Verlag: Bastei Lübbe Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

Taste of Love - Geheimzutat Liebe E-Book

Poppy J. Anderson

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E-Book-Beschreibung Taste of Love - Geheimzutat Liebe - Poppy J. Anderson

Eine Prise davon macht jedes Essen besser - Geheimzutat Liebe Andrew Knight ist neuer Stern am Bostoner Gastrohimmel - doch mittlerweile total ausgebrannt. Beim spontanen Kurzurlaub in Maine trifft er auf Brooke Day, die den lokalen kulinarischen Geheimtipp leitet und nicht ahnt, wer sich da bei ihr einquartiert. Gemeinsam machen sie aus dem bisher erfolglosen Geheimtipp eine In-Location, und Andrew hat zum ersten Mal seit Jahren wieder Spaß beim Kochen. Doch kann Brooke ihm verzeihen, dass er ihr nicht die Wahrheit gesagt hat? Der erste Band der bezaubernden Liebesroman-Reihe "Taste of Love" von Bestseller-Autorin Poppy J. Anderson.

Meinungen über das E-Book Taste of Love - Geheimzutat Liebe - Poppy J. Anderson

E-Book-Leseprobe Taste of Love - Geheimzutat Liebe - Poppy J. Anderson

Inhalt

Cover

Über die Autorin

Titel

Impressum

Widmung

1

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Danksagung

Über die Autorin

Poppy J. Anderson hatte schon immer eine große Schwäche für das Geschichtenerzählen, ihre ersten schriftstellerischen Versuche brachte sie bereits mit zwölf Jahren zu Papier. Nach ihrem Studium nahm sie allen Mut zusammen und stellte endlich einen ihrer Texte einem größeren Publikum vor. Mit umwerfendem Erfolg: Ihre witzigen Romane, die alle in den USA spielen und von der großen Liebe handeln, begeisterten so viele Leser, dass Poppy als erste deutsche Selfpublisherin zur Auflagenmillionärin wurde. Wenn sie nicht gerade schreibt oder über neue Geschichten nachdenkt, reist sie gerne an die abgelegensten Orte der Welt oder spielt zu Hause in einer rheinländischen Großstadt mit ihren beiden Hunden Anton und Zipi.

POPPY J. ANDERSON

TASTE OF LOVE

Roman

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Originalausgabe

Copyright © 2017 by Bastei Lübbe AG, KölnLektorat: Bettina SteinhageTextredaktion: Ulrike Strerath-BolzUmschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, Münchenunter Verwendung eines Motivs von© FinePic®, München

eBook-Erstellung: Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN 978-3-7325-3335-0

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Für meinen Opa,der mir mein erstes Buch geschenkt und

Andrew Knight ignorierte seine Assistentin, die ihm im Nacken saß und von Sekunde zu Sekunde mehr Unwillen auszustrahlen schien. Um sich ein wenig abzuschirmen, hielt er sich das Handy ans Ohr und lauschte mit aller Geduld, zu der er momentan fähig war, den schier endlosen Ausführungen seiner Tante.

Eigentlich hatte er genug zu tun und ahnte nach einem kurzen Blick auf seine Armbanduhr, dass ihm der größte Stress des Tages noch bevorstand, auch ohne dass Tante Daisy ihm kostbare Zeit raubte. Da sie jedoch nicht nur seine Tante, sondern auch seine Managerin war, blieb ihm gar nichts anderes übrig, als das eindimensionale Gespräch fortzuführen und zu hoffen, dass ihr bald die Stimme versagte. Das atemlose Krächzen, das sie mittlerweile ausstieß, während sie ihm von ihrer neuesten Idee berichtete, ließ jedenfalls vermuten, dass sie in nicht allzu ferner Zukunft auflegen würde.

Stumm und zudem wenig begeistert hörte sich Andrew an, was Tante Daisy zu sagen hatte, und marschierte währenddessen durch sein Restaurant, das jetzt am Vormittag noch menschenleer war. Missmutig runzelte Andrew die Stirn, als er an den kunstvoll abgewetzten Chesterfieldsesseln des Empfangsbereichs vorbeilief und dabei an den Künstler dachte, der unbedingt heute mit ihm über die Möglichkeit sprechen wollte, seine Bilder in Andrews Restaurant auszustellen. Normalerweise hätte Andrew einem solchen Termin niemals zugestimmt, doch da der Maler der Freund des Bruders seiner Ex war, hatte er zähneknirschend versprochen, ihn zu treffen.

Seit er vor einigen Monaten sein Restaurant Knight’s in Boston eröffnet hatte, häuften sich die Anrufe alter Schulfreunde, ehemaliger Freundinnen und längst vergessener Bekannter, die ihn um irgendwelche Gefallen baten. Andrew wusste selbst, dass er auf solche Anfragen nicht eingehen sollte, doch in diesem Fall war es anders: Diese Frau hatte ihn nackt gesehen und auf seinen damaligen Wunsch hin Dinge getan, die in einigen Bundesstaaten gegen das Gesetz verstießen. Wenn sie ihn jetzt um einen Gefallen bat, konnte er schlecht Nein sagen.

»Die Produzenten sind begeistert, Andrew! Wir haben …«

»Moment, Tante Daisy«, unterbrach er nun doch den Monolog seiner Tante und blieb an der glänzend polierten Bar stehen. Mit zwei Handgriffen korrigierte er die Position von einem der Barhocker, der nachlässig und völlig schief an den Tresen geschoben worden war, runzelte die Stirn und brummte in den Hörer hinein: »Du hast bereits mit einem Produzenten gesprochen?«

Das Seufzen seiner übereifrigen Tante klang entschuldigend. »Ich weiß, dass ich das erst einmal mit dir hätte besprechen müssen, Andy, aber die Gelegenheit ergab sich völlig spontan. Man soll das Eisen schmieden, solange es heiß ist, nicht wahr?«

Andrew fielen sofort zwei Dinge auf: Erstens nannte Tante Daisy ihn nur dann Andy, wenn sie ihn weichkochen und von einer Idee überzeugen wollte. Und zweitens verlegte sie sich immer dann auf Sprichwörter, wenn sie sich ertappt fühlte. Dass ihr Treffen mit einem TV-Produzenten spontan abgelaufen war, kaufte Andrew ihr deswegen nicht eine Sekunde lang ab. Da er seine Tante jedoch trotz ihrer nervtötenden und teilweise übergriffigen Art sehr liebte, hielt er sich mit Verdächtigungen gentlemanlike zurück.

Stattdessen versuchte er es mit der Vernunft. »Tante Daisy, das mag eine tolle Idee sein, aber das Restaurant frisst meine komplette Zeit auf. Ich weiß ja nicht einmal, wie ich …«

»Aber, Andrew, bedenke doch, was das für deine Karriere bedeuten würde! Du hättest eine eigene TV-Show, eine landesweite TV-Show«, betonte sie mit der Aufregung einer Schülerin, die sich für ihren ersten Schulball schminkte und in ein viel zu enges Kleid quetschte. »Dein Name würde noch bekannter werden, was wiederum von Vorteil wäre, falls du eine Restaurantkette eröffnen willst.«

»Wer sagt denn, dass ich eine Restaurantkette eröffnen will?«, fragte er ehrlich überrascht.

Seine Tante ging auf den Einwand gar nicht ein, sondern flüsterte geradezu ehrfürchtig: »Denk an Martha Stewart, Andrew.«

»Ich tue Tag und Nacht nichts anderes«, erwiderte er übertrieben feierlich. »Allerdings wüsste ich nicht, was Martha Stewart damit zu tun haben soll, dass du mir eine TV-Show vorschlägst.«

»Also, bitte!«, rief seine Tante empört. »Martha Stewart ist die amerikanische Ikone schlechthin, was das Kochen betrifft. Und sie ist ständig in diversen TV-Shows zu sehen.«

Andrew konnte ein Ächzen nicht unterdrücken. »Außerdem war sie ziemlich oft vor Gericht zu sehen und durfte bestimmt hinter Gittern für ihre Mithäftlinge kochen, Daisy. Soll ich mir tatsächlich Martha Stewart zum Vorbild nehmen? Dann darfst du mir später einmal einen Kuchen mit integrierter Feile backen und in den Knast schmuggeln.«

»Das eine hat doch mit dem anderen nichts zu tun.« Tat-sächlich klang Daisy derart verständnisvoll, als wäre Martha Stewart wegen eines ausgespuckten Kaugummis im Gefängnis gelandet. »Sei nicht so negativ. Wenn dir Martha Stewart nicht gefällt, denk von mir aus an Jamie Oliver und Gordon Ramsay.«

Andrew seufzte schwer und ließ seinen Blick über die Reihen von dezent ausgeleuchteten Flaschen wandern, während er sich in Gedanken eine Notiz machte, mit dem Sommelier über die letzte Lieferung des Pinot Gris zu sprechen, der eine Katastrophe gewesen war. Dann fragte er gottergeben nach: »Was ist mit Jamie Oliver und Gordon Ramsay?«

»Was soll mit ihnen sein?«, empörte sich Tante Daisy. »Du weißt sehr gut, welchen Bekanntheitsgrad die beiden haben – dank ihrer TV-Shows. Auf der ganzen Welt kennt man ihre Namen, kauft ihre Bücher und besucht ihre Restaurants. Der Grund ihres Erfolges ist ihre mediale Präsenz. Wenn du deine eigene TV-Show hättest, wäre das nicht nur ein Grundstein für einen nationalen, sondern auch für einen internationalen Durchbruch, Andrew.«

»Die beiden kommen aus Großbritannien«, brummte Andrew und konnte den abfälligen Tonfall in seiner Stimme kaum unterdrücken. »Du weißt, was ich von der britischen Küche halte.«

»Dann denk an Mario Batali, um Himmels willen«, fuhr sie ihn an. »Der Mann verdient sich dumm und dämlich.«

Vor lauter Schreck verschluckte sich Andrew, als er plötzlich das Bild des rothaarigen, übergewichtigen Fernsehkochs vor Augen hatte, der vor der Kamera nicht nur billige Plastiksandalen trug, sondern sich gerne für Fotos Ketten aus Salamis um den Hals hängte. Er musste husten.

»Geld ist nicht alles, Daisy.«

Mal abgesehen davon, dass Andrew weder dadurch bekannt werden wollte, dass er vor laufender Kamera ein Schwein schlachtete, noch dass er seine Mitarbeiter anschrie und sie zum Heulen brachte wie Gordon Ramsay, hatte er überhaupt kein Interesse daran, sein Gesicht ständig im Fernsehen oder auf Kochbüchern zu sehen. Er war Koch und kein Showmaster oder Entertainer. Anstatt sich auf seine mediale Präsenz zu konzentrieren, wie Tante Daisy es vorschlug, wollte er seine Zeit und Energie in sein Restaurant stecken, irgendwann zum besten Küchenchef der Stadt werden und in der Zwischenzeit seine Gäste anständig bewirten. Das ganze Drumherum machte ihm bereits genug zu schaffen, ohne dass er jetzt auch noch zum TV-Koch werden musste. In den letzten Monaten fühlte er sich ohnehin zunehmend ausgebrannt. Er hatte von Anfang an von morgens bis spät in die Nacht geschuftet, um sicherzugehen, dass sein Restaurant gut lief und keinen Schiffbruch erlitt.

Und jetzt, da alles so gut – fast schon zu gut – lief, war er vollkommen erschöpft.

In seinen kühnsten Träumen hätte er nicht gedacht, dass er jemals so viel Erfolg haben würde. Tatsächlich war es erschreckend, was momentan auf ihn zukam, und wenn er ehrlich war, musste er zugeben, dass ihm der ganze Rummel über den Kopf wuchs. Er wollte eigentlich nur das tun, was er wirklich gut konnte und was ihn glücklich machte. Und das war nun einmal das Kochen. Am Herd stehen, verschiedene Geschmacksrichtungen miteinander kombinieren, sich immer neue Gerichte auszudenken und seine Vision eines gut funktionierenden Restaurants umzusetzen – das alles lag ihm viel mehr, als seinen Kopf vor eine Kamera zu halten oder Bussi Bussi mit berühmten Gästen zu machen.

Seit der Eröffnung des Knight’s war das Restaurant täglich ausgebucht, die Wartelisten für einen Tisch wurden immer länger und es verging keine Woche, in der es nicht in einer Zeitung, einem Fernsehbericht oder irgendwo im Internet erwähnt wurde. Zudem gaben sich die Promis der Stadt die Klinke in die Hand und schwärmten in den sozialen Netzwerken vom Hummer auf Passionsfruchtsalat, von pochierten Wachteln an Süßkartoffelgratin oder von der Crème Brûlée von der Tonkabohne, die der allerletzte Schrei war und ständig bestellt wurde.

Alles hätte ganz wunderbar sein können, aber Andrew spürte, dass er nicht wirklich zufrieden war.

Er wusste selbst nicht, was mit ihm los war. Seit Jahren hatte er auf dieses Ziel hingearbeitet, hatte Rückschläge überwunden, sich selbst immer wieder anspornen müssen und hart gearbeitet, um jetzt mit fünfunddreißig Jahren Besitzer und Chefkoch eines der angesagtesten Restaurants in Boston zu sein. Er galt als die große Hoffnung der amerikanischen Küche, durfte sich monatlich über schwarze Zahlen freuen und genoss ein erstklassiges Renommee. Außerdem mangelte es ihm nicht an schönen Frauen, die sich ihm an den Hals warfen und ihn baten, ihnen sein preisgekröntes Pistazienmousse auf gesalzenem Karamellbiscuit ans Bett zu bringen.

Aber irgendwie hatte die Wirklichkeit nicht viel mit seinem Traum zu tun. Statt sich in der Küche auszutoben, musste er sich ständig mit Dingen befassen, die ihm auf die Nerven gingen. Und dazu gehörte auch, über eine Kochshow zu diskutieren, auf die er keine Lust hatte.

Tatsächlich erschien ihm eine Kochshow ungefähr so verlockend wie eine Kastration. Aber wie sollte er das Daisy beibringen? Er versuchte es in einem sehr zurückhaltenden Ton: »Tante Daisy, ich bin kein Fernsehkoch und möchte es auch nicht werden.«

»Aber Andy, du bist so telegen und hast so ein süßes Grübchen, wenn du lächelst!«

Er schnitt eine Grimasse. Mochte er auch leidenschaftlich gern kochen, guten Wein lieben und stundenlang an dem perfekten Rezept für eine Bouillabaisse herumexperimentieren, war er doch trotzdem ein Mann. Und als solcher hörte er es nicht gerne, dass er ein süßes Grübchen besaß, wenn er lächelte – schon gar nicht von seiner älteren Tante.

Während sich Daisy weiterhin über die Vorzüge einer Kochshow ausließ und von Sekunde zu Sekunde ekstatischer klang, gab Andrew dem Drang nach, in den Spiegel oberhalb der Bar zu schauen. Seine Augenringe tat er mit einem innerlichen Schulterzucken ab, das war nun einmal Teil des Jobs. Doch beim Blick in den glänzend polierten Spiegel fiel ihm auf, dass seine Assistentin Alice inzwischen ihren entschlossensten Gesichtsausdruck aufgesetzt hatte: Die Art, wie sie den Stapel Papiere in ihren Händen umklammerte und dabei auf ihrer Unterlippe nagte, sagte ihm, dass schon wieder irgendein Notfall ins Haus stand. Alice tat immer so, als wäre jede Kleinigkeit wahnsinnig wichtig, und trieb ihn mit ihrem Ehrgeiz beinahe in den Wahnsinn. Da Daisy gerne mal genörgelt hatte, er bräuchte unbedingt eine Assistentin, hatte er die erstbeste Anwärterin auf den Job eingestellt. Leider hatte sich schnell herausgestellt, dass Alice ein wenig zu ehrgeizig war und sich bei ihrem Job mit militärischer Effizienz bevorzugt auf reine PR-Gags konzentrierte. Ginge es nach ihr, hätte er vermutlich schon fünf Kochshows hinter sich. Dass er sie nicht längst entlassen hatte, lag einzig und allein daran, dass er keine Lust hatte, sich wieder auf die Suche zu machen.

Also ertrug er Alice tapfer und setzte seinen Souschef auf sie an, wenn sie ihm zu sehr auf die Nerven fiel.

»Warum triffst du dich nicht einfach mit dem Produzenten und sprichst mit ihm, Andrew? Ich bin mir sicher, dass dir seine Ideen gut gefallen würden«, unterbrach Tante Daisy seine Gedanken.

Da war er nicht so sicher. Aber da er schon viel zu lange mit ihr telefonierte und dringend in der Küche nach dem Rechten sehen musste, gab er sich endlich geschlagen: »Sprich mit Alice, sie soll nachschauen, wann ich Zeit für einen Termin hätte.«

»Wunderbar«, erwiderte seine Tante euphorisch und ein klein wenig zu schrill. »Du wirst es sicher nicht bereuen.«

»Hör zu, Tante Daisy, ich muss jetzt wirklich …«

»Ja, ich weiß«, flötete sie fröhlich in den Hörer. »Ich melde mich bei dir, sobald ich mehr weiß.«

»Mach das«, entgegnete Andrew knapp und beendete das Gespräch.

Während er sein Handy mit einer steifen Bewegung in die Hosentasche seiner Jeans schob, winkte er mit der anderen Hand Alice zu, die beinahe über ihre eigenen Füße fiel, als sie ihm den Stapel Papiere reichte.

»Der Großlieferant hat angerufen und gesagt, dass es ein Problem mit der Fischbestellung für das Wochenende gibt, Mr. Knight.«

»Was für ein Problem?«, hakte Andrew misstrauisch nach und ging mit gesenktem Kopf den Stapel Papiere durch, der vor allem aus Bestellformularen für den Großmarkt bestand.

»Nun … er sagte, er könne die Lieferung der Belon-Austern nicht garantieren.«

Das hatte ihm gerade noch gefehlt!

Mürrisch schnappte sich Andrew einen Kugelschreiber und begann die Bestellformulare zu unterschreiben. In seinem Kopf ratterte es, während er sich die Warenlieferungen ansah und mit den sorgfältig geplanten Menüs für das Wochenende abglich, deren Zusammenstellung ihn zwei ganze Nächte gekostet hatte. Gleichzeitig überlegte er fieberhaft, welcher Lieferant in der Lage wäre, ihm auf die Schnelle Belon-Austern zu besorgen. Da er sich auf die Fahnen geschrieben hatte, seinen Gästen nur allerbeste Qualität zu bieten, würde er einen Teufel tun und nun auf eine andere Austernsorte zurückgreifen, die zwar bedeutend leichter zu bekommen und auch viel preisgünstiger war, jedoch nicht den exquisiten Geschmack besaß, den Andrew so sehr schätzte.

»Rufen Sie gleich bitte Mike Flannagan an, Alice. Richten Sie ihm aus, dass er mir noch einen Gefallen schuldet und dass ich mich darauf verlasse, dass er mir Belon-Austern besorgen kann, ohne dass ich dafür ins Armenhaus komme.«

Aus den Augenwinkeln bemerkte Andrew, dass sich Alice keine Notizen machte, sondern bewegungslos neben ihm stand. Mit einem unterdrückten Seufzer schaute er auf und begegnete ihrem auffordernden Blick.

»Was gibt es denn, Alice?«

»Sie sollten sich heute Abend mit dem Bürgermeister fotografieren lassen, Mr. Knight«, rief sie ihm in Erinnerung. Bedeutungsvoll musterte sie seine Kleidung. »Wenn Sie es wünschen, kann ich einen Anzug herkommen lassen.«

Beinahe hätte er den Stift von sich geworfen, da er momentan für alles einen Kopf hatte, aber sicher nicht für den geltungssüchtigen Bürgermeister, der in diesem Wahljahr ständig bei ihm auftauchte, um sich den Bauch vollzuschlagen, großkotzige Reden über soziale Gerechtigkeit zu schwingen und danach ein miserables Trinkgeld zu geben.

Da Andrew selbst aus einer Politikerfamilie kam, wusste er, wie der Hase lief, und hatte keinen Bedarf, sich mit dem feisten Kerl fotografieren zu lassen. Alice schien dies anders zu sehen, da sie ihn weiter unerbittlich anstarrte.

Nicht weniger unerbittlich starrte Andrew zurück und schnarrte: »Die Belon-Austern, Alice. Kümmern Sie sich darum, nicht um den Bürgermeister. Ich werde in der Küche gebraucht.«

»Das Foto würde …«

»Rufen Sie zuerst Mike Flannagan an und teilen Sie unserem Lieferanten anschließend mit, dass wir uns einen anderen suchen müssen, wenn er seinen Job nicht machen kann. Vor einem Monat hat er norwegischen Lachs geliefert, obwohl ich schottischen bestellt hatte. Jetzt die Sache mit den Austern. Meine Geduld ist bald am Ende.«

Allmählich schien Alice zu begreifen, dass er nicht in der Stimmung war, mit ihr über den Bürgermeister zu diskutieren. Zögernd machte sie sich ein paar Notizen, bevor sie mit klackernden Absätzen und einer Miene, die an ein schmollendes Kleinkind erinnerte, kehrtmachte, um ihren Aufgaben nachzugehen.

Andrew fragte sich, was heute wohl sonst noch auf ihn zukommen würde. Es war noch keine zwölf Uhr, und er war sehr nah dran, den Kopf auf die edle Holzplatte der Theke zu legen. Sein sehnsuchtsvoller Blick glitt zur Bar, und er überlegte, ob es wohl noch zu früh für einen Entspannungsdrink war.

In letzter Zeit kam es immer häufiger vor, dass er vor lauter Hektik nicht mehr wusste, wo ihm der Kopf stand. Doch im Gegensatz zu früher, als er richtiggehend aufgeblüht war, wenn er gefordert wurde, machte sich von Mal zu Mal mehr Lustlosigkeit in ihm breit. Zwar zwang er sich jeden Tag dazu, sein Bestes zu geben – etwas anderes hätte sein eigener Ehrgeiz gar nicht zugelassen–, doch allmählich wurde ihm schmerzhaft bewusst, dass ihm die alte Leidenschaft für seine Arbeit abhandenzukommen drohte. Trostlos fielen seine Mundwinkel hinab, während er seinen Blick durch das Restaurant schweifen ließ.

Noch schlimmer war die Tatsache, dass auch seine Liebe fürs Kochen schwand. Noch vor einem halben Jahr war er morgens nach wenigen Stunden Schlaf aus dem Bett gesprungen und hatte es kaum abwarten können, ins Restaurant zu fahren, um sich dort ans Werk zu machen. Mit der gleichen Leidenschaft, die er fürs Kochen empfand, hatte er sich um administrative Aufgaben gekümmert und seine Küchenbrigade geleitet. Jeder Kleinigkeit war er mit Herzblut nachgegangen und hatte schon bald erleben können, welchen Erfolg er mit seinem Restaurant hatte.

Das Knight’s war ein Restaurant, auf das wirklich jeder Koch stolz gewesen wäre und in dem die meisten Köche, die etwas auf sich hielten, nur zu gerne gearbeitet hätten. Aber Andrew sah den Tagen inzwischen nur noch mit wenig Freude entgegen. Irgendetwas konnte tatsächlich nicht mit ihm stimmen, wenn er nicht mehr darauf brannte, in seine Küche zurückzukehren, um dort die Ansagen zu machen und sein Team zu Höchstleistungen anzuspornen. Bisher war es noch nie vorgekommen, dass er sich nicht an den Herd gesehnt hätte. Während andere Menschen in den Urlaub fuhren, um sich zu entspannen, hatte Andrew lediglich seine Küchenutensilien, einen Herd und ein paar Lebensmittel benötigt, um sich von einem stressigen Tag zu erholen. Nirgends hatte er sich so wohlgefühlt wie in einer Küche. Beim Kochen konnte er abschalten und sich entspannen. Selbst der Stress, der in einer Restaurantküche nun einmal an der Tagesordnung war, hatte an dieser Entspannungsmethode nichts geändert – bis jetzt.

Bei der Erkenntnis, dass er allmählich Widerwillen empfand, sobald er ans Kochen dachte, tat sich vor ihm ein riesiges Loch auf. Andrew wollte nicht darüber nachdenken, was tatsächlich passieren würde, wenn seine Leidenschaft für seinen Beruf verschwand, diese Vorstellung erschreckte ihn mehr, als er vor sich selbst zugeben wollte. Entschlossen griff er nach dem Rest der Papiere, die Alice dagelassen hatte.

Doch nur wenige Sekunden später seufzte er und schleuderte den Blätterstapel beiseite. Wem machte er hier eigentlich etwas vor? Allmählich klang er schon wie diese Yogaanhänger, die ihre Wohnungen nach dem Feng-Shui-Prinzip ausrichteten oder einen Lifecoach engagierten, um ihre goldene Mitte zu finden. Er dagegen war nicht der Typ, der an Modekrankheiten wie den berühmt-berüchtigten Burnout glaubte und sich einredete, er müsse mit dem Fahrrad durch Indien fahren, um wieder einen Sinn im Leben zu finden. Andrew wusste, was der Sinn seines Lebens war, auch ohne jemals in Indien gewesen und auf einem Elefanten am Taj Mahal vorbeigeritten zu sein. Er brauchte weder ein Buch aus der Selbsthilfeecke einer Buchhandlung noch einen Film mit Julia Roberts, in dem eine desillusionierte Großstädterin tonnenweise Eiskrem in sich hineinfutterte und die Welt bereiste, um zu wissen, wer sie war. Er war Koch, ein Küchenchef, um genau zu sein, und er war verdammt gut darin.

Wenn er sich momentan ausgebrannt und lustlos fühlte, dann kam das höchstwahrscheinlich davon, dass er vor lauter Arbeit zu wenig Schlaf fand und sich nur unter Schwierigkeiten an den letzten guten Sex erinnern konnte. Selbst der Dalai Lama hätte ihm vermutlich gesagt, dass seine Frustration daher kam, dass er zu viel arbeitete und zu wenig Zeit im Bett verbrachte. Vielleicht sollte er ab und zu früher Schluss machen, die Küche seinem Souschef Nick überlassen und wirklich der einen oder anderen Frau Dessert im Bett servieren. Eigentlich ein ganz verführerischer Gedanke.

Das Problem an diesem Szenario lag leider darin, dass Andrew Bedenken hatte, das Feld seinem Souschef Nick zu überlassen: Denn der bestellte anscheinend Lebensmittel, die Andrew nicht angefordert hatte. Auf den Bestellformularen, die hier vor ihm lagen, sah man das ziemlich deutlich. Um mit Nick ein Hühnchen zu rupfen, schnappte sich Andrew die Papiere und machte sich auf den Weg in die Küche.

Während es in den Gasträumen des Restaurants noch himmlisch ruhig war und lediglich der Duft eines dezenten Putzmittels in der Luft lag, herrschte in der riesigen Küche des Knight’s rege Betriebsamkeit. Küchenhilfen schwirrten umher, trugen Lebensmittel zu den verschiedenen Stationen und schnitten Gemüse klein, während auf den Herden und in den Öfen die unterschiedlichsten Gerichte zubereitet wurden. Obwohl es den Anschein hatte, als wäre es in der Küche brechend voll, stand niemand dem anderen im Weg, da jeder seinen Platz kannte. Andrew liebte die gut durchdachte Ordnung in seiner Küche und war extrem stolz darauf, ein dermaßen eingespieltes Team hinter sich zu haben, auf das er sich voll und ganz verlassen konnte. Obwohl er erst jetzt die Küche betrat, konnte er sicher sein, dass jeder auf seinem Platz war und seiner Arbeit nachging.

Auch sein dunkelhaariger Souschef stand bereits am Herd und probierte mit hochkonzentrierter Miene eine Rotweinreduktion, während der Saucier auf ihn einredete.

Andrew runzelte die Stirn, nickte einer Küchenhilfe grüßend zu und ging auf die beiden Köche zu, die gerade über das perfekte Rezept eines Bœuf Bourguignon fachsimpelten, während ihr Boss bereits am Duft erkennen konnte, dass es der Saucier wieder mal mit den Blutorangenzesten in seiner Sauce maltaise übertrieben hatte.

»Hallo, Chef«, begrüßte ihn sein Souschef fröhlich, ohne Andrews ärgerlicher Miene Beachtung zu schenken, und legte den Probierlöffel beiseite. »Die Bordelaise scheint Calvin heute besonders gut zu gelingen. Willst du probieren?«

Manchmal bereute Andrew es, dass in seiner Küche kein streng hierarchischer Ton herrschte und er einen lockeren Umgang mit seinen Mitarbeitern pflegte. Sein Souschef bedachte ihn mit einem unbekümmerten Lächeln und tat so, als könnte er kein Wässerchen trüben. Allerdings ließ Andrew sich nicht so einfach ablenken, deswegen ignorierte er den Saucier und hielt stattdessen die Bestellformulare in die Höhe, bevor er drohend wissen wollte: »Du hast Meermandeln bestellt?«

Das unbekümmerte Lächeln wich nicht einen Millimeter vom Gesicht des Souschefs. »Erst letztens habe ich ein neues Rezept mit Meermandeln auf einem Fenchel-Carpaccio ausprobiert, Chef. Du wirst vor Glückseligkeit sterben, wenn du es probierst!«

Der Einzige, der hier sterben würde, wäre Nick, schwor sich Andrew – jedoch nicht vor Glückseligkeit. Auch wenn Nick in den letzten Monaten sein Kumpel geworden war, mit dem er ab und zu ein paar Körbe warf und etwas trinken ging, hieß das nicht, dass sich der Souschef mehr herausnehmen konnte als die anderen Angestellten.

Mühsam beherrscht grollte er daher: »Und wann wolltest du mich darüber informieren, dass du ein neues Gericht auf meine Karte setzen willst? Waren wir uns nicht darüber einig, dass ich der Küchenchef und somit auch verantwortlich für die Speisekarte bin, Nick?«

Aus den Augenwinkeln sah er, wie der Saucier den Kopf einzog und einen Schritt beiseitetrat. Andrew konnte es ihm nicht einmal verübeln, schließlich hatte seine Stimme alles andere als freundlich geklungen. Während der Geräuschpegel um sie herum deutlich leiser wurde, runzelte der Souschef lediglich die Stirn und erwiderte unbeeindruckt: »Ich dachte, dass wir etwas Neues probieren sollten, Chef.«

»So, dachtest du das«, schnaubte Andrew aufgebracht. »Hast du vielleicht auch daran gedacht, das vorher mit mir zu besprechen? Du kannst nicht einfach hingehen und die Karte ändern!«

»Ich hätte dir das Gericht vorher zum Probieren gegeben.«

»Oh, danke, sehr gnädig«, spottete Andrew. »Du weißt genau, dass die Auswahl der Speisen meine Sache ist.«

Uneingeschränkt fröhlich stellte Nick fest: »Meermandeln auf Fenchel-Carpaccio würden perfekt zum Sommer passen. Wieso bieten wir sie nicht auf einer zusätzlichen Sommerkarte an?«

Andrew runzelte finster die Stirn und bemerkte, dass er Kopfschmerzen bekam. Erst hatte er einem Termin für eine Kochshow zugestimmt, auf die er keine Lust hatte, dann war er mit seiner Assistentin fast aneinandergeraten, weil sie meinte, aus ihm den neuen besten Freund des unsympathischen Bürgermeisters machen zu wollen, und jetzt sah er sich mit einem Souschef konfrontiert, der ihm mit jungenhaftem Grinsen die gesamte Planung durcheinanderbrachte.

Für einen kurzen Moment presste Andrew die Lippen aufeinander. Eigentlich wollte er sich in der Küche und vor der gesamten Mannschaft auf keine solche Debatte einlassen, aber eine Antwort musste sein. »Erstens wäre eine zusätzliche Karte kompletter Bullshit, schließlich haben wir neben unseren regulären Menüs auch noch Tageskreationen. Und zweitens bieten wir genügend Fischgerichte an! Für das Wochenende planen wir neben Austern auch noch Langusten, Venusmuscheln und Jakobsmuscheln zu den anderen Fischsorten. Wozu brauchen wir Meermandeln?«

»Die Meermandel hat völlig zu Unrecht einen schlechten Ruf«, widersprach Nick gut gelaunt. »Richtig gegart stellt sie die Jakobsmuschel problemlos in den Schatten, Chef!«

Andrew sah ihm in die Augen. Er fühlte sich auf einmal sehr, sehr alt. »Keine Sommerkarte. Keine Meermandeln. Das ist mein letztes Wort.«

»Okay«, lachte Nick. »Du weißt nicht, was du versäumst.«

»Ich kann es mir denken«, entgegnete Andrew und verdrehte die Augen, bevor er sich an den Saucier wandte. »Und du hast schon wieder zu viel Blutorange in die Sauce maltaise gegeben, Calvin. Willst du, dass man den Spargel nicht mehr schmeckt?«

»Hey, Chef«, unterbrach Nick ihn unbekümmert. »Weißt du, was fabelhaft zur Sauce maltaise schmecken würde?«

Wieder schnitt Andrew eine Grimasse und ächzte ironisch: »Lass mich raten: Meermandeln?«

Das Lachen seines Souschefs verfolgte Andrew bis zur Kühlkammer.

Als Andrew seine Wohnung betrat, lehnte er sich mit dem Rücken gegen die Tür und ließ das Kinn auf die Brust fallen.

Erst mal tief durchatmen! Er schloss die Augen und genoss die Ruhe, die ihn in seiner Wohnung erwartete, weil sein Schädel schmerzhaft pochte. Der Abend war hektisch und anstrengend gewesen. Obwohl: Im Grunde war der heutige Tag nicht anstrengender oder hektischer als jeder andere Tag im Restaurant, nur Andrew fühlte sich heute ausgelaugter und ausgebrannter als sonst. Für den restlichen Abend hatte er sich nichts anderes vorgenommen, als noch einen Happen zu essen, eine heiße Dusche zu nehmen und ins Bett zu fallen, um bis morgen Mittag durchzuschlafen. Vermutlich würde er es nicht einmal bis in die Dusche schaffen, sagte er sich erschöpft und gähnte herzhaft, da er sicher sein konnte, unbeobachtet zu sein.

Wenn man den ganzen Tag in einer Küche stand und ständig von Dutzenden Augenpaaren beobachtet wurde, war es eine großartige Abwechslung, in eine leere Wohnung zu kommen und dort tun und lassen zu können, was man wollte. Herzhaftes Gähnen gehörte dazu, ebenso wie mit der eigenen Gabel im Topf herumzurühren und nicht jedes Mal einen neuen Probierlöffel zu benutzen. Dass man in seiner Wohnung nur in Unterwäsche herumlaufen konnte, hatte ebenso seine Vorzüge, sagte er sich, stieß sich von der Tür ab und schlüpfte aus seiner Lederjacke sowie aus seinem Hemd. Leider war er meistens nur zum Schlafen in seiner Wohnung und konnte die Vorzüge seines einsamen Apartments viel zu selten genießen.

Mit einem weiteren Gähnen trottete er in seine Wohnung hinein und fuhr sich mit einer Hand durch die blonden Haare, während er den heutigen Tag in seinem Kopf Revue passieren ließ.

Nachdem er seinem Souschef den Kopf geradegerückt (oder es zumindest versucht) hatte, waren diverse andere Katastrophen über ihn hereingebrochen. Zum einen hatte er ein wenig zufriedenstellendes Gespräch mit seinem Lieferanten geführt, nur mit größter Mühe und Not jemanden gefunden, der Belon-Austern liefern konnte, und dann auch noch mit ansehen müssen, wie ein Lehrling den Lachs zerkochte, den der Bürgermeister bestellt hatte. Zum anderen war ihm nichts anderes übriggeblieben, als dem Maler eine Absage zu erteilen, nachdem der ihm seine grauenhaften Bilder präsentiert hatte. Da es Andrews Exfreundin Mia extrem wichtig erschienen war, dass er dem Nachwuchskünstler eine Chance gab, ahnte er, wie viel Stunk jetzt aus ihrer Ecke zu erwarten war. Trotzdem: Er würde ganz bestimmt kein Bild in seinem Restaurant aufhängen, das wie eine abstrakte Peniskarikatur aussah. Zwar war er nicht prüde und behauptete auch nicht, über Kunstgeschmack zu verfügen, jedoch war sich Andrew sicher, dass niemand dreihundert Dollar für ein Menü bezahlen wollte, während ihm neonrosa Penisse von den Wänden entgegenleuchteten. Er verband wirklich sehr hübsche Erinnerungen mit den heißen Wochenenden, die er mit Mia in Santa Barbara verbracht hatte. Und diese Erinnerungen hatten auch durchaus etwas mit dem Thema der Bilder zu tun. Aber man musste wissen, wie weit man gehen durfte.

Andrew hatte sich stumm die Fotos der Gemälde angesehen, die ihm der junge Maler euphorisch zeigte, und sich gleichzeitig den Kopf zerbrochen, was er bloß angestellt haben könnte, dass Mia ihm so etwas antat. Schließlich hatten sie sich im Guten getrennt. Ganz bestimmt hatte er es nicht verdient, dass sie ihm nun solche Leute auf den Hals hetzte. Bunte Penisse, die zudem eine gewisse Ähnlichkeit mit Charlie Chaplin hatten. Also wirklich.

Schaudernd hob er die Schultern, schüttelte den Kopf und sah sich in seiner Wohnung um. Seine Sachen ließ er auf den Stuhl neben der Wohnungstür fallen und warf seine Schlüssel in die dekorative Schale, die auf dem kleinen Sekretär gleich daneben stand.

Andrew hätte alles dafür getan, jetzt eine Massage zu bekommen. Stattdessen ging er die Post durch, die ihm der Portier gerade in die Hand gedrückt hatte, und schlenderte Richtung Fenster.

Da die wirklich wichtige Post, die das Restaurant betraf, in sein Büro geschickt wurde, handelte es sich bei den Briefumschlägen, die er lustlos durchging, lediglich um diverse Werbung: Kreditanträge, Botoxbehandlungen und Partnervermittlungen. Da er weder für das eine noch für das andere Interesse hatte und dank seiner Arbeit auch gar keine Zeit für die Suche nach einer Partnerin hatte, warf er die Briefumschläge in den Müll, als er die offene Küche betrat.

Lediglich einen Brief öffnete er, wenn auch stirnrunzelnd. Es war die Einladung zur Wahlkampfparty seines Bruders, der in die Fußstapfen ihres Vaters treten und Politiker werden wollte.

Nachdenklich lehnte sich Andrew gegen seinen doppeltürigen Kühlschrank und überflog ein zweites Mal die formelle Einladung, die auf edlem Papier und in akkurater Formulierung davon sprach, dass sein Bruder Richard Henry Knight zur Wahl des Generalstaatsanwaltes von Massachusetts antreten würde und ihn bat, ihn auf seiner Wahlkampffeier seiner Unterstützung zu versichern.

Andrew zerknüllte mit der rechten Hand das Schreiben und verzog den Mund, während er sich fragte, warum sein Bruder nicht einfach zum Telefonhörer greifen und ihn anrufen konnte. Stattdessen schickte er ihm wie vermutlich jedem x-beliebigen Bekannten einen offiziellen Brief. Oder besser gesagt: Er ließ ihm einen Brief schicken. Dafür hatte er sicher seine Leute. Überhaupt wäre es äußerst nett gewesen, wenn Andrew in die Pläne seines Bruders eingeweiht worden wäre: Es war ja nicht so, als wüsste er nicht, wie eine solche Feier ablief, immerhin war er als Sohn eines Politikers mit unzähligen Veranstaltungen dieser Art aufgewachsen. Selbst wenn er sich entschieden hatte, Koch zu werden, änderte das nichts daran, dass ihn die politischen Ambitionen seiner Familie interessierten. Er wollte auch weiterhin wissen, wie es in der Kanzlei seines Vaters lief, ob seine Schwester mittlerweile zur Partnerin ernannt worden war und wie die politischen Pläne seines Bruders aussahen. Nur weil er sein Jurastudium an den Nagel gehängt hatte, bedeutete dies noch lange nicht, dass er nicht mehr wissen wollte, wie es seiner Familie erging.

Leider hatte sich sein Vater jedoch auch nach elf Jahren noch nicht damit abgefunden, dass Andrew die Anwaltsrobe gegen die Kochschürze eingetauscht hatte.

Andrew ahnte, dass sich sein Vater dafür schämte, seinen jüngsten Sohn in einem dienstleistenden Gewerbe zu wissen. Die Tatsache, dass sein Sohn Essen kochte, anstatt über Gesetzestexten zu sitzen oder politische Reden zu schwingen, lag Henry Carlisle Knight schwer im Magen. Die Knights waren nicht nur eine wohlsituierte und einflussreiche Familie der Ostküste, sondern betätigten sich seit dem Sezessionskrieg am politischen Geschehen der Vereinigten Staaten. Dass einer seiner Söhne nicht in die Fußstapfen seiner Ahnen trat, sondern sich dafür begeisterte, an einem Herd zu stehen und Fleisch zu braten, konnte Andrews Vater nicht akzeptieren.

Seit Andrew mit vierundzwanzig Jahren beim alljährlichen Thanksgivingessen verkündet hatte, er habe sich exmatrikuliert und werde eine Ausbildung bei einem Sternekoch in New York beginnen, waren das Unverständnis und der Zorn seines Vaters ungebrochen.

Obwohl er seinen Vater in den vergangenen Monaten mehrmals in sein Restaurant eingeladen hatte, war dieser nicht ein einziges Mal dort aufgetaucht. Lediglich Andrews Mom und seine Schwester hatten sich blicken lassen und waren nach einem Drei-Gänge-Menü wieder hastig verschwunden, nachdem sie nur kurz sein Thunfischtartar gelobt hatten. Besonders wohl hatten sie sich anscheinend nicht gefühlt. Da seine Mom sich nur in der Küche blicken ließ, um nach dem Rechten zu sehen und mit ihrer Köchin über die Menüfolge zu sprechen, war Andrew klar, wie verwundert sie darüber sein musste, dass ihr eigener Sohn seinen Lebensunterhalt als Küchenchef verdiente.

Aber für ihn war es in den vergangenen Jahren nicht nur wichtig gewesen, seinen Traum zu verwirklichen und Koch zu werden, sondern seiner Familie zu beweisen, dass er erfolgreich sein konnte, ohne ein Juraexamen in der Tasche zu haben. Ihn hatte der brennende Ehrgeiz angetrieben, seinem Vater zu zeigen, dass er etwas aus sich gemacht hatte. Noch immer klang ihm die abfällige Warnung in den Ohren, dass er sich die Zukunft ruinieren würde, wenn er sein Studium schmiss, um anderer Leute Essen zu würzen. Weder Andrews hervorragende Ausbildung in einem Sterne-Restaurant noch seine kometenhafte Karriere als jüngster Küchenchef von Los Angeles oder die beeindruckende Tatsache, dass er Inhaber eines mehr als gut gehenden Restaurants war, schien etwas an der Enttäuschung seines Vaters zu ändern. Sein Sohn war nun einmal kein Anwalt geworden – alles andere zählte nicht.

Andrew öffnete missmutig den Kühlschrank, nahm eine Flasche Bier heraus und ging in sein luxuriöses Wohnzimmer hinein. Mit langsamen Bewegungen hob er die Flasche an die Lippen und nahm einen tiefen Schluck, während er zu der verspiegelten Fensterfront schaute, von der man einen großartigen Blick auf den Charles River hatte. Niemand Geringerer als sein Vater war der Grund dafür gewesen, dass er sich diese Wohnung gekauft hatte, obwohl sie viel zu groß für jemanden war, der sich sowieso kaum zu Hause aufhielt. Die reinste Verschwendung. Eine kleinere und weniger teure Wohnung hätte es sicherlich auch getan, aber Andrew hatte nur daran gedacht, dass ein Penthouse direkt am Charles River zwischen Beacon Hill und Back Bay gelegen ein großartiges Statussymbol darstellte. Eine solche Wohnung zu besitzen bedeutete in Boston nun einmal, es geschafft zu haben, also hatte Andrew nicht lange gezögert und zugeschlagen. Er hatte gedacht, dass sein Vater so endlich kapieren würde, was sein Sohn erreicht hatte.

Das Problem war nur, dass es seinen Vater überhaupt nicht zu interessieren schien, was er tat, wo er wohnte und wie er lebte. Richards politische Ambitionen dagegen standen auf einem ganz anderen Blatt. Es mochte armselig sein, sich mit fünfunddreißig Jahren nach der Anerkennung seines Vaters zu sehnen, aber Andrew ahnte, dass er weitaus zufriedener wäre, wenn seine Familie seinen Erfolg bemerken würde.

Mit dem Bier in der Hand ging er zum Fernseher und machte ihn an. Müde zappte er durch die Kanäle, konnte jedoch weder den aufdringlichen Shoppingsendern etwas abgewinnen noch die unzähligen Realityshows ertragen, die den ganzen Tag über gesendet wurden. Schließlich blieb er bei den Nachrichten hängen, die von einer Katastrophe nach der anderen berichteten.

Wenig interessiert schaltete er den Ton aus, starrte einen kurzen Moment auf die eingeblendete Wetterkarte und drehte seinem Fernseher anschließend den Rücken zu, um zum Anrufbeantworter zu gehen und ihn abzuhören. Während er aus seiner Bierflasche trank und sich dumpf fragte, ob er überhaupt noch Lust darauf hatte, sich einen Snack zu machen, ließ er den ersten Anruf ablaufen.

Ausgerechnet die Stimme seiner Exfreundin erscholl piepsig durch das Wohnzimmer, als sie mit viel zu viel Euphorie kicherte: »Hallo Andrew, hier spricht Mia. Ich wollte nur wissen, wie es heute gelaufen ist. Ruf mich doch mal an. Tschüssi!«

Nein, das würde er sicher nicht tun, sagte er sich entschlossen, schüttelte den Kopf und löschte die Nachricht. Leider besaß Mia neben ihrem Entgegenkommen im Bett auch das Talent, die schlimmsten und lautesten Szenen aufzuführen, die Frauen ihren Männern antun konnten. Er hatte sich nicht von ihr getrennt, um sich jetzt schon wieder von ihr anschreien zu lassen.

Daher schaute er relativ gelassen der nächsten Nachricht entgegen. Sie stammte von seiner Tante, die nicht minder euphorisch in den Hörer keuchte.

»Andy, ich wollte dich nicht bei der Arbeit stören und spreche dir deshalb aufs Band. Alice war leider nicht zu erreichen, daher gebe ich dir am besten die Nummer des Produzenten, damit du ihn anrufen und einen Termin mit ihm ausmachen kannst. Morgen wäre es sicher nicht zu früh! Tschüs, mein Lieber.«

Während Tante Daisy die Nummer herunterrasselte, blieb Andrew einfach stehen und trank den nächsten großen Schluck. Zwar löschte er die Nachricht nicht, jedoch würde er Tante Daisys Produzenten nicht anrufen, so viel war klar.

Auch die nächste Nachricht gehörte in die Kategorie, die er sich hätte sparen können.

»Mr. Knight, hier spricht Ihr Bankberater, Irving Sandler. Wir würden sehr gern mit Ihnen über einige interessante Anlagemöglichkeiten sprechen. Ich würde mich über einen Rückruf freuen.«

Diese Nachricht zu löschen war in der Tat keine schwere Entscheidung, sagte er sich und lehnte sich mit der Hüfte gegen die Kommode, auf der der Anrufbeantworter stand. Die nächste Nachricht.

»Hallo, Mr. Knight. Mein Name ist Shaw und ich schreibe für den Ledger. Falls Sie Interesse an einem Interview hätten, würde ich gerne einen Termin mit Ihnen ausmachen.«

Andrew verdrehte die Augen, nahm einen weiteren Schluck Bier und hörte gleich darauf wieder die Stimme seiner Tante.

»Ich bin es noch einmal, Andy. Hast du auch die Einladung zu Richards Wahlkampfparty bekommen? Wusstest du, dass dein Bruder zur Wahl antreten will? Bis später!«

Zähneknirschend starrte er den Anrufbeantworter an. Seine Tante hatte ein wirkliches Talent, den Finger in die Wunde zu legen, das musste er ihr lassen. Er löschte auch diese Nachricht, nur um gleich darauf die fröhliche Stimme seines Souschefs zu hören.

»Hi, Drew! Ich bin’s, Nick. Nichts für ungut, aber können wir noch einmal über die Meermandeln quatschen? Vielleicht bei einem Bier?«

Frustriert rieb sich Andrew mit der kalten Bierflasche über die Stirn und ließ die Schultern sinken. Was hatte er bloß in einem seiner früheren Leben verbrochen? Eigentlich war er davon ausgegangen, nach diesem katastrophalen Tag ein wenig Ruhe verdient zu haben, doch kaum hörte er seinen Anrufbeantworter ab, rauschte ihm das Blut in den Ohren und er wünschte sich auf eine einsame Insel.

Auch die nächste Nachricht trug nicht wirklich zu seiner Beruhigung bei. »Andrew, hier ist noch mal Mia! Kannst du mir sagen, was du dir dabei gedacht hast, Peter und seine Bilder einfach abzuweisen? Ich erwarte deinen Rückruf!«

Er ließ den Kopf sinken und stöhnte auf.

»Hi, Drew, altes Haus! Ich hoffe, dass du nicht vergessen hast, dass ich morgen eine Party schmeiße und dich hier erwarte. Ach, und bring niemanden mit, es kommen nämlich genügend Single Ladys!« Das war sein Kumpel Aaron, und in der Tat hatte er die Einladung vergessen oder besser: verdrängt. Er hatte nicht die Absicht, diese Party zu besuchen. Momentan wäre er kein besonders guter Gast, und er verspürte nicht die geringste Lust, sich unters feierwütige Volk zu mischen.

Resigniert starrte er auf den Anrufbeantworter, sah die blinkende Neun, die ihm neun weitere Nachrichten auf Band ankündigte, und schaltete das Gerät kurzerhand aus. Er fühlte sich plötzlich uralt, ausgelaugt und absolut lustlos.

Der Gedanke an eine Party widerstrebte ihm.

Der Gedanke an die Wahlkampffeier seines Bruders widerstrebte ihm ebenfalls.

Der Gedanke an eine eigene TV-Show widerstrebte ihm noch mehr.

Und zu seinem Erschrecken widerstrebte es ihm am meisten, morgen wieder ins Restaurant zu gehen und dort in der Küche zu stehen.

Wieso kam ihm plötzlich alles so sinnlos vor? Und warum besaß er nicht mehr das kleinste Quäntchen Lust aufs Kochen?

Andrew ließ sich auf seine Couch sinken, starrte vor sich hin und fragte sich, was bloß mit ihm los war. Zwar mochte er sich dazu zwingen, morgen wieder ins Restaurant zu gehen, doch besonders glücklich oder zufrieden war er nicht. Er ahnte, dass er etwas ändern musste, bevor er den Verstand verlor. So konnte es nicht weitergehen.

Vielleicht brauchte er tatsächlich eine Pause.

Resigniert rümpfte er die Nase und schwor sich, dass er auf keinem Elefanten am Taj Mahal vorbeireiten würde.

Als Andrew vor zwei Stunden die Staatsgrenze von Maine überquert und dort das Schild »Welcome to Maine – the way life should be« gelesen hatte, hatte er die Lippen noch zynisch verzogen und die Augen verdreht, doch mittlerweile atmete er die salzige Meeresluft ein, schaute durch die Windschutzscheibe seines SUVs auf eine zerklüftete Küste und genoss den spektakulären Sonnenuntergang.

Obwohl er keine Ahnung hatte, was er hier wollte, ob sein Restaurant gerade abbrannte und wann seine Mailbox explodieren würde, freute er sich unbändig über das seltsame Gefühl, keine Sorgen zu haben und Stress für ein Fremdwort zu halten.

Nach einer schlaflosen Nacht war er morgens zu der Erkenntnis gelangt, dass er eine Auszeit brauchte. Spontan hatte er seine Tasche gepackt, in seiner Wohnung die Elektrogeräte ausgeschaltet und seinem Souschef eine Nachricht geschickt, dass er für ihn einspringen müsste. Außerdem hatte er ihm zu verstehen gegeben, er solle Tante Daisy davon in Kenntnis setzen, dass ihr Neffe in Urlaub fuhr. Die beiden verstanden sich ja ziemlich gut.

Anschließend hatte er sein Handy einfach ausgeschaltet. Und das hatte sich verdammt gut angefühlt.

Ohne festes Ziel war Andrew in sein Auto gestiegen und einfach losgefahren. Zunächst hatte er sich Richtung New York bewegt, um alte Freunde zu besuchen, aber dann hatte er über sich selbst den Kopf geschüttelt. Seine alten Freunde waren ebenfalls Köche und arbeiteten in Restaurants. Andrew jedoch wollte endlich seine Ruhe haben und nicht ständig an seine Arbeit denken. Also war er einfach umgedreht und hatte den Weg Richtung Maine eingeschlagen, wo er als Kind mit seinen Eltern Urlaub gemacht hatte. Wo konnte man sich schließlich von der Hektik der Großstadt besser erholen als auf dem Land?

Obwohl er nicht wusste, was er während seiner Auszeit tun wollte, sagte er sich, dass er für ein, zwei Tage einen Tapetenwechsel brauchte, um dann wieder mit neuer Energie zurück nach Boston zu fahren. Ein bisschen Entspannung würde ihm guttun, keine Frage.

Zufrieden lenkte er seinen SUV über die hügelige Straße und nahm eine Linkskurve, während er in Richtung Meer starrte und sich sagte, dass nach spätestens zwei Tagen seine Akkus wieder aufgeladen sein würden. In dieser kurzen Zeit würde sicherlich kein Unglück geschehen und Nick könnte ganz bestimmt keinen Unsinn im Knight’s anstellen.

Er hatte den Gedanken noch nicht vollendet, als er plötzlich geblendet wurde und ein Hupen ertönte, das ihn beinahe taub machte.

Erschrocken bemerkte er, dass er viel zu weit links fuhr und auf die Gegenspur gekommen war, auf der ihm ein schrottreifer Kleinlaster entgegenkam und wie wild die Scheinwerfer aufblendete. Reflexartig riss Andrew sein Lenkrad herum und trat gleichzeitig auf die Bremse. Sein SUV schlingerte wie betrunken über die Straße und kam auf dem halb befestigten Seitenstreifen zum Stehen, nachdem sich das Auto einmal um sich selbst gedreht und der rechte Kotflügel Bekanntschaft mit einem Baum gemacht hatte. Ein lauter Knall sowie eine ruckartige Bewegung sagten Andrew, dass irgendetwas mit seinem linken Vorderreifen nicht stimmte.

Doch davon nahm er kaum etwas wahr, weil ihm der eigene Herzschlag in den Ohren dröhnte und er mit zitternden Händen das Lenkrad umklammerte. Scheiße, das hätte ins Auge gehen können! Er hätte …

»Haben Sie völlig den Verstand verloren, Sie Idiot? Sie hätten mich umbringen können«, fauchte jemand in sein linkes Ohr.

Noch immer schwer atmend und wie unter Schock drehte Andrew den Kopf nach links, wo ein erzürntes Gesicht am geöffneten Seitenfenster seines Autos erschien und ihn wütend anstarrte. Blaue Augen blitzten auf, während die Besitzerin des erzürnten Gesichts ihn aufgebracht fragte: »Haben Sie Ihren Führerschein im Lotto gewonnen oder macht es Ihnen einfach nur Spaß, mir einen Herzinfarkt zu bescheren?«

Sprachlos starrte er sie an, öffnete den Mund und spürte zu seinem Schrecken, dass ihm überhaupt keine Antwort einfiel.

Brooke Day zitterte vor Schreck. Sie war nur knapp dem Tod entronnen, jedenfalls fühlte es sich so an. Gerade eben war sie auf dem Weg von der Wäscherei ihrer besten Freundin Lauren nach Hause gewesen, hatte sich den Kopf darüber zerbrochen, was sie tun konnte, um das Restaurant ihrer Eltern aus den roten Zahlen zu bekommen, und hatte sich gähnend über die Augen gerieben, als sie plötzlich einen protzigen Geländewagen wie aus dem Nichts auf ihrer Spur entdeckte. Innerhalb weniger Sekunden war ihr komplettes Leben vor ihrem inneren Auge vorübergezogen, während sie auf die Bremse des Kleinlasters ihres Dads getreten war und ihre Hände um das Lenkrad gekrallt hatte.

Tausend Gedanken waren durch ihren Kopf gerast, angefangen damit, dass sie ihrer Mom nie gebeichtet hatte, dass sie in der fünften Klasse bei einem Mathetest geschummelt hatte. Noch sehr viel schlimmer war jedoch die Erkenntnis gewesen, dass sie sich ihre Beine nicht rasiert hatte, während der Kleinlaster mit quietschenden Reifen über die Landstraße geschlittert war und sie davon ausgehen musste, dass sich der Wagen entweder überschlagen oder die Klippen hinuntersegeln könnte. Die Vorstellung, dass sie nach einem Unfall in der Notaufnahme landen könnte und dort als die Patientin bekannt würde, die nicht nur haarige Beine hatte, sondern zudem ein Höschen trug, auf dem das Superman-Logo prangte, hatte sie einfach nicht mehr losgelassen.

Ausgerechnet an dem Tag einen Unfall zu haben, an dem sie mit ihrer Wäsche im Rückstand war und notgedrungen zu dem Höschen gegriffen hatte, das Lauren ihr zur allgemeinen Belustigung zu ihrem letzten Geburtstag geschenkt hatte! Das wäre eine mittelschwere Katastrophe gewesen – abgesehen davon, dass sie es sich nicht leisten konnte, mit einem Gipsbein durch die Gegend zu humpeln oder gar im Restaurant auszufallen.

Aber sie war nicht verletzt und anscheinend mit einem Schrecken davongekommen, wie sie nach ihrer Vollbremsung bemerkte, als sie ihre zuvor zugekniffenen Augen öffnete und schwer atmend die Straße vor sich musterte. Der Herzschlag dröhnte ihr in den Ohren, während ihr die Magensäure in die Kehle stieg. Dieser Beinahe-Unfall hätte ihr nicht nur ein Gipsbein, sondern einen Aufenthalt in der nächsten Pathologie bescheren können.

Noch während sie darüber nachdachte, dass sie in dem schrottreifen Kleinlaster ihres Dads hätte sterben können, griff sie mit tauben Fingern nach ihrem Sicherheitsgurt und schnallte sich ab. Nie wieder, so schwor sie sich, würde sie sich übermüdet hinters Steuer eines Autos setzen. Nur langsam kam sie zu Atem und schaffte es kaum, ihre Hände zu beruhigen, die entsetzlich zitterten.

Obwohl – oder vielleicht auch weil – ihr der Schreck in allen Gliedern saß und sie wusste, dass sie beim Autofahren viel zu unaufmerksam gewesen war, stieg rasende Wut in ihr auf, als der zerbeulte SUV in ihr Blickfeld geriet. Dieser stand in einer Staubwolke auf dem rechten Seitenstreifen der Landstraße, die dank ihrer kurvigen Fahrbahn an der Küste zu einer beliebten Rennstrecke für versnobte Städter geworden war. Sie hätte draufgehen können, weil irgendein Idiot glaubte, die ganze Straße einschließlich der linken Spur gehörte ihm!

Normalerweise war Brooke eine jener Bewohnerinnen Maines, die die Touristen aus den Großstädten mit offenen Armen empfingen. Schließlich war sie auf diese Leute und ihr Geld angewiesen. Sie wurde nicht müde, nörgelnden Nachbarn und Bekannten zu erklären, dass zugeparkte Straßen und überfüllte Strände während der Hochsaison kein Grund für schlechte Laune seien, weil nun einmal viele Orte in Maine vom Tourismus lebten. Dennoch platzte ihr der Kragen, als sie das sauteure Auto mit dem Bostoner Kennzeichen in Augenschein nahm. Nur weil irgendein Snob aus der Stadt Langeweile hatte und sich selbst beweisen musste, was für ein toller Typ er war, wäre sie um ein Haar umgekommen. Dass sie selbst viel zu spät das auf sich zukommende Auto bemerkt hatte, weil ihre Müdigkeit sie abgelenkt hatte, schob sie erst einmal in den hintersten Winkel ihres Kopfes.

»Rücksichtsloser Arsch«, platzte es aus ihr heraus, während sie das imposante Auto näher in Augenschein nahm. Dieses musste eine schöne Stange Geld gekostet haben. Dass es nun einen Platten hatte und im Gegensatz zu ihrem Kleinlaster ziemlich viel abbekommen zu haben schien, milderte ihren Zorn nicht, schließlich hatte der Beinahe-Zusammenstoß sie vermutlich mehrere Jahre ihres Lebens gekostet. Auch ohne ihren Kopf näher zu betrachten, befürchtete sie, soeben komplett ergraut zu sein – und das mit Anfang dreißig!

Bevor Brooke wusste, was sie tat, stieß sie die Fahrertür auf, kletterte mit weichen Knien hinaus und marschierte wutschnaubend über die Straße.

All der Frust, der Ärger und die Unsicherheit der letzten Monate ballten sich in ihrem Inneren zusammen, während sie über die Straße lief und an der Fahrerseite des Autos stehen blieb. Dort angekommen, stemmte sie die Hände in die Hüften und schob wie der Rächer der Enterbten den Kopf durch das geöffnete Seitenfenster, bevor sie geradezu fauchte: »Haben Sie völlig den Verstand verloren, Sie Idiot? Sie hätten mich umbringen können!«

Der blonde Mann am Steuer des Geländewagens machte keine Anstalten, ihr zu antworten. Er drehte lediglich den Kopf in ihre Richtung und atmete nicht weniger schwer als sie selbst. Wie es aussah, war sie nicht die Einzige, die einen üblen Schock erlitten hatte, schoss es ihr durch den Kopf, als sie sein bleiches Gesicht in Augenschein nahm. Das konnte Brooke jedoch nicht besänftigen. Ganz im Gegenteil! Sie sagte sich, dass sie sich nicht durch das besonders nett anzusehende Gesicht ihres Gegenübers ablenken lassen durfte. Von dem bemerkenswerten Augenpaar, das ihr gerade entgegenblinzelte, auch nicht! Sie stockte und überlegte für den Bruchteil einer Sekunde, ob die Augen des Fahrers nun braun oder grün waren, bevor sie sich innerlich eine Idiotin schalt und sich wieder auf etwas viel Essenzielleres konzentrierte – nämlich dem Mann vor sich die Leviten zu lesen.

Grimmig runzelte sie die Stirn und fuhr ihn an: »Haben Sie Ihren Führerschein im Lotto gewonnen oder macht es Ihnen einfach nur Spaß, mir einen Herzinfarkt zu bescheren?«

Brooke nickte ihm auffordernd zu, doch er schien besonders schwer von Begriff zu sein, da er noch immer keinen Ton von sich gab, sondern sie wie paralysiert anstarrte.

Misstrauisch verzog sie den Mund und hakte nach: »Sind Sie etwa betrunken?«

Sollte der Kerl wirklich betrunken sein, würde sie augenblicklich den alten Max Carpenter anrufen. Er war seit Urzeiten Polizeichief von Sunport und sowieso auf Touristen aus der Stadt nicht gut zu sprechen, nachdem seine Frau mit einem Versicherungsvertreter aus Chicago durchgebrannt war. Beinahe musste Brooke grinsen, als sie sich voller Schadenfreude ausmalte, wie der Mann vor ihr die kommende Nacht in der winzigen Zelle der Polizeistation verbringen würde, sollte Chief Carpenter ihn in die Finger bekommen.

Gerade als sie ungeduldig den Mund öffnen wollte, weil der Mann noch immer keinen Ton von sich gab, erklärte er mit heiserer Stimme: »Nein, ich bin nicht betrunken. Sind Sie in Ordnung?«

Brooke stockte einen Moment, bevor sie ein Schnauben ausstieß, das jedem Rhinozeros Ehre gemacht hätte. »Abgesehen davon, dass Sie mich beinah umgebracht hätten, geht es mir fabelhaft«, bemerkte sie sarkastisch.

Anstatt zu antworten, schnallte sich der Unfallverursacher ab und zwang Brooke dazu, ein paar Schritte zurückzugehen, da er ebenfalls ausstieg und sich zu ihr gesellte. Dass er dabei keinen Ton von sich gab, sondern mit nüchterner Entschlossenheit sein Auto inspizierte, löste in Brooke den Wunsch aus, ihm eins auf die Nase zu geben. Das Mindeste, was er hätte tun können, wäre gewesen, sich bei ihr dafür zu entschuldigen, dass er dermaßen rücksichtslos über die Landstraße gerast war.

Obwohl sie noch immer schäumte und die Hände in die Hüften gestemmt hielt, zwang sie sich dazu, tief durchzuatmen und nicht auf offener Straße einen Mord zu begehen. Sie gab dem Snob aus der Stadt, der in gebügelten Jeans und einem faltenfreien Poloshirt neben ihr stand, auch keine ruppige Antwort, sondern betrachtete ihn lediglich kritisch, wie er neben seinem Wagen in die Hocke ging und den platten Vorderreifen begutachtete.

Da sie fast ihr ganzes Leben in Sunport verbracht hatte und alle halbwegs annehmbaren Männer der Stadt längst in festen Händen waren, hätte sie dem blonden Kerl mit den außergewöhnlichen Augen und dem gut geschnittenen Gesicht unter normalen Umständen eigentlich besonders viel Aufmerksamkeit geschenkt, doch Brooke ignorierte geflissentlich, dass er hochgewachsen war, breite Schultern hatte und viel zu gut für ihr Seelenheil aussah. Ihr schwirrten viel zu viele Dinge im Kopf herum, als dass sie Zeit und Energie dafür gehabt hätte, sich um einen rücksichtslosen Snob aus der Stadt Gedanken zu machen. Egal, wie gut er nun aussah.

»Das Auto hat einen Platten.«

»Was Sie nicht sagen«, erwiderte sie gedehnt und erwiderte seinen Blick stoisch, als er den Kopf in ihre Richtung drehte und sie aus der Hocke heraus ansah.

Merkwürdigerweise ging er auf ihren feindseligen Tonfall nicht ein, sondern informierte sie weiter: »Ich bin zwar kein Mechaniker, aber der Kühlergrill sieht nicht gut aus. Außerdem ist der Kotflügel völlig hinüber.«

Brooke fragte sich, ob er ihr Mitleid wecken oder ihr Schuldgefühle verursachen wollte. Gleichzeitig stieg ein Funken Panik in ihr auf. Was, wenn der Mann von ihr erwartete, dass sie für den Schaden aufkam? Getreu dem Motto, dass Angriff die beste Verteidigung war, ging sie in die Offensive. »Wollen Sie mir etwa die Schuld daran geben, dass Ihr Auto ein paar Macken hat?!«

Stirnrunzelnd erhob er sich und öffnete den Mund, aber Brooke ließ ihn vorsichtshalber gar nicht zu Wort kommen. Überdeutlich erklärte sie: »Sie sind auf meine Spur gekommen – nicht umgekehrt!«

Der Großstadtsnob wirkte alles andere als eingeschüchtert oder reuevoll, da er die Arme vor der Brust verschränkte und ihr fest in die Augen sah. »Ich war für einen kurzen Moment abgelenkt.«

Brooke schluckte. »Soll das etwa eine Entschuldigung sein? ›Ich war für einen kurzen Moment abgelenkt!‹«, äffte sie ihn nach. »Ist das etwa Ihre Entschuldigung dafür, dass wir fast draufgegangen wären?«

Sein Blick gab ihr das Gefühl, die schlimmste Furie aller Zeiten zu sein. Als er dann auch noch ein leicht genervtes Seufzen hören ließ, sträubte sich ihr Nackenfell.

»Es ist ja nichts passiert. Reicht es Ihnen, wenn ich mich in aller Form dafür entschuldige, dass ich Ihre Fahrbahn gestreift habe?«

Dass er es nicht ernst meinte, sagten nicht nur sein ironischer Tonfall oder das übertriebene Verbeugen, sondern auch das gekonnte Augenverdrehen.

»Gestreift? Sie haben meine Fahrbahn nicht nur gestreift, sondern Sie sind auf ihr gefahren, als wären Sie ein Selbstmörder oder ein englischer Tourist«, erwiderte sie mit einer Stimme, die kurz davor war, sich zu überschlagen.

»Jetzt übertreiben Sie mal nicht«, wies er sie brummig zurecht und verzog das attraktive Gesicht zu einer finsteren Miene. »Erstens ist nichts passiert und zweitens hätten Sie auch ausweichen können.«

»Ausweichen?!« Empört funkelte sie ihn an und machte einen entschlossenen Schritt auf ihn zu, um direkt vor ihm stehen zu bleiben und den Kopf in den Nacken zu legen. Er war mindestens zwei Köpfe größer als sie. »Das hier ist keine Rennstrecke, und Sie sehen nicht wie Lewis Hamilton aus!«

»Was Sie nicht sagen«, ächzte der Mann. »Was wollen Sie eigentlich? Es ist doch nichts passiert.«

»Nichts passiert?«, fragte sie ungläubig und schnappte nach Luft.