Tanz durch den Monsun - Cornelia Bianchi - E-Book

Tanz durch den Monsun E-Book

Cornelia Bianchi

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Beschreibung

Myla Smith hat ein Problem — oder eher gesagt, gleich mehrere: Ihr Ehemann hat sie heimlich verlassen und der von ihm finanzierte verschwenderische Lebensstil droht ihr zu entgleiten. Zudem steckt sie nach einer Schlägerei im Flugzeug in Delhi fest, weil ein Gericht sie zu sechs Monaten Sozialarbeit in den Armenvierteln der Stadt verpflichtet hat. Ihr verbitterter Kampf gegen die unbequeme Realität auf der untersten Stufe der Gesellschaft führt sie an den Rand der nächsten Katastrophe. Als sie endlich dem Rat folgt, ihr Leben auf eine andere Art zu betrachten und sich der Magie außerhalb der Komfortzone hinzugeben, beginnen Stück für Stück überraschende Dinge zu passieren. Mit ihrem Erstlingswerk Tanz durch den Monsun ist Cornelia Bianchi ein berührender Roman mit einer bemerkenswerten Hauptfigur gelungen. Ihre inspirierende Sicht zeigt uns, was im Leben wirklich zählt: Mut, Vertrauen, Hoffnung, Ehrlichkeit, Liebe und vorallem echte Freundschaft.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis

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Epilog

Danke

Tanz durch den Monsun

Roman

Cornelia Bianchi

1. Auflage

Genehmigte Taschenbuchausgabe 2021

Copyright © Cornelia Bianchi 2021

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlaggestaltung: Vesna Tišma, Aleaca / 99design

Printed in Germany 2021

ISBN: 979-8-592-65452-7

www.corneliabianchi.com

Für die Sternschnuppe Guido

Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte.

Achte auf deine Worte, denn sie werden Handlungen.

Achte auf deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten.

Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter.

Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal.

Unbekannter Verfasser

1

Myla hat sich in eine Ecke des Flughafengebäudes zurückgezogen und sich dem Fenster zugewandt, damit niemand ihre verbitterten Gesichtszüge erblicken kann. Draußen flitzen kleine Traktoren bestückt mit Koffern auf ihren Anhängern vorbei. In der Ferne hebt ein großes Flugzeug langsam und elegant ab und fliegt einer grauen Wolkenkulisse entgegen. Ein Catering-Unternehmen fährt die Hebebühne des Lasters in die Höhe, damit die Verpflegung in die Bordküche des Fliegers gerollt werden kann.

Obwohl die riesigen Fensterfronten einen ausgezeichneten Blick auf den geschäftigen Betrieb am Flugplatz bieten, nimmt Myla das lebhafte Treiben kaum wahr. Ihre ganze Aufmerksamkeit ist auf ihr Gespräch mit Michael gerichtet. In dieser Ecke der Abflughalle ist sie vor neugierigen Ohren geschützt und kann ihrer Wut freien Lauf lassen.

Ihre Stimme klingt in ihren eigenen Ohren laut und schrill, als sie mit ihrem Ehemann streitet. Ihr Körper ist verkrampft, der Atem flach und schnell.

»Du Mistkerl«, schnaubt Myla ins Handy.

Es ist das erste Mal, dass sie miteinander sprechen, seit Michael vor zwei Wochen heimlich aus der gemeinsamen Wohnung in Singapur ausgezogen ist. Während ihres Kurzurlaubes auf Bali mit ihren Freundinnen aus dem Beach Club hatte er seine Sachen gepackt und sich nach London abgesetzt. Der Schock sitzt immer noch tief und ihr wird schwindlig, wenn sie sich daran erinnert, wie sie seinen Abschiedsbrief durch eine Wand von bitteren Tränen gelesen hatte.

»Wie konntest du mir das nur antun?!«, schreit sie verzweifelt.

Am anderen Ende der Leitung herrscht Schweigen.

»Du hättest mir zumindest deine neue Mobilnummer hinterlassen können, du Feigling«, beschimpft sie ihn.

Nachdem sie seine Zeilen gelesen hatte, hatte sie sofort zu ihrem Handy gegriffen und seine Nummer gewählt. Zu ihrem ungemeinen Entsetzen leierte eine monotone Tonbandaufnahme: »Dieser Anschluss ist nicht mehr in Betrieb.«

Durch einen Anruf auf seine alte Büronummer hat sie von seinem ehemaligen Vorgesetzten erfahren, dass Michael bereits zwei Monate zuvor seinen Job gekündigt hatte und infolge seiner gewichtigen Position im Unternehmen am gleichen Tag freigestellt worden war.

Ihre Hand umklammert das Telefon. Der Zeigefinger der anderen ist erhoben und pocht gegen die Scheibe, um ihren harschen Worten Nachdruck zu verleihen.

»Kannst du dir vorstellen, wie du mich auf das Peinlichste blamiert hast, als ich über deinen Chef von deinem neuen Job erfahren musste?!«, tobt sie.

Nachdem sie mit seinem ehemaligen Arbeitgeber gesprochen hatte, rief Myla sofort bei Michaels engstem Gefährten an. Sie benötigte jedoch einige Tage sowie ihren ganzen Charme und einige Überredungskünste, bis Tom ihr verriet, dass Michael schon länger eine Affäre mit einer Frau in London gepflegt hatte. Mit viel Fingerspitzengefühl schaffte sie es schlussendlich, Michaels neue Mobilnummer und Adresse aus Tom herauszulocken.

»Dein angeblich bester Freund Tom ist der gleiche Versager wie du. Oder hast du etwa geglaubt, dass er dichthält?«, wettert sie und wirft ihm vorwurfsvoll an den Kopf: »Ich weiß von deinem Flittchen! Jetzt ist mir sonnenklar, wieso du mich auf deinen Auslandsreisen nicht mehr dabei haben wolltest.«

Aus den Lautsprechern ertönen Ansagen zu den nächsten Abflügen, wartende Passagiere schwatzen laut untereinander, Kinder tollen quietschend herum und monoton tönen die Rollen der kleinen Koffer, die über den beigen Plattenboden gezogen werden. Die Geräuschkulisse in der Halle verschluckt Mylas impulsive Äußerungen.

»Antworte mir«, brüllt Myla ins Handy.

Ein Schwall von schwerem Parfüm, vermischt mit abgestandenem Schweiß, dringt in Mylas Nase. Angewidert schaut sie auf und entdeckt ein älteres Ehepaar, das in ihrer Hörweite an das Fenster getreten ist und die Szenerie auf dem Flugplatz beobachtet. Sie dreht sich ab und wartet ungeduldig auf Michaels Reaktion.

Michael räuspert sich und äußert sich gelassen: »Ich habe die Gründe für mein Vorgehen im Abschiedsbrief erklärt. Ich will nicht weiter darüber reden.«

In scharfem Ton greift sie ihn an: »Hast du gedacht, dass du unsere Ehe einfach hinschmeißen kannst? Nicht mit mir! So billig kommst du mir nicht davon! Du wirst mich noch richtig kennenlernen und du wirst bereuen, dass du mich betrogen hast.«

»Hast du wieder getrunken?«, fährt Michael ihr ins Wort.

»Was soll das«, schreit Myla ins Telefon und schlägt mit der flachen Hand an die Scheibe.

Das ältere Ehepaar neben ihr zuckt zusammen und mustert sie mit vorwurfsvollen Blicken. Myla starrt aggressiv zurück. Das Ehepaar schaut sich mit großen Augen an. Sie tuscheln kurz miteinander, schielen nochmals zu Myla und verziehen sich langsam auf die andere Seite der Abflughalle.

»Mir fällt seit einiger Zeit auf, dass du schon zum Frühstück Champagner trinkst«, reagiert Michael ernsthaft. »Ich habe dich einige Male darauf angesprochen und du sagtest schnippisch, dass du so besser in die Gänge kommst. Wenn ich abends aus dem Büro komme, bist du entweder auf einer Party oder trägst ein Glas Rotwein durch die Wohnung. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich dich das letzte Mal nüchtern erlebt habe.«

»Spinnst du?«, kreischt Myla.

»Unsere Beziehung war spannend und aufregend«, meint Michael sachlich. »Aber dein Gezicke ist einfach zu anstrengend und für mich wie ein Tanz auf einer Rasierklinge. Deine Launen wechseln von einem Moment auf den anderen.«

Myla schaudert es in der kalten und ungemütlichen Atmosphäre der Abflughalle. Sie lehnt ihre Stirn an die Fensterscheibe und schließt ihre Augen. Während sie Michael zuhört, stellt sie sich vor, dass alles nur ein böser Traum ist, aus dem sie bald aufwacht.

»Wenn es mir wichtig war, habe ich gesagt, was ich zu sagen hatte«, fährt Michael fort. »Wenn mir jedoch der Streit nichts wert war, habe ich den Mund gehalten und die Sache mit mir selbst ausgemacht. Das ganze Drama um die nichtigsten Anlässe haben unsere Beziehung immer wieder auf die Probe gestellt. Du verhältst dich wie eine Prinzessin und erwartest von der ganzen Welt, dass sie dir zu Füßen liegt.«

Myla hebt ihren Kopf und schaut sich um, bevor sie Michael ankeift: »Ach ja, jetzt bin ich wieder an allem schuld. Wer hat mich aus meiner vertrauten Umgebung gerissen und auf die andere Seite der Erde geschleppt? Für wen musste ich mein Leben in New York aufgeben, weil Singapur ein so großartiges Karrieresprungbrett ist? Ich habe alles für dich getan, obwohl ich mich in Singapur nie wohlgefühlt habe. Diese ewige schwülheiße Luft und die Enge dieser hässlichen Retortenstadt sowie die lahmen Enten, die du als unsere Freunde bezeichnest. Als Dankeschön machst du dich aus dem Staub und mich für alles verantwortlich.«

Myla ist rasend vor Wut. Sie würde liebend gerne Michael anschreien und ihre Fäuste gegen seine Brust hämmern.

»Ich habe entschieden, dass ich das nicht mehr länger mitmache«, antwortet Michael beherrscht. »Ich halte es mit dir nicht mehr aus. Ich habe genug. Meine Anwälte arbeiten die Scheidungspapiere aus und die gesamte Kommunikation wird von nun an nur noch über sie laufen.«

Der Stress hat Myla abgelenkt. Auf einmal merkt sie, dass es im Hintergrund ruhiger wird. Sie blickt über ihre Schulter und sieht, dass nur noch einzelne Passagiere an der Zutrittskontrolle zu ihrem Flieger anstehen.

»Michael, wir sprechen uns, wenn ich in London bin«, donnert Myla. Durch ihren Kopf fegt ein Wirbelsturm von Gedankensplittern.

»Komm bloß nicht nach London!«, entgegnet Michael rasch. »Ich will dich nicht sehen.«

»Doch! Mein Flieger geht in wenigen Minuten«, hält Myla dagegen und legt sofort auf.

Sie packt ihren kleinen Rollkoffer, der alles beinhaltet, was nicht in den beiden hastig gepackten Check-in-Koffern Platz hatte, und eilt zum Flugsteig. Genervt sucht sie in ihrer überdimensionalen Handtasche nach der Bordkarte, während die Mitarbeiterin des Bodenpersonals sie geduldig anlächelt. Endlich findet sie diese in einem Seitenfach und scannt mehrere Male angespannt den Strichcode, bis sich das Schleusentor öffnet.

Myla hastet durch die verglaste Passagierbrücke. Ihr Hals ist trocken und ihr Gesicht glüht. Sie spürt, wie ihr sorgfältig aufgetragenes Make-up zu zerfließen droht.

Am Horizont wird der Himmel immer dunkler und erste Blitze kündigen ein heftiges Gewitter an.

Elftausend Kilometer liegen zwischen ihr und Michael.

»Warte nur, bis ich dich in die Finger kriege!«, geht es ihr durch den Kopf und sie stellt sich vor, was sie ihm bei ihrem Wiedersehen alles antun würde.

Ein älterer Herr streckt seine Hand aus und legt sie an die Außenwand des Flugzeugs. Einen Moment hält er inne, streicht über die Aluminiumhülle und betritt bewusst mit dem rechten Fuß den Flieger. Verwundert beobachtet Myla sein Ritual. Noch nie hatte sie so etwas beim Einsteigen gesehen. Die Ablenkung währt jedoch nur kurz und sofort wandern ihre Gedanken zurück zu ihrem Gespräch mit Michael. Seine harten Worte hatten sie sehr verletzt. Sie ist immer noch fassungslos.

»Guten Tag, willkommen an Bord!«, wird sie von der Kabinenchefin mit einem herzlichen Lächeln begrüßt.

Mit betont hocherhobenem Haupt betritt Myla das Flugzeug und mustert die Dame von Kopf bis Fuß. Deren karmesinroter Schal und der dazu passende Lippenstift stechen ihr ins Auge. Sie erwidert den Gruß mit einem kurzen Nicken und geht weiter.

Aus den Lautsprechern rieselt sanfte Lounge-Musik und durch die Kabine strömt ein rosiger Duft. Die Temperatur im Flugzeug ist angenehm.

In der Business Class wandern ihre Augen durch die Kabine und sie begutachtet die anwesenden Gäste.

Einige Passagiere durchforsten ihr Handgepäck, während andere es sich bereits in den Sitzen bequem gemacht haben. Sie nippen am Champagner und knabbern an den Rauchmandeln, welche die Flugbegleiterinnen als Willkommensgruß anbieten. Ein junger Mann öffnet die Klappe der Gepäckablage über seinem Sitz und schließt diese wieder, da sich kein Platz für seinen Rollkoffer bietet. In der Ecke lacht eine ältere Dame schallend über die Äußerungen ihres Begleiters und zupft gleichzeitig an den Ärmeln ihres orangenen Pullovers. Am Fenster bespricht ein Herr am Handy mit angestrengter Miene wichtige Einzelheiten zu einem Großprojekt, und die Frau in der ersten Reihe ist in die Unterlagen auf ihrem Schoss vertieft. Vor der Trennwand stauen sich ein paar Passagiere, die geduldig auf das weitere Fortkommen zur Economy Class warten.

»Grässlich«, geht es Myla durch den Kopf. Wehmütig schaut sie über ihre Schulter zur First Class, in der sie normalerweise reist.

Am Vortag hatte sie spontan entschieden, nach London zu fliegen und Michael zur Rede zu stellen. Mit Mühe konnte sie noch einen Sitzplatz ergattern, da praktisch alle Flüge ausgebucht waren.

Neben ihrem Sitz vergleicht sie die Nummer mit diejenigen ihrer Bordkarte und schaut danach stirnrunzelnd zur Gepäckablage.

»Kann ich Ihnen helfen?«, hört Myla eine tiefe, weiche Stimme neben ihr sagen. Sie dreht ihren Kopf und blickt in ein sympathisches Gesicht, das Reife und Gelassenheit ausstrahlt, aber trotz grau melierter Haare jugendlich und frisch wirkt.

Ein wohlig warmes Gefühl überkommt sie und sie formt ihre vollen Lippen zu ihrem charmantesten Lächeln, bevor sie antwortet: »Danke, sehr gerne!«

»Ein wahrer Gentleman«, denkt Myla und spürt ein Kribbeln im Bauch. Sie betrachtet ihn, während er ihren luxuriösen Rollkoffer in der Gepäckablage verstaut. Seine sportliche Figur ist in ein hellblaues Hemd und eine dunkle Anzughose aus edlen Stoffen gehüllt. Trotz ihren schwindelerregend hochhackigen Schuhen ist er einen Kopf größer als sie.

Elegant setzt Myla sich in den Sessel, der mit einem Stoff in warmem, dezentem Dunkelblau überzogen ist. Sie legt das farblich abgestimmte Kissen und die Decke auf den Kubus, der als großzügige Abstellfläche für Reiseutensilien, Getränke und Snacks dient und für mehr Distanz und Privatsphäre zum Sitznachbarn sorgt.

»Ich heiße George«, stellt sich ihr Helfer vor, während er sich auf den Platz neben ihr setzt. Auf seiner Wange bildet sich ein feines Grübchen und zarte Falten legen sich um seine graubraunen Augen, sobald sich seine Mundwinkel zu einem Lächeln formen. Sein anziehendes Charisma lässt Herzen schmelzen.

»Freut mich, ich bin Myla«, erwidert sie mit zarter Stimme und lässt verstohlen ihren mit runden Brillanten eingefassten Ehering in ihrer Handtasche verschwinden.

»Was führt dich nach London«, fragt George interessiert.

»Ich besuche Freunde und will die Stadt in vollen Zügen genießen«, spielt Myla ihm vor. Sich mit einem harmlosen Flirt von dem ganzen Trubel abzulenken ist genau das, was sie jetzt braucht.

»Genau die richtige Jahreszeit«, stimmt George zu.

»Allerdings«, bestätigt sie. »Ich freue mich auf die tieferen Temperaturen. Das fehlt mir sehr in Singapur. Kommst du aus London?«

»Ja, ich wohne in Kensington«, erzählt er. »Ich war geschäftlich in Singapur.«

Eine Flugbegleiterin bietet den beiden auf einem Tablett verschiedene Getränke an. Myla schnappt sich ein Glas Champagner, ohne den Blick von ihrem reizenden Sitznachbarn abzuwenden.

»Von wo kommst du?«, will George wissen.

»New York City«, antwortet Myla stolz. »Allerdings hatte ein attraktives Jobangebot meines Ex-Mannes uns nach Singapur geführt. Sobald die Scheidung durch ist, ziehe ich nach London oder zurück nach Manhattan.«

»Das tut mir leid.« George schaut sie bedauernd an.

»Schon okay«, seufzt Myla theatralisch, während sie die Aufmerksamkeit und das Bedauern sichtlich genießt. »Obwohl ich schon achtunddreißig Jahre alt bin, ist es noch nicht zu spät für einen Neuanfang.«

»Was?«, erwähnt George erstaunt. »Du siehst viel jünger aus.«

Als der Flieger abhebt, sind die beiden bereits in eine angeregte Unterhaltung verwickelt. Gebannt hängt Myla an seinen Lippen, als er witzige Geschichten von seiner Arbeitstagung in Singapur erzählt und sie lachen miteinander über ihre Anekdoten über das Leben in diesem Stadtstaat.

Nach unzähligen weiteren Champagnergläsern, Rotwein und einem mehrgängigen Menü wird das Licht in der Kabine gedimmt.

George geht zur Toilette und funktioniert danach seinen Sitz zu einem Bett um. Er gibt Myla höflich zu verstehen, dass er sich von den anstrengenden Tagen in Singapur erholen muss. Leicht verstimmt wünscht Myla ihm eine angenehme Nachtruhe. Er setzt sich Ohrenstöpsel ein, zieht die Decke über seine Brust und legt eine Schlafmaske auf, bevor sein Kopf in das Kissen sinkt.

Wieder auf sich und ihre Gedanken zurückgeworfen, wendet sich Myla dem Bildschirm zu und prüft das Bordunterhaltungsprogramm um sich abzulenken. Sie kann sich für keinen Film-Blockbuster begeistern und klickt sich daher desinteressiert durch das Musikprogramm.

Als eine Flugbegleiterin durch die Kabine geht, schnippt Myla mehrmals mit den Fingern, um ihre Aufmerksamkeit zu erhaschen. Sie verlangt nach einem weiteren Glas Champagner und die Frau nickt ihr lächelnd zu. Myla greift nach dem Bordmagazin in der Sitztasche und blättert es angeödet durch. Immer wieder blickt sie zum geschlossenen, grauen Vorhang. Myla wird ungeduldig und beginnt sich zu ärgern, da der Champagner auf sich warten lässt.

Sie greift nach ihrer Handtasche und kramt nach ihrer Kosmetiktasche, erhebt sich aus ihrem Sitz, geht durch den Vorhang und schreitet zur Toilette. Sie öffnet die Türe und betritt den engen Raum. In der Ecke steht eine kleine Vase mit ein paar roten Rosen, welche dem Ort Farbe und eine Duftnote verpassen. Daneben liegt ein Körbchen mit Handcreme, Mundwasser und Erfrischungstüchern.

Als sie sich im Spiegel erblickt, erschrickt sie. Ihr blond gefärbtes Haar hängt kraftlos herunter, dunkle Ringe umrahmen ihre mandelförmigen, ausdruckslosen Augen, die Pfirsichfarbe ihrer Wangen ist roten Flecken gewichen und ihr Gesicht wirkt fahl. Myla ist entsetzt.

»Warum musste mir das alles passieren?«, geht es ihr durch den Kopf, während sie ihr Spiegelbild studiert. »Wie habe ich das nur verdient?«, schluchzt sie. »Warum ich? Michael hat mein Leben zerstört. Das wird er mir büßen!«

2

»Mein Leben war wie eine Bilderbuchgeschichte! Der steinreiche Investmentbanker heiratet ein wundervolles Geschöpf aus einfachen Verhältnissen! Die Traumhochzeit des Jahres!« Myla seufzt schwer, während ihr ganzes Leben vor ihrem inneren Auge vorbeizieht.

»Nach über zwölf Jahren Ehe stehe ich vor den Trümmern meines Glücks. Mein märchenhaftes, glamouröses Leben ist am Ende. Unsere Bekannten werden über mich tratschen und ich bin gesellschaftlich tot. Michael hat mich zum Gespött der Leute gemacht. Ich könnte ihn mitsamt seinem Flittchen auf der Stelle erschießen.« Wütend schlägt sie mit der Faust auf die Ablage neben dem Waschbecken.

»Ich weiß, ich weiß! Meine Eltern haben mich zur Genüge gewarnt. Ich solle mich von diesem zwanzig Jahre älteren Egomanen und Angeber in Acht nehmen. Sein dekadenter Lebensstil und seine beiden Scheidungen seien keine gute Basis für eine vertrauenswürdige und stabile Beziehung.« Myla denkt an den seltsamen Abend kurz vor ihrer Hochzeit zurück, als ihre Eltern Michael das erste Mal getroffen hatten.

»Ihnen wäre es lieber gewesen, wenn ich Sam geheiratet hätte. Aber was wissen sie schon vom Leben. Sie haben mich in dieser kleinen, engen Wohnung im langweiligsten Kaff im mittleren Westen von Amerika großgezogen. Unsere Urlaube verbrachten wir immer nur mit Camping und Wandern in den Nationalparks. Wie mich das anödete. Ich wollte das Meer und die Welt sehen.« Sie starrt in den Spiegel, düster blickt das Spiegelbild zurück.

»Meine Eltern waren so peinlich. Ob sie glücklich waren? Wohl kaum. Sie haben viel gearbeitet und trotzdem konnten wir uns nichts leisten. Wie ich mich geschämt habe, mit den Kleidern aus dem Secondhandladen herumzulaufen.« Sie stützt sich mit beiden Händen am Waschbecken ab und fühlt, wie sich in ihr alles verkrampft.

»Ich habe mir geschworen, dass ich es im Leben viel besser haben werde als meine Eltern. Zum Glück hat mich das Stipendium für die Uni aus diesem Loch befreit und der Umzug nach Harvard für mein Betriebswirtschaftsstudium war eine große Erleichterung. Endlich konnte ich atmen. Ich war frei von der Enge dieser Kleinstadt, wo jeder jeden kannte.« Sie spürt einen dicken Kloß in ihrem Hals.

»Sam war ein netter Kerl und eine angenehme Abwechslung, obwohl er neben seinem Studium in Mathematik und Statistik kaum Zeit für mich hatte. Mit seinem bescheidenen Einkommen als Doktorand in der Forschung der Universität hätte er mir nach seinem Studienabschluss niemals das luxuriöse Leben bieten können, das ich an der Seite von Michael hatte.« Seufzend lässt sie ihre Schultern hängen.

»Vom ersten Arbeitstag an war ich von Michael fasziniert. Als seine persönliche Assistentin bekam ich schnell mit, dass seine Ehe nicht auf Rosen gebettet war. Es war auch offensichtlich, dass er eine Schwäche für das schöne Geschlecht hatte. Das war meine Chance! Ich wollte unbedingt den Platz an seiner Seite erobern und schlug mit meinen Reizen zu.« Sie presst ihre Lippen zusammen und ballt ihre Hände zu Fäusten.

»Nach der ersten gemeinsamen Nacht nahm er mich öfters auf seine Geschäftsreisen mit, denn ich war ja seine persönliche Assistentin. Wir konnten unsere Liebe in vollen Zügen auskosten und dennoch unsere Affäre geheim halten. Er las mir jeden Wunsch von den Lippen ab, überhäufte mich mit Geschenken und führte mich zum Abendessen in die exklusivsten Restaurants in Manhattan aus.« Sie mustert im Spiegel ihre veränderten Gesichtszüge, während sie den Mundwinkel zu einem leicht sarkastischen Lächeln verzieht.

»Sam arbeitete immer noch an seiner Doktorarbeit in Boston und ahnte nichts. Wegen der großen Distanz sahen wir uns nach meinem Umzug nach New York ohnehin nur noch selten. Schlussendlich beendete ich unsere langweilige Beziehung in einer kurzen Mail.« Sie betrachtet eingehend das spöttische Lächeln ihres Spiegelbildes.

»Er hat tagelang versucht, mich anzurufen. Dem Himmel sei Dank, dass ich mit Michael für ein verlängertes Wochenende in den Hamptons weilte, als Sam vor meiner Haustüre aufkreuzte. Seine Notiz und den Brief, der später per Post eintraf, schmiss ich ungelesen in den Abfalleimer. Michael legte mir die Welt zu Füßen. Auf mein Drängen hin reichte er bald die Scheidung ein, damit er für mich frei sein konnte. Wenn meine Eltern all dies wüssten!«

Mylas Herz zieht sich bei diesem Gedanken zusammen.

»Aber was wird nun aus mir? Mein Familienanwalt meinte, dass eine Scheidungsklage und die höchstmögliche finanzielle Abfindung nach amerikanischem Recht schwierig seien, weil wir schon länger in Singapur wohnen und Michael seinen Wohnsitz nach London verlegt hat. Hätten wir bloß Kinder, dann wäre Michael weiterhin finanziell und emotional an mich gebunden. Ich brauche das Geld, damit ich über die Runden komme. Ich habe schon vor der Heirat aufgehört zu arbeiten.« Erneut stützt sie sich mit beiden Händen am Waschbecken ab und schaut auf den Boden.

»Und wo soll ich nur hin? Singapur ist schrecklich. Ich wollte nie dorthin, es war nur ein großer Karrieresprung für Michael. Mehr Geld, mehr Prestige. Ich hingegen musste das große Opfer erbringen und mein spektakuläres Leben in New York aufgeben. Wie ich das grandiose kulturelle Angebot, die aufsehenerregenden Galas und vorallem die Treffen mit den ganz Grossen der Kunstszene vermisse.« Ihre Augen füllen sich mit Tränen und sie beginnt zu schluchzen.

»Ich will nicht alleine sein. Wenn ich Michael verliere, habe ich niemanden mehr. Aus Angst vor mir wird jede frustrierte Zicke ihren Ehemann an die kurze Leine nehmen, da ich alle mit meiner Schönheit überstrahle.« Sie richtet sich auf und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. Sie rollt ihre Schultern, streckt ihre Brust und schaut ihrem Spiegelbild provokativ in die Augen.

»Jetzt brauche ich unbedingt einen Drink! Alkohol macht alles so viel einfacher. Michael schrieb in seinem Abschiedsbrief, dass ich aggressiv werde, wenn ich getrunken habe. Dabei bin ich doch immer gut drauf. Die Leute lieben mich für meinen Humor und ich stehe jederzeit im Mittelpunkt. Ich lache viel und ich habe das Gefühl, dass ich durch das Leben fliege. Na ja, am nächsten Tag ist mir ein bisschen übel und der Kopf dröhnt. Aber die Kopfschmerzen sind schon nach dem ersten Glas Champagner wieder weg.« Myla blickt unschuldig auf ihr Spiegelbild.

»Oh, Michael, warum kann es zwischen uns nicht mehr so sein wie früher. Du würdest mir viele Probleme ersparen! Wo ist nur das lodernde Feuer in unserer Beziehung geblieben? Wir hatten doch immer so viel Spaß zusammen.« Erneut kullern ein paar Tränen über ihre Wangen. Aber statt ihnen freien Lauf zu lassen, nimmt Myla sofort wieder Haltung an. Sie atmet tief durch, wäscht sich das Gesicht und erneuert sorgfältig ihr Make-up.

Mit erhobenem Haupt stolziert sie an ihren Platz zurück und setzt sich in den Sitz. Sie schließt ihre Augen und fühlt, wie sich ihr Brustkorb im Rhythmus ihres Atems hebt und senkt. Langsam beruhigt sie sich und zieht ihre Augenlider hoch. Sie dreht ihren Kopf zur Seite und ihre Augen schweifen über den schlafenden George.

»Er könnte mein Plan B werden, falls ich Michael nicht zurückgewinne«, überlegt sie einen kurzen Moment. Sie schmiegt sich in den Sitz, als ihr Blick auf die Abstellfläche zwischen ihr und George fällt.

»Wo ist mein Champagner?«, ärgert sie sich. Sofort drückt sie den Klingelknopf.

Der Vorhang schiebt sich zur Seite und eine Flugbegleiterin tritt an Myla heran.

»Was kann ich für Sie tun?«, fragt sie. Gleichzeitig schaltet sie das leuchtende Signal für den Passagierruf an der Decke aus.

»Ich habe bei Ihrer Kollegin Champagner bestellt!«, antwortet Myla gereizt. »Hat sie es vergessen?«

»Frau Smith«, spricht die Frau Myla höflich an. »Uns ist aufgefallen, dass Sie auf diesem Flug schon einige Gläser Champagner getrunken haben. Darf ich Ihnen als Alternative Kaffee, Saft oder Wasser anbieten?«

Myla rümpft ihre Nase und schüttelt den Kopf. Erbost entgegnet sie: »Nein, ich will Champagner!«

»Wir haben erst einen Viertel des Fluges zurückgelegt«, erklärt sie nachdrücklich. »Wir sollten bis zum nächsten Glas eine kleine Pause einlegen.«

Myla verschränkt ihre Arme und starrt der Flugbegleiterin demonstrativ in die Augen. Trotzig kontert sie: »Ich will Champagner und das jetzt sofort!«

Seufzend dreht die Dame sich um und verschwindet hinter dem Vorhang.

Ein paar Minuten später tritt eine andere Flugbegleiterin mit leeren Händen zu ihr.

»Wo ist mein Champagner?«, giftet Myla sie an.

Sie kniet zu Myla hinunter. Abgeschirmt von den anderen Passagieren informiert sie sie diskret: »Frau Smith, beim Einsteigen haben wir festgestellt, dass Sie Mühe hatten, ihr Gleichgewicht zu halten. Während des Fluges haben wir ihren starken Alkoholkonsum beobachtet und dieser bereitet uns Sorgen.«

»Was soll das?«, grollt Myla.

Die Flugbegleiterin stellt unmissverständlich klar: »In Ihrem offensichtlich alkoholisierten Zustand ist es möglich, dass Sie bei der Einreise in London Probleme bekommen könnten.«

»Ich habe selten über einen solch guten Witz gelacht«, antwortet Myla sarkastisch.

Die Flugbegleiterin lässt sich nicht beirren und fährt fort: »Ferner sollten sie jederzeit in der Lage sein, in einem Notfall das Flugzeug selbstständig und umgehend zu verlassen.«

»Es passiert ja sowieso nichts«, spottet Myla und tippt sich mit dem Zeigefinger an die Stirn.

Entschieden fordert die Flugbegleiterin sie auf: »Mir ist es wichtig, dass wir einen gemeinsamen Nenner finden. Wie Ihnen meine Kollegin bereits gesagt hat, servieren wir Ihnen gerne Kaffee, Tee und nichtalkoholische Getränke. Alkohol hingegen steht für Sie bis auf Weiteres nicht mehr zur Verfügung.«

»Ich will unverzüglich die Kabinenchefin sprechen«, schießt Myla zurück.

»Frau Smith«, redet die Flugbegleiterin sanft auf sie ein.

»Sofort!«, fällt Myla ihr energisch ins Wort.

Die Flugbegleiterin erhebt sich und wandert zurück in die Bordküche.

»Unerhört, was sich dieses freche Gör erlaubt«, geht es Myla durch den Kopf, während ihre Augen durch die Kabine wandern.

Einige Passagiere dösen, andere sind in Filme vertieft. George schläft tief und fest. Er liegt auf dem Rücken und seine Hände ruhen auf seinem Bauch. Im regelmäßigen Rhythmus hebt und senkt sich sein Brustkorb.

»Niemand scheint etwas mitbekommen zu haben«, befindet sie. »Schade, denn ich bin überzeugt, dass sie meiner Meinung wären, wenn sie von diesem Vorfall erfahren hätten.«

Sie stützt ihren Kopf auf ihrer Hand ab und trommelt mit den Fingern der anderen Hand ungeduldig auf die Armlehne. Erneut steigt Wut in ihr auf und ihr Puls rast, als sie auf den Vorhang starrt.

»Jetzt reicht es«, entscheidet sie und springt von ihrem Sitz auf. Sie spürt, wie das Flugzeug aufgrund leichter Turbulenzen rüttelt. Deshalb stützt sie sich auf den Rücklehnen der Sitze ab, als sie langsam aber zielstrebig den Gang entlang auf den Vorhang zusteuert. Tief in ihr brodelt es.

Mit einem Ruck schiebt sie den Vorhang zur Seite und tritt in die Bordküche. Die beiden Flugbegleiterinnen verstummen sofort und blicken Myla nervös an.

Myla mustert die Bordküche, die auf engstem Raum eingerichtet ist. Auf einer kleinen Abstellfläche stehen Schokopralinen, Erdnüsse, Kekse, Früchte und kleine Wasserflaschen für die Passagiere bereit. Auf dem Korpus gegenüber liegt ein Tablett mit einer halbgegessenen Mahlzeit, das einen würzigen Duft verströmt. In der Ecke entdeckt Myla den Getränketrolley, auf dem verschiedene Flaschen mit alkoholhaltigen Getränken in einer Box thronen.

Sie baut sich majestätisch vor den eingeschüchterten Frauen auf. Missmutig schaut sie zwischen den beiden hin und her.

Erbarmungslos fordert Myla: »Ich will jetzt sofort die Kabinenchefin sprechen!«

»Sie ist im Moment nicht verfügbar«, entgegnet die eine verunsichert. »Sie spricht mit Ihnen, sobald sie aus der Pause zurück ist.«

»Was ist das für eine jämmerliche Fluggesellschaft«, herrscht Myla die beiden an. »Die Kabinenchefin liegt auf der faulen Haut und ich kriege nichts zu trinken.«

Die Flugbegleiterinnen starren Myla mit offenem Mund an.

»Ich habe eine Unmenge an Geld für dieses Ticket bezahlt. Es ist wohl kaum zu viel verlangt, mir einen fürstlichen und ausgezeichneten Service zu bieten«, belehrt sie die Damen entschieden und hebt drohend ihren Zeigefinger. »Ich lasse mich von euch Saftschubsen nicht bevormunden! Ich entscheide, was und wann ich trinke! Von euch lasse ich mir gar nichts vorschreiben!«

Myla drängt sich an den beiden Flugbegleiterinnen vorbei und steuert geradewegs auf die Box mit den alkoholischen Getränken zu. Sie will nach der Champagnerflasche greifen, jedoch packt eine Flugbegleiterin sie am Oberarm und zieht sie zurück.

Myla dreht sich blitzartig um, schüttelt sich gleichzeitig los und verpasst ihr eine heftige Ohrfeige.

Geschockt und verängstigt greift sich die Frau an die Wange.

Myla explodiert, deckt die Flugbegleiterin zuerst mit Schimpftiraden und danach mit Schlägen ein. Sie packt die Frau an den Haaren und reißt ihren Kopf nach hinten. Die Flugbegleiterin brüllt vor Schmerz, jedoch drückt sie gleichzeitig ihre flache Hand Myla ins Gesicht. Die beiden rangeln und schreien sich gegenseitig an. Plötzlich verliert Myla das Gleichgewicht. Ihre Arme schleudern unkontrolliert umher und fegen Snacks und Wasserflaschen um.

Die Flugbegleiterin hält sich an einem Griff fest und ringt nach Luft.

»Du Miststück«, schleudert Myla ihr wutentbrannt entgegen und verabreicht ihr erneut ein paar Schläge.

Schützend hält die Flugbegleiterin einen Arm vor das Gesicht und versucht mit der anderen, Mylas Hände zu packen.

Wiederum ringen die beiden Frauen miteinander. Der Zweikampf wird härter und aggressiver. Myla stößt die Flugbegleiterin massiv und schleudert sie mit voller Wucht gegen den Getränketrolley.

Mit lautem Klirren und Scheppern zerbrechen Gläser und Flaschen des umfallenden Trolleys in tausend Stücke. Der Geruch von Wein, Grappa und Cognac dringt in Mylas Nase während sie den Scherbenhaufen beäugt.

Überraschend packen zwei kräftige Hände von hinten ihre Oberarme.

Unverzüglich setzt sie sich zur Wehr, jedoch ist der Griff so fest, dass sie sich kaum bewegen kann. Sie zappelt mit den Füßen und schreit hysterisch: »Lass mich los!«

»Ruhe!«, brüllt George sie an.

»Du tust mir weh«, kreischt sie, während sie über ihre Schultern in das Gesicht ihres Sitznachbarn starrt. »Dieses verrückte Ding hat mich geschlagen.«

»Lüg nicht«, weist er sie zurecht. »Wir alle haben gesehen, wie du auf sie eingeprügelt hast.«

Mit einer Kopfbewegung zeigt er auf die Flugbegleiterin, die sichtlich erschöpft von ihrer Kollegin gestützt wird.

»Ich habe mich doch lediglich gegen ihre Attacken gewehrt«, wimmert Myla.

»Das stimmt nicht«, entgegnet die Flugbegleiterin aufgebracht. Hinter ihr haben sich ein paar neugierige Passagiere versammelt.

Ein weiteres Mal versucht sich Myla zu befreien, jedoch lässt George nicht locker. Theatralisch beginnt sie zu weinen. Ihr Körper zittert und ihr Herz rast. Ihr wird schwarz vor Augen.

Langsam öffnet Myla ihre Lider. Sie liegt in der Bordküche auf dem Boden, ihr Hals ist trocken, ihre Glieder schmerzen und sie ist kraftlos. Ein älterer Herr mit grünbraunen Augen blickt auf sie hinunter.

»Frau Smith, ich bin Doktor Harris«, stellt er sich mit sanfter Stimme vor und reicht ihr ein Glas Wasser. »Bitte nehmen Sie einen Schluck.«

»Was ist passiert«, fragt sie, während sie sich langsam aufrappelt und nach dem Glas greift.

»Sie hatten einen Schwächeanfall«, antwortet Doktor Harris. »Wie fühlen Sie sich?«

Myla nippt am Wasser und starrt schweigend auf ihre zerknitterte, lavendelfarbene Bluse.

»Meine Damen und Herren«, ertönt eine Ansage aus den Lautsprechern. »Soeben hat mich unser Flugkapitän informiert, dass er wegen eines Passagierzwischenfalls den Sinkflug in Richtung Delhi eingeleitet hat. Wir bitten Sie, Ihren Sitz einzunehmen und sich anzuschnallen, die Tische zu verstauen, Ihre Sitzlehne senkrecht zu stellen und die Sonnenblende zu öffnen.«

Erschrocken schaut Myla Doktor Harris an. Unsicher erkundigt sie sich: »Doch nicht wegen mir, oder?«

»Kommen Sie, ich helfe Ihnen in den Sitz dort drüben in der ersten Reihe«, weicht er aus. »Wir haben diesen für Sie freigemacht, damit Sie nicht so weit laufen müssen.«

Als sie gestützt auf Doktor Harris’ Arm die Kabine betritt, bemerkt sie George und ein paar Passagiere im hinteren Teil. Eine der Frauen zeigt plötzlich auf Myla und die ganze Gruppe starrt sie vorwurfsvoll an. Beschämt wendet Myla ihren Blick ab und lässt sich langsam in den Sitz gleiten. Am liebsten würde sie ganz im Boden versinken.

In diesem Moment tritt die Kabinenchefin zu den beiden und informiert Myla: »Frau Smith, in Delhi werden Sie den lokalen Behörden übergeben.«

»Auf keinen Fall verlasse ich dieses Flugzeug«, zischt Myla. »Ich muss nach London!«

Doktor Harris legt seine Hand beruhigend auf ihre Schulter.

»Sie stellen für uns ein Sicherheitsrisiko dar«, fährt die Kabinenchefin fort. »Unter diesen Umständen ist es unverantwortlich, Sie für den Weiterflug an Bord mitzuführen. Die Polizei wird Sie in Delhi im Flugzeug in Gewahrsam nehmen.«

Myla ist entsetzt. Ihr fehlen die Worte und sie kann kaum fassen, was gerade passiert.

3

Klägliche Schreie hallen durch die Nacht. Irgendwo aus der Ferne ertönen monotone Schläge auf ein Eisengitter. In der Nähe tropft ein Wasserhahn. Die Luft ist geschwängert von Urin und Schimmel.

Myla sitzt erschöpft und schweißgebadet auf der Kante der Pritsche. Ihr Hals ist trocken und jeder Atemzug löst einen Brechreiz aus. Die Laute, die zu ihr in die Gefängniszelle dringen, lassen sie jedes Mal erschauern. Aus Angst vor Ungeziefer sowie aus Ekel vor den Flecken auf der dünnen Matratze, die vermutlich von Schweiss, Urin und Blut stammen, will sie sich nicht hinlegen und kämpft gegen ihre Müdigkeit an. Ratlos starrt sie auf ihre Hände, die auf ihrem Schoss liegen. Tränen rinnen über ihre Wangen.

»Wann komme ich hier endlich raus?«, geht es ihr durch den Kopf. »Hier drinnen drehe ich durch!«

Mit Mühe versucht sie sich die Geschehnisse der letzten Stunden zu vergegenwärtigen. Sie erinnert sich, wie vier Polizisten in beigen Uniformen das Flugzeug betraten. An ihren Gürteln waren Schlagstöcke eingesteckt. Erfolglos hatte sie den Polizisten erklärt, dass die Flugbegleiterin den Streit angezettelt hatte und sie das Opfer einer Intrige sei. Sie weigerte sich, aus dem Flugzeug auszusteigen. Unbeeindruckt führten die Polizisten sie jedoch ab.

In der Passagierbrücke klatschte ihr die schwülheiße Luft ins Gesicht und ein Duftbouquet verschiedener Currys aus sämtlichen Restaurants des ganzen Landes drang in ihre Nase. Mylas Brust schnürte sich zu, das Herz begann zu rasen, Schweiß brach aus und sie konnte kaum noch atmen. Sie schrie auf, beschimpfte und bespuckte die Polizisten und schlug mit ihrer Handtasche auf sie ein. Blitzschnell überwältigten die Beamten Myla und legten ihr Handschellen an. Danach wurde sie sofort in ein nahegelegenes Gefängnis abgeführt. Glücklicherweise erlaubte man ihr ein paar Stunden später ein kurzes Telefongespräch mit ihrem Familienanwalt in Singapur.

Die Angst sitzt ihr im Nacken. Hilflos schaut sie sich in der Zelle um und überlegt fieberhaft: »Muss ich nochmals eine Nacht in dieser Hölle verbringen? Wann kann ich endlich nach London reisen?«

Nach ihrem verzweifelten Anruf in Singapur hat ihr Anwalt über sein Netzwerk einen der besten Verteidiger in Delhi organisiert. Gegen Hinterlegung ihres Passes und einer Kaution wurde Myla in seiner Gegenwart am frühen Morgen aus der Untersuchungshaft entlassen.

Inzwischen sitzt sie frisch geduscht aber völlig apathisch auf dem Bett eines Hotelzimmers und starrt mit leerem Blick durch das Fenster.

Myla kann sich weder an den komplizierten indischen Namen ihres neuen Rechtsbeistandes erinnern noch hat sie die Energie, in ihrer Handtasche nach seiner Visitenkarte zu suchen. Ihr fällt ein, dass er bereits morgen mit den Vorbereitungen beginnen will, da die Anhörung vor einem Einzelrichter schon in ein paar Tagen stattfindet.

Der Schock sitzt immer noch tief. Schrittweise versucht sie aber, sich den Vorfall im Flugzeug ins Gedächtnis zu rufen. Wie Laub in einem wilden Herbststurm wirbeln ihre Gedanken durch ihren Kopf.

Erfolglos greift sie zu ihrem Handy und wählt zum vierten Mal Michaels Nummer.

Von draußen dringt der Lärm der stark befahrenen Straße ins Zimmer. Im Hintergrund rauscht die Klimaanlage. Am Horizont geht die Sonne unter und der Abendhimmel schimmert rötlichgelb durch die von Smog verhangene Luft. Nach und nach beginnen in den gegenüberliegenden Häusern die Lichter zu brennen. Ein Vogel fliegt am Fenster vorbei.

»Was willst du schon wieder?«, meldet sich Michael brüsk am anderen Ende der Leitung.

»Michael«, schluchzt Myla ins Telefon. »Endlich erreiche ich dich! Ich brauche deine Hilfe! Ich stecke in Delhi fest.«

»Na und?«, antwortet Michael desinteressiert.

»Du musst mir helfen!«, wimmert Myla mit zittriger Stimme. »Da war ein Zwischenfall mit einer Flugbegleiterin, aber ich erinnere mich nicht mehr, was geschehen ist. Ich darf das Land nicht verlassen und in ein paar Tagen muss ich vor Gericht zur Anhörung.«

»Das war ja absehbar, dass mit deinen unkontrollierten Wutausbrüchen so etwas eines Tages passiert«, erwidert Michael seufzend.

»Wie kannst du nur so herzlos sein«, krächzt Myla erschüttert ins Telefon.

»Was immer auch passiert ist, es ist dein Problem«, entgegnet Michael schroff. »Es interessiert mich nicht. Werde endlich erwachsen und kümmere dich um deinen eigenen Schrott.«

»Michael!«, schreit Myla in ihr Handy. »Michael? Michael!!«

Sie schaut auf das Display und bemerkt, dass die Verbindung abgebrochen ist.

Erneut wählt sie seine Nummer, erreicht jedoch nur seine Sprachbox. Fassungslos schmeißt sie das Gerät aufs Bett. Entrüstet fragt sie sich immer wieder: »Warum ich? Warum muss mir so etwas passieren?«

Weinend lässt sie sich in das elfenbeinfarbige Laken sinken. Sie greift nach einem der vielen Kissen, die mit unterschiedlich dicker Daunenfüllung für eine erholsame Nacht bereitliegen, und vergräbt ihr Gesicht in den nach Lavendel riechenden Stoff.

Nach einer Weile versiegen die Tränen und halb betäubt mustert Myla die noble Tischlampe auf dem dunkelbraunen Nachttisch, die das Hotelzimmer in ein warmes Licht taucht.

Sie greift nach ihrem Handy und dreht sich auf den Rücken. Eine Weile starrt sie an die Decke, bevor sie eine Textnachricht in ihr Gerät tippt. »Hallo Claire, ich kann morgen nicht an deine Dinnerparty kommen. Ich bin unterwegs nach London zu Michael. Ich stecke aber in Delhi fest. Melde mich wieder, Myla.«

Sie streckt ihre Arme zur Seite und schließt ihre Augen. Ihr Kopf dröhnt und ihre Glieder schmerzen.

Der Signalton der eingehenden Kurznachricht von Claire erklingt. »Party war gestern. Haben uns gewundert, dass du nicht aufgetaucht bist. Was ist passiert?«

Erneut tippt Myla. »Die Flugbegleiterinnen haben sich geweigert, mich zu bedienen. Nach meiner Beschwerde kam es zu Streitigkeiten. Ich muss nun dieses Missverständnis mit der Polizei in Delhi klären. Die Stadt ist grauenhaft. Es stinkt schon, wenn man zum Flugzeug aussteigt.«

»Ich brauche unbedingt jemanden zum Reden«, hofft Myla auf Claires Mitgefühl. »Für das sind Freundinnen ja da!«

Wieder erklingt ein Signalton von ihrem Handy. »Inakzeptabel! So geht man nicht mit Kunden um. Du bist im Recht. Lass dir das nicht gefallen. Bin jetzt an der Ausstellungseröffnung in der Orchard Gallery. Küsschen!«

»Sie hat nicht kapiert, wie ernst meine Lage ist«, überlegt sich Myla. »Soll ich sie anrufen? Vielleicht doch nicht. So gut kenne ich sie auch wieder nicht.«

Myla starrt auf den überdimensionalen Fernseher, der gegenüber dem Bett über einer langen, eleganten Kommode befestigt ist. Schwerfällig rappelt sie sich auf und ihr Blick bleibt an der Menükarte des Zimmerservice hängen.

»Wann habe ich das letzte Mal etwas gegessen?«, denkt Myla nach.

Sie geht zur Theke und greift nach der Karte. Das Angebot reicht von kleinen Snacks über Salate bis hin zu indischen sowie den ihr vertrauten westlichen Spezialitäten.

Unerwartet erklingt wieder der Signalton ihres Handys. Myla legt die Menükarte weg und greift nach dem Telefon.

»Hallo meine Liebe, ist ja schrecklich, dass du in Delhi bist. Es kommt alles gut!«, schreibt Ella, ihre Freundin aus dem Beach Club.

Nun trifft noch eine Nachricht von Madelyn, einer weiteren Freundin aus dem Beach Club, ein. »Igitt, Indien! Pass auf, dass du keine Würmer einfängst! Wir denken an dich. Bussi.«

Seufzend wirft Myla das Handy auf das Bett und setzt sich hin. Verzweifelt schlägt sie sich die Hände vor das Gesicht.

»Das hat mir gerade noch gefehlt«, empört sich Myla. »Warum habe ich Claire geschrieben? Nun bin ich der Klatsch des Tages in der Oberschicht von Singapur. Wie konnte ich nur so dumm sein?«

Auf einmal brennt eine heftige, erbitterte Wut vermischt mit Verzweiflung in ihr. Mit der Faust schlägt sie auf die Bettdecke. Ihr Blick fällt auf die Minibar. Langsam erhebt sie sich vom Bett und kniet vor dem kleinen Schrank nieder. Sie zieht am Türgriff und späht hinein. Unzählige Dosen, Flaschen und Snacks in den verschiedensten Farben stechen ihr ins Auge. Das flüssige Angebot enthält Softdrinks, Bier, Champagner und starke Spirituosen in Miniaturflaschen. Myla setzt sich auf den Boden und streicht mit der Hand über das reichhaltige Sortiment. Sie schluckt leer und ihr Verlangen steigt. Sie hebt eine Miniaturflasche nach der anderen an, inspiziert die Etiketten und stellt sie wieder zurück. Sie zögert.

Mit einem Mal greift sie nach dem Whisky, öffnet den Verschluss der Flasche, schließt ihre Augen und trinkt den Inhalt in zwei Schlucken. Warm rinnt der Alkohol durch die Kehle, durch die Speiseröhre und in den Magen. Danach trägt das Blut die Wärme in all ihre Körperteile. Es wärmt ihre Brust, ihre Wangen, schlussendlich auch die Hände und Beine.

Sie greift nach dem Wodka und schüttet diesen in einem Zug in sich hinein. Sie spürt, wie schnell sie sich entspannt und die Gedanken sich langsam beruhigen.

Nochmals greift sie in die Minibar. Sie schnappt den Cognac und schüttet das Elixier in ihren Rachen. Das leere Fläschchen schmeißt sie zu den anderen auf den Boden, während sie sich an das Bett anlehnt und mit geschlossenen Augen das wohlig warme Gefühl in ihrem Körper genießt.

4

»Bitte schildern Sie mir im Detail, wie sich die Geschichte im Flugzeug zugetragen hat«, fordert Pradeep Kumar, Mylas indischer Anwalt, sie auf.

»Ich habe mich mit meinem Sitznachbar unterhalten«, beginnt Myla steif. »Als er sich schlafen gelegt hatte, wollte ich einen Champagner bestellen. Die Flugbegleiterinnen haben aber vergessen, mir diesen zu servieren. Darum bin ich in die Bordküche gegangen und habe höflich danach gefragt.«

Ihr ist bewusst, dass sie ihren Zustand vor Pradeep nicht verbergen kann. In den Kleidern von gestern und völlig verkatert hat Myla auf dem Bett gelegen, als sie das Telefon am Morgen kurz nach neun Uhr aus dem Schlaf riss. Schleppend hat sie sich aufgerappelt und nach dem Hörer gegriffen. Pradeep war am anderen Ende der Leitung und erinnerte sie an ihr Treffen, das sie verschlafen hatte. Sofort schoss sie aus dem Bett und stolperte auf dem Weg ins Badezimmer über die vielen kleinen Fläschchen am Boden. Die Tür zur Minibar ist immer noch offen gestanden. Eine warme Dusche und der von Pradeep organisierte starke Kaffee haben vorübergehend geholfen, einen halbwegs klaren Kopf zu bekommen.

»Warum ist es anschließend zu den Streitigkeiten gekommen?«, fragt der Anwalt.

»Keine Ahnung«, antwortet Myla scheinheilig.

»Frau Smith, so kommen wir nicht weiter!«, erinnert er sie eindringlich. »Sie müssen mir ehrlich und exakt erzählen, was vorgefallen ist.«

Sie senkt ihren Kopf und schaut verstohlen zum Assistenten, der schweigend neben Pradeep sitzt und gelegentlich Notizen macht.

Pradeep greift nach einem Papier und streckt es hoch. Trocken weist er sie auf das Protokoll hin: »Das ist der Polizeirapport! Ich kenne die Geschichte. Ich habe mich zudem länger mit Ihrem Anwalt aus Singapur unterhalten. Aber ich will Ihre Version hören.«

Sie spürt die Nachwehen des Durcheinandertrinkens vom Vorabend. Das starke Sonnenlicht, das ins Sitzungszimmer dringt, setzt ihr zu. Am liebsten würde sie ihre Sonnenbrille mit den extragroßen Gläsern aufsetzen. Diese würden zugleich ihre schwarzen Augenringe verhüllen, die sie nach der unruhigen Nacht im Spiegel entdeckt und mit viel Make-up behelfsmäßig abgedeckt hat. Ihre Augenlider fühlen sich schwer an und ihr Schädel brummt. Wie gerne würde sie sich wieder in ihr Hotelbett legen, die Bettdecke über ihren Kopf ziehen und jeglichen Kontakt außerhalb der vier Wände ihres Hotelzimmers vermeiden.

»Ich bin überzeugt, dass wir diese Angelegenheit mit einer Geldbuße aus der Welt schaffen«, fährt Pradeep sachlich fort. »Damit uns das gelingt, müssen wir strategisch vorgehen. Ich verlange von Ihnen, dass Sie kooperieren sowie zu unseren Terminen pünktlich und ausgeruht erscheinen. Sicherheitshalber werde ich die Minibar aus Ihrem Zimmer entfernen lassen.«

Betreten schaut Myla auf ihre Hände, die gefaltet in ihrem Schoss liegen.

Pradeeps fülliger Oberkörper lehnt sich im Sessel zurück. Mit der Hand fährt er durch sein schwarzes, volles Haar und legt sie wieder auf die Armlehne. Seine Augen wandern nachdenklich zum Fenster hinaus und die zusammengepressten Lippen formen seine Wangen zu Pausbacken. Mit den Fingern der anderen Hand beginnt er auf den Tisch zu trommeln.

Myla hebt leicht ihren Kopf und bemerkt den goldenen Siegelring an seinem Fingerring und eine Rolex am Handgelenk. An der anderen entdeckt sie ein Armband, das zur dicken goldigen Halskette passt, welche nur hervorsticht, weil der oberste Knopf seines Hemdes offen ist und Pradeep keine Krawatte trägt. Knöpfe in Form von Lilienblüten zieren die klassischen Umschlagmanschetten seiner Hemdsärmel.

»Statussymbole«, geht es ihr durch den Kopf. »Wenn er seinen Reichtum so offen zeigt, muss er beruflich sehr erfolgreich sein. Mein Familienanwalt hat gewiss eine gute Wahl getroffen.«

Pradeep bewegt zur Lockerung der Muskulatur seinen Unterkiefer und der schwarze Schnurrbart schwingt im Takt mit. Sein dunkler Teint verleiht ihm ein exotisches Aussehen.

»Kann ich etwas zu trinken haben«, fordert Myla im Befehlston.

Der Assistent füllt ein Glas mit Wasser und reicht es ihr. Mit zittrigen Händen hebt sie es an ihre Lippen und trinkt einen Schluck. Auf ihrer Stirn bilden sich Schweißtropfen, obwohl es sie im klimatisierten Sitzungszimmer der Anwaltskanzlei fröstelt.

Sie dreht ihren Kopf und ihre Augen bleiben an einem prächtigen Gemälde hängen. Flüchtig überlegt sie: »Ist das ein Klimt?«

Auf einem Beistelltisch betrachtet sie die bronzene Skulptur auf einem schwarzen Sockel, bevor ihr Blick über den massiven Konferenztisch zu Pradeep gleitet.

»Ich kann mich nur bruchstückhaft an die Geschehnisse erinnern«, gesteht Myla.

»Bitte denken Sie nach«, ermutigt Pradeep sie.

Seufzend stellt Myla das Glas auf den Tisch. Sie ist den Tränen nahe.

»Also«, hilft ihr Pradeep geduldig. »Sie sind in die Bordküche gegangen und haben nach einem Glas Champagner gefragt.«

»Ja«, sprudelt es aus Myla heraus. »Die Flugbegleiterinnen waren sehr gemein zu mir! Können Sie sich vorstellen, wie frech die mit mir umgegangen sind? So etwas lasse ich mir von niemandem bieten.«

Aufmerksam verfolgen die beiden Männer ihre Erläuterungen.

»Darum habe ich nach der Kabinenchefin verlangt«, knüpft Myla an. »Ich wollte mich beschweren! Die beiden sollten für ihr arrogantes Verhalten zur Rechenschaft gezogen werden. Stattdessen griff mich die eine Flugbegleiterin ohne Vorwarnung an.«

Der Assistent macht eifrig ein paar Notizen. Mit seinem Wuschelkopf, der runden Metallbrille und seinem schmächtigen Körperbau geht er fast als indischer Doppelgänger von Harry Potter durch.

»Die Flugbegleiterin hat Sie einfach so attackiert?«, will Pradeep wissen. Skeptisch mustert er Myla.

Der Assistent schaut auf. Stirnrunzelnd späht er zwischen den beiden hin und her.

»Ja«, versichert Myla heftig nickend.

Pradeep richtet sich im Stuhl auf und stützt das Kinn auf seine Hand. Herausfordernd blickt er ihr direkt in die Augen.

Myla beißt sich auf die Lippen. Das Herz klopft bis zum Hals. Verlegen stammelt sie: »Kann ich einen Kaffee haben?«

»Bitte mir auch einen«, schließt Pradeep sich an.

Der Assistent geht zum Servierwagen und gießt Kaffee in zwei Tassen. Vorsichtig trägt er diese zum Tisch und stellt die eine zuerst sorgfältig vor Myla hin. Hastig nimmt sie einen Schluck.

»Wie viel Alkohol hatten Sie bis zu jenem Zeitpunkt bereits konsumiert?«, fragt Pradeep.

»Ach, fast gar nichts«, flunkert Myla. »Ein Glas Champagner zur Begrüßung und zum Essen noch ein weiteres. Stellen Sie sich vor, welch billigen Fusel die als Wein zum Essen anbieten. Eine Schande für eine solch renommierte Fluggesellschaft!«

»Frau Smith, bitte bleiben Sie beim Thema«, ermahnt Pradeep sie. »Wie viel Alkohol konsumieren Sie pro Tag?«

»Sehr wenig«, schwindelt sie. »Ich bin eher der häusliche Typ und gehe nicht so viel aus. Darum gönne ich mir maximal ein oder zwei Gläser und das nur in guter Gesellschaft.«

Mit prüfendem Blick bemerkt Pradeep: »Ihr Mann hat Sie kürzlich verlassen?«

»Worauf wollen Sie hinaus?«, erkundigt sich Myla nervös. Mit zittriger Hand versucht sie, die Tasse anzuheben.

»Ich überlege mir eine Strategie, wie wir den Schaden möglichst klein halten können«, äußert sich Pradeep nüchtern. Er greift nach der Kaffeetasse und trinkt einen Schluck. Gedankenversunken stellt er sie zurück auf den Unterteller.

Verzweifelt knetet Myla unter dem Tisch ihre Hände. Ihre Schläfen pochen und sie spürt einen starken Druck in ihrer Brust.

---ENDE DER LESEPROBE---