserem Beinahe-Zusammenstoß auch nichts passiert?“ Die Madame musterte Saskio vom Scheitel bis zur Sohle, konnte aber offensichtlich keinen Schaden an ihm feststellen. Saskio beeilte sich zu versichern, dass er – außer einem kleinen Schrecken – wohlauf sei. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, traute er seinen Augen nicht und war sprachlos angesichts der riesigen Anakonda, die ihn mit unergründlichem Blick musterte. Er hoffte, sie überlegte nicht gerade, wie er wohl zum Abendbrot schmecke.

„Das freut mich, zu hören“, sagte die Alte, „trotzdem müssen Sie mir die Ehre erweisen, mich auf ein kleines Likörchen – auf unsere neue Bekanntschaft – nach Hause zu begleiten, nicht wahr, junger Mann?“ Dem jungen Mann wurde noch etwas mulmiger zumute und er überlegte, wie er aus dieser Nummer wieder herauskäme, ohne die alte Dame zu enttäuschen.

„Äh, tja. Eigentlich muss ich wieder nach Hause. Es ist schon spät und die Familie wartet!“

„Papperlapapp! Ein halbes Stündchen werden Sie schon erübrigen können“, damit hakte sich die Alte bei Saskio unter und zog ihn Richtung Städtchen. Die Schlange bummelte etwas und schlängelte sich, hier und da am Wegrand etwas nach Mäusen stöbernd, hinter ihnen her.

„Gehört die zu Ihnen?“, fragte Saskio vorsichtig und zeigte nach hinten auf die Riesenschlange. Vorsichtshalber hielt er ein paar Schritte auf Abstand.

„Aber selbstverständlich. Das ist meine Anastasia. Konda mit Familienname. Wir turnen gemeinsam und auch sonst ist sie eine sehr angenehme Gesellschafterin. Nicht wahr, Annilein?“, mit diesen Worten beugte sich die alte Dame zu dem gefährlich nahe gekommenen Ungetüm hinab und kitzelte es etwas unter dem Maul. Und, man glaubt es nicht, die Schlange kicherte leise in sich hinein. Wer hat schon einmal eine Schlange kichern hören und auch noch so ein Riesenexemplar? Sie maß von ihrem beeindruckenden Kopf bis zur Schwanzspitze sicher 7,30 Meter!

Hübsch anzusehen war sie schon mit ihrem schwarzen Fleckenmuster auf dem grünen Schuppenkleid und ihren goldenen Augen, wenn sie nur nicht so groß gewesen wäre! Saskio war ein wenig verwirrt und fragte:

„Was turnen Sie denn so?“, weil er nicht schlau aus dieser ganzen Sache wurde.

„Rhönrad. Wir fahren Rhönrad, wie Sie eben selber Zeuge wurden.“

„Äh, ich verstehe nicht ganz, Werteste?“

„Nun, ich bin die Fahrerin, Anastasia ist das Rad.“

„Oh, sehr sportlich und das in ihrem Alter, wenn ich das bemerken darf.“

„Ja, nicht wahr? Anastasia ist schon 79 Jahre alt und das ist für Anakondas schon ein biblisches Alter.“

„Ja, dafür ist sie allerdings erstaunlich gelenkig“, bestätigte Saskio, der aus dem Staunen nicht mehr herauskam und sich im Stillen fragte, wie alt denn die alte Schachtel da vor ihm sei. Als könne sie Gedanken lesen, fügte die Alte hinzu:

„Ich zähle ja erst 78 Lenze!“, damit strahlte sie Sasa mädchenhaft an und zwinkerte vergnügt mit ihren blauen Augen.

„Ach, ich törichtes Mädchen! Ich habe mich ja noch gar nicht vorgestellt. Ich bin Madame Zementry. Cécile Zementry und wohne drüben am Fischmarkt.“

„Angenehm“, sagte Saskio, „ich bin Saskio Fratelli. Sie können ruhig Saskio zu mir sagen.“

Über dieses Gespräch hatten sie den Wohnwagen von Cécile Zementry erreicht, der tatsächlich am Rande des Fischmarktes abgestellt war. Madame erstieg die kleine Treppe zum Eingang und öffnete mit Schwung die Tür.

„Hereinspaziert in die gute Stube“, lud sie Saskio ein, zur Schlange sagte sie: „Annilein, du musst leider noch für einen Moment draußen warten. Drinnen ist es zu eng für uns drei. Aber mach´ bitte keinen Unsinn!“ Sie erhob mahnend den Zeigefinger in Richtung Riesenschlange und komplimentierte Saskio ins Innere des Wagens. Während dieses Manövers erläuterte sie:

„Anastasia hat es auf den Mops der Nachbarin abgesehen. Einmal hätte sie ihn fast gehabt! Mit einer Seilwinde musste ich sie von dem Mops herunterdrehen. Der arme Kerl litt schon unter Atemnot und schnaufte zum Gotterbarmen, so eng hatte Anna ihn umschlungen, und das nicht aus Zuneigung, kann ich dir versichern!“ Saskio schluckte, kommentierte das Ganze aber nicht.

Drinnen war es wirklich etwas beengt, aber zweckmäßig. Nahm man auf dem einzigen Sessel Platz, landeten die Füße in der Zinkwanne, die zum Waschen bereitstand. Hockte man sich aufs Sofa, was offensichtlich, dem riesigen Plumeau nach zu urteilen, welches sich darauf türmte, auch als Bettstatt diente, musste man erst einen Haufen alter Tennisschläger, halbleere Bälle, eine Gewichtheberstange von beachtlichem Gewicht und andere Sportartikel zur Seite räumen.

„Ich bin Leistungssportlerin“, sagte die alte Dame entschuldigend mit einem Blick auf die Gerätschaften zur Leibesertüchtigung.

Ein alter Ofen nahm auch nicht unwesentlich wenig Platz ein und von der Decke baumelten an langen Bindfäden befestigt Dinge des täglichen Bedarfs wie Töpfe und Pfannen, Geschirr und Besteck, aber auch Bücher, Stifte, Briefumschläge, ein paar Werkzeuge und eine Luftpumpe. Saskio wurde von Mme Zementry in den Sessel gedrückt, dann ließ sie eine Birnenschnapsflasche von der Decke hinab und zauberte aus der Tasche ihres Morgenmantels, der an der Tür hing, zwei kleine Likörgläschen. Nachdem sie eingeschenkt hatte, prostete sie Saskio zu und kippte das Zeug in einem Zug hinunter.

„Aah. Lecker, lecker“, seufzte sie und leckte sich über die Lippen. Saskio kostete nur einen Tropfen von dem Gebräu, weil er nicht unhöflich sein wollte.

„Woher haben Sie Anastasia, wenn ich fragen darf?“, wollte Saskio wissen. „Darfst du, darfst du“, entgegnete Cécile leutselig.