Tanz für mich! - Amélie Durée - E-Book

Tanz für mich! E-Book

Amélie Durée

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Beschreibung

Kathie ist skeptisch, als ihr bester Freund sie zu einem Urlaub mit Freunden einlädt. Das Haus seines Cousins sollen sie für zwei Wochen ganz für sich allein haben. Die junge Frau staunt nicht schlecht, als sich die ganze Meute in einem alten Herrenhaus in Neustrelitz direkt an einem kleinen See wiederfindet. Es scheint perfekt! Doch schnell wird klar, dass die Harmonie in der Gruppe auf der Kippe steht. Und dann kehrt auch noch der Hausherr früher zurück als erwartet. Der Urlaub schein zu Ende zu sein, ehe er begonnen hat. Doch schnell finden Kathie und der Hausherr Gefallen aneinander.

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Seitenzahl: 184

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Tanz für mich!

von Amélie Durée

1

„Und wirst du kommen?“, fragt mich Friedemann aufgeregt.

„Naja, ich meine, ich kenne doch da niemanden richtig.“

Mein Gegenüber schüttelt unzufrieden den Kopf. Er will es wohl einfach nicht verstehen, dass man solch ein einmaliges Angebot ablehnen kann.

„Kathie-Maus!“ Ich hasse es, wenn mein bester Freund mich so nennt. „Kathie-Maus!“ Schonwieder! Ich runzele ärgerlich die Stirn. Aber das Signal kommt nicht an.

„Kathie-Maus…“, bettelnd schürzt Friedemann seine schmalen Lippen. Er hat im Grunde fast gar keine. Sein Mund stellt lediglich einen schmalen Strich in seinem ebenso schmalen Gesicht dar. Er ist wahrscheinlich der dünnste Mann, den ich jemals kennengelernt habe. Und wir kennen uns schon seit Kindertagen. Er war mein erster und so ziemlich einziger Freund in der Grundschule, den ich dauerhaft hatte. Mein Freundeskreis beschränkte sich auf einige wenige, denen weder mein dickliches, plumpes Aussehen ein Grund zum Hänseln war, noch meine guten Noten ein Dorn im Auge.

Davon gab es leider wirklich sehr wenige. Für die meisten war ich einfach die kleine, fette Streberin.

„Ja, FriedeMANN!“, äffe ich sein Gebettel nach. Er hasst es, wenn ihn jemand bei seinem vollen Namen nennt. Ungefähr ebenso, wie ich dieses Kathie-Maus-Gesäusel verabscheue.

Kurz lässt er die Mundwinkel hängen und seine Augen verschließen sich zu schmalen Schlitzen, durch die er mich wütend anfunkelt. Dann reißt er wie von einer Tarantel gestochen die selbigen wieder auf.

„Hast du gerade JA gesagt? Hahahahahaaaa! Du hast JA gesagt!“, freudig springt er auf und fällt mir um den Hals.

„Toll! Ich freu mich riesig! Das wird großartig, glaub mir! Zwei ganze Wochen im Anwesen meines Cousins. Das wird hammermäßig!“

„Oberaffentittengeil?“, ergänze ich müde. Das ist eigentlich sein Lieblingswort. Dass er es selbst noch nicht benutzt hat, wundert mich fast etwas.

„Genau soooo!“, stimmt mir mein bester Freund mit einem kräftigen Schlag auf die Schulter zu.

Er ist zwar schwul und in vielen Dingen voll das Mädchen. Aber in solchen Momenten werde ich immer wieder schmerzhaft an den kleinen, feinen Unterschied zwischen Männern und Frauen erinnert. Manchmal vergisst er einfach, dass Frauen nicht so sehr auf diesen ganzen „Hau dem anderen auf die Schulter oder ramm ihm deine Faust gegen den Oberkörper“-Kram stehen.

„Aua!“, erwidere ich nur und reibe mir meine schlanke Schulter.

„Kathie-M… ähm, ich meine… Kathie! Ich freu mich einfach. Endlich verbringen wir mal alle zusammen wieder etwas Zeit! Es ist einfach toll, dass es auch so gut mit deinem Urlaub geklappt hat.“

„Ja, es hat super gepasst. Ich glaube einfach, dass deine Freunde vielleicht nicht ganz so viel mit mir anfangen können. Die sind einfach alle soooo… soooo…“

„…Suuuper nett! Mach dir keine Platte, meine Kleene!“, dabei wuschelt er mir grob über mein geflochtenes Haar und hätte mir dabei beinahe sämtliche Haarspangen in die Kopfhaut gerammt.

Genervt ziehe ich den Kopf weg. „Mann, du bist ja heute echt in Form“, erinnere ich Friede daran, seine überschüssige Energie etwas im Zaum zu halten. Dann beginne ich zu lachen.

Ich bin einfach nicht so der impulsive Typ und frage mich immer wieder, wie ein Energiebündel wie Friede es mit mir überhaupt aushält.

Aber anscheinend ziehen sich Gegensätze in diesem Fall an… Wo Friede die nötige Ruhe fehlt, bringe ich ihn zu seiner „inneren Mitte“ zurück. Im Gegenzug dazu weckt er durch seine verspielte Art immer mal wieder das Kind in mir.

Seit unserer Grundschulzeit sind mittlerweile, ja es sind inzwischen Jahrzehnte, vergangen. Wir waren auf dem selben Gymnasium, haben dort unterschiedliche Freundeskreise gehabt, uns aber nie aus den Augen verloren. Im Gegenteil. In Friede hatte ich immer einen guten Freund, ein offenes Ohr und eine Schulter zum Anlehnen.

Ich war noch nie jemand, den man als Jungenschwarm bezeichnen kann. Auch, wenn sich mein Gewicht und ich möchte behaupten, auch mein Aussehen zum Positiven entwickelt haben, hat sich nie ernsthaft ein Junge für mich interessiert.

Zum Glück fand ich auf dem Gymnasium endlich Freunde, die genauso wie ich, weder die geborenen „Party-People“ waren, noch einen „Typen“ nach dem anderen abgeschleppt haben.

Daher hatte ich von da an nie ernsthaft das Gefühl, mir würde etwas fehlen zum Glücklichsein. Die meisten meiner Freundinnen fingen danach an zu studieren, ich machte eine Ausbildung. Ein sicherer Job zum Geld verdienen und Zeit für Dinge, die mich glücklich machen. In der Schule hatte ich bei der ganzen Lernerei keine Zeit mehr für meine Hobbies wie Tanzen, Zeichnen oder sonstige Tätigkeiten, um meiner Kreativität freien Lauf zu lassen.

Aber schon in meiner Ausbildung fing ich wieder an zu tanzen. Ich tanze mittlerweile praktisch in jeder freien Minute. Kein Weg ist mir zu weit, wenn ich mit ein paar Stunden bei einem guten Tanzlehrer belohnt werde.

Seit meinem Einzug in eine Wohnung mit kleinem Garten füllt meine neu entdeckte Liebe zum Pflanzen, Jäten, Mähen und Co. die restliche Zeit.

Ich hätte nie gedacht, dass ich darin tatsächlich einmal ein Hobby entdecken würde. Im Garten zu helfen, war mir früher eher ein Graus als Entspannung oder Inspiration. Aber im eigenen Garten ist es plötzlich etwas ganz Anderes. Man kann alles genau so gestalten, wie es einem gefällt. Und wenn man dabei zusieht, wie kleine, junge Pflanzen von einem zarten, hellgrünen Zwerg zu einer stattlichen, tiefgrünen Schönheit heranwachsen, dann geht mir das Herz auf.

Doch ich habe auch eine Art Häuslichkeit entwickelt, die wohl einige von Friedemanns Freunden nicht ganz teilen. Die meisten von ihnen zählen eher zu denen, die man als Langzeit-Party-Studenten bezeichnen würde.

Sie genießen wahrhaftig das, was man gemeinhin als „entspanntes Studentenleben“ bezeichnen würde. Sie stehen gegen Mittag auf und feiern Partys bis tief in die Nacht.

Leider sehen wir uns seither immer weniger. Zu irgendwelchen Treffen in seinem Freundeskreis gehe ich eher selten. Um ehrlich zu sein kann ich nicht einmal sagen, wann ich das letzte Mal da war. Es ist schon zu lange her. Er ist einfach ein ganz anderer Mensch, wenn seine Leute dabei sind. Er überdreht dann total und merkt leider oft erst viel zu spät, wenn er über die Stränge schlägt. Das macht mich meist sehr traurig, was dazu führt, dass ich solche Veranstaltungen viel zu früh, völlig desillusioniert wieder verlasse. Ich denke, dass Friede im Grunde genau weiß, warum ich deshalb so selten dabei bin. Und doch ist es immer wieder das Gleiche.

Und nun zwei Wochen mit dieser Bande? Ich weiß noch nicht so ganz, was ich davon halten soll. Ich werde wohl ganz einfach viel Musik mitnehmen und den Platz, den sein Cousin auf seinem Grundstück haben soll, zum Tanzen nutzen. Ich werde wohl das meiste alleine machen. Aber das macht mir nichts. Ich freue mich ganz einfach auf etwas Ruhe und Zeit für mich.

 

2

„Alter! Ist das eine krass lange Fahrt, Mann! Wann sind wir denn verdammt nochmal da?“

„Sven, jetzt reiß dich mal!“, schmettert ihm Michael von hinten entgegen.

„Genau Sven, es ist echt gut jetzt!“, stimmt Lea ihrem Freund zu. Sie tätschelt liebevoll Michaels Schulter. Wie eine so zierliche und niedliche Person wie Lea ein solches Muskelpaket attraktiv finden kann, ist und bleibt mir ein Rätsel.

Seufzend umfasse ich noch fester das Steuer. Obwohl ich Sven ungerne Recht gebe, wünsche auch ich mir, endlich anzukommen.

Dabei habe ich kein Problem mit langen Autofahrten. Im Gegenteil empfinde ich gerade Fahrten über Landstraßen als äußerst entspannend. Je weniger andere Autofahrer, desto besser.

Einen Faktor, den ich bisher in meiner Gleichung jedoch noch nicht berücksichtigt habe, sind nervige Beifahrer. Und Sven ist der mit Abstand nervigste Beifahrer, den ich jemals hatte. Er kreischt bei jeder Kleinigkeit wie ein Mädchen, labert den ganzen verdammten Tag nur dummes Zeug und fühlt sich dabei wie der größte, intelligenteste Mensch der ganzen Welt.

Im Gegensatz zu Michael und Lea, die bereits seit drei Jahren ein Paar sind, wechselt Sven seine Freundinnen wie Unterhosen. Und zwar ziemlich genau so oft, wie manche Männer ihre Unterhosen wechseln, nämlich ungefähr einmal im Monat.

Im Rückspiegel sehe ich Franzi und Conrad auf der letzten Bank unseres Kleinbusses sitzen, den wir uns extra für die zwei Wochen gemietet haben. Sie sind seit etwa zwei Jahren ein Paar. Als Friedemann uns vorgestellt hat, hätte ich nicht gedacht, dass es die beiden länger als eine Woche miteinander aushalten. Sie haben sich von Anfang an gehasst. Zumindest hatte ich das angenommen. Solange, bis sie uns von ihrer Beziehung erzählt hatten. Ich sage “uns”, aber im Grunde habe ich es natürlich über Friedemann erfahren. Ich bin eben nur die beste Freundin vom Freund und genauso ist auch mein Verhältnis zu den fünfen.

Lea ist wohl die unter ihnen, der ich noch am meisten abgewinnen kann. An sich ist sie sogar richtig nett. Wenn da nicht ihr komischer Freund wäre. Mit Franzi und Conrad habe ich, seit wir uns kennen, wohl nur so wenig gesprochen, dass ich es an einer Hand abzählen kann. Wenn sie nicht gerade damit beschäftigt sind, sich so richtig die Kante zu geben, dann arbeiten sie daran, sich gegenseitig die Zunge so tief wie nur irgend möglich in den Hals zu stecken. Also wenn ich jemals einen Mann kennenlernen sollte, der mich nicht nach spätestens einem Abend zu Tode langweilt oder nervt oder anekelt oder einfach wahnsinnig macht, dann werde ich tunlichst vermeiden, solche erotischen Akte in der Öffentlichkeit auszutragen. Das habe ich mir geschworen.

Gedanken, für die weder Franzi noch Conrad jemals Zeit verschwendet haben. So viel ist sicher.

Ich rolle mit den Augen und blase meine Wangen auf, stoße dann mit einem lauten Zischen die Luft aus ihnen…

„Alter, was sagt’n das Navi? Mir is voll langweilig!“, nörgelt Sven weiter.

„Mensch Sven ey, was geht denn ab bei dir, Mann? Du tust so, als wären wir tagelang unterwegs. Echt ey, jetzt reiß dich ma!“, pöbelt Michael abermals zurück.

Ich verdrehe abermals genervt die Augen. „Sieh selbst, zwanzig Minuten noch. Neustrelitz ist gar nicht mehr so weit weg.“ Ohne den Blick von der Straße zu wenden, zeige ich auf das Handy. Es ist mit einem Schießgummi provisorisch an einer alten Halterung für ein Navigationsgerät befestigt.

Ich frage mich wirklich, was Sven für ein Problem hat. Wir sind alle zusammen am Flughafen Berlin-Schönefeld losgefahren. Da haben wir das Auto angemietet. Es ist wirklich keine lange Fahrt zwei Stunden und sechs Minuten sagt das Navi plus eine kurze Pause…

„Ach schön, ich bin gespannt, was das für eine Überraschung ist, von der Friede gesprochen hat.“ Lea spielt sich verträumt an ihrem langen, roten Zopf. Franzi und Conrad sind immer noch miteinander beschäftigt. Naja, wenigsten ist ihnen nicht langweilig…

Mit einem tiefen Seufzer schweift mein Blick immer wieder kurz von der Straße ab. Wir fahren an einer großen Gärtnerei vorbei.

Wäre ich alleine unterwegs, hätte ich jetzt wohl angehalten. Einfach, um mir all die schönen Pflanzen anzusehen und mir vorzustellen, wie ich sie in meinem riesigen Traumgarten verpflanze. Mein Garten ist mehr ein großes Beet, als wirklich ein Garten. Ich habe eine Wohnung in Hochparterre und dazu gehört ein klitzekleiner Garten. Er ist jetzt schon voller bunter Blumen und quillt fast schon über vor Deko.

Hier stehen riesige Stauden, wunderschöne Bäume aneinander gereiht gleich neben kleinen zierlichen Pflänzchen. Ich könnte mich dort stundenlang aufhalten. Mir kommt es bald so vor, als nähme diese Fülle an traumhaften Gewächsen gar kein Ende mehr.

Ich seufze erneut. Auf was habe ich mich da bloß eingelassen? Zwei Wochen mit diesen Idioten…

Dann ein erlösendes Schild: Neustrelitz! Der Ortseingang! Endlich!

„In 500 m leicht rechts abbiegen“, säuselt mir das Navi entgegen. „Na wird doch gemacht, Schnecke!“, murmele ich leise vor mich hin.

„Hahahahaha! Schnecke! Geil!“, brüllt Sven.

Oh Mann, dieser Typ macht mich wahrscheinlich in den nächsten zwei Wochen so wahnsinnig, dass ich entweder freiwillig zum anderen Ufer wechsele oder vorher mit dem Wagen heimlich alleine nach Hause fahre. Sollen sie doch zusehen, wie sie zurückkommen.

Immerhin habe ich den Wagen gemietet. Es läuft auf meinen Namen und bisher hat mir auch noch niemand der Runde seinen Anteil gegeben. Im Grunde ist das hier so lange mein Auto! Und ich bin die einzige in der Runde, die einen Führerschein besitzt. Ich schmunzele… das Ganze lässt sich vielleicht besser aushalten, wenn man sich immer mal wieder eine gewisse Überlegenheit einredet.

Gott, bin ich froh, wenn wir endlich da sind. Drei Minuten, sagt mir Google-Maps. Hier noch um die Kurve. Links herum, Drosselweg, das soll die richtige Straße sein. Hausnummer 25… Wo sollen hier denn überhaupt noch Häuser kommen? Wir sind schon beinahe wieder raus aus dem Ort, als die reizende Stimme verkündet: „Sie haben Ihr Ziel erreicht. Ihr Ziel befindet sich auf der rechten Seite!“

„Ähm… aha…“, stoße ich heraus. „Aaaalsooo… hier ist doch aber nichts, oder?“ Ich werde langsamer und bleibe am Straßenrand stehen.

Lea schaut suchend aus dem Fenster. Sie runzelt ihre weiße Stirn. Neben ihren feuerroten Haaren erscheint einem ihre blasse Haut besonders hell.

Dann scheint sie etwas entdeckt zu haben. „Da, sieh mal! Das sieht aus, wie eine Auffahrt. Vielleicht ist es das. Ich glaube, da steht ein Briefkasten. Und da steht ‘ne Hausnummer dran. 25 sagtest du, oder? Jap, das isse!“

Lea zeigt stolz auf einen kleinen verrosteten Briefkasten, der seine besten Tage eindeutig schon lange hinter sich hat. Dass tatsächlich jemand riskiert, in einem solchen Ding wichtige Briefe zu empfangen, ist mir ein Rätsel. Er ist kaum zu sehen. Der Drosselweg mündet ganz offenbar in einem riesigen Wald aus Laub- und Nadelbäumen. Sie stehen hier wirklich so dicht und die Einfahrt ist dadurch so schmal, dass ich Sorge habe, mit unserem großen Wagen überhaupt durch zu passen. Ich setze den Wagen ein wenig zurück und biege ein. Es passt! Gott sei Dank! Jetzt erst fällt mir ein Tor auf. Es ist geöffnet, weshalb ich es vorher wahrscheinlich nicht bemerkt habe.

Falls wir hier wirklich richtig sind, hat Friedemann es vielleicht für uns geöffnet. Immerhin haben wir uns für die Mittagszeit angekündigt. Wir sind schneller durchgekommen, als ich es für möglich gehalten hätte. Wir waren inklusive einer Pause für Toilettengang und kurz Luft schnappen nur zweieinhalb Stunden unterwegs gewesen. Die Straßen waren die gesamte Fahrt über wie leergefegt gewesen. Trotzdem bin ich froh, dass wir endlich da sind. Ich hätte das dumme Gesülze von Sven nicht eine Sekunde länger ausgehalten. Und ich glaube, Lea auch nicht, wenn ich mir so ihr erleichtertes Gesicht im Rückspiegel betrachte.

Tja, wenn wir denn endlich da sind. Diese… Auffahrt, oder vielmehr dieser Weg, scheint kein Ende zu nehmen. Was ist das nur für ein riesiges Grundstück?

Plötzlich quiekt Franzi auf. Hat sie wohl mal Luft holen müssen zwischen der ganzen Knutscherei.

„Oh mein Gott! Seht euch das mal an! Ist das heftig!“, Franzi bekommt sich überhaupt nicht mehr ein. Und auch ich erkenne jetzt, was Franzi so aufregt. Jetzt ist mir klar, was Friede mit „Überraschung“ meinte. „Es wird euch umhauen!“, hat er gesagt. Und es haut mich um. Wir fahren geradewegs auf ein riesiges Herrenhaus zu. So etwas kenne ich nur aus englischen Krimis.

„Meint ihr wirklich, das ist richtig?“, werfe ich ungläubig in die Runde.

„Goldrichtig!“, antwortet Conrad. Es ist das erste Wort, das er heute spricht, wenn ich so darüber nachdenke. Beachtlich!

„Wie kommst du darauf?“, fragt seine Freundin skeptisch.

„Weil da drüben Friede steht, mein Schatz!“, erwidert Conrad und dreht Franzis Kopf sanft in Richtung der großen Eingangstür, welche die Mitte des gigantischen Anwesens schmückt.

Sie ist geöffnet und Friede steht freudestrahlend und winkend vor ihr. Ich kann mein Glück kaum fassen!

 

3

 

Friedemann steht an der Tür seines Cousins. Eine Woche ist er schon hier und hütet das Haus. Wobei die Bezeichnung „Haus“ in diesem Fall eindeutig eine Untertreibung darstellt. Seit dem Tode von Onkel Nathan und Tante Maria, wohnt sein Cousin Robert, der peinlich darauf besteht seinen Namen englisch auszusprechen, in dessen Anwesen. Friedemanns Vater hatte Robert damals so weit unterstütz, wie es ihm nur möglich war, damit sein Neffe das Hause der Eltern halten kann. Ein Mann, gerade einmal Anfang dreißig, ganz allein in so einem riesigen Haus, das grenzt an eine Unmöglichkeit. Glücklicherweise hatten Roberts Eltern ihm nicht nur das Anwesen, sondern auch das nötige Barvermögen hinterlassen, um all das zu halten. Roberts Vater war ein britischer Abgeordneter, der seine große Liebe ausgerechnet hier in Mecklenburg-Vorpommern gefunden hatte, in der Schwester von Friedemanns Vater.

All das ist jetzt über sechs Jahre her, aber Friedemann kommt es vor, als sei es gestern gewesen. Der Anruf spät in der Nacht, den Friede nur deshalb entgegennahm, weil seine Eltern ausnahmsweise mal lange aus waren an dem Abend. Ein Besuch zu einem Theaterstück, den Friedemanns Vater seiner Mutter zum Geburtstag geschenkt hatte. Friede erinnert sich an alles. Es war ein solch dramatisches Erlebnis, sodass sich jede einzelne Sekunde in seine Erinnerung eingebrannt hat. Robert selbst war am Apparat.

Er war völlig aufgelöst. Seine Eltern hatten einen Autounfall. Beide seien schwer verletzt und lägen im Krankenhaus. Es sei nicht mehr viel Zeit. Friedemanns Vater solle so schnell wie nur möglich kommen. Und das tat er. Alle zusammen fuhren sie hoch nach Norddeutschland, in die alte Heimat der Familie Tesch.

Und es war keine Minute zu früh. Als sein Vater im Krankenhaus ankam, lagen beide im Sterben. Am selben Abend noch verstarb erst Nathan und wenig später seine Tante Maria. Friedemann war damals neunzehn Jahre alt gewesen und mitten im Abitur. Das hatte ihn leider ein paar Noten gekostet, weshalb er seinen Traum eines Medizinstudiums nicht mehr verwirklichen konnte. Aber in der Bio-Chemie fand er ein Gebiet, das ihn mindestens ebenso brennend interessiert.

Er geht in seinem Studium regelrecht auf. Wenn man auch sagen muss, dass es schon ein sehr forderndes Studium ist. Seine Freunde machen sich eindeutig ein leichteres Leben, als es Friedemann tut.

Doch gerade deshalb freut er sich jetzt so sehr, seine Leute endlich alle wiederzusehen. Und dass auch noch Katharina dabei ist, freut ihn umso mehr. Sie hatte ihn mehr oder weniger durch seine gesamte Kindheit begleitet. Auf sie kann er sich nach wie vor immer verlassen. In diesem Moment stellt er sich die Frage, ob er ihr eigentlich jemals gesagt hat, wie froh er ist, sie zu haben. Das muss er unbedingt mal machen, denkt er sich, als der Kleinbus die Auffahrt herauf gefahren kommt.

Als Kathie die Fahrertür öffnet, sieht er ihr mit nur einem Blick an, dass die Fahrt alles andere als ein Zuckerschlecken war. Als dann Sven die Beifahrertür öffnet, ist ihm klar, warum. Niemand hält Sven lange neben sich im Auto aus. Erst Recht nicht auf einer zweieinhalbstündigen Fahrt. Kathie tut ihm sofort unendlich leid. Die Arme…

 

***

 

„Mensch, das ist so toll, dass ihr hier seid!“, begrüßt Friedemann die erschöpfte Truppe freudestrahlend. „Oberaffentittengeil!“

„Ja, sind wir auch!“, gibt Lea etwas müde zurück. „Sven hat gestresst, wie immer.“

„Wat?!“, empört Sven sich. „Ich bin voll entspannt gewesen die ganze Zeit, Mann! Voll entspannt! Echt ey!“

Er haut Friedemann zur Begrüßung so kräftig auf die Schulter, dass er beinahe umfällt. Franzi und Conrad kommen nun ebenfalls aus dem Auto gekrochen. Natürlich nicht bevor sie sich nochmal einen ausgiebigen Zungenkuss gegönnt haben. Friedemann schüttelt grinsend den Kopf: „Nehmt euch ein Zimmer! Mannomann!“

„Was denn?!“, blökt Franzi. Ihre blonden, zotteligen Haare sind zu einem unsauberen Dutt zusammengeknüddelt. Mit offenem Mund kaut sie einen Kaugummi. Conrad hingegen ist der totale Hipster. Ein typischer Friedrichshainer, den jeder Berliner sofort als einen solchen erkennen würde. Er wirft einen Blick auf seine I-Watch. Friedemann rollt mit den Augen, kann sich ein Lachen nicht verkneifen.

„Na du Moderno, du?“ Conrad erwidert die Begrüßung durch ein Nicken, das wohl cool wirken soll. Es sieht aber eigentlich nur dämlich aus.

„Wieso Moderno? DAS ist so mega praktisch! Die zeigt die Nachrichten, Termine, zählt deine Schritte…“

„Und zeigt sie auch die Zeit?“, will Lea belustigt wissen.

„Ähm… warte… muss ich gucken…“, murmelt Conrad und beginnt wie ein Irrer auf seinem Armband rumzuklicken.

Ich schüttele belustigt den Kopf.

„Ja!“, bestätigt Conrad dann. Das meinte er jetzt wirklich ernst… ich runzele die Stirn und bin unsicher, ob ich an mir oder an ihm zweifeln soll.

„Hey Friede! Was geht, Mann?“, begrüßt ihn zu guter Letzt auch Michael. Mit seinem voluminösen Körper scheint er seinen Freund beinahe zu erdrücken.

„Kommt alle mal rein! Gepäck können wir ja erstmal in der Halle abstellen. Ich hab gerade gekocht.“

„Sag mal Friede“, will Conrad wissen, „Was issen das für ne Bude?“

„Das, meine lieben Freunde, ist das Anwesen meines Cousins Robert. Ihr werdet ihn vielleicht kurz vor eurer Abreise kennenlernen. Wahrscheinlich aber eher nicht… Theoretisch müsste er in gut zwei Wochen wiederkommen. Wir haben also das Ganze für uns allein.“

„Er wohnt hier ganz alleine, dein Cousin? Wie alt ist der denn?“, will Lea wissen.

„Ist gerade siebenunddreißig geworden… ungewöhnlich, in dem Alter in so nem Teil zu wohnen, ich weiß. Hat er geerbt. Kathie kann sich noch dran erinnern, was das damals für ein Drama war, als meine Tante und mein Onkel gestorben sind.“

Ich nicke. „Ja, ziemlich gut sogar. Es hat dir dein Abitur versaut. War aber auch echt eine ziemlich schlimme Sache.“

„Ja, ähm, Essen?“, unterbricht Sven die aufkommende Melancholie.

„Klar, alles schon fertig und angerichtet, sozusagen.“

Hungrig folgt ihm die Truppe durch die hölzerne, fein verzierte Eingangstür in die riesige Halle.

 

4

 

Ich kann es kaum glauben. Das alles ist einfach unfassbar. Mein bester Freund hat zwar mal von einem Anwesen gesprochen, aber so etwas hatte ich nicht erwartet. Wir steuern durch eine riesige Eingangshalle die von einer gigantischen Treppe eingerahmt wird. Geradezu sieht man einen großen Salon mit Zugang zu einer überwältigend großen Parkanlage.

Bevor wir den Salon erreichen, biegt Friede jedoch mit uns ab und steuert einen Speisesaal an, in dem ein prächtig gedeckter Tisch steht. Friede hat sich selbst übertroffen. Ich wusste gar nicht, dass mein Freund so gut kochen kann.

„Boah, Friede!“, kreischt Franzi. Diese Stimme geht einem einfach durch Mark und Bein. Mir stellen sich die Nackenhaare zu Berge.

„Jaaaa?“, fragt er vorsichtig.

„Sind das Rouladen?“

Gleich klebe ich ihr ein Pflaster über den Mund! Ach was sage ich, gleich noch einen Sack über den Kopf. Dieses Mädel ist einfach nur doof!

„Magst du keine Rinder-Rouladen?“, will Friede betroffen wissen.

„Doch! Ich liebe die Teile!“