Taste of Love - Zart verführt - Poppy J. Anderson - E-Book
Beschreibung

Smoothie küsst Schokolade Adam Stone! Eigentlich soll Liz in der TV-Talkrunde Werbung für ihre neu eröffnete Chocolaterie machen. Aber wer kann bitte daran denken, wenn der eigene Jugendschwarm, seines Zeichens Ex-Model und Fitnessguru, so nah neben einem sitzt? Doch dann macht Adam eine eindeutig zweideutige Bemerkung über sie. Was für ein Idiot! Ihre Familie sieht das hingegen ganz anders: endlich jemand, der Liz aus ihrem Dornröschenschlaf weckt. Sie setzen alles daran, die beiden zu verkuppeln ... Der dritte Band der bezaubernden Liebesroman-Reihe "Taste of Love" von Bestseller-Autorin Poppy J. Anderson.

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EPUB

Seitenzahl:436


Inhalt

Cover

Über das Buch

Über die Autorin

Titel

Impressum

Widmung

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

Epilog

Danksagung

Über das Buch

Smoothie küsst Schokolade Adam Stone! Eigentlich soll Liz in der TV-Talkrunde Werbung für ihre neu eröffnete Chocolaterie machen. Aber wer kann bitte daran denken, wenn der eigene Jugendschwarm, seines Zeichens Ex-Model und Fitnessguru, so nah neben einem sitzt? Doch dann macht Adam eine eindeutig zweideutige Bemerkung über sie. Was für ein Idiot! Ihre Familie sieht das hingegen ganz anders: endlich jemand, der Liz aus ihrem Dornröschenschlaf weckt. Sie setzen alles daran, die beiden zu verkuppeln ...

Der dritte Band der bezaubernden Liebesroman-Reihe »Taste of Love« von Bestseller-Autorin Poppy J. Anderson.

Über die Autorin

Poppy J. Anderson hatte schon immer eine große Schwäche für das Geschichtenerzählen, ihre ersten schriftstellerischen Versuche brachte sie bereits mit zwölf Jahren zu Papier. Nach ihrem Studium nahm sie allen Mut zusammen und stellte endlich einen ihrer Texte einem größeren Publikum vor. Mit umwerfendem Erfolg: Ihre witzigen Romane, die alle in den USA spielen und von der großen Liebe handeln, begeisterten so viele Leser, dass Poppy als erste deutsche Selfpublisherin zur Auflagenmillionärin wurde. Wenn sie nicht gerade schreibt oder über neue Geschichten nachdenkt, reist sie gerne an die abgelegenste Orte der Welt oder spielt zuhause in einer westdeutschen Großstadt mit ihren beiden Hunden Anton und Zipi.

POPPY J. ANDERSON

TASTE OF LOVE

Roman

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Copyright © 2017 by Bastei Lübbe AG, KölnLektorat: Bettina SteinhageTextredaktion: Steffi Korda, HamburgUmschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur,München unter Verwendung von Motiven von © FinePic®,München

eBook-Erstellung: Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN 978-3-7325-4027-3

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Für Catharina, die beste Kuchenbäckerin,

»Für Ihre Haut würde ich morden.«

Mit rasendem Herzklopfen und dem panischen Gefühl, die trockene Scheibe Brot herauswürgen zu müssen, an der sie vor etwa einer Stunde geknabbert hatte, sah Liz Miller in den Spiegel vor sich. Dabei begegnete sie dem Blick der Visagistin, die sich gerade als Heather vorgestellt hatte. Heather hielt eine Rundbürste in der Hand, kaute Kaugummi und wirkte erstaunlich fröhlich, wenn man bedachte, dass es nicht einmal acht Uhr morgens war. Außerdem war sie für diese frühe Morgenstunde noch auffälliger geschminkt als ein Victoria-Secret-Model.

Liz dagegen war alles andere als fröhlich, und wie ein Model sah sie schon mal gar nicht aus. Die dunklen Augenringe mochten vielleicht zu ihrer fahlen Blässe passen, wenn sie für einen Horrorfilm vorgesprochen hätte, aber auf dem Laufsteg hätte sie sicherlich nichts zu suchen gehabt.

Und wenn es nach ihr gegangen wäre, hatte sie auch hier nichts zu suchen! Himmel, sie war eine Patissière und kreierte kalorienhaltige Köstlichkeiten! Im Frühstücksfernsehen der Stadt aufzutreten, gehörte nicht zu ihrer Stellenbeschreibung. Allein der Gedanke daran, gleich vor der Kamera stehen und über ihr Geschäft reden zu müssen, verursachte in ihr das Bedürfnis, sich aus diesem Schminkstuhl zu schwingen und schreiend das Weite zu suchen. Sie war nicht dafür geschaffen, vor Dutzenden von Zuschauern zu stehen.

Ganz sicher würde sie sich schrecklich blamieren. Vielleicht würde sie ohnmächtig werden. Oder aber sie musste sich vor laufender Kamera übergeben. Anschließend bliebe ihr nichts anderes übrig, als ihre süße kleine Patisserie zu schließen und die Stadt zu verlassen. Eventuell sogar den Bundesstaat. Und niemand Geringeres als ihre eigene Schwester wäre dann daran schuld.

Liz fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen und unterdrückte den Impuls, vor lauter Nervosität ihre Fingerknöchel knacken zu lassen.

Es war Vickys haarsträubende Idee gewesen, dass Liz unbedingt im Fernsehen auftreten musste, um ihren Laden zu bewerben. Eine Idee, deretwegen Liz nun hier saß und vor lauter Aufregung noch einen Schlaganfall bekam! Und Vicky wäre nicht Vicky gewesen, wenn sie von ihrem Vorschlag nicht regelrecht besessen gewesen wäre. Das Ergebnis war, dass ihre Freundin und Arbeitskollegin Claire mit Andrew Knight höchstpersönlich gequatscht hatte, der wiederum beim lokalen Frühstücksfernsehen ein gutes Wort für sie eingelegt hatte.

Nun saß Liz hier, ließ sich schminken und kämpfte gegen ihre zitternden Knie an.

Ungute Erinnerungen an ihre Highschool-Zeit kamen in ihr hoch. Schließlich hatte sie solches Lampenfieber gehabt, dass jedes Referat eine wahre Tortur gewesen war. Außerdem war ihre Nervosität der Grund dafür gewesen, in der Theatergruppe für die Beleuchtung zuständig zu sein, anstatt selbst auf der Bühne zu stehen.

»Ihre Poren sind so fein, dass ich sie nicht einmal sehe. Was nehmen Sie zur Reinigung? Nicht einen einzigen Mitesser kann ich entdecken.«

Schweigend starrte Liz die Visagistin an. Sie wusste, dass Heather eine Antwort von ihr erwartete, aber Liz bekam beim besten Willen keinen einzigen Ton heraus. Wenn sie nicht einmal eine Frage nach einem Pflegeprodukt beantworten konnte, wie sollte sie dann gleich in einem TV-Studio sitzen und über ihre Patisserie plaudern? Ihre Existenzgrundlage stand auf dem Spiel – und sie würde sich bis auf die Knochen blamieren. Vor lauter Panik begann sie fast zu hyperventilieren.

»Gibt es hier einen Fluchtweg?«

Die Visagistin lachte herzlich und legte ihr freundschaftlich eine Hand auf die Schulter. »Keine Sorge! Ich verpasse Ihnen ein richtig hübsches Make-up. Und Ihr Haar toupiere ich nur ein wenig. Sie werden reizend aussehen.«

Während sich in ihrem Magen ein Knoten bildete, konnte Liz verfolgen, wie die andere Frau mit ihrer freien Hand in Liz’ blonde Haare fasste und diese geradezu zerzauste. Heather mochte zuversichtlich sein, dass Liz nett aussehen würde – aber diese Euphorie teilte sie selbst nicht.

Mit einem Hauch von Selbstironie betrachtete sie ihre weiße Bluse sowie das Paar Blue Jeans, in das sie sich heute Morgen hineingezwängt hatte. Frisch gewaschene Jeans nach einer Dusche anzuziehen, war wirklich kein Zuckerschlecken.

Eigentlich hatte sie das schwarze Kleid mit den Flügelärmeln anziehen wollen, dass sie vor vier Jahren im Schlussverkauf ergattert und anschließend auf der goldenen Hochzeit ihrer Großeltern getragen hatte. Das Kleid von Diane von Fürstenberg hatte ihrer Figur damals sehr geschmeichelt und ihren Großonkel Paddy dazu verleitet, ihr in den Po zu kneifen. Leider hatte besagter Po seitdem ein wenig an Umfang zugenommen, was Liz jedoch erst in dem Moment realisiert hatte, als sie sich nicht einmal unter Mühen in das Kleid hatte quetschen können. Zwar hatte sie gewusst, dass sie ein wenig zugenommen hatte, doch die Tatsache, dass sie nicht mehr in das Kleid hineinpasste, war ziemlich frustrierend gewesen. Im Grunde war Liz nicht der Typ, der sich Gedanken um seine Figur machte, es konnte sie jedoch verunsichern, wenn sie im Fernsehen auftreten sollte.

Das schlichte Paar Jeans und die hübsche weiße Bluse, für die sie sich entschieden hatte, sollten sagen: Ich bin souverän, erfolgreich und lege Wert auf Qualität – bitte, bitte, kommen Sie in meine Patisserie und kaufen Sie meine Pralinen, damit ich nicht bald auf der Straße sitze!

Ihr Outfit sollte nicht sagen: Alles andere passte nicht mehr.

Allein die Hoffnung, dass dieser Auftritt dafür sorgen könnte, dass das Chez Liz bekannter wurde und endlich genug Geld erwirtschaftete, um über die Runden zu kommen, veranlasste sie, hier sitzen zu bleiben. Auch wenn sie es nicht gerne zugab – vor allem nicht vor ihrer rechthaberischen Schwester und Wirtschaftsjournalistin, die ihr von vornherein abgeraten hatte, eine eigene Patisserie zu eröffnen –, wusste Liz, dass ihre Zahlen wenig beeindruckend waren. Das Geschäft lief. Aber es hätte besser laufen können. Sehr viel besser.

»Sie wären nicht die erste Frau, die hier sitzt und sich Gedanken darum macht, ob sie das richtige Outfit trägt.«

»Aber bestimmt bin ich die erste Frau, die gerade überlegt, ob sie nicht einen akuten Blinddarmdurchbruch vortäuschen soll, um aus dieser Nummer herauszukommen.« Vorsichtig schielte Liz zu der Visagistin, deren Mundwinkel zuckten.

»Haben Sie doch etwas Vertrauen in mein Können …«

»Oh, das habe ich«, beeilte sich Liz zu versichern. »Ich habe nur leider kein Vertrauen in meine Fähigkeit, auch nur einen einzigen Ton herauszubekommen, sobald ich im Studio sitze und Fragen beantworten soll.«

»Sie schaffen das schon.« Heather legte die Rundbürste beiseite und benutzte nun beide Hände, um durch Liz’ Haar zu fahren.

Liz beobachtete das Ganze im Spiegel und hatte keine Ahnung, was Heather mit ihrer Frisur vorhatte. Ein wenig Volumen war eventuell nicht schlecht, weil ihr Haar meistens platt auf ihrem Kopf lag – aber wenn Heather so weitermachte, würde Liz vermutlich nur aussehen, als hätte sie einen Bad Hair Day.

»Denken Sie nicht an die Kameras und seien Sie ganz natürlich«, plapperte die Visagistin fröhlich weiter, während sie das Haar zu einem Pferdeschwanz band.

Viel besser als heute früh nach ihrer Dusche sah sie nicht wirklich aus, fand Liz, hielt jedoch die Klappe. Vielleicht hatte Heather ja noch ein paar Tricks auf Lager, die Liz helfen würden, wenigstens hübsch zu sein, wenn sie sich schon vor ihrer Heimatstadt blamierte. Auch die Vorstellung, dass ihre letzten Dates sie im Fernsehen beobachten konnten, sollten sie zufällig den richtigen Sender einschalten, zerrte an ihren Nerven. Zwar hatte Liz sowieso nicht geplant, die drei Männer jemals wiederzusehen, die sie in den vergangenen Wochen getroffen hatte, aber nach den desaströsen Dates wollte sie sich im Nachhinein nicht auch noch vor diesen Vollidioten blamieren.

Zur Sicherheit würde sie lieber noch mal nachhaken. »Sieht man vor der Kamera tatsächlich zehn Pfund dicker aus?« Liz blickte Heather prüfend an und deutete auf ihre Bluse. »Seien Sie ehrlich: Trägt die Bluse auf?«

»Sie werden ganz toll aussehen. Versprochen.« Die Visagistin zupfte an Liz’ Pferdeschwanz herum. »Und ihr Outfit ist absolut niedlich. Ich weiß, wovon ich rede. Vor zwei Wochen hatten wir eine Dame aus der Stadtverwaltung hier, die über die Restaurierung irgendeines alten Gebäudes sprach. Ich sage nur: Längsstreifen! Selbst mein Make-up hat es nicht geschafft, die arme Frau nicht wie eine Gefängnisinsassin aussehen zu lassen.«

Vermutlich wollte Heather ihr Mut machen, aber das genaue Gegenteil war der Fall. Liz schluckte schwer und fragte trocken nach: »Wollen Sie mir noch immer nicht verraten, wo es hier einen Fluchtweg gibt?«

»Nein, aber dafür verrate ich Ihnen, wer heute …«

»Liz?« Die Produktionsassistentin steckte den Kopf zur Tür rein und suchte ihren Blick im Spiegel, während sie etwas in die Höhe hielt. »Uns kam gerade die Idee, Ihnen eine Schürze anzuziehen, wenn sie mit Chelsea in unserer Küche stehen und Ihre Pralinen zubereiten. Das ist doch okay für Sie, oder?«

Heiße Röte breitete sich von ihrem Haaransatz bis zur Knopfleiste ihrer Bluse aus, sobald Liz das rosafarbene Stück Stoff in Augenschein nahm. Sie würde lächerlich aussehen. »Natürlich ist das okay«, gab sie dennoch etwas schroff zurück und zwang sich zu einem falschen Lächeln. Innerlich verfluchte sie Vicky, verfluchte die Schürze, verfluchte die Bluse, die sie bald durchschwitzen würde, und verfluchte das erbarmungslose Licht in der Maske, das jeden hektischen roten Flecken auf ihrem Gesicht wunderbar ausleuchtete. Und sie verfluchte BostonGuy1982 alias Martin, der ihr am vergangenen Freitag in einem Café bei einer Tasse Kaffee erklärt hatte: »Nichts für ungut, Liz, aber auf dem Profilfoto deines Dating-Accounts sahst du viel schlanker aus.«

Männer wussten in der Tat, wie sie das Selbstbewusstsein einer Frau stärken konnten! Natürlich hätte sie ihm antworten können, dass er auf seinem Profilfoto mit voller Haarpracht zu sehen war, obwohl er in Wirklichkeit fast kahl war. Aber Liz hatte geschwiegen, gelächelt, ihren Kaffee ausgetrunken und war nach zwanzig Minuten verschwunden. Und obwohl sie sich bis vor Kurzem nie Gedanken um ihre Figur gemacht hatte, nagte der unbedachte Kommentar von BostonGuy1982 noch immer an ihr. Dazu kam das Desaster mit ihrem schönen schwarzen Kleid – und die Verunsicherung war perfekt. Hatte sie wirklich so viel zugenommen?

»Sie sind also für diese leckeren Pralinen verantwortlich! Ich habe mir schon zwei Stück gemopst und hoffe, dass ich eine dritte ergattern kann.«

Die Visagistin sah zwar nicht wie jemand aus, der übermäßig viel Schokolade aß, doch Liz hoffte, wenigstens eine Neukundin gefunden zu haben. Sie blinzelte nach oben und musste dabei die Augen zusammenkneifen, da das grelle Licht der beleuchteten Spiegel sie blendete. Gleichzeitig schob sie die Erinnerung an das fürchterliche Date schnell von sich. »Welche haben Sie probiert? Mandelkrokant, Pistazienfüllung oder die mit der Cremeschicht?«

»Es gab drei Sorten?! Ich habe nur die mit der Pistazienfüllung erwischt. Normalerweise mag ich Pistazien nicht sonderlich, aber diese Pralinen waren köstlich«, schwärmte Heather, während sie Liz’ Kopf zurücklehnte und damit begann, Feuchtigkeitslotion auf ihrem Gesicht zu verreiben. »Hoffentlich kann ich die anderen Sorten auch noch probieren, bevor meine Kollegen über sie herfallen.«

Obwohl es schwierig war, ihr zu antworten – immerhin massierte Heather gerade ihr Gesicht –, murmelte Liz: »Wenn alle weg sein sollten, können Sie gern bei mir vorbeischauen. Ich habe noch viel mehr im Angebot als ein paar Pralinen. Zum Beispiel Eclairs, Macarons, Petit Fours, Tartelettes …«

»Was Sie hier treiben, ist pure Folter«, fiel ihr Heather ins Wort. »Ist die Mitgliedschaft bei den Weight Watchers inklusive?«

Darauf antwortete Liz nicht, denn Heather schien die letzte Frau auf Erden zu sein, die abnehmen musste. Außerdem hörte Liz diesen oder ähnliche Sprüche täglich von Kundinnen, die bei ihr schokoladenhaltige Desserts kauften und gleichzeitig darüber lamentierten, dass sie unbedingt eine Diät beginnen mussten. Wenn Liz ehrlich war, konnte sie es nicht mehr hören. Entweder man aß ein Stück Kuchen und genoss es. Oder man ließ es. Es gab genügend Frauen, die sich ein Stück Schokolade versagten oder stattdessen einen Reiscracker mümmelten, anstatt vom Geburtstagskuchen ihrer Kinder zu probieren. Und das alles nur, um in eine Hose zu passen, die eigentlich für Mädchen vor der Pubertät gedacht war. Wenn man zu Reiscrackern griff, hätte man genauso gut in Pappe beißen können. Nichts ging über einen Kuchen aus dunkler, vollwertiger Schokolade gepaart mit etwas Vanille und einer fruchtigen Cremefüllung. Wo blieb der Spaß am Leben, wenn man Essen stets mit einem schlechten Gewissen in Verbindung brachte? Wozu hatte der liebe Gott Geschmacksknospen erfunden? Sicherlich nicht, um jeden Tag nichtssagendes trockenes Zeug zu essen. Menschen waren keine Maschinen, die mit geschmacksneutralem Treibstoff gefüttert werden mussten. Der menschliche Gaumen sollte durch köstliche Aromen erfreut werden! Und ganz sicher sollte niemand ein schlechtes Gewissen bekommen, weil er sich ab und zu ein süßes Dessert gönnte.

Noch vor ein paar Jahren war sie dem Wunsch erlegen, dünn zu sein, und hatte mit einer strengen Diät ein paar Kilos verloren. Doch miese Laune, Müdigkeit und ein bohrendes Hungergefühl waren ihre ständigen Begleiter gewesen. Also hatte sie die Diät Diät sein lassen und wieder angefangen zu essen – und das Leben zu genießen. Das hatte gut funktioniert. Eigentlich war sie davon ausgegangen, dass mit ihrer Figur alles stimmte, und hatte sich niemals Gedanken darüber gemacht, ob sie einem Schönheitsideal entsprach. Aber das war vor dem kritischen Kommentar ihres Dates gewesen.

»Was für ein Make-up hätten Sie denn gern? Etwas Auffälliges, das Ihre Augen oder den Mund betont?«

Liz atmete tief durch und starrte in den Spiegel vor sich. Ein blasses Gesicht, das sie als ihr eigenes identifizierte, starrte zurück. Dank ihrer blauen Augen, einer Stupsnase sowie einem Mund mit vollen Lippen und blondem Haar behaupteten ihre Eltern noch heute, dass sie einer Puppe glich. Ihre Mom ging sogar so weit, dass sie gern erzählte, sie habe nach Liz’ Geburt mit dem Gedanken gespielt, sie Dolly zu nennen, weil sie wie ein winziges Püppchen ausgesehen hatte. Liz konnte gar nicht sagen, wie froh sie darüber war, dass ihre Mom diesem damaligen Impuls nicht nachgegeben hatte.

»Solange man nicht sieht, dass ich in der letzten Nacht vor Aufregung nicht schlafen konnte, bin ich mit allem zufrieden.«

Heather schnalzte mit der Zunge und begann damit, mit einem Pinsel etwas auf Liz’ Gesicht aufzutragen. Liz lehnte sich zurück und versuchte zu entspannen.

Doch das klappte nicht wirklich. Sie würde gleich im Fernsehen auftreten. Dieser Tag würde in einem Desaster enden.

Verzagt starrte sie sich wenige Minuten später im Spiegel an – und musste bekennen, dass Heather wirklich ein Wunder vollbracht hatte: Die Augenringe waren verschwunden. Und, okay, ihre Frisur war für einen frühen Morgen eventuell etwas zu sehr toupiert, aber sie hatte niemals besser ausgesehen. »Vielen Dank.« Mit einem Lächeln schaute sie zu Heather, die gerade dabei war, ihre Pinsel zu säubern. »Jetzt bin ich wenigstens hübsch anzusehen, wenn ich mich bis auf die Knochen blamiere.«

Die Visagistin stemmte eine Hand in die beneidenswert schmale Taille. »Sie haben ein Puppengesicht, stellen köstliche Pralinen her und tragen keine Längsstreifen. Wie wollen Sie sich blamieren?«

Liz lachte amüsiert auf und erhob sich aus dem Stuhl. Dabei sah sie aus dem Augenwinkel, dass jemand in der Tür zur Maske stand. Neugierig drehte sie den Kopf ein Stück nach hinten und ging davon aus, dass ein Regieassistent sie abholen würde, um sie verkabeln zu lassen.

Dort stand jedoch kein Regieassistent. Der Mann, der die Arme vor der Brust verschränkt hatte und sie nicht minder neugierig betrachtete, besaß eine frappierende Ähnlichkeit mit …

Adam Stone.

Liz blinzelte, doch der dunkelhaarige Mann verschwand nicht.

Nein, das konnte nicht sein. Ganz sicher stand nicht Adam Stone nur ein paar Meter von ihr entfernt und musterte sie. Der Mann, der sich jetzt gerade in Bewegung setzte und auf sie zukam, konnte unmöglich das berühmte Unterwäschemodel sein, das Berichten zufolge vor einigen Jahren für zahlreiche Auffahrunfälle am Times Square in New York verantwortlich gewesen war, als ein Plakat von ihm in schwarzer Unterwäsche dort enthüllt worden war. Ein Foto, das Liz damals als Bildschirmschoner benutzt hatte.

Mit großen Augen verfolgte sie, wie Adam Stones Ebenbild auf sie zukam und ihr die Hand entgegenstreckte. »Hi, ich bin Adam.«

»Ich … ich weiß.«

Belustigung blitzte in seinen grünen Augen auf. »Echt?«

Ruckartig hob Liz den Kopf. »Ich … ich meine, ich weiß, dass Sie Adam Stone sind. Ich bin … bin Liz. Liz Miller«, stammelte sie.

»Ich weiß«, erwiderte er mit einem Lachen in der Stimme, das komische Dinge in ihrer Magengegend anstellte. »Sie sind das Pralinenmädchen.«

Wenig geistreich entgegnete Liz: »Ja.«

Weil er ihr immer noch die Hand hinhielt und Liz sich nicht noch mehr blamieren wollte, als sie es ohnehin schon getan hatte, erwiderte sie die Begrüßung und bekam sogleich weiche Knie.

Oh mein Gott! Du fasst gerade Adam Stone an – the sexiest man alive!

Ihr Kopf war wie leer gefegt. Hastig zog sie die Hand wieder zurück, bevor sie der Versuchung erliegen konnte, sich an ihn zu ketten. Sie bemühte sich, cool zu bleiben. Aber wie um Himmels willen sollte man cool bleiben, wenn man von einem ehemaligen Unterwäschemodel, für das man mit Anfang zwanzig geschwärmt hatte, mit einem gewinnenden Lächeln bedacht wurde?

»Chelsea hat mir gerade erzählt, dass wir beide heute zusammen mit ihr vor der Kamera stehen.«

»Ach.« In hilfloser Faszination starrte sie ihn an. Gerade eben war sie noch verrückt vor Aufregung gewesen, überhaupt im Fernsehen aufzutreten, aber dabei auch noch neben Adam Stone zu stehen … Sie würde jeden Augenblick in Ohnmacht fallen, so viel war sicher.

Beim Lachen entblößte er – natürlich – zwei Reihen strahlend weiße Zähne, bei deren Anblick jeder Zahnarzt begeistert gewesen wäre. »Ich bin ziemlich erleichtert, nicht der einzige Gast zu sein. Mein Lampenfieber bringt mich noch um.«

Der Mann, von dem sie wusste, dass er mittlerweile den Beruf als Model an den Nagel gehängt hatte und zu einem Fitness-Guru geworden war, fuhr sich mit einer Hand durchs Haar und schob die andere in die Hosentasche. Obwohl er ein lässiges T-Shirt, ausgeblichene Jeans und Sneakers trug, wäre er auch heute noch problemlos als Model durchgegangen. Dass er Lampenfieber hatte, kaufte Liz ihm keine Sekunde lang ab. Dafür stand er viel zu gelassen in der Maske.

»Sie sehen nicht aus, als wären Sie aufgeregt.«

Er schenkte ihr ein geradezu schamloses Grinsen. »Das täuscht. Innerlich zittere ich vor Nervosität, Liz.« Fragend legte er den Kopf zur Seite. »Ich darf doch Liz sagen, oder?«

Weil ihr die Stimme versagte, nickte sie lediglich.

Mit einem Augenzwinkern wandte er sich an Heather und stellte sich ihr ebenfalls mit einem hinreißenden Lächeln vor, während er ihr die Hand reichte. Unverfänglich begann er mit der Visagistin zu plaudern, die ebenfalls nicht immun gegen seinen Charme zu sein schien. Sicherlich gab es kaum eine Frau, die nicht angetan gewesen wäre.

Eine Stimme in ihrem Kopf befahl ihr, sich selbst zu kneifen. Liz konnte sich jedoch nicht von der Stelle rühren. Viel lieber betrachtete sie ihn wie hypnotisiert und verfolgte mit angehaltenem Atem, wie er in der Maske saß. Dabei wirkte er so selbstverständlich, als hockte er jeden Tag hier und ließe sein Gesicht abpudern. Seine Selbstsicherheit war geradezu beneidenswert.

Zu ihrem Verdruss musste Liz feststellen, dass Adam Stone nicht nur ein heißer Typ war, sondern auch noch ziemlich sympathisch wirkte. Wie konnte ein Normalsterblicher nur so nett sein und gleichzeitig so gut aussehen? Wenn sie an BostonGuy1982 oder ihre Blind Dates dachte, kam sie zu der Einsicht, dass das Leben verdammt unfair war. Da stand ein Mann vor ihr, der einmal sein Geld damit verdient hatte, seine trainierten Bauchmuskeln in die Kamera zu halten, und dessen Haut die Farbe von köstlichem Karamell hatte. Und nun stellte sich auch noch heraus, dass er nett war. Normalsterbliche Frauen, wie sie eine war, mussten sich dagegen mit Männern begnügen, die einem beim ersten Date an den Kopf warfen, dass man sie mit falschen Profilfotos betrog, die sich im Restaurant die Rechnung teilen wollten und die sich nach ihren sexuellen Vorlieben erkundigten, während man mit ihnen an der Kinokasse stand.

Liz beobachtete, wie sich Adam Stone nun aus seinem Stuhl erhob und der Produktionsassistentin gut gelaunt zunickte, die gerade die Maske betrat.

»Liz, wir haben zwei Schürzen für Sie zur Auswahl. Welche gefällt Ihnen am besten?«

Überrascht blickte Liz zu der jungen Frau, die ein Headset auf dem Kopf und zwei rosafarbene Schürzen in den Händen trug. Angesichts der Beschriftung der Schürzen zuckte sie zusammen. Das war wie die Wahl zwischen Pest und Cholera! Niemals würde sie im Frühstücksfernsehen eine rosafarbene Schürze tragen, auf der geschrieben war …

»Liz sollte die rechte nehmen, dann kann ich die linke haben«, gab Adam von sich.

Die Produktionsassistentin zwinkerte verwirrt. »Aber, Adam, Sie müssen nicht …«

»Ach was!« Er nahm ihr die beiden rosafarbenen Schürzen ab. »Wenn Liz eine tragen darf, dann will ich das auch.«

»Wie sehr unterscheidet sich dein jetziges Leben von deinem früheren, Adam? Ich schätze, ich bin nicht die einzige Frau hier im Studio oder daheim vor dem Fernseher, die dich noch aus deiner Zeit als Model kennt.«

Liz kam sich vor wie ein Statist. Anscheinend hatte die Moderatorin Chelsea völlig vergessen, dass sie zwei Gäste hatte. Stattdessen himmelte sie Adam an. Es war ein Wunder, dass sie ihn noch nicht besprungen hatte.

Mit einem Hauch Belustigung und aus nächster Nähe konnte Liz verfolgen, wie die dunkelhaarige Moderatorin Adam schöne Augen machte und mit den Wimpern klimperte. Hoffentlich hatte Liz ihn nicht ebenfalls mit einem dermaßen schmachtenden Blick angestarrt, als sie noch vor wenigen Minuten in der Maske miteinander gesprochen hatten!

Zu dritt standen sie in der TV-Küche. Im Halbkreis vor ihnen befanden sich vier Kameras und gleich dahinter saßen Zuschauer, die das ganze Spektakel verfolgen konnten. Zwar konnte Liz sie nur undeutlich erkennen, da alle Scheinwerfer auf die Küche gerichtet waren, aber sie war sich die ganze Zeit über bewusst, dass sie beobachtet wurde. Es war ein komisches Gefühl, auf dem Präsentierteller zu sitzen und zu wissen, dass die Kameras jede Mimik und jede Bewegung von ihr einfingen. Da die Sendung live war, durfte sie sich keinen Patzer erlauben. Und sie durfte nicht daran denken, dass völlig fremde Zuschauer daheim sehen konnte, wie sie in dieser Küche stand und mit zitternden Händen Pralinen zubereitete, während sie eine rosafarbene Schürze trug, auf der Zuckerschnute stand. Liz kam sich wie der letzte Trottel vor, zumal sie alle paar Sekunden das Stoffstück zurechtzog und -zupfte.

Adam trug seine Schürze im Gegensatz zu ihr voller Selbstsicherheit und schien sich sogar darüber zu amüsieren, dass er als Sahneschnitte bezeichnet wurde. Der Mann war ein Medienprofi durch und durch. Lässig und charmant stand er da und bereitete seinen Fitnessdrink zu. Dabei flirtete er schamlos mit dem Publikum. Im Vergleich zu ihm kam sich Liz absolut zurückgeblieben vor.

Auch jetzt scherzte er: »Heute bin ich bei der Arbeit angezogen. Früher war das nicht immer so.«

Das Publikum kicherte und Chelsea setzte einen geradezu anbetungsvollen Blick auf. »Vermisst du das Modeln nicht? Du warst schließlich unglaublich erfolgreich.«

»Nun, ich hoffe natürlich, dass ich mit meinem jetzigen Beruf ebenfalls erfolgreich sein werde.« Adam legte den Kopf schief.

»Daran zweifeln wir nicht, Adam.« Wieder schmachtete die Moderatorin ihren Gast an. Es hätte Liz nicht gewundert, wenn Chelsea sie beiseitegestoßen hätte, um allein mit Adam zu sein. »Wann hast du dich dazu entschieden, deine Modelkarriere zu beenden?«

Verstohlen musterte Liz das frühere Unterwäschemodel. Hatte sein Lächeln plötzlich etwas Gezwungenes? Vielleicht täuschte sie sich auch, aber Adam Stones Fröhlichkeit wirkte auf einmal aufgesetzt.

»Wenn man älter wird, sucht man nach neuen Herausforderungen. Leider kann man nicht ewig modeln, und ich wollte aufhören, als es am schönsten war.«

Chelsea seufzte. »Das klingt so reif.«

Beinahe hätte Liz die Augen verdreht, konnte sich jedoch angesichts der vielen Kameras gerade noch zurückhalten. Eigentlich war Chelsea ihr ziemlich sympathisch und intelligent vorgekommen, doch jetzt spielte sie den dümmlichen Groupie so überzeugend, dass sich Liz beinahe fremdschämte. Außerdem fragte Liz sich, warum Chelsea Adam ständig zu seiner Modelkarriere befragte, die schließlich schon ein paar Jahre zurücklag.

»Ich würde sagen, es klingt realistisch.« Er zwinkerte der Moderatorin zu. »Man wird älter und weiß, dass man einen Plan B braucht.«

»Und wie bist du auf deinen Plan B gekommen?«

»Ich habe mein Hobby, meine Leidenschaft, zum Beruf gemacht«, erwiderte er schlicht. »Irgendwann kristallisierte sich heraus, dass Sport genau das war, womit ich meine Brötchen verdienen wollte.«

»Also wusstest du nicht direkt nach der Highschool, dass du einmal Model und anschließend Fitnesstrainer werden wolltest?«

Liz beobachtete, wie Adam eine runde Box öffnete, in der sich Pulver für den Drink befand, den er gerade zubereitete. Sie selbst schmolz gerade noch Schokolade, auch wenn sie – zugegebenermaßen – diesem Geplänkel viel lieber weiter gelauscht hätte. Sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren, stellte sich als ziemliche Herausforderung dar.

»Eigentlich wollte ich Mathelehrer werden. Ich war ein ziemlicher Nerd und hätte nicht im Traum daran gedacht, jemals zu modeln oder später Fitnesstrainer zu werden. Aber dann wurde ich auf dem College entdeckt. Das Modeln machte zwar Spaß, aber ich wusste von Anfang an, dass ich es nur eine bestimmte Zeit würde machen können. Also habe ich parallel ein Sportstudium absolviert und Betriebswirtschaft studiert. Immerhin bin ich vor ein paar Monaten schon dreißig geworden.«

»Also ich bin mir sicher, dass du noch immer für Modelaufträge gebucht werden würdest. Auch mit dreißig.« Chelsea klang schwärmerisch.

Adam dagegen schien nur noch schwer verbergen zu können, dass er genervt war. Liz war es auf jeden Fall: Der Mann schnibbelte seit Minuten Obst klein und wollte etwas von seinem Job erzählen, aber die Moderatorin löcherte ihn mit Fragen zu seiner früheren Arbeit.

»Das mag schon stimmen, aber ich brauchte eine neue Herausforderung und entschied mich dazu, zu neuen Ufern aufzubrechen.« Er räusperte sich und fuhr forsch fort: »Mir war es wichtig, etwas völlig Neues auszuprobieren. In meinem Fitnessclub wollen wir unseren Kunden eine Rundumbetreuung anbieten. Neben Personaltraining, Fitnesskursen und Wellness kümmern wir uns auch um das leibliche Wohl in Form von verschiedenen Drinks und gesunden Aftertraining-Snacks. Liz und du kommt jetzt gleich in den Genuss eines Smoothies, den ich meinen Kunden empfehle, um fit und vital zu bleiben.«

Als Liz ihren Namen hörte, sah sie auf und warf einen Blick auf die unterschiedlichen Obstsorten, die Adam gerade klein schnitt. Sie liebte Obst – aber was das Blattgrün dort zu suchen hatte, verstand sie überhaupt nicht.

»Oh, ich fühle mich geehrt, Adam«, säuselte Chelsea und rückte einen weiteren Schritt an ihn heran, um ihm betont unauffällig über die Schulter zu schauen. Dabei schmiegte sie sich an ihn, wie nicht nur Liz sehen konnte, sondern vermutlich jeder Zuschauer im Studio und vor dem Fernseher. »Woraus besteht dieser Drink?«

Adam nahm eine Handvoll Spinat, warf diese in den Mixer und gab das geschnittene Obst hinzu. »Äpfel, Bananen, Beeren und Blattgrün sowie Cashewkerne und etwas Mandelmilch. Die muss natürlich ungesüßt sein. Wichtig ist auch der Teelöffel Leinsamen.«

Chelseas Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. »Das klingt ja lecker.«

Lecker war in Liz’ Augen etwas anderes, aber es würde sie schon nicht umbringen, Adams gesunden Smoothie zu trinken. Das war nur fair, schließlich würde er mit Sicherheit auch ihre Pralinen probieren.

»Ich hoffe doch, dass es schmeckt, schließlich trinke ich es täglich.« Wieder umspielte ein umwerfendes Lächeln seine Lippen. Liz schnaubte innerlich. Normalerweise sollte ein Mann, der eine alberne rosafarbene Schürze trug, nicht so heiß aussehen! Geradezu heimlich schielte sie nach rechts. Adam schob sich gerade eine Himbeere in den Mund und zwinkerte dabei lausbubenhaft in die Kamera. Dass sich dabei die Muskeln seiner Oberarme anspannten, ließ sicherlich mehr als nur ein Dutzend Frauenherzen höher schlagen. Wenn Liz nicht aufpasste, würde sie sich mindestens einen Daumen an dem Wasserbad vor ihr verbrennen.

Unweigerlich musste Liz an das Plakat von ihm in Unterwäsche denken, während er nun von seinem vor wenigen Monaten eröffneten Fitnessclub berichtete.

Sie sah es förmlich vor sich. Auf dem Foto räkelte er sich auf einem Bett. Das Laken unter ihm war zerwühlt – ebenso wie sein schwarzes Haar. Eine Hand hatte er hinter seinem Kopf verschränkt. Mit den Fingern der anderen Hand berührte er seine geöffneten Lippen. Dazu ein Schlafzimmerblick und ein unverschämt toller Körper, der in einem Paar knapper Boxerbriefs steckte. Vermutlich hatte es keine Frau im Alter von vierzehn bis vierundneunzig Jahren gegeben, die angesichts seines verdammt sexy Lächelns keine Hitzewallungen bekommen hatte.

Wie hypnotisiert verfolgte sie, wie er den Mixer anstellte. Ihre Augen saugten sich an seinen kräftigen Unterarmen fest und glitten zu den langen Fingern, als er den Inhalt des Mixers in drei Gläser goss und ihr sowie Chelsea jeweils eines reichte.

Liz drehte die Platte für das Wasserbad hinunter und nahm ihr Glas entgegen. Sie bedankte sich und wartete darauf, dass ihr jemand das Startsignal gab.

Anders als sie war Adam Herr der Lage. Er nahm das übrig gebliebene Glas in seine Hand und prostete ihnen zu. »Zum Wohl, die Damen!«

Sie murmelte ebenfalls ein Prost und nahm einen Schluck. Schmeckte gar nicht so schlecht. Zwar glaubte sie nicht, dass Coca Cola dadurch besonders hohe Umsatzeinbußen verzeichnen würde, aber man konnte es trinken – wenn man auf Smoothies stand.

»Das schmeckt sehr viel besser, als ich es mir vorgestellt hatte, Adam«, schwärmte Chelsea und nickte in Richtung Kamera. »Schade, dass unsere Zuschauer nicht davon probieren können. Es ist nämlich wirklich sehr köstlich, meine Damen und Herren.«

Nachdem Adam das Glas mit einem großen Schluck geleert hatte, klebte ihm ein kleiner Smoothiebart über der Oberlippe. Der Mann, um dessen grüne Augen sich winzige Lachfältchen bildeten, fuhr fort: »Ich trinke den Drink am liebsten, wenn er mit Roter Bete, Karotten und Kohl gemixt wird. Das hat einen wunderbar erdigen Geschmack. Obst benutze ich nur selten. Ehrlich gesagt bin ich nicht so sehr der süße Typ.«

Überwiegend weibliches Gelächter erscholl aus dem Publikum.

»Das scheint unser Publikum anders zu sehen.« Chelsea schien sich an Liz’ Existenz zu erinnern und drehte sich halb zu ihr. »Liz, du bist unsere Expertin in Sachen Süßes. Was könnte man tun, um Adam zu einem süßen Typen zu machen?«

Erschrocken sah Liz auf und begegnete Adams Blick. So lässig wie möglich erwiderte sie: »Hm, ich schätze, er ist süß genug.« Leider würde ihr niemand diese Lässigkeit abkaufen, weil sie spürte, wie ihre Wangen zu glühen begannen.

Adams Lächeln hätte schalkhafter nicht sein können. »Ha! Soll das heißen, dass du mir keine deiner Pralinen zum Probieren gibst, Liz?«

Nachdrücklich schüttelte sie den Kopf. »Da ich deinen Drink probieren durfte, wäre es nur fair, wenn du von meinen Pralinen kostest.«

Endlich leckte er sich den Smoothiebart von der Oberlippe. »Das nenne ich einen guten Handel.« Er flüsterte ihr überlaut zu: »Eigentlich sind Pralinen für mich tabu – nur deinetwegen mache ich eine Ausnahme. Die Dinger sehen einfach zu köstlich aus.«

Auch wenn Liz der Meinung war, dass er etwas dick auftrug, war sie gegen sein Lob nicht gefeit und verkniff sich ein Lächeln, als sie ein paar der bereits fertigen Pralinen auf einen Teller legte.

Währenddessen wollte Chelsea von ihm wissen: »Hattest du als Model eigentlich einen Ernährungsplan?«

Unterschwellig konnte man seinem Tonfall die Ungeduld anhören. »Wenn man mit dem Aussehen seines Körpers Geld verdient, achtet man automatisch auf seine Ernährung. Ich konnte aber vieles durch den Sport ausgleichen und musste nicht so sehr aufs Essen achten. Mit meinen Kundinnen und Kunden stelle ich zwar Ernährungspläne zusammen, aber mir ist es wichtig, dass sie sich ab und zu etwas gönnen dürfen, was bei Diäten normalerweise verboten ist – ob es nun eine Pizza oder ein Stück Kuchen ist. In Maßen ist dagegen nichts zu sagen, wenn man gleichzeitig sein Workout nicht vernachlässigt und sich ansonsten an seinen Ernährungsplan hält.«

Beinahe hätte Liz gegrinst, weil Adam sehr elegant das Thema gewechselt hatte.

»Du würdest einer Kundin also nicht verbieten, von Liz’ Pralinen zu essen?«

Sehr diplomatisch erwiderte er: »Verbieten würde ich meinen Kundinnen grundsätzlich nichts. Manche halten sich strikt an ihren Plan und sind sehr fokussiert. Andere dagegen müssen ab und zu über die Stränge schlagen, um nicht die Lust am Abnehmen zu verlieren. Das ist okay. Sie brauchen dann zwar etwas länger, um ihr Ziel zu erreichen, machen das jedoch mit Genuss.« Adam deutete auf die Pralinen. »Liz’ Pralinen würde ich überhaupt nicht verbieten, wenn man es nicht übertreibt. Sie verarbeitet anscheinend sehr gute Zutaten wie dunkle Schokolade, die in Maßen sogar gesundheitsfördernd ist.« Er räusperte sich und sprach sie freundlich an: »Aber das kannst du sicherlich besser erklären als ich, Liz.«

Sie ließ sich ihre Aufregung nicht anmerken und überzog mit relativ ruhiger Hand das Mandelkrokant mit der dunklen Schokolade, zu der sie gerade noch etwas Ingweraroma hinzugegeben hatte. »Tatsächlich lege ich großen Wert auf qualitativ hochwertige Produkte. Ich vermeide industriell hergestellte Zuckerkonzentrate wie Maissirup und greife lieber zu biologisch angebauten Waren. Natürlich sind meine Pralinen kalorienhaltig, aber im Gegensatz zu den meisten Süßigkeiten, die man in einem Supermarkt kaufen kann, oder zu Torten aus der Tiefkühltruhe stelle ich alles selbst her und kann meinen Kunden versichern, dass man guten Gewissens zugreifen kann.« Sie sah auf und lächelte die Moderatorin sowie Adam an, weil ihr die Stimme ihrer Mom in den Ohren klang, die sie noch gestern wiederholt ermahnt hatte, viel zu lächeln, um möglichst sympathisch zu wirken.

»Und all deine Produkte verkaufst du in deiner eigenen Patisserie, richtig?«

»Genau«, antwortete Liz auf Chelseas Frage und betrieb gleich darauf etwas Eigenwerbung. »Im Chez Liz.«

Adam Stone zog eine Augenbraue in die Höhe und nickte anerkennend. »Hast du dich auf Pralinen spezialisiert?«

»Nicht nur. Ich fertige auch Torten für spezielle Anlässe an, bereite Eclairs, Tartelettes und Petit Fours zu. Außerdem kann man im Chez Liz um die zwanzig Macaronsorten probieren.« Sie konnte ihren dröhnenden Herzschlag bis in die Ohren hören.

»Ich liebe Macarons«, schwärmte Chelsea.

Liz hob den Teller hoch und bot den beiden ihre Kreationen an. Sie wich Adams Blick aus und glaubte zu spüren, dass jeder einzelne Zuschauer wissen musste, dass sie nur daran denken konnte, wie verdammt gut dieser Mann in Unterwäsche aussah. Etwas atemlos führte sie aus: »Das hier sind drei verschiedene Sorten Pralinen. Mandelkrokant mit einem Schokoladenüberzug und einem Hauch Ingwer, dann Pralinen mit einer leicht gesalzenen Pistazienfüllung und Pralinen mit einer Cremeschicht aus Nougat und Karamell.«

»Allein vom Zuhören nehme ich ein Pfund zu.« Chelsea pickte sich eine Praline heraus und knabberte geradezu damenhaft daran herum.

Adam griff beherzt zu und schob sich die ganze Praline auf einmal in den Mund.

»Oh Gott, die schmecken wirklich fabelhaft.« Das kam von Chelsea, die genießerisch das Gesicht verzog.

»Ja, nicht schlecht«, urteilte Adam.

»Nicht schlecht?« Automatisch fühlte sich Liz in ihrer Ehre gekränkt.

Der Mann, der noch immer kaute, nickte und ließ ein vergnügtes Augenzwinkern erkennen. »Ja, nicht schlecht, wenn ich bedenke, dass ich eigentlich kein süßer Typ bin.«

Chelsea kicherte. »Hat Liz nicht noch vor ein paar Minuten zugegeben, dass du bereits sehr süß bist?«

Wunderbar! Musste die Moderatorin ausgerechnet das wiederholen?

Adam war jedoch so höflich, nicht darauf einzugehen. Stattdessen gab er zu: »Normalerweise vermeide ich Zucker.«

»Dann weißt du nicht, was dir entgeht«, sagte Liz.

Gespielt theatralisch verdrehte er die Augen. »Fitnesstrainer haben es ziemlich schwer. Sie können für ihre Kunden schließlich keine Ernährungspläne erstellen und ihnen predigen, auf Zucker zu verzichten, nur um dann selbst tonnenweise Pralinen zu futtern.«

Liz griff nach einer Praline und hielt sie zwischen Daumen und Zeigefinger in die Höhe. »Hast du nicht gerade gesagt, dass man sich ab und zu etwas gönnen muss?«

»Och, ich gönne mir ab und zu etwas, auch wenn es nicht immer eine Praline ist.«

Liz war sich nicht sicher, worauf er anspielte. Forscher, als sie es normalerweise war, fragte sie nach: »Nichts für ungut, aber was ist schon besser als eine köstliche Praline?«

Sein Tonfall nahm einen vertraulichen Klang an. »Ach, da wüsste ich schon das eine oder andere.«

Erst das fröhliche Lachen des Publikums holte Liz in die Wirklichkeit zurück. Hatte er etwa gerade sexuelle Andeutungen gemacht? Hastig schob sie sich selbst eine Praline in den Mund und betete zu allen Mächten des Himmelreichs, dass diese TV-Show so schnell wie möglich ein Ende haben würde.

»Ich kann nur für mich sprechen, aber ich habe niemals zuvor solch köstliche Pralinen gegessen, Liz«, sagte die Moderatorin.

»Danke«, sagte Liz und bemerkte erst jetzt, dass sie den Mund noch immer mit Krokantsplittern voll hatte.

»Adam?« Chelsea wandte sich an den grinsenden Fitnesstrainer und wollte wissen, als wäre es das Natürlichste auf der Welt: »Kommen wir zu etwas Unerfreulicherem. Was müsste Liz tun, um diese Praline abzutrainieren?«

Liz blieb besagte Praline beinahe im Hals stecken. Was?!

Fassungslos sah sie zwischen Chelsea und Adam hin und her und spürte, dass ihre Wangen brannten.

»Frauen müssen nicht zwangsläufig einhundert Sit-ups machen, sobald sie eine Praline essen«, sagte Adam und lächelte sein umwerfendes Lächeln. »Außerdem hat Liz es nicht nötig, diese Praline abzutrainieren.«

Ein – zumeist – weibliches Seufzen kam aus dem Publikum.

Leider ruinierte er sofort wieder alles. »Bei weiblichen Models ist es tatsächlich etwas anderes, schließlich ist ihr Körper ihr Kapital, und jede noch so kleine Sünde macht sich sofort bemerkbar. Aber bei Frauen mit natürlichen Rundungen, die ihr Wohlfühlgewicht erreicht haben, sind kleine Gewichtsschwankungen völlig normal.«

Natürliche Rundungen? Wohlfühlgewicht? Kleine Gewichtsschwankungen? Obwohl Liz wusste, dass sie gerade beobachtet wurde, entglitten ihr die Gesichtszüge.

Chelsea setzte noch einen drauf. »Was würdest du also zu Liz sagen, wenn sie deine Kundin wäre?«

Adam runzelte die Stirn und wirkte nachdenklich, während er Liz betrachtete. Seine Augen schienen ihren Körper abzuscannen. »Wenn Liz meine Kundin wäre und sie beispielsweise ein bisschen abnehmen wollte, um in ein besonderes Kleid wie ein Hochzeitskleid zu passen oder um auf eine Bikinifigur für den Strand hinzuarbeiten, würden wir zusammen einen Fitnessplan entwerfen, der sich nach ihrer Kondition richtet. Dann würden wir Übungen zusammenstellen, um ihre Problemzonen anzugreifen. Wie bei den meisten Frauen sind das die Hüften und der Po. Mit Squads und Ausfallschritten könnten wir sehr erfolgreich an der Muskulatur ihres Pos arbeiten.«

Wieso hatte sie das Gefühl, dass halb Boston ihr gerade auf den Hintern starrte?! Voller Entsetzen blieben ihr die letzten Krokantsplitter im Hals stecken. Er sprach nicht wirklich über ihre Problemzonen, oder? Vor laufender Kamera?!

Doch er war noch nicht fertig. »Essenstechnisch müssten wir den Verzehr von Kohlenhydraten einschränken und in Liz’ Fall den Zucker streichen. Das sollte sehr schnell zum Erfolg führen. Die ersten fünf Kilos könnte sie auf diese Weise innerhalb eines Monats verlieren. Der Rest würde etwas länger dauern.«

Der Rest?

Sie konnte nichts entgegnen oder einwerfen, da sie vor lauter Schreck die schokoladigen Krokantsplitter immer noch nicht komplett heruntergeschluckt hatte. Im Scheinwerferlicht des Studios und mit vier Kameras aus unterschiedlichen Perspektiven auf sie gerichtet musste Liz feststellen, dass Schokolade tatsächlich wie Pappe schmecken konnte.

Hatte er ihr gerade etwa vor laufender Kamera zu einer Gewichtsabnahme geraten und über ihre Problemzonen gesprochen? Was für ein Idiot! Wenn sie ein Hochzeitskleid bräuchte, würde sie es in ihrer Konfektionsgröße kaufen und sich nicht schinden, um an ihrem großen Tag anorektisch auszusehen! Und einen Bikini konnte man auch dann tragen, wenn man nicht wie ein Supermodel aussah! Was glaubte er überhaupt, wie viel sie abnehmen sollte, wenn er von fünf Kilos und dem Rest sprach?

Innerlich schäumte sie. Vor fünf Minuten hatte sie Adam Stone noch für den nettesten Mann der ganzen Stadt gehalten. Doch er war ein ebensolcher Idiot wie die meisten Männer, die Frauen einreden wollten, dass sie abnehmen mussten, um schön zu sein. Im Grunde waren alle Männer gleich! Am liebsten hätte sie ihm seinen ach so gesunden Smoothie über den Kopf gegossen!

»Das klingt so einfach, wenn du davon sprichst. Liz wird mir sicherlich zustimmen, dass Diäten und Sportprogramme nur schwer durchzuhalten sind. Beispielsweise mangelt es mir erheblich an Disziplin.«

Wenn Chelsea nicht endlich die Klappe hielt, würde Liz ausflippen.

»Alles Einstellungssache.« Dieser arrogante Mistkerl zuckte mit den Schultern. »Mit ein wenig Unterstützung ist es gar nicht so schwer, fit zu werden und Gewicht zu verlieren.«

»Genau da kommen Personal Trainer wie du ins Spiel, richtig?«

»Richtig. Wir sind dafür da, das Beste aus unseren Kundinnen herauszuholen.«

Liz war so wütend, dass sie, bevor sie überhaupt nachdachte, spitz fragte: »Das Beste? Nichts für ungut, Adam, aber es gibt nicht das eine Schönheitsideal. Für mich ist jemand erst interessant, wenn er nicht perfekt ist.«

»Aha?« Er schien nicht beleidigt zu sein, sondern schaute sie neugierig an.

»Ja!« Auch wenn Liz’ Nerven flatterten, erwiderte sie geradezu stürmisch: »Es wäre ziemlich langweilig, wenn alle Menschen auf der Welt perfekt wären und gleich aussähen. Ich lasse mir schließlich auch nicht die Nase operieren, weil sie nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht. Schönheit ist relativ.«

Schweigen breitete sich aus, was Liz nur am Rande mitbekam, weil ihr eigener Herzschlag viel zu laut in den Ohren dröhnte. Wieso hatte sie nicht einfach die Klappe gehalten? Sollte der Großkotz doch weiterhin über Fitness schwadronieren!

»Du hast recht«, entgegnete Adam zu ihrer Überraschung. »Schönheit ist relativ, und deine Nase solltest du auf keinen Fall operieren lassen. Ich finde sie nämlich sehr gelungen.«

Wieder lachte das Publikum, auch wenn Liz die Belustigung nicht teilen konnte.

Wie ein Showmaster erläuterte Adam gut gelaunt: »Mir persönlich geht es vor allem darum, dass sich meine Kundinnen und Kunden wieder wohlfühlen können. Manchmal braucht es nur eine kleine Veränderung. Und Sport ist eine wunderbare Möglichkeit, Körper und Geist herauszufordern.«

Liz hätte liebend gern laut gewürgt.

Chelsea dagegen war Feuer und Flamme. Sie schaute in die Richtung der Zuschauer. »Ich muss gestehen, ich bin sehr angetan von der Aussicht, mich von Adam trainieren zu lassen, dabei sündigen zu dürfen und eine Kleidergröße kleiner zu tragen. Wie denken Sie darüber, meine Damen und Herren?«

Das Publikum applaudierte.

Der Idiot mit dem umwerfenden Lächeln zwinkerte Liz zu. Er war anscheinend extrem dickfellig. Ansonsten hätte er nicht derart freundschaftlich erklärt: »Ich würde vorschlagen, mit Liz’ Pralinen zu sündigen. Sie sind einfach zu köstlich.«

Liz knirschte mit den Zähnen. »Vielen Dank«, brachte sie hervor. »Ich würde jedoch vorschlagen, meine Pralinen einfach zu essen, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben. Falls sich jemand für Sünden interessiert, kann er den Film Sieben mit Brad Pitt anschauen.«

Adam schien ihren Spruch für einen Witz zu halten, weil er herzhaft lachte. »Bist du Filmkritikerin?«

Sie kniff die Augen zusammen. »Nein, ich bin Patissière und das sehr gerne.«

»Das merkt man.« Er griff nach einer weiteren Praline und hob sie an die Nase, bevor er anerkennend nickte. »Für die Dinger könnte ich sterben.« Lächelnd schob er sich Liz’ schokoladenhaltige Kreation in den Mund. »Ernsthaft.«

Liz hoffte beinahe, er würde Wort halten.

»Mom hat mich schon angerufen! Anscheinend hat die ganze Familie deinen Auftritt verfolgt. Sogar Tante Sue aus Atlanta hat sich die Show in der Mediathek angeschaut.«

Liz blickte von der Couch auf, als die Tür zu ihrer Wohnung aufgerissen wurde und ihre Schwester Vicky einem Hurrikan gleich hereingestürmt kam. Das hatte ihr noch gefehlt! Nach dem nervenaufreibenden Tag hatte sie sich darauf gefreut, heute Abend in Ruhe ein Schaumbad zu nehmen und im Internet nach Vodoopuppen zu suchen, die Ähnlichkeit mit Adam Stone besaßen. Ihr Plan löste sich mit der Ankunft ihrer Schwester jedoch in Rauch auf.

Wie der Wirbelwind, der sie nun einmal war, schleuderte Vicky ihre Jacke über Liz’ Lesesessel und hätte um ein Haar die hübsche Stehlampe erwischt, die Liz besonders am Herzen lag. Vicky schien ihre Zerstörungswut nicht einmal zu bemerken, als sie sich auf den kleinen Couchhocker fallen ließ, nach Liz’ Weinglas griff und dieses an den Mund führte, wobei der Inhalt beinahe überschwappte. Sollte auch nur ein einziger Tropfen des Rotweins auf Liz’ eierschalenfarbenem Teppich landen, würde sie ihre Schwester erdrosseln, schwor sie sich.

»Erzähl!«

Liz wusste, worauf Vicky hinauswollte, hatte jedoch keine Lust, den beschämenden Auftritt und Adam Stones unverschämte Kommentare durchzukauen. Den ganzen Tag lang hatte sie sich darüber geärgert und wollte jetzt einfach in Ruhe und Frieden eine Weinflasche leeren und aus lauter Trotz die Schokoladenmacarons in sich hineinstopfen, die sie aus ihrer Patisserie mitgenommen hatte. Von wegen Problemzone! Die Problemzone einer Frau war eindeutig ein Mann und nichts anderes.

Leider ließ sich ihr Quälgeist von Schwester nur schwer ignorieren, während sie direkt vor ihr saß, Liz’ Wein trank und sich geradezu gedankenlos einen der köstlichen Macarons in den Mund warf.

»Möchtest du vielleicht dein eigenes Glas haben?«

Für ihren zynischen Kommentar war Vicky voll und ganz unempfänglich. Schmatzend schüttelte sie den Kopf. »Ne, lass mal. Erzähl lieber von heute!«

Obwohl Liz wusste, dass es das Thema nur ein wenig hinauszögern würde, spielte sie die Unwissende. »Erfreulicherweise habe ich eine Bestellung für eine Hochzeitstorte hineinbekommen, fünfstöckig. Außerdem verkaufen sich die neuen Eclairs besonders gut …«

»Doch nicht das«, fiel ihre Schwester ihr rüde ins Wort und verdrehte dabei die Augen. »Wie war die Show? Du weißt doch: Frühstücksfernsehen, Adam Stone und so weiter!« Ihre Ungeduld war beinahe greifbar.

Liz strich imaginäre Krümel von ihrer Couch und zuckte mit den Schultern. »Es war ganz nett. Hoffentlich war der Auftritt ein wenig werbewirksam.«

Vicky klang fassungslos. »Hallo? Du hast direkt neben Adam Stone gestanden! Du hast dich mit ihm unterhalten. Mit Adam Stone! Mehr hast du nicht zu sagen? Dass es ganz nett war?«

Liz biss die Zähne zusammen, gab sich jedoch so lässig wie möglich. »Himmel, Vicky. Es waren doch nur ein paar Minuten, die wir zusammen vor der Kamera waren …«

Ihre Schwester riss die Augen auf und keuchte ungläubig. »Jeder konnte sehen, dass da zwischen euch etwas lief. Hast du nicht bemerkt, wie er dich angeglotzt hat?«

Vermutlich stammte Vicky tatsächlich von einem anderen Planeten. Wie sollte Adam Stone sie angesehen haben? Liz wusste nur, dass er vor Tausenden von Zuschauern über ihre Problemzonen gesprochen und ihr Tipps gegeben hatte, wie sie Gewicht verlieren könnte!

»Können wir bitte das Thema wechseln?«

»Warum?« Vicky griff nach dem nächsten Macaron, obwohl sie so klang, als habe sie den ersten nicht einmal zur Hälfte gekaut. »Ich könnte schwören, dass er an dir interessiert war. Habt ihr Nummern ausgetauscht?«

Liz fiel fast die Kinnlade herunter. »Hast du den Verstand verloren? Wieso sollte ich ihm meine Telefonnummer geben?«

»Um dich mit ihm zu verabreden«, erwiderte ihre Schwester, als wäre es das Normalste von der Welt, mit ehemaligen Unterwäschemodels auszugehen.

»Vicky …«

»So eine Chance hast du dir doch nicht entgehen lassen, oder? Du bist zwar etwas zurückhaltend, was heiße Dates betrifft, aber Adam Stone …«

»Adam Stone hat vor laufender Kamera meinen Po als problematisch fett bewertet«, warf Liz ein und kniff die Lippen zusammen.

Wenn sie mit Empörung gerechnet hatte, war sie bei Vicky an der falschen Stelle. Vicky tat nämlich Folgendes: Sie lachte.

»Das ist nicht komisch!«

Kichernd schüttelte ihre Schwester den Kopf. »Und ob es komisch ist! Der Mann hat keinesfalls über deine Problemzonen geredet, sondern mit dir geflirtet. Anscheinend hast du es nicht einmal bemerkt.«

»Geflirtet?«

»Aber ja!«

»Hast du nicht gesehen, wie er mich lächerlich gemacht hat?«

»Wieso soll er dich lächerlich gemacht haben? Er hat von einem Wohlfühlgewicht gesprochen und dir ganz eindeutig auf den Hintern gestarrt. In welcher Welt bedeutet das, dass dich ein Mann lächerlich macht?«

Aufgebracht schwang Liz die Beine von der Couch und stand auf, um den Teller mit den Macarons in die Küche zu tragen. Wenn Vicky sie nicht verstand und nicht auf ihrer Seite stand, konnte sie sich auch die Macarons abschminken.

Anscheinend begriff Vicky Liz’ Abgang als Aufforderung, ihr nachzukommen. Kaum war Liz in ihrer Küche angekommen und hatte damit begonnen, die Geschirrspülmaschine einzuräumen, lehnte sich Vicky gegen den Kühlschrank und stand im Weg herum.

»Ich finde, dass Adam Stone sehr sympathisch wirkte.«

»Er hat ja auch nicht deine nicht vorhandenen Problemzonen angesprochen!« Wieder presste Liz die Lippen aufeinander und kippte etwas Spülmittel in eine eingetrocknete Auflaufform.

»Es war eher so, dass diese Moderatorin mit dem Thema angefangen hat, nicht Adam.«

Liz schnaubte zur Antwort.

»Du bist vielleicht dünnhäutig!«

»Bin ich nicht!« Selbst in ihren eigenen Ohren klang Liz wie ein beleidigtes Kleinkind.

»Hey! Leg mal lieber das Messer weg, bevor du mich damit versehentlich erstichst.« Ihre Schwester deutete belustigt auf das Gemüsemesser, das Liz gerade abtrocknen wollte. »Was ist mit dir los? So kratzbürstig kenne ich dich gar nicht.«

Damit hatte Vicky tatsächlich recht. Von den beiden Schwestern war Liz immer die zurückhaltende gewesen, während Vicky schon in der Grundschule für ihr vorlautes Mundwerk bekannt gewesen war. Da ihre Schwester jedoch seit Jahren predigte, dass Liz damit anfangen müsste, selbstsicherer zu werden und sich nicht alles gefallen zu lassen, sollte sie sich nicht jetzt darüber beschweren, dass Liz kratzbürstig war.

»Ich bin nicht kratzbürstig«, widersprach sie also und hob sie Schultern. »Nur finde ich es im Gegensatz zu dir nicht besonders sympathisch, wenn mir ein Mann bei einer TV-Ausstrahlung Tipps gibt, wie ich abnehmen kann. Ich muss nicht abnehmen und ich will nicht abnehmen.« Zur Untermauerung ihres letzten Satzes schleuderte sie den Putzlappen ins Spülbecken.

Wie die Ruhe selbst entgegnete Vicky: »Meiner Meinung nach hat Adam Stone auch nicht gesagt, dass du das musst.«

»Könntest du bitte aufhören, über ihn zu reden?«

»Ich weiß gar nicht, was du willst, Schwesterherz.« Vicky öffnete den Kühlschrank und nahm den Milchkarton heraus. »Du warst im Fernsehen, sahst echt süß aus und wurdest für deine wunderbare Arbeit gelobt. Und zur Krönung des Ganzen hat ein heißes, ehemaliges Unterwäschemodel dich angesehen, als fände er dich sehr viel verlockender als die köstlichen Pralinen, die vermutlich jeder einzelne Zuschauer probieren wollte. Hast du nicht bemerkt, wie intensiv er dich angestarrt hat?«

»Vermutlich hat er mich nur deshalb so intensiv angestarrt, weil er darüber nachgedacht hat, mit welchen Übungen ich meine Problemzonen bekämpfen kann.« Betont gelassen zuckte Liz mit den Achseln. »Vielleicht läuft sein Fitnessclub nicht besonders und nun sucht er händeringend Kundschaft.«

Die Liebe ihrer Schwester kannte keine Grenzen. »Du bist bescheuert.«

»Dito.«

»Als dieser Idiot, den du beim Online-Dating kennengelernt hast, zu dir gesagt hat, dass du auf deinem Profilfoto dünner ausgesehen hast, bist du nicht derart an die Decke gegangen.«

»Er hat es ja auch nicht im Fernsehen gesagt«, hob Liz hervor und machte eine hektische Handbewegung. »Und jetzt möchte ich wirklich nicht länger darüber reden. Adam Stone ist ein Idiot. Basta.«

»Basta?«

»Ja«, beharrte Liz. »Trink nicht aus dem Karton, sondern nimm dir ein Glas, Vicky!«

»Komm mal runter«, murrte ihre Schwester. »Auch wenn du deine Tage hast, musst du mich nicht gleich anfallen.«

Liz betete um Geduld und verkniff sich eine Antwort zu ihrem aktuellen Hormonstatus. Dann holte sie tief Luft. »Und wie war dein Tag?«

»Abgesehen von der Tatsache, dass meine Schwester sich wie eine Verrückte aufführt, war mein Tag eigentlich ganz nett. Viel Arbeit, wenig Vergnügen.«

»Wie schön für dich.« Liz seufzte und hörte sich selbst sagen: »Soll ich dir ein Sandwich machen?«

Zufrieden nickte Vicky und machte einen Schritt vom Kühlschrank weg. »Mit Käse und Bacon, bitte.«

Liz ließ die Schultern nach unten fallen und öffnete den Kühlschrank.

»Wenn du nicht mit Adam Stone ausgehen willst, könnte ich dir die Nummer eines Kollegen besorgen, Schwesterherz.«

Das hatte ihr gerade noch gefehlt! Vickys letzter Verkupplungsversuch hatte damit geendet, dass Liz ihrem Date zwanzig Dollar fürs Taxi geliehen hatte und selbst zu Fuß nach Hause gegangen war. Ihre Begeisterung hielt sich daher in Grenzen.