Tanz auf den Klippen - Sólrún Michelsen - E-Book

Tanz auf den Klippen E-Book

Sólrún Michelsen

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Beschreibung

Zwei Mädchen in einem Dorf auf einer abgelegenen Insel. Sie wachsen auf in einer archaisch wirkenden Welt, in zwei Familien, die unterschiedlicher nicht sein könnten, umgeben von abgekämpften, rebellierenden Arbeitern, skurrilen Außenseitern und eigensinnigen Wirrköpfen, die in der harschen Realität ihren Weg gehen. Jahre später treffen sie sich als junge Frauen wieder: Die eine als Studentin auf der Suche nach ihrem Weg ins Leben, die andere als rätselhafte, mit den Männern spielende Schönheit.

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Seitenzahl: 158

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Über dieses Buch

Zwei Mädchen in einem Dorf auf einer abgelegenen Insel. Sie wachsen auf in einer archaisch wirkenden Welt, in zwei Familien, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Jahre später treffen sie sich als junge Frauen wieder: Die eine als Studentin auf der Suche nach ihrem Weg ins Leben, die andere als rätselhafte, mit den Männern spielende Schönheit.

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Sólrún Michelsen, geboren 1948, zählt zu den bekanntesten Vertretern der zeitgenössischen färöischen Literatur und schreibt für Kinder und Erwachsene. 2002 erhielt Michelsen den färöischen Kinderliteratur-Preis.

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Inga Meincke (*1963) studierte Nordistik, Philosophie und Romanistik. Von 1999 bis 2003 war sie Lehrbeauftragte am Institut für Nordische Philologie München. Sie lebt als freie Lektorin und Übersetzerin in München.

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Dieses Buch gibt es in folgenden Ausgaben: Hardcover, E-Book (EPUB) – Ihre Ausgabe, E-Book (Apple-Geräte), E-Book (Kindle)

Mehr Informationen, Pressestimmen und Dokumente finden Sie auch im Anhang.

Sólrún Michelsen

Tanz auf den Klippen

Roman

Aus dem Färöischen von Inga Meincke

E-Book-Ausgabe

Mit einem Bonus-Dokument im Anhang

Unionsverlag

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Impressum

Dieses E-Book enthält als Bonusmaterial im Anhang 2 Dokumente

Die Originalausgabe erschien 2007 unter dem Titel Tema við slankum im Verlag Mentunargrunnur Studentafelagsins, Nivå.

Die Übersetzung wurde vom Deutschen Übersetzerfonds und vom Färöischen Kulturfonds (Mentanargrunnur Landsins) gefördert.

Originaltitel: Tema vid slankum (Nivå, 2007)

© by Sólrún Michelsen 2007

© by Unionsverlag, Zürich 2024

Alle Rechte vorbehalten

Umschlag: Bildersommer (Katja Sturm)

Umschlaggestaltung: Martina Heuer

ISBN 978-3-293-30869-5

Diese E-Book-Ausgabe ist optimiert für EPUB-Lesegeräte

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Version vom 18.05.2024, 04:53h

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Inhaltsverzeichnis

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Über dieses Buch

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Inhaltsverzeichnis

TANZ AUF DEN KLIPPEN

Erster TeilDas MädchenDer VaterFías MaschineDie KleinenDer StrandTanz auf StrumpfsockenSpielDie LohntüteSchreibenDie KücheDas FischbündelDer ReifenDas Herz aus GoldWäscheAbendrotGroßmutterZweiter TeilBlauParentheseMutter und TochterDas rote KopftuchSamuelSehnsuchtAn den FüßenSchuheLeiternDie HimmelsleiterDritter TeilMit der Wirklichkeit tanzenDas Gitter-MädchenIch

Mehr über dieses Buch

Inga Meincke: Die Übersetzerin über Tanz auf den Klippen

Über Sólrún Michelsen

Sólrún Michelsen: Islands of Maybe

Über Inga Meincke

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Erster Teil

Das Mädchen

Sie war ein Jahr älter als ich, und ihre Welt war interessanter als meine, denn sie war in einem großen Schuppen eingesperrt.

So für sich genommen war das noch nicht sonderlich abenteuerlich. Aber ihr Vater, ein alter Mann mit grauem Stoppelbart und Brille, hatte fast das ganze Grundstück rund um das Haus mit dem Schuppen überbaut.

Es war kein Schuppen, wie wir ihn kennen. Wände und Dach waren aus rostigen Wellblechplatten, und er war unfassbar groß. Erstreckte sich ins Unendliche. Wirklich außergewöhnlich aber war, dass er keinen Fußboden hatte. Stattdessen waren da große Felsbrocken, Gras, ein kleiner Hügel.

Einen großen Felsen unter einem Dach hinunterzurutschen, das hatte etwas.

Aber dunkel war es da drin. Halbdunkel jedenfalls. Nur durch das Holzgitter an der Vorderseite fiel etwas Licht. Da, wo sie stand und hinausschaute. Es war so, als würde man abends draußen spielen, und doch irgendwie anders.

Ganz hinten im Schuppen waren zwei kleine Räume. Dort standen einige große, schwarze Holzfässer, ihre Reifen waren rot vor Rost. Ein übler Gestank ging von ihnen aus, und im Sommer summte ein riesiger Schwarm dicker schwarzer Schmeißfliegen um sie herum.

Sie hatte Spaß daran, mit lauter Fliegen in der Hand herumzulaufen, das surre so lustig, meinte sie. Dann zerdrückte sie sie und holte sich eine neue Handvoll.

Den Kindern, die zum Spielen kamen, streckte sie die Hand mit den Fliegen ins Gesicht. Manche fürchteten sich vor den Fliegen und blieben in der Fliegenzeit weg, doch dann grub sie Regenwürmer und Spinnen aus. Das Einzige, was half, war, selbst einige Fliegen in der Hand surren zu lassen.

Dann verlor sie das Interesse.

Einmal hob ich den Deckel von einem der großen Fässer an und schaute hinein, aber ich konnte nichts sehen, nur eine schwarz glänzende Wasseroberfläche, auf der tote Fliegen schwammen. Ich fragte sie, was in den Fässern sei, aber sie zuckte nur mit den Achseln.

Sie freute sich, wenn wir zum Spielen kamen. Wir waren immer mindestens zu zweit, allein trauten wir uns nicht recht. Wenn wir nun eingesperrt würden und keiner wusste, wo wir waren? Von außen konnte man nicht hineinsehen, ihr Vater hatte einen hohen rostigen Zaun um das ganze Grundstück gezogen und die Innenseite mit rostigen Wellblechplatten verkleidet, die er mit seltsamen Mustern bemalte. 

Selbst wenn es uns gelungen wäre, auf andere Weise aus dem Schuppen zu kommen als durch die Tür mit dem Vorhängeschloss – von hier gab es keinen Ausweg, das wussten wir aus Erfahrung. Wir kamen nicht über den Zaun, ohne uns Kleider und Hände aufzureißen.

Wir gingen hin, wenn wir uns langweilten und uns nichts Besseres einfiel.

Immer wenn wir in die Nähe des Hauses kamen, spürten wir eine leise Angst in uns aufsteigen.

Wir öffneten die Gartenpforte und ließen sie hinter uns ins Schloss fallen. Keine andere Pforte machte so ein Geräusch. Wir blieben stehen und sahen uns schweigend an. Noch war Zeit, umzukehren. Dann gingen wir zögerlich weiter den schmalen Gang entlang, der zum Schuppen führte.

Wir sahen ihre Finger, die die Gitterstäbe umklammerten. Beim Näherkommen sahen wir auch ihre Augen aufleuchten. Sie sagte kein Wort.

Der Schuppen grenzte dicht ans Haus. Vom Gitter, wo sie stand, bis zu der kleinen Treppe, die zur Haustür führte, waren es gerade vier Schritte. Hier zögerten wir wieder einen Moment, klopften an und hofften, dass es die Frau war, die öffnen würde. Sie war alt und grauhaarig wie ihr Mann. Wir sahen sie nie lächeln. Sie hatte die grauen Haarsträhnen im Nacken zu einem kleinen Knoten zusammengesteckt und einen Gesichtsausdruck, als trauerte sie um jemanden. Auch ihre Stimme klang leidend. 

Aber das war immer noch besser, als wenn er an die Tür kam. Er hasste Kinder. Er sprach nicht. Er zischte. Er schien keine Zähne mehr zu haben, die Wangen mit den grauen Bartstoppeln waren eingefallen. Die eine war dunkler als die andere. Er trug eine Brille mit starken Gläsern. So stark, dass wir nie seine Augen sahen. Er hatte immer eine Schirmmütze auf. Vielleicht schlief er auch damit.

Meistens knallte er die Tür zu, ohne uns einer Reaktion zu würdigen.

Wenn die Frau aufmachte, fragten wir, ob wir zum Spielen in den Schuppen dürften. Sie seufzte nur und trocknete sich die Hände an der Schürze ab, nahm den Schlüssel vom Nagel, sperrte das große schwere Vorhängeschloss auf und ließ uns zu ihr hineinschlüpfen. Dann schloss sie wieder ab.

Erst wenn wir ganz drinnen waren und sich die Tür wieder geschlossen hatte, ließ das Mädchen das Holzgitter los. Man wusste nie, wie sie sich aufführen würde. Vorsichtig sahen wir einander an. Ein seltsamer Ausdruck lag in ihren Augen. Sie schien nicht zu wissen, ob sie vor Freude tanzen oder uns zum Weinen bringen sollte. Gleichzeitig ahnte sie, dass wir dann so bald nicht wiederkämen. Sie gab sich einen Ruck, und wir spielten.

Das war ihr Element. Sie bestimmte, was gespielt wurde und wer was machen sollte. Einer blieb immer außen vor und musste zugucken. Das machte uns nichts aus, es war nicht persönlich gemeint.

Wenn sie böse auf uns wurde, konnten wir nicht einfach weg. Manchmal standen wir lange rufend am Gitter, bis jemand kam. Vielleicht hörten sie uns nicht. Vielleicht fanden sie es gut, dass Besuch im Schuppen war.

Einmal fragte ich sie, warum sie eingesperrt sei.

»Ich laufe weg«, sagte sie und wollte nicht weiter darüber reden.

Ins Haus kam sie nur zum Essen und Schlafen. Jedes Mal, wenn sie wieder zurücksollte, versuchte sie zu fliehen. Sie zappelte und schrie. Sie wurde mit Gewalt festgehalten und wieder in den Schuppen gezerrt. Sie weinte kurz, dann verstummte sie.

An manchen Tagen, nicht oft, gelang es ihr, überraschend zuzubeißen und sich loszureißen. Dann rannte sie weg, so weit ihre Beine sie trugen.

Und das war weit.

Ihr Vater wollte dann von uns wissen, wo sie sich versteckte. Wir warteten immer, bis es fast dunkel war.

Nach so einem Tag weinte sie besonders viel, und wir durften nicht zum Spielen hinein. Aber wir hatten auch überhaupt keine Lust dazu. Wir wussten, dass sie schlechter Laune war.

»Kannst du nicht aufhören, wegzulaufen?«, fragte ich von der anderen Seite des Gitters.

»Nein«, antwortete sie.

Die frisch gewaschene Wäsche hing reglos hinten im Dunkel des Schuppens. Ihre Mutter hängte sie am Abend auf, wenn das Mädchen in seinem Zimmer eingesperrt war.

Es war noch kaum Abend, wenn sie ins Bett musste. Wir spielten draußen auf der Straße. Rannten hin und her, schrien und lachten. Sie schlief nicht. Sie stand auf dem Fensterbrett und klopfte in einem fort gegen die Fensterscheibe.

Die Jungen fanden das lustig, weil sie nur Unterwäsche anhatte. Also versammelten wir uns unter dem Fenster, und sie lachte und zog das Unterhemd hoch und zeigte uns ihren Bauch. Wenn wir keine Lust mehr hatten, fing sie wieder an, gegen die Scheibe zu klopfen. Manchmal zog sie auch die Unterhose runter. Das gab ein großes Gejohle, bis ein Arm sie vom Fensterbrett herunterriss. Sie schrie, und wir rannten weg.

Einmal nahm ich allen Mut zusammen und ging allein in den Schuppen. Wir spielten einige Stunden, aber als ich sagte, dass ich jetzt gehen müsse, wurde sie böse. Sie war größer und stärker als ich. Sie zog mich ganz nach hinten zu den Fässern, presste mich in eine Ecke und sagte, dass ich hier nie wieder rauskommen würde. Als ich weinte und schrie, schüttelte sie mich und sagte, sie würde mich in eines der Fässer stecken, wenn ich nicht still sei.

»Das Wasser ist eiskalt«, fügte sie hinzu.

»Da.« Sie schnappte meinen Arm und steckte ihn in das eiskalte stinkende Wasser.

»Siehst du. In den Fässern liegt wer. Deshalb stinken sie so. Da liegen alle, die nicht mehr weiterspielen wollten.«

Als ich verstummte, trocknete sie die Tränen auf meinem Gesicht und sagte freundlich: »Es nützt sowieso nichts. Niemand hört dich. Ich rufe die ganze Zeit. Da ist keiner, der etwas hört.«

Dann setzte sie sich neben mich, nahm meine Hand, hielt sie fest in beiden Händen und summte vor sich hin. Nach sehr langer Zeit sagte sie: »Es ist besser, zu zweit zu sein.«

Die Zeit kam mir vor wie eine Ewigkeit. Wie ich aus dem Schuppen herausgekommen bin, weiß ich nicht mehr, aber ich habe ihn nie wieder betreten.

Sie durfte raus, als sie sieben war, doch sie traute sich nicht auf die Straße. Blieb hinter der Gartenpforte stehen, die ebenfalls ein Holzgitter hatte.

Es dauerte eine ganze Weile, bis sie die Angst so weit aus ihr rausgeprügelt hatten, dass sie das kurze Stück zur Schule gehen konnte.

Der Vater

Er war nicht wie andere Väter. Er stahl. Darüber wurde nicht gesprochen. Nur geflüstert.

Er sammelte alles, was er in die Finger bekam. Er hatte etwas von einer Ratte an sich, wie er so mit verschlagenem Blick in seinem grauen Mantel umherschlich.

Wenn das Wetter stürmisch war, ging er hinunter an den Strand und suchte nach Treibgut. Verschwand zwischen den großen nassen grauen Steinen am Wasser und bewegte den Kopf hin und her, der zwischen den hochgezogenen Schultern kaum zu sehen war. Die Augen hinter den dicken Brillengläsern hielten nach Strandgut Ausschau.

Er schleppte merkwürdige Dinge nach Hause und bewahrte sie im Schuppen auf. Warf sie auf den Haufen, der immer größer wurde. Nie schmiss er etwas wieder weg. Deshalb musste er den großen Schuppen ständig erweitern. Den Grund einhausen.

Ganz oben auf dem Haufen lag ein Totenkopf. Der Kopf hielt Wache, und wir trauten uns nicht in seine Nähe. Das Mädchen, das im Schuppen eingesperrt war, sagte, dass der Haufen ihr gehöre. Sie könne nehmen, was sie wolle, und damit spielen. Wir durften nichts anrühren. Sie fürchtete sich nicht davor, den Kopf anzufassen und in der Hand zu halten.

Es gefiel ihr, dass wir uns vor dem Totenkopf fürchteten. Vor vielen Jahren sei er eine schöne Frau gewesen, flüsterte sie mir einmal zu. Manchmal würde die Frau mit ihr sprechen. Aber nur, wenn sie allein sei. Die Frau heiße Elisabeth, sagte sie.

Sie nannte ihn nicht Vater. Sagte nur er. Sie erstarrte zu Stein, wenn er in den Schuppen kam, während wir da waren. Auch wir gaben keinen Mucks von uns. Keiner sagte ein Wort. Erst wenn er wieder draußen war und das Vorhängeschloss abgesperrt hatte, rief sie ihm Flüche hinterher. Dann spielten wir weiter.

In einer Ecke des Schuppens lagerte er einen großen Stapel verrosteter Wellblechplatten, weil er die Stellen, die durchgerostet waren, ausbessern musste und ständig anbaute.

Er war, wie gesagt, enorm groß, dieser Schuppen. An einigen Stellen standen Pfosten, um das Dach abzustützen. Es gab auch zwei kleine Räume. Der eine war mit einem Vorhängeschloss abgesperrt. Darin hatte er eine Zeit lang Hühner gehalten, aber die Dunkelheit gefiel ihnen nicht. Sie starben.

Da weinte sie.

Ich sollte für den Kaufmann Ware austragen. Ich klopfte an. Niemand antwortete. Ich drückte die Klinke herunter, obwohl ich davon ausging, dass die Tür abgeschlossen war. Sie war es nicht. Vorsichtig öffnete ich sie.

Der Geruch des Hauses schlug mir entgegen. Es roch wie die beiden. Ich sah mich um. Alles sah ganz normal aus. Ich machte die nächste Tür einen Spalt weit auf – und da stand er. Völlig reglos, ein seltsames Lächeln um den eingefallenen Mund. Die starken Brillengläser sahen wie Fliegenaugen aus. Ich ließ den Karton fallen, auf dem Weg nach draußen stürzte ich.

Er war ein Schleicher. Niemand mochte Schleicher, weil man furchtbare Angst bekam, wenn man im Dunkeln oder hinter einer Häuserecke plötzlich einen entdeckte. Einen, der einfach nur dastand und vor sich hinstierte.

Wenn er zu Hause war, lauerte er hinter dem dunklen Fenster. Wir sahen das endlos flackernde Licht der Straßenlaterne in seinen Brillengläsern aufblitzen. Manchmal, wenn wir mutig waren und lange genug warteten, sahen wir auch ein kleines rotes Auge auftauchen und wieder verschwinden.

Einmal hatten wir im Schuppen mit dem Mädchen gespielt, da schrie er, wir hätten etwas aus dem Haufen gestohlen. Seine Stimme klang dünn und heiser wie die einer alten Frau.

Vater begegnete ihm tags darauf, als er von der Arbeit zurückkam. Er legte das Fahrrad am Straßenrand hin, packte den grauen Mantel und hob den Mann in die Luft, bis der oberste Knopf mit Nase und Brille auf einer Höhe war. Dann sagte er mit ganz ruhiger Stimme, dass er andere Saiten aufziehen würde, wenn ein so elender Dieb wie er es noch einmal wagen sollte, einen der Seinen des Diebstahls zu bezichtigen …

Mehr sagte er nicht. Schüttelte ihn ein wenig und ließ ihn wieder runter.

Das Mädchen und seine Mutter schliefen oben im Dachgeschoss. Ihre Zimmer lagen auf der anderen Seite. Sein dunkles Fenster ging zu uns hin. Wenn er, was nicht häufig vorkam, das Licht anmachte, sprang es zu mir ins Zimmer auf den Fußboden. Dann stand ich auf und ging über die großen Vierecke ans Fenster und schaute hinüber ins Licht, wo er auf und ab stapfte, auf und ab, die Hände hinter dem Rücken.

Auf einmal blieb er stehen und starrte hinaus in die Dunkelheit, er füllte das ganze Fenster aus, ich machte einen Satz rückwärts, mein Herz klopfte. Lange blieb er so stehen, als wartete er sehnsüchtig auf etwas, das nur er sehen konnte.

Als mein Vater sagte, dass es in der Fischfabrik jetzt keine Arbeit mehr gäbe, wusste ich, das Licht würde kommen. Der große Schatten lief über die hellen Vierecke hin und her und die Wand hinauf.

Während ich darauf wartete, dass das Fenster vom Zimmerboden verschwand, kroch mir die Kälte die Beine herauf, ich bekam eine Gänsehaut. Dann wurde es stockfinster. Ich sah nichts als gelbe Punkte vor den Augen und machte die Zimmertür noch etwas weiter auf, damit ich Vater atmen hören konnte. Da gab es so vieles in der Nacht, das nicht geheuer war. Die Leute sagten, jemand käme die Menschen holen, während sie schliefen. Ich wartete noch eine Weile. Dann sah ich, wie ein Schatten ins Dunkel hinausschlich. Etwas später kam er zurück.

Er trug etwas in den Armen.

Jeden Morgen ging er zur Arbeit, in seinem weiten Mantel, grau und gebückt. Auch wenn es keine Arbeit gab.

Jeden Abend kam er um die gleiche Zeit nach Hause. Ging grußlos an dem Mädchen vorbei, das sich am Holzgitter festhielt und hinaussah. Er blieb stehen. Sie starrten sich an, und die Finger des Mädchens klammerten sich noch fester an die Stäbe. Dann lachte er höhnisch, wandte sich ab, ging ins Haus und warf die Tür zu.

Die Haustür war immer zu und verriegelt. Auch im Sommer.