Tarlot - Robin Geiss - E-Book

Tarlot E-Book

Robin Geiss

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Beschreibung

Thomas Schwarz findet ein weindendes Mädchen auf seiner Treppe und erfährt, dass dieses vor einem Jahr gestorben ist. Fortan macht nicht nur ein namenloser Killer, sondern auch eine Spezialeinheit der Regierung auf ihn Jagd und er wird immer weiter in eine ihm fremde Welt getrieben, bei der nicht nur sein Leben auf dem Spiel steht.

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Seitenzahl: 514

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Robin Geiss

Tarlot

Teil 1

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

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Impressum neobooks

01

Vorwort

Mehr als elf Jahre sind vergangen, seit ich den ersten Satz für meinen vierteiligen Fantasy Thriller TARLOT geschrieben habe. Und noch viel länger ist es her, seit mir diese Geschichte in den Sinn gekommen ist. Angefangen hat alles mit einem einzigen Satz, über den ich lange grübelte, den ich faszinierend fand und der mich nicht mehr los ließ. Es ist der erste Satz von Christine Parsto, den diese in meinem Buch ausspricht und ich fing an zu grübeln, wie so etwas passieren könnte und baute mir nach und nach eine Geschichte auf, die mich immer mehr fesselte und die sich immer weiter ausbreitete. Natürlich habe ich nicht durchgehend an dieser Geschichte geschrieben, dann wäre ich selbst für einen Anfänger als Autor etwas langsam. Aber ich habe mich wirklich jeden Tag damit beschäftigt. Sei es nun das eigentliche Schreiben, Vorbereitungen treffen, Korrekturen vornehmen, Erinnerungen auffrischen, Notizen aufzeichnen, Recherchieren, Details ausdenken, Zukunftspläne schmieden und tausend Fragen an tausend Personen stellen. Manchmal zog sich der Prozess so lange hin, dass ich schon an der Fertigstellung zweifelte. Nie hingegen zweifelte ich aber an der Qualität der Geschichte. Es ist für mich nach wie vor die ultimative Verschmelzung von Fantasy, Thriller und Horror. Und warum sollte ich sie auch nicht so super finden? Schließlich habe ich mir genau das ausgedacht, was ich selbst fesselnd und aufregend finde. Etwas verwirrend mag die Tatsache sein, dass im ganzen ersten Buch nur sporadische Elemente der klassischen Fantasy zu finden sind. Aber im Gesamten betrachtet kann man das komplette erste Buch als Einleitung verwenden. Ich habe oft überlegt, ob ich gerade dieses Buch, das sehr oft überarbeitet wurde, am Ende nochmal neu schreiben sollte. Aber ich denke, wer alle vier Bücher gelesen hat wird mir zustimmen, dass die Reihe in sich 100% stimmig in ihrem Aufbau ist. Also liebe Fantasy Freunde, lasst euch nicht täuschen, die Einflüsse von Tolkien’s „Herr der Ringe“ werden noch spürbar. Und ich sage dies so offen, da es einfach natürlich ist, dass wir in unserem eigenen Schaffen ständig von unseren Erlebnissen beeinflusst werden. Seien es nun andere Romane, seien es Filme, die Musik (die mein ständiger Begleiter beim Schreibprozess war) oder einfach tägliche Erlebnisse. Ich wollte das Rad nie neu erfinden, sondern einfach meine Version eines spannenden Fantasy Romans schreiben, der zudem Einflüsse aus dem Thriller und Horrorbereich parat hält und eine epische Story bietet. Es war ein seltsames Gefühl, mich von all den Figuren nach so langer Zeit zu verabschieden und das Ende zuzulassen, aber es war einfach an der Zeit. Diese Geschichte ist zu Ende erzählt, ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen und freue mich über ein Feedback jeglicher Art.

Vorhang auf für eine fremde Welt, fremden Personen und willkommen im TARLOT!

TEIL I

Kalt. Es war sehr kalt. Fast schon unerträglich kalt. Er wollte sich schütteln, sich bewegen, irgend etwas tun, um die Kälte aus seinem Körper herauszubekommen. Sein Körper aber reagierte nicht. Er sah nichts. Nichts! Nur Dunkelheit. Stille. Und diese entsetzliche Kälte. Sonst nichts. Er sah nichts, er roch nichts, er hörte nichts. Und wäre die Kälte nicht gewesen, so hätte er gar nichts gespürt. Und noch etwas stimmte nicht. Etwas in seinem Körper schien … er wusste nicht, wie er es hätte benennen sollen, verschwunden zu sein. Nein, nicht verschwunden. Irgendwie anders: Es war kein Körperteil mehr an seinem Platz. – Da! Er glaubte in der Dunkelheit etwas ausmachen zu können. Das Aufflackern einer Lichtquelle? Aber so schnell, wie es gekommen war, war es auch schon wieder verschwunden. Hatte er es wirklich gesehen? Er war sich dessen schon nicht mehr so sicher. Diese verdammte Kälte machte ihn noch wahnsinnig. Er konnte sich noch nicht einmal für eine Sekunde konzentrieren. Da war es schon wieder! Etwas schien aus einer riesigen Entfernung durch die gnadenlose Dunkelheit zu ihm herüberzuleuchten. Es war nur winzig klein, aber er sah es. Unter normalen Umständen hätte er es wohl nicht wahrgenommen. Aber wenn man die totale Finsternis um sich hatte und außer einer großen Kälte nichts spürte, nahm man auch den kleinsten und entferntesten Lichtpunkt wahr, in der Hoffnung auf eine Erleuchtung für alles, was hier geschah. Eine Erleuchtung für das, was er war und was hier vor sich ging. Der kleine Punkt wurde jetzt größer. Kaum merklich, doch er wurde größer. Er war, wie es schien, noch immer Hunderte von Kilometern entfernt, aber es sah aus, als komme er auf ihn zu. Oder war er es, der sich auf die Lichtquelle zubewegte? Er war sich dessen nicht sicher. Drangen jetzt auch Geräusche an sein Ohr? Oder bildete er sich das alles nur ein? Konnte er dem trauen, was er wahrzunehmen glaubte: ein leises Summen wie in einem Raum, in dem ein Fernseher eingeschaltet ist. Es war da! Zwar nicht so stetig wie das Fernsehersummen, aber eindeutig etwas, das er hören konnte. Da, der Punkt wurde abermals größer, gewann immer mehr an Umfang. Und auch die Geräusche wurden lauter. Er konnte jetzt sogar etwas riechen. Zwar konnte er nicht sagen, womit er das in Verbindung bringen sollte, aber ein Geruch war in der Luft, kein Zweifel. Das einzige, was unverändert blieb, war die eisige Kälte. Aber sie schien erträglicher zu werden, da es endlich auch noch andere Wahrnehmungen gab, auf die er sich konzentrieren konnte. Er wusste zwar noch immer nicht, wer oder was er war, wo er war und warum er hier war. Aber es wurde ihm klar, dass er lag. Ja, er lag, wenn er auch nicht wusste, wo. Und allmählich stellte sich auch so etwas wie sein Gleichgewichtssinn wieder her. Der Lichtpunkt füllte nun bald seinen gesamtes Blickfeld. Er war nicht mehr so strahlend hell, wie er ihn noch vor wenigen Augenblicken wahrgenommen hatte, dennoch aber hell. Weiß. Auch die Intensität der Geräusche nahm jetzt zu; doch je lauter die Geräusche wurden, desto mehr hörte er heraus, dass sie durch etwas gedämpft wurden. Sie drangen zwar an sein Ohr, doch konnte er nichts Eindeutiges aus ihnen schließen. Auch die Gerüche wurden nun klarer und unterscheidbar. Manche waren angenehm, andere erschienen ihm sogar vertraut; wieder andere blieben ihm fremd und unangenehm. Die Kälte hatte er schon fast völlig verdrängt, und obwohl sie noch immer ein großer Teil dessen war, was ihn ausmachte, lenkten ihn die anderen Sinneswahrnehmungen doch von ihr ab.

Körper. Er war in seinem Körper. Er lag mit seinem Körper da. Er strengte sich an. Das Weiß über ihm kam ihm vertraut vor. Ja, er wusste, was es war! Langsam, sehr langsam kamen seine Gedanken wieder in Ordnung. Er lag sehr weich. Angenehm weich. Wenn bloß diese Kälte nicht gewesenwäre! Aber er durfte sich nicht von ihr ablenken lassen. Er wusste jetzt, was er da über sich erblickte: Es war eine Zimmerdecke. Er war in einem Zimmer. Nein, nicht in einem Zimmer. Er war in seinem Zimmer. In seinem Schlafzimmer. Er lag auf seinem Bett in seinem Schlafzimmer in seinem Haus. Und er hörte Stimmengemurmel hinter der geschlossenen Schlafzimmertür. Stimmengemurmel und noch etwas anderes. Was war es? Ein Schluchzen? Ja, er glaubte, er höre immer deutlicher ein Geräusch, das wie ein Schluchzen klang. Und diese Gerüche? Sie kamen zum Teil von dem Bett, von den Tapeten, den Schränken, von etwas, das ihm vertraut erschien. Es waren Gerüche, die er nie bewusst wahrgenommen hatte, weil sie tagtäglich um ihn gewesen waren. Jemand aber, der aus einer alles umschließenden Finsternis erwachte, nahm diese Gerüche wahr.

Er roch Parfum. Das Parfum seiner Frau und das Parfum einer weiteren Person. Er roch Kuchen. Kaffee. Aufgewacht.Ja, er war aufgewacht! Er lag auf seinem Bett und war aufgewacht. Wieso hatte er hier geschlafen? Soweit er es beurteilen konnte, spürte er keine Bettdeckeauf sich liegen. Und die Helligkeit im Zimmer kam nicht von einer Lampe. Sie kam durch das Fenster. Wieso lag er am hellichten Tag auf seinem Bett, wenn nebenan im Raum Leute waren. Allem Anschein nach sogar recht viele Leute. Und wenn sich so viele Leute versammelt hatten, so einparfümiert, und wenn sie Kuchen aßen und Kaffee tranken, wieso lag er dann hier auf dem Bett? Er musste hinausgehen! Sich präsentieren. Er hatte eine Verantwortung! Wo war seine Frau? Wieso ließ sie zu, dass er hier lag, während im Nebenraum eine Party stattfand? Er versuchte sich zu bewegen. Nichts geschah. Er konnte alles spüren, aber er konnte keinen Teil seines Körpers bewegen. Was war los mit ihm? Hatte ihn diese verdammte Kälte so sehr gelähmt, dass er sich nicht mehr bewegen konnte? Er versuchte es erneut. Nichts. Er konnte keinen Finger rühren, konnte den Kopf nicht heben. Er konnte noch nicht einmal seine Augen bewegen. Er konnte nur starr geradeaus blicken. Er wollte schreien, aber sein Mund öffnete sich nicht. Selbst seine Stimmbänder, so schien es, waren durch die Kälte starr geworden. Was ging hier vor sich? Er hatte noch immer dieses eigenartige Gefühl, dass in seinem Körper etwas nicht stimmte. Hier stimmte einiges nicht! In seinem Körper schien etwas zu fehlen. Und doch war es dort. Es war zwar keine Leere auszumachen, aber dennoch fehlte etwas. Und er wurde das Gefühl nicht los, dass es etwas Entscheidendes war. Entscheidend für das, was hier vor sich ging, und vielleicht für noch mehr. Er vernahm ein leises Klicken. Kurz darauf hörte er das Stimmengemurmel etwas lauter werden. Die Tür. Die Tür wurde geöffnet! Endlich kam ihm jemand zu Hilfe. Endlich würde er erfahren, was hier vor sich ging. Die Tür wurde leise wieder geschlossen und er hörte Schritte, die sich dem Bett näherten. Am äußersten Rand seines Sehfeldes nahm er schemenhaft eine Gestalt wahr. Erst als sie sich zu ihm aufs Bett setzte, konnte er erkennen, wer es war: Es war seine Tochter, seine achtjährige Tochter Jaqueline. Er wollte ihren Namen rufen, aber er konnte sich noch immer nicht rühren. Jacqueline saß neben ihm und schaute ihn an. Er bemerkte, dass ihr Tränen über die Wangen rollten. Was hatte sie nur? Seine arme kleine Tochter. Er wollte sie fragen, aber er hatte keine Kontrolle über seine Sprechwerkzeuge. Wieso weinte sie und starrte ihn einfach nur an? Sah sie, dass seine Augen geöffnet waren, er sich aber nicht regte? So etwas nahm man doch nicht als normal hin! Seine Tochter kannte ihn doch! Aber sie saß da und blickte ihn einfach nur an. Es schien, als starre sie einfach nur durch ihn hindurch. Was war mit ihr? Sie saß neben ihm in einer schwarzen Bluse, und, wenn er seinen eingeschränkten und verschwommenen und Wahrnehmungen trauen konnte, auch in einer schwarzen Hose und weinte. Dann öffnete sie den Mund, und er hörte ein leise geflüstertes „Pappi“. Was ging hier vor sich? Eine Frage schoss ihm durch den Kopf: Wenn ihm so kalt war, wieso zitterte er nicht? Wieso klapperten seine Zähne nicht? Sein Körper machte nicht die geringsten Anstalten, doch noch zu funktionieren. Mit Ausnahme seiner Sinneswahrnehmungen funktionierte gar nichts an seinem Körper. Gar nichts? Und das Atmen? Ihm wurde bewusst, dass er keinen Atemzug getan hatte, seit er aus dem dunklen kalten Nichts aufgetaucht war. Und die Leere, die er in seinem Körper fühlte, kam von seinem Herzen. Es war da! Doch genau so, wie man es nicht wahrnimmt, wenn es tagtäglich normal schlägt, nahm er jetzt wahr, dass sein Herz nicht schlug. Nein, unmöglich! Wenn sein Herz nicht schlüge, wäre er tot! Da ging die Tür zum zweiten Mal auf.

„Jacky? – Jacky, was tust Du hier? Du sollst doch nicht …“

Er erkannte die Stimme seiner Frau: „Ach, Jaqueline, komm her. Komm doch her!“

Seine Tochter erhob sich vom Bett und ging zu seiner Frau, die vermutlich an der Tür stand. So weit konnte er das nicht überblicken. Er hörte, wie sie tröstende Worte zu ihrer Tochter sprach.

Was ging hier vor? Er wollte schreien. Er nahm alle Kraft zusammen, um zu schreien. Doch nichts geschah. Er geriet in Raserei. In innerliche Raserei. Hätte er gekonnt, er hätte vermutlich in diesem Moment so laut geschrien, dass alle Fensterscheiben in der Nachbarschaft zersprungen wären.

Da erschrak er. Er sah, wie sich seine Frau über ihn beugte, ihre linke Hand ausstreckte, seine Augenlider berührte und sie mit einem „Ach, Schatz!“ schloss. Was ging hier vor sich? Warum nahm sie ihm jetzt noch das bisschen, was er sehen konnte? Wenn er seine Augen schon nicht bewegen konnte, wollte er wenigstens die Decke anstarren. Besser als diese Dunkelheit. Und diese Kälte. Nein! Das konnte alles nicht sein! Hilfe!! Jemand musste ihm helfen. Er würde wahnsinnig werden! Hyperventilieren! Nein, das konnte er ja gar nicht! Er konnte ja nicht atmen und sein Herz schlug nicht. Er wusste, was mit ihm geschehen war, doch weil er dieses Wissen immer wieder verdrängte, verfiel er langsam aber sicher dem Wahnsinn. Ihm kamen Erinnerungen an einen Krankenwagen. Er hörte das Pulsieren einer Herzrhythmusmaschine. Er hörte die Stimmen hektischer Ärzte. Er hörte Schreie. Er hörte ...

„Du weißt doch, Jacqueline, dass Du nicht hierhergehen sollst. Das macht alles nur noch schlimmer. Du weißt, was der Arzt gesagt hat. Aber ich kann Dich verstehen, mein Schatz. Auch ich will nicht wahrhaben, dass er von uns gegangen ist. Komm mit nach draußen. Dort ist jetzt die beste Ablenkung für uns.“

Mit einem lauten Krachen fiel die Tür ins Schloss. Und dieses Geräusch holte ihn zurück von der Schwelle des ihm drohenden Wahnsinns. Er war tot. Er lag auf seinem Bett und war tot. Draußen war seine Totenfeier im Gange. Wenn er hier auf dem Bett lag, so bedeutete dies nur, dass seine Frau ihren Willen durchgesetzt hatte, ihn bis zu seiner Totenfeier im Haus zu behalten. Und das Begräbnis würde wahrscheinlichspätestens morgen stattfinden.

Er war aufgewacht und doch war er tot.

02

Ein schönes Bündel 100-Mark-Scheine steckte in seiner Tasche. Ein fetter Batzen. Ja, das fühlte sich gut an. Diese Stange Geld entschädigte für so ziemlich alles. Damit konnte man schon was anfangen, damit ließ es sich leben. Aber den Jungen macht es auch nicht wieder lebendig, meldete sich die rechtschaffene Seite in ihm zu Wort, der Junge ist tot und Du hast die Kohle, Du hast die Verantwortung dafür!– Aber nein, das stimmte nicht! Er hatte den Jungen nicht auf dem Gewissen. Er hatte eingegriffen.Er hatte nicht gewollt, dass er starb. Was hätte er denn tun können? Er hatte alles versucht, um ihn zu retten. Aber wie in aller Welt hätte er wissen können, dass er mit einem Psychopathen zusammenarbeitete? Gar nicht, war die einzige vernünftige Antwort darauf. Klar, es gab viele Kaputte dort, aber nicht jeder von denen war zu so etwas fähig. Fast keiner. Die meisten zogen eh den Schwanz ein, bevor sie was anrichteten. Es gab dort nur wenige, die Mumm in den Knochen hatten. Und als mutig konnte man diesen kaltblütigen Mord wohl kaum beschreiben.

Und das Geld? Nun, selbst wenn er es zurückgäbe oder einer Wohltätigkeitsorganisation vermachte, würde das den Jungen nicht wieder zum Leben erwecken. Er war tot. Daran änderte sich nichts mehr. Und er wäre am allerwenigsten in der Lage, einen Toten zum Leben zu erwecken. Wieso machte er sich so viele Gedanken? Was geschehen war, war geschehen. Er sollte sich lieber auf die Zukunft konzentrieren. In der gab es Dinge, die noch zu verändern waren.

Tom steckte sich eine Zigarette in den Mund, nahm sein Zippo und zündete sie an. Er betrachtete die Straße vor sich. Hier, in diesen Ein- und Zweifamilienhäuschen lebten die Familien glücklich und zufrieden. Noch! Der Mann ging morgens zur Arbeit aus dem Haus; die Frau blieb daheim, versorgte die Kinder, brachte sie zur Schule, kümmerte sich um den Haushalt; und abends saß die ganze Familie wieder zusammen vor dem Fernseher wie bei den Simpsons, fügte er innerlich lächelnd hinzu. Hier war die Welt noch in Ordnung. Haha, ja, sehr in Ordnung: Der zwölfjährige Sohn dealte gerade auf dem Schulhof mit seinen Mitschülern, die sechzehnjährige Tochter versuchte, sich nebenbei ein paar Mark auf dem Strich zu verdienen, und der so liebevolle und fürsorgliche Vater sorgte gerade dafür, dass in seinem Bauunternehmen ein paar hundert Männer entlassen wurden, um das drohende Insolvenzverfahren abzuwenden; diese Leute würden eine sehr hohe Abfindung bekommen, die sie spätestens in einem Jahr wieder verprasst hätten, und zuerst auf dem Arbeits-, dann auf dem Sozialamt würden sie sich alle vereint wiedersehen. Manche von ihnen hatten vielleicht Glück und konnten dann irgendwo im Supermarkt Kassierer spielen; andere würden sich eher umbringen, als ihrer Frau zu erzählen, dass sie mit „diesem“ Schulabschluss und in „diesem“ Alter wohl keine Arbeit mehr bekämen. Dann sollten doch die Frau und die Tochter die Lebensversich… TUUUUUHHHT! – Tom wurde vom Fahrtwind des hupend vorbeirauschenden LKW fast herumgerissen.

„Fahr doch noch schneller, Du Vollidiot!“, rief er mit einer ausgestreckten Handdem LKW hinterher. Er hatte bei seinen Träumereien über die glücklichen Familien schon halb auf der Straße gestanden. Er zog an seiner Zigarette und musste über sich und seine Gedanken lächeln. Nein, ihm ging es nicht schlecht. Und er tat nichts Schlimmeres als die meisten Einwohner in diesem fassadenschönen Land. Ja, so war es: Fassaden, überall Fassaden! Nach außen hin immer schön wirken. Die Wirklichkeit vertuschen! Das kam ihm irgendwie bekannt vor. Nun, er war umgeben von der Wahrheit. Er würde jetzt schön in sein Mietappartment gehen, ein Bad nehmen, eine Pizza bestellen und ein wenig in der Glotze rumzappen. Und nichts und niemand würde ihn heute noch stören. Er bog um die Ecke, um zu der Straße zu gelangen, in der das Mietshaus stand. Nach einem neuerlichen Zug an seiner Zigarette sah er das Mädchen. Es saß auf der Treppe am Eingang des Eckhauses, den Kopf in die Hände gestützt. Sie schluchzte. Nun, kleine Mädchen in diesem Alter, die bei Sonnenschein nachmittags draußen saßen, schluchzten schonmal. Ihre Freundinnen hatten sie geärgert, sie hatten sich ein Knie beim Rollerbladen aufgeschlagen (Geld in einer Spielhölle verloren! fügte sein Sarkasmus noch hinzu). Dies alles aber traf wohl gerade auf dieses Mädchen nicht zu. Er hatte da so ein Gefühl. Okay, jeder andere hätte dieses Gefühl wohl auch gehabt, denn daran, dass ihr etwas Besonderes zugestoßen war, hätte wohl nur ein Blinder gezweifelt. Sie saß in einem sehr dünnen Kleidchen da. Wahrscheinlich war es einmal weiß gewesen, doch nun war es ein graubrauner Lumpen, an manchen Stellen zerrissen, ausgefranst und zerlöchert. Selbst ihre dunkelbraunen schulterlangen Locken waren dreckverschmiert. Welche Mutter würde ihr Kind in solch einem dünnen Kleidchen, eher wohl noch einem Nachthemdchen, auf die Straße schicken? Noch dazu in dieser Jahreszeit. Es war November und saukalt. Und dass jemand so mit Dreck verschmiert sein konnte …

„Hey! – Hey, Kleine!“, sprach Tom sie an.

Er ging noch zwei Schritte auf sie zu. Sie blieb zwar sitzen, aber sie blickte ihn nicht an und zeigte auch sonst keine Reaktion.

Tom ging vor dem Mädchen in die Hocke. Er hatte keine Erfahrung mit Kindern. Was machte er überhaupt hier? War sie sein Problem? Vielleicht wollte er nur irgendwie jemandem helfen. Jemandem helfen, weil er dem Jungen nicht geholfen hatte. Blödsinn, sagte er zu sich in Gedanken und konzentrierte sich wieder auf das Mädchen. Er zog noch einmal an seiner Zigarette und schnippte sie dann auf die Straße.

„Hey, Kleine, was ist denn los?“, fragte er das Mädchen, während er seine Hand nach ihr ausstreckte und ihr über die Schulter strich. Das Mädchen hob langsam den Kopf und schaute ihn an.Auch ihr Gesicht war dreckverschmiert; es glänzte von ihren Tränen.

Als Tom die Trauer in ihrem Gesicht sah, erschrak er: „Hey, was ist denn passiert? Was hast du denn?“, fragte er so sanft er konnte.

„Letztes Jahr starb ich mit elf Jahren“, sagte sie und blickte ihm in die Augen.

Ein Frösteln lief über Toms Rücken. Was war das? Was hatte sie gesagt!? Sie starb!? Sie war gestorben? Was!? Er war ganz verwirrt. Wahrscheinlich war die Verwirrung, von der das Mädchen offenbar ergriffen war, ansteckend.

„Hör mal, ähm … was Du da sagst, ist wohl ein wenig, ähm … ungewöhnlich. Wo wohnst Du? Wo sind Deine Eltern?“

Das Mädchen blickte ihn stumm an, hob langsam die Schultern und ließ sie wieder sinken. Tom hatte ein ungutes Gefühl. Er blickte sich ratlos um. Die Straße war menschenleer. Hinter ihm, auf der Hauptstraße, rauschte noch immer ab und zu ein LKW vorbei. Außer ihm und dem Mädchen war hier niemand zu sehen.

„Hey, jetzt beruhig Dich erstmal und sag mir mal, wie Du heißt.“

„Ich weiß es nicht. Ich weiß überhaupt nichts. Außer dass ich letztes Jahr gestorben bin. Ich habe … ich war …“. Sie fing an zu stammeln und brach dann erneut in Tränen aus.

„Schhhh“, versuchte er sie zu beruhigen, „hey, es wird alles wieder gut. Komm, wir gehen jetzt erstmal zu mir und dann wäschst du dich und dann rufen wir deine Eltern an, ja?“

Tom stand auf und reichte dem Mädchen seine Hand. Das Mädchen erhob sich langsam und reichte ihm seine Hand. Sie zitterte am ganzen Körper. Verständlich bei dieser Kälte, und noch dazu war sie total abgemagert. Tom konnte nicht glauben, dass es möglich war, mit solch dünnen zitternden Beinchen überhaupt zu laufen. Aber sie schaffte es. Er ging langsam, Hand in Hand mit dem verschmutztesten – etwa jetzt zwölfjährigen? – Mädchen, das er je zu Gesicht bekommen hatte, auf das Haus zu, in dem er wohnte. – Was hatte sie ihm gerade erzählt? Die musste total verwirrt sein!

„LETZTES JAHR STARB ICH MIT ELF JAHREN“, hallte es in seinem Kopf wieder. Was für ein Unsinn! Ihre Hand war eiskalt. Kein Wunder bei so einem dünnen Totenkleidchen. Nein, kein Totenkleid! Tote kamen nicht wieder. Tote blieben tot. Der Tod …

Seine Gedanken kehrten ins Diesseits zurück, als er auf einmal ein leichtes Ziehen an seiner linken Hand verspürte. Schnell schloss er seine Hand fester um die ihre, da sie sonst auf den Gehsteig geplumpst wäre. Anscheinend war sie ohnmächtig geworden. Das hätte er auch voraussehen können, so bleich und zittrig wie sie war.

Er ließ sie sanft zu Boden gleiten und nahm sie dann mit beiden Armen wieder auf. Die paar Meter würde er sie auch tragen können. Wenn nun irgendein Passant vorbeikäme, würde er wahrscheinlich schneller im Knast landen, als er gucken konnte. Er gab bestimmt ein schönes Bild ab mit diesem Mädchen auf den Armen, das starr vor Kälte und dreckverschmiert war. Als habe er sie geheiratet und wolle sie nun über die gemeinsame Türschwelle tragen! Auch roch sie nicht gerade frisch. Zum Glück war die Straße noch immer menschenleer. Als er bei dem Mietshaus ankam, in dem er seine Wohnung hatte, legte er das Mädchen sachte auf die oberste Stufe der Einganstreppe, schloss die Tür auf und hob die Kleine, die noch immer die Lider geschlossen hatte, wieder auf, um sie (jetzt tatsächlich) über die Schwelle zu tragen. Als er im Hausflur stand, drehte er sich, um der Tür einen leichten Tritt zu verpassen, damit sie ins Schloss fiel. Da bemerkte er eine Gestalt auf der anderen Straßenseite. Sie schien zu ihm herüberzustarren, so ganz genau konnte er das nicht erkennen. Die Gestalt war in Lumpen und Umhänge gehüllt, und eine Kapuze verdunkelte das Gesicht. Die Gestalt blieb stumm. Sie regte sich noch nicht einmal. Sie schien einfach nur bewegungslos auf der anderen Straßenseite zu stehen und ihn anzustarren. Zum zweiten Mal an diesem Tag lief ihm ein Schauer über den Rücken. Eben noch war die Straße menschenleer gewesen, und jetzt stand da dieser … dieses … keine Ahnung was … dieser Penner dort drüben und betrachtete ihn, wie er mit dem verschmutzten, kalten, übelriechenden – und toten? – Mädchen auf den Armen in seine Wohnung ging. Von der Gestalt ging nichts Gutes aus. Wer vermummte sich schon an einem solchen sonnigen Novembertag mit solchen Lumpen? Und was hatte diese Gestalt hier überhaupt verloren?!

Scher Dich weg! wollte Tom rufen, doch er blieb stumm. Eine seltsame Ausstrahlung ging von der Gestalt dort drüben aus. Eine eigenartige Aura umgab sie, die ihn daran hinderte, auch nur einen einzigen Ton über die Lippen zu bringen. Ihm wurde immer kälter. Er hatte das Gefühl, dass die Straße schmaler und schmaler wurde und dass hierdurch die Gestalt, ohne sich zu bewegen, immer näher kam. Er blickte noch immer auf die Kapuze, konnte jedoch nur Schwärze darunter erkennen. Er schien langsam in dieser Dunkelheit zu versinken. Magisch zog sie ihn an. Er wurde von ihr gerufen.

Nein, sie rief nicht, sie rief nicht laut! Doch, sie rief ihn in Gedanken, aber sie rief nicht seinen Namen, sie rief nicht „TOM“. Namen waren für diese Gestalt bedeutungslos. Er wurde so gerufen, wie er wirklich war. Nicht mit irgendwelchen Buchstaben oder Lauten. Buchstaben, die die Menschheit vor Tausenden von Jahren erfunden hatte, um besser kommunizieren zu können. Er war mehr als Thomas Schwarz. Er war mehr als diese dreizehn Buchstaben, diese drei Silben. Und genau so, mit mehr als nur Buchstaben, rief ihn die Gestalt auf der anderen Straßenseite. Ja, sie rief ihn. Sie forderte ihn zu etwas auf. Sie befahl ihm, nein, sie bat ihn, näherzukommen. Eine Bitte, der er nachkommen musste. Tom begann langsam seinen Fuß anzuheben, als eine höllisch laute Harley am Haus vorbeifuhr und ihn aus seiner Trance aufschreckte. Beinahe hätte er vor Schreck das Mädchen fallengelassen. Mit einem Fußtritt, kräftiger als noch vor wenigen Sekunden vorgesehen, beförderte er die Haustür ins Schloss und unterbrach damit endgültig die Anziehungskraft, die von der ungewöhnlichen Gestalt ausging. Nein, keine ungewöhnliche Gestalt! sagte er sich, ein Penner, nur ein Penner!

Er war verwirrt. Der tote Junge, das Mädchen auf seinem Arm, der Lumpenmann und die Behauptungen aus dem Mund des Mädchens hatten ihn verwirrt. Er schüttelte sich kurz, um wieder klare Gedanken zu bekommen, und ging, noch immer mit dem Mädchen auf den Armen, langsam die Treppen zu seiner Wohnung hinauf.

03

Der Anzug stand ihm gut. Er war ein stattlicher junger Mann, sah zwar etwas blass aus, aber das war wohl nicht zu ändern. Er betrachtete seine Hände: Die Abschürfungen vom Deckel waren noch ein wenig zu sehen, aber wenigstens war er jetzt sauber. Er blickte zur Anrichte und sah Autoschlüssel dort liegen. Ob er noch Auto fahren konnte? War das überhaupt zu verlernen? KEr hatte keine Ahnung. Selbst wenn er jemanden hätte fragen wollen, so hätte er nicht gewusst, wen. Wer war denn schon einmal in einer solchen Situation gewesen? Von allen, die er kannte, wohl niemand. Er bezweifelte stark, dass es jemanden gab, der in einer solchen Situation wie er steckte, jemanden, den er nicht kannte. Nunja, es gab da jemanden, von dem er wusste, dass es ihr wahrscheinlich genauso ging wie ihm. Er wusste nicht, warum er sich da so sicher war. Aber er war sich dessen genauso sicher wie der Tatsache, dass mittlerweile ein Jahr vergangen sein musste. Warum ausgerechnet ein Jahr? Egal. Er wusste jedenfalls, dass er jetzt wieder da war. Um weiterzumachen und um sein begonnenes Werk zu vollenden. Um fertigzustellen, was irgendein blöder Zufall vor einem Jahr noch nicht zugelassen hatte. Aber das Schicksal war auf seiner Seite. Ja, er war wieder da! Und diesmal würden ihn keine Kugeln aufhalten. Nach einem erneuten Blick in den Spiegel, der ihm, abgesehen von seiner weißlichen Haut, sein makelloses Aussehen bestätigte, drehte er sich um und ging zurück in die Küche. Er würde noch einen Happen essen, bevor er sich auf den Weg machte. Er verspürte zwar keinen Hunger, aber sicher war sicher. Er wollte nicht durch ein blödes Hungergefühl abgelenkt werden. Er öffnete die Kühlschranktür und griff nach der Stangensalami und ein paar Joghurts. Nachdem er sich ein Messer und einen Löffel aus der Schublade neben dem Kühlschrank genommen hatte, setzte er sich an den Tisch und begann zu essen. Und nachzudenken. Er dachte an die vergangenen Stunden. Er dachte daran, wie er aufgewacht war. Und wie er nichts als Dunkelheit erblickte und nur den Moder roch und die Fäulnis. Er dachte daran, wie er zuerst an dem Deckel herumgeklopft und ihn schließlich, mit übermenschlicher Kraft, zerschmettert hatte. Dabei schürfte er sich zwar ein wenig die Haut an den Händen auf, aber es kam kein Blut zum Vorschein. Durch die Erde. Erde fiel ihm in die Augen, in den offenen Mund. Überall war Erde. Und er drückte sich mit den Füßen immer weiter nach oben. Er begann die Erde mit den Händen beiseitezuschieben und sich nach oben durchzuarbeiten. Immer wieder rieselte Erde nach. Dann der Durchbruch. Endlich spürte er die Luft. Die klare Luft einer klaren Novembernacht. Er hatte es geschafft. Er war raus aus dem Loch. Er war draußen. Er lag neben der aufgeworfenen Erde auf dem Rücken, betrachtete den zunehmenden Mond und sog die Luft ein. Zu diesem Zeitpunkt wusste er weder, wo er war, noch wer er war, noch was sich ereignet hatte.

Doch jetzt, mehr als einen halben Tag später, hatte er wieder alle Erinnerungen, die er jemals besaß. Jetzt, nachdem er den Friedhof verlassen und hier an diesem Haus geklingelt hatte, nachdem ihn die freundliche alte Ehefrau von Klaus Bernhardt, der in ein paar Teile zerstückelt neben einem Stuhl lag, in ihr Haus gelassen hatte, kam ihm die Erinnerung wieder. An alles, was er jemals getan hatte. Er stieß mit der rechten Schuhspitze den Arm von Klaus ein wenig beiseite. Welch wunderbaren Kontrast das rote Blut auf den schwarzen Lackschuhen bildet, dachte er, während er ein Stück von der Salami abbiss. Nachdem er sie ganz aufgegessen hatte, verließ er die Küche. Diese kleine Schlampe lebte ebenfalls, das wusste er. Er fühlte sich zu ihr hingezogen. Und er würde zu ihr gehen. Er würde sie finden, da war er sich ganz sicher. Und wenn er sie fand, würde er da weitermachen, wo er vor einem Jahr aufgehört hatte, hatte aufhören müssen. Aus diesen beiden Leichen hier im Hause machte er sich nichts. Die waren nur Mittel zum Zweck. Sie passten in seine Pläne. Und was waren schon hier und da ein paar Leichen mehr oder weniger. Er brauchte jedenfalls auch etwas zum Anziehen. Und der Anzug von diesem Klaus stand ihm ausgezeichnet. Ein fahrbarer Untersatz war ebenfalls nicht schlecht. Sobald es dunkel würde, wollte er sich auf den Weg machen, diese kleine Schlampe suchen und weitermachen. Er blickte noch einmal zurück in die Küche und betrachtete Klaus. Ja, der sah kaputt aus, aber zu leiden hatte er nicht viel gehabt. Im Gegensatz zu seiner Frau. Die war vielleicht noch am Leben. Aber das war ihm jetzt auch egal. Die heutige Nacht jedenfalls würde sie nicht überleben. Dafür hatte sie zu viele Wunden am Körper, aus denen das Blut sickerte. Und selbst wenn sie sich irgendwie auf dem Stuhl im Wohnzimmer von dem Klebeband befreien könnte, was schier unmöglich war, würde sie niemals diese Schmerzen aushalten können und sich zum nächsten Telefon robben. Gehen würde sie mit abgeschnittenen Zehen wohl kaum mehr. Und sich voranziehen? Daran glaubte er auch nicht so recht. Er hatte so ungefähr 50 Nägel in jede ihrer Hände geschlagen. Jemand, der solche Schmerzen nicht gewöhnt war, konnte mit ihnen auch nicht umgehen. Als er ihr Bild in Gedanken sah, musste er grinsen: den Mund zugeklebt, die Augen weit aufgerissen, halb wahnsinnig, halb flehentlich. Und die Haut rund um ihre Schultern in dreieckigen Fetzen herunterhängend. Wie eine geschälte … eine … ja, eine was? Fiel ihm nicht ein. Auf jeden Fall fand er es komisch.

Er nahm die Schlüssel von der Anrichte und verließ das Haus.

04

KLATSCH! – Und noch einmal: KLATSCH! Der Kopf des Mädchens flog zur Seite. Sie fing an zu schniefen. Diese dreckige Hure! Wenn er nachher wieder ihren Rotzan der Hand hatte … bah! Er schnappte sich einen Haarbüschel und zog ihren Kopf daran nach hinten. Sie stöhnte auf. Wie sie nun aussah: Die Augen total rot und verquollen vom ewigen Flennen, die Wangen gerötet von den kleinen Klapsen, die er ihr immer wieder gab! Das schöne Ding!

„Los, mach weiter!“, befahl er ihr. Sie schaute ihn ängstlich an, tat aber nichts weiter. Er hob die Hand, und sie fing wieder an, seinen Schwanz zu lutschen. Ah, herrlich! dachte er. Diese verdammte Schlampe. Es geilte ihn richtig auf, wenn er ihr ab und an mal eine Ohrfeige gab. Was glaubte dieses Miststück eigentlich, wer sie war?! Er würde ihr schon beibringen, wie sie sich ihm gegenüber zu verhalten hatte. Oh ja, diese kleinen Junkies hatten es einfach nicht besser verdient. Die flehten doch förmlich um solch eine Behandlung. Er packte sie mit beiden Händen am Kopf und schob und zog ihn immer schneller vor und zurück. Kaum zehn Minuten später lag er ausgestreckt auf dem Bett. Die kleine Junkie-Hure hockte mit angezogenen Knien in der Ecke gegenüber und heulte. Es störte ihn nicht. Er dachte an den Mittag. Nur Psychopathen unterwegs! Buddeln einfach so die Leiche eines Mädchens aus, nur Verrückte auf dieser Welt! Gegen 11 Uhr meldete der Gemeindediener die Grabschändung. Zusammen mit seinem Kollegen Deswin fuhr er daraufhin zum Friedhof. Sie betrachteten sich das Ganze, befragten den Diener und sperrten das Gelände ab. Auf den ersten Blick hatte es tatsächlich so ausgesehen, als sei das Grab von innen her aufgebrochen worden. Natürlich völliger Schwachsinn, da das Mädchen schon seit einem Jahr tot dort gelegen hatte!

Als sie noch nicht einmal ganz mit der Absperrung fertig waren, tauchten erwartungsgemäß ein paar Reporter auf, um daraus die mögliche Sensation des Jahres zu machen. Diese miesen kleinen Reporter! Wie er sie hasste! Fast so sehr wie diese Junkie-Hure. Er war schon sehr gespannt darauf, welcher von diesen schleimigen Scheißern es wagen würde, die Tatsachen so zu verdrehen, dass dieses Mädchen – wie hieß sie noch gleich? ach ja: Christine Parsto! – von den Toten auferstanden und aus eigener Kraft aus ihrem Grab gekrochen war. Manchen Reportern war eine solche Berichterstattung ja zuzutrauen. Der Dorfdiener warjaauch nicht gerade abgeneigt, den Reportern alle möglichen Gespenstergeschichten über den Friedhof aufzutischen. Er würde wohl seinenmaßgeblichenTeil dazu beitragen, dass dies DIE Horrorstory des Jahres wurde.AberKommissar Paul Vinel blieb realistisch: Dies war eine ganz normale Grabschändung von ein paar Junkies, die wahrscheinlich versuchten, den Teufel anzubeten. Waren sie sich nicht bewusst, dass sie den Teufel allein schon dadurch anbeteten, dass sie sich tagtäglich den Koks, das Heroin und das Crack reinzogen?

Paul hatte an dem Nachmittag alle Hände voll zu tun gehabt, Frau Parsto ausfindig zu machen und sie von der Grabschändung in Kenntnis zu setzen, da sich die gute Frau gleich nach dem Tod ihrer kleinen Tochter aus dem Staubmachte/gemacht hatte und jetzt ihr Glück als Modedesignerin in Paris versuchte. Diese gottverdammte Schweinerei der noch immer trauerndenMutter mitzuteilen, war nicht gerade eine schöne Aufgabe gewesen. Sein Polizistendasein hatte keineswegs nur angenehme Seiten. Und dafür musste er sich jetzt bei dieser dummen Junkie-Hure abreagieren. Eine solche Ablenkung musste sein. Um in seinem Beruf nicht ganz durchzudrehen, gönnte er sich ab und zueine solche /eine von diesen Straßenhuren; bei denen konnte er sich sicher sein, dass sie alles widerstandslos hinnahmen, wenn er nur genug springen ließ. Und falls eine überheblich wurde oder es wagte, ihm mit der Polizei zu drohen, dann wirkte das Vorzeigen seiner Dienstmarke ein kleines Wunder. Und, nunja, vielleicht diente er dem Herrn ja sogar mehr, wenn er diese kokszerfressenen Jammergestalten direkt zur Hölle schickte. Das aber konnte er sich so lange nicht leisten, wie manche ganz offenbar die Überzeugung nicht loswurden, Drogenabhängige hätten auch ein Recht zu leben. Wie einfältig! Dann zeigte er den Junkies eben auf seine Weise, wie jämmerlich ihr Leben, falls man es denn überhaupt ein Leben nennen konnte, wie elend und kläglich es war. Und als schöner Nebeneffekt machte ihm die Bestrafung im Namen des Herrn auch noch Spaß, da er dabei jedesmal das Gefühl hatte, in Ausübung seines Berufes auch noch etwas Gutes zu tun. Seine Mutter hatte ihm beigebracht, so oft wie möglich etwas Gutes zu tun. Und sie hatte ihm auch beigebracht, dass man, falls man den Herrn missachtete, tierische Probleme bekam. Das war zwar Jahre her, aber es hatte ihn geprägt und wirkte noch immer nach. Eine ihrer Grundregeln lautete: Der Herr duldet keine Drogen. Und so konnte er diese kleinen Junkies eben auf seine Art bestrafen. Paul Vinel stand auf und und begann sich wieder anzukleiden. Während er sich das Hemd in die Hose steckte, griff er mit der rechten Hand in seine Tasche und nahm den Geldbeutel heraus. Er zog einen 100-Mark-Schein hervor und ließ ihn neben der gottlosen Junkie-Hure fallen. Die Kleine griff mit zitternden Händen danach. Als sie gerade den Geldschein mit ihrer Hand umklammerte, trat er mit seinem rechten Fuß auf ihr Handgelenk; nicht sehr fest, um keine bleibenden Spuren zu hinterlassen, aber dennoch fest genug, um sie ein wenig am Boden zu halten und ihr klarzumachen, wie ernst er es meinte:

„Und denk dran, Du hast mich nie gesehen! Du landest schneller im Knast als Du gucken kannst. Und einer gottlosen Junkie-Hure wie Dir glaubt eh keiner. Ich bin ein angesehener Mann, und wenn Du auch nur einen Rest Verstand in Deinem Schädel hast bist, versuchst Du erst gar nicht, mir Ärger zu machen. Denk einfach an die schönen Minuten, die ich dir in deinem jämmerlichen Dasein verschafft habe.“

Er räusperte sich.

„Denk daran, Du hast zum ersten Mal in deinem Leben etwas Anständiges getan. Und wenn du doch irgendwie annehmen solltest“, – wieder räusperte er sich –, „Du müsstest jemandem was von eben erzählen, so merk Dir: Da war ich doch sehr nett zu Dir. Wir wollen ja beide nicht, dass ich mich aufrege und doch noch böse werde, oder!?“ Er räusperte sich erneut.

Er schaute auf das Mädchen herab: „ODER?!?“, fuhr er sie an.

„Nein, nein …“ Ein leises Wimmern kam aus ihrer Kehle.

„Sehr brav.“ Er nahm seinen Fuß von ihrem Handgelenk, woraufhin sie sofort ihre Hand mit dem Geldschein darin zurückzog.

Blöde Kuh! dachte er sich. Ob sie auch nur einziges Wort von dem verstand, was er ihr soeben gesagt hatte? Oder ob sie mit ihrem drogenverseuchten Hirn nur den blauen Hunderter wahrnahm, vermochte er nicht zu sagen.Es war ihm aber auch egal./Im Grunde war es ihm auch egal. Er hatte keine Angst vor einer solchen Hure. Sie war ein Nichts! Er war Kriminalpolizist, er war Kommissar Vinel! Eigentlich Kommissar der Mordkommission; nur war hier in dieser Gegend so wenig zu tun, dass er auch Fälle zugeteilt bekam, die mit Mord nichts zu tun hatten.AberDinge, die die Kirche betrafen, und eben auch so etwas wie diese Grabschändung interessierten ihn auch privat. Da er im Moment keinen weiteren Fall bearbeitete und stets hervorragende Arbeit leistete, hatten seine Vorgesetzten ihm im Wissen um seine seine Vorlieben die Aufklärung der Grabschändung übertragen. Ihm war das nur recht. Käme etwas Dringendes dazwischen, würde er diesen Fall natürlich sofort an seinen Kollegen Deswin übergeben, der ihn auch heute begleitete, und sich der Erfüllung seiner eigentlichen Dienstpflicht zuwenden. Aber solange diese Pflicht nicht rief, griff er seinem Kollegen eben unter die Arme.

Er verabschiedete sich bei dem Mädchen mit einer letzten Ohrfeige und ging zur Tür hinaus.

05

Die Nacht brach herein. In/ Zudieser Jahreszeit braucht die Sonne nicht mehr lange, um unterzugehen, dachtesichDon, als er kurz nach 17 Uhr die Autobahn wechselte. Er schob die Regler der Heizung wieder etwas höher, auch wenn die Kälte ihm im Grunde nichts ausmachte. In all den Jahren seiner Ausbildung und in seinem Beruf hatte er gelernt, alle möglichen körperlichen Leiden zu erdulden und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Er hatte gelernt, Schmerzen ganz gleich welcher Art und Ursache zu ignorieren und auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. Einmal hatten sie ihn, um zu erreichen, dass er auch gegen Kälte unempfindlich wurde, im Januar bei einer Außentemperatur von +3 Grad Celsius in einen Teich befohlen. Er blieb dort ganze sechs Stunden, bis sie ihm gestatteten, wieder herauszukommen. Leider war ihm dies nach dem sechsstündigen Aufenthalt im Teich ohne fremde Hilfe nicht mehr möglich gewesen; er hatte es zwar geschafft, sich auf seine eigentliche Aufgabe zu konzentrieren, nämlich eine simulierte Bombe auf einem schwimmenden Tablett zu entschärfen, und den Schmerz, den die Kälte mit sich brachte, ignoriert, die physikalischen Gesetze konnte er jedoch nicht außer Kraft setzen. Er konnte seine Gliedmaßen zum Schluss fast nicht mehr bewegen, so dass ihn zwei Aufsichtsbeamte aus dem Wasser ziehen mussten. Dieser kleinen Prüfung folgte ein zweiwöchiger Krankenhausaufenthalt, der seinen Körper wieder in Schwung bringen sollte. Don konnte Schmerzen und Gefühle so gut kontrollieren, wie jemand mit einer gesunden Hand seine Finger zu einer Faust ballt und sie auch wieder entspannt. Jedoch wusste er schon noch, wann sich Kälte oder Wärme, Schmerzen oder ein Kribbeln auf seiner Haut oder auf andere Weise bemerkbar machten. Und da er wusste, dass es ihn auch Kräfte kostete, wenn er seinen Körper unnötigerweise strapazierte, achtete er darauf, wenn es die Umstände zuließen, dass immer dort, wo er sich aufhielt, eine angenehme Temperatur herrschte. Und so schob er die Regler der Heizlüfter in seinem Wagen wieder etwas höher. Er fuhr einen Peugeot 406, natürlich von der Regierung bezahlt wie fast alles, was er besaß. Noch ungefähr eine Dreiviertelstunde würde er bis zu seinem Ziel unterwegs sein. Der Ort, den er aufsuchen wollte, lag direkt an der Autobahn. Er wusste nur zu gut, wie er sein Ziel erreichen konnte, da er schondes öfteren/mehrmals an diesem Ort vorbeigefahren war. Er hatte schon des öfteren an Orten zu tun gehabt, die so entferntvon jeder Autobahn gelegen waren, dass sie nur über eine Bundesstraße erreicht werden konnten. Und eine dieser Bundesstraßen lag direkt neben seinem neuen Einsatzort. Der Anruf kam gegen Mittag, genauer: um 11 Uhr 15. Man sagte ihm, dass die örtliche Polizei schon vor Ort sei oder zumindest auf dem Weg dorthin. Also hatte es keine Eile gegeben. Die Reporter würden auch schon dort sein. Und allein die Aussicht, erst nach einem Haufen Polizisten, Reportern und Schaulustigen dort anzukommen, rechtfertigte einen Hubschrauberflug noch nicht. Er machte sich Gedanken, was wohl der Grund gewesen sein mochte für die lange Wartezeit, bis er von dem Vorfall erfahren hatte. Schlampige Arbeit irgendeines Mitarbeiters war ausgeschlossen. Niemand hätte es gewagt, bei diesem Vorfall zu schlampen. Irgendwas musste schief gelaufen sein, sonst hätte er spätestens zwei Minuten nach dem Anruf bei der örtlichen Polizei davon erfahren. Dann hätte er noch ungefähr zwanzig Sekunden gebraucht um eine Verbindung zur Polizeistation herzustellen und hätte ihnen innerhalb einer Minute alle nötigen Erklärungen gegeben, damit sie den Vorfall erst gar nicht in ihrem Langzeitgedächtnis speicherten. Das alles wäre also in weniger als fünf Minuten passiert, während er zur gleichen Zeit auf einer anderen Leitung einen Hubschrauber angefordert hätte. Wahrscheinlich wäre er spätestens um 12 Uhr am Ort des Vorfalls gewesen, hätte nach allem gesucht, was ihn interessierte, hätte dem dortigen Friedhofswärter oder Dorfdiener oder was oder wem auch immer ein paar Mann zur Unterstützung beim Glätten des Grabes gegeben, und um circa 14 Uhr wäre niemals etwas Derartiges vorgefallen.

Jetzt sah die Sache anders aus. Sie machte mehr Probleme als nötig, wenn auch nicht gerade gravierende. Keine jedenfalls, die ihn hindern würden, seiner Arbeit nachzukommen. Aber es wäre eben auch leichter gegangen. Jedenfalls machte es jetzt keinen Sinn mehr, darüber nachzudenken, was hätte sein können und was nicht. Am Anfang wäre es noch auf Schnelligkeit angekommen, um alles zu vertuschen. Jetzt, da Gott und die Welt von dem Vorfall Wind bekommen hatten, kam es darauf nicht mehr kam.

Alles, was von Belang war, würde er noch früh genug erfahren. Jetzt, kam es nicht mehr auf Schnelligkeit an. Also fuhr Donald Kordales mit ca. 130 km/h über die Autobahn und suchte einen Radiosender, der nicht diese nervtötenden Chart-Hits spielte.

06

„Hör zu, mein Entschluss steht fest: Mein Flug geht morgen früh um sechs. Und es wird dir wohl kaum gelingen/es wird dir wohl kaum gelingen, mich davon abzubringen, wenn nicht einmal dieses blöde Meeting morgen früh das schafft. Eigentlich bin ich auch ganz froh, dass ich dementgehen kann.“

„Aber genau deswegen/Gerade deshalb versuche ichdoch, Dich daran zu hindern“, sagte Michelle mit seinem leichten französischen Akzent/ mit leichtem französischem Akzent, „ich weißja, was das alles für Dich persönlich bedeutet. Aber ü/ Überleg doch mal, was morgendortauf dem Spiel steht. Die wollen vielleicht deine ganze Kollektion kaufen, aber wenn Du sie nicht persönlich präsentierst, hat das Ganze fast schon keinen Sinn mehr. Die Leute warten auf Dich.“

Laura legte den zusammengefalteten Pullover in den Koffer und blickte Michelle mit einer Mischung aus Wut und Verständnislosigkeit an.

„Hör mal, diese Kleider sind mir scheißegal! Das Grab meiner Tochter ist geschändet worden. Und wie es aussieht, wurde auch noch ihre Leiche gestohlen. Weißt Du, wie beschissen man sich in einer solcheiner beschissenen Situation fühlt? Hast Du den leisesten Schimmerdavon, was momentan in mir vorgeht? Denkst Du, ich bleib jetzt hier und rede mit Freuden drauf los, wie toll doch meine neue Frühjahrskollektion sein wird?!Hä?“

Der Ton, den sie angeschlagen hatte, erzielte Wirkung. Michelle sah sie einfach nur mit offenem Mund an. Er war weder auf das Wort „scheißegal“ aus ihrem Mund gefasst gewesen, noch auf eine so laute Stimme.

Sie fing gerade wieder an, weitere Kleidungsstücke zusammenzufalten, als er, wohl doch nicht ganz so stark beeindruckt, erneut zu argumentieren begann:

„Aber sSieh doch mal, die Polizei wird sich darum kümmern. Du wirst ihnen wohl kaum eine Hilfe sein. Du wirst ihnen eher im Weg herum stehen. Weißt Du, wie viel Geld morgen …“

„Hör zu, es ist mir …“, sie schluckte kurz, „es ist mir egal, wieviel Geld da auf dem Spiel steht oder ob ich helfen kann. Ich fliege morgen, basta!“ Während sie noch weitersprach, schob sie ihn schon aus dem Hotelzimmer: „Es ist ja nett, dass Du Dich so um das Geld sorgst, aber ich werde meinen Entschluss nicht ändern.“

Er setzte das Lächeln auf, von dem er dachte, dass keine Frau ihm widerstehen könne; zumindest aber bei Laura irrte er sich gewaltig.

„Es geht mir doch nicht nur um das Geld. Sieh doch mal, was das für eine zusätzliche psychische Belastung für Dich darstellt, wenn Du dir das auch noch aus nächster Nähe ansiehst.“ Während er notgedrungen seine Rückwärtsschritte absolvierte, brachte er sein ‚Mir-kann-keine-Frau-widerstehen‘-Mitleidsgesicht zur vollen Entfaltung. Aber es half nichts.

„Michelle, ich danke Dir wirklich für deine Unterstützung und wünsche euch morgen alles Gute bei der Verhandlung, aber ich kann mich einfach nicht darauf konzentrieren, ob ich nun das weiße oder das blaue Hemd einpacken soll, wenn Du neben mir stehst und mich ablenkst.“ Damit knallte Laura ihm die Tür vor der Nase zu.

Laura drehte sich umund ließ sich erleichtert mit dem Rücken gegen die Tür fallen.

„Dann fliege ich mit Dir“, drang es gedämpft durch die geschlossene Tür.

„Na-hain!“

„Mais oui! Aber falls Du mich brauchst, ruf mich an. Ich habe mein Handy stets bei mir“, gab er mit einem leichten französischen Akzent1zu verstehen.“

„Ich weiß. Vielen Dank. Wir sehen uns in ein paar Tagen. Bis da-hann!“

Oh Gott, was für eine Nervensäge! Ob er wirklich glaubte, sie würde es nicht bemerken, wie er sie ständig mit seinen Blicken auszog? Sicher, Michelle war ein sehr gut aussehender Franzose, erfolgreich in seiner Arbeit, wohlhabend. Viele Frauen hätten sich geehrt gefühlt, von ihm begehrt zu werden. Er konnte sehr charmant sein, wenn auch nur zu den Personen, von denen er etwas wollte.AberLaura durchschaute den Eigennutz dahinter: Er war nur bereit zu geben, wenn er etwas dafür bekam. Nein, sie kam sehr gut alleine zurecht. Auch ihre kleine Tochter hatte sie alleinegroßziehen können/großgezogen. Nachdem ihr damaliger Freund sich schön aus dem Staub gemacht hatte, als sie schwanger wurde und die erste Verantwortung sich abzeichnete, begann sie, ohne einen Mann an ihrer Seite in einer Männerwelt zu überleben; und,wie an ihren Kontobüchern und an ihrem Status in der Mode Branche abzulesen war,,nicht gerade /gar nichtmal so schlecht. Selbst als vor einem Jahr ihre Tochter entführt und ermordet wurde, warf sie das nur für zwei Wochen aus der Bahn. Sicher, in ihrem tiefsten Inneren war ihre Trauer noch nichtabgeschlossen/hatte … nichtaufgehört/vorbei, und sie würde wohl nie aufhören. Nach außen hin aber ließ sie sich nichts anmerken. Als sie sich nach zwei Wochen wieder im Griff hatte und sich in der Öffentlichkeit wieder zeigen konnte, konzentrierte sie sich ausschließlich auf ihre Arbeit. Sie zog nach Paris, um nicht mehr an ihre Vergangenheit erinnert zu werden und noch näher am Modegeschehen zu sein. Tagsüber und bis in die späten Abendstunden arbeitete sieso lange, bis sienachtserschöpft in ihr Bett fiel. Nachts dann kamen die Träume von ihrer Tochter oder von ihrem Schänder. Die konnte sie nicht abstellen, dafür aber die Gedanken während des Tages, indem sie sich mehr Projekte aufhalste, als zu schaffen waren. Das konnte sie ablenken, zumindest die meiste Zeit. In den ersten Monaten war sie in der Regel einmal pro Meeting verschwunden gewesen, um auf der Toilette mit einem kurzen Weinkrampf fertigzuwerden. Danach aber präsentierte sie sich stets wieder sachlich und gefasst. Professionell eben. Und das merkten auch ihre Kollegen und die Käufer. Und so schaffte sie es, immer weiter aufzusteigen, sich hierdurch immer mehr Arbeit und dadurch auch Ablenkung aufzuhalsen. Sie weigerte sich, Assistenten anzunehmen und wollte stets alles selbst erledigen. Bis der Boss ihr Michelle als „Berater“ zuwies. Das war vor zwei Monaten gewesen. Seither versuchte Michelle, sie mit allen Mitteln, die ihm zur Verfügung standen, zu gewinnen. Manchmal konnte das ganz schön nervig sein; aber zuguterletzt sah sie auch in Michelle nur eine weitere willkommene Ablenkung vom Gedanken an den Tod ihrer Tochter. Manchmal dachte sie sogar darüber nach, ob sie diesem Mann nicht einfach nachgeben sollte und vielleicht ein neues Leben beginnen, außerhalb der Arbeit. Aber bisher hatte sie das Bedürfnis noch nicht verspürt, sich als Frau an der Seite eines Mannes zu sehen. Die wichtigen Dinge wollte sie noch immer alleine entscheiden. Sollte er doch warten! Wenn sie sich entschließen sollte, sich doch wieder mit einem Mann zusammenzutun, würde er sie sicher auch später noch wollen, vielleicht sogar noch mehr. Ob Michelle der Richtige war? Darüber wollte sie im Moment nicht nachdenken.

Sie packte weiter den Koffer. Morgen früh würde sie nach Deutschland zurückfliegen. Vielleicht wäre sie mit dem Bus schneller gewesen, als mit dem Flugzeug nach Frankfurt zu fliegen und von dort aus noch 70 Kilometer mit dem Taxi zu fahren, aber sie hatte keine Lust, die ganze Nacht hindurch in einem stickigen Bus zu fahren. Sie zog das Fliegen vor. Leisten konnte sie es sich allemal. Und nach einer Nacht im Hotelbett würde sie morgen ganz entspannt in Deutschland auftreten. Und auch nach alledem, was ihr die Polizei heute Mittag per Handy mitgeteilt hatte, würde sie eine Entspannung dringend brauchen.

Irgendwann am Nachmittag, als sie wieder einen dieser aus ihrem Leben schon fast verschwundenen Weinkrämpfe bekam, erreichte sie der Anruf von Kommissar Vinel. Er teilte ihr mit, dass das Grab ihrer Tochter in der Nacht geschändet und, wie es schien, ihre Leiche entwendet worden war. Er wollte ihr weitere Einzelheiten am Telefon ersparen und bat sie, zum Unterschreiben der Strafanzeige doch persönlich vorbeizukommen. Laura antwortete nur knapp, dass sie schon morgen erscheinen würde, egal ob sie den Mann gefasst hätten oder nicht. Kommissar Vinel wollte noch widersprechen, aber Laura hatte schon aufgelegt und war schon auf dem schnellsten Weg zur Toilette, um nicht vor den Augen ihrer Kollegen zusammenzubrechen. Dieser Vinel hatte eine eigenartige Stimme und er räusperte sich ständig. Dies schoss ihr immer wieder durch den Kopf, während sie in einem Toilettenraum des Bürogebäudes auf dem Boden saß und sich die Augen aus dem Kopf zu heulen drohte. Warum sie immer wieder an diese Stimme dachte, wusste sie selber nicht. Wahrscheinlich brauchte sie nur etwas, an dem sie sich hochziehen konnte. Irgendwas, das ungewöhnlich genug war, um ihm unterbewusst die Schuld an allem in die Schuhe zu schieben und ihn in Gedanken fertigzumachen. Das ständige Räuspern und die eigenartige grelle Stimme waren in diesem Moment der Sündenbock für Laura, die vor sich selbst für ihr traumatisches Erlebnis von vor einem Jahr geradestehen musste, an dem sie jetzt erneut zu zerbrechen drohte. Warum ließ man ihr nicht endlich ihre Ruhe?

Sie schloss mit einem Druck, heftiger als nötig, den Kofferdeckel und ließ sich aufs Bett fallen. Jetzt noch schnell duschen und dann versuchen zu schlafen, um für den morgigen Tag gewappnet zu sein. Dass sie am Tod ihrer Tochter nichts ändern konnte, war ihr klar. Aber ihre kleine Chrissie war ihr Ein und Alles. Und das war sie ihr schuldig. Sie musste dabeisein. Sie musste tun, was in ihrer Macht stand, um einen Peiniger, der Chrissienoch nicht einmal im Todin Ruhe ließ, zu suchen und aufzuspüren und dafür zu sorgen, dass er seine gerechte Strafe bekam. Ja, dafür würde sie sorgen! Das versprach sie sich. Und ihrer Tochter. Dass ihr damaliger Entführer nicht mehr bestraft werden konnte, nagte auch noch an ihr. Er war einfach eines viel zu schnellen Todes gestorben. Dieses Schwein! Was für eine verrückte Welt!

Als Laura am 8. November 2001 um 17:49 Uhr mit geschlossenen Augen und angekleidet auf ihrem Hotelbett in Paris lag, dachte sie darüber nach, wie lange sie es in dieser Welt voller Irrer und Psychopathen wohl noch aushalten würde, bevor auch sie durchdrehte, oder den Mut verlor weiterzuleben und alledem einfach ein Ende setzte.

07

Die Nachtkam plötzlich. / …brach rasch herein.schnell und intensiv.Der zunehmende Mond leuchtete schwach durch die schnell dahinziehende Wolkendecke. Ein leiser Wind wehte von Osten her durch die Straßen des wie ausgestorben daliegenden Dörfchens Sonnenbach. Es war erst kurz nach sechsUhr, als Tom um eine Häuserecke in der Hauptstraße bog, um zum Friedhof zu gelangen. Da er sich noch immer nicht auf die „Winterzeit“ eingestellt hatte, die vor drei Wochen begonnen hatte, kam es ihm so vor, als wäre es schon mindestens zehnUhr abends. Was ihn außerdem leicht verwirrte, war die Tatsache, dass er einen recht schweren Tag hinter sich hatte, der ihm noch in den Knochen steckte. Zuerst die Sache mit dem Jungen, die er vergeblich zu verdrängen suchte, indem er sich einredete, er habe mit der Sache nichts zu tun gehabt. Dann die Verhandlung mit den Triden. Und dann auch noch die Begegnung mit diesem mysteriösen Mädchen, das ihn schließlich dazu gebracht hatte, bei Dunkelheit auf den Friedhof zu gehen. Vor noch nicht einmal einer halben Stunde, als sich das Mädchen bei ihm (statt seiner, dachte er beiläufig) gebadet und danach, mit seinem Bademantel bekleidet, ihm ihre allmählich wieder einsetzenden Erinnerungen mitgeteilt hatte, konnte sie ihm zwar noch immer nicht sehr viel erzählen; wenigstens aber hatte es zur Erinnerung an die letzten vierundzwanzig Stunden gelangt. Und diese Erinnerungen besagten, dass sie, nach ihren eigenen Angaben wohlgemerkt, auf diesem Friedhof hier ihrem Grab entstiegen war. Gesetzt den Fall, er glaubte ihr, wie hätte ein Mädchen ihres Alters, und noch dazu ein so gebrechliches, es schaffen können, denschweren/massiven Sargdeckelzu zerbrechen/aufzubrechen und sich danach durch die Erde zu wühlen!? Er musste total von Sinnen sein, jetzt auf den Friedhof zu gehen, um einem durchgeknalltenkleinenKind zu glauben, es sei nach einem Jahr des Seelenfriedens wieder der Erde entstiegen. Herrje, er kannte sie doch nicht einmal! Er hatte andere Sorgen, andere Verpflichtungen, wusste sich jedoch nicht anders zu helfen. Nein, falsch, er wusste dem Mädchen nicht anders zu helfen. Die Polizei zu rufen, kam gar nicht in Frage. Er hatte zwar in seiner Mietwohnung nichts, was ihn irgendwie mit den Triden in Verbindung hätte bringen können, wollte aber auf gar keinen Fall einem Bullen im Gedächtnis bleiben. Sie einfach ins Krankenhaus oder zur Polizei schicken? Nein. Wahrscheinlich würde sie ihnen von ihm erzählen, und Vertrauen in Behörden oder öffentliche Einrichtungen hatte er auch nicht. Er hatte den Entschluss gefasst, sich zunächst einmalvon dem zu überzeugen, was die Kleine ihm erzählt hatte/ein deutlicheres Bild von dem zu machen, was die Kleine ihm erzählt hatte. Als er seine Wohnung verließ, lag sie schlafend in seinem Bett. Und selbst wenn sie versuchen sollte, hier irgendein krummes Ding zu drehen: aus seiner Wohnung kam sie nur durch ein Fenster nach draußen. Sicher würde sie dies schaffen, falls sie es wollte, ohne sich etwas zu brechen. Aber sie konnte weder seinen Fernseher unbeschadet mit hinausnehmen noch sein Bett und meine Badewanne erst recht nicht! fügte er innerlich triumphierend noch hinzu.UndAn Bargeld hatte er höchstens 70 oder 80 Mark dort herumliegen. Das Geld, das er sich heute morgen verdient hatte, trug er noch immer bei sich. Er hatte einfach noch keine Gelegenheit gefunden, sich umzuziehen oder das Geld irgendwo sicher unterzubringen.

Tom stand vor dem Friedhofstor. Es war nicht ganz geschlossen. Er blickte sich noch einmal um und ging dann durch das Tor hindurch auf den Friedhof. Es war kein allzu großer Friedhof, was bei einem Dörfchen mit nur 1.400 Einwohnern auch kein Wunder war. Also brauchte er auch nicht lange zu suchen, zumal die Polizei das Gebiet schön großräumig auch noch mit leuchtendem Absperrband markiert hatte. Und es stimmte tatsächlich: Dort war ein offenes Grab. Er ging ein paar Schritte weiter, hob die Absperrung hoch und trat noch näher an das offene, leere (geschändete?) Grab heran. Er blickte in die leere Grube. Es sah tatsächlich so aus, als ob die Bretter des leeren Sarges von innen nach außen gedrückt worden seien. Er schüttelte leicht den Kopf. Nein,sowas konnte einfach nicht sein./das konnte nicht sein!Wieso?Wie wäre so etwas denn überhaupt möglich? Und falls sie doch über übermenschliche Kräfte verfügte, so hatte sie bestimmt erst seit gestern dort drinnen gelegen, war für scheintot erklärt worden und heute aufgewacht und stinksauer gewesen. Ja, so und nicht anders.

Tom umrundete die Grube und bückte sich, um den Grabstein genauer zu betrachten. Also wenn die Kleine wirklich von hier stammte, hieß sie Christine Parsto. Er hatte schon schlimmere Namen gehört, dachte er beiläufig. Geboren am 10.10.1989, stand auf dem Grabstein. Ja, das Alter konnte hinkommen. Und was stand darunter? Tom starrte auf das eingravierte Datum: Gestorben am 05.11.2000. Ein Schauer, noch eisiger, als er ihn heute schon zweimal verspürt hatte, lief ihm über den Rücken. Das war einfach unmöglich! Dann konnte es sich nur noch um eine Verwechslung handeln. Sie war nicht das Mädchen, sie war nicht diese Christine Parsto! Ausgeschlossen! Tote sind tot und laufen nicht herum. Aber das Totenkleid, die Kälte, die sie ausstrahlte … Nein! – Tom stand auf und blickte sich um. Er wollte gerade umkehren, als er merkte, dass er hier auf dem Friedhof nicht mehr alleine war. Eine Gestalt näherte sich vom Tor her. Trotz der geringen Größe des Friedhofs war das Tor gute 300 Meter entfernt. Wer zu den ersten Gräbern gelangen wollte, musste erst noch einen Schotterweg erklimmen. Aufgrund der Entfernung und infolge der Dunkelheit sah Tom nur eine schemenhafte Gestalt den Friedhofsweg entlanggehen. Er fragte sich, welchen Grund dieser Jemand wohl hatte, hier nach Einbruch der Dunkelheit noch herumzuspazieren. Vielleicht sucht er ein von innen geöffnetes Grab, spekulierte er, weil er heute Mittag ein wildfremdes Mädchen mit nach Hause genommen hat, das ihm erzählt, es sei vor einem Jahr gestorben.

So richtig lächeln darüber konnte er nicht.

08

Etwa 80 km westlich von Sonnenbach und etwa 10 km südlich eines Hauses, in dem einst die Eheleute Bernhardt in der Nähe des Friedhofs gelebt hatten, verließ Hans Rubach die einzige Kneipe des kleinen Dörfchens, in dem er aufgewachsen war.