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Der Afghane Ahmet wird von den Taliban vertrieben, das Klavier des Pianisten Mehmet in Damaskus von Islamisten zerschlagen, seine Schwester, die orientalische Tänzerin Amal, von einer Fatwa verfolgt. Sie alle hoffen auf eine bessere Welt. Mehmet wird in München als Jungstar entdeckt. Doch als ein türkischer Obsthändler durch eine Bombe getötet wird, beginnt er zu zweifeln, ob er an einen besseren Ort angekommen ist. Er fühlt sich verloren und weiß nicht mehr, wer er selbst ist. Über den berühmten Dirigenten Gutekunst ist er irritiert, da er einerseits ein großer Musiker ist, andererseits seinen Einfluss missbraucht, um die Sängerin Maria zu einem Liebesverhältnis zu zwingen. Die Rechtsrockerin Ada fasziniert ihn trotz ihrer Fremdenfeindlichkeit, bis er entdeckt, dass sie in ein terroristisches rechtsradikales Netzwerk verstrickt ist. Der Verfassungsschutz nötigt ihn zu einer Zusammenarbeit, um seinen Freund Ahmet zu beobachten. Ist er ein Verräter an seiner Herkunft, wenn er sich weigert, die Fatwa an seiner Schwester zu vollstrecken? Ein gnadenloser Countdown führt zum alles entscheidenden Konzert: Während Mehmet über Mozarts Alla Turca improvisiert, entdeckt er im Publikum Ahmet. Er trägt einen Bombengürtel. Ein Roman über Heimatlosigkeit, Identitätssuche, Verzweiflung und Verblendung und die Kraft der Musik, Menschen unterschiedlichster Kultur zusammenzuführen.
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Seitenzahl: 388
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Foto: Alwin Maigler
Franzpeter Messmer arbeitet seit vielen Jahren als Autor, Festivalleiter und Musikwissenschaftler. Er schrieb u.a. die Romane „Venusmann“ und „Das Traumelixier“ sowie Biografien über Orlando di Lasso, Richard Strauss und Georg Friedrich Händel. Von 1990-2022 war er künstlerischer Leiter der Landshuter Hofmusiktage, des Europäischen Festivals Alter Musik. Außerdem konzipierte und koordinierte er die Gedenkjahre in Bayern für Richard Strauss (1999, 2014), Werner Egk (2001) und Karl Amadeus Hartmann (2005), die Bayerischen Tonkünstlerfeste 1998 und 2008 und das Deutsche Musikfestival 1997. Er engagierte sich musikpolitisch als Vorsitzender des Tonkünstlerverbandes Bayern und im Bayerischen Musikrat. Franzpeter Messmer lebt zusammen mit seiner Frau, der Handbuchbinderin Ruth Messmer, im oberschwäbischen Daugendorf und in München.
10 Der Duft von Rosenwasser
9 Gespenster, an die niemand glauben will
8 Tausendundeine Nacht
7 Die Erde erhitzt sich zunehmend
6 „Rufe nie wieder an“
5 Heisenbergs Unschärferelation
4 Mi hats dawischt, der Himmel brennt
3 Teichelmauke und Beethoven
2 Ich bin eine Zecke
1 Eine Rock Diva
0 Das Paradies
Danach
Personenverzeichnis
Anmerkungen
Dank
Ich wachte auf, suchte nach dem Brustbeutel, als ob er der Strohhalm wäre, an den ich mich klammern könnte. Ich ertastete jede Goldmünze darin, spürte Größe und Prägung. Nur noch sieben besaß ich. Die anderen hatte ich ausgeben müssen, um bis hierher zu kommen. Ich versuchte wieder einzuschlafen. Doch kaum schloss ich die Augen, tauchten die alten Bilder auf. Sie schienen unendlich weit entfernt zu sein.
Das glückliche Lächeln meines Vaters, das immer sein Gesicht erstrahlen ließ, wenn er das Honorar des Abends in der Hand hielt. „Wir haben heute wieder gut verdient.“ Das sagte er mit einer Mischung aus Stolz und Fröhlichkeit. Wir saßen in unserem alten Mercedes Kombi. Um uns herum hörten wir aufgekratzte Stimmen. Autotüren wurden zugeknallt. Große Limousinen rollten an uns vorbei hinaus in die helle Nacht. Jemand sang eines der Lieder, die wir gespielt hatten. Ich war ein kleiner Junge, der gerade vor über hundert Gästen gesungen hatte, von begeisterten älteren Damen an die Brust gedrückt, mit Baklava und anderen Süßigkeiten überhäuft und wie ein Star bewundert wurde.
Wir traten mindestens einmal im Monat bei Hochzeiten und anderen Festen auf. Papa war ein berühmter Musiker. Er hatte viel längeres Haar als die zumeist kahl geschorenen Männer seines Alters, sein Bart umrahmte markant Kinn und Mund. Oft trug er ein Hemd mit bunten Mustern, ziemlich weit geöffnet, so dass seine goldene Halskette hervorleuchtete. Seine weiße Hose und die stets glänzend polierten braunen Schuhe verliehen ihm eine weltläufige Eleganz. Er war ein Künstler, konnte sich diese auffällige Kleidung erlauben. Wenn er erschien, strahlten vor allem die Frauen und er wurde mit Respekt behandelt, sogar von hohen Regierungsbeamten, selbst von Ministern; denn er galt als der beste Oud-Spieler Syriens. Sein Gedächtnis war immens. Er kannte unendlich viele Melodien auswendig, die er von seinem Vater gelernt hatte und dieser von seinem Großvater und so zurück bis zum Propheten. Jetzt lag ich wie über hundert andere Flüchtlinge auf einem Feldbett in einer Turnhalle. Wenn ich die Augen öffnete, blendete mich das grelle Licht von Neonröhren. Es roch ein wenig nach Schweiß. Der Mann rechts hustete, der links atmete so leise, dass er fast wie tot erschien. Weiter weg schrie einer, als ob er erstochen würde. Ihn verfolgte wohl ein böser Traum. Jedes meiner Goldstücke war ungefähr hundert Euro wert. Das gab mir etwas Sicherheit. Ich hatte viele Pläne. Sobald es mir erlaubt sein würde, wollte ich ein Zugticket kaufen und in die nächste große Stadt fahren. Ich war mir sicher, dass die Menschen auch in Deutschland meine Musik hören wollten.
Morgens stand ich in einer Schlange und wartete, mich waschen zu dürfen. Dann mussten wir uns anstellen, um das Frühstück zu erhalten, und so ging es den ganzen Tag. Es war ein ständiges Warten, und dies wiederholte sich monatelang. Keiner von uns wusste, wie es weitergehen würde. Mit den anderen redete ich wenig. Wir misstrauten einander. Der andere könnte im syrischen Geheimdienst gearbeitet haben, könnte ein islamistischer Krieger oder einer der Folterknechte des Regimes gewesen sein. Ich schaute in ihre Gesichter. Sie waren verhärtet wie Masken, hatten jegliches Vertrauen verloren. Uns war nur ein zynischer Trotz geblieben. Menschen sind schrecklich. Das war nach dem, was wir erlebt hatten, klar. Doch dieser da, der vor einem stand, war vielleicht noch viel schlimmer als alle, denen wir schon begegnet waren. Ich erkannte die Gesichter von zweien, die mit mir und einigen anderen in einem Lieferwagen eingepfercht über die Grenze gebracht worden waren. Das hatte ein Goldstück gekostet. Dafür musste ich im dunklen Laderaum des Mercedes Sprinters stehen, der mit rasender Geschwindigkeit, so schien es wenigstens, durch die engen Kurven einer Passstraße fuhr. Ich stand mittendrin, konnte mich nirgends festhalten, fiel je nachdem, ob es links, rechts, auf- oder abwärts ging in die vor, hinter oder neben mir stehenden Menschen, die nicht einmal schimpften, wenn ich mich an sie klammerte. Wegen dieses abenteuerlichen Fahrstils mussten sich einige übergeben. Es roch abscheulich. Ein jeder hatte irgendwo blaue Flecken. Nach weniger als einer Stunde hielt der Lieferwagen an, der Fahrer öffnete die Türe. Wir sahen einen Parkplatz, auf dem viele Lastwägen standen. Der Mann schrie, wir sollten uns beeilen. Kaum war der letzte ausgestiegen, knallte er die Türen zu, zeigte in die Richtung, in die wir gehen sollten, und war schon wieder weg. Das hatte also ein Goldstück gekostet.
Nun waren wir in Deutschland, suchten einen Weg, um weiterzukommen. Die Lastwagenfahrer schliefen. Es war morgens um fünf. Die Wiese neben dem Parkplatz war umzäunt und voller Exkremente. Uns blieb nichts anderes übrig, als auf die Straße zu gehen, eine deutsche Autobahn mit den schnellen Limousinen und Sportwagen, die wir zu Hause im Fernsehen bestaunt hatten. Doch diese Autobahn zu betreten, war gefährlich. Ganz am Rand, immer bereit für den Sprung in den Graben gingen wir los, bis uns die Polizei entdeckte und mit Sirenengeheul neben uns anhielt. Die Beamten waren erstaunlich freundlich, geleiteten uns über ein Feld zu einem Bus, der schon auf uns wartete. Offenbar passierte es oft, dass hier Flüchtlinge ausgesetzt wurden, denn alles war bestens organisiert. In der Turnhalle, in der ich jetzt noch war, empfingen uns besorgte und hilfsbereite Frauen, gaben uns etwas zu trinken, führten uns zu Feldbetten, passten uns Kleidung an und füllten die Teller mit reichlich Essen. An diesem Abend hatte ich zum ersten Mal wieder Hoffnung.
Aber dann passierte nichts mehr. Es brauchte offenbar viel Zeit, bis alle erfasst waren. Das Ausharren zermürbte. Jeden Tag dasselbe. Das stundenlagen Anstehen. Das Warten, das so lange dauerte, bis man nicht mehr wusste, worauf man wartete. Doch wir mussten uns eingestehen, dass diese Turnhalle noch das Beste war, was wir während der Flucht erlebt hatten. Deshalb ertrugen wir es schweigend mit mattem Blick, gefühllos und als ob wir Menschen von einem anderen Planeten wären.
Gab es Mutter noch im fernen Damaskus? Sie war bleich, unterernährt und zittrig vom Fieber gewesen, als sie zum Abschied gewunken hatte. Wie sie jetzt wohl aussah, wenn sie überhaupt noch lebte, mochte ich mir gar nicht vorstellen. Ich kann mich an sie nur mit einer Schürze über ihrem weiten Kleid erinnern, wie sie eigentlich fast immer in der Küche stand und etwas kochte, Gemüse putzte und in kleine Stücke schnitt, sich über Töpfe beugte, aus denen es verführerisch duftete, oder mir den Löffel gefüllt mit einer wohlschmeckenden Sauce zum Probieren hinhielt. Auf der Straße trug sie ein Kopftuch wie viele verheiratete Frauen damals. Amal, meine fünf Jahre ältere Schwester, machte sich deshalb über sie lustig. Mutter ging oft mit ihr einkaufen in den Suk und ich schaute ihnen aus dem Fenster nach, sah, wie sie zwischen den hupenden Mofas, den Rufen der Händler verschwanden, und atmete den Duft von Gewürzen, gebrannten Mandeln und gebratenem Fleisch aus der Garküche neben unserem Haus ein.
Wenn Papa mit uns bei den Hochzeiten auftrat, tanzte Amal und verdrehte den Männern die Augen. Mutter wollte deshalb die Auftritte ihrer Tochter beenden. „Sie ist bald eine junge Frau. Das gehört sich nicht. Sie wird nie einen anständigen Mann finden.“
Über diese und andere Einwände wurde Vater wütend und sagte, dass er Amal nicht umsonst die orientalische Tanzkunst gelehrt habe, dass er sehr wohl wisse, wie er auf sie aufpassen müsse und dass sie sich nicht der Karriere ihrer Tochter in den Weg stellen dürfe. Doch wenn Mutter das Essen auf den Tisch stellte und Papa ihre Kochkunst lobte, versöhnten sie sich wieder.
Die beiden stritten eigentlich nur über zwei Themen. Das eine, Amals männerverführende Tanzkunst, beherrschte unsere Familie jedes Mal, wenn ein neuer Auftritt bevorstand. Da konnte man so sicher sein, wie dass unser Prophet auf einer Leiter in den Himmel hinaufgestiegen ist. Das andere Thema tauchte plötzlich und überraschend auf: manchmal nach einem halben Jahr, manchmal zweimal in der Woche fiel der Strom aus. Mutter musste dann den Holzherd anheizen, um kochen zu können. Im Sommer wurde es in unserer Wohnung deshalb unerträglich warm, während im Winter das Holzfeuer eine angenehme Wohligkeit verbreitete. Außerdem konnte Amal nicht mehr ihren iPod aufladen, was ich gerne mit Schadenfreude kommentierte. Sie und Mutter schimpften lautstark, dass Papa zwar Beziehungen zu den höchsten Stellen habe, sich aber nicht trauen würde, einen der Bonzen um einen richtigen, ständig funktionierenden elektrischen Anschluss zu bitten. Immerhin wurde unsere Leitung meistens früher als die der Nachbarn repariert. Ein wenig Wert hatte Vaters Ruhm also doch.
Hier in Deutschland gab es keine Stromausfälle. Im Vergleich zu Damaskus schien alles perfekt. Doch das Licht der Neonlampen in der Turnhalle, das den ganzen Tag von morgens sechs bis nachts zehn Uhr brannte, war kalt und künstlich. Nach einigen Wochen konnte ich kaum noch ertragen, dass nichts weiterging. Ich fühlte mich gefangen. Ich hielt es in der Turnhalle nicht mehr aus, trat ins Freie, wenn die Türe offen war, lehnte an der Wand, sah in die Ferne. Es war warm. Die Sonne strahlte und einige Wolken flogen ostwärts. Ich hatte eine große Sehnsucht. Aber ich wusste nicht mehr, wonach ich Sehnsucht hatte. Gab es auf dieser Welt überhaupt noch etwas, was wir erhoffen konnten?
Die Werkstatt meines Vaters wäre ein solcher Sehnsuchtsort gewesen. Sie lag im Erdgeschoss unseres Hauses. Dort baute Papa Ouds nach alter Tradition. Es roch nach Holz, Leim und Lack. In verglasten Vitrinen hingen die Meisterinstrumente, die er zum Verkauf anbot. Die weniger wertvollen waren an entlang der Wand gespannten Schnüren festgebunden. Sie wurden vor allem von Schülern gekauft. Außerdem bot er Flöten wie die Nay, Geigen und die traditionelle Rabāb, Trommeln wie die Tabla oder das Tamburin, die Riqq, an. Gerne spielte er Kunden vor, die sich für seine Instrumente interessierten. Er konnte auf jedem Instrument eine erstaunlich schöne Musik hervorbringen. Außerdem gab es in der Werkstatt zahlreiche Schränke, in deren Schubladen Saiten, Stimmwirbel, Bögen, verschiedenste Hölzer und vieles mehr lagerten. Schon als kleiner Junge war ich aus Vaters Werkstatt nicht herauszubringen. Mich zogen die Instrumente magisch an. Stundenlang versenkte ich mich in ihren Klang, zupfte an ihnen, blies in sie hinein oder klopfte alle möglichen Rhythmen darauf.
Die erste Woche lag ich fast immer auf dem Feldbett. So erledigt war ich. Ich starrte an die Decke der Turnhalle und sah dabei die Trümmer unseres Viertels in Damaskus. Aber jetzt konnte ich dieses Nichtstun nicht mehr ertragen, lief herum, schaute mir alles genau an, lächelte den Helferinnen zu und sie lächelten zurück. Einmal blickte ich hinter einen Vorhang und sah ein Klavier. Es stand dort versteckt zwischen Schachteln und Getränkekisten, durch die ich mich hindurchzwängte. Daneben fand ich auch den Klavierhocker, setzte mich darauf und versuchte, den Deckel hochzuklappen. Aber er war verschlossen. Ich rüttelte. Da war nichts zu machen. Also suchte ich den Schlüssel. Vielleicht lag er unter dem Klavier? Ich schob die Schachteln beiseite, so dass ich mich auf den Boden legen konnte und kroch um das Instrument herum.
Doch plötzlich stand ein großer, bärtiger Mann hinter mir. „Nichts Klavier,“ sagte er. „Gehen kaputt.“
Ich staunte über sein merkwürdiges Deutsch. „Sind Sie auch Ausländer?“ fragte ich.
Er stutze einen Augenblick, sagte dann ärgerlich: „Wie kimmst du da drauf?“
Jetzt verstand ich: Er hatte so merkwürdig gesprochen, da er glaubte, ich würde kein Deutsch verstehen. Er wollte mir entgegenkommen, war gar nicht so unfreundlich, wie er wirkte. Ich sagte, dass ich Pianist sei und ihm unendlich dankbar wäre, wenn ich Klavier spielen dürfte. Er schüttelte den Kopf, meinte, er wäre nur der Hausmeister, und der Direktor hätte strengstens verboten, jemanden an das Instrument zu lassen, und den Direktor könnte er jetzt nicht fragen. Es sei nämlich Feierabend. Er überlegte einen Augenblick und fuhr dann fort, dass überhaupt jeder erzählen könnte, er wäre ein Klavierspieler. Wie er das denn überprüfen solle? Ich antwortete lächelnd: „Lassen Sie mich spielen. Dann hören Sie es.“
„So einfach geht das nicht,“ schüttelte er den Kopf und ließ mich stehen. Er habe Wichtigeres zu tun. Ich musste grinsen und schlug mir immer wieder mit der rechten Hand an die Stirn. Da lachte er: „Auwei, Du bist aber ein teigaffiger Pianist.“ Ich verstand nicht, was das bedeutete, aber das war sicherlich besser so.
Auch hier hatte ich offenbar mit meinem Klavierspiel kein Glück. Dabei hatte ich gedacht, dass in dem Land, wo Mozart gelebt hatte, ein Klavierspieler willkommen sei. Ich hoffte sicherlich nicht, so gefeiert zu werden wie mein Vater in Damaskus, wenn er auf dem Oud spielte. Dazu war ich zu wenig bekannt. Aber dass ich nicht einmal die Chance erhielt, machte mich traurig.
Papa hielt mein Klavierspiel für Verrat an der arabischen Musik. Immer wieder fragte ich mich, ob es falsch war, Pianist werden zu wollen. Ich sah noch vor mir, wie mich bei einer Hochzeitsfeier eine vornehme Dame an ihren Busen drückte und sie Papa schimpfte, dass er seinen hochbegabten Sohn auf Hochzeiten singen ließe, anstatt ihn richtig auszubilden. Das wäre Kinderarbeit, meinte sie. Ich solle stattdessen Klavier lernen. In meinem Vater kochte es. Das spürte ich damals ganz deutlich. Wäre die Frau nicht die Gattin eines Bankvorstands gewesen, er hätte sie mit den übelsten Schimpfwörtern niedergemacht. Doch so versuchte er es mit Diplomatie: „Unsere Familie bringt seit vielen Generationen die besten Oudbauer und -spieler hervor. Mein Sohn wird diese Tradition fortführen trotz der mächtigen westlichen Einflüsse.“
Er spielte auf seinem Oud eine kurze Melodie und gestaltete jeden Ton mit einem anderen Timbre, so schön und innig, dass sich einige Gäste umdrehten und klatschten. „Sie müssen doch zugeben, Verehrteste, gegen den Oud ist das Klavier eine kalte Musikmaschine.“ Doch die Dame war beharrlich und ließ keine Ausflucht meines Vaters gelten, weder, dass er mich nicht im Klavierspiel unterrichten könne, da er es selbst nicht beherrschte, noch dass wir gar kein Klavier hätten. Sie verkündete, dass sie vor ihrer Heirat in Wien an der Musikhochschule Klavier studiert habe und dass ich ab sofort jeden Tag kommen dürfe, um auf ihrem Flügel zu üben.
Damals begann eine wunderbare Zeit für mich. Ich fühlte mich in der vornehmen Villa fast wie zu Hause und konnte mich nicht satthören an den mächtigen Akkorden des schwarz glänzenden Steinways. Die kinderlose Madame Elmina, wie ich sie nennen musste, gab mir fast jeden Tag Unterricht, freute sich über den kleinsten Fortschritt und belohnte mich mit Unmengen von Süßigkeiten.
Vater war einige Zeit traurig. Aber da ich nach wie vor auch auf dem Oud spielte und entgegen dem Rat von Madame Elmina weiterhin zusammen mit ihm und Amal bei Hochzeiten und anderen Feiern auftrat, hatte er bald nichts mehr dagegen. Allerdings neckte er mich immer wieder: „Wie kann man sich nur mit so einem schrecklich unpraktischen Instrument, das viel zu groß ist, um es irgendwohin mitzunehmen, abgeben. Das ist kein Musikinstrument. Das ist eine Musikmaschine!“
Immer wenn ich den Hausmeister in der Turnhalle sah, eilte ich auf ihn zu und bat ihn um den Klavierschlüssel. Doch er sagte nur: „Auwei, da ist wieder der teigaffige Pianist.“ Ihn schien es zu amüsieren, dass ich nicht wusste, was teigaffig bedeutet. Offenbar machte er sich über mich lustig. Doch das konnte ich wesentlich besser, war ich überzeugt. Das nächste Mal schlich ich ihm nach, so dass er es nicht merkte, und schnitt alle möglichen Grimassen. Insbesondere übertrieb ich seine Art, sich zu bewegen: Er ging merkwürdig steif, ganz aufrecht, schleifte aber ein Bein nach und ließ den rechten Arm wie ein Pendel hin- und herschwingen. Meine Übertreibung erreichte immerhin, dass einige Flüchtlinge zum ersten Mal seit langer Zeit wieder lachten. Aber der Hausmeister fand das gar nicht komisch. Als er sich überraschend umdrehte und mir einige Sekunden zuschaute, bekam er einen Wutanfall. „Hergelaufener Depp, damischer Bandit, verrückter Gimpel“ schimpfte er und zeigte drohend mit seiner Hand auf mich. „Man füttert dieses Geschwerl durch und dann werden sie auch noch frech,“ knurrte er.
Da fühlte ich, wie sich in mir eine Spannung aufbaute, als ob es mich zerreißen würde. Ich begann zu bellen, sprang über die Tische, auf denen Frauen das Mittagessen bereitgestellt hatten, und schlug auf dem Boden Purzelbäume. Schließlich stand ich dem verdutzten Hausmeister mit einem lauten und unaufhörlichen Miauen gegenüber. Nun fühlte ich mich besser. Doch auf einmal eilten zwei Sanitäter herbei, packten mich an den Armen und führten mich in einen Nebenraum, wo es ihnen gelang, mir die Nadel einer Beruhigungsspritze in den Arm zu drücken.
Der Arzt beobachtete mich in meinem Bett mit einem kühlen Lächeln wie ein Insekt, das er unter dem Mikroskop betrachtete. Dabei war er freundlich. Allerdings schien er keine Zeit zu haben. Nervös blickte er immer wieder auf seine Uhr. Beim Sprechen schaute er durch mich hindurch, als ob ich gar nicht existieren würde. Zwar wollte er wissen, wann meine Tics zum ersten Mal aufgetreten seien, doch als ich ihm erzählte, es wäre damals gewesen, als sie meine Schwester eine Hure genannt hatten und der Scheich die Fatwa verkündet und gefordert hatte, dass ein jeder rechtschaffene Muslim, der ihr begegnen würde, sie töten solle, unterbrach er mich. „Seltsam.“ Er überlegte lange und sagte mehr zu den Assistenzärzten und Pflegern, die ihn bei der Visite begleiteten, als zu mir: „Dass Tourette durch traumatische Erlebnisse ausgelöst werden kann, widerspricht allem, was wir wissen. Die bisherigen Forschungen legen nahe, dass es vererbt wird. Er hatte das bestimmt schon früher, ohne es zu bemerken.“
In der Klinik erhielt ich ein eigenes, ziemlich gut ausgestattetes Zimmer. Zum ersten Mal konnte ich sogar lange schlafen. Das Sanatorium, ein altes Gemäuer, lag inmitten eines Parks mit hohen Bäumen, einem Teich, einer Liegewiese und in der Ferne konnte ich die hohen Berge sehen. Der Arzt wollte meinen Beruf wissen. „Pianist,“ sagte ich. „Das ist gut,“ antwortete er. „Es gibt einige Studien, die nahelegen, dass durch Musizieren Tics unterdrückt werden. Spielen Sie viel Klavier, vor allem immer, wenn Sie spüren, dass der Tic anfängt. Das ist besser als jedes Medikament.“ Während er mir diesen Rat gab, eilte er schon zur Türe hinaus. Noch am Vormittag wurde ich entlassen. Eigentlich wäre ich dort gerne länger geblieben. Es war so ruhig und friedlich dort. Das hätte mir gut getan.
Was war das für ein Arzt? Er wollte nur das für seine Diagnose Nötigste über mich wissen. Er fragte nicht, warum meine Schwester verurteilt worden war, warum ich fliehen musste, wie ich Pianist geworden war. Die Diagnose „Tourette“ genügte ihm. Der Fehler war gefunden.
Ich klopfte mit den Fingern auf die Fensterbank, als ob sie eine Tastatur wäre. Der Arzt hatte mir geraten, Klavier zu spielen. Dann würde mein Tic aufhören. Doch wo? Das wusste er auch nicht.
Ich übte auf dem Fensterbrett Tonleitern und schaute auf die von Kirschbäumen umgrenzte Straße. Draußen war es grau und neblig. Ich wuchs in der Sonne Syriens auf, bin das grelle Licht ebenso wie das tiefe Schwarz des Schattens gewohnt. Deshalb war für mich diese Unklarheit, dieses Diffuse, wo du nie weißt, was hell oder dunkel, was gut oder schlecht ist, nur schwer auszuhalten. Aber ich blickte trotzdem lieber aus dem Fenster. Dann musste ich nicht sehen, was in unserer Wohnung passierte. Immerhin schickten sie mich nicht zurück in das Auffanglager, sondern ich erhielt in einem Flüchtlingsheim ein Zimmer, in dem ich zusammen mit zwei anderen hauste. Abdul lag im Bett und schaute die ganze Zeit auf sein Handy. Kadir schnarchte laut. Er musste anscheinend viel Schlaf nachholen. Ihn konnten nicht einmal die beiden schwarzen Jungen, Alpha und Melody, wecken, die laut schreiend durch die Räume jagten und sich um ein Modellauto stritten. Im Nachbarzimmer beschwerte sich Maria bei Joe, dass sie schon wieder schwanger sei. Sie waren die Eltern von Alpha und Melody. Yossuf, ein weiterer Mitbewohner, ging von einem zum anderen Raum und verlangte, dass derjenige, der mit seinem Durchfall das Klo verschmutzt hatte, es endlich putzen sollte. Yossuf war, so erfuhr ich später, berühmt für seine Wutanfälle. Doch an mir ging das alles vorbei. Ich übte Tonleitern über vier Oktaven und benötigte dafür die ganze Länge des Fensterbretts.
Dabei dachte ich an die Worte des Arztes, dass Tourette eine Erbkrankheit sei und nicht durch die Umwelt ausgelöst würde. Bei mir jedenfalls stimmte das nicht. Nach dem Verschwinden Amals hatte ich erstmals dieses beklemmende Gefühl im Bauch, wenn jemand von der Fatwa sprach. Mich erfüllte dann eine seltsame Unruhe, und nach einigen Wochen reagierte ich auf dieses Wort mit merkwürdigen Räusper- und Grunzlauten. Ich war machtlos dagegen. So sehr ich mich anstrengte, ich konnte sie nicht unterdrücken. Bald kamen Bewegungen hinzu wie ein ständiges Schlagen auf die Stirn, Laufen im Stehen, Schütteln der Schultern oder das rhythmische Heben und Senken des Arms, als wollte ich zur Sonne oder nachts zum Mond hinaufzeigen. Gegen diese Bewegungen konnte ich mich nicht wehren. Sie taten mir sogar gut; denn dabei löste sich die in mir aufgestaute Spannung, was ich als angenehm und erleichternd empfand, aber meine Umwelt erschreckte und dazu führte, dass ich von Papa geschimpft und einige Male geschlagen wurde. Nach einiger Zeit ergriffen mich diese Spannungen auch in anderen Situationen. Immer wenn ich spürte, dass etwas falsch war, dass jemand log oder etwas verheimlichte, musste ich grunzen oder die Schultern minutenlang schütteln. Mir erschien das lustig. Es war eine wunderbare Befreiung.
Doch für die anderen, insbesondere für Papa und Mama war es peinlich. Sie hatten nun nicht nur eine Hure als Tochter, sondern auch einen verrückten Sohn, hieß es. Die Eltern meiner Mitschüler verlangten, dass ich nicht mehr in die Klasse kommen dürfe, da ich die anderen stören würde. Dabei war ich einer der Besten. Mein Gedächtnis und mein Verstand waren seit dem Ausbruch dieser merkwürdigen Krankheit viel schärfer geworden. Deshalb bedauerte es der Rektor, als er mich von der Schule werfen musste. Aber mein Vater erreichte in einem langen Gespräch, dass ich weiterhin an den Prüfungen teilnehmen und er mich zu Hause darauf vorbereiten durfte. Für mich war das eine willkommene Lösung, sparte ich mir doch nun viele langweilige Schulstunden. Bei den Prüfungen waren die Tics kein Problem, denn sie traten nie auf, wenn ich konzen– triert an etwas arbeitete.
Das galt auch für das Klavierspiel. Deshalb wusste Madame Elmina nichts von meiner Krankheit. Diese brach während des Klavierunterrichts bei ihr nie aus und ich hatte ihr auch nichts davon erzählt. Warum sollte ich auch? Madame Elmina staunte allerdings, wie schnell ich Fortschritte machte. Eines Tages, ich war damals bald sechzehn, sagte sie, dass sie mich nichts mehr lehren könne. Ich sei so gut wie sie, wenn nicht besser. Dabei legte sie ihre Hand auf die meinige und schaute tief in meine Augen. Ihre Brust hob und senkte sich, als ob sie einen Berg bestiegen hätte, und plötzlich küsste sie mich auf den Mund. Das war kein kurzer, mütterlicher Kuss, es war wie ein Festsaugen, und dann spürte ich ihre Zunge, die versuchte, sich durch meine Lippen hindurchzuschlängeln. Plötzlich erfüllte mich eine gewaltige Spannung. Ich sprang vom Klavier auf. Eine Kaskade von Grunzlauten löste sich aus meinem Hals und zugleich trommelte ich mit den Händen auf meinen Kopf. Madame Elmina schrie entsetzt auf und rannte zur Türe hinaus. Als sich meine Tics gelegt hatten, betrat sie wieder vorsichtig das Zimmer und sagte wütend: „Wenn ich so verrückt wie du wäre, hätte ich mich längst umgebracht.“ Darauf antwortete ich: „Und ich hätte mich längst umgebracht, wenn ich so hässlich aussehen würde wie Sie.“ Ich weiß, das war uncharmant, aber wahr. Seitdem meine Tics aufgetaucht waren, hatte ich eine kaum zu bremsende Schlagfertigkeit entwickelt. Ich konnte sie so gut wie gar nicht unterdrücken, es sei denn, mein diplomatischer Vater half mir. Aber das mit ihrer Hässlichkeit stimmte: Ihr Gesicht war feist, sie trug die Schminke auf ihre Augenlider und ihren Mund so dick auf, dass sie eigentlich immer irgendwo verschmiert war. Ihre Haut war trotz aller Kosmetik porig und faltig. Noch heute ekele ich mich vor ihrem Kuss, wenn ich daran zurückdenke.
Nach meiner Replik war sie für einige Sekunden sprachlos. Dann sagte sie in einem ruhigen, aber bestimmten Ton: „Mehmet, du hast bei mir viel gelernt. Ich war immer großzügig zu dir. Jetzt hast du meine Seele gebrochen. Komme nie wieder. Aber ich wünsche dir trotzdem Glück.“
Als sie die Türe zu ihrer Wohnung geschlossen hatte, hörte ich sie heulen. Ich wusste nicht, ob ich auch weinen oder lachen sollte. Einerseits war es komisch, dass eine alte Frau einen Sechzehnjährigen verführen wollte, andererseits habe ich bis heute Heimweh, wenn ich an ihren Salon denke: Der große schwarze Flügel stand auf einem roten afghanischen Teppich, an den Wänden hingen persische Kelims, rankten großblättrige Hibiskuspflanzen und vor dem Fenster drohnte ein riesiges Ledersofa; es roch nach Rosenwasser und starkem Kaffee, den sie in großen Mengen trank, und auf einer Anrichte stand eine Dose mit Schokolade, aus der ich sogar etwas nehmen durfte, wenn ich schlecht gespielt hatte.
Jetzt erschien mir Madame Elmina wie eine Märchenfigur aus Tausendundeiner Nacht, ihr Salon wie ein Palast und von Schokolade konnte ich nur noch träumen. Unser Zimmer bestand aus drei Betten, drei Schränken, einem Tisch und einem Fernseher. Wenn Abdul nicht auf sein Handy schaute, starrte er auf den Fernsehbildschirm. Er schien niemand anderen wahrzunehmen, nur den Fernseher und sein Smartphone. Auch schien es ihm ziemlich gleich zu sein, welches Programm er eingestellt hatte; denn er verstand nicht, was gesprochen wurde. Er saß auf dem für ihn viel zu kleinen Stuhl und wusste nicht, wohin mit seinen langen Beinen. Es musste für ihn sehr ungemütlich gewesen sein. Denn lange hielt er es so nicht aus. Dann stand er auf und ging im Zimmer auf und ab wie ein gefangener Tiger in seinem Käfig. Abdul hatte eine Haut wie dunkle Bronze, trug stets ein weißes T-Shirt und eine blaue Jeanshose. Der schlanke, fast zwei Meter große Mann hatte einen stolzen Blick und tat so, als ob wir beiden anderen gar nicht da wären.
Kadir war kaum wach zu bekommen. Entweder hatte er sich in den Schlaf geflüchtet oder er hatte so viel durchgemacht, dass er einfach nur noch müde war. Ich weiß es nicht. Allein die beiden Kinder von Maria und Joe waren voller Leben, wenn sie zur Türe hereinstürmten, sich um ein Spielzeug stritten oder neben mich setzten und sich eine Geschichte erzählen ließen. Doch ihre Geduld war begrenzt und mein Englisch nicht das Beste. Ihr Vater, Joe aus dem Nachbarzimmer, war der Einzige, der wirklich mit den anderen sprach und für einen jeden von uns ein Lächeln übrig hatte. Er beneidete mich: „Du kommst aus einer zerbombten Stadt. Dich werden sie als Flüchtling anerkennen. Aber bei uns werden sie sagen, dass wir aus Nigeria nur weggegangen sind, um es hier besser zu haben.“
Wollten wir es nicht alle irgendwie besser haben? Doch jetzt waren wir in einer Wohnung mit vier Zimmern gelandet, in der elf einander völlig fremde Menschen zusammengepfercht wurden. Dennoch hatten wir alle Hoffnung. Der cholerische Yossuf war Maurer und wollte Häuser bauen, Joe hoffte in einem Bauernhof unterzukommen, da er zu Hause in einer Geflügelfarm gearbeitet hatte. Kadir hatte in einem seltenen wachen Moment erzählt, dass er Arzt sei und sicher hier Arbeit finden würde, und der stolze Abdul wollte so viel Geld verdienen, dass er sich einen Porsche kaufen konnte. Er sagte dies so ernst und trotzig, dass niemand zweifelte, dass er es schaffen würde. Dass er darin wirklich gut aussehen würde, war sowieso klar.
Als Abdul nach draußen ging, um eine Zigarette zu rauchen, schaltete ich den Fernseher ab und spielte auf der Fensterbank Mozarts A-Dur-Sonate, die ich schon bei Madame Elmina auswendig gelernt hatte. Dabei beobachtete ich, wie eine große, blonde Frau aus einem Auto ausstieg und zum Eingang unseres Hauses ging.
„Hallo,“ sagte sie fröhlich, als sie im Gang unserer Wohnung stand. Ich konnte nicht anders, ich musste mich umdrehen, obwohl ich inmitten meiner Sonate war. Ich erblickte ihre langen, blonden Haare, ihre großen Augen, ihren runden Mund. Sie nahm Alpha und Melody in ihre Arme, holte aus ihrer Handtasche einige Gummibärchen, die sie den beiden schenkte, und gab jedem von uns die Hand. Maria und Joe, sogar Yossuf konnten ein wenig lächeln, und Kadir sprang erschrocken aus dem Bett, machte sich zurecht und verbeugte sich vor ihr, als ob sie die Frau eines Scheichs wäre. Dann streckte sie ihre Hand mir entgegen. In Syrien geben wir fremden Frauen nicht die Hand. Das ist verboten, blitzte mir durch den Kopf. Doch nur für einige Sekunden. Sanft drückte ich ihre Hand. Sie lachte herzlich und es schien ganz natürlich. Schließlich setzte sie sich, schlug ihre Beine übereinander und wandte sich an uns: „Hallo, how are you? I’m sorry, I can’t speak Arab. But I want to teach you German.“ Als ich auf Deutsch sagte: „Guten Tag, ich für meinen Teil benötige keinen Deutschunterricht,“ rief sie begeistert:
„Wow! Warum kannst du so gut deutsch sprechen?“
„Mein Klavierprofessor hat es mich gelehrt. Er hat in Berlin studiert und meinte, dass ich die Sprache von Bach, Mozart und Beethoven unbedingt verstehen müsse, um ihre Musik spielen zu können.“
„We meet in ten minutes in the entrance hall. I hope you all will be there.“
Sie war so schnell verschwunden, wie sie gekommen war, und begrüßte die Bewohner in den anderen Stockwerken. Alpha und Melody stritten schon wieder – um die letzten Gummibärchen. Die anderen hatten ein leises, unsichtbares Lächeln auf den Lippen. Ich glaube, wir dachten alle dasselbe: Sie war ein Engel. Wenn es dir schlecht geht, brauchst du Engel und dann kommen auch Engel, da bin ich sicher.
Papa trat mit einigen Kollegen, mit mir als Sänger und Amal als Tänzerin bei der pompösen Hochzeit eines Neffen des Innenministers auf. In einer Pause schlenderte ich durch den großen Saal des feudalen Stadtpalastes und entdeckte einen Steinway. Beiläufig klimperte ich einige Töne. Papa zog mich weg, sagte: „Das ist gegen unsere Abmachung. Du hast versprochen, bei Hochzeiten nur unsere arabischen Instrumente zu spielen, nicht diese westliche Musikmaschine.“ Doch es war schon zu spät. Der Vater der Braut, einer der obersten Richter Syriens, kam auf mich zu. Er hatte wohl von meinem Ruf, ein passabler Pianist zu sein, gehört: „Mehmet, spiele etwas auf dem Steinway. Er hat mich ein Vermögen gekostet. Aber niemand in meiner Familie kann Klavier spielen. Du würdest mich schon mit einem kleinen Lied glücklich machen.“ Er nahm mich am Arm und zog mich von Papa weg, der mich traurig anblickte, als ob ich ihn verraten hätte. Der Richter klappte den Deckel des Steinways auf, klatschte kurz mit den Händen und kündigte mein Solo an. Bei Madame Elmina hatte ich zuletzt Mozarts Alla Turca der A-Dur-Sonate gelernt und versuchte nun, es aus dem Kopf zu spielen, hatte ich doch keine Noten dabei. Es lief ganz gut. Ich machte nur einige kleine Fehler, die ich aber überspielte. Allah sei gedankt, dass Madame Elmina nicht da war. Ihr strenger Blick hätte mich bestimmt aus dem Konzept gebracht. Sogar die virtuosen Läufe am Schluss und die großgriffigen Akkorde gelangen mir ziemlich perfekt. Die Festgesellschaft hatte aufgehört, sich zu unterhalten, lauschte gespannt meinem Spiel und gab begeistert Beifall. Ermutigt dadurch improvisierte ich über das Alla-Turca-Thema, verknüpfte es mit jazzigen Rhythmen, wechselte zu einer der Melodien der damals in Syrien sehr populären Fairuz, und stimmte zuletzt die Dabke an, die Omar Souleyman so gerne sang. Mit dem Bass stampfte ich den Rhythmus des Tanzes und bald verstanden die Leute, was ich wollte, nämlich dass sie mittanzten. Schließlich bebte der ganze Saal unter ihrem Stampfen. Dabei schlug jemand unsere Trommel. Es war ein wildes und fröhliches Fest. Als ich aufhörte, sah ich, dass nicht Papa der Trommelspieler gewesen war. Er war verschwunden, ohne sich zu verabschieden. Seine Ouds hatte er mitgenommen.
Der Richter umarmte mich, küsste mich auf die Wange, verlangte, dass ich mich kräftig am Büffet bediente und machte mich mit Enis Malik bekannt, dem Klavierprofessor unseres Konservatoriums, der – so sagte der Richter – mich ohne Aufnahmeprüfung unterrichten wolle, da ich ein Genie wäre. Das mit dem Genie hatte der oberste Richter sicherlich erfunden. Denn der Professor war viel zu kritisch, um solche Superlative zu gebrauchen. Aber er nahm mich als Schüler. „Ich habe merkwürdige Tics, wahrscheinlich Tourette,“ warnte ich ihn. „Das hatte Mozart auch,“ lächelte er.
Berauscht von meinem Glück kam ich zu Hause an. Papa würdigte mich keines Blickes. Auch sprach er nicht mit mir. Als ich aus meiner Hosentasche 100 Dollar zog, die mir der Richter hineingesteckt hatte und ihm das Geld gab, zerriss er langsam jeden einzelnen Schein, schweigsam und traurig. Mama jammerte „Du hast ihn gedemütigt. Das wird ihn zerbrechen.“ Ich sprang von meinem Stuhl auf wie eine Springfeder, die unter einer ungeheuren Spannung stand und begann im Stehen zu laufen, mit den Armen gegen eine imaginäre Mauer zu boxen und schließlich mit dem Kopf gegen die Wand unseres Wohnzimmers zu schlagen, bis die Stirne blutig war. Papa hatte Tränen in den Augen. Aber er schwieg.
Trotz unseres Streits nahm er mich weiterhin zu Auftritten bei Hochzeiten und anderen Festen mit. Allerdings sprach er nie mit mir, gab mir Zeichen, als ob ich taub wäre, spielte mir Melodien vor, die ich erkennen musste, um auf der Rahmentrommel den richtigen Rhythmus zu finden, oder sang ein Lied und ich musste blitzschnell den richtigen Maqam auf dem Oud anstimmen. Doch von wegen, dass sein Herz gebrochen wäre, da sein Sohn Klavier studierte! Vielmehr scherzte er mit Jasina, die nun anstelle von Amal tanzte. Wenn ich seine Zeichen überhaupt nicht verstand, sagte er zu ihr: „Erkläre dem Maschinenpianisten, dass wir jetzt den Maqam Hiĝāz nehmen. Vielleicht versteht er dich besser.“ Sie lachte dann schelmisch und ich fand es bald auch lustig. Irgendwann freilich, ich glaube bei der vierten Hochzeit nach der des Neffen des Innenministers, mussten wir alle drei so lachen, dass Papa vergaß, nicht mit mir zu sprechen. Von nun an war es wieder so wie früher, nur dass er mich nicht mehr als seinen Sohn Mehmet, sondern als den Maschinenpianisten dem Publikum vorstellte.
Dagegen lehrte mich Professor Malik, dass man auf einem Flügel fast genauso gefühlvoll wie auf einem Oud spielen kann. „Du musst die Tasten streicheln wie den Hals deiner Freundin“ oder „Du darfst nicht mit deinen Händen auf das Klavier hineinhauen, als wäre es dein Feind,“ sagte er. Aber er lehrte mich noch ganz anderes: „Wenn du Mozart spielen willst, musst du frei sein. Mozart fühlte sich nicht als Diener, sondern als freier Mann. Zum Beispiel kündigte er einfach den Dienst beim Salzburger Erzbischof, was damals einem Musiker verboten war. Und erst Beethoven: das ist die Revolution. Beethoven machte mit seiner Kritik auch vor Adeligen keinen Halt und ließ seinen Wutausfällen auch vor ihnen freien Lauf. Das wäre so, als wenn Du Assad als blutrünstigen Tyrann beschimpfen würdest. Nur du würdest sofort eingesperrt, während Beethoven so bewundert wurde, dass er sich alles erlauben konnte. In Europa nämlich wird die Freiheit der Kunst geachtet im Gegensatz zu unserem Land.“
Malik war ein Freigeist. Der Prophet Mohammed war für ihn ein Mensch wie jeder andere, der möglicherweise nach dem Genuss von zu viel Haschisch seine himmlischen Eingebungen gehabt hatte. „Ich glaube nichts; denn ich bin so ehrlich, zuzugeben, wenn ich etwas nicht weiß.“ Aber das erzählte er nur mir und blinzelte dabei schelmisch. Doch ich weiß, dass er diese Ideen von Freiheit und Revolution auch verkündete, wenn er ein Konzert gab.
Mozarts Musik erklang unter seinen Händen wie ein Garten voller Freiheit, geistvoller Überraschungen und lustiger Regelverstöße. Beethovens Sonaten spielte er voller Pathos als Aufruf zum Kampf für Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Vernunft. Irgendwie spürte das Publikum, was er meinte. Aber Musik ist eben keine genaue Sprache. Man konnte sie nie genau festlegen. Welche Freiheit, welche Revolution sein Spiel meinte, musste sich jeder Hörer selbst vorstellen. Sein Publikum, das größtenteils aus Regierungsbeamten, Ärzten, Unternehmern und Frauen, welche die höheren Schulen besucht hatten, bestand, liebte ihn, und es war wahrscheinlich gut für ihn, dass es nicht so genau verstand, was er sagen wollte.
„Du musst Deutsch lernen, nur dann kannst du die Musik Mozarts, Beethovens, Schuberts verstehen,“ forderte er mich auf, „denn Musik ist eine Erweiterung der Sprache. Sie sagt, was du mit Worten nicht sagen kannst.“ Ich besorgte mir einen Sprachkurs, konnte mich schon nach einigen Wochen auf Deutsch mit Professor Malik unterhalten, der von da an während des Unterrichts nur noch in dieser Sprache mit mir redete. Ich las schon nach einem Jahr, so gut es ging, Lessings „Nathan der Weise“, nahm mir die Opernlibretti von Mozarts „Entführung aus dem Serail“ und Beethovens „Fidelio“ vor und ahnte, dass hier eine Freiheit beschrieben wurde, die wir uns erst noch erkämpfen mussten. Freiheit von Aberglauben, von Tyrannen und Kampf für Menschlichkeit, Toleranz und Vernunft. Das alles schwirrte durch meinen Kopf, als ich an Professor Malik dachte, der damals ein Engel für mich war.
Wir, die Bewohner des Flüchtlingswohnheims standen in der Eingangshalle oder saßen auf den Stufen der Treppe zu den oberen Stockwerken und waren nicht mehr ganz ohne Hoffnung. Dann sprach der Leiter einige Worte auf Englisch, dass es mit dem Deutschunterricht bisher nicht geklappt habe, da es zu wenige Lehrer gebe, zu wenige Stellen, zu wenig Geld, dass aber Frau Schönfeld nun zweimal in der Woche kommen und uns Deutsch beibringen würde. Er betonte, sie würde das in ihrer Freizeit machen, würde nicht bezahlt, wolle uns aber helfen. Deshalb müssten wir auch mitmachen und an uns arbeiten. Sonst wäre es sinnlos.
„Fine, let’s begin.“ Frau Schönfeld war eine Frau Ende dreißig, mit großer, schwarz umrandeter Brille. Sie verteilte Blätter mit Bildern und kurzen Texten und begann ihren Unterricht. Doch es war mühsam. Viele verstanden nicht, was auf den Bildern dargestellt wurde, und oft reichte ihr Englisch nicht aus, um Frau Schönfelds Erklärungen folgen zu können. Sie besaß eine erstaunliche Geduld. Aber schließlich war sie doch ratlos, und wurde traurig. Sie hatte offenbar nicht gedacht, dass es so schwierig wäre, Flüchtlingen Deutsch beizubringen. „Mehmet,“ – ich war ein wenig stolz, dass sie sich meinen Namen gemerkt hatte – „du musst mir helfen: du sagst auf Arabisch, was hier steht. Dann ist es leichter zu begreifen.“
Wie strahlend sie lachte, als es nun ganz gut klappte. Und ich war ihr Hilfslehrer! Ich war glücklich, nicht mehr nutzlos zu sein, eine Aufgabe zu haben. Allein das hätte mich schon zufrieden gestellt. Doch, bevor sie ging, sagte sie zu mir: „Du spielst Klavier?“ Sie hatte es also nicht vergessen. „Hast du ein Klavier?“ fragte ich. „Klavierspielen wäre mein größtes Glück. Bitte lass mich Klavierspielen. Das wäre meine Rettung.“ Ich kniete vor ihr nieder. Wenn ich jetzt daran denke, schäme ich mich, dass ich mich so gehen ließ.
Frau Schönfeld legte ihre Hand auf meine Schulter. „Ich weiß, wo du spielen kannst.“ Sie fuhr mit mir ins Stadtzentrum. erzählte während der Fahrt vom Brückenfestival, bei dem sie arbeitete. Im Konzertsaal stände ein Steinway. Da gerade weder eine Probe noch ein Konzert wäre, könnte ich dort gerne ein oder zwei Stunden spielen. Am liebsten wäre ich ihr um den Hals gefallen, wenn sie nicht am Steuer gesessen hätte.
Der Konzertflügel hätte mir Respekt einflößen müssen, spielten doch normalerweise Starpianisten darauf. Aber mich kümmerte das alles nicht. Ich war wie ein Kamel, das endlich die Wasserstelle in der Oase gefunden hatte. Meine Finger spielten von selbst, sie liefen zuerst langsam, dann immer schneller und ich war von dem mächtigen Klang wie berauscht. Ich weiß gar nicht mehr, was ich alles spielte, denn nicht ich spielte, sondern es schien zu spielen. Und während aus meinem Atem, aus meinen Armen und Fingern die Musik wie aus einem übervollen Staudamm herausfloss, sah ich meinen Vater und meine Mutter, zuerst traurig und bekümmert, dann mit einem Lächeln, sah unsere Wohnung mit den wundervollen Teppichen, roch den Duft von Knoblauch, Koriander und Majoran und vielen anderen Gewürzen aus der Küche, mit denen Mutter Falafel, Mahshi und vieles mehr kochte, sah meine Schwester, die schönste Frau, die ich kenne, im Rhythmus meines Spiels tanzen, sah, wie wir auf der Universität Flugblätter verteilten und hofften, dass endlich die Zeit der Freiheit anbrechen würde. Ich sah, wie einige meiner besten Freunde verhaftet wurden, wie die Bomben in unserer Straße einschlugen, wie anstelle der Cafés und Gemüsehändler nur noch Staub und Schutt auf unserer Straße lag, sah anstelle des bunten Lebens, das dort immer geherrscht hatte, eine bedrohliche Leere, sah wie mich die Kämpfer zu Boden warfen, als ich Klavier spielte, wie sie mein Instrument zertrümmerten und hörte, wie sie sich zuriefen: „Schneide ihm seine Finger ab, dann spielt er nie wieder Klavier!“, sah das Blut, das auf mein Hemd herabrann, und sah meinen Freund Ahmet, der mir half, wieder aufzustehen.
Über eine Stunde hatte ich wie in einem Rausch gespielt. Gaby sagte später, es wäre die schönste, gefühlvollste und schrecklichste Musik gewesen, die sie je gehört hätte. Ich selbst wusste nichts mehr. Wenn ich am Klavier improvisiere, vergesse ich alles.
Als ich mein Spiel mit dem Revolutionslied „Janna, janna“ beendet hatte und aufblickte, bemerkte ich hinten im Konzertsaal einen älteren Mann mit langen, weißen Haaren. Ich hatte in der Bibliothek des Konservatoriums in Damaskus ein Buch über Franz Liszt gelesen. Er sah ihm ähnlich, wirkte zugleich gütig und streng. Trotz seines Alters sprang er schwungvoll auf das Podium und drückte meine Hand: „Sie spielen ergreifend.“ Er schien tief berührt. Gaby stellte ihn als Intendant des Brückenfestivals vor. Er hieß Theodor Gutekunst und wollte alles von mir wissen: Bei wem ich Klavier gelernt hatte, wer der Lehrer von Madame Elmina gewesen war, wo Professor Malik studiert hatte und warum ich geflüchtet wäre. Als ich ihm meinen kleinen Finger zeigte, dessen oberstes Glied die Kämpfer mit dem Messer verletzt hatten, sah ich Tränen in seinen Augen.„Was für ein Verbrechen,“ schimpfte er, umarmte mich und versprach, mir zu helfen.
Während der Rückfahrt zum Wohnheim war Gaby ziemlich aufgedreht. Sie legte eine CD mit arabischer Musik ein, wippte in ihrem Rhythmus und sang die Melodie mit.
Ich war hier, wo Mozart, Beethoven, Schubert, Brahms, Schumann und Liszt gelebt hatten, ich war unter Menschen, die ihre Sprache sprechen, ich war im Land des Geistes, der Freiheit, der Musik, von dem ich jahrelang geträumt hatte, und seit zwei Tagen Assistent von Professor Theodor Gutekunst. Ich machte Luftsprünge und Saltos, zumindest in meinen Gedanken, sah mich schon in großen Konzertsälen spielen, von begeisterten, musikliebenden Menschen bewundert, träumte von einem Haus, wie es Madame Elmina bewohnt hatte, von Tourneen nach New York, Tokyo, Sidney und London und vor allem davon, meine Eltern aus dem mörderischen Damaskus herauszuholen.
Doch zunächst war ich Assistent. Professor Gutekunst lehrte an der hiesigen Hochschule, war Pianist und Dirigent und hoffte, ein großes Festival im nächsten Sommer in München veranstalten zu können. Er kannte, wie er mir sagte, die besten Solisten, Sänger und Ensembles auf der ganzen Welt persönlich. Aber es ginge ihm nicht um Glanz, Berühmtheit, Glamour, vielmehr wollte er mit der Musik, dieser universalen Sprache, die auf der ganzen Welt verstanden wird, wie er betonte, für Toleranz, Frieden und gegenseitiges Verständnis kämpfen. Deshalb nannte er das Festival Brücken-Festival, Musik gleichsam als Brücke zwischen verschiedensten Menschen, Ländern und Kulturen.
Gutekunst dachte immer an Musik, weshalb er alles andere vergaß: Termine, seinen Gürtel, die Notentasche, manchmal auch die Schlüssel seines Porsches. Ich musste dann immer zurück ins Büro laufen und das holen, was fehlte. Eigentlich war ich nur sein Laufbursche. Aber anfangs kam mir das keineswegs so vor. Vielmehr fühlte ich mich als Teil einer bedeutenden Sache und dachte deshalb, ich selbst und mein Leben wären jetzt ebenso von großer Wichtigkeit. Auch erhielt ich von Gutekunst durchaus viel Anerkennung. Dass ich schon nach wenigen Tagen mich in seinem Terminkalender auskannte, immer wusste, was er für Proben oder Besprechungen benötigte, hielt er offenbar für wertvoller als mein Klavierspiel. Gewiss, ich konnte oft üben, manchmal bis tief in die Nacht. Doch er hörte nie zu. Zumindest sagte er nie mehr etwas über mein Spiel. Wenigstens hatte Gaby leuchtende Augen, wenn sie in den Probensaal kam und mich erinnerte, dass es nun schon spät sei, sie mit ihrer Arbeit aufgehört hätte und mich zurück ins Flüchtlingsheim bringen wollte.
Oft traf sich Gutekunst mit anderen Künstlern. Dabei stellte er mich als syrischen Pianisten vor. „Er hat im zerbombten Damaskus Beethovens Musik gespielt. Als ein letzte Zeichen von Humanität. Doch dann haben die Islamisten sein Klavier mit Gewehrkolben zerschlagen und ihm einen Finger abgeschnitten.“ Er erzählte meine Geschichte einem jeden und in vielen Varianten. Anfangs versuchte ich ihn noch zu korrigieren, dass es gar nicht so sicher wäre, ob es Islamisten oder andere Rebellen gewesen wären; denn wir wussten nichts Genaueres, sondern nur, dass sie unser Stadtviertel besetzt hatten und es gegen Assads Truppen verteidigten, ohne die Bewohner gefragt zu haben, ob sie das überhaupt wollten. Auch hielt ich anfangs noch meinen kleinen Finger hoch, um zu zeigen, dass er gar nicht abgeschnitten worden wäre, vielmehr die Schnittwunde ganz gut verheilt und der Finger nur am obersten Glied steif wäre und ich mittlerweile dadurch nicht mehr beim Klavierspiel behindert würde. Doch Gutekunst unterbrach mich, wechselte das Thema und die Musiker bedauerten mich, dass dieser Finger nun einer wirklichen Virtuosenkarriere im Weg stehen würde. Da ich spürte, dass die anderen zwar mitleidvoll, aber ungeduldig zuhörten und Gutekunst sarkastisch wurde, wenn ich von Damaskus erzählte, ließ ich ihn darüber sprechen und schwieg. Das schien ihm zu gefallen.
Doch als wir zur Besprechung mit einem wichtigen Sponsor fuhren, war er ganz anders. Er trug sonst nie eine Krawatte. Jetzt im Taxi fragte er mich, ob sie korrekt gebunden wäre, was ich auch nicht wusste. „Mehmet, tragt ihr in Damaskus keine Krawatten?“ Als ich antwortete, dass ich nicht aus einer Familie von Bankangestellten stammte und dass selbst der Verlobte meiner Schwester, der Kaufmann Mahdi al Sur, nie eine Krawatte getragen hätte, wurde er ärgerlich. „Wie man Krawatten bindet, hättest du schon lernen können.“
