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Die junge Maria erhält von einer Tante zum 16. Geburtstag ein Tagebuch geschenkt. Hier schreibt sie über die letzten fünf Monate des Krieges und die nachfolgenden Jahre. Während des Erwachsenwerdens, suchen die jungen Leute nach Erlebnissen und Unterhaltung. Bei den wenigen Möglichkeiten, die Kirche und Vereine bieten, blüht die Jugend langsam auf, immer von schwerer Arbeit begleitet. Theaterspiel, Tanz und Gesang geben ihr Ablenkung und ... sie entdecken die Liebe beim Tanz an Fasching und vor allem den Kerbfeiern. Dabei ist auch der Main an der bayerischen - hessischen Grenze nicht selten ein Hindernis
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Seitenzahl: 306
Veröffentlichungsjahr: 2017
Richard Hufnagel
© 2017 Richard Hufnagel
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7345-9354-3
Hardcover:
978-3-7345-9355-0
e-Book:
978-3-7345-9356-7
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Mit dem Bau der Schleuse im bayerischen Großwelzheim am Main wurde 1914 begonnen. Durch den Ausbruch des 1. Weltkrieges verzögerte sich die Fertigstellung immer wieder. Erst nach der Machtergreifung durch Hitler wurden die Arbeiten zu Ende geführt. Ein Arbeiter aus der hessischen Gemeinde Kleinwelzheim kam mit seinem kleinen Sohn an die Schleuse, um dort Material anzuliefern. Als sie auf dem bayerischen Boden sind, gibt der Mann seine Waren am Tor der Aufsicht ab. Der kleine Sohn sah im nahen Feld ein Mädchen auf einer Schaukel, die an einem Apfelbaum befestigt war. Der Vater des Mädchens pflügte den Acker. Alle fünf Minuten drehte er seinen Pflug, um dabei nach seiner kleinen Tochter zu schauen. Gerade als er wieder wendete, kam der kleine Junge vom Main heran gelaufen. „Wo willst du denn hin?“ fragte der Vater. „Darf ich auch einmal schaukeln“? Die Frage hatte den Vater nicht überrascht und er rief seiner Tochter zu „Maria, hier ist Besuch für dich. Der kleine…“. Er unterbrach sich und fragte den Jungen „Wie heißt du denn?“ „Ich bin der Josef von da drüben“, sagte dieser und deutete über den Main. Und wieder zu Maria gewandt, „darf, der Josef auch mal schaukeln? Er möchte gerne mit dir spielen“. „Ja, komm Josef. Setze dich auf die Schaukel drauf“, rief die kleine Maria. Josef ließ sich das nicht zweimal sagen. Und schon hockte er auf dem Schaukelbrett, das mit Ketten am Ast des Baumes befestigt war. So schaukelte der Bub und konnte gar nicht genug davon kriegen, als Maria sagte: „Komm mit, ich zeige dir etwas“. Gemeinsam gingen sie in Richtung Gebüsch. „Aber sei leise, da ist ein Eichelhäher, der hat Junge dort in den Zweigen, die dürfen wir nicht stören.“ Gebannt schauten sie den großen Vögeln beim Füttern ihrer Jungen zu. Da kam ein Arbeiter vom Main herauf; er suchte den Buben. Als er seinen Jungen hinter dem Gebüsch sah, rief er ihm zu „Josef auf geht’s, wir müssen wieder nach Hause“. „Wenn ich wieder komme, Maria, bist du dann auch wieder da?“ „Bestimmt, ich wohne dort den Acker hoch, dann nach rechts, und die Straße entlang. Direkt schräg gegenüber der Kirche. Hausnummer drei. Komm mich besuchen“, antwortete die kleine Maria.
Lange Zeit noch schaute sie Josef und seinem Vater nach. Sie sah die beiden noch über die Schleuse gehen, dann waren sie auf der anderen Flussseite hinter den Büschen des Ufers verschwunden.
Alte Schleuse Großwelzheim, Abriss ca. 1971
Es tobte das Schreckensjahr über Europa. In Frankreich hatte sich das Glück von Hitler abgewendet. Die Amerikaner hatten mit ihren Truppen im Süden, mit den Briten und Kanadiern 30 km nördlich einen Kessel gebildet. Gegen die Einschließung wehrten sich große Teile der 7.Armee und der 5. Panzerarmee. In verzweifelten Kämpfen gab es viele Tote. Die unzähligen Verletzten sollten viel Leid und Trauer in die Heimat senden. Nur noch 80 km waren die Amerikaner vor Paris. Das deutsche Heer flüchtete in panischer Angst Richtung Osten, zur deutschen Grenze. An der rumänisch-ukrainischen Grenze tobte die 500 km lange Front, von den Karpaten bis zum Schwarzen Meer. Innerhalb von drei Tagen war die 6. Armee nahezu eingekesselt. In Paris erhoben sich Partisanengruppen gegen die Deutschen, wo General von Choltitz, Wehrmachtsbefehlshaber von Groß-Paris die Aufständischen um einen Waffenstillstand bat.
Von alle dem, war in dem kleinen Dorf Großwelzheim am Main, am Rand des Spessartfußes an der nordwestlichen Grenze von Bayer nach Hessen nichts bekannt. Hier ging die blanke Angst um. Die Leute konnten kaum schlafen, so zermürbte sie die Ungewissheit die der Kriege hinterließ. Täglich dachten sie an ihre Söhne, Brüder, Verwandten, jungen Soldaten. Wo sind sie jetzt? Leben sie noch? Wenn eine Postkarte, von einem ihrer Söhne in der Heimat ankam, freute sich der gesamte Ort über die Nachricht. Jeder wusste, dass diese Karte bereits seit zwei, drei oder vielleicht auch vier Wochen unterwegs war. Was ist inzwischen geschehen? Was machte der Sohn, der Bruder heute? Nur durch ihren festen Glauben konnten die daheim Wartenden ihre Hoffnung auf ein Wiedersehen, ertragen. Immer wenn der Briefträger, der auch Gemeindediener war, die amtlichen Nachrichten mit seiner großen Schelle ankündigte, rannten die Leute auf die holprig gepflasterte Hauptstraße und klebten förmlich an seinen Lippen. Er verteilte dann die Grußkarten von der Front an die Angehörigen. Freudentränen, die hoffen ließen. Trauer- und Wehgeschrei für die schreckliche Mitteilung: „Der Karl ist gefallen, der Sohn vom Alex ist tot“. Er war der erste Tote im Dorf. Er ein hervorragender Leichtathlet, der beste Sportler im Dorf. Der besttrainierteste mit der meisten Ausdauer aller jungen Männer, gegen einen Granatsplitter hatte er keine Chance. Da steht die Mutter, gebrochen im Herzen. Ein Vater der seine Gedanken jetzt für die zwei Brüder frei haben, der seine Frau so gut es ging, wieder aufrichten musste. Was hat dieser Krieg gemacht?
*
Dort in diesem Dorf mussten die fünfzehnjährige Maria und ihre älteren Schwestern die Aufgaben der Brüder Willi und Alois übernehmen. Die kleine Landwirtschaft ernährte sie und ihre Eltern mehr schlecht als recht. Der Vater war in den Kriegswirren als zweiter Bürgermeister mehr damit beschäftigt, dem Bürgermeister bei seinen Aufgaben zu helfen. Die herrischen Vorgaben der Nazis machten dem ganzen Ort zu schaffen. Gemeinsam versuchten die Ortsältesten die Bürger zu schützen, wenn und wo immer es nur ging. Aber wie oft gelang dies schon? Keiner traute sich gegen das Unrecht aufzubegehren. Die Angst im KZ zu enden, war hinlänglich bekannt.
Dort musste die junge Maria täglich nach der Schule, wenn diese überhaupt stattfand, gleich danach mit auf das Feld, um die Getreideernte einzuholen, während ihre Freundinnen im nahen, seichten See an Wald schwimmen waren. Die schweißtreibende Arbeit beim Bündeln des Getreides, beim Aufstellen der Garben zum Trocknen, beim Einfahren der Ernte in die Scheune, beim Gabeln vom Leiterwagen in die Tenne. Wie verfluchte sie diese Arbeiten, wenn sie an ihre Freundinnen dachte, um sich auch dann beim lieben Gott gleich wieder für ihren Fluch zu entschuldigen.
Der Herbst kam ins Land. Kartoffeln aushacken, sortieren nach den großen zum Verkauf und nach den kleinen für das Vieh. Rüben, Kraut und Wirsing, täglich diese Arbeiten, dieses Schuften. Aber die Kinder ertrugen es. Was blieb ihnen auch anderes übrig?
Das Jahr neigte sich dem Ende zu, der Krieg tobte weiter an der Front. Aus dem Radio krächste die Stimme des Führers Adolf Hitler. Er sprach von den bösen Kräften, die seit dem Westfälischen Frieden von 1648 immer wieder die deutsche Vereinigung verhindert hätten. Maria und ihre Schwestern Hermine und Anna, saßen mit den Eltern in der Küche bei der Hausarbeit und hörten gespannt zu. Doch ihre Gedanken waren immer, jeder Sekunde bei ihren Brüdern. Die Angst um sie war größer als die penetrante Stimme des Führers, die aus dem Radio in die karge Stube schallte. Wann kommen sie wieder? Kommen sie überhaupt wieder? In allen Dörfern, in allen Städten dachten die Leute in der Heimat das Gleiche. An ihre Kinder an der Front.
*
Zu ihrem sechzehnten Geburtstag am 25. November bekam Maria von einer Tante ein Tagebuch geschenkt. Hier hielt sie ihre Erlebnisse in den nächsten fünf Jahre fest, um wie sie später schreibt, „für später einmal nachlesen zu können“.
Schon am Heiligen Abend schrieb sie ihren ersten Eintrag
„Erst heute am Heiligen Abend, finde ich einige Zeit, in mein Tagebuch zu schreiben. In wenigen Minuten wird das Christkind kommen, zum 6. Mal im Krieg.
Stille Nacht, heilige Nacht so feierlich beim brennenden Weihnachtsbaum. (…) Still gedenken wir an diesem Heiligen Abend unserer Lieben fern der Heimat. Möge sie das Christkind in der Krippe beschützen“
„Gestern am 1. Und heute am 2. Weihnachtstag hatten wir Fliegeralarm, der meistens recht unangenehm war“
„Alarm, Alarm, Flieger, Alarm, Alarm“, der Gemeindediener fuhr auf seinem alten Fahrrad durch das Dorf. An jeder Kreuzung blieb er stehen. Nicht viele Leute kamen um diese Zeit auf die Straße. „Alarm, Alarm, Fliegerangriff, alles in die Keller“. Hell und rot ist der Nachthimmel über dem nördlichen Dorfrand erleuchtet. Bomber und Bomben gingen auf die nur 15 km entfernte Stadt Hanau nieder. Das Inferno: Brandbomben stürzten rund um die Dörfer vom Himmel, Todesangst war in jedem Haus. Die junge Maria und ihre älteren Schwestern Anna und Hermine mit ihrem Baby im Arm, kauerten eng bei der Mutter und dem Vater auf der Kellertreppe des alten Bauernhauses. Laut den Rosenkranz betend, flehten sie den lieben Gott um Verschonung vor den Bomben auf das Dorf, auf das Haus, auf alle hier, für sich selbst, für die Kuh, die zwei Ziegen, das Schwein, den Hund. Nichts und niemand wurde im Gebet vergessen. Die Ungewissheit, wo genau passiert was? Kommt das Inferno auch hierher? Nur der Glaube half gegen dieses Toben der Nacht. An Schlaf kann keiner denken. Es wird draußen schon hell, als die Bombeneinschläge spürbar weniger wurden. Doch die Ruhe war genauso unerträglich wie der vorausgegangene Bombenhagel.
Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht über die totale Zerstörung von Hanau, alles ist zerbombt, liegt in Schutt und Asche. Kein Stein soll mehr auf dem andern liegen. Tote, Tote, überall lagen Tote. Verletzte, Verletzte und wieder Verletzte. Was wird aus unserer ruhigen, beschaulichen Gegend? Ist das schon das Ende? Gibt es noch eine Zukunft? Wie geht es unseren Brüdern draußen an der Front? Leben sie noch? Oder sind sie auch in einem solchen Inferno gestorben? Angst, Schrecken, Hoffnung….
Ruhe war wieder eingekehrt. Äußerliche Ruhe. Das Leben ging weiter, musste weitergehen.
*
Gerade hatten sich Maria und ihre Schwestern über das Erlebte in der Bombennacht gefangen, da erschüttert eine neue Nachricht das Dorf. Ihre Freundin und direkte Nachbarin Anna, in zwei Monaten wäre sie auch fünfzehn Jahre alt geworden, ein Jahr jünger als sie selbst, stirbt einfach so, von heute auf morgen, an Nasenbluten. An sowas stirbt man doch nicht, nicht mit fünfzehn? Reichen die Schrecken des Krieges nicht? Was hat die Freundin getan, dass sie so vom lieben Gott bestraft wird. Warum stirbt Anna und nicht die alte Nachbarin, die nur vier Häuser weiter wohnt und schon seit Monaten nach einem Schlaganfall gepflegt werden muss. Warum lieber Gott, ausgerechnet Anna? Warum? Warum? Maria musste an die Zeit mit Anna denken. Täglich trafen sie sich in der gemeinsamen Holzhalle auf der Grenze der nebeneinander liegenden Anwesen. Dort war auch der gemeinsame Brunnen. Hier holten sie täglich das Wasser für Haushalt und das Vieh. Im Sommer mussten sie so manchen Tag stundenlang den Eimer runter lassen und gefüllt mit dem frischen Brunnenwasser hochziehen. All das wird jetzt nicht mehr so sein. Jetzt erst merkt Maria, dass sie zum Brunnen gegangen war. Sie musste weinen. In ihr Buch schrieb sie:
„Ich kann es noch nicht fassen, dass unsere, Erikas und meine Freundin, Anna nicht mehr bei uns ist. Gestern erlag sie nach kurzer schwerer Krankheit. Wir hatten uns so gefreut, auf ihren fünfzehnten Geburtstag am 7. März. Die Schneeglöckchen im Väschen werden statt auf ihrem Geburtstag auf ihrem Grab blühen. Sie wird uns unvergessen bleiben“
*
Nur wenige Tage nach der Bombardierung von Hanau standen Kurt, seine Freunde Herbert und Karl neugierig am Ortsrand. Schon gestern ging ein Lauffeuer durch den Ort. Die Amerikaner hatten Hanau schon besetzt und zogen jetzt weiter über das Land. Im Nachbarort wurden schon die ersten gesehen. Angst und Neugierde trieb die Leute um. Was passiert wenn sie auch zu uns kommen? Der Gemeindediener hatte gerade seinen Rundgang beendet. „Alle Einwohner werden aufgefordert ihr Haus mit einer weißen Flagge zu versehen“, war seine Botschaft heute. Laut rief er die Nachricht in die Gassen des Dorfes, immer wieder mit seiner Schelle unterbrechend. Jeder musste die Nachricht hören.
Es dauerte auch nicht lange, bis aus jedem Haus weiße Betttücher und anderen weiße Lumpen herausgehängt waren. Das gab dem Dorf eine ungewohnte, ängstliche Atmosphäre. „Kommt, auf nach Kahl. Wir wollen die ersten sein, die die Amis sehen.“ Karl, ein etwas ängstlicher Typ zierte sich. „ Nein, lieber nicht, du weißt nicht, was da passieren kann. Vielleicht erschießen sie uns, wenn sie uns erwischen“, entgegnete Karl. „Du Angsthase“ warf Kurt ein. Kurt war eigentlich gar nicht so mutig. Ein Lautsprecher war er ja. Aber wenn es darauf ankam, glänzte er eher durch Abwesenheit, oder Zurückhaltung. Doch seine Neugierde war zu groß, und so schlichen die drei den schmalen Waldweg entlang der Kipp, einem siebzig meterhohen Hügel, der hauptsächlich mit Buschwerk bepflanzt war, nachdem das nahe Bergwerk vor dem Krieg geschlossen wurde. Hier wurde in den zwanziger Jahren mit den Loren der Erdabraum aufgeschüttet, der beim Braunkohleabbau entstand. So war am Waldesrand eine stattliche Schonung mit Nadelbäumen gewachsen. Es dämmert schon, als die drei Jungen den Wald dort erreichten. Dann, ein lauter Knall, tönte über die Schonung. Erschrocken und vor lauter Angst vor dem amerikanischen Soldaten rannten sie zurück ins Dorf.
Auch hier war alles von einer unheimlichen Stille umgeben, obwohl kaum ein Mensch auf der Straße zu sehen war. Die Ausgangsbeschränkung erlaubt es nach sechs Uhr am Abend niemandem mehr auf die Straße zu gehen. Dadurch war eine große Unruhe zu spüren. Keiner sprach darüber, aber alle empfanden sie…
Dann …, es war der 23. März. Schon um fünf Uhr in der Früh hörte man von weit her das Rattern der Panzer. Keiner im Dorf konnte mehr schlafen. Irgendeiner lief immer wieder an das alte Hoftor, um durch die Ritzen im maroden Holz nach draußen auf die Hauptstraße zu sehen. Kommen sie heute? Kommen die Amis auch zu uns? Dann, es war gegen neun Uhr, fuhr der erste Jeep mit drei amerikanischen Soldaten am Ortsrand vor. Er blieb dort stehen und wartete. Eine halbe Stunde, eine ganze Stunde, eine und eine weitere halbe Stunde... dann kamen zwei weitere Panzer an, einer fuhr durch den ganzen Ort hindurch. „Überall flattern weiße Fähnchen“, schreibt Maria. Dieser besetzte die westliche Seite zum Main, der zweite sicherte den östlichen Ortsrand der Gemeinde ab. Mit vier nachfolgenden Jeeps verteilten sich die Soldaten auf die drei parallellaufenden Dorfstraßen. Nichts passierte. Plötzlich - Schreie schallten aus dem ersten Haus. „Du Nazi? Wo du Waffen?“ Zwei amerikanische Soldaten durchkämmten Straße für Straße der verängstigten Einwohner. Sie zogen von Haus zu Haus, um nach Waffen und anderen Gegenständen, wie Hitlerbildern und Lektüren des 3. Reiches zu suchen. Jeder einzelne Bewohner wurde in Augenschein genommen. Die wenigen alten Männer, die im Ort verblieben waren, wurden besonders hart angegangen. In jedem Bürger sahen die Amerikaner einen Nazi. Eben erreichten sie das Haus des Bürgermeisters. Dessen Stellvertreter, Marias Vater, war schon dorthin geeilt, um dem ihm beizustehen, obwohl er gar nicht wusste, ob er überhaupt helfen konnte. „We are here, to see your office!“ herrschte der Offizier die Dorfältesten an. “Wir müssen den Diethelm holen, der Diethelm kann Englisch”, stotterte Marias Vater wiederholt. Jetzt kapierte der Bürgermeister, was sein Vize damit sagen wollte. „Where? Where“, forderte der Amerikaner. “Who is Diethelm, bring him, bring him to this place! Immedictly!” „Diethelm, kann Englisch“ wiederholte der brave Bürger zum wievielten Male. Wer wusste schon, dass „where“ wo und „who“ wer heißt. Da wurde es dem Offizier zu viel. Er packte den Ortsvertreter bei der Schulter, stieß ihn auf den Jeep und brüllte: „Go! Go! bring Diethelm, bring him here“. Jetzt endlich hatten die beiden es begriffen, und fuhren mit auf dem Jeep der Soldaten zum Haus von Diethelm, zweihundert Meter weiter, über die holprige kopfsteingepflasterte Hauptstraße. Diethelm war der Sohn des Postobersekretärs und einer von zwei Schülern aus dem Ort, die auf die Oberschule in der Stadt gingen. Die Abordnung klopfte an der Tür, doch niemand öffnete. Das laute Rufen der beiden Bürgermeister, jemand musste es doch hören. Aber nichts tat sich - die Haustüre wurde nicht geöffnet. „Open the door“! Der Offizier brüllte jetzt noch lauter, als endlich die Tür ganz vorsichtig einen Spalt geöffnet wurde und eine Frau durch den schmalen Schlitz ängstlich heraus schaute. Ehe alle begriffen, was geschah, rammte der GI sein Gewehr gegen die Haustüre, so dass diese weit aufflog. Zitternd stand jetzt die Frau direkt von dem Soldaten. „Gnade, Gnade!“ stammelte sie immer und immer wieder. Die beiden Bürgermeister hatte sie gar nicht zur Kenntnis genommen. Der erste Bürgermeister trat nach vorne und beruhigte die ganz verstörte Frau und dann erklärte er ihr, dass ihr Sohn, der Diethelm gebraucht werde und die Sprachen übersetzten soll. „Are you Diethelm? Can you speak English?“ fragte der Offizier den verduzten jungen Mann, der direkt hinter seiner Mutter stand. „I´m can speak a little bit English I`m learning it at school“, stotterte er. Doch dann hatte er sich gefangen und zeigte mehr Sicherheit. Der Offizier war jetzt milder gestimmt und lächelte sogar. Diethelm und auch den beiden Bürgermeistern merkte man die Erleichterung an. „Come on, we are going into the office at school, you must have to translate German into English, yes? ok?”. Diethelm war eigentlich ein aufgeweckter junger Mann, und fragte unverblümt, ob er wenigstens noch seine Scheibe Brot und die Tasse Milch fertigt essen und trinken könne. Da lachte der Ami und meinte “Yes, than you coming, you have ten Minutes”. Und schon fuhr der Tross, so schnell wie er gekommen war, zurück zur Gemeindeamtsstube in der alten Schule. Dort musste der erste Bürgermeister die Einwohnerlisten vorlegen. Hierauf waren dicke schwarze Kreuze schon auf der ersten Seite nicht zu übersehen. „What´s that?“ fragte der Offizier. Der Bürgermeister erklärte, dass diese Männer im Krieg gefallen sind, jetzt schon zweiunddreißig Männer nur aus unserem Dorf“. Diethelm, der inzwischen eingetroffen war, übersetzt alles ins Englische. Zuerst war er noch unsicher, aber je länger die Prozedur dauerte, desto mehr gefiel dem Offizier die Zusammenarbeit mit dem jungen Schüler. Und schon bald erzählte er Diethelm, dass er zu Hause in Kansas auch einen Sohn in seinem Alter hat. Dass dieser dort in Kansas City auf die Highschool geht, und ein sportbegeisterter Rugbyspieler ist. Verwirrt fragte Diethelm fragte was Rugby ist. Er hatte dieses Wort bisher nie gehört. Daraufhin erzählte der Offizier ihm alles über Rugby, so vertraut als wäre Diethelm sein eigener Sohn. Diethelm merkte, obwohl er von dem Sport überhaupt nichts verstand, dass Mr. Donathan – so stand auf seiner Uniform-Tränen in den Augen hatte. Das hatte er nicht erwartet. Ein amerikanischer Offizier, ein Mann, ein Soldat, der hat doch keine Gefühle, der kann doch nicht weinen. Das ist doch ein Krieger, ein deutscher Soldat der macht so etwas bestimmt nicht, dachte er, sagte es aber nicht. Schnell hatte sich Mr. Donathan von seiner Stimmung wieder erholt und kam zur Tagesordnung zurück.
Während dessen saßen die Bürgermeister ruhig auf ihren Stühlen und dachten an ihre eigenen Söhne. Wo sie wohl heute sind?
In der Zwischenzeit gingen die anderen Soldaten im Dorf von Haus zu Haus, um alles nach Waffen und Nazischriften zu durchsuchen. Fündig wurden sie nicht. Dies ging zwei Tage so weiter.
Der Offizier war zwischenzeitlich weiter gezogen. Drei Soldaten saßen tagsüber in der Amtsstube beim Bürgermeister. Dieser hatte die Erlaubnis bekommen, sich mit seinem Stellvertreter abzuwechseln. Auch in der Landwirtschaft mussten die Arbeiten ja weitergehen. Es war jetzt Mai. Die Kartoffeln waren gelegt, und jetzt sollten die Rüben gesät werden. Alle diese Arbeiten mussten die Frauen mit den Kindern fast alleine erledigen. Dann mussten sie noch das frische Gras schneiden und nach Hause bringen. Dort warteten die Kuh, die Ziegen und die Schweine. Alle mussten noch gefüttert werden.
*
Diethelm saß bei den Soldaten und übersetzte die Berufe und die wichtigsten Einträge aus dem Register. Oft musste dazu sein abgegriffenes Wörterbuch zur Hilfe nehmen. Das amerikanische Englisch war für ihn teilweise schwer zu verstehen und er musste immer wieder nachfragen und nachsehen. Die erste Woche war geschafft. Nun wollten die Soldaten jeden der Männer und Frauen sehen, bei denen ein Eintrag war. Es wurde nach vielen Dingen gefragt. Gibt es Waffen im Haus? Sind Sie in der NSDAP? Die Gefragten schüttelten alle einvernehmlich den Kopf. Diethelm übersetzte. Keine Hinweise. „Fuck!“, brüllte da auf einmal ein GI, „who made this war, if nowbody was a Nazi?“
Es wurden jetzt auch alle Vereinslisten kontrolliert. Die Vorstände aller Vereine - es waren die alten Männer, und oft auch noch in zwei oder mehr Vereinen tätig - mussten alle erscheinen und Fragen der Amerikaner beantworten. Erst die der Feuerwehr, dann der Gesangverein, die Fußballer, ja selbst die noch zwei verbliebenen Männer des Schachclubs wurden befragt. Die Entnazifizierung war im vollen Gang. Neue Angst entstand. So mancher hatte zu befürchten, er könnte beschuldigt, oder gar verraten werden. Einige der Männer wurden als Nazis erkannt, aber diese waren zum Glück nicht im Ort. Sie waren im Krieg und konnten nicht verhaftet werden.
Nach einem weiteren anstrengenden Tag durfte Diethelm endlich um acht Uhr am Abend nach Hause gehen. Er war völlig übermüdet, als ihn der Soldat, Jim hieß er, gerade als er gehen wollte, überrascht. Er hält Diethelm eine runde, braune, in helles Zellophan eingepackte Scheibe entgegen. Diethelm nahm sie, dankend sagte er „Thank you, see you tomorrow“ dann ging er. Zu Hause öffnete er das unbekannte runde Teil, es war ein Riegel dunkler Schokolade.
Das Leben in dem kleinen Ort hatte sich in den letzten Tagen etwas normalisiert. Die Amerikaner kamen nur noch selten aus der Stadt hierher, um nach dem Rechten zu sehen. Dann besuchten sie den Bürgermeister in seiner Amtsstube in der alten Schule. Oft war dieser aber gar nicht da. Er führte seine Amtsgeschäfte meist erst am Abend, wenn die Arbeiten auf dem Feld und im Stall beendet waren. Er merkte, dass ihm die Arbeit zu viel wurde. Aber die zwei Jahre bis zur nächsten Wahl, falls diese überhaupt stattfinden konnte, wollte er schon noch Bürgermeister bleiben. Sein Stellvertreter war auch, genau wie er selbst, in den letzten Wochen sehr überfordert. Er dachte oft daran vom Amt zurückzutreten. Doch das war unmöglich, zumal sein Vertreter Richard auch immer mehr kränkelte. Dennoch saß er heute wieder, etwas verspätet, in der Amtsstube, als der amerikanische Prüfer zu ihm sagte: „Where are you, we must know, how much people come back to your village“. Nach den vielen gemeinsamen Treffen mit den amerikanischen Soldaten, wussten die Bürgermeister jetzt immer besser was die Amerikaner wollten, auch wenn er sie nicht immer alles verstanden. Richard suchte die gewünschten Unterlagen und reichte sie hin. Die schwarzen Kreuze hinter den Namen auf den Listen hatten sich schon auf über sechzig erhöht. Mindestens dreißig der Soldaten waren noch nicht wieder aus dem Krieg zurück. Wo sind sie, unsere Söhne, unsere Brüder, wann kommen auch sie zurück? Kommen sie überhaupt wieder zurück? Diese Gedanken quälten in jedem Haus.
Jetzt war schon wieder Ostern und zum sechsten Mal im Krieg.
„Wieder einmal, zum 6. Mal im Krieg feiern wir das Osterfest. Da wir am Tag nur drei Stunden ausgehen dürfen, war es natürlich besonders schön. Nicht mal ein feierliches Amt konnte gehalten werden. Aber ein schönes haben wir doch: wir brauchen keine Angst mehr vor den Fliegern mehr zu haben. So hoffen wir jetzt doch, dass der Krieg zu Ende geht und wir unsere Lieben wiedersehen“.
Und dann ging es auf Pfingsten zu, als Maria und ihre Freundin Mathilde gerade damit beschäftigt waren, ihre Sachen zu packen. Sie durften mit der katholischen Jugend das regionale Pfingstjugendtreffen im Kloster Münsterschwarzach besuchen. Pfarrer „Alfons“, so nannten die Jugend herzlich ihren geliebten und geachteten Dorfpfaffen, hatte ihnen in den Gruppenstunden schon vor Wochen von diesem Treffen erzählt. Er konnte sehr interessant erzählen. Die Jugend hing ihm förmlich an den Lippen, und sie waren immer wieder traurig, wenn die Jugendstunde, wie im Traum vorbei war. Der Pfarrer war auf allen Bühnen des Ortes zu Hause. Selbst als Mitglied in den örtlichen Vereinen, war er aktiv. Als Hühnerzüchter mit seinen russischen Zwerghühnern war er bei jeder lokalen Schau in den umliegenden Orten dabei. Er heimste die schönsten und besten Preise ein und am meisten freute es ihn dann, wenn er als Preis eine Büchse Hausmacher Wurst oder einen Schinken erhielt. Die Preise wurden von den Mitgliedern, die ja fast alle Bauern waren, gestiftet und auf diesen Leckerbissen freute er sich jedes Jahr wieder. Schon bei den Schlachtfesten der einzelnen Dorfbewohner wurde er gut versorgt. Eine Wurstsuppe, ein oder zwei Koteletts, sowie eine Leber-, eine Blutwurst und ein schönes Stück Presskopf. Die guten Sachen sah man ihm auch an. Obwohl er ein großer Mann von ein Meter neunzig war, hütete er seinen Bauchansatz liebevoll. Kaum einer hätte ihn sich anders vorstellen können. Auch bei internationalen Hühnerschauen in Frankfurt oder Würzburg hatte er einen bekannter Namen als Züchter. Besonders gerne fuhr er nach Würzburg, wo er dann den Bischof besuchte und stundenlang mit ihm fachsimpelte, so manche Nacht verging dann wie im Rausch. Beide kannten sich vom Studium in Würzburg. Als Landbuben stammten sie aus dem Gau Ochsenfurt wo er seinen Freund, den Bischof kennenlernte. Gemeinsam, köpften sie dann so manche Flasche des guten Würzburger Steins, dem Hausberg der Diözese. Wen verwunderte da, wenn die Nacht im wahrsten Sinne des Wortes „im Rausch“ verging. Dazu eine gute Zigarre aus der Schatulle seines Freundes. Dabei konnte man doch, auch wenn nur für eine ganz kurze Zeit, die Leiden seiner Schäfchen, vergessen.
Im Turnverein war er als stellvertretender Vorstand und im Fußballverein als Besitzer tätig. Und als besonderes gern gesehener Sänger war sein tiefer Bass im örtlichen Gesangverein der Stolz aller Sänger. Bis zum tiefen „a“ reichte sein Organ. So verbrachte der Pfarrer seine knappe Freizeit und es war nicht verwunderlich, dass er von Würzburg immer als erster die neuesten Nachrichten und Veranstaltungspläne mitbrachte. Das war damals nicht selbstverständlich, denn bis diese Nachrichten durch die Post in den einzelnen Gemeinden ankamen, war durchaus die eine oder andere Veranstaltung schon vorbei. Und je weiter die Dörfer von Würzburg entfernt waren, desto länger dauerte so manches Mal der Postweg bis dann die Post eintraf.
So hatte der Pfarrer auch die neusten Informationen schon im Januar, von Würzburg mitgebracht. Zu Hause hatte er gleich die älteren Mitglieder der Jugendgruppen informiert. Und diese wieder gaben die Informationen an die Scharführer der umliegenden Dörfer weiter. So war es nicht verwunderlich, dass sich aus der Umgebung eine stattliche Gruppe Jugendlicher zusammen fand, um das Pfingstreffen der katholischen Jugend in Münsterschwarzach zu besuchen. Groß war die Vorfreude bei Maria und ihren Freundinnen. Alle waren sehr angespannt und freuten sich auf die Reise. Der Krieg war aus und nach den langen tristen Kriegsjahren kam endlich wieder Leben in das junge Volk.
„Heute unterschreiben deutsche Generäle die bedingungslose Kapitulation aller deutschen Streitkräfte und somit das Kriegsende. Die Sieger jubeln und wir warten auf unsere Soldaten. Möge Gott, dass sie kommen“
*
Es war am Vortag der Abreise, als Maria bei Mathilde zu Hause war. „Was packen wir nur ein?“, fragte Mathilde. „Unterwäsche und Waschzeug, sowie Essen und Trinken“ antwortete Maria trocken. „Das reicht, zum Singen und Beten brauchen wir nur das Gesangbuch. Wenn getanzt wird, tanzen wir so, wie wir sind. Unsere Uniform der Pfadfinder reicht da völlig aus“. Mathilde wollte noch ein zweites Kleid, mitnehmen. Maria aber schlug ihr dies aus dem Kopf. „Was willst du denn noch alles schleppen. Wir müssen uns um das Banner kümmern.“ Und so packte jede letztlich das ein, was sie für notwendig hielt.
Dann war es endlich soweit. Schon fertig für die Fahrt mit dem Fahrrad zum Bahnhof. Da passierte es. Maria ging noch einmal runter zur Scheune. Sie wollte sich von ihrer Mutter und den Schwestern verabschieden. Hermine hatte gerade das frische Gras, das die Schwestern am Vorabend noch von der Wiese geholt hatten, mit einer Gabel von dem alten Leiterwagen abgeladen, um es der Kuh und den Ziegen zu füttern. Dabei war die Sense, die noch im Gras steckte vom Leiterwagen herunter gefallen. Verkantet hing die Sense mit der Schneide nach oben durch die Leiter des Wagens durch. Lustig und fröhlich singend beeilte sich Maria, um durch die enge Gasse zwischen Leiterwagen und Misthaufenmauer durchzuschlüpfen. Da auf einmal… plötzlich blieb sie an der Sense hängen und deren Spitze schnellte hoch und bohrte sich direkt in ihre linke Wade. Blankes Entsetzen befiel Maria und Mathilde, die ein paar Meter vor der Haustür wartete und es ebenfalls gesehen hatte. Laut kreischte Maria auf, sodass die Mutter und Schwestern aus dem Stall heran gerannt kamen, um zu sehen, was da passiert war. Maria hatte das alles gar nicht realisiert. Sie spürte nur ein stechendes Toben in ihrem Bein. Ihre Mutter erfasste als erste die Lage und rief, so laut sie konnte ihrer ältesten Tochter zu: „Anna, schnell, eile zu Schwesterstation und hole Schwester Speziova, sie soll ihr Verbandszeug mitbringen!“ „Beeile dich, schnell, schnell“. Und Anna rannte los. So schnell war sie noch nie die Straße hinaufgelaufen bis hin zum Schwesternheim. Glücklicherweise waren die Nonnen daheim. Die Krankenschwester hörte sich in Ruhe an, was Anna stammelte, konnte jedoch nicht verstehen, um was es wirklich ging. Ganz ruhig nahm sie Anna in den Arm, richtete sie auf und sagte. „Jetzt erst einmal Luft holen, tief einatmen, ganz ruhig, ganz ruhig. So und jetzt noch einmal, ganz langsam“. Anna erzählte erneut, was sich auf dem Hof zugetragen hat. Schwester Speziova nahm ihrer Tasche und schwang sich auf ihr Fahrrad und fort war sie. Anna stand jetzt irritiert alleine da. Langsam begriff sie, dass die Schwester schon fort war und jetzt trottete auch sie nach Hause zurück. Die Ordensfrau war inzwischen auf dem Hof eingetroffen, wo Hermine und Mathilde Maria schon in die Küche getragen und auf das alte Kanapee gelegt hatten. Gerade als die Mutter das Bein frei machte, kam die Ordensschwester herein. Diese schaute sich die Wunde an meinte: „ Augen zu, und hier fest drauf beißen“. Gleichzeitig schob sie ihr ein altes Handtuch, welches neben an dem alten Wasserstein hing, in den Mund. Maria biss, so fest sie konnte zu, und ehe sich Mutter und die Schwester versahen, kreischte Maria über den brutalen Schmerz höllisch auf. So laut sie konnte brüllte sie mit aller Kraft den beißenden Schmerz aus ihrer Kehle. Ihr Schrei war bis in die Nachbarschaft zu hören, als auch ihre Schwester Anna wieder zurück kam und in die Küche eintrat. Während die Nonne mit einer dickflüssigen, stinkenden Brühe die offene Wunde auswusch und danach mit einem Verband einwickelte. Erstmals sahen und rochen die Schwestern diese eklige, gelbe Flüssigkeit, das Jod. Davon hatten sie bisher nur gehört, seit heute kannten sie die Wirkung.
Nachdem Schwester Speziova den dicken Wundverband anlegt hatte, wollte Maria aufstehen. Schon der erste Versuch scheiterte, so sehr schmerzte das Bein. „Du bleibst jetzt erstmal zwei Tage fest liegen, dann sehen wir weiter, morgen nach der Messe, schaue ich wieder nach dir, und verbinde dein Bein erneut“. Mit diesen Worten verließ die Krankenschwester das alte Bauernhaus.
Schluchzend brach Maria in Tränen aus. Erst eben war ihr und auch Mathilde klar geworden, dass an die Mitfahrt nach Münsterschwarzach für Maria nicht mehr zu denken war.
„Mathilde, nehme das Banner und eile los zum Pfarrer. Ihr müsst zum Bahnhof, ihr müsst losfahren und sage ihm was passierte, dass ich nicht mitkommen kann“. „Wenn du nicht mitkommst, fahre ich auch nicht mit“ antwortet Mathilde trotzig. Maria hatte sich einigermaßen wieder, gefangen und herrschte Mathilde an. „Jetzt habe dich nicht so, bis du verletzt, oder ich. Los jetzt, beeile dich, der Zug wartet nicht.“ Mathilde nahm das Banner über das Gepäck auf den Träger des Fahrrades und band es mit einem Strick fest. Nach vorn legte sie es auf die Lenkgabel. Jetzt fuhr sie alleine los.
Maria war untröstlich. Dann am nächsten Tag, es ging ihr schon wieder besser, fand sie ihre Lebenslust wieder.
„Hätte ich heute kein böses Bein bekommen, säße ich eigentlich heute nicht daheim. Schon wochenlang habe ich mich auf unser an Pfingsten in Münsterschwarzach stattfindendes Jugendtreffen riesig gefreut. So konnte ich natürlich nicht mit, da ich kaum laufen konnte Zum Glück war ich ja am 5. Mai bei der Quartiersuche mit in Münsterschwarzach dabei. Ein bisschen kenne ich ja Kloster und den Ort. Schade, dass ich bei den 2000 Jungens und Mädchen nicht dabei sein kann."
In den kommenden Tagen konnte Maria nicht auf Hof und im Feld mitarbeiten. So ein krankes Bein hat auch mal was Gutes und so ging sie mit ihren Freundinnen Mathilde und Erika zum Pilz suchen in den Wald. So schreibt sie am 29. Juni in ihr Tagebuch:
„Die Amis haben uns nun Ausgang bis halb zehn verordnet, was sehr schön ist. Heute ist nämlich Feiertag Peter und Paul, gingen wir spazieren und suchten dabei Pilze, als plötzlich ein Ami vor uns stand. Er unterhielt sich mit uns halb englisch, halb deutsch. Erika gab ihm zu verstehen, dass wir noch Girls wären und so nicht mit ihm ausgehen könnten. Das war ein Erlebnis im Walde“.
Nun ist es Ende Juli und an diesem letzten Wochenende ist die Kerb in Kahl. Es ist die größte Kerb aller umliegenden Dörfer, nur die Kerb in Seligenstadt auf der hessischen Mainseite erreicht diese Größe.
"Kurt, wo bleibst du denn"? Willi und Konstantin wollten Kurt abholen. Darauf hatten sie sich schon seit Tagen gefreut. Das letzte Mal wurde die Kerb auf den Dörfern vor dem Krieg gefeiert. Damals waren sie gerade zwölf und dreizehn Jahre alt gewesen. Sie erinnerten sich an das große zweistöckige Karussell mit Pferden, die einen Wagen zogen. Ja auch an das rote Feuerwehrauto und die schwarzen Motorräder konnten sie sich noch gut erinnern. Gespannt warteten die beiden jungen Männer auf ihren Freund den sie abholen wollten und, der natürlich wieder einmal nicht fertig war. Kurt antwortet ihnen aus dem hinteren Teil der Lagerhalle. Sein Vater hatte das kleine Malergeschäft wieder eröffnet, und Kurt musste im Betrieb mitarbeiten. Eine Lehre hätte er gerne in einer nahen Metallwerkstatt gemacht. Sein Vater machte ihm jedoch klar: „Das kannst du dir aus dem Kopf schlagen. Hier ist deine Arbeit, und wenn ich einmal nicht mehr kann, dann musst du den Betrieb übernehmen“. Willi arbeitet beim Bäcker im Ort, und Konstantins Eltern hatten eine kleine Hühnerfarm neben der Landwirtschaft, in der er mithelfen musste. Kurt war immer etwas neidisch auf die beiden, weil diese meist früh am Nachmittag mit ihrer Arbeit fertig waren. Besonders auf Willi, der fast täglich um zwei oder drei Uhr Feierabend hatte. Dass er jedoch um zwei Uhr in der Nacht aufstehen musste, um zur Arbeit zu gehen, das blendete Kurt gerne aus. "Raucht noch eine Zigarette, ich brauche noch zehn Minuten", rief Kurt aus dem hinteren Teil des Lagers. Er wusch sich gerade, um dann ins gegenüberliegende Haus zu eilen und sich anzuziehen. In der Zwischenzeit holte Willi die kleine Schachtel Supra Zigaretten aus der Tasche. 20 Pfennige für 6 Stück. Konstantin rauchte nicht, aber wenn er eine angeboten bekam, nahm er diese gerne an. Er hatte immer eine kleine Schachtel in der Tasche. Dann legte er die Zigarette hinein und meinte trocken: "Diese rauche ich dann nach dem Essen". Als Kurt endlich frisch gebügelt und gestriegelt zu ihnen kam, machten sie sich auf den Weg nach Kahl. Drei Kilometer marschierten sie durch den nahen Wald. Nach einer halbe Stunde kamen sie auf dem Festplatz an der Turnhalle an. Laut spielte die Musik und die Lichter am Karussell und der kleinen Bude leuchteten, obwohl es gar nicht dunkel war. Mit großen Augen schauten sie dem Treiben auf dem Festplatz zu. Konstantin kaufte drei Karten für das Karussell und nachdem sie freudig ihre Runden gedreht hatten, trotteten die drei wieder zurück nach Hause. Um halb zehn war Sperrstunde, da mussten sie zu Hause sein.
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Marias Bein war wieder gesund, und so musste sie auch gleich mit der Mutter und den Schwestern auf dem Feld arbeiten. Rüben- und Kartoffelhacken. Oh, wie hassten sie alle diese Arbeit. "Dieses verdammte Unkraut. Nichts wächst bei der Hitze, nur dieses verdammte Unkraut", schimpfte Maria vor sich hin. Stundenlang in der sengenden Hitze arbeiten. Früh morgens hat sie als Näherin schon von fünf Uhr bis mittags um zwei Uhr geschneidert. Auch ihre Chefin hatte noch eine kleine Landwirtschaft, und auch sie arbeitete nachmittags auf dem Feld oder der Wiese. Mit der Sense mähen, das Gas wenden, und wieder wenden. Und wehe es nahte ein Gewitter. Dann rannten die Leute eiligst vom Feld nach Hause. Die Gefahr vom Blitz getroffen zu werden, davor hatten alle Angst. Erst im letzten Jahr war in Hörstein ein Feldarbeiter vom Blitz getroffen und tödlich verletzt worden. Es war das Los der Leute, früh morgens nach der Stallarbeit, nachmittags auf dem Feld arbeiten zu müssen. Tag für Tag, Woche für Woche…
