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"Er ist schon seit Jahrhunderten in mich verliebt. Er tötete mich immer wieder. Er würde alles für mich tun. Und ich liebe ihn. Unaufhörlich. Aufrichtig. Schmerzhaft. Ich würde für ihn alles geben, meine Freiheit, mein Herz, mein Leben." 1995: Tara ist eine Studentin, welche im alternativen Holländischem Viertel in Potsdam wohnt. Ihr Freund hatte sie verlassen. Um sie von ihrem Liebeskummer abzulenken, schlägt ihre beste Freundin vor, ein Wochenende in Berlin zu verbringen und wieder einmal richtig feiern zu gehen. Gesagt, getan! Bereits am ersten Abend begegnet Tara einem unglaublich gut aussehenden Mann. Leider verschwindet er von einer Minute zur nächsten. Doch der mysteriöse Fremde beschäftigt sie. Obwohl sie ihn nicht kennt, fühlt sie sich zu ihm hingezogen. Bei der nächsten Feier trifft sie ihn wieder. Sie kommen sich näher und verlieben sich. Tara scheint es, als würden sie einander schon ewig kennen. Diese Verbundenheit, die sie fühlte, hatte sie bisher noch nie erlebt. Doch irgendetwas verbarg ihr Liebster. Ein Geheimnis belastete das junge Glück. Ihre Freunde misstrauten ihm von Anfang an. Wer war dieser mysteriöse Mann, dem sie so verfallen war und der nie etwas aß oder trank und dessen Augen so außergewöhnlich funkelten? Und warum begannen mit ihm diese merkwürdigen Träume? Träume von ihm und ihr, in denen sie blutverschmiert mit ihm Liebe machte und in denen sie scheinbar stets starb. Als sie hinter sein Geheimnis kommt, fällt alles, an das sie je geglaubt hat, zusammen. Noch schlimmer ist, dass die Beziehung zu ihm gefährlich ist. Sie ist lebensgefährlich. Doch schrecklicher als ein drohender Tod ist für sie die Vorstellung ohne ihn sein zu müssen. Sie liebte ihn unsterblich. Ohne ihn machte ihr Leben keinen Sinn mehr. War es da nicht sinnvoll, das Leben zu riskieren, um ihm nah sein zu können? Eine Liebe, die außergewöhnlicher nicht sein könnte, die es mächtiger nie gab und die doch zum Scheitern verurteilt war. Würde dies gut gehen?
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Seitenzahl: 623
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Nancy Omreg
Tara
Blutroter Schnee
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Inhaltsverzeichnis
Titel
1 Danksagung
2 Gegenwart
3 Wie alles begann - 1995
4 Loslassen
5 Ausmisten
6 Das Wochenende beginnt
7 Die Bar
8 Sightseeing in Berlin
9 Das Konzert
10 Nachfeier im Viertel
11 Sehnsucht
12 Die Suche
13 Glückseligkeit
14 Kennenlernen
15 Verwirrung
16 Rätsel
17 Erlösung
18 Träume
19 Unter Mordverdacht
20 Zeit für Erklärungen
21 Offenbarungen
22 Probe für die Freundschaft
23 Jagd
24 Elisabeth
25 Überraschung
26 Sizilien
27 Die Überraschung
28 Die Hochzeit
29 Flitterwochen
30 Falsches Spiel
31 Die Einladung
32 Black Pleasure
33 Der Morgen danach
34 Glöckchenklang
35 Feiertage
36 Verschollen
37 Blutroter Schnee
38 Fine
39 Warten
40 Neues Leben
41 Tara
42 Epilog - Gegenwart
Impressum neobooks
Tara
Blutroter Schnee
Nancy Omreg
Impressum
ISBN
Originalcopyright © 2019 by Nancy Omreg
Texte: © Copyright by Nancy OmregUmschlag: © Copyright by Nancy OmregVerlag: Nancy Omreg
c/o AutorenServices.de
Birkenallee 24
36037 [email protected]
Tel: 0661-96596854
Erreichbar montags – freitags
von 10 – 18 Uhr
Druck: epubli, ein Service der
neopubli GmbH, Berlin
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Printed in Germany
Der erste und größte Dank geht selbstverständlich an Tara Hufner für ihre Bereitschaft, ihre Lebensgeschichte mit mir zu teilen. Ich werde unsere gemeinsamen Stunden, in denen wir an diesem Buch gearbeitet haben, nie vergessen. Ich wünsche dir, dass diese Veröffent-lichung dir dabei hilft deinen Tristan zu finden. Alles Gute!
Weiterhin möchte mich bei meiner Familie für ihren Beistand bedanken. Insbesondere bei meiner Mom, welche mich auf verschiedenste Arten dabei unterstützte.
Meinen Freunden danke ich für ihre Neugier und dass sie mich darin bestärkten, mein Werk zu veröffentlichen.
Special thanks goes to my lovely community on Instagram! They supported me, gave me advices and pushed me while I doubted. I am very grateful that I have been a part of it. @nancyomreg
Wild tanzten die Schneeflocken durch die sternlose Nacht. Die Dächer und Straßen waren bereits mit einer dicken Schneeschicht bedeckt. Dies war eine Zeit, die ich besonders liebte. Die Nächte waren lang und es war so schön kalt. Ich genoss es stets durch die menschenleeren Straßen zu gehen, die Ruhe zu genießen und den Schneeflocken zu lauschen, wenn sie auf dem Gehweg aufkamen.
Diesen Abend saß ich jedoch in meinem Ohrensessel in meinem Lieblingszimmer. Im Kamin prasselte ein Feuer, eher aus gemütlichem, romantischem Hintergrund, als um mich zu wärmen. Ich machte eine Schreibpause und las ein Buch. Es war eines dieser neuartigen Vampirgeschichten, in denen Vampire normal unter Menschen lebten und mit ihnen den Alltag teilten. Ich hatte schon einige Bücher dieser modernen Art gelesen und spürte stets eine gewisse Heiterkeit dabei. Sie waren eher amüsante Unterhaltung anstatt den Anspruch zu erheben, als ambitionierte Literatur betrachtet zu werden, so wie es bei dem einen oder anderen Vampirroman schon eher der Fall war. Dieses Buch gehörte jedenfalls zu einem der miserabelsten, die mir je in die Hände gefallen waren. Es ging darin um eine Sekretärin, die ihren neuen Chef, Tom, vom ersten Tag im Büro an begehrte. Nun hatte sie erfahren, dass er ein Vampir war und beide waren hin und her gerissen zwischen ihrer Liebe und den Problemen die seine dunkle Seite mit sich brachte. Gerade war ich an der Stelle angelangt, an der sie beschlossen, dass Tom seine Sekretärin in seines Gleichen verwandeln sollte. Ich nahm einen tiefen Schluck aus meinem Kelch. Das Blut war dank des Stövchens immer noch angenehm warm. Ich lehnte meinen Kopf gegen die Lehne meines Sessels und meine Gedanken wanderten ab, zurück in die Zeit vor 7 Jahren, zurück zu dem Tag meiner Verwandlung… zum Beginn meiner eigenen Geschichte.
Der Wecker klingelte. Schlaftrunken tastete ich nach dem Schlummerknopf, um mir noch zehn Minuten zu verschaffen, eh ich aus dem Bett steigen musste. Manchmal wurden aus zehn Minuten eine halbe Stunde, doch heute durfte ich mich nicht so gehen lassen, da ein wichtiger Kurs in der Uni auf mich wartete. Außerdem würde mich meine Freundin erwürgen, wenn ich sie noch einmal bei diesem Kurs versetzen würde.
Als der Wecker das zweite Mal klingelte, ließ ich langsam zuerst meine Füße aus dem Bett und auf den Boden sinken.
Nach ein paar Minuten schaffte ich es auch endlich meinen Körper aufzurichten und nach mehrmaligem Gähnen, ausgiebigem Strecken, wiederholtem Augen-reiben und fünfmaligem Überlegen, ob ich mich doch wieder hinlegen sollte, stand ich letztendlich auf.
Mit halb geschlossenen Augen schliff ich ins Bad, natürlich nicht ohne mich mit der großen Zehe am Schrank zu stoßen und zweimal über meine herum-liegende Kleidung zu stolpern.
Erst im Bad öffnete ich nach ein paar Blinzelversuchen, die dem hellen Licht geschuldet waren, meine Augen und schaute in den Spiegel.
Ich sah wirklich furchtbar aus. Fettige Haare, fahle Haut, verlaufene Augenschminke von vergangenen Tagen umrandeten die roten, geschwollenen Augen, die mir fünftägiges, ununterbrochenes Heulen eingebracht hatten.
Gut, seit vorgestern blieben meine Augen trocken. Vielleicht war einfach alles raus an Tränen, aber besser sah ich dennoch nicht aus.
Ich traute mich nicht meine Stimme auszuprobieren, die ich bestimmt seit drei Tagen nicht mehr gehört hatte. Wie sollte sie schon klingen, nach der langen Zeit extensiven Rauchens und Whiskey in hohen Maßen, oder besser gesagt: Massen?!
Ja, auch mein Magen fühlte sich so an, wie ich aussah. Ich hatte keine Ahnung, wann ich das letzte Mal etwas Vernünftiges gegessen hatte. Die Pizza, welche auf der Waschmaschine lag, war jedenfalls schon mehrere Tage alt. Angewidert betrachtete ich den Pizzakarton, atmete tief durch und stieg unter die Dusche.
Zum Haare waschen hatte ich keine Lust, aber wenigstens wollte ich nicht wie ein Iltis stinken. Das heiße Wasser auf der Haut fühlte sich richtig gut an.
Jedoch bedeutete mir das erneute Klingeln meines Weckers, der immer noch auf Schlummermodus gestellt war, dass bereits wieder zehn Minuten herum waren und ich mich beeilen musste.
Schnell trocknete ich mich ab, schlüpfte in Kleidung, die herum lag und noch als „gut“ eingestuft werden konnte, band mir einen Zopf und stürmte mit einem Seufzer aus der Wohnung.
Mit nur zwölf Minuten Verspätung kam ich in der Uni an. Meine Freundin Fine stand bereits da und trat ungeduldig von einem Bein auf das andere. Eigentlich hieß sie Josefine, aber die einzige Person, die sie so nannte, war ihre Oma, nach der sie auch benannt worden war.
„Mensch, ich dachte schon du kommst heute wieder nicht“, rief sie mir entgegen. Sie nahm mich in die Arme, drückte mich und meinte, dass ich wirklich elendig aussah.
„Danke, ich weiß“, antwortete ich und zuckte innerlich zusammen. Meine Befürchtungen waren begründet. Meine Stimme klang fast noch rauer als erwartet und versagte am Ende des Satzes.
„Ach Tara, es ist nun genau eine Woche her, seitdem Max Schluss gemacht hat und seit gut einem Monat war das Ende eurer Beziehung abzusehen. Wie lange willst du dich noch so hängen lassen?“
Müde zuckte ich mit den Schultern. Ich wusste es wirklich nicht. Es war ja nicht so, dass ich mich mit Absicht so dreckig fühlte. Ich wollte es ja selbst nicht, aber ich konnte es auch nicht ändern.
„Süße, so kann das echt nicht weiter gehen mit dir. Mir bricht es das Herz dich so leiden zu sehen. Ich habe eine Idee, die deine Laune vielleicht heben wird“, meinte Fine und schaute auf die Uhr. „Aber davon erzähle ich dir lieber nach dem Kurs. Wir müssen nämlich dringend rein, sonst lässt uns Prof. Dr. Peswig dieses Mal wirklich draußen stehen.“
Der Kurs lief an mir einfach so vorbei. Konzentrieren konnte ich mich nicht und innerlich fragte ich mich, warum ich überhaupt aufgestanden war. Ich verstand weder die Diagramme, die uns Prof. Dr. Peswig erklärte, noch den Inhalt seiner Erläuterungen. Er hätte genauso gut chinesisch zu uns reden können, ich hätte genauso viel verstanden wie eben.
Ich verschränkte meine Arme auf dem Tisch und legte meinen Kopf darauf ab. Im Augenwinkel sah ich, wie Fine mich von der Seite besorgt musterte.
Ich schloss die Augen. Ich war müde und dachte, dass ich die Zeit, die ich hier sinnlos vertat, vielleicht mit ein wenig Schlaf nutzen könnte. Außerdem versuchte ich auf diese Weise dem Kurs zu entfliehen, genauso wie den Blicken meiner Freundin. Ich wollte einfach nur meine Ruhe.
Fine stupste mich an. Wieder und wieder. Ich ignorierte sie. Sollte sie doch denken, dass ich schlafe, dann würde sie schon aufhören. Eine halbe Minute später erklärte sich ihr Drängen.
„Wer meinen Kurs als Möglichkeit sieht, seinen verpassten Schlaf nachzuholen, der sollte stattdessen doch zu Hause bleiben. Dies ist eine Frage der Höflichkeit und des Respekts. Ich setze mich auch nicht vor sie hin und schlafe, wenn Sie ein Referat halten“, dröhnte die Stimme von Prof. Dr. Peswig.
Genervt setzte ich mich wieder aufrecht hin und achtete darauf seinen Blicken nicht zu begegnen. Die letzte halbe Stunde verbrachte ich bewegungslos mit einem starren Blick auf den Sekundenzeiger der Uhr, welche mir gegenüber an der Wand hing.
Ein paar Kritzeleien waren das Einzige, was ich aus dem Kurs mitnahm. Das hätte ich mir echt sparen können. Wortlos schliff ich neben Fine aus dem Raum. „Tara, es wird Zeit, dass wir mal wieder zusammen ausgehen“, meinte Fine, als wir den Vorlesungssaal verließen. Es stimmte. Bevor ich mit Max zusammen-kam, waren wir beinahe jedes Wochenende unterwegs gewesen. Mit Max wurde es seltener und seit es in der Beziehung mit ihm zu kriseln begann, hatte ich erst recht keine Lust mehr zum Ausgehen gehabt.
„Ich habe gehört, dass im Dark Hole dieses Wochenende eine tolle Veranstaltung läuft mit Live-Konzert und After-Show-Party“, sprudelte Fine voll Begeisterung hervor. „Du kannst dich doch nicht ewig in deiner Wohnung verschanzen.“ Mit großen, leuchtenden Augen sah sie mich an. „Außerdem solltest du mal sehen, was für schöne Söhne andere Mütter haben“, sprach sie und kniff mir in den Arm.
Ich zögerte. Das Dark Hole war eigentlich einer unserer Lieblingsclubs. Er befand sich in dem ungefähr 40 km entfernten Berlin. Wir fuhren stets mit der S-Bahn von unserem Wohnort Potsdam nach Berlin und dort weiter mit der U-Bahn nach Kreuzberg, einem Stadtteil von Westberlin, den wir dank des Mauerfalls nun regelmäßig besuchen konnten. Es war immer ganz lustig nachts mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren, was man da so alles erlebte.
Aber bei meiner derzeitigen Stimmung würde wohl selbst dort keine Fröhlichkeit bei mir aufkommen können. Ich wollte auch keine anderen Jungs kennen lernen. Ich wollte nicht einmal welche sehen. Von denen hatte ich die Nase voll und ich war davon überzeugt, dass ich mich nie wieder auf einen einlassen würde.
„Ach Tara, bitte, bitte, bitte“, flehte mich Fine an. Ich erinnerte mich an mein Spiegelbild und überlegte wie viel Zeit ich noch hatte, um meine Erscheinung bis zum Wochenende halbwegs wieder herzustellen. „Ich weiß nicht. Ich glaube, das ist noch zu früh für mich und Geld habe ich auch nicht so übrig“, antwortete ich.
„Ach komm schon. Der Eintritt geht auf mich und wir können ja davor auf der Hinfahrt was trinken“, versuchte Fine mich zu überzeugen. Ich schaute in ihr bettelndes Gesicht. Sie hatte wieder ihren Miezenblick aufgesetzt, den sie immer anwandte, wenn sie mich unbedingt zu etwas überreden wollte und jedes Mal klappte dies auch.
„Ok“, widerwillig ließ ich mich breitschlagen. Ich schuldete Fine wirklich etwas, so wie sie die letzte Zeit für mich da gewesen war. Schon vor der Trennung hatte sie mich oft genug unterstützt und mich bei sich aufgenommen. Außerdem, vielleicht tat mir so eine Abwechslung wirklich gut.
„Oh, bombastisch!“, meinte Fine und fiel mir um den Hals. „Ich habe da noch eine bessere Idee. Wir fahren bereits einen Tag eher los und gehen noch schöne Klamotten kaufen. Schlafen können wir in der kleinen Pension, die wir letztens entdeckt haben, die war ja billig. Was meinst du?“
Ich hätte es ahnen müssen. Fine versuchte gerne immer noch etwas herauszuschlagen, wenn sie mich endlich dort hatte, wo sie wollte. Worauf hatte ich mich da nur wieder eingelassen.
Jedoch war Shoppen gehen eine sehr gute Idee. Bei den Lumpen, die ich noch hatte, war das bitter nötig. Ich wollte mich neben meiner stets schick gekleideten Freundin nicht blamieren. Fine hätte es bestimmt nicht nötig, sich noch mehr Kleidung zu kaufen, denn sie war bestens ausgestattet. Sie hatte aber das typische Frauenproblem, von wegen nie das Richtige im Schrank zu haben.
Fine und ich gingen noch ein Stück zusammen nach Hause. Sie redete ohne Unterbrechung über unseren Kurztrip und plante schon die Shoppingtour und was wir den nächsten Tag noch so machen könnten, bevor das Konzert los ging. So wie es aussah, gingen wir beide auch den ersten Abend aus, in eine Bar, von der sie gehört hatte und welche wohl „bombastisch“ sein sollte, wie sie gerne besonders tolle Dinge bezeichnete. Es sollte wohl so eine Trink- und Tanzbar sein, in der unsere Musik gespielt wurde und die auch dementsprechend eingerichtet war. Die Bar befand sich ebenfalls in Kreuzberg, gleich in unmittelbarer Nachbarschaft zu unserer Pension.
Mindestens zehn Läden zählte Fine auf, in die wir unbedingt müssten, weil die Klamotten dort wohl „bombastisch“ wären. Das ich zuvor erwähnte, kaum Geld zu haben, hatte sie wohl bereits vergessen oder ignorierte es erfolgreich. Vielleicht ging sie auch davon aus, dass ich wieder übertrieb und es nur eine meiner Ausreden war, die ich gerne benutzte, wenn ich bei etwas nicht mitmachen wollte. Damit hätte sie auch recht, denn grob überschätzt würde mein Konto das geplante Wochenende locker decken können.
An der nächsten Ecke trennten sich unsere Wege. Ihr Nachhauseweg führte in ein Viertel der Stadt, das bekannt war für seine schönen Stadtvillen. Eine davon gehörte ihren Eltern und sie bewohnte eine kleine Maisonettewohnung darin.
Ich hingegen wohnte allein in einer Wohnung zur Miete in einem kleinen Mehrfamilienhaus. Dahin war ich vor ein paar Jahren gezogen, als ich mit dem Studium anfing.
Geboren wurde ich jedoch in Michendorf. Als ich zwei Jahre alt war flohen meine Eltern in den Westen und ließen mich bei meinem Onkel und meiner Tante in Werder zurück, wo ich dann auch aufwuchs. Auch nach dem Mauerfall hatten sich meine Eltern nie bei uns gemeldet.
Als ich mein Abitur gemacht hatte, was durch die Wende ohne Probleme möglich war, hingegen in der DDR durch die Flucht meiner Eltern beinahe undenkbar gewesen wäre, entschloss ich mich nach Potsdam zu ziehen und zu studieren. Seit dem hatte ich mit meinem Onkel und meiner Tante kaum noch Kontakt, was mich nicht störte, da wir uns nie gut verstanden hatten.
So kam es, dass ich in das Holländerviertel zog. Es hieß so, weil es einst für holländische Arbeiter erbaut wurde und die Häuser daher alle im holländischen Stil errichtet waren. Roter Ziegel, Giebeldächer und Fenster mit breiten, weißen Holzzargen ohne Außenfensterbank.
Dies war ein Viertel, das eher zu den schlechteren der Stadt gehörte. Dennoch mochte ich den Charme meiner Wohnumgebung. Die Häuser waren teilweise verfallen und heruntergekommen, wenige waren saniert und nachts war diese Gegend für eine Frau nicht so sicher wie es bei Fine war, wenn in unserem Viertel die Betrunkenen über die Straßen torkelten.
Jedoch tagsüber gab es immer etwas Schönes zu entdecken. Um mich herum wohnten Hausbesetzer und viele Künstler. Dementsprechend gab es gemütliche und nicht ganz so gewöhnliche Cafés, die zum Philoso-phieren und Führen von unterhaltsamen Gesprächen einluden. An manchen Ecken saßen die Hausbewohner mit ihren Freunden auf Stühlen vor ihrem Haus und unterhielten sich, sangen oder machten Musik. Ihre Hunde liefen frei herum und hofften von dem Einen oder Anderen ein Stück Wurst zu bekommen, die jene Person soeben von einem kleinen Bistro erstanden hatte oder vom kiezbekannten Theo, der von seinem, auf dem Land lebenden Onkel, wöchentlich frische Fleisch- und Wurstwaren erhielt und diese gern unter der Hand verkaufte.
Fine besuchte mich auch gern in meinem Viertel, dann gingen wir in die Cafés oder legten uns auf dem Hof in die Sonne.
Ich verabschiedete mich bei Fine, die mir erneut mit einem Jauchzer um den Hals fiel. „Oh Tara, das wird so toll! Das wird unser schönstes Wochenende!“, jubelte sie.
„Ja, es wird bestimmt super werden“, versuchte ich in ihre Freude einzustimmen.
„Super? Mensch Tara, das wird bombastisch!“ Ich nickte und lächelte. So kannte ich Fine und deswegen mochte ich sie auch so gerne. Sicher ging sie nun nach Hause und plante genauestens unseren Ausflug mit der Präzision einer Reiseleiterin.
Als ich nach Hause kam empfing mich auf dem Treppenabsatz bereits Filou, der Kater meiner älteren Nachbarin. Ich streichelte sein langes, leicht verfilztes Fell, dessen einstiges weiß sich in einen gräulichen Farbton verfärbt hatte. Der Kater war schon sehr alt. Auf einem Auge sah er bereits nicht mehr so gut, aber er war noch so verschmust wie ein junges Kätzchen. Dankbar leckte seine raue Zunge über meine Hand.
„So, nun ist gut Filou, ich muss rein“, flüsterte ich zu ihm. Zufrieden schnurrend legte er sich auf meinen Fußabstreicher und fing an vor sich hin zu dösen.
Ich öffnete meine Tür und sah meine Wohnung auf einmal mit völlig anderen Augen. Die Realität schlug ein wie eine Bombe. Die Zeit mit Fine schien mich wach gerüttelt zu haben. Ich hatte mich echt gehen lassen. Meine Wohnung sah aus wie eine Müllhalde und es stank. Es stank abgrundtief eklig. Ich musste aufräumen und zwar sofort. So konnte ich es hier nicht mehr aushalten.
Ich schaute auf die Uhr. Es war 13 Uhr. So, wie die Wohnung aussah, würde ich wohl bis in die Nacht zu tun haben, aber es half alles nichts, ich musste es in Angriff nehmen. Beschwingt von meinem Antrieb legte ich meine Lieblingsmusik auf und begann mich meinem Dreck zu stellen.
Der Aufwasch war eine Herausforderung für sich. Ich hatte bisher keine Ahnung gehabt, wie fest Käse an einem Teller kleben konnte, was natürlich meinen Ehrgeiz weckte gegen ihn zu gewinnen, mit Erfolg.
Halb zehn war es geschafft. Die Wohnung erstrahlte in neuem Glanz. Ich war verschwitzt und fertig, aber in mir fühlte ich ein warmes, mittlerweile schon fast vergessenes Gefühl des Glücks.
Es war, als ob ich mit dem Dreck auch den Schmerz der Trennung beseitigt hatte. Als ob ich nicht nur den Käse vom Teller abgekratzt hätte, sondern mit ihm auch Max aus meinem Herzen.
Ich öffnete mir ein Glas Gewürzgurken, welches so ziemlich das Einzige war, was ich an Essbare in meiner Wohnung noch besaß, nahm die letzte Flasche Rotwein aus dem Schrank und ließ mich erschöpft in meinen Ohrensessel fallen. Gewürzgurken und Rotwein passte ja mal gar nicht zusammen, gut schmecken geht jedenfalls anders und was viele saure Gewürzgurken und trockener Wein im Magen anrichten konnten, weiß man ja. Auf das Sodbrennen freute ich mich schon.
Der Hunger trieb jedoch die Gurken hinein und die Freude über einen Belohnungsschluck nach harter Arbeit ließ den Wein schnell schwinden und schließlich merkte ich die ungenießbare Kombination nicht einmal mehr. Das ich heute nicht lange aufbleiben würde, war mir bereits klar gewesen, das zeitige Aufstehen, der Stress beim Aufräumen und nun tat der Alkohol noch sein Übriges.
Nach ungefähr über der Hälfte der Flasche Rotwein wurde ich so müde, dass ich kaum noch die Augen aufhalten konnte. Ich bezweifelte sogar, dass ich es noch ins Bett schaffen würde, vielleicht war ich auch einfach nur zu faul dazu und wollte den Dämmerzustand, den ich gerade hatte, nicht durch Bewegung zerstören. Also stellte ich das Gurkenglas und den Wein auf meinen Beistelltisch. Ich nahm die kuschelige Decke von der Lehne meines Sessels und hüllte mich darin ein. Noch ehe ich den heutigen Tag in Gedanken Revue passieren lassen konnte, hatten mich der Schlaf geholt und mich in die Traumwelt entführt.
Als ich erwachte, war der Morgen schon längst angebrochen. Die Sonne spiegelte sich in den Fenstern des gegenüberliegenden Hauses wider.
Ich hörte wie sich zwei Männer auf der Straße anschrien. Den einen erkannte ich an der Stimme. Er wurde von allen Ole genannt. Wie er richtig hieß, wusste ich nicht. Er bezeichnete sich selbst als Punk, war jedoch im Vergleich zu seinen Kameraden schon ziemlich alt. Allerdings konnte ich mir gut vorstellen, worüber der Streit ging.
Fremde Menschen waren hier im Viertel von einigen nicht gern gesehen, besonders nicht von Ole. Seit der Wende kamen aber nun ab und an Leute von drüben um sich die Häuser anzusehen, die historisch von Bedeutung waren, um eventuell das ein oder andere Holländerhaus zu kaufen.
Der Punk Ole hatte jedoch die Wende noch nicht so gut verkraftet und vermutete daher bei jedem fremden Anzugträger, der noch dazu neugierige Fragen stellte, dass dieser zur Stasi gehörte. Vermutlich machte Ole gerade dies mal wieder einem Wessi zum Vorwurf.
Ich gähnte und räkelte mich. So gut wie in dieser Nacht hatte ich schon lange nicht mehr geschlafen. Kein nächtliches Aufwecken und Wachliegen, keine Alp-träume und keinen Kater am nächsten Morgen, sondern einfach nur ein frisches, ausgeruhtes Wohlbefinden. Ich wickelte mich aus meiner Decke und ging zum Fenster um es zu öffnen. Ein lauwarmes Lüftchen wehte mir entgegen. Es schien heute ein warmer, letzter Septembertag zu werden.
Es roch nach Lavendel und Rose. Sabine vom Nachbarhaus schien neue Rezepte für Seifen auszu-probieren. Ein leises Rattern einer Töpferscheibe drang mir ins Ohr. Der Klang kam aus dem Haus von Thomas und seiner Frau Paula. Die beiden wohnten zwei Häuser weiter von mir auf der anderen Straßenseite. Thomas machte nicht nur gewöhnliche Töpferarbeiten wie Vasen oder Krüge. Er experimentierte gern und zauberte aus der Tonmasse auch mal kleine Elfen oder Tiere hervor, manchmal sogar ganze Skulpturen. Seine Frau stellte Schmuck her aus Perlen, Steinen und Federn und allerlei bunten Dingen, die sich aufkleben oder aufreihen ließen. Nebenbei fertigte Thomas auch kleine Tonanhänger für Paulas Schmuck an.
Ich mochte es ihnen beim Arbeiten zuzuschauen, wenn ich mal die Gelegenheit erhielt und sie ihre Fenster offen hatten. Sie waren ein nettes Paar und es wurde gemunkelt, dass Paula wohl langsam besser mit dem Stricken von Babysachen anfangen sollte, anstatt ihren Schmuck zu basteln. Ich war gespannt, ob ihr Kind genauso kreativ werden würde wie seine Eltern es waren.
Der Wessi hatte inzwischen genug von Oles Pöbeleien und war gegangen. Ole stand noch da und schimpfte vor sich hin. Schließlich ging er weiter in Richtung Benkertstraße. Wahrscheinlich wollte er zu Jan, der vor seinem Haus bereits Stühle hinausstellte. Ich atmete tief die frische Luft ein und ging dann in die Küche um mir einen Kaffee aufzusetzen.
Gut gedacht, aber der Kaffee war alle. Genau wie alles andere bei mir, wie ich mit einem Blick in den Kühlschrank und in die Schränke feststellte. Gewürzgurken wollte ich heute Morgen nun echt keine mehr essen. Ich beschloss also mich zuerst einmal ausgiebig zu duschen und zu pflegen und danach zu Marla zu gehen. Sie besaß ein kleines Café und hatte jeden Morgen ganz leckere, frische Schrippen und selbst gemachte Marmelade.
Ich duschte ausgiebig. Das Badezimmer war voller Wasserdampf als ich aus der Dusche herauskam. Ich trocknete mich ab, kämmte mir die nassen Haare und wischte den beschlagenen Spiegel trocken. Ich fönte meine Haare und betrachtete das Ergebnis im Spiegel. Das dunkelrot meiner Haare war inzwischen ausgewaschen und wirkte eher orangebraun. Ein etwa 5cm breiter Ansatz in meiner Naturhaarfarbe aschblond, bzw. „Straßenkötermischung“, wie sie auch genannt wurde, ließ die Haare noch ungepflegter aussehen. Die Spitzen meiner fast bis zum Po reichenden langen Haare waren ungleich lang und ausgefranst. Ein Friseurbesuch vor dem Wochenende war unbedingt noch nötig. Mein Magenknurren unterbrach meinen prüfenden Blick im Spiegel. Also entschloss ich mich schnell Zähne zu putzen und anzuziehen und zehn Minuten später war ich bereits auf den Weg zu Marla.
Als ich das Café betrat, empfing mich der Duft von frisch gemahlenen Kaffee. Marla bediente gerade Peter und seine Freundin Nele, die ihren kleinen Sohn auf dem Schoß hatte. Ich setzte mich einen Tisch weiter neben den Dreien hin.
Ich wohnte bereits seit dreieinhalb Jahren in dem Viertel und ich war inzwischen sehr gut von meinen Nachbarn in die Gemeinschaft aufgenommen wurden. Dennoch traute ich mir nicht, mich einfach zu ihnen an den Tisch zu setzen oder ohne Einladung mich einfach mit zu den unterhaltsamen Grüppchen vor den Häusern zu gesellen. Tom meinte immer, ich wäre zu schüchtern. Damit hatte er auch sicherlich recht.
Andererseits genoss ich es auch gern allein zu sein und nur Kontakt zu suchen, wenn mir einmal danach war, weswegen ich mich nicht zu sehr integrieren wollte, um nicht ständig von irgendjemanden nach einem Treffen gefragt zu werden.
Marla kam an meinen Tisch und schenkte mir ihr warmes und herzliches Lächeln. Ihr Alter schätzte ich auf ungefähr Mitte 50. Sie lebte hier ohne Mann und ohne Kinder. Sie meinte stets, dass dies der Grund dafür sei, warum sie noch so eine tolle Figur hätte und noch so gut aussah.
So wie ich gehört hatte, war sie noch nie verheiratet gewesen. Ihr Vater war im Krieg umgekommen, als sie noch sehr klein gewesen war und so wuchs sie mit ihren vier Geschwistern nur bei der Mutter auf. Es hieß, sie wäre mit achtzehn von zu Hause weg und hätte ab Ende der 50er Jahre im Milieu gearbeitet. Manche meinten, sie wäre da Sängerin gewesen in einschlägigen Bars. Andere meinten, sie hätte dort als Prostituierte gearbeitet und wäre da sogar von einem Kunden schwanger geworden, doch hätte sie ihr Kind abgeben müssen.
Wie es wirklich war wusste nur Marla und sie hatte nicht die Absicht jemals ihr Geheimnis über ihre Vergangenheit zu lüften.
„Na Herzl“, sprach Marla mit ihrer samtigen Stimme. „Das Gleiche wie immer?“ Ich nickte und strahlte sie an. Ich fühlte mich in ihrer Nähe immer so wohl und geborgen. Wir brauchten nicht viele Worte um uns einfach gut zu verstehen.
„Hey Tara, wo waren du und Max denn am Freitag gewesen? Wölfchen meinte, dass ihr kommen wolltet oder hattet ihr doch Angst vorm Schnaps bekommen?“, fragte mich Nele.
Mist! Da war die Frage, vor der ich die ganze Zeit schon Angst hatte. Max und ich waren von Wölfchen zu seiner Geburtstagsfeier eingeladen wurden. Er wurde 22 und da dies eine Schnapszahl war, meinte er, dass es auch 22 verschiedene Schnapssorten geben sollte. Er hatte die halbe Mittelstraße dazu eingeladen und auch einige von der Benkertstraße. Im Hof sollte gegrillt werden und jeder musste etwas zum Trinken, Essen oder Spielen mitbringen.
Ich hatte bis nachts um 4 Uhr noch alle feiern gehört. Sie hatten gesungen und Musik gemacht. Ich hatte beobachtet wie manche betrunken bei mir vorbei nach Hause torkelten und ich hatte ihnen mit Tränen in den Augen nach geschaut.
„Weißt du Nele, Max hatte sich am Dienstag von mir getrennt. Daher hatte ich keine Lust auf Wölfchens Feier“, antwortete ich mit gesenktem Blick und versuchte meine Stimme halbwegs kräftig klingen zu lassen, aber sie zitterte als ich die Worte bildete.
„Oh, das tut mir leid. Das wusste ich nicht. Wie geht es dir? Das hat dich bestimmt sehr mitgenommen. Gott, wie lange wart ihr zusammen, zwei Jahre?“, meinte Nele bestürzt und griff tröstend nach meinem Arm.
„Ja knapp zwei Jahre waren es. Es geht inzwischen wieder. Ich denke mal, das Schlimmste habe ich überstanden.“ Und das hoffte ich wirklich, wenn schon so eine banalen Frage drohte, mich aus der Bahn zu werfen, wie sollte es da sein, wenn er mir einmal über den Weg lief?
„Du kannst eigentlich froh sein ihn los zu haben. Er hatte dir doch noch nie gut getan. Ein verlogener Hund ist der, wie sein Onkel auch“, regte sich Peter auf.
„Komm, lass gut sein“, versuchte Nele ihren Freund zu beruhigen. „Das ist doch schon Jahre her.“ Max’ Onkel war ein alter Bekannter von Peters Vater gewesen. Der Onkel hatte ihn bei der Stasi angezeigt und Peters Vater war gerade so noch mit einem blauen Auge davon gekommen.
„Ne, ich hatte von Anfang an gesagt, dass dieser Kerl nichts taugt und jetzt siehst du was er Tara angetan hat.“ Peter ließ sich nicht beschwichtigen. Max und seine Familie waren ein rotes Tuch für ihn und nur mir zu liebe hatte er versucht Max zu akzeptieren. Ich war daher sehr froh, als die beiden bezahlten und gingen. Noch länger hätte ich über meinen Exfreund nicht reden wollen. Eigentlich versuchte ich alles zu verdrängen, denn den Versuch des Bewältigens hatte ich ja nun schon eine Woche hinter mir. Nele drückte mich beim Verabschieden und meinte, dass alles schon wieder werden würde. Peter drückte mir die Schulter und zwinkerte mir aufmunternd zu.
Dann kam auch schon Marla mit meinem Frühstück. In meinen Kaffee hatte sie bereits einen Schluck Milch hineingetan und mir auch schon das Ei geschält. Die zwei Brötchen waren einmal mit Käse belegt und einmal mit Honig. Über die eine Käsehälfte hatte sie leicht Erdbeermarmelade gezogen, weil sie wusste, dass ich das ab und an ganz gerne aß. Ich brauchte nur noch zu zubeißen und das tat ich auch mit Genuss. Das erste vernünftige Essen seit Tagen und es schmeckte spitzenmäßig.
Nachdem ich mit dem Essen fertig war, beschloss ich noch bei Tom und Paula vorbei zu schauen. Die Uni ging erst um 14 Uhr los und bis dahin waren es noch knapp drei Stunden. Ich wollte schauen, ob ich vielleicht schönen Schmuck bei Paula kaufen konnte. Normalerweise stellte sie eher bunte Dinge her, denn sie mochte es mit Farben zu arbeiten. Aber ab und an fand ich doch etwas bei ihr, was mehr in meine schwarze Richtung passte.
Paula war gerade allein im Laden. Als ich die Tür öffnete drehte sie sich zu mir um und kam sofort auf mich zu gerannt. Sie nahm meine Hände in ihre und schaute mir besorgt in die Augen.
„Was ist dir passiert meine Schöne? Ich spüre, dass es dir nicht gut geht. Ist was mit Max?“ Paula hatte eine „esoterische Ader“, wie sie es nannte. Sie spürte sofort, wenn es jemanden nicht gut ging. Das es wegen Max sein könnte, war wohl das Wahrscheinlichste für sie, da sie bereits einige Streitereien zwischen ihm und mir mitbekommen hatte. Nun ja, so wie ich in ihr Fenster schauen konnte, so konnte sie es auch bei mir.
„Er hat sich am Dienstag von mir getrennt.“ Ich versuchte ihr bei diesem Satz nicht in die Augen zu schauen. Diesen mitleidigen Blick konnte ich nicht ertragen.
„Du Ärmste, kann ich dir irgendwie helfen?“ Sie nahm mich in die Arme und drückte mich ganz fest.
„Nein, danke, das ist lieb…, aber nein es geht schon“, antwortete ich. Paula kannte ich eigentlich schon die ganze Zeit, seit ich in dem Viertel wohnte. Sie war die erste, die ich hier kennen gelernt hatte und sie kümmerte sich anfangs sehr viel um mich und sorgte dafür, dass ich mich gut einlebte und Kontakte zu den Anderen fand. Seit dem waren wir gute Freundinnen und wir redeten über so ziemlich alles, aber dennoch hatte ich mich immer noch nicht so ganz an ihre liebevolle, freundliche Art gewöhnt, die einen manchmal total überrumpeln konnte. Gerade weil ich selbst ein eher zurückhaltender Typ war, hatte ich Schwierigkeiten mit dieser Nähe. Sie war ein richtiges Blumenkind, das gerne Liebe gab und auch wollte, dass sich alle lieb hatten.
„Aber ich bin eigentlich aus einem anderen Grund hier“, versuchte ich das Thema zu wechseln. Sie ließ mich los und legte ihre langen, dunkelbraunen Haare, von denen sie einzelne Strähnen geflochten hatte, über ihre rechte Schulter.
„Möchtest du etwa schauen, ob ich beim Schmuckmachen mal wieder an deinen Geschmack gedacht habe?“, neckte sie mich mit ihrem bezaubernden Lächeln, das ihre Augen strahlen ließen. Ich grinste „Erraten!“, antwortete ich ihr.
„Na da komm mal mit. Ich war vor ein paar Tagen in Berlin gewesen in einem wundervollen Laden mit ganz vielen Steinen und Perlen. Da hatte ich etwas entdeckt, was mich sofort an dich erinnerte und da ich noch Samtreste zu Hause hatte, bastelte ich sofort, als ich nach Hause kam, dieses Schmuckstück“, erzählte sie mir, als wir in den hinteren Bereich des Ladens gingen, wo sie ihren Schmuck herstellte und überreichte mir ein schwarzes, samtenes Halsband mit einem blutroten, tropfenförmigen Rubin als Anhänger und kleinen schwarzen Perlen, die in unterschiedlichen Längen zu beiden Seiten des Anhängers aufgereiht waren. Ich war überwältigt. Mit so etwas hatte ich nicht gerechnet. Sprachlos, mit großen Augen und offenen Mund bestaunte ich das Schmuckband.
„Das…, das…, das ist perfekt“, stammelte ich schließlich und konnte den Blick immer noch nicht davon abwenden.
„Dachte ich mir doch, dass es dir gefallen wird.“ Zufrieden und stolz schaute mich Paula an.
„Es ist so wunderschön, aber ich glaube nicht, dass ich mir das leisten kann.“ Nur weil Paula und ich befreundet waren, wollte ich ihr den Schmuck nun auch nicht für lau abwerben.
„Ach, gib mir 30 DM dafür und dann passt das schon. Somit habe ich die Unkosten für den Granat rein und alles andere kann ich dir auch so überlassen. Außerdem würde es mir schwer fallen, jemand Anderen für so etwas begeistern zu können“, schmunzelte sie.
„Danke, ich weiß gar nicht was ich sagen soll! Danke, es ist wirklich traumhaft schön.“ Ich holte meine Geldbörse heraus und gab ihr die 30DM.
„So meine Schöne, ich habe neuen Tee da. Hast du noch Zeit für ein Plauderstündchen?“, fragte mich Paula und hob neckend eine Augenbraue.
„Aber natürlich! Ich muss doch wissen, welche Sorte Tee es noch so auf dem Markt gibt“, antwortete ich gespielt damenhaft. Paula setzte das Teewasser auf und bereitete die Teeeier vor.
„Nun möchte ich aber einmal etwas von dir wissen. Es pfeifen die Spatzen vom Dach, dass der Storch hier bald einen Besuch abstatten wird. Ist daran etwas dran?“ Mit großen Augen wartete ich gespannt auf die Antwort und stellte mir dabei schon die zierliche Paula mit Babybauch vor.
„Hm, nun ja“, grinsend rollte sie ihre Augen gen Himmel. „Ich würde mal sagen, er kommt so Anfang April vorbei.“ Ich sprang auf und umarmte sie stürmisch. Paula und Tom hatten schon länger versucht ein Kind zu bekommen und nun hatte es endlich geklappt. „Oh ich freue mich so für euch! Da wird es sogar ein Widder, so wie du es dir gewünscht hattest.“
„Richtig! Ich glaube auch, dass es ein Mädchen wird. Irgendwie habe ich das im Gefühl.“
„Na, da werde ich schon einmal nach rosa Babysachen schauen, dein Gefühl täuscht dich ja nie.“ Paula lachte und übergoss den Tee mit dem heißen Wasser. Wir setzten uns hin und redeten über das Baby, über den neusten Klatsch aus dem Viertel und was uns noch so gerade in den Sinn kam. Kurz nach um eins verabschiedete ich mich von ihr. Ich wollte noch einmal kurz zu mir nach Hause um meine Studienunterlagen zu holen. Ich drückte sie fest und streichelte über ihren noch nicht vorhandenen Bauch. Ich war selbst total aufgeregt und gespannt auf das Kleine.
Pünktlich um dreiviertel zwei kam ich in der Uni an. „Oh ich bin beeindruckt. Nicht nur, dass du da bist, du bist sogar zur verabredeten Zeit hier“, spottete Fine und gab mir einen Kuss auf die Wange.
„Natürlich, hast du jemals etwas anderes bei mir erlebt?“, gespielt entrüstet schaute ich sie an. Wir lachten und machten uns auf den Weg zum Hörsaal.
„Dir scheint es ja wirklich wieder besser zu gehen. Das freut mich, Tara, endlich sehe ich dich mal wieder lachen“, meinte Fine.
„Ja, mir geht es auch wirklich besser“, antwortete ich. „Ich habe gestern meine ganze Wohnung geputzt und seit langem endlich einmal wieder gut geschlafen. Übrigens, ich war heute bei Paula gewesen. Sie hat mir ein wunderschönes Halsband gemacht. Das werde ich wohl am Samstag gleich tragen und weißt du was, sie ist schwanger“, sprudelte es aus mir heraus. Fine fand Paula immer ein bisschen schräg, aber dennoch mochte sie die Frau genauso wie ich.
„Ist nicht wahr, oder? Wurde ja auch langsam Zeit bei den Beiden. Jetzt muss Nele ihren Kleinen nicht mehr ständig zum Spielen an Paula ausleihen.“ Wir lachten und überlegten uns, was wir ihr zur Geburt schenken könnten. Es war zwar noch einige Zeit hin, aber es machte einfach Spaß sich darüber zu unterhalten. Als wir gerade überlegten, ob wir ihr nur Babysachen aus DDR-Zeiten schenken wollten, damit das Baby auch aus dieser Zeit noch etwas miterleben konnte als kleines Einheitskind, blieb ich auf einmal wie vom Blitz getroffen stehen.
Mir wurde eiskalt und ich begann zu zittern. Mein Herz klopfte mir bis zum Hals, so laut, dass ich befürchtete, jeder im Umkreis von zwei Metern könnte es schlagen hören. Max stand fünf Meter von mir entfernt und unterhielt sich gerade mit einem Kommilitonen. Es war das erste mal, dass ich ihn seit der Trennung sah und es war genau der Moment, vor dem ich seit der Trennung am meisten Angst gehabt hatte.
Fine schien meinem entsetzten Blick gefolgt zu sein, denn sie griff nach meiner Hand und versuchte mich weiter zu ziehen. Ich war wie versteinert. Ich konnte keinen Schritt machen und auch keinen klaren Gedanken fassen. Das Einzige was mir nur im Kopf herum ging war „Max steht hier. Max steht hier.“ Dann verabschiedete sich Max. Er schaute mich kurz an und gleich wieder weg und ging wortlos an mir vorbei. Kein „Hallo“, kein „Ich hoffe dir geht es gut“, einfach gar nichts. Ich hatte jetzt nicht erwartet, dass er vor mir auf die Knie fiel und mir sagte, dass er mich liebte und ohne mich nicht Leben wollte, aber nach knapp zweijähriger Beziehung konnte man doch wenigstens einen Gruß erwarten, anstatt, dass man aneinander vorbei ging, als ob man sich nicht kannte. Ich war fassungslos. Mit einer Ohrfeige hätte er mich nicht mehr verletzen können, wie mit dieser Ignoranz.
„Hey Tara, alles ok?“ Fine’s Stimme holte mich zurück aus meiner Starrheit.
„Hast du das gesehen?”, fragte ich sie verwirrt. „Was sollte denn das? Als ob ich ihm sonst etwas angetan hätte! Er hatte doch Schluss gemacht. Wegen ihm gab es immer Streit. Ich war doch nicht die Böse.“
Ich schüttelte den Kopf und Tränen rollten über meine Wangen. Krampfhaft versuchte ich sie zu stoppen, aber dies erwies sich als äußerst schwierig, erst recht als Fine mich in die Arme nahm.
„Der wusste einfach nicht zu schätzen, was er an dir hat und so jemanden wie den hast du einfach nicht verdient. Er ist keine Einzige deiner Tränen wert“, versuchte mich Fine zu trösten.
Im Gegensatz zu letzter Woche, wo ich mir die Schuld für die Trennung gab und nach meinen Fehlern suchte, konnte ich ihr dieses Mal glauben. Dennoch tat es einfach so weh. Dieses ohnmächtige Gefühl der Hilflosigkeit, das ich der Entscheidung von ihm so ausgesetzt war und selbst nichts daran ändern konnte, die Wut darüber, dass er mich nicht brauchte und ich hingegen noch so an ihm hing, zu sehen, dass es ihm gut ging und ich litt wie ein Hund..., dies alles machte mich so fertig. Immer wieder diese Fragen im Kopf, warum er mich nicht lieben konnte, warum ich ihn liebte, warum ich ihn nicht einfach vergessen konnte und wie ich ihn verletzen könnte? Ein Wechselbad aus Gefühlen, zwischen Liebe, Hass, Wut und Gleichgültigkeit. Ich hatte es so satt. Ich wollte heraus aus der Gefühlsachterbahn, ich wollte endlich wieder nur ich sein, mein Leben in den Griff bekommen und einfach wieder nur glücklich sein.
Nach gefühlt zehn Minuten Weinkrampf in den Armen meiner Freundin, die mir liebevoll über den Kopf strich, wurde mir bewusst, dass wir uns in der Öffentlichkeit befanden und langsam wurde mir die Situation peinlich. Da standen zwei Gruftis herum und heulten, wie klischeehaft war das denn!
Ja, ich weinte nicht allein. Fine hatte die Angewohnheit, dass ihr stets Tränen kamen, wenn sie jemand anderen weinen sah. Als wir uns in die Augen sahen, wirkten ihre genauso glasig und rot, wie wohl auch meine und auch ihre Wangen wurden von Mascara und Eyeliner verziert.
Wir mussten Lachen, als wir uns einander anschauten. Was war das wohl für ein Bild für die Menschen um uns herum. Aber das war uns egal, wir fielen sowieso unter Anderen auf, skeptische Blicke waren wir gewöhnt.
„Oje“, meinte Fine, als sie in den Spiegel schaute und wischte sich mit einem Taschentuch das Make Up aus dem Gesicht. „So muss ich jetzt in die Vorlesung. Das geht doch nicht. Wenn ich dich so anschaue, du kannst so auch nicht rein“, schmunzelte sie. Sie ließ mich in ihren Spiegel schauen. Alles war bei mir verwischt. Mein roter Lippenstift war über die Lippen hinaus verschmiert, ich sah aus wie ein Clown. Gut, dass Fine schwarz trug, so konnte man meinen Lippenstift in ihrer Kleidung kaum entdecken.
„Was hältst du davon, wenn wir nicht zur Vorlesung gehen und uns stattdessen eine Flasche Wein holen und es uns bei mir gemütlich machen?“, fragte ich Fine und ein Lächeln umspielte meinen Mund.
„Nun ja, verpassen würden wir bei dieser Vorlesung nichts. Außerdem wäre das eine sehr gute Gelegenheit, den ganzen Max’ Kram, den du bestimmt gestern nicht mit weg geräumt hast, zu entsorgen“, stimmte Fine in meinen Vorschlag ein. „Wir könnten auch Dana vorbei kommen lassen. Das ist ja keine Haarfarbe mehr, die du da hast. Da könnte sie dich gleich mit färben.“
Ich nickte. Dana war gelernte Frisöse, oder wie es inzwischen genannt wurde, Friseurin. Vor ein paar Monaten war ihr Chef jedoch in den Westen gemacht und hatte den Laden hier geschlossen. Seit dem suchte sie nach einem neuen Job und bis sie einen fand, hielt sie sich mit Schwarzarbeit ein bisschen über Wasser.
Wir gingen zum nächsten Münztelefon und riefen Dana an. Sie freute sich wieder etwas zu tun zu bekommen und wollte gegen um vier bei mir vorbei kommen. Zufrieden mit unserem Plan hakten Fine und ich uns ein und machten uns auf den Weg zu mir. Unterwegs besorgten wir uns noch drei Flaschen Rotwein und einiges zum Kochen. Ich freute mich auf den gemeinsamen Nachmittag und Abend, aber ein bisschen Angst hatte ich schon vor dem Ausmisten von Max’ Sachen, Geschenken und Erinnerungsstücken.
Als ich gerade die erste Flasche Wein öffnete und uns je ein Glas eingoss, hielt Fine mir ein pinkfarbenes T-Shirt unter die Nase auf denen Erdbeeren in sämtlichen Größen gedruckt waren und dazwischen standen in unterschiedlichen Schriftformen- und größen „strawberry pie“, „strawberry jam“, „strawberry soda“, „strawberry mark“, „strawberry cake“, halt alles was es so mit Erdbeeren zu essen und trinken gab.
„Das ist nicht dein Ernst?“, fragte sie mich entsetzt. „Das ist nicht nur viel zu groß für dich, das ist auch noch unbeschreiblich hässlich.“
„Naja“, antwortete ich verlegen: „Das hatte mir Max zum Geburtstag geschenkt, weil ich so gern Erdbeeren esse. Er wollte immer das ich es anziehe und um ihn nicht zu verletzen hatte ich es wenigstens zum Schlafen angezogen.“
„Tara, das geht überhaupt nicht. Er wollte, dass du das anziehst? Was dachte er denn wie du aussiehst? Das Ding ist mindestens vier Nummern zu groß für dich und das pink nicht deine Farbe ist, hat er wohl auch nie gemerkt?“ Ich musste lachen. Dieses entsetzte Gesicht von Fine und ihre Art sich aufzuregen waren zu lustig. „Das ist nicht witzig Tara, das ist mein voller Ernst.“
„Ich weiß Fine, deswegen ja.“ Ich glaube niemand konnte sich wegen so einem T-Shirt so aufregen wie Fine. Ich war schon gespannt, was sie zu den anderen Dingen sagte, wenn sie diese fand. Max hatte mir kaum etwas geschenkt, was mir wirklich gefallen hatte. Das einzige Geschenk, bei dem er sich wirklich Gedanken gemacht und genau auf meinen Geschmack geachtet hatte, war ein silberfarbenes Armband, das er mir zum dreimonatigen Jubiläum geschenkt hatte. Es war verschnörkelt und mit vielen kleinen roten Glassteinen besetzt gewesen. Ich hatte es geliebt und ständig getragen. Leider verlor ich es einen Monat später bei unserem ersten heftigen Streit. Da hätte ich schon merken müssen, dass diese Beziehung unter keinem guten Stern stand.
„Oh… mein…Gott!“, tönte es aus meinem Schlafzimmer. Fine hatte sich weiter an das Ausräumen gemacht und ich ahnte, was sie gefunden hatte. Ich rannte zu ihr und sah, dass es genau das war, was ich vermutete. Kopfschüttelnd hockte sie davor und starrte darauf.
„Ich glaube das einfach nicht.“ Das Objekt ihrer Verachtung war ein Kalender von den Power Rangers.
„Den hatte er mir letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt. Er meinte wohl, ich würde mich über einen Kalender freuen. Über diesen hätte ich mich vielleicht auch gefreut, wenn ich sechs Jahre alt gewesen wäre“, lachte ich.
„Wo ist der Wein? Ich glaube ich brauche Alkohol um den anderen Kram zu überstehen, der wohl noch auf uns wartet“, sprach Fine.
Wir gingen zurück ins Wohnzimmer und stießen an. Danach ging es weiter ans Ausmisten. So schwer, wie ich dachte, dass es werden würde, war es gar nicht.
Natürlich kamen die Erinnerungen hoch, aber dank Fine, die zu jedem Ding eine entsprechende Bemerkung machte, hatte ich viel zu lachen und außerdem machte es Spaß über Max herzuziehen. Mit Humor war das Ganze doch eindeutig besser zu überstehen.
Wir hatten einen schönen großen Haufen aussortierter Dinge zusammen, als Dana klingelte. „Oh verdammt, wie sehen deine Haare aus? So würde ich nicht einmal den Müll runter bringen“, empfing mich Dana.
„Deswegen habe ich dich ja angerufen. Du sollst aus diesem Elend wieder einen Traum machen“, bestätigte ich ihre Aussage.
„Das kostet aber extra, weil dies beinahe eine Zumutung ist“, scherzte sie. Ich reichte ihr ein Glas Rotwein.
„Das muss als Extra reichen“, konterte ich.
Sie leerte das Glas in einem Zug.
„Ok, lass uns schnellstens mit deinen Haaren anfangen. Diesen Anblick ertrage ich nicht lange.“ Sie schob mich in mein Bad und ließ sich nicht einmal Zeit um Fine in Ruhe zu begrüßen. Diese kam mit ihrem Glas ins Bad hinterher geschlendert und lehnte sich in den Türrahmen. Dana rührte die Farbe an und ich freute mich schon auf das Ergebnis. Endlich würde ich wieder mein leuchtendes dunkelrotes Haar haben.
Während die Farbe einwirkte, begann ich in der Küche das Essen zu zubereiten. Dana half Fine die ausrangierten Sachen runter in den Müll zu bringen. Ich kochte Spaghetti mit einer Gorgonzola-Sahne-Sauce. Das Rezept dafür hatte ich letztens in einer Zeitung gesehen, die es seit der Wende nun auch bei uns zu kaufen gab und ich wollte es unbedingt einmal aus-probieren. Zumindest roch es schon einmal sehr lecker und einfach zu kochen war es auch. Wir drei setzten uns an meinen Wohnzimmertisch und nahmen gespannt den ersten Bissen. Ein „mmmhhh“ und „lecker“ beurteilte das Gericht als gelungen.
Nach dem Essen wusch Fine auf und Dana und ich verschwanden wieder im Bad. Sie wusch die Farbe aus meinen Haaren, trocknete sie mit dem Handtuch ab und nahm die Schere in die Hand.
Eines der grauenvollsten Momente beim Friseur war immer das Schneiden für mich gewesen. Ich wollte keinen einzigen Zentimeter meiner Haare hergeben. Dana hatte jedoch schon öfters bei mir geschnitten und kannte meine Phobie. Von daher vertraute ich ihr, dass sie wirklich nur das Nötigste abschnitt.
Trotzdem schaute ich, nach dem sie mir die Haare geföhnt hatte und mir den Blick endlich erlaubte, vorsichtig in den Spiegel.
Genial. Ich erkannte mich fast selbst nicht mehr. Das dunkle Rot strahlte mir entgegen. Die Spitzen hatten wieder eine gerade Länge und das Haar schwang bei jeder Bewegung mit und leuchtete dabei je nach Lichteinfall von einem zarten pinkfarbenen Ton bis hin in ein tiefes blutrot. Begeistert fiel ich Dana um den Hals.
„Das hast du super hin bekommen, endlich sehe ich wieder aus wie ich“, freute ich mich. Dana strahlte. Sie mochte es sehr, wenn man sie für ihre Arbeit lobte. Fine war von meinem Freudenschrei angelockt wurden und hob ihren Daumen als sie mich sah.
„Tara du siehst bombastisch aus. Jetzt kann ich mich mit dir in Berlin blicken lassen“, neckte sie. Ich streckte ihr die Zunge heraus. Es war so schön meine Mädels mal wieder um mich zu haben, zusammen Scherze zu machen und sich einfach nur zu amüsieren. Keine Beziehungsprobleme, die einem den Spaß verdarben, Tränen gab es nur vor Lachen. Es tat so gut. Das Leben konnte doch so leicht sein, so unbeschwert und schön. Ich hätte es sicher nicht allein geschafft, die Dinge, welche ich von Max bekommen hatte und die, welche mich mit ihm verbanden zu entsorgen. Schon gar nicht ohne in mein altes Elend zurück zu verfallen. Es war klasse Freundinnen zu haben, die einem dabei halfen und mit Scherzen und teils sogar boshaften Bemerkungen diese Arbeit erleichterten.
Dana trank noch gemütlich ein Glas Rotwein mit uns und wir quatschen über alles Mögliche. Halb elf verabschiedete sie sich von uns, leicht beschwipst, weil sie so gut wie nie Alkohol trank und ihr daher schon wenig davon reichte, um sie versaute Lieder singen zu lassen.
„Ich habe keine Lust nach Hause zu laufen. Kann ich nicht bei dir schlafen?“, fragte mich Fine und öffnete die letzte Flasche Rotwein.
„Das wollte ich dir auch schon vorschlagen. Ich fände es schön heute nicht allein schlafen zu müssen“, freute ich mich, glücklich über ihren Vorschlag. Wir überzogen mein Bett frisch und legten uns mit der Flasche hinein.
Wir redeten noch lange, so lange, dass der Rotwein leer war und ich noch einmal aufstand um die Flasche Schnaps aus dem Müll zu holen, die Fine und Dana bereits entsorgt hatten, da sie Max gehörte. Es war ein Kräuter und wir schüttelten uns nach jedem Schluck. Gegen drei Uhr schliefen wir letztendlich aneinander gekuschelt ein.
Ich wurde munter durch ein Geräusch, das ich in meinem Dämmerzustand noch nicht genau zuordnen konnte. Ich weigerte mich eigentlich schon wach zu werden, allerdings drang das Geräusch immer mehr in mein Ohr, so dass ich ohnehin wacher wurde. Ich zwang mich die Augen zu öffnen und blinzelte ins helle Licht. Es war bereits Tag, der Intensität der Sonne nach zu urteilen, sogar schon Mittag. Ich schaute neben mich. Fine lag nicht mehr im Bett. Ich seufzte und richtete mich langsam auf. Irgendetwas klapperte in meiner Küche. Neugierig stand ich auf und tapste barfuß zur Ursache des Geräuschs.
In meiner Küche stand Fine umringt von Tüten, Tüchern, Essen und Töpfen. Sie hielt eine Tasse Kaffee in der Hand und grinste mich breit an.
„Guten Morgen Schlafmütze, auch schon wach?, Ich war einkaufen. Solange schlafen wie du, kann ich nicht. Ich war bereits um neun putzmunter gewesen. Nun lass uns frühstücken. Ich habe schon einen Bären-hunger.“
Sie hatte echt an alles gedacht. Das war ein Frühstücksangebot, wie man es nur aus Westhotels kannte oder aus McDonalds. Da standen Rührei, knusprig gebratene Speckstreifen, Toast, Brötchen, Mar-melade, Käse, Wurst, Honig, Obst, Joghurt, Orangensaft, Kaffee und sogar mein Lieblingsmüsli.
„Und wo ist Nudossi? Oder Nutella?“, fragte ich sie mit hoch gezogenen Brauen? Erschrocken schaute sie mich an.
„Mist, die habe ich vergessen. Soll ich noch mal fix los, welche holen?“
„Oh Gott, nein, das war doch nur ein Scherz. Du hast so reichlich aufgefahren, dass ich gar nicht weiß, wie wir das alles schaffen sollen. Du bist spitze.“ Zufrieden grinste Fine.
„Also Tara, wie ist es dir nun um dein Herz bestellt?“, fragte mich Fine und kratzte in ihrem Joghurtbecher herum.
„Ganz gut. Ich freue mich auf unser Wochenende und ich fühle mich so gut wie lange nicht mehr“, antwortete ich und das war nicht einmal gelogen.
„Das ist doch prima. Da treffen wir uns also morgen früh um acht Uhr am Hauptbahnhof?“
„Eine furchtbare Uhrzeit, aber ja das tun wir.“ Ich verdrehte die Augen und grinste sie an. Ich wäre gern etwas später los gefahren, aber Fine hatte zeitlich alles durchgeplant und meinte, dass dies so sein müsste, schließlich würden wir erst in der Pension einchecken und dann bräuchten wir auch viel Zeit um in Ruhe uns schöne Kleidung kaufen zu können. Widerwillig stimmte ich ihr zu, da ich sowieso keine Chance gehabt hätte, sie bei diesem Thema umzustimmen. Wenn es um Zeitplanung ging, duldete sie keine Kompromisse.
Nachdem wir fertig waren mit Essen und wir aufgeräumt hatten, verabschiedete sich Fine von mir und drückte mich fest.
„Verschlafe morgen ja nicht“, drohte sie mir im Spaß.
„Na, ich schau mal“, ärgerte ich sie. Sie hob den Zeigefinger und lachte. Ich winkte ihr hinterher. Ich ging zurück in mein Wohnzimmer und ließ mich in meinen Ohrensessel sinken. Ich wippte mit meinen Pantoffeln und überlegte, was ich jetzt machen könnte. Es war erst um dreizehn Uhr. Meine Sachen könnte ich in fünf Minuten zusammen packen.
Also griff ich ein Buch aus dem Regal hinter mir und fing an noch etwas zu lesen. Es war ein leichter Krimi, nicht gerade interessant, aber als Zeitvertreib reichte es.
Nach zwei Stunden legte ich das Buch zur Seite und packte meinen Kram zusammen in meine kleine Reisetasche. Den Rest des Tages verbrachte ich mit Lernen für die Uni und Fernsehen. Da im abendlichen Programm nichts interessantes kam, entschloss ich mich heute zeitig ins Bett zu gehen, damit ich morgen früh ausgeruht war. Ich legte mir noch eine Nachtcreme auf, stellte meinen Wecker auf um sechs und deckte mich bis zum Kinn zu. Ich freute mich schon wahnsinnig auf unser Wochenende und mit den Gedanken daran schlief ich glücklich ein.
Ich erwachte und schaute auf die Uhr. Es war gerade um fünf Uhr. Noch vor dem Klingeln meines Weckers war ich wach und ich überlegte noch eine Stunde weiter zu schlafen. Jedoch war ich zu wach dafür. Egal wie sehr ich es versuchen würde, einschlafen könnte ich doch nicht mehr.
Normalerweise widersprach es meinem Sein vor dem eigentlichen Zeitpunkt aufzustehen. Ich blieb sonst sogar noch wegen vier Minuten liegen, wenn der Wecker es so anzeigte. Doch heute hielt mich nichts mehr im Bett. Ich war aufgeregt wegen des heutigen Tages und überhaupt wegen dem gesamten Wochenende.
Also sprang ich wild entschlossen und hellwach aus dem Bett und stellte den Wecker gleich aus. In meinen Pantoffeln schliff ich ins Bad. Ich duschte lange und heiß und griff anschließend zu meinen Schminksachen.
Bereits heute wollte ich gut aussehen. Ich sparte nicht an Lidschatten und Lidstrich und war nach zehn Minuten mit meinem Schminkergebnis zufrieden.
Gelernt ist gelernt und somit brauchte ich nicht lange um mich zu schminken.
Ich packte meine Kosmetik in die Tasche und machte mir einen Kaffee. Eigentlich war ich sogar zu aufgeregt um etwas zu essen, doch meine Vernunft ermahnte mich dazu, da ich ja nicht wusste, wann ich wieder Zeit hatte etwas zu essen. Also schmierte ich mir ein Brötchen mit Käse und aß es während ich zum Fenster herausschaute.
Das Viertel lag noch in absoluter Dunkelheit und es war totale Stille. Man hörte nur den Wind, der leise um die Hausecken pfiff und ab und an ein paar Blätter vorbei wehte, die vom Herbst bunt verfärbt waren. Es war kalt. Ich konnte meinen eigenen Atem sehen. Obwohl es erst Anfang Oktober war, roch die Luft nach Schnee, so würzig und allwissend.
Ich liebte diesen Duft, er war der Vorbote für die weiße Pracht. Es würde also nicht mehr allzu lange dauern, bis der erste Schnee fiel. Auf meine Nase konnte ich mich bis jetzt immer verlassen. Ich freute mich bereits auf diese Momente, wenn ich in meinem langen schwarzen Mantel durch den weißen Schnee ging und mir die verschiedensten Schneeflocken auf den Ärmeln ein Muster bildeten, dass nur der Winter so erschaffen konnte.
Ich schaute auf meine Küchenuhr. Es war inzwischen um sechs und ich überlegte mir, was ich die restliche Zeit mit mir anfangen sollte. Ich schloss das Fenster und goss mir noch eine Tasse Kaffee ein. Das heiße Getränk tat gut, denn ich war von meinem Fensterblick relativ durchgefroren. Ich beschloss mir einen wärmeren Pullover über meinen Pulli zu ziehen und nahm mir anschließend ein Buch aus dem Regal.
Ich hatte dies schon länger nicht mehr in der Hand gehabt. Es hieß „Carmilla, der Vampir“ von LeFanu und war unter einem Stapel von Heftromanen namens „Vampira“ versteckt gewesen. Auf die leicht erotischen Heftchen hatte ich jedoch gerade keine Lust. Daher setzte ich mich in meinen Ohrensessel und begann „Carmilla, der Vampir“ zu lesen.
Auf der ersten Seite stand eine Widmung von meinem Onkel, der mir das Buch zum Geburtstag geschenkt hatte. Obwohl ihm und meiner Tante meine Art zu Leben und mich zu Kleiden zuwider waren und wir ständig deswegen aneinander gerieten, hatte er mir dennoch dieses Buch geschenkt. Dies führte zwar zu einem handfesten Ehestreit zwischen meinem Onkel und meiner Tante, aber es war wohl auch das einzige Mal, dass ich meinen Onkel gemocht hatte und mich über ein Geschenk von ihm gefreut hatte, da es wirklich etwas gewesen war, was mir gefiel und er sich Gedanken über das richtige Geschenk für mich gemacht hatte. Von meiner Tante hatte ich hingegen damals einen bunt gestreiften Pullover bekommen und eine vergoldete Brosche in Form eines Schmetterlings, beides ruhe in Frieden in der hintersten Ecke meines Schrankes.
Nach einer dreiviertel Stunde legte ich das Buch zur Seite. Ich hatte zwar noch Zeit bis ich los musste, aber ich fand einfach keine innere Ruhe zum Lesen. Ich beschloss das Buch in meiner Reisetasche mitzunehmen. Nicht das ich damit rechnete in Berlin auch nur fünf Minuten Zeit zum Lesen zu haben, aber es war so eine Marotte von mir, auf Reisen stets ein Buch mitzuführen.
Anschließend lief ich durch die Wohnung und kontrollierte ob ich auch alles ausgeschaltet hatte. Ich zog mir meinen Ledermantel an, schnappte mir die Reisetasche und Handtasche und verließ meine Wohnung viel zeitiger, als es nötig gewesen wäre. Ich wollte aber lieber am Bahnhof die Zeit ein bisschen vertrödeln, als so aufgeregt noch länger in meiner Wohnung herum zu sitzen.
Ich schlenderte vorbei an den Holländerhäusern, in denen die meisten Bewohner noch schliefen. In Marla’s Café brannte jedoch bereits schon Licht. Sie bereitete wahrscheinlich schon alles für ihr Frühstücksangebot vor. Sie backte gerne ihre Brötchen selbst und jeden Tag bot sie auch drei verschiedene Sorten Kuchen an, die sie ebenfalls selbst backte.
Kein Wunder, dass sie schon so zeitig am Werkeln war, wenn sie bis zu ihrer Eröffnung um acht Uhr alles fertig haben wollte. Ich ging weiter zur Friedrich-Ebert-Straße, wo meine Straßenbahn zum Bahnhof abfuhr.
Es war ganz schön kalt um diese Uhrzeit und daher war ich sehr froh, dass ich nur wenige Minuten warten musste, bis die Straßenbahn kam. Die Bahn war bereits schon gut besetzt mit Leuten, die scheinbar auf dem Weg zur Arbeit waren. Einige schauten mich skeptisch an, als ich einstieg.
Ich war die Blicke bereits gewöhnt, die mein Äußeres hervorrief und wer bereits nicht schon daher aufmerksam auf mich wurde, dessen Aufmerksamkeit konnte ich durch das Geklingel meiner Schellen erlangen, die an meiner Tasche baumelten.
Unbeeindruckt dieser unverhohlenen Blicke setzte ich mich auf einen Sitz in der Nähe der Tür und stellte meine Taschen auf den Nachbarsitz. Es war draußen noch zu dunkel, als dass ich durch die Fenster der hell beleuchteten Straßenbahn hätte etwas sehen können.
Daher nahm ich meinen Walkman aus der Tasche und setzte mir die Kopfhörer auf. Aus Rücksicht auf meine verunsicherten und ablehnenden Mitfahrer drehte ich die Musik extra leise, sodass meine düstere Musik nur mich erreichte.
Nach wenigen Haltestellen hielt die Straßenbahn am Hauptbahnhof. Ich war bereits schon während der Fahrt aufgestanden und stürzte sofort los, als die Türen aufgingen. Ich war neugierig, ob Fine auch bereits am Bahnhof wartete oder ob sie wirklich erst kurz vor der verabredeten Zeit erschien. Auf dem Weg zum Bahngleis hielt ich jedoch erst noch bei einem Bäcker an. Eine Zeit für eine Tasse Kaffee musste noch sein. Um diese Uhrzeit brauchte ich einiges an Koffein um meine Augen offen und meinen Geist in einen halbwegs zurechen-baren Zustand halten zu können.
Ich trank das schwarze Elixier mit Wonne. Es würde bestimmt auch nicht die letzte Tasse für heute morgen bleiben, da war ich mir sicher. Fünf Minuten später eilte ich auch schon weiter zum Gleis.
