Tassilo - Die Launen des Lebens - Andreas Finke - E-Book

Tassilo - Die Launen des Lebens E-Book

Andreas Finke

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Beschreibung

Die Launen des Lebens kann niemand vorhersehen: Gerade noch scheint das Glück vollkommen, doch im nächsten Augenblick beginnt der Schmerz, auf den man nicht vorbereitet war. Sehnsuchtsorte, wie z. B. die französische Atlantikinsel Île de Ré, Vancouver und Britisch Columbia in Canada und das österreichische Bergdorf Pürgg, das "Kripperl der Steiermark", begleiten die Geschichte der lebensfrohen Familie Tassilo bis zu einem Unglück, das die Harmonie und den Zusammenhalt der Familie herausfordert. Menschliche Reaktionen und Entscheidungen führen zu scheinbar aussichtslosen Situationen bis zum Finale, das wohl auch eine Laune des Lebens ist …

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Seitenzahl: 190

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhalt

Impressum 2

Ein Tag im Herbst 3

Dezember 2006 4

August 1966 5

Juni 1968 16

9. Juni 1968 21

März 1970 30

Mai 1975 38

August 1980 44

August 1996 49

Mai 2006 63

Juni 2006 67

Juli 2006 96

November 2006 102

15. Dezember 2006 106

18. Dezember 117

19. Dezember 119

19. Dezember 139

20. Dezember 147

10:00 Uhr 151

10:00 Uhr 156

10:30 Uhr 161

11:00 Uhr 165

12:00 Uhr 168

14:00 Uhr 173

16:30 Uhr 175

21. Dezember 178

August 2007 192

25. August 2007 200

München, den 4 September 2007 207

Ein Tag im Herbst 209

Epilog 210

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2021 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99107-420-5

ISBN e-book: 978-3-99107-421-2

Lektorat: Tobias Keil

Umschlagabbildung: Andreas Finke

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum Verlag

www.novumverlag.com

Ein Tag im Herbst

Es waren unzählige kleine Boote, die harmonisch im Wasser beieinanderlagen und sich leicht schaukelnd berührten. Die einen in leuchtenden Farben, andere in dezenteren Tönen.

Bei manchen waren die Farben schon alt und spröde, aber man konnte noch gut ihre vergangene Pracht erahnen, wieder andere waren zum wiederholten Male überstrichen worden.

Jedes dieser Boote hatte seine eigene Geschichte, zum Teil noch frisch und jung, wahrscheinlich gut gerüstet für die zukünftigen Aufgaben. Die älteren, erprobt und zuverlässig, zum Teil aber auch bereits vernachlässigt und nur noch selten benutzt.

Es war ein wunderschöner Moment, das Leben in seiner gesamten Vielfalt im Licht der untergehenden Sonne, in all seinen Farben und Schattierungen, nochmal vorbeiziehen zu sehen.

Danke, trotz allem

Dezember 2006

Die Nachricht erschütterte Ferdinand bis ins Mark.

Es war unfassbar, aber alles deutete darauf hin, dass in dem Brief, den er gerade erhalten hatte, die Wahrheit stand!

Nicht nur die Wahrheit über das unglaubliche Verbrechen, sondern auch die unbegreifliche Erkenntnis über den Absender. Er kannte die Schrift!

Er musste jetzt sofort handeln, und zwar allein.

August 1966

Ferdinand wartete auf die Fähre zur Île de Ré. Es war ein wunderschöner Sommertag und die im Hafen liegenden Segelschiffe vermittelten tatsächlich erste Urlaubsgefühle.

Dass es ihn hierher an die französische Atlantikküste verschlagen hatte, war schon paradox. Er konnte kein Französisch und mit Englisch kam man auch kaum weiter. Gilbert, sein Vater, hatte ihn gebeten für die Firma nach La Rochelle zu fahren. Von München aus eine Weltreise, so dass er beschlossen hatte, ein paar Tage dranzuhängen und sich ein bisschen Entspannung in dieser herrlichen Umgebung zu gönnen. Gustav Rozier, ein Freund seines Vaters, hatte ihm empfohlen auf die Île de Ré zu fahren. Dann also Urlaub auf einer kleinen französischen Insel im Atlantik, auf der man ihn nicht verstehen würde. Fast ein Abenteuer!

Als er auf dem Außendeck einen Platz direkt an der Reling gefunden hatte und im Fahrtwind die leichte salzige Brise genoss, dachte er noch an die letzten Tage und die Gespräche mit Gustav.

Die Firma – Rozier, La Rochelle – war einer der führenden Tresor-Hersteller in Frankreich und damit auch schon immer das große Vorbild seines Vaters gewesen, für die eigene – Geldschrankfabrik Tassilo – in München. Rozier hatte in den letzten Jahren sein Sortiment ausgeweitet, auf Sicherheitssysteme und elektrische Alarmanlagen. Und genau das wollte man jetzt auch in München durchführen. Zuerst durch Zukauf, z. B. von Rozier, und später bei Erfolg auch durch die Produktion eigener Systeme.

Ferdinand war stolz auf das Unternehmen seines Vaters, der schon 1950 den Schritt gewagt hatte, auf einem Ruinengrundstück in München eine kleine Geldschrank-Produktion zu errichten.

Die in Gold gerahmten Schwarz-Weiß Fotos im Büro seines Vaters erinnerten immer wieder an diese Pionierleistung. Geldschrankfabrik Tassilo – war etwas hochgestapelt. Noch produzierte man jährlich eine überschaubare Anzahl, meistens Spezialanfertigungen. Durch die Ausweitung des Sortiments könnte man den Umsatz steigern und auch die Produktion zukünftig auf mehrere Beine stellen.

Die Zahlen von Rozier waren beeindruckend gewesen. Gustav war auch gerne bereit eigene Produkte zu günstigen Konditionen seinem Freund Gilbert zum Start in die neue Zukunft zur Verfügung zu stellen. Er scherzte zwar noch, dass er sich mit dem dynamischen Gespann, Gilbert und Ferdinand, hoffentlich keine zu große Konkurrenz heranzüchten möge. Aber beide wussten, dass der Markt groß genug war. Zumal Tassilo sich bis jetzt auf Süddeutschland konzentrierte.

Die Weichen waren also gestellt, aber wenn Ferdinand an die Zukunft dachte, wurde ihm fast schwindelig. Sein Vater hatte ihm kurz vor der Reise gesagt, dass er sich mit 60 langsam aus der Geschäftsführung zurückziehen möchte. Er glaube, dass Ferdinand die Verantwortung für das Unternehmen in 3–4 Jahren sicher schon alleine tragen könne:

„Ferdinand, ich möchte mit Francine einfach noch andere Dinge erleben, reisen und vielleicht auch das halbe Jahr in Pürgg verbringen. Du weißt, wie sehr deine Mutter an dem alten Bauernhaus in Österreich hängt. Ich habe 1939, auch mit 30 Jahren, die Schlosserei meines Vaters übernommen und eigentlich bis heute nur gearbeitet. Es hat aber auch viel Spaß gemacht. Vor allem in den letzten Jahren, in denen wir beide zusammen doch recht erfolgreich waren. Francine und ich haben lange über diesen Schritt nachgedacht. Als du jetzt mit der Idee kamst, neben Geldschränken auch noch andere Produkte in die Firma aufzunehmen, um die Wirtschaftlichkeit zu steigern, haben wir für uns entschieden: Du sollst spätestens 1970 übernehmen. Ferdinand, schau nicht so erstaunt, doch erst in 4 Jahren! Also ab mit dir nach Frankreich und schau dir die Zukunft unseres Unternehmens, also deine Zukunft, bei Rozier genau an! Gute Reise und grüß mir Gustav.“

Ferdinand stieg in seinen geliebten blauen Käfer, öffnete das Dach und fuhr langsam von der Fähre auf die so sehr angepriesene Île de Ré. Gustav Rozier hatte von den herrlichen Austern geschwärmt, die man an der Nord-Ostküste der Insel direkt bei den Züchtern genießen könne. Vom Weinanbau und den Salzgärten. Nicht zu vergessen der Cognac, den man auf der Insel selbst brannte und den Ferdinand unbedingt seinem Vater mit nach Hause bringen sollte. Das alles begünstigt durch das wunderbare Klima, beeinflusst vom Golfstrom und den angeblichen 2.800 Sonnenstunden im Jahr.

Die schmale Küstenstraße war gesäumt von Kiefern- und Pinienwäldern, die einen intensiven Duft verbreiteten. Dazu die leicht salzige Atlantikluft. Die Sonne, der blaue Himmel und der erfrischende Fahrtwind machten den Genuss vollkommen.

Das erste Fischerdorf „La Flott“ hatte enge Gassen. Rechts und links niedrige weiß getünchte Steinhäuser, geschmückt mit einer unendlichen Blumenpracht. Im kleinen geschützten Hafen lagen ein paar Fischerboote.

Am liebsten wäre er gleich hier geblieben. Aber Gustav hatte ihm ein Zimmer im La Paix in St. Martin de Ré gebucht. Bei seiner Lieblingswirtin.

Die Insel schien ihn gleich zu Beginn verzaubern zu wollen! Auch St. Martin begrüßte ihn mit einzigartigen Bildern. Die Straße führte durch eine anscheinend den ganzen Ort umgebende Festungsanlage und erreichte schliesslich ein zweigeteiltes Hafenbecken. Auf der einen Seite Segelboote, auf der anderen etliche Fischkutter. Rund um den Hafen Gebäude mit Bistros und Geschäften.

Er parkte direkt vor dem La Paix, das mit den kleinen roten Marquisen vor jedem Fenster sehr einladend aussah.

Begleitet von einer älteren Dame, die ihn tatsächlich auch schon erwartet hatte, brachte er seinen Koffer in ein gemütliches Zimmer im zweiten Stock. Natürlich mit Blick auf den Hafen. Gustav sei Dank. Das Fenster öffnend, genoss er den einmaligen Blick auf das bunte Treiben im Hafen und am Horizont, auf die Weite des Atlantiks. Er machte sich schnell frisch, zog andere Klamotten an und beschloss als Erstes die Insel mit dem Auto zu erforschen.

Ferdinand fuhr langsam wieder aus St. Martin heraus. Schon nach kurzer Fahrt zweigte er ab nach Loix, einem kleinen Ort mit einer alten Kirche, auf deren Vorplatz Männer aller Altersklassen Boule spielten. Wieder umgeben von diesen weißen Steinhäusern. Neben dem Bouleplatz und direkt an der Kirche sah er ein kleines Bistro, dessen Außenbereich gut besucht war.

Ein guter Platz, um den Hunger zu stillen, dachte Ferdinand, dem erst jetzt bewusst wurde, wie lange er schon nichts mehr gegessen hatte. Er parkte den Käfer direkt am Platz im Schatten der Bäume und fand einen Zweier-Tisch am Rand, mit Blick auf die Boule spielenden Einheimischen. Zwei hatten sogar Baskenmützen auf, was er total französisch fand. Er hörte die permanenten Dialoge über die jeweiligen Spielstrategien, von denen er leider kein Wort verstand.

Ein Älterer, den alle Pappi nannten, der stets begann und wohl vorlegen musste, soweit er das Spiel begriffen hatte, ging immer wieder, wenn er nicht dran war, zu einer Bank und genehmigte sich einen kleinen Pastis. Ferdinand fühlte sich in Frankreich angekommen. Es war einfach herrlich.

Eine junge Bedienung reichte ihm lächelnd die Speisekarte, natürlich auf Französisch. Er versuchte die beschriebenen Speisen zu begreifen und war glücklich das Wort Crevettes zu entdecken. Darunter konnte er sich etwas vorstellen. Er zeigte auf das Wort und bestellte noch einen Vin Blanc, das hatte er schon gelernt.

„Un Pichet?“

Er nickte und war gespannt, was es bedeuten würde. Kurz darauf servierte man ihm knuspriges Baguette, einen Teller mit 12 frischen Crevetten sowie einer Kräutermayonnaise und einen Krug kalten Weißweins. Ferdinand war begeistert und genoss das Essen und die Atmosphäre in vollen Zügen. Nach einem abschließenden Kaffee bezahlte er und verließ diesen himmlischen Platz, um seine Entdeckungsreise fortzusetzen.

Die Straße führte weiter, vorbei an Salzfeldern, auf denen Männer mit langen Stangen kleine weiße Salzpyramiden aufschichteten, dann durch Weinanbaugebiete und bald auch entlang der niedrig bewachsenen weißsandigen Dünen. Schließlich erreichte er die Nordwestspitze der Insel, die mit einem beeindruckend aussehenden Leuchtturm geschmückt war.

Der Leuchtturm „Phare de la Baleine“ war bezwungen. Man hatte von hier oben einen wunderschönen Blick über die ganze Insel. Kleine Orte, Salzgärten und Austernbänke sowie der unendlich lange und breite Sandstrand im Süd-Westen. Davor die Ile de Oleron, eine weitere, ähnlich große Insel. Dazwischen, von hier oben aber leider nicht erkennbar, musste das Fort Boyard liegen. Eine zu seiner Zeit wohl uneinnehmbare Festungsanlage, die man als langgezogenen Rundbau einfach mitten ins Meer gebaut hatte. Er hatte unten im Andenkenladen schon Postkarten davon gesehen und beschloss die Geschichte dieses Bauwerkes unbedingt lesen zu müssen.

Nach einem ausgiebigen Rundgang wollte er gerade die Plattform wieder verlassen, als er von der Treppe her Frauenstimmen in Deutsch hörte:

„Ich bin kaputt, wieso gibt es hier eigentlich keinen Fahrstuhl?“ „Klappe, sonst verzähle ich mich, 240, 241 …“

Jetzt konnte er sie sehen, eine blonde junge Frau nahm die letzten Stufen und eine dunkelhaarige stöhnte hinter ihr her.

„255!“

„Es sind 257!“, rutschte es Ferdinand heraus.

„Ach wirklich? Ich dachte, wir sind hier in Frankreich“, sagte die Blonde zur Dunkelhaarigen und verschwand kichernd mit ihr hinter der Rundung des Leuchtturms.

Ganz schön frech, dachte Ferdinand belustigt und stieg die 257 Stufen wieder hinab.

***

Morgens unter den kleinen Schirmen vor dem La Paix zu sitzen, einen Café crème und ein Butter-Croissant zu genießen, war einfach großartig. Die Segelschiffe und auch die alten Fischerboote waren nur ein paar Meter von ihm entfernt, auch weil z. Zt. Flut herrschte und die Fischer so ihre Waren direkt vom Boot aus an der Kaimauer anbieten konnten. Die Unterschiede zwischen Ebbe und Flut betrugen hier innerhalb von 6 Stunden bis zu 5 m; immer wieder ein beeindruckendes Naturschauspiel.

„Hallo 257! Haben wir dich neulich auf dem Leuchtturm in die Flucht geschlagen?“

Ferdinand war kurz aufgeschreckt, verfiel dann aber sofort in ein leichtes Lachen, als er die junge blonde Frau vom Leuchtturm wiedererkannte, die sich jetzt auf den freien Stuhl an seinen Tisch setzte.

„Ich bin dauernd auf der Flucht.“

„Wer hat dich denn geärgert?“

„Wissbegierige hübsche blonde Mädchen stellen mir dauernd nach und ich dachte, hier auf der Insel bin ich endlich vor ihnen sicher!“

„Hat der Angeber auch einen Namen?“

Ihre grünen Augen leuchteten mit einer solchen Intensität, dass er vollkommen abgelenkt wurde und es verpasste, eine weitere spontane Antwort geben zu können.

„Keinen Namen? Schade, dann müssen wir wohl bei 257 bleiben, ich heiße Elena.“

„Man nennt mich Ferry.“

„Man nennt dich so, oder heißt du auch so?“

„Ferdinand!“

Sie legte sich im Stuhl zurück und blinzelte in die Sonne.

Woher kam das Gefühl, dass er plötzlich so verdammt unsicher war und gleichzeitig fasziniert und voller Spannung darauf wartete, was als Nächstes geschehen würde. Ihm saß gerade ein absoluter Traum gegenüber, der offenbar auch noch gerne mit ihm sprechen würde und er stellte sich an wie ein Idiot.

„Lass mich raten Ferdinand, du bist aus München!“

Sie hatte sich vorgebeugt und ein herausforderndes Lächeln umspielte ihren Mund. Bevor er überhaupt antworten konnte, sprang sie auf, wirbelte ihre langen Haare herum und während sie die Terrasse des Lokals verließ, rief sie:

„Heute abend um 20:00 Uhr im Les Gollandières am Bois-Plage, okay!? Eine lustige Truppe, es wird dir gefallen!“

***

Es knackte und schepperte verdächtig. Ferdinand hatte sich von seiner Wirtin ein altes Fahrrad ausgeliehen, um am Abend zum Bois-Plage zu fahren.

Der Strand lag auf der anderen Seite der Insel, war aber nur 3 km entfernt von St. Martin.

Er hatte sich bereits in die kleine Insel verliebt. Die einfache, etwas morbide Atmosphäre der Fischerorte und die endlosen Dünen auf der andren Seite der Insel mit dem herrlichen Sandstrand, der je nach Gezeiten zu stundenlangen Spaziergängen einlud. Und über allem diese wohltuende Atlantikluft.

Er freute sich auf den Abend und natürlich auch auf Elena. Hoffentlich würde sie auch wirklich da sein. Er hatte sich einiges zurechtgelegt, um diesmal besser kontern zu können. Obwohl er sie erst zweimal kurz gesehen hatte, erfasste ihn so eine Art „Lampenfieber“, wenn er an ihre unwiderstehliche Einladung dachte.

Das Les Gollandières, eine Art Strandbude mit angeschlossener Discothek, aus der schon von weitem die Musik zu hören war, lag direkt vor den Dünen. Dort angekommen, wollte er erst einmal einen Blick aufs Meer werfen. Er zog seine Tennisschuhe aus und ging barfuß in dem noch warmen Sand einen schmalen Weg entlang. Der Weg stieg erst leicht an, um dann zum Strand hin immer breiter zu werden. Die Musik von der Disco wurde jetzt durch das Rauschen der Meeresbrandung ersetzt, die aber zusätzlich von einer Gitarre mit einer melancholischen Melodie begleitet wurde. Jugendliche hatten ein kleines Feuer entfacht und saßen fröhlich miteinander spaßend in einem Halbkreis davor. Da das Meer aufgrund der momentanen Flut nicht so weit entfernt war, wollte er noch ein paar Schritte am Wasser entlanglaufen. Die Sonne legte bereits die silberne Spiegelung aufs Wasser, die bis zum Horizont reichte.

„Ferdinand, Ferry, warte!“

Elena, ganz in Weiß, in einer Caprihose und einem luftigen Top, war aus dem Kreis der Jugendlichen aufgesprungen und rannte jetzt, so gut der Sand es zuließ, auf Ferdinand zu. Angestrahlt von der Abendsonne war diese blonde junge Frau sicher das Bezauberndste, was er bisher in seinem Leben gesehen hatte.

Leicht außer Atem lächelte sie ihn an, hakte sich bei ihm unter und dirigierte ihn weiter hinunter zum Meer.

„Schön, dass du gekommen bist. Hast du mich schon gesucht?“

„Nein, ich wollte erst einmal das Meer genießen!“

„Ohne mich? Das kann ja gar nicht sein! Dann begleite ich dich besser“, strahlten ihn die funkelnden Augen an.

Gegen dieses lebenslustige wunderschöne Geschöpf hatte Ferdinand einfach keine Chance. Glückshormone überfielen ihn, er glühte über beide Ohren. Hatte er sich verliebt? Aber er kannte sie doch gar nicht! Vielleicht spielte Elena ja auch nur mit ihm?

Sie lehnte ihren Kopf an seine Schulter, verstärkte leicht den Druck ihres Armes und flüsterte: „Ich freue mich schon auf unseren ersten gemeinsamen Sonnenuntergang.“

***

Juni 1968

Sie fuhren jetzt schon über drei Stunden. Autobahn bis Salzburg. Dann über die Landstraßen auf der von Ferdinand seit langem angepriesenen Seentour. Vorbei am Fuschelsee, dem Wolfgangsee, Bad Ischl, zum Hallstätter See. Jetzt hinauf über den Pötschenpaß Richtung Bad Aussee.

„Soll ich schieben helfen“, lachte Elena, „oder schafft dein toller Käfer das alleine?“

Der Wagen war voll beladen und tatsächlich wurde er immer langsamer. Ferdinand schaltete zurück in den zweiten Gang und schon schnurrte der Motor wieder zufrieden.

„Der schafft alles, er hat mich damals sogar über 1.000 km bis hin zu dir gebracht. Also beleidige ihn nicht“, feixte Ferdinand, zog Elena zu sich und küsste sie.

„Die Île de Ré!? Sind das wirklich erst zwei Jahre her, dass ich dich langen Lulatsch dort aufgerissen habe?“, neckte Elena zurück.

„Langer Lulatsch? 1,95 m ist ein Gardemaß, sehr schwer zu finden und so kleine Wesen wie du, mit deinen 1,70 m, haben endlich was zum Aufschauen!“

„1,72 m“, protestierte sie, „wie konnte ich nur auf so einen eingebildeten Kerl hereinfallen? Vielleicht sage ich vor dem Altar ja doch noch nein!“

„Unterstehe dich, meine Mutter hat seit vier Monaten nichts anderes im Kopf als unsere Hochzeit. Dann lieber später die Scheidung, dann haben wir sogar ein zweites Fest“, grinste Ferdinand und boxte Elena leicht in die Seite. Worauf Elena ihm um den Hals fiel, so dass Ferdinand fast die Kontrolle über den Käfer verlor und ihm ins Ohr flüsterte: „Ich liebe dich 257.“

Die Sonne tauchte die Berg- und Seen-Landschaften in die schönsten Farben. Elena hatte ihr Fenster runtergekurbelt und hielt jetzt ihren Kopf leicht in den Wind, der so mit ihren blonden Haaren zu spielen schien.

„Wie viele Kinder wollen wir eigentlich haben?“, fragte Elena, während sie sich wieder an Ferdinands Schulter kuschelte und die Füße auf das offene Fenster legte.

„Vier“, lachte Ferdinand, „mindestens!“

„Okay, du Wüstling, abgemacht, zwei Mädchen und zwei Jungen! Namen?“

„Später, dafür brauchen wir jede Menge Zeit und jetzt kommst du erst einmal unter die Haube!“

„Na gut, ich finde die Namen und du darfst zustimmen“, grinste Elena, „ meinst du, unsere Kinder sehen uns ähnlich? Hoffentlich bekommen sie deine braunen Augen und deine braunen Locken und nicht meine langweiligen Schnittlauchhaare!“

Ferdinand legte den Arm um Elena: „Komm her, du hässliches Entlein, wir lassen uns einfach überraschen.“

Kurz vor Bad Aussee zeigte Ferdinand auf das schneebedeckte Dachstein-Massiv, das man jetzt auf der rechten Seite überdeutlich sehen konnte, obwohl es sehr weit entfernt war.

„Wow, das ist ja traumhaft und da fahren wir jetzt hin?“

„Nein, da fahren wir ein anderes Mal hin, jetzt lernst du erst einmal Pürgg kennen, das Kripperl der Steiermark, eins der schönsten Bergdörfer Österreichs.“

Die Landstraße schlängelte sich noch durch zahlreiche kleine Orte, bis vor ihnen ein mächtiger Berg erschien und sie nun bergab in eine beeindruckende Schlucht fuhren.

„Das ist der Grimming“, sagte Ferdinand, „über 2.300 m hoch. Dieser Berg ist der Grund, warum es Pürgg überhaupt gibt. Früher ging hier die Salzstraße durch, die aber immer wieder von Schnee- und Geröll-Lawinen verschüttet wurde. Deshalb hat man schon vor vielen hundert Jahren über den gegenüberliegenden Berg einen kleinen Pass gebaut. Und so entstand auch Pürgg als sicherer Ort für die Reisenden. Anfangs wahrscheinlich auch als kleine Poststation, zum Wechseln der Pferde.“

Die Straße führte jetzt immer tiefer in die Schlucht hinein, rechts und links von hochstehenden Wäldern begleitet. Dann gab es links einen Abzweig nach Pürgg.

„Das ist aber unheimlich hier“, murmelte Elena, „und warum eigentlich das Kripperl?“

„Peter Rosegger ist ein berühmter österreichischer Heimatdichter und der hat den Ort so beschrieben, du wirst schon sehen!“

Nach einigen steilen Serpentinen wieder bergauf, wurde der Wald von einem Hochtal mit frisch gemähten sonnigen Bergwiesen abgelöst und die ersten Häuser wurden sichtbar. Schon am Ortseingang führte die Straße wieder bergab, vorbei an kleinen steirischen Häusern mit ausladenden Dächern, die auf strenge Winter hinwiesen. Dann wurde der Weg nach unten richtig steil und Ferdinand schaltete in den ersten Gang. Hinter Häusern, die mit roten Geranien geschmückt waren, tauchte jetzt vor ihnen der Kirchturm auf.

„Unsere Kirche, Ferdinand, schau“, begeisterte sich Elena, „das ist ja wirklich ein bezaubernder kleiner Ort!“

Ferdinand fuhr auf die Kirche zu, vorbei an dem kleinen Einkaufsladen des Ortes über einen Platz, und parkte den Käfer vor einem zurückversetzten Bauernhaus mit Grundmauern aus massivem Fels. Der Rest des Hauses, bis hoch zum vorstehenden Dach, bestand aus horizontalen dunklen Holzbalken, durchbrochen von kleinen Fenstern mit grün-weiß gestrichenen Fensterläden.

Man hatte sie wohl schon lange erwartet, da augenblicklich die große schwere Holztür aufflog und Francine in einem dunkelbraunen Dirndl mit ausgebreiteten Armen auf sie zulief.

„Kinder, wo bleibt ihr denn?“

***

9. Juni 1968

Roman, Elenas Vater, eine groß gewachsene Erscheinung, den viele Damen mit Burt Lancaster verglichen, führte seine Tochter vom nahegelegenen Bauernhaus über einen kleinen ansteigenden Weg zu der Hochzeitskirche in Pürgg.

Die Pfarrkirche in dem kleinen Bergdorf wurde um das Jahr 1100 dominant auf einem steil abfallenden Felsen gebaut, so dass man die weiß verputzte Kirche mit ihrer Schindelbedachung schon weit aus dem Ennstal in der Sonne leuchten sah.

Alle Freunde und Verwandten waren gekommen und verteilten sich gerade auf die Bänke in dem romanisch-gotischen Mittelschiff der St.-Georgs-Kirche.

Ferdinand, in einem original steirischen Trachtenanzug, stand bereits vor dem Altar und wartete gespannt auf seine Elena.

Francine, Sophie, Elenas sehr attraktive Mutter, und natürlich Elena selbst hatten jetzt schon seit Tagen ein großes Geheimnis um das Hochzeitskleid gemacht. Alle drei waren zwecks Anprobe mehrere Male ganz aufgeregt zur Gschwandnerin, der berühmten Dirndelschneiderin, nach Gröbming gefahren. Und jedes Mal hatte Elena danach Ferdinand mit neuen Details auf die Folter gespannt.

Parallel zu den Kirchenglocken hörte man jetzt vom Eingangsportal her die Pürgger Blaskapelle, die zur Freude aller die Braut ankündigte. Ein sichtbar stolzer Vater brachte nun, vorbei an allen Anwesenden, Elena zum Altar.

Elena, mit ihren goldblonden Locken, geschmückt mit einer kleinen Trachtenkrone, war in Ferdinands Augen in diesem Moment die schönste Braut der Welt. Das bodenlange Hochzeitskleid, in rostfarbenem Brokat, betonte ihre schlanke Taille und das mit einer goldenen Borte verzierte Dekolleté schmückte eine einzigartige, aus weißen Perlen bestehende Trachtenkette.

Nach einleitenden Worten des Pfarrers erklang von der Orgelempore das Ave Maria, zu aller Überraschung gesungen von Francine, die schon in ihrer Jugend eine begeisterte Chorsängerin gewesen war.

Die folgende Zeremonie mit einfühlsamen und auch mahnenden Worten wurde von einzelnen mit leisem Schluchzen begleitet.

Dann kam es zum langersehnten Ja-Wort, das Elena und Ferdinand mit einem Kuss besiegelten.

Unter erneuter Orgelmusik führte der Pfarrer die Hochzeitsgesellschaft aus der Kirche heraus, die sich dann vor dem Kirchenportal sammelte. Mit den Klängen der jetzt wieder aufspielenden Musikkapelle und mit dem Blick auf das alles überragende Bergmassiv des Grimmings nahmen Elena und Ferdinand die zahlreichen Glückwünsche entgegen.

Das Wetter war wie bestellt: 25 °C, Sonne, blauer Himmel und keine einzige Wolke. Die ganze Gesellschaft bewegte sich mit fröhlichen Gesprächen langsam wieder Richtung Bauernhaus. Gilbert dirigierte alle auf die Terrasse, wo mit einer fantastischen Aussicht ins Ennstal und auf die Burg Trautenfels Champagner und kleine Snacks gereicht wurden.

Ferdinand umarmte Elenas Taille, hob sie unter allgemeinem Klatschen ein Stück in die Höhe und sah ihr, während er sich mit ihr drehte, in ihre leuchtenden grünen Augen:

„Na Madame Tassilo, wir sind jetzt verheiratet, wie fühlst du dich!?“

Elena lachte, streckte während des Drehens ihre Arme aus, ließ ihren Kopf leicht nach hinten fallen und schaute in den Himmel: „Eine wunderschöne Hochzeit 257!“