15,99 €
Was, wenn es nach dem Tod doch weitergeht? Was, wenn das Leben sich einfach neue Formen des Ausdrucks sucht? Ist das Leben möglicherweise unsterblich? Azrael führt Tashi und Sasha durch ihnen noch unbekannte Wirklichkeiten und hilft ihnen, den üblichen Horizont des Wissens über das Sterben und die Neuwerdung zu erweitern. Da nichts im Universum je verloren geht, wie wäre es dann anzunehmen, wenn man sich immer wieder in der einen oder anderen Form begegnen würde? Auch auf dieser magischen Reise erleben Tashi und Sasha fantastische Abenteuer. Sie begegnen überraschend längst verstorbenen Verwandten, lernen den Trostspender Sardonyx und das sinnliche Wesen der Perle kennen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 300
Veröffentlichungsjahr: 2023
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
© 2023 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99131-631-2
ISBN e-book: 978-3-99131-632-9
Lektorat: Tobias Keil
Umschlagfotos: Elena Vyaseleva, Roman Egorov, Inara Prusakova, Elena Schweitzer, Tatiana Neelova | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Oma
Die Gestalt kommt langsam, beinahe zögerlich auf sie zu. Nach langem, mit zugekniffenen Augen suchendem Hinschauen dämmert es Sasha. Aber das kann doch nicht sein!
„Oma? Hä? Ooomaaa?“
Erschrocken schaut sie wieder auf die Sternenmutter, die selber neugierig auf die heranschwebende Gestalt schaut. Die Gestalt ist ihr nicht vertraut.
Oma bleibt einige Meter vor der Ahnenbank stehen und betrachtet Sasha mit durchdringendem, aber interessiertem Blick.
„Sasha, bitte fürchte dich nicht. Es freut mich sehr, dass du mich wiedererkennst. Immerhin bin ich doch schon ein paar Jahre in der Anderswelt. Du bist groß geworden, und schön wie deine Mutter!“
Sasha ist völlig perplex, ihr Atem stockt. Fest hält sie die Hand der Sternenmutter. Oma sieht völlig gesund und um viele Jahre jünger aus, als sie sie in Erinnerung hat.
Träumt sie jetzt wieder? Oder ist das hier bereits wieder ein mystischer Anderswelt-Moment? Schließlich ist ihre geliebte Oma vor vielen Jahren gestorben. Oder doch nicht gestorben?
„Sternenmutter, Hilfe. Was ist hier los? Ich dachte, meine liebe Oma wäre gestorben? Was ist das jetzt?“
Die Sternenmutter steht auf, geht auf Oma zu, um sie auf die Ahnenbank einzuladen. Oma bedankt sich für die nette Begrüßung und bestaunt die schöne elegante Frau, die wie eine ätherische Königin aussieht. Dann schaut sie sich um und nimmt die herrliche Landschaft wahr.
„Das ist aber ein erquickender Ort Sasha! Man hat mich gerufen, um dich hier zu besuchen. Ahnen, die du nie kennengelernt hast, möchten, dass ich dir helfe beim Übergang deiner Mutter in die Anderswelten. Sowie sie deine Mutter ist, war sie gleichermaßen ja auch meine Tochter, damals. Ich will dir mitteilen, dass es hier, wo ich jetzt bin, sehr viel leichter besser und angenehmer ist, weiterzuleben. Gerne setze ich mich eine Weile zu euch.“
Fragend schaut Oma die schöne Sternenmutter an, verinnerlicht sich erneut die Schönheit der ihr umgebenden Landschaft und begrüßt nun auch Klara, die still beobachtet und gewartet hat, bis jemand auf ihre Anwesenheit reagiert.
Mit einer einladenden Handbewegung dirigiert die Sternenmutter Oma zur Ahnenbank. Bevor sie sich hinsetzt, betrachtet und bewundert sie dieses Zauberstück, sie ist sich alter Schreinerkunst und detaillierter Handwerksarbeit bewusst.
Nach gebührender Bewunderung setzen sie sich gemeinsam auf die Familienbank. Sasha wird von ihren Wächtern begleitet, die sie sorgsam bewachen. Sie kann es noch nicht fassen, dass ihre liebe Oma hier an diesem Tashi-Ort erscheint.
Klara schmunzelt verschmitzt zur Sternenmutter:
„Habe ich dir doch gesagt, dass dieser magische Ort immer voller wird! Dein großes Wissen und deine Weisheit sind nun gefragt!“
Leise berührt Klara die Sternenmutter mit ihrem zarten schönen weißen, leicht silberig glitzernden Flügel. Die Sternenmutter streicht ihr über den Kopf, dann berührt sie Sashas glänzende, kastanienfarbige Haarpracht, um sie zu trösten.
Sasha entschlüpft ein tiefer Seufzer und sie flüstert träumend:
„Es ist schön wieder hier bei dir zu sein, Sternenmutter und Klara!“
Silk und Sensitiv sind ausgesprochen dankbar, dass es mit dem Dimensionentor geklappt hat.
„Oma, Sternenmutter, ich bin mir nicht so sicher, ob ich träume. Wieso kann ich dich hier sehen? Ich dachte, du wärest gestorben?“
Erschöpft einerseits, erfreut andererseits über das Wiedersehen hat Sasha diese Frage zweifelnd in den Raum gestellt. Sie ist momentan mit allem überfordert, das Sterben ihrer Mutter, der Begegnung mit Oma und dem Durchtritt in Tashis magischen Geheimort. Sie lehnt sich in die Arme der Sternenmutter, schließt vertrauensvoll die Augen. Irgendjemand wird ihr schon antworten.
Die Sternenmutter beginnt leise zu summen, um alles in Harmonie zu schwingen, auch Oma soll auf die Kraftortschwingungen eingestimmt werden. Der Baum winkt Oma mit seinen zarten Ästen und verliert sich in Sashas Haaren. Oma wirkt entspannt, überrascht, erfreut ihr Enkelkind wieder in echt zu sehen. Auch sie berührt Sashas Haare, die wie ein Wahrzeichen aussehen, lässt die seidige rote Flut durch ihre Finger gleiten. Ein ungewöhnlich intelligentes Mädchen mit ungewöhnlichen Haaren. Niemand sonst in der ganzen bekannten Sippschaft trägt diese Haarfarbe. Sie resümiert und sucht in Gedanken vertraute Gestalten aus ihrer Vergangenheit auf der Erde. Wirklich ein Wunder! Muss wohl irgendwo in der zurückliegenden Ahnenlinie zu finden sein.
Die Sternenmutter nickt Oma entgegen, sie hat ihre Gedanken telepathisch aufgenommen.
„Oma, bitte erzähle uns, wie du es hierhergeschafft hast. Bestimmt möchtest du uns so einiges berichten! Ich bin sehr gespannt!“
Erfreut wendet sie sich Sasha entgegen.
„Was, denkst du, ist der Tod?“
„Oma!!!“
„Was ist sterben?“
„Ooomaaa!!!“
Sasha hält sich die Ohren zu. Sie will nichts, aber auch gar nichts darüber hören! Sie nimmt die Hand der Sternenmutter, Klara kuschelt sich ganz in Sasha hinein und ihre Wächter beruhigen sie.
Leise beginnt sie wieder zu weinen. Oma streichelt die schönen Haare und spricht sanft weiter.
„Dieses lebenswichtige Thema sollte in der Schule gelehrt werden! Weil niemand darüber spricht während seiner Lebenszeit, wird man doch sehr überrascht, wenn es einen einholt! Egal in welchem Alter! Ich glaubte auch nicht, nicht annähernd an ein Leben nach dem Sterben. Und hier sitze ich mit dir an diesem traumhaften Ort und rede mit dir!“
Die Sternenmutter neigt sich Sasha entgegen.
„Weißt du noch, als wir dir auf der letzten Reise mitgeteilt haben, dass du deine Mutter nach dem Übertritt in die Anderswelt wiedersehen würdest? Du hast dich sehr darüber gefreut.“
Sasha seufzt schwer. Ja natürlich mag sie sich noch erinnern. Aber jetzt, wo sogar ihre Oma nach vielen Jahren des angeblichen „Gestorben-Seins“ wieder auf Besuch ist, wendet sich die Geschichte und wird sehr real. Das muss erst verkraftet werden.
Oma nimmt Sashas Hände in die ihren.
„Alles, was mit übernatürlichen, also nicht sichtbaren Elementen zu tun hatte, habe ich, als ich noch auf Erden lebte, geflissentlich ausgeblendet! Ich hatte, wie so viele Menschen, Angst vor dem Unbekannten. So oft habe ich die innere Stimme, die Intuition überhört, die mir einen besseren Weg vorgeschlagen hätte! Zu meiner Zeit auf Erden tat man die tieferen, philosophischen Ansichten über das Leben als Phantasie ab. Sie wurden nicht als relevant angesehen, sie waren unpraktisch und als Träumereien verpönt. Von Bewusstsein hatte ich auch keine Ahnung. Man hat sich auf das Gehirn verlassen! Heute allerdings, nach dem Schock des Sich-Wiederfindens in anderen Lebensbereichen, weiß ich es besser!“
Pause.
Oma schaut in die Ferne, betrachtet die Landschaft, meint dann verschmitzt:
„Es ist ja nicht so, dass wir, jetzt wo wir auf der ‚anderen‘ Seite angekommen sind, auf einer Wolke sitzen und den ganzen Tag irgendwelche Hymnen singen!“
Dabei lacht sie herzlich, was die seltsame Szene auflockert.
„Sasha, gerne würde ich dir einige Dinge berichten, die dir beim Übergangsprozess deiner Mutter helfen könnten, damit du besser zurechtkommst mit dem Loslassen. Möchtest du das?“
Oma betrachtet ihre hübsche Enkelin, die nach dem Aussehen ganz nach ihrer Mutter kommt. Nur die kastanienfarbigen Haare, das weiß Oma auch nicht, woher Sasha die hat. Oma kringelt eine Locke um ihre Finger, die Haare strahlen herrlich kupferfarbig in der Sonne, die durch den großen Baum scheint.
Die sonnigen, goldenen Strahlen hüllen die Ahnenbank und die umliegende Landschaft in einen herrlichen Lichtteppich ein.
Sasha seufzt erneut, sie möchte nicht zu viel Zeit verlieren, um ganz schnell wieder bei ihrer Mutter zu sein.
Natürlich hat die Sternenmutter ihre Gedanken mitbekommen.
„Du weißt Sasha, dass Zeit hier, an diesem Tashi-Ort, anders gemessen wird! Wenn du wieder zurückkehrst, wird gar nicht so viel lineare Zeit vergangen sein. Ich denke, es würde dir helfen, wenn du noch einige Einsichten, die dir den Prozess erleichtern, lernen könntest. Möchtest du das?“
Nach kurzem Überlegen und Bestätigung durch leichtes Nicken ihrer Wächter Silk und Sensitiv macht es sich Sasha gemütlich auf der großen Bank. Die Stimmen der Ahnen flüstern bereits leise, aber gut vernehmbar aus der Bank:
„Wir, die Stimmen aus lang vergangenen Zeiten, sprechen zu dir, trauriges Sasha Mädchen. Es ist lange her, viele hundert Jahre, da gab es eine Epoche, in der du mit uns Ahnen lebtest, in anderen Kontinenten auf Erden. Wir kennen uns alle, weil wir als Menschen zusammengelebt haben. Nun sind wir die Erinnerung, die durch dich hindurchfließt. Wenn du lernst, auch durch unsere Augen in die Tiefen der Zeit zu blicken, wirst du vieles besser begreifen können. Eines Tages wirst selbst du zu einer Ahnin werden! Wir sind Lichtwesen aus den Anfängen, lange vor der irdischen Zeitrechnung und von hier beraten wir dich gerne und stellen unser tiefes Wissen über das Leben zur Verfügung. Wir stehen voll und ganz hinter dir!“
Die Stimmen lächeln durcheinander, ein Gemisch aus Verständnis, Fröhlichkeit und Leichtigkeit. Der Baum weht seinen Hauch über die Bank und so fühlt es sich an, als würden die Ahnen Sasha streicheln, trösten und berühren.
Sie lässt es geschehen und bedankt sich bei den Stimmen, die aus der Bank flüstern, und beim Baum für seine Unterstützung. Sie hat momentan keine Fragen zur Information ihrer Ahnen. Sie will erst mal einfach aufnehmen und dann später über alles nachdenken, genauso wie sie es von Tashi gelernt hat. Schritt für Schritt, damit man emotional und mental alles schön sortieren und dann verarbeiten kann.
„Du bist wahrhaft ein kluges Mädchen und eine gute Schülerin Sasha! Bewundernswert!“
Die Sternenmutter kuschelt Sasha in ihre Gegenwart und ihre Arme. Sasha ist ihr bereits ans Herz gewachsen. Über dieses Kompliment der Sternenmutter freut sich Sasha sehr. Sie ist anerkennende Äußerungen nicht so gewohnt. Da sie ein Einzelkind ist, ist es natürlich, dass sie den Löwenanteil des Haushaltes und Hilfe für die Mutter erledigen muss. Ihr Vater hilft, sooft er kann, aber er arbeitet viel und ist oft weg. Das weiß auch ihre Oma, und deshalb hat sie beschlossen, Sasha zu helfen. Auch wenn das nicht in physischer Form ist, die Gedanken und die Gefühle beruhigt zu wissen, befreit innere Ängste und Zweifel und setzt ungeahnte Kräfte frei. Diese Hilfe hofft Oma zu bewirken.
Zögernd stellt Sasha einige Fragen, eigentlich weiß sie gar nicht richtig, was man denn in solchen Situationen fragen soll.
„Wann, Oma, hast du denn bemerkt, dass du nach dem Sterben nicht wirklich tot warst?“
Es schaudert sie selbst ein wenig bei diesem Gedanken. Dann schaut sie ihre Oma an, die ganz leicht aus sich herausleuchtet und sehr ruhig und zufrieden scheint.
„Hmmm, als ich die Wurzeln, die mich im Leben auf Erden hielten, loslassen musste, erinnerte ich mich an den Satz, der hieß:
Noch heute wirst du mit mir im Himmel sein … oder in den Himmeln … Mehrzahl! Das stimmte mich merkwürdig. Ich spürte irgendwie, dass ich mich langsam von meinem Körper löste, aber da war gleichzeitig noch ein anderer Körper, den ich vorher nie wahrgenommen habe. Er schien mir sehr leuchtend und voller Farben, aber feinstofflich und ebenfalls zu mir gehörend. Trotz meines Widerstrebens und meiner Angst in diesem Sterbeprozess führte mich etwas immer weiter, als würde ich durch diverse Wellen, manchmal waren sie fast schwarz, ein andermal leuchtend farbig, hindurchgleiten. Ich schwebte außerhalb von mir, sah meine Familie um meinen leblosen Körper sitzen und weinen. Dann wollte ich ihnen sagen, dass sie nicht weinen sollen, ich sähe gerade so schöne Farben. Aber sie konnten mich nicht mehr hören. Ich fühlte dann einen Sog, dem ich einfach folgen musste, ob ich wollte oder nicht. Dann wurde ich von Licht, Farben und zarter Musik in große Hallen geführt, wo das Licht noch stärker strahlte. Irgendwo tief in mir drinnen wusste ich dann, dass ich nicht mehr auf Erden weilte. Ich begann mich sehr leicht zu fühlen, unbeschwert, frei und herrlich schwerelos. Und die Farben! Ich wollte gar nicht mehr zurück. Alle Ängste, die ich beim Verlassen des Körpers fühlte, waren wie weggeblasen. Nichts mehr war relevant, nur das Hier und Jetzt, genau dieser Moment in der großen lichterfüllten Halle. Da Zeit auch nicht mehr so wahrgenommen wird wie auf Erden, wusste ich nicht, wie lange ich an diesem Ort blieb. Mein Wesen, das, was ich nie wahrhaben wollte, alles, was man nicht sehen kann, wenn man als Mensch verschlossen bleibt, wie ich es war, hat sich mir offenbart. Ich sah mich als ätherisches Wesen, eine Essenz, die nie vergeht. Ich spürte, wie sich mein Wesen nach meinem anstrengenden Menschenleben langsam erholt und neue Kräfte, die ich gar nicht wusste, dass sie existieren, mich aufbauten. Nach langer Zeit konnte ich diese Schönheit, diese Situation annehmen. Irgendwann kamen dann verschiedene Lichtwesen und informierten mich über den weiteren Ablauf. Auch sah ich endlich andere Menschen, die auch verstorben waren und versuchten, mit der neuen Situation zurechtzukommen. Es scheint hier endlos viele verschiedene Möglichkeiten zu geben, wenn jemand zurückkehrt nach einem Menschenleben. Ob das jeweilige Menschenleben nur kurze Stunden gedauert hat, ob es Unfälle waren, Kriminelle, Kriegsopfer, ermordete Menschen, alte Menschen, wie ich es war, sie alle kehren als Seele zurück, um sich neu zu orientieren.“
Die Oma schweigt, man sieht ihr an, dass sie ihren Übergang noch einmal Revue passieren lässt.
Erstaunt betrachtet Sasha ihre Oma. So gesprächig und so offen war sie nie, als sie noch als Mensch lebte. Obwohl immer freundlich und verständig, liebte sie doch ihre kleine süße Enkelin mit dem auffälligen Haarschopf, aber wortgewandt war sie damals nicht so sehr wie heute. Dann lächelt Sasha, nimmt die Hände ihrer Oma in die ihren.
„Das war sehr schön Oma, das hat mir geholfen! Mutter wird hoffentlich auch so etwas Ähnliches erleben. Ich habe ein wenig gelernt, Farben mit meinem inneren Auge zu sehen, vielleicht kann ich dann Mutters Aura sehen, wenn sie uns verlässt? Und von den feinstofflichen farbigen Lichtkörpern um unseren menschlichen Körper habe ich letztes Mal bei den Lavendelblüten und bei Lavendelquarz gelernt. Deshalb verstehe ich ein klein wenig, von was du sprichst.“
Sie schüttelt den Kopf, ist aber gleichzeitig dankbar für diese neuen hilfreichen Infos. Nämlich, dass das Leben nicht wirklich totzukriegen ist und es irgendwie, irgendwo in irgendeiner Form weitergeht.
„Deine Mutter, damals meine Tochter, als ich noch ihre menschliche Mutter auf Erden war … hat ein schlechtes Gewissen, dass sie dich so früh schon alleine lassen muss. Sie kämpft dagegen und leidet sehr darunter. Ihre Schmerzen sind oftmals unerträglich trotz starker Medikamente. Ich dachte, ich würde sie gerne aus meiner Ebene abholen, damit ihr Übergang leichter wird. Dann hat sie bereits in ihrem Übergangsprozess jemand vertraut, der ihr hilft? Was denkst du darüber? Sie wird mich sofort erkennen. Niemand wird mich sehen im Spital außer du natürlich und deine Mutter, da sie schon sehr vernebelt ist durch die starken Medikamente. Das öffnet oftmals die Sinne für das Übersinnliche! Sollen wir uns so vereinbaren? Wäre dir das eine Hilfe?“
Sasha denkt über diesen Vorschlag, der auch für sie etwas Neues ist, nach. Ihre Mutter könnte dann in ihren und Vaters Armen hinübergleiten und würde dann von Oma abgeholt und „sterben“ können. Nachdenklich antwortet sie:
„Oma, das wäre ganz einfach wunderbar, vor allem, weil wir, Mutter und ich, dich dann sehen können. Sternenmutter, das geht doch, oder? Wird mein Vater damit zurechtkommen? Wie soll ich ihn denn trösten?“
„Oh du gütiges Kind! Du denkst trotz allem immer noch an andere! Erkläre ihm später, was und wie du Mutters Übergang gesehen hast. Er wird seine inneren Grenzen überwinden und sehr offen sein für deine erweiterte Denkweise. Trauer kann verletzlich machen und öffnet innere Wege für neues Verstehen und Erkennen. Es wird schön werden, deine Zukunft bei deinem Vater ist gesichert. Niemand kann dich aus deinem Nestchen holen! Dafür wurde bereits gesorgt. Du darfst dich freuen! Aber ein wenig Überraschung muss doch noch offenbleiben, nicht wahr? Alles wollen wir nicht jetzt schon verraten. Vertraust du uns?“
Ja, die Vertrauensfrage!
Immer wieder Vertrauen …
Dem Leben vertrauen …
DemeigenenLeben vertrauen …
Dem Unbekannten vertrauen …
Vertrauen als Voraussetzung für Veränderungen …
Sich selbst vertrauen!
„Sasha?“
Oma schaut ihrer Nichte tief in die Augen.
„Ich habe dir ein Geschenk mitgebracht. Einen Edelstein, der sich Sardonyx nennt. Ein Anhänger, der dir hilft, mit Trauer umzugehen. Sardonyx ist ein großartiger Schutzstein, er beruhigt und regeneriert dein Herz durch deinen Trauerprozess. Er schützt dich vor nervlicher Überlastung oder wenn du allzu traurig werden solltest. Guck ihn dir mal an, ist er nicht wunderschön?“
Alle drei, Oma, Sasha und die Sternenmutter, berühren und bewundern den glänzenden polierten Achat ähnlichen Stein. Er ist beinahe schwarz mit leicht braunen, braunroten, Mauve farbigen und hellen Einschlüssen, die wie Wolken über den dunklen Stein schweben, dazu wie von Zauberhand einige blaue Flecken, die wie Tropfen aussehen, als wären es Sterne, die sich über den dunklen Nachthimmel verteilen. Sashas Augen strahlen, dieser Stein ist ihr völlig überraschend sofort vertraut und ans Herz gewachsen. Sie umarmt ihre Oma, küsst den Stein als Dankeschön, dass er zu ihr gekommen ist. Dann zeigt sie Klara und ihren Wächtern das Prachtstück, damit es durch die allgemeine Bewunderung gebührend eingeweiht werden kann. Andächtig zieht sie den Stein, der an einem Lederband hängt, über den Kopf und erkennt, dass die Farbzusammensetzung sogar zu ihrer Haarfarbe passt. Als wäre das wichtig!
Sie muss lachen, es hat sich einfach von selbst so ergeben. Sie umschließt den Stein ganz fest mit ihren Händen, schließt die Augen und atmet einige Male tief ein und aus. Sie will sich sofort mit ihrem neuen Begleiter Sardonyx verbinden und mit ihm in stille Kommunikation treten. Sardonyx hat die Größe ihrer Handfläche, also ein tolles Stück und dennoch nicht zu schwer.
Sasha war so versunken in ihren neuen Begleiter Sardonyx, dass sie ganz vergessen hat, wo sie eigentlich war. Erst jetzt hört sie die Amsel wieder, das Flüstern der Blätter im Baum, der sich mit ihr freut, nicht zu vergessen Klara, die dringend noch auf eine Streicheleinheit wartet.
Sie steht von der Ahnenbank auf; die beiden, Oma und die Sternenmutter, die sie flankiert haben, beobachten sie liebevoll. Oma ist dankbar, dass diese sonst fröhlichen, jetzt so traurigen Teenie-Augen wieder kurz aufleuchten. Ihre Wächter, Silk und Sensitiv bedanken sich herzlich bei Oma für dieses tolle Geschenk, auch für ihre Geschichte über das Sterben, das Sasha offenbar sehr geholfen hat. Mit diesem Wissen können sie Sasha gut unterstützen beim Übergang ihrer Mutter.
Als sich erneute friedvolle Harmonie einstellt, regt sich Oma.
„Sasha, ich dachte, in naher Zukunft werde ich dich und deine Mutter besuchen kommen. Das gibt dir Zeit, dich ganz und gar mit ihr zu versöhnen, sie loszulassen, so gut es geht. Damit hilfst du ihr am besten, indem du ihr erlaubst, dass sie auf ihre Reise gehen darf und du sie nicht an dich bindest. Dieses ist das schönste Geschenk, das du deiner Mutter mit auf den Weg geben kannst. Euer beide Freiheit! Wie du bereits weißt, wirst du uns hier, deine Mutter und mich, irgendwann an diesem herrlichen Tashi-Ort wiedersehen! Und ich verspreche dir, du wirst mich im Spital, wenn ich zu Besuch komme, nicht verpassen! Es wäre gut, wenn du einige Stunden schlafen könntest, sei es bei dir zuhause oder im Spital. Deine Wächter beschützen und führen dich, dass du auf keinen Fall irgendetwas verpassen sollst. Es soll alles friedlich, ruhig und harmonisch ablaufen. Denkst du, du kommst damit zurecht?“
Oma streichelt Sashas schöne Haare und schaut sie auffordernd an. Sie betrachtet die hohen Wangenknochen ihrer Enkelin, die ebenfalls ein Zeichen ihrer Verwandtschaft sind.
Lange sagt Sasha nichts, hält eine Hand von Oma und eine Hand der Sternenmutter in ihren eigenen. Sardonyx, der unterstützend am Lederband um ihren Hals hängt, scheint sich in wenigen Augenblicken direkt mit Sasha verbunden zu haben und sieht aus, als wäre er schon immer bei ihr gewesen.
Es ist still, jedes seinen eigenen Gedanken nachhängend. Alle wissen, was auf Sasha zukommt. Jegliche theoretischen Vorbereitungen sind nicht zu vergleichen mit der realen Tatsache.
„Darf ich bereits nach Mutters Begräbnis wieder zu euch kommen?“
„Kindchen, was hast du nur immer für logische Fragen inmitten schwieriger Situationen! Du bist unglaublich geordnet. Auf jeden Fall, wir warten bereits auf dich. Dann wird auch Tashi wieder hier sein, denn auch er geht durch holperige Zeiten in seiner Menschenwelt. Aber das zu einem späteren Zeitpunkt.“
Die Sternenmutter und Oma haben gleichzeitig auf sie eingeredet, beide sind begeistert über Sashas Talent, immer wieder kühlen Kopf zu bewahren.
Klara hüpft um Sasha herum, die sich auf den Boden setzt und mit ihr kuschelt. Klara bringt keine ihrer witzigen Anekdoten oder Sprüche, sie schenkt Sasha, was sie gerade am meisten braucht, Freundschaft, Erdung und Kraft für ihren Aufbruch.
Langsam löst sich das kleine Trüppchen voneinander.
„Ich muss unbedingt noch zum Baum, damit ich mich verabschieden kann. Kommst du mit Klara?“
Das ist wohl keine Frage, Klara will immer, sie liebt ihre Menschen!
So wandern die beiden ungleichen Geschöpfe nebeneinander her, Klara ihre wunderschönen glitzernden langen Federn wippend hinterherziehend. Sasha tief in Gedanken. Ein kleines Amseljunges fliegt direkt auf Sashas Schultern und begrüßt sie mit lautem Gezwitscher.
„Oh du Kleiner, ich glaube, wir haben uns bei meiner letzten Reise schon kennengelernt. Bist du dasselbe Junge?“
Klara schaut neugierig hinauf, um die Antwort abzuwarten. Aber heute versteht Sasha nur Piepiep. Sie ist nicht so konzentriert auf die Anderswelt, da sie in ihren eigenen melancholischen Gedanken verweilt. Sie weiß aber, dass der kleine Vogel ihre Absicht bestens verstehen kann. Deshalb bedankt sie sich laut bei ihm über seine freundliche Begrüßung und das aufhellende Lied, das er für sie singt.
Der kleine Vogel pickt sanft an ihrem Ohr, um mit ihr zu spielen. Das erheitert sie sofort und dann umarmt sie den großen unendlichen Baum. Auch er schenkt ihr die Kraft und den Mut, die sie jetzt brauchen wird. Er haucht ihr liebevolle Worte zu, die sie versteht:
„Mädchen, bleibe deiner Einzigartigkeit treu, was auch immer geschieht! Und komme bald wieder, wir freuen uns darauf. Sei gesegnet.“
Dabei huscht er mit seinem Wind zärtlich über ihr Gesicht und spielt mit ihrem glänzenden Haar. Sie lässt es gerne geschehen, bleibt ganz still stehen, um sich diesem Segen und der Bedeutung seiner Worte hinzugeben.
Dann aber ist es wirklich Zeit, wieder durch das Dimensionentor zurück zu ihrer Mutter zu gehen. Oma und die elegante Sternenmutter warten bereits in der Nähe des Portals. Sehnsüchtig schaut sich Sasha um, zieht die Schönheit dieser prachtvollen, farbintensiven Landschaft tief in ihr innerstes Wesen. Sie winkt den einzelnen Bäumen auf den vielen kleinen Hügeln zu, die ihr mit ihrem Wind ein Lied zutragen, das sie in die Menschenwelt begleiten wird. So als wollten sie mit diesem Lied auch Tashi grüßen lassen. Sie schmunzelt, sie wird ihm die Grüße ausrichten, wenn sie ihn irgendwann bald wiedersehen wird.
Dann umarmt sie ihre Oma, die sie ja im Spital als „Geist“ wiedersehen wird, wenn sie ihre Mutter abholen kommt, um sie über die unsichtbare Brücke in andere Welten heimzuholen. Sasha seufzt tief, dann umarmt sie die Sternenmutter lange und bedankt sich herzlich für die Aufrichtung und die Zeit, die sie hier verbringen durfte, auch ohne Tashi.
Klara hüpft aufgeregt und wartet auf die üblichen Kuschelmomente, bevor ihre neue Menschenfreundin durchs Dimensionentor schlüpft.
Sasha betrachtet ihre Wächter:
„Ich will euch nochmal richtig ansehen, Silk und Sensitiv, ich weiß ja nicht, wann ich das nächste Mal hierherkommen kann. Außer ihr entführt mich wieder, während ich schlafe!“
Jetzt lächelt Sasha, ihre beiden Wächter sind dankbar über ihren neugeschöpften Frohmut, sie ist wieder aufgetankt mit frischer Kraft und Zuversicht.
Noch einmal umarmt sie die Sternenmutter, kuschelt und küsst Klara, die sich richtiggehend verlustiert über so viel Aufmerksamkeit und Anerkennung.
Sie schaut hinauf in den Riesenbaum und winkt auch ihm zu.
„Ich glaube, Baum, ich komme sehr bald wieder! Aber das nächste Mal mit Tashi. Tschüss Amselfamilie, Tschüss Amselmutter.“
Die Amselfamilie zwitschert ihr den letzten Segen zu.
Tapfer lässt sie die Hand der Sternenmutter los, berührt ihre Wächter und schreitet dann mutig zurück in die Menschenwelt.
Dort angekommen, stehen ihre langen Haare statisch in alle Richtungen. Sie muss lächeln, spricht zu ihren Wächtern, die nicht mehr sichtbar sind.
„Das letzte Mal hat Tashi meine Haare zurechtgerichtet, heute muss ich es selber tun! Wenn mich jemand sehen würde, würden sie denken, ich führe Selbstgespräche. So witzig, dabei rede ich mit euch, Silk und Sensitiv. Wie weiß ich überhaupt, dass ihr mich hören könnt?“
Augenblicklich sträuben sich die Haare auf ihren Armen. Erstaunt blickt sie auf die Gänsehaut und lacht.
„Ja genau, das habt ihr mir doch gesagt, Gänsehaut sei ein Zeichen von eurer Gegenwart. Das ist ja so cool, jetzt weiß ich, dass ihr ganz nahe bei mir seid und mich auch hören könnt. Meine tollen Freunde, meine Wächter, meinen tiefsten Dank, dass ihr aus großer Liebe zu mir geholfen habt, dieses Dimensionentor zu finden, und es für mich geöffnet habt. Nun kann ich neugestärkt zurückkehren! Ihr seid die Besten! Danke.“
Die beiden großen Beschützer neigen sich ihr entgegen, da sie beinahe doppelt so groß sind wie ihr zu beschützendes Mädchen. Sie umarmen sie sanft, wenn auch nicht sichtbar, und zeigen ihre Wertschätzung. Sie kann diese Umarmung klar und deutlich spüren.
„Also ehrlich, meine beiden tollen Wächterfreunde! Wenn ich nicht beide Male ein Geschenk durch das Dimensionentor geschmuggelt hätte, zuerst das Lavendelsäcklein für meine Mutter und jetzt den Sardonyx-Anhänger, ich denke, ich wäre verrückt oder hätte alles geträumt. Zum Glück kann ich mich mit euch unterhalten und ihr hört mich! Sonst würde ich glatt an mir selber zweifeln. Habe ich jetzt schon wieder das Schmuggelwort verwendet? Hmmm … na sowas. Also meine Lieben, lasst uns zurückgehen ins Spital. Viel Zeit bleibt mir nicht mehr mit meiner Mutter! Ich fühle mich so viel besser, nachdem ich Oma gesehen habe und sie mir einiges erklären konnte. Ach herrjeh … ist trotzdem ein wenig Scheiße das Ganze, echt! Danke nochmals für alles euch beiden!“
Dabei winkt sie den beiden unsichtbaren Wächter fröhlich zu. Sie ist wirklich froh, dass niemand sie beobachtet!
Zwischen Freude über die gelungene Überraschung, durch das Dimensionentor geführt zu werden und erst noch ihre Oma wiederzusehen, und die Trauer über den bevorstehenden Abschied, findet sie ihren Weg zurück zu ihrer Mutter im Spital. Ihre Mutter schläft bereits, sie ist vollgestopft mit Medikamenten.
Im Spital
