Tata - Haylo Karres - E-Book

Tata E-Book

Haylo Karres

0,0

Beschreibung

Als Grundlage für dies Buch diente mir das Tagebuch unseres Großvaters, die Niederschrift unseres Väterchen, Erzählungen von diversen Familienmitgliedern sowie meine Erinnerungen, die entsprechend meines jeweiligen Alters ausfielen. Falls lebende Familienmitglieder an der korrekten Wiedergabe der Erzählung Anstoß nehmen sollten, so kann ich nur auf obige Nachweise verweisen und auf das von mir Erlebte, das immer nur von der eigenen Wahrnehmung ausgehen kann. Die noch lebenden Familienmitglieder wurden mit fiktiven Namen belegt.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 257

Veröffentlichungsjahr: 2014

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Haylo Karres

Tata

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorworte

Währungen in den letzten Jahrhunderten

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

Nachwort

Anmerkung

Zum Buch

Haylo Karres:

Impressum neobooks

Vorworte

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen

Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische

Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2014 Haylo Karres

Seit dem 15. Jahrhundert wird Tata im slowenischen Sprachraum als Kosewort für Vater und im Allgemeinen als Ernährer verwandt.

Währungen in den letzten Jahrhunderten

Dukaten:

Dukat oder Dukaten sind Goldmünzen, die 1284 in Venedig geprägt undab dem 14. Jahrhundert als Welthandelsmünze benutzt wurden.

Florin:

Die Stadt Florenz begann 1252 bis 1533, Florin oder auch Fiorino genannt, ihre Produktion aufzunehmen, nachdem sie den Sieg über die Konkurrentin Siena gewonnen hatte.

Diese Münze bestand aus 3,54 g Feingold.

Goldkronen:

Ist die österreich-ungarische Goldwährung von 1892 bis 1911, die als Zahlungsmittel in der k. u. k. Monarchie diente.Die Goldkrone hatte im Jahre 1990 einen Umtauschwert von 48,50 österreichischen Schilling.

Kronen:

1 Krone, auch ungarisch Korona bezeichnet, waren 100 Heller.

Mark

Die Mark, inoffiziell auch Goldmark bezeichnet, war die Rechnungseinheit des deutschen Kaiserreichs ab 1871.

Deutsche Mark

DM ist von 1948 bis 1998 die westdeutsche Währung.

Leu oder RON

1

Ich liebte meinen Tata, der liebte die Frauen und die Frauen liebten sein Geld. Tata, mein Väterchen, war zeitlebens ein Schwerenöter, Abenteurer und Lebenskünstler.

Einmal verriet er mir sein Lebensmotto, indem er mir erklärte: »Haylo«, sagte er zu mir, »man soll nicht leben, um zu arbeiten, sondern arbeiten, um zu leben.« Mit dieser Einstellung genoss er sein Leben in guten wie in schlechten Zeiten und verschmähte auch nicht die Abenteuer und Liebschaften, die sich ihm am Wegesrand boten.

Meine Mutter dagegen behauptete später, dass ihre schönsten Ehejahre in der Zeit unserer Armut lagen, in der mein Väterchen seine Abenteuer nicht finanzieren konnte. Sie war eine liebenswürdige und schöne Frau, jedem hinterhältigen Gedanken abhold, und vergötterte mein Väterchen so, dass, wenn er zu seinen Abenteuern aufbrach, die Sonne für sie unterging und bei seiner Rückkehr wieder schien.

Seit zwei Jahren trage ich mich nun mit dem Gedanken, das Leben meines Vaters zu Papier zu bringen. Denn für meine Begriffe war es ein außerordentliches. Und da ich in meinem Keller die Unterlagen, Notizen, Verträge, Pässe und Tagebücher meiner Großeltern und Eltern aufbewahre, drängt sich mir der Gedanke förmlich auf, dies Material zu verwerten, um es nicht der Vergessenheit anheimfallen zu lassen.

Ich fürchte mich jedoch davor, dass meine Fähigkeiten nicht reichen, diesen Menschen richtig zu schildern, denn als Kind ist es schwer, sich eine objektive Sichtweise über seine Eltern zu machen. Es fehlt einem der nötige Abstand und man wird Teil dieses Lebens, in das man, ohne Zutun, geboren wurde. Die Eltern stehen auf einem hohen Sockel, werden idealisiert und erst in der Pubertät kritischer betrachtet.

2

Bevor ich jedoch über meinen Tata berichte, muss ich etwas über die Entstehung und den Werdegang unseres Völkchens erzählen, aus dem unsere Sippe stammt und das uns geprägt hat.

1224 erhielten deutsche Siedler im Land Transsylvanien (Land jenseits der Wälder) die erste Reichsverleihung, den sogenannten »Goldenen Brief«, vom ungarischen König Andreas II.

Damit gab Andreas den Siedlern ihre Existenzgrundlage, die sie im Jahre 1141, als sie dem Ruf von König Geysa aus Ungarn folgten, um Transsylvanien zu besiedeln, benötigten. Diese Reichsverleihung galt jedoch nur für die vom König, auf freien Königsboden, angesiedelten Sachsen.

Zu den wichtigsten Privilegien der Siedler gehörten die freien Richter und Pfarrer, die Gerichtsbarkeit nach eigenem Gewohnheitsrecht, Zollfreiheit, freie Märkte und vererbbarer Grundbesitz.

Im Gegenzug verpflichteten sich die Kolonisten von Bauern, Handwerkern und Bergleuten, dem König einen Jahreszins zu entrichten sowie Kriegsdienst zu leisten. Aus dieser geschichtlichen Entwicklung bewohnten bis nach dem Ersten Weltkrieg nur Deutsche die siebenbürgischen Städte, mit ihrer eigenen Verwaltung, Schulen, Kirchen und Gerichtsbarkeit.

Dem Ruf der Werber folgten freiheitsliebende Menschen und Abenteurer mit dem Mut, einen Neuanfang zu wagen, Geschwister, die durch das Erbrecht benachteiligt wurden und eine Chance sahen, eigenen Grund und Boden zu erhalten, Unterdrückte der ländlichen Bevölkerung, um der Leibeigenschaft zu entrinnen, und diejenigen, die der Not durch den sprunghaften Anstieg der Bevölkerung in den Städten zu entkommen suchten. Der Weg der Werber ging über das heutige Luxemburg, Deutschland, Österreich und Ungarn bis nach Transsylvanien.

Der Siedlungsaufbau wurde, speziell im Jahre 1211, durch die zweite Einreisewelle, im Gefolge des deutschen Ritterordens angetrieben und führte zu den charakteristischen Kirchenburgen der Siebenbürger.

Der Namen Siebenbürgen wird verschiedentlich damit erklärt, dass im ungarischen Sprachgebrauch »burg« Stuhl bedeutet und das Land der Siedler in sieben Verwaltungsgebiete aufgeteilt wurde und jedes Verwaltungsgebiet einen Stuhl besaß. So erhielt dieses Gebiet den Namen Siebenbürgen (Sieben Stühle).

Die Bezeichnung Sachsen dagegen wurde das erste Mal 1206 urkundlich bezeugt durch Beamte, die alle Siedler mit der Bezeichnung Sachsen dokumentierten. So könnte man das als die Anfänge der heute bekannten Beamtenbürokratie bezeichnen. Davor nannte man die Kolonisten Hospizes (Gäste).

Siebenbürgen liegt eingebettet im Ring der Karpaten. Neben Siebenbürgen entstanden südlich und östlich der Karpaten junge lebensfähige Staaten wie 1330 die Walachei und 1359 die Moldau.

Der erste schwere Schlag, dem die Siedler ausgesetzt wurden, war der Mongolensturm von 1241 bis 1242, durch den die jungen Siedlungen fast ganz zerstört wurden und Tausende von ihnen erschlagen wurden oder in Gefangenschaft gerieten. Hundert Jahre lang fielen die Mongolen, die sich nördlich des Schwarzen Meeres in der »Goldenen Horde« zusammengeschlossen hatten, immer wieder in Siebenbürgen ein, und erst Mitte des 14. Jahrhunderts wurde die Macht dieser Horde gebrochen, worauf die Blütezeit der sächsischen Geschichte begann.

Das Handwerk und der Handel blühten und so wurden die siebenbürgischen Städte immer mehr zum kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Mittelpunkt der Siedler. Man zählte damals 19 Zünfte und 25 Gewerbe. Auch der Handel florierte, da Siebenbürgen am Ausgang der Karpatenpässe lag und die Handelswege sich vom Schwarzen Meer bis nach Westeuropa, vom Mittelmeer bis nach Polen und in das südliche Russland zogen.

Im 15. Jahrhundert entstanden in allen sächsischen Städten und Gemeinden Schulen, die in den Kirchenburgen untergebracht wurden, so dass der Unterricht auch in Zeiten der Belagerung weitergehen konnte. In dieser Zeit hatten die Türken den Balkan erobert und waren in der Walachei eingefallen. So stand das 15. Jahrhundert auch im Zeichen der Türkeneinfälle, und trotz der schweren Kämpfe konnten die Sachsen, im Schutz der Kirchenburgen, ihr Leben weiterführen.

Von außen bedroht, gelang ihnen gerade in dieser Zeit der politische Zusammenschluss aller auf dem Königsboden lebenden Sachsen, und so entstand Ende des 15. Jahrhunderts die »Nationsuniversität« als oberste politische Verwaltungsbehörde der Siedler.

1767 führte unser kleines Städtchen eine polizeiliche Kleiderordnung ein, aus der ich einige Passagen wiedergeben möchte.

»Policey-Ordnung:

… um die Hoffart und Kleiderpracht und die Unmäßigkeit der Hochzeiten und Zusammenkünften in der hiesigen Stadt, dermaßen überhandgenommen habe, dass sich unter diesem üppigen Laster die Verachtung vor der Furcht Gottes und der Bürgerlichen Spar- und Sittsamkeit ausbreite und um sich damit ein falsches Ansehen vor Anderen zu geben. Auch mit geborgtem Geld Kleider anzuschaffen, die sich von ihrem Stand gar nicht schickt.

So hat man in dessen Beherzigung von Amts wegen genötigt befunden, diesem verderblichen Übel kräftigen Einhalt zu tun und in Absicht der Erhaltung des königlichen dienbaren Standes und der Herstellung der nötigen Sparsamkeit und Ordnung, der lieben Bürgerschaft nachfolgende Kleider und Polizei Ordnung vorzuschreiben.

Und damit sich niemand der Unwissenheit entschuldige, hiermit öffentlich bekannt zu machen und jeder Zunft und Nachbarschaft ein Exemplar hinaus zu geben.

Bevor aber findet man noch für nötig zu erinnern:

Dass:

Die Weiber nach der Beschaffenheit und Klasse ihrer Männer sich richten müssen.

Alles dasjenige, was den Eltern verboten ist, auch deren Kindern verboten bleibt, sie mögen im Brot ihrer Eltern stehen oder nicht, und so lange die Kinder im ledigen Stande sind und so lange die männlichen Kinder sich in keiner Zunft eingedingt haben.

Diejenigen Bürger und Bürgerinnen, welche teusch oder ungrisch gehen, sich nach dem Regulament der Claße in welchem sie gehören, richten sollen.

Kleiderordnung:

So machen die Classe von unten aus:

Die Trabanten

Thor-Hüter

Stadt-Amts-Diener

Stadt-Reuter

Becker und Beckinnen und alle die einer Zunft angehören

Und All diejenigen, die in keiner Zunft sind

Trabanten:

Die Manns-Personen dieser Classe werden verboten zu tragen:

Ausländische breite Hüte.

Ausländisches und besseres als heimisches Tuch.

Alles andere als Futter aus Lamm-Fell.

Alles Andere als Siebenbürgen Leinen oder Zeug gemachter Unterröcke.

5–15 und so weiter.

Die Thor Hüter

Die Zwehte Claße machen aus:

Die geringste Gattung Zunfftmäßiger Bürger, die noch nie Zunfftmeister und Aeltesten, der ansehligen Zunffte, wie auch Nachbar Väter, und Ältesten, der ansehlichsten Nachbarschaft gewesen sind.

Besonders die, die noch kein Eigentum haben.

Bürger, die sich nur von geborgtem Geld ernähren.

Diesen Manns-Personen werden verboten zu tragen:

Feine ausländische und breite Hüte.

Anderes und besseres als gutes Kern Tuch, welches von allerhand Farben zu tragen erlaubt wird.

Besser als seidene metallene Knöpfe.

Besser als Vorstadt Gürtel und Stöckelschuhe und so weiter.

Dem Weiblichen Geschlächt von dieser Claße, sowohl verheiratet als ledige werden verboten zu tragen:

Besseres als grobe Nesselgarne Kopf-Tücher.

Kostbarer als mit falschen Steinen und aus Silber nachgemachten Perlen als Kopf und Nadeln Schmuck.

Werden die Mieder verboten.

Hohe Stöckelschuhe.

Ausländische feine Sommer und Winterhandschuhe und so weiter und sofort bis Punkte 15 …

Die letzte Claße gehören aller der, der löblichen Communität, ausgenommen, die zwölf Ältesten und diejenigen die potiora OFFICIA tragen und getragen haben.

Zobel Hüte.

Gold und silberne Knöpfe aber werden erlaubt.

Auch wird verboten besseres Futter als vom Fuchs Rücken, Nacken und Wamen. Und so weiter …

Dem weiblichen Geschlecht dieser Classe werden verboten:

Gold und silber-sternige Hauben.

Was die Kopf-Nadeln anbelangt, wird sich jede nach seinem Stand und Vermögen vernünftig zu bescheiden wissen.

So wird festgesetzt daß:

Weder in Märkten, noch Dörfern erlaubt sehn soll, auf eine Hochzeit, außer der Geistlichkeit, denen leiblichen Eltern, Leiblichen Geschwister, und Geschwister Kinder, derer Neuverlobten und denen der Hochzeits-Vätern, mehr als 4 Hochzeitgäste einzuladen. Deren geschworenen Männer aber wird, wenn sie eine Hochzeit geben, noch ein paar Gäste mehr, mithin 5 Paare zu rufen, gestattet einzuladen. Wer sich unterstehe hier wieder zu handlen, der soll für jedes zu viel eingeladenes Paar, 6 ungr. Gulden zur Strafe erlegen.

Speisen werden zur Hochzeit nicht mehr erlaubt, als 4 von altersher gewöhnlich Speisen wozu noch etwas gebackenes und Obst gestattet wird. Und soll im Trinken Mäßigung und Nichternheit beobachtet werden. Wer hier zu wieder handele, der soll vor jeder übermäßigen Speise, gebratenes und Gebackenes 1 ungr. Gulden zur Strafe zahlen.

Es soll auch keine Hochzeit als 2 Tage dauern, nehmlich den Copulations oder eigentlichen Hochzeitstag und den darauf folgenden Tag, welcher der Jungfrauentag gennennet wird, mit welchen zweh Tagen die Hochzeit völlig endigen soll.

An denen zweh Hochzeitstagen werden zum Tanzen nicht mehr als 6 deren geschworenen Männer, aber 7. Paar junge Leuteh verstattet. Wer mehr einlade, verfällt vor jedes Paar 1 ungr. Gulden Strafe.

Das Christen ohnanständige Schmausen, Schüssen und Rumoren in der Christnacht und Fasching bei ungr. 12 Kronen und nach Unterschied der Personen, auch harte Leibes Strafe durchaus kömmet.

Gleichwohl nun alle diese Verordnungen und alleine der Beförderung der Ehre Gottes, wie auch der Erhaltung und das Aufnehmen der Contribuenten zum Zwecke haben, so versiehet man sich von Jedermann, den solche angehen, einer vollkommenen Befolgung. Solle sich aber, wer der auch immer sehn möge, wieder verhofen erkühnet, frech darwieder zu handeln, der kann gänzlich versichert sehn, daß ihm die obbestimmte Strafe, ohne alle Nachsicht, auferleget und von demselben, ohnnachlässig abgenommen werde. Damit aber die Uebertretung dieser Verordnung vor den Magistrat kommen und nicht unbestraft bleiben möge, müssen alle Classen von Bürgern offene Augen zu haben, dem Magistrat namentlich an zu zeigen. Im Falle dass die geschworenen Männer, Beamte, Kirchenväter, und Bürger diesem Befehl nicht Gehorsam leisteten, und dem Magistrat namentlich anzuzeigen unterließen, so sollen sie, wegen diesfälliger Nachsicht und Versäumnis 12 ungrisch Gulden ohne nachläßlich zur Strafe einbüssen.«

Unterschrieben wurde die Kleider-Ordnung von:

»Michaelem Conrad de Heydendorff

Civitates & Sedis Medienfis

Publicum Notarium

Die 27. Febr. A. 1767«

3

Nach schweren Kämpfen zwischen Habsburg und den Osmanen, die auch auf siebenbürgischem Boden ausgetragen wurden, kam es 1562 zum Frieden von Konstantinopel, bei dem Siebenbürgen unter die Herrschaft der Osmanen gelangte und erst 1867, beim Ausgleich Österreich-Ungarn, seine Unabhängigkeit verlor. Es entstand die k. u. k. Monarchie und Wien wurde die Hauptstadt Siebenbürgens.

Am Ende des Ersten Weltkrieges vergrößerte das kleine Königreich Rumänien seinen territorialen Besitzstand um mehr als das Doppelte (von 137.903 Quadratkilometer auf 295.049).

Von dem durch die Revolution geschwächten Russland nahm es sich Bessarabien, aus der Erbmasse Österreichs erhielt es durch den Vertrag von Saint-Germain die Bukovina, aus dem Besitz Ungarns durch den Vertrag von Trianon den gesamten innerkarpatischen Raum mit dem Kernstück des historischen Siebenbürgen, dem westlich davon vorgelagerten Marmarosch- und Sathmar-Gebiet sowie dem Ostteil des Banats und schließlich durch den Vertrag von Neuilly die Süd-Dobrudscha.

Im Inneren des karpatischen Raumes, der nicht alleine wegen seiner Größe, sondern mehr noch wegen der in Siebenbürgen und dem Banat vergleichsweise hochentwickelten Wirtschaft, der Zivilisation und des Kulturstandes den Hauptgewinn darstellte.

1930 ergab eine Volkszählung die vielfältige Ethnographie im Land wie folgt:

Rumänen 12.981.324 Menschen

Madjaren 1.425.507

Deutsche 760.687

Juden 728.115

Ukrainer 582.116

Russen 409.150

Bulgaren 366.384

Türken, Tataren

und Gagausen 282.663

Zigeuner 262.501

Serben, Kroaten

und Slowenen 51.062

Sonstiges wie:

Tschechen, Polen,

Slowaken, Griechen 222.786

Nach dieser Aufstellung zählten die Rumänen in manchen Gebieten zu der Minderheit der Bevölkerung, speziell vor dem Ersten Weltkrieg.

Als Grundprinzip für die Gestaltung des neuen rumänischen Staates wurde verkündet:

»Die volle nationale Freiheit für alle mit wohnenden Völker.

Jedes Volk wird den Unterricht, die Verwaltung und die Rechtsprechung in seiner eigenen Sprache durch Personen aus seiner Mitte erhalten, und jedes Volk wird das Recht der Vertretung in den gesetzgebenden Körperschaften und in der Regierung im Verhältnis zur Zahl seiner Volksangehörigkeit haben.« (Quelle: Gazeta Oficiale Nr. 3 v. 31.12.1918)

Im Nachhinein waren diese Beschlüsse das Papier nicht wert, auf dem sie standen, denn schon nach kurzer Zeit tauchten an öffentlichen Gebäuden, hauptsächlich in den Gebieten der Minderheiten, Schilder mit der Aufschrift auf: »Sprecht rumänisch«. Selbst das Schulwesen der Nationalitäten wurden immer mehr eingeengt, zum Teil sogar bis hin zur Verstaatlichung im Zuge der Romanisierung, und die Parole »Rumänien den Rumänen« gehörte zum rhetorischen Repertoire.

4

Mein Tata war ein schöner Mann. Groß, stattlich, wohlgebaut, und auch der Reichtum seiner Familie taten seinem Ansehen keinen Abbruch.

Später, als Erwachsener, sollte ich feststellen, dass mein Tata immer und überall ein gern gesehener Gast war, der mit seinen skurrilen Erzählungen, die meist von liebenswürdigen Niederlagen handelten, die Zuhörer in seinen Bann schlug. So erzählte er mir einmal, als ich ihn auf seinem Altersruhesitz besuchte und wir am See entlangwanderten:

»Stell dir vor«, sagte er und eine gewisse Empörung schwang in seiner Stimme mit, »in der Gaststätte Meierhöfe will man mir den großen Saal für meine Geburtstagsfeier nicht geben.«

»Und«, fragte ich ihn, »was hast du ihnen geantwortet?«

»Ich habe gedroht, dass ich nie wieder ihr Lokal betreten werde.«

»Und, hat es gewirkt?«

»Nein.«

»Und jetzt«, fragte ich neugierig weiter, »wirst du dich an deine Drohung halten und dies wunderbare Lokal nicht mehr besuchen?«

»I wo«, erklärte er mir gelassen, »ich werde mich doch nicht selbst bestrafen.«

Als ich bereits meinen gottähnlichen Mann kennen und schätzen gelernt hatte, baten wir eines Tages mein Väterchen zu uns nach Hause. Wir hätten einen wunderbaren Wein gefunden, berichteten wir ihm, den wir mit ihm genießen wollten. Nach einem Glas des köstlichen Tropfens stand mein Väterchen auf und verabschiedete sich mit den Worten, er müsste jetzt nach Hause. Erstaunt begleiteten wir ihn zu seinem Wagen. Zurück im Haus fanden wir unseren Wein nicht mehr.

»Tata«, fragte ich telefonisch bei ihm nach, »weißt du, wo wir den Wein hingestellt haben? Wir können ihn nirgends finden.«

»Ja«, antwortete Tata, »ich habe ihn mitgenommen. Der Wein ist viel zu gut, dass wir ihn zu dritt teilen.«

Laut seinen Aufzeichnungen müssen bereits meine Großeltern ihre liebe Not mit seiner Erziehung gehabt haben, denn Tata berichtete in seinen Aufzeichnungen: »Als Kind habe ich einmal meiner Mutter Geld aus ihrer Börse stibitzt, um mir einen großen Dampfer zu kaufen, den ich in der Auslage eines Geschäftes gesehen hatte. In unserem kleinen Städtchen machte mein Einkauf schnell die Runde, und als mein Vater (mein Großvater, Otata genannt, der ob seiner Wichtigkeit in unserem kleinen Städtchen den Spitznamen »Kaiser« erhielt) davon erfuhr, rief er mich ins Wohnzimmer, wo er mich zur Rede stellte. ›Geh in den Garten und hole einen Stock‹, befahl mir mein Vater nach der Aussprache. Ich kam mit einem kleinen Zweiglein zurück«, erzählte er. Noch zwei Mal habe ihn sein Vater in den Garten geschickt, stets mit dem Befehl einen größeren Stock zu holen, »und als mein Vater meinte, der Stock sei nun groß genug, da erhielt ich die Tracht Prügel, die ich auch jetzt nach 70 Jahren nicht vergessen habe«.

Später, wenn mein Tata als Junggeselle von irgendwelchen Reisen nach Hause kam, sollen seine Mutter Mitzi sowie die Angestellten beim Auspacken seines Gepäcks jedes Mal verwundert festgestellt haben, dass von den vielen mitgenommenen bestickten Leinennachthemden nur ein Bruchteil zurückkam. Tata verriet uns später, dass alle seine Freundinnen, mit denen er auf seinen Reisen die Nächte verbracht habe, diese als Trophäen behalten hätten.

5

1911 kam mein Tata als viertes von fünf Kindern zur Welt. Er wurde in eine wohlhabende, bodenständige und weitverzweigte, siebenbürgische Handwerksfamilie hineingeboren.

Vor dem Ersten Weltkrieg konnte die Familie aus einem kleinen Gerber-Handwerksbetrieb ein Lederimperium aufbauen, das weltweite Beziehungen, bis nach Übersee, unterhielt. Unter anderem versorgte unsere Lederfabrik die österreich-ungarische Armee mit Stiefeln und Lederwesten, so dass das Kriegsministerium seinerzeit beschloss, als sich im Ersten Weltkrieg die Kriegsfront unserem kleinen Städtchen näherte, unsere Fabrik in sicheres Gefilde umzusiedeln. So erhielt eines Tages die Familie vom ungarischen Kriegsministerium den Befehl, die Lederfabrik abzubauen, auf Züge zu verladen und die Produktion in Ungarn wieder aufzunehmen. Da war mein Tata noch ein Knirps von sechs Jahren.

Als nach Monaten sich die Kriegsfront von unserem Städtchen fortbewegte, ließ mein Großvater die Fabrik in Ungarn wieder abbauen und verfrachtete diese auf Schienen, zurück zu ihrem Ursprungsort.

Nach dem Ersten Weltkrieg folgte, bei den Verlierern, eine tiefe Rezession. Die hohen Reparationsabgaben für die Siegermächte konnten nur mit Mühen aufgebracht werden und so zog auch bei den Siebenbürgern, die als Reichsdeutsche an der Seite des Königs gekämpft hatten, die Hungersnot und das Elend ein. Diese Not sollte auch der Wegbereiter für den Aufstieg Hitlers werden, wobei auch in Siebenbürgen das Hitlerregime viele Anhänger fand und unser Völkchen politisch spaltete.

Trotz Weltwirtschaftskrise konnte in dieser Zeit unsere Familie ihre Lederfabrik weiter ausbauen und so kam 1936 eine eigene Eisenbahn dazu, liebevoll Mariechen genannt. Ein Elektrizitätswerk folgte, das nicht nur Strom für die Fabrikation erzeugte, sondern auch in der Lage war, den Überschuss der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Mein Großvater ließ Werkswohnungen bauen, richtete eine Kantine sowie einen ärztlichen Firmendienst ein, der nicht nur den Mitarbeitern, sondern auch deren hilfsbedürftigen Familienmitgliedern zur Verfügung stand.

In den folgenden Jahren beteiligte sich unsere Familie an weiteren großen Industriebetrieben. Wobei die Lederfabrik in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde. Die Aktien blieben im Familienbesitz und jeder konnte seine eigenen Anteile erwerben.

1918 fing für meinen siebenjährigen Tata die Schulzeit an, die laut seiner Erinnerung geprägt wurde durch den Respekt der Lehrer zu seinem Vater. Er erhielt zwar immer gute Noten, die jedoch seine schulischen Leistungen nicht im Geringsten widerspiegelten. Sehr zum Nachteil seines Wissensstandes, schrieb Tata selbstkritisch in seinen Aufzeichnungen. Die siebenbürgischen Schulen genossen zur damaligen Zeit einen guten Ruf, so dass die besser gestellten Familien von Ungarn, Rumänen und Juden ihre Kinder in die siebenbürgischen deutschen Schulen schickten, wobei nicht nur die Schulen multikulturell bestückt wurden, auch die sonstige Bevölkerungsvielzahl wie Draker, Zekler, Walachen, Ungarn, Juden, Rumänen, Zigeuner, Deutsche und andere, die jahrhundertelang ein friedliches Miteinander pflegten, wo jeder die Andersartigkeit des Einzelnen respektierte.

So wuchs mein Tata multikulturell auf und lernte früh Toleranz üben, was ihm und uns Kindern später zugutekommen sollte. Abgeschieden von der großen Weltgeschichte, behütet im Schoß der Familie, erreichte er im 15. Lebensalter das Gymnasium.

Weil die Siebenbürger zwar Schulen und Gymnasien, jedoch keine Universität besaßen, erzählte Tata, habe es sich auf ihrem Gymnasium eingebürgert, dass sie in den drei Oberklassen die Bräuche der deutschen Studenten übernahmen und bis auf die Mensur auch ausübten. Die drei letzten Gymnasialklassen wurden somit im sogenannten Cötus zusammengefasst, in dem die Schüler aus den obersten Klassen die Herren waren, die mittleren einfache Mitglieder und die untersten die Füchse, die den Herren zu dienen hatten.

Die Mitglieder des Cötus trafen sich regelmäßig zu Zusammenkünften, besaßen einen Ehrenkodex, der streng eingehalten werden musste, sowie eine Blaskapelle. Geleitet wurde der Cötus von einem Präfekten.

Als mein Tata in die oberste Klasse einzog, wurde auch er zum Präfekten gewählt und verbrachte so die letzten Jahre seiner Schulzeit in diesem Glanze. Dies hob zwar sein Ansehen, schrieb er, aber gewiss nicht sein Wissen, denn bei der Abschlussprüfung bestand er zwar diejenige des deutschen Gymnasiums, jedoch nicht die staatliche Abschlussprüfung, das sogenannte Bakkalaureat, das alleine zum Besuch der Universität berechtigte.

Als im Sommer, nach Tatas Reifeprüfung, sein Vater beschloss, seine beiden ältesten Söhne das Gerberhandwerk erlernen zu lassen, damit sie später den elterlichen Betrieb übernehmen konnten, zog mein Tata am ersten Arbeitstag ein weißes Hemd an, band sich eine Krawatte um und meldete sich im Büro seines Vaters.

»Draußen vor der Türe steht ein Besen«, beschied ihm sein Vater. »Damit kehrst du als Erstes den Fabrikhof«, befahl er meinem verdutzten Väterchen und schob nach: »aber fein säuberlich.«

Die Lehre sollte ein ganzes Jahr dauern, und sein Vater, mein Großvater, sorgte dafür, dass er von der Pike an die Ausbildung durchlaufen musste. In dieser Zeit schuftete er im elterlichen Betrieb, erzählte er mit einem gewissen Stolz, als Gleicher unter Gleichen und erhielt keinen Tag früher als alle anderen Lehrlinge auch von dem Gewerbeamt seine Gesellenprüfung. Diese Lehre wäre eine harte Zeit für ihn gewesen, stellte er fest, in der er jedoch Selbstdisziplin gelernt habe, und was noch wichtiger für sein späteres Leben werden sollte, dass man jede Arbeit voll und ganz zu tun habe, wenn man Erfolg haben will.

Von meinem Otata (Großvater) war vorgesehen, dass sein ältester Sohn, also der große Bruder meines Vaters, die technische Leitung und mein Tata der Kaufmann im Betrieb werden sollte. Aus diesem Grunde beschloss mein Großvater, meinem Tata eine weltmännische Erziehung angedeihen zu lassen. Zuerst sollte er in England studieren, da damals das Britische Reich tonangebend mit seinen Universitäten war. Seine Reise nach England wurde in dem kleinen siebenbürgischen Städtchen zur Sensation, denn wer war damals schon einmal in England gewesen! Schon eine Reise nach Wien galt in dieser Region als Weltreise.

Mein Großvater kannte in London den Lord Palmer. Das war einer der Präsidenten von »The Forestal Timber & Railway Co. Ltd.« (eine sehr große und einflussreiche Firma).

Diesen Lord bat nun mein Großvater, den Weg seines Sohnes in London zu betreuen, was dieser auch zusagte. Da der Lord jedoch Besseres zu tun hatte, als einen Studenten aus dem hinteren Transsylvanien zu beaufsichtigen, engagierte er einen Privatdetektiv, der meinen Tata in seiner Londoner Zeit auf Schritt und Tritt beobachtete. So war sein Vater, zu Hause in Transsylvanien, über alle Taten und Untaten seines Sohnes in England bestens informiert, was meinen Tata immer sehr wunderte.

Eines Tages, Tata hatte gerade das 18. Lebensjahr erreicht, war es so weit, dass er die weite Reise nach London antreten konnte.

Seine erste Station sollte Wien werden, in der seine verheiratete, ältere Schwester lebte. Tata, der das erste Mal eine Großstadt besuchte, stürzte sich mit seinen 18 Jahren sofort in allerlei dubiose Abenteuer. Nach einer turbulenten Woche, erzählte er, habe ihn schließlich sein Schwager aus diversen unangenehmen Situationen erlöst und ihn auf den Weg nach London gebracht. Der Weg nach London führte über Rotterdam, wo mein Väterchen hängen blieb und sich in weitere Abenteuer stürzte, aus denen er wieder nicht allein herauskam. Ein holländischer Geschäftsfreund seines Vaters half ihm und bewahrte ihn vor dem Schlimmsten, indem er ihn schleunigst nach London abschob.

In London angekommen bezog er als Erstes ein Boardinghouse, in dem ihn der Lord untergebracht hatte und in dem strenge Sitten herrschten. Am zweiten Tag meldete er sich bei der »University of Economics«, wo ihn eine ziemlich hübsche Direktrice empfing und ihn mit Wohlwollen behandelt habe. Nach seinem Zeugnis gefragt, habe er ihr sein rumänisches Reifezeugnis übergeben, in dem ausdrücklich darauf hingewiesen wurde, dass dieses Zeugnis nicht zum Studium an den Universitäten berechtigte. Da weit und breit kein Übersetzer oder Dolmetscher aufzutreiben war, der das rumänische Zeugnis der hübschen Sekretärin hätte erklären können, wies mein Tata auf gut Glück darauf hin, dass das Wort Universitate auf dem Zeugnis angeführt worden sei. Besagte hübsche Universitätsangestellte habe meinen Tata freundlich angesehen, genickt und ihm den Status eines Universitätsstudenten ausgehändigt. Für ihn sollte das ein wichtiges Dokument werden, denn auf Grund dieser Zulassung benötigte er zukünftig bei anderen Universitäten, wie in Deutschland und Österreich, keine neuen Berechtigungsnachweise.

Bei dem nun folgenden Lebenswandel meines Väterchens verwunderte es nicht, dass ihm eines Tages das Boardinghouse kündigte. Worauf ihn Lord Palmer zu sich rief und ihm eröffnete, dass sein Vater in Transsylvanien, auf Grund seines liederlichen Lebenswandel beschlossen habe, ihn in eine moralisch saubere Umgebung zu versetzen. Und zwar zum Pastor des Dorfes Harpenden, das etwa 30 km von London entfernt lag. So machte sich Tata, mit einem kleinen Köfferchen, auf den Weg nach Harpenden. Der Pfarrer und seine Haushälterin seien sehr freundliche Menschen gewesen, erzählte er, mit denen er eine lustige Woche verbracht habe. Nach dieser Woche habe der Pastor volles Verständnis aufgebracht, als Tata ihm erklärte, dass er nicht jeden Tag 30 km, nachts und bei Dunkelheit, den gefährlichen Weg von der Londoner Universität zu dem weit entfernten Harpenden nehmen könne und er sich daher nicht wundern solle, wenn er des Öfteren in London, bei Freunden, übernachten müsse. Zurück in London mietete mein Tata eine Dreizimmerwohnung und stellte eine rothaarige, rassige und willige Irin als Haushälterin ein. Anschließend kaufte er sich einen gebrauchten Wagen der Marke Morris, der damals nur zwei Bremsen auf den Hinterrädern besaß. Da all das den Monatswechsel seines Vaters überstieg, dachte er nach, wie er diese missliche Situation ändern könne. So schrieb er seinem Vater, er möge prüfen, ob ein Export der Fabrikledersohlen aus Transsylvanien nach England möglich wäre. Sein Vater, über den Geschäftssinn seines Sohnes hocherfreut, sandte ihm sofort aus der Fabrik 100 Kilo des besten Sohlenleders, das er für die Bemusterung der zukünftigen Kunden benötigen würde. Mit diesem Leder ging Tata auf die Suche nach einem Abnehmer und fand ihn auch nach längerem Suchen. Es war ein Schuster, der ihm das Leder, in der darauffolgenden Zeit, sukzessive abkaufte. Und so trug Tata jeden Monat zehn Kilo Leder zu diesem Schuster und füllte mit dem Erlös seine Finanzen auf.

Als nach kurzer Zeit die Firma Morris einen neuen Wagen mit vier Bremsen herausbrachte, wurde Tatas Wagen mit den zwei Bremsen praktisch unverkäuflich. In Anbetracht seiner jetzigen guten Finanzlage kaufte er sich einen neuen Morris mit vier Bremsen und versuchte, seinen alten Wagen, mit den zwei Bremsen, zu verkaufen.

Trotz großer Mühen wurde er den alten Morris nicht los, worauf er beschloss, den Wagen gut zu versichern und ihn in der verruchten Gegend von Soho abzustellen, in der Hoffnung, dass der Morris mit den zwei Bremsen gestohlen werde und er von der Versicherung das Geld zurückerhalten könne. Täglich habe er sich daraufhin auf den Weg nach Soho begeben, um der Versicherung endlich das gestohlene Auto melden zu können. Bei jedem Besuch habe er jedoch den Morris im alten Zustand vorgefunden. Um den Dieben auf die Sprünge zu helfen, habe er nach einiger Zeit selbst den Zündschlüssel im Wagen stecken lassen. Leider, erzählte er bekümmert, wäre ihm dieser Versicherungsschwindel nicht gelungen.

Dann meldete sich mein Väterchen in einem Boxclub an. Als sein Trainer der Ansicht war, er wäre so weit, dass er sich in einem Kampf bewähren könnte, schickte er ihn eines Tages auf die Bretter.

Ein großer, schwarzer, durchtrainierter Neger sollte sein Gegner werden, der Tata so vermöbelte, dass er sich von diesem Sport verabschiedete. Dem Zufall verdankte mein Tata, dass er in seiner Londoner Zeit zu einem großen Empfang beim Schatzkanzler Lord Duneeden eingeladen wurde. An besagtem Termin fuhr Tata, mit Cut und einer Melone bekleidet, zum Palais des Lords Duneeden, wo ihn auf dem Parkplatz eine Reihe von Rolls-Royce empfingen. Verschämt sei er zwei Straßen weiter gefahren, wo er seinen Morris abstellte und sich zu Fuß zum Empfang begab. Dort wurde er vom Zeremonienmeister mit lauter Stimme und dem Klopfen seines Stabes der hohen Gesellschaft angekündigt. Worauf die alten Ladys angefangen hätten herumzurätseln, wer er eigentlich sei und was er dort zu suchen habe. Zum Schluss hätten sie sich darauf geeinigt, dass er wohl vom Hofe des rumänischen Königs stamme, der mit dem englischen Königshaus verwandt war. Die hochpeinlichen Fragen, die darauf von den Damen über das rumänische Königshaus an ihn gestellt wurden, sollten seine höchste Geschicklichkeit verlangen.

An diesem Abend jedoch warf die Gastgeberin, Lady Duneeden, eine französische Prinzessin, etwa fünfzig Jahre alt, ein wohlwollendes Auge auf meinen Tata, wohl auch deswegen, da ihr Mann die achtzig überschritten hatte, so dass er in der nachfolgenden Zeit öfters ins Haus von Lord Duneeden eingeladen wurde. Bei diesen Einladungen, so erzählte Tata, führte der Lord oft Filme aus seiner Zeit in Indien vor, wobei er vor Ende eines jeden Filmes bereits schlief.

Natürlich gehörten zu diesem Lebensstil auch gute Freunde. So verbrachte er mit Ralf, Karl und Franz, alles Söhne begüterter Familien aus Deutschland, seine Londoner Zeit.Ihr Motto, so erzählte Tata, lautete: »If you can’t be good, be careful.«