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"Tatendrang" ist der Roman einer jungen Generation, die das vereinte Europa zu ihrer Spielwiese machen will und dabei selbst zum Spielball fragwürdiger Polit-Strategien wird. Nach dem Studium hat Hanna Fürst einen der begehrten Praktikumsplätze in der Europäischen Außenzentrale ergattert und ist fest entschlossen, diese Chance zu nutzen. Ihre "Arbeitsgruppe Zukunft", zu der auch die NGO-Aktivist*innen Lej und Jakov gehören, bekommt die Aufgabe, die friedliche Annäherung von zwei verfeindeten Nachbarstaaten am Rande Europas zu befördern. Doch Hanna verliert sich im rasanten Arbeitstempo und in der Grauzone zwischen Intrigen und Netzwerken. Sie erliegt der Faszination der charismatischen Lej, die als Einzige einen echten Plan zu haben scheint. Als Hanna, Lej und Jakov sich dagegen wehren, von einem Krieg eingeholt zu werden, der älter ist als sie, machen sie sich nicht nur die Zentrale, sondern auch die beiden Nationalstaaten zum Feind …
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Seitenzahl: 313
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Theresia Töglhofer
Roman
Der Verlag dankt für die Unterstützung
© 2024 Residenz Verlag GmbH
Salzburg – Wien
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
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Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte vorbehalten.
Keine unerlaubte Vervielfältigung!
Umschlaggestaltung: buero 8 / Thomas Kussin
Typografische Gestaltung, Satz: Lanz, Wien
Lektorat: Jessica Beer
ISBN ePub:978 3 7017 4727 6
ISBN Printausgabe:978 3 7017 1789 7
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Epilog
Danksagung
Ich weiß nicht, wer damit angefangen hat: dass man raus muss aus seiner Komfortzone. Aber das hier kann er nicht gemeint haben. Nicht wegen der Mücken, von denen es hier so viele Arten gibt wie Tage im Jahr, oder weil eines dieser Biester gerade seinen Rüssel durch die Maschen meiner Feinstrumpfhose bohrt. Auch die Schwüle lässt sich aushalten. Es ist fast Sommer und fast Nacht und von draußen dringt langsam kühlere Luft herein.
Jakov und ich stehen am Fenster und schauen dem Fluss zu, wie er sich die Sonne einverleibt. Von hier oben können wir alles gut überblicken. Den Flusslauf, der sich vor uns teilt oder vielmehr verdoppelt, die Insel fest in seine Arme nimmt. Auf der Insel die Wiese mit dem weißen Pavillondach, darunter die Stehtische, und an einem der Tische vier Männer. Ihre Köpfe sind unter der Plane verschwunden, obwohl sie längst keinen Schatten mehr spendet. Wir sehen nur die Körper in Uniformen, zwei in dunkelblauen Hemden mit Brusttaschen, die sind von der einen Seite des Flusses gekommen. Die zwei von der anderen Seite tragen hellblaue Poloshirts. Auf allen steht: Policija.
– Nicht ganz so, wie wir es geplant hatten, sagt Jakov. Ein bisschen weniger Teilnehmer.
Ich mustere ihn aus den Augenwinkeln. Falls er nervös ist, sieht man es ihm nicht an. Sein Haar ist ordentlich zur Seite gestrichen, bildet einen waagrechten Balken über seiner Stirn. Die Anzugjacke hat er den ganzen Nachmittag über nicht abgelegt. Im Grunde genommen tragen wir alle Uniform hier. Die vier Polizisten ziehen Zigaretten aus einer Packung, die reihum geht. Aus ihren Funkgeräten kommen Sprüche, als wollten sie beweisen, dass sie viel zahlreicher sind, zu beiden Seiten des Flusses, und jederzeit Verstärkung holen könnten. Dass sie uns etwas voraushaben, denn Handyempfang gibt es hier keinen. Unsere einzige Verbindung zur Außenwelt ist dieses Fenster. Jakov wollte die Eingangstür vernageln, doch der Hammer war nicht in der Werkzeugkiste. Ich habe ihm nicht gesagt, dass Lej ihn in der Handtasche hat. Jakov ist ohnehin nicht gut auf Lej zu sprechen. Stattdessen haben wir die Palette mit den Dosenravioli vor die Tür geschoben, eine in Plastikfolie und Aluminium eingeschweißte Barrikade aus Teigtaschen. Es wird sie nicht davon abhalten, hereinzukommen, aber zumindest werden wir es hören.
– Was machen sie da unten?, frage ich.
– Sie überlegen sich einen Grund, uns zu verhaften.
– Zum Beispiel?
– Zum Beispiel illegaler Grenzübertritt.
– Das letzte Mal war hier noch keine Grenze.
Jakov zuckt mit den Schultern. Früher, behauptet er, hätten sie uns einfach so mitgenommen. Sie sind professioneller geworden. Ich weiß nicht, ob ich das beruhigend finde.
Jakov tritt an den alten Werkstattschrank, der an der Wand steht. Er öffnet eine Schublade nach der anderen, leert den Inhalt auf den Boden: Gaskartuschen, Gaffaband, Zahnpasta, Nähzubehör, Tampons, eine Sternenkarte. Eine Batterie rollt über den Steinboden auf die Wendeltreppe, fällt, ich zähle, ein, zwei Sekunden, bevor sie unten aufprallt. Jakov zieht sein Smartphone aus der Innentasche des Sakkos, beleuchtet den Haufen vor sich, vergewissert sich, dass er nichts übersehen hat, bevor er weiter die Schubladen umdreht. Das Taschenmesser ist in der vorletzten Lade. Prüfend klappt er die Klinge auf und zu. Dann verschwindet er über die Wendeltreppe, nimmt die Stufen so rasant, als wäre er hier zu Hause.
Ich stütze die Arme auf den Fenstersims. Draußen wehrt sich die Sonne gegen das Untergehen. Sie spiegelt sich auf der Wasseroberfläche, will aus der halben Kugel wieder eine ganze machen. Aber es ist klar, wie das ausgehen wird. Der Fluss beherrscht alles hier. Wenn er nach dem Regen anschwillt, tritt er über die Ufer, überschwemmt den Wald, bis den Rothirschen das Wasser bis zum Bauch geht. Der Fluss nimmt seinen Lauf, wie es ihm passt, sucht sich neue Wege, ohne jemals seine Komfortzone zu verlassen. Das Land, das ihn umgibt, ist längst kein festes mehr. Immer weiter speichelt er es ein, frisst es an den Rändern an, sodass man nichts daraus machen kann außer einen Naturpark. Ich seufze. Es hätte nicht geschadet, schon früher einen Überblick zu haben. Bevor Devoretzkys Gesicht heute diesen Ausdruck annahm. Es lag Verwunderung darin. Mittlerweile kenne ich meinen Chef gut genug, um zu wissen, dass er sich nicht gerne wundert. Vielleicht hätte ich nicht gehen sollen, hätte mir nicht einreden sollen, ich würde nicht mehr gebraucht. Ich hätte versuchen sollen, die Sache zu erklären, auch wenn er von Menschen umringt war, die eine Erklärung von ihm verlangten.
Neben mir stellt Jakov eine Dose Ravioli auf den Fenstersims, legt zwei Bambusgabeln daneben. Er drückt den Schnabel des Taschenmessers in das Metall, dreht die Konserve in kleinen, ruckartigen Bewegungen, bis der Deckel plötzlich nachgibt, in der Tomatensauce untergeht, und Jakov sich beim Versuch, ihn herauszuziehen, den Finger an den scharfen Rändern schneidet.
– Jebi ga!
Er flucht in seiner Muttersprache, drückt mir eine Gabel in die Hand. Ich schüttle den Kopf. Er besteht darauf, dass ich essen muss, egal, ob ich Hunger habe. Ich sehe ein, dass es vernünftig wäre. Dass ich mir ein First world problem in einem Schwellenland, oder genau genommen: zwischen zwei Schwellenländern, nicht leisten kann. Aber wenn ich Jakov sehe, habe ich auch Lej vor mir, wie sie die Zuckertaste auf dem Kaffeeautomaten bis zum Anschlag drückt. Lej, die auf der Suche nach dem Autoschlüssel den Hammer zur Seite schiebt, das unentbehrliche Accessoire in der gut sortierten Damenhandtasche. Jakov spießt ein Ravioli auf und hält es mir vors Gesicht. Bevor mir die Sauce auf die Bluse tropfen kann, schließe ich den Mund um die Gabel.
– Aufgewärmt schmecken sie besser, sagt er entschuldigend.
Eigentlich sollten wir gerade dort unten zu Abend essen. Stattdessen belagern die Polizisten den Pavillon, melden etwas in ihre Funkgeräte. An den Blautönen ihrer Uniformhemden sind sie in der Dämmerung kaum noch zu unterscheiden.
– Egal, was passiert, sagt Jakov, du verstehst die Sprache nicht.
– Ich verstehe die Sprache nicht, versichere ich ihm.
– Ich meine, du verstehst kein Wort von dem, was sie sagen. Am besten sprichst du Deutsch mit ihnen.
– Glaubst du, sie können Deutsch?
– Nein. Aber sie werden dich gut behandeln.
Trotzdem beneide ich Jakov darum, dass er von seiner eigenen Polizei in seiner eigenen Sprache festgenommen werden wird. Das ist doch irgendwie besser.
– Zeig nur deinen Pass. Und deinen Mitarbeiterausweis, hast du ihn bei dir?
Ich ziehe das Schlüsselband aus der Tasche, hänge mir den Ausweis um den Hals. Hanna Fürst. Europäische Außenzentrale. Der gelbe Sternenkreis, daneben das Foto vom ersten Tag, mein blasses Gesicht auf tiefblauem Hintergrund, ein Lächeln, das ausufert wie der Fluss.
– Der Fischer, sagt Jakov.
– László?
– Du kennst ihn nicht.
– Wie sind wir dann hierhergekommen?
– Wir sind geschwommen.
– Das glauben sie uns nie.
– Das macht nichts.
Ich nicke, aber Jakov überzeugt das nicht.
– Du wirst ihn doch nicht verraten?
– Natürlich nicht.
Tatsächlich habe ich keine Ahnung, was ich verraten werde und was nicht, weil ich noch nie verhört und auch noch nie festgenommen wurde. Ich habe Angst, dass sie mir wehtun. Angst, mich blöd anzustellen, wenn wir abgeführt werden, zu stolpern, die Treppen hinunterzufallen oder schlimmer noch, ohnmächtig zu werden, bevor überhaupt jemand Hand an mich legt. Dass Jakov oder die Polizisten mich seufzend in die stabile Seitenlage rollen müssen. Jakov stochert in den Ravioli, erpresst mich noch einmal mit der triefenden Tomatensauce.
– Tu nichts Unüberlegtes, sagt er.
Ich schüttle den Kopf. Der Rat kommt zu spät.
Vier Monate früher
Als ich die Zentrale durch die gläserne Drehtür betrat, musste ich an das denken, was Madame Lélan gesagt hatte. Wir sollten alles vergessen, was wir je über Praktika gehört hatten. Zum Beispiel, dass es darum ginge, einen Fuß in die Tür zu bekommen. Heute hatte so gut wie jede Organisation eine Drehtür am Haupteingang. Und wenn wir da den Fuß reinhielten, würde er zermalmt.
Vor mir tat sich die Eingangshalle auf, hoch, hell und kristallen. Ich kannte die Bilder aus den Abendnachrichten: die Glaswände, die in Zapfen abfielen wie ein gefrorener Wasserfall. Das Mosaik aus Keramikplatten verschiedener Farben, Formen und Größen, vor dem sich die Korrespondenten positionierten und das sich aus jedem Blickwinkel zu den Umrissen des Kontinents zusammenfügte. An den Menschen, die die Halle querten, fiel mir als Erstes ihre Geradlinigkeit auf. Es war nicht nur ihr Gang, sondern es waren auch ihre Scheitel, die Schnitte ihrer Anzüge, Kostüme und Mäntel. Plötzlich hatte ich das Gefühl, nicht stören zu wollen.
Ich drehte eine Runde in der Tür, strich mir das Haar hinter die Ohren, kontrollierte den Kragen meiner Bluse. Es wäre normal, hatte Madame Lélan in ihrem Karriere-Atelier gesagt, wenn wir uns das nicht zutrauten, besonders, wenn wir eine Frau waren. Wir durften es uns nur nicht anmerken lassen. Ich drehte eine zweite Runde. Nun sah ich auch die großen, roten Lettern über den Schaltern blinken: Young Professionals – WELCOME! Vor ihnen zog sich eine lange Menschenschlange durch die Halle, in kräftigeren Farben, knittrigeren Stoffen. In der dritten Runde befiel mich Schwindel, die Drehtür spuckte mich in das Gebäudeinnere aus. Auch jetzt, da sie nicht mehr das Tempo meiner Schritte bestimmte, war Stehenbleiben das Letzte, was ich wollte. Ich hielt auf die Schlange zu, trat in die Wolke aus Stimmen und Sprachen ein, die die Wartenden umhüllte.
– Hanna!
Cécile musste noch einmal rufen, bis ich sie entdeckte. Sie stand weiter vorne, neben ihr Andrej. Ich seufzte, lächelte, ging auf die beiden zu. Ein Arm schnellte aus der Reihe.
– Wie wär’s mit hinten anstellen?
Ich sah auf die weiße Manschette, die von einem blattgoldbesprenkelten Knopf zusammengehalten wurde. Bei dieser Konzentration an High Potentials war immer einer dabei, der sich das nicht gefallen ließ. Ich holte Luft, wollte entgegnen, dass ich mit meinen Kollegen etwas Wichtiges zu besprechen hatte, wichtig und dringend. Nur dass ich beim besten Willen nicht wusste, was das sein sollte. Fast zwei Jahre hatten Cécile, Andrej und ich in demselben Studiengang an der Inter-Euro-Universität verbracht und waren dennoch über eine Begrüßung nie hinausgekommen. Dann waren wir stets an anderen Enden des Tisches zu sitzen gekommen oder an anderen Tischen. Bis wir uns im Global Order-Wettbewerb in einem Team wiedergefunden und, zur allgemeinen Überraschung, den Wettbewerb gewonnen hatten. Der Preis waren drei Plätze im Young Professional-Programm der Europäischen Außenzentrale. Cécile trat aus der Schlange, hob beide Arme mit der Autorität einer Fluglotsin.
– Sie gehört zu uns!
Der High Potential gab den Weg frei.
– Schickes Kleid!, begrüßte mich Cécile.
Ich folgte ihrem Blick, der an mir herunterglitt. Fischgrät war wieder in Mode, hatte mir die Verkäuferin versichert.
– Ich hätte dich fast nicht erkannt, sagte Andrej.
Spätestens seit dem Global Order-Wettbewerb, als ich in Jeans und Turnschuhen am Verhandlungstisch gesessen war, war mir klar geworden, dass ich etwas zum Anziehen brauchte. Etwas, das nicht dafür stand, wer ich war, sondern dafür, wer ich sein würde.
– In welcher Abteilung bist du?, fragte Cécile.
– EUROPER.
EUROPER war die Abkürzung für Europe périphérique. Das klang besser als Randeuropa. EUROPER, das waren jene Länder, die in Europa lagen und auch wieder nicht. Wo man an der Grenze einen Reisepass brauchte und Geduld. Wo man den Krieg nicht nur aus Dokus kannte.
– Spannend, sagte Cécile.
– Spannend ist doch nur ein Synonym für am Arsch!
Andrej durfte das sagen, er stammte selbst aus EUROPER. Aus welchem Land genau, wusste ich nicht, und er erweckte nicht den Eindruck, dass er danach gefragt werden wollte. Andrej war im Studiengang nicht wirklich aufgefallen. Er kam im Anzug in die Seminare, aber da war er nicht der Einzige. Sein Haar war kurz geschoren, sodass es keinerlei Ablenkung von seinem Gesicht bot. Auch dort gab es nichts, woran man sich festhalten konnte, kein Muttermal, keine Asymmetrien, keine schlampige Rasur. Mit ernster Miene hatte er Referate zu schnellen Eingreiftruppen und strategischer Autonomie gehalten. Hier in der Zentrale war er dem Krisen- und Konfliktzentrum zugeteilt. Cécile selbst war in keiner Abteilung. Sie war im Kabinett des Generaldirektors, dem alle Abteilungen zuarbeiteten. Dort liefen die Fäden zusammen, wurden Entscheidungen getroffen und anderswo getroffene Entscheidungen abgesegnet.
– Ich möchte wissen, wie sie das gemacht hat, murmelte Andrej, während sie vor uns an den freigewordenen Schalter trat.
Ich zuckte mit den Schultern. Cécile hatte uns einfach viel voraus. Es begann damit, dass sie auf einem Transatlantik-Flug zur Welt gekommen war. Als Geburtsort stand Ponta Delgada in ihren zwei Reisepässen, weil die Maschine gerade das Hoheitsgebiet der Azoren überflogen hatte und man schlecht American Airways, Sitzreihe 3 A-C hinschreiben konnte. Sie hatte eine Muttersprache mit Erst- und eine Vatersprache mit Letztsilbenbetonung, die sie sauber auseinanderhielt, und viele Orte, die sie ein Zuhause nannte.
Andrej hatte es eilig, an den nächsten freien Schalter zu kommen. Erleichtert blieb ich in der Schlange zurück. Seine bloße Anwesenheit gab mir das Gefühl, etwas falsch zu machen. Das war bei dem Global Order-Wettbewerb nicht anders gewesen. Die besten Ideen waren Cécile und mir erst gekommen, als er sich abends an die Bar verabschiedet hatte. Ich legte den Kopf in den Nacken. Was symbolisiert der Sternenhimmel in der Eingangshalle der Europäischen Außenzentrale und von wem stammt diese Kunstinstallation? Ich hatte mich auf die Frage vorbereitet, hatte mir eingeprägt, dass der Nachthimmel an die dunklen Stunden des Kontinents erinnerte, durchbrochen von den Sternen der europäischen Einheit. Dass jeder von ihnen für einen der Gründerväter stand, die uns leuchtende Vorbilder sein sollten, während das Netz, das sie verband, das Ineinanderverwobensein unserer Schicksale verdeutlichte. Bei dem Vorstellungsgespräch, das eine Mitarbeiterin der Zentrale am Telefon mit mir geführt hatte, war es jedoch mehr um down to earth-Fragen gegangen: Ob ich wusste, was die neue Regionale Kooperationsstrategie war. Ob ich schon mal eine Logical Framework-Matrix erstellt hatte. Sie hatte sich nach den Ferienlagern erkundigt, die ich betreut hatte, nach Konfliktsituationen und wie wir sie gelöst hatten. Von hinten tippte mir jemand auf die Schulter.
– Du bist dran!
– Willkommen in der Europäischen Außenzentrale!
Der Mitarbeiter am Schalter nahm, ohne aufzusehen, meinen Reisepass entgegen. An seine Brusttasche war ein Schild in der Form einer Sprechblase geklemmt: Hello, my name is … stand darauf in einer fröhlich verschnörkelten Schrift, der Platz darunter war leer. Er tippte etwas in den Computer, sah abwechselnd auf meinen Pass und auf den Bildschirm, schüttelte den Kopf, tippte noch einmal. Dass es vielleicht doch ein Irrtum war, sagte ich mir, und jemand anderer längst an meiner Stelle. Dass ich, egal, was Cécile behauptete, nicht hierhergehörte. Ich war in dem Binnenland aufgewachsen, in dem ich geboren war, in dem meine Eltern geboren waren, ich war nicht einmal zweisprachig. Dort hatte ich beschlossen, die Journalistenschule zu besuchen, bis ich herausgefunden haben würde, was ich wirklich wollte. Von der Inter-Euro-Universität hatte ich in einem Flyer erfahren, der in der Umkleidekabine der Schwimmhalle auf dem Boden klebte. Später hatte ich herausgefunden, dass meine Bewerbung in die Internationalisierungsphase der Inter-Euro gefallen war, und da brauchte sie mich, brauchte alle, die man glaubwürdig in einen Jahrgang stecken konnte, der sich Globus nannte. Ich hatte keine Praktika und keine Sommerschulen absolviert. Stattdessen hatte ich Ferienlager betreut, nicht ehrenamtlich, sondern weil es gut bezahlt war. Und bei dem Global Order-Wettbewerb war mein eigentliches Team in der Vorrunde ausgeschieden. Ich war lediglich in einem anderen Team für Kostas eingesprungen, weil er nicht gewusst hatte, dass das Frühstücksmüsli Walnüsse enthielt, und weil sich herumgesprochen hatte, dass ich gut darin war, Informationen auszugraben, die sich nicht auf den Seiten eins bis drei der Google-Suche fanden. Vielleicht war es besser, wenn bereits jetzt herauskam, was ich längst ahnte: dass das alles ein großes Missverständnis war. Ich würde zur Centraal-Station fahren, meinen Koffer aus dem Schließfach holen und von dort – der Mann am Schalter ließ den Zeigefinger schwer auf die Entertaste fallen, der Drucker spuckte Papier. Mit demselben schweren Finger malte er einen Halbkreis an die Scheibe, darüber zwei Punkte. Ich nickte, verwirrt über den Smiley mit dem tiefen Lächeln, verstand erst, als er ihm noch einmal mit dem Finger zwei Augen an die Scheibe tupfte, dass es sich um ein Ü handelte. Lediglich zwei kleine Punkte in meinem Nachnamen waren das Problem gewesen.
Nun fehlte nur mehr das Foto für den Mitarbeiterausweis. Ich tat einen Schritt nach links vor das Kameraauge. Für ein kompetentes Lächeln, so hatte Madame Lélan es uns beigebracht, mussten wir das richtige Maß an Lippenspannung finden. Es musste vertrauenswürdig sein, aber nicht verschwörerisch; aufrichtig, aber nicht überbordend; ernstzunehmen, aber nicht humorlos. Das Geheimnis lag darin, nie die Kontrolle über unser Gesicht aufzugeben.
– Nicht wahr, Hanna?, hatte Madame Lélan gefragt.
Ich hatte mich vom Anblick der Baumkronen losgerissen, die den Garten der Inter-Euro überdachten, und den Platz am Fenster fortan gemieden.
Cécile und Andrej warteten vor dem Mosaik.
– Lass sehen!
Sie griff nach dem Ausweis, der an einem blauen Band um meinen Hals baumelte, drehte ihn um.
– Ist gut geworden.
Ich müsse darauf achten, ermahnte sie mich, ihn nicht verkehrt herum zu tragen, denn auf der Rückseite stand gut sichtbar: YP. Young Professional. Das war der Praktikanten-code. YP bedeutete, dass man gleich wieder weg sein würde. Und das musste ja nicht jeder wissen.
– Also ich habe nicht vor, gleich wieder weg zu sein, sagte Andrej.
– Es gibt nur fünfzehn Plätze, erwiderte Cécile.
Wir hatten einen Arbeitsvertrag für vier Monate, mit Option auf Verlängerung. Gehalt und Krankenversicherung gab es ab dem fünften. Allerdings übernahm die Zentrale nur die Besten von uns, sodass von den 500 Young Professionals fünfzehn übrigblieben.
– Es kann eben nicht jeder hier arbeiten, sagte Andrej.
Cécile hob mahnend den Zeigefinger in Richtung Deckeninstallation.
– Wir müssen zusammenhalten. Wir sind jetzt eine Schicksalsgemeinschaft.
Die Schalter schlossen nach und nach. Die Wolke aus Stimmen und Sprachen hatte sich vor die kleine Bühne verlagert, die im hinteren Teil der Halle aufgebaut war. Wir passierten einen langgezogenen Tisch, an dem die Freiwilligen des Welcome Committee Sekt ausschenkten. Cécile wählte die am großzügigsten befüllten Becher und reichte sie uns weiter. Auf dem Podium räusperte sich eine Frau ins Mikrofon. Sie trug einen schwarzen Hosenanzug, der ihren Körper weder betonte noch versteckte. Das aschblonde Haar hatte sie seitlich zu einem Zopf geflochten, wie es ihr Markenzeichen war. Margot Hellström. Sie stellte sich vor, obwohl sie das nicht nötig hatte. Ihr Porträt hing in der Aula der Inter-Euro: Absolventin des Jahres 1995. Darauf war das gefolgt, was Madame Lélan eine steile Karriere nannte. Überall, wo sie hinkam, war sie die erste Frau an der Spitze, bis sie schließlich die erste Frau an der Spitze des Krisen- und Konfliktzentrums war. Wir sahen sie in den Abendnachrichten Statements abgeben. Ihre Artikel waren Pflichtlektüre in den Seminaren für Peacebuilding und Peacekeeping. Die Abkommen, deren Paragrafen wir auswendig lernten, hatte sie verhandelt. Jetzt stand sie vor uns auf der Bühne, auch sie hatte einen Sektbecher in der Hand, und sprach über Drehtüren.
– Nicht schon wieder, stöhnte Cécile.
Es gebe insgesamt 500 von uns, fuhr Hellström fort, die wir vier Monate lang Europa in der Welt vertreten würden. Vier Monate, das seien achtzehn Wochen, das seien 121 Tage.
– Ich glaube, sie mag Zahlen, sagte Andrej.
– Eines kann ich Ihnen jetzt schon versprechen: Kein Tag wird wie der andere sein.
Wir stießen an. Lautlos berührten sich die Ränder aus Hartplastik. Ich spürte, wie der Sekt sich warm in meinem Bauch ausbreitete.
– Es freut uns besonders, verkündete Hellström, dass auch das Verhandlungsteam unter uns ist, das die diesjährigen Global Order-Meisterschaften gewonnen und den Grenzstreit in EUROPER gelöst hat – nun, zumindest auf dem Papier. Ich darf die drei jetzt auf die Bühne bitten.
– Scheiße, sagte Andrej.
– Na los, sagte Cécile.
Wir bahnten uns den Weg nach vorne. Andrej war der Verhandlungsführer gewesen. Er durfte als Erster auf die Bühne steigen, die Urkunde und den großen Blumenstrauß entgegennehmen. Hundert Konflikte dieser Welt waren bei dem Global Order-Wettbewerb im Lostopf gewesen und Cécile hatte ausgerechnet den Grenzstreit in EUROPER herausgezogen. Ein Fluss, der seinen Lauf verändert hatte, sodass niemand mehr wusste, wo die Grenze verlief. Andrej hatte diskret versucht, unseren Konflikt mit der Nachbargruppe zu tauschen.
– Spinnst du, hatte Cécile geflüstert, was willst du denn mit dem Südpazifik?
– Alles ist besser als EUROPER.
Cécile hatte widersprochen. Ein unbekannter Fall erhöhte unsere Chancen.
– Was ist jetzt?, hatte es vom Nebentisch herübergezischt.
Die Dringlichkeit, mit der die Nachbargruppe ihren Konflikt loswerden wollte, hatte schließlich auch Andrej misstrauisch gestimmt.
– Meinetwegen, hatte er zu Cécile gesagt. Aber nur, wenn ich den Lead übernehmen darf.
Damit hatte sie sich nicht abfinden wollen. Sie hatte auf einem Schere-Stein-Papier-Duell bestanden und, nachdem sie die ersten drei Durchgänge verloren hatte, eine zweite Runde eingefordert. Da hatte ich geahnt, dass ich diesmal im richtigen Team gelandet war.
Das Abkommen, das wir vorgeschlagen hatten, sah vor, dass die beiden Länder das neue Wasserkraftwerk kollektiv betrieben, gemeinsam an der Landgrenze Patrouillen abhielten und den Schiffsverkehr auf dem Grenzfluss kontrollierten. Hellström fragte Andrej, wie wir auf solch einen durchdachten Plan gekommen waren. Er antwortete: Teamwork. Es gab Applaus, ein Sektbecher flog auf die Bühne und erwischte ihn an der Schulter. Hellström sagte, dass man so keine Probleme löste, und wünschte alles Gute.
Auf dem Podium übernahm die Vorsitzende des Welcome Committee. Wir sollten keine Zeit verlieren, sagte sie, und gleich an die Arbeit gehen. Unsere Mentoren würden uns hier in der Halle abholen. Damit es ihnen leichter fiel, uns zu finden, sollten wir uns in einer lebendigen Landkarte je nach unseren Zuteilungen aufstellen. Hier vorne, wo die Bühne stand, war Brüssel, dort hinten bei den Aufzügen die Antarktis. Das Stimmengewirr hob wieder an. In der Halle herrschte Aufbruchsstimmung. Cécile wurde im Büro des Generaldirektors erwartet. Sie ging direkt zu den Aufzügen, bestieg eine der Kabinen, die entlang der Wasserfallwände hinaufglitten und durch die Decke zu den oberen Stockwerken entschwanden. Auch Andrej brauchte sich nirgends auf der Landkarte zu verorten. Das Krisen- und Konfliktzentrum beschäftigte sich mit allen Weltregionen. Er blieb vor der Bühne stehen, wo Hellström ihm ihren Mantel über den Unterarm legte. Ich machte mich auf den Weg in Richtung Südosten, bis ich vor einem großgewachsenen, blassen Young Professional zu stehen kam.
– Hier ist der Kaukasus.
Ich wendete, ging über das Schwarze Meer und das Balkangebirge auf drei Kolleginnen zu.
– Wir sind Mittelmeer.
Ich korrigierte meine Position, trat ein paar Schritte zurück aufs Festland. Von Süden her eilte eine Frau auf mich zu. Sie trug eine Brille mit dickem honiggelbem Rand, wie es gerade in Mode war, ein Jäckchen mit Paisleymuster und dem Schild am Revers: Hello, my name is … CARLA! Wir mussten abrupt stehenbleiben, um nicht zusammenzustoßen.
– Du musst Hanna sein! Mr Devoretzky freut sich darauf, dich kennenzulernen.
Devoretzky war mein zukünftiger Chef, der Abteilungsleiter von EUROPER, und Carla seine Stellvertreterin. Ich drückte ihre Hand, vielleicht etwas zu fest. Ein sicheres Auftreten bedeutete nicht nur, dass wir auf Absätzen gehen konnten, hatte Madame Lélan gesagt. Wir würden schnell lernen müssen, schneller als die anderen. Zunächst aber mussten wir alles vergessen, was wir zu wissen glaubten. Zum Beispiel, dass eine Karriere kein Sprint war, sondern ein Marathon. Tatsächlich würde jeder ernst zu nehmende Marathonläufer Sprint trainieren.
Hellström, gefolgt von Andrej, durchmaß die lebendige Landkarte in Richtung Drehtür.
– Wir haben einen Wagen, rief sie uns im Vorbeigehen zu, wollt ihr mit?
– Nein, danke!, sagte Carla bestimmt.
Sie wandte sich mir zu und schlug einen Ton an, der besser mit dem Paisleymuster harmonierte.
– Du kommst genau richtig. Heute Abend verabschieden wir die Regionale Kooperationsstrategie.
– Wurde die nicht schon letzte Woche –
Ich stockte, war mir plötzlich nicht mehr sicher. Carla nickte.
– Heute verabschieden wir sie noch einmal.
Sie lächelte genau so, wie Madame Lélan versucht hatte, es uns beizubringen.
– Und jetzt schnell! Wir müssen vor Hellström am Flughafen sein.
Für Dienstreisen nahmen wir eigentlich den Zug, erklärte Carla. Für die Fahrt nach EUROPER war das aber keine Option. Es lag nicht in dem guten Zugeuropa, mit Hochgeschwindigkeitsstrecken und ohne Grenzkontrollen, sondern inmitten jenes anderen, in dem es sich umgekehrt verhielt, und der Festakt begann in vier Stunden. Daher nahmen wir nur den Zug zum Flughafen.
Es passte mir nicht, dass wir die Zentrale so schnell wieder verließen. Jetzt, wo ich es einmal hineingeschafft hatte, wollte ich die Glasstege austesten, mit eigenen Augen sehen, ob sie wirklich so schwindelerregend waren, wie man sich erzählte, und die Innenarchitektur so verschachtelt, dass Besuchergruppen spurlos verschwanden. Ich war, nach einer Nacht im Liegewagen, in der mich abwechselnd die Schienen in den Schlaf gerattert und die Schnarchgeräusche der Mitreisenden wieder geweckt hatten, gerade erst angekommen, da sollten wir schon wieder aufbrechen. Ich versuchte mir meine Irritation nicht anmerken zu lassen, die Verbindung zwischen meinen Gedanken und meinem Gesicht zu kappen, wie Madame Lélan es uns empfohlen hatte. Schließlich war Flexibilität kein optionaler Soft Skill. Sie wurde vorausgesetzt wie Englisch-Kenntnisse und die Beherrschung des Zehn-Finger-Systems.
Wir trafen Devoretzky vor der Sicherheitskontrolle. Er kam von einer Geberkonferenz für das neue Wasserkraftwerk, das am Grenzfluss entstehen sollte. Dennoch wirkte er erholt, wie man es von einem Mann zwischen zwei Dienstreisen nicht erwartete. In seinem Gesicht hielten sich Ernst und Freundlichkeit, Offenheit und Zurückhaltung die Waage. Er zog den Gürtel aus den Schlaufen seiner Hose, warf ihn in eines der grauen Plastikkistchen. Carla legte eine dunkelblaue Ledermappe dazu.
– Deine Rede.
– Hat Paul sie umgeschrieben?
– Er ist nicht dazu gekommen.
– Ist er krank?
– Heute ist der erste März.
– Stimmt, den Ersten haben wir schon wieder!
Devoretzky schien mich erst jetzt zu bemerken.
– Das ist Hanna, sagte Carla.
Auch wenn Andrej mich dafür bedauerte: Ich hatte die Abteilung EUROPER in der Interessensbekundung, die wir ausfüllen mussten, als erste Wahl angegeben, und um meinem Wunsch Nachdruck zu verleihen, auch als zweite und als dritte. Es war eine Sache, ins Young Professional-Programm der Zentrale aufgenommen zu werden, aber eine andere Frage, wo in der Zentrale man landete: im Kabinett wie Cécile oder beim Protokoll, wo man tagein, tagaus nur an Sitzordnungen und der richtigen Aufstellung für ein Gruppenfoto tüftelte. Das war wichtig, es konnte einen Weltkrieg verhindern, hatte Madame Lélan gesagt. Dennoch mussten wir es scheuen wie der Teufel das Weihwasser, denn wir brauchten ein Sprungbrett für unsere Karriere und keine Grabplatte. Schlimmer als im Protokoll war es nur, im Infozentrum zu landen, wofür mich die Journalistenschule quasi prädestinierte. Um diesem Schicksal zu entrinnen, hatte ich alles auf eine Karte gesetzt: 1. EUROPER, 2. EUROPER, 3. EUROPER. Drei Tage später hatte Carla mir geantwortet und ein Telefon-Interview vorgeschlagen.
– Hanna, wiederholte Devoretzky.
Er sprach meinen Namen einwandfrei aus, machte keine Hänna und keine ’Anna auf Letztsilbenbetonung aus mir.
– Woher?, fragte er und bückte sich, um seine Schuhbänder aufzuschnüren.
– Graz, sagte ich.
Streng genommen kam ich aus Graz-Umgebung, aber das Wesentliche an Graz-Umgebung war schließlich Graz. Umgebung war der Speckgürtel rund um die Stadt, aus der meine Eltern vor dem Feinstaub geflüchtet waren, um ihn fortan mit den Autos, mit denen sie zur Arbeit pendelten, selbst auszustoßen.
– Hanna kommt von der Inter-Euro, fügte Carla hinzu.
Devoretzky nickte, sichtlich zufrieden, und ging auf Socken vor uns durch die Sicherheitskontrolle.
Hellström und Andrej saßen schon am Gate. Ohne den bunten Blumenstrauß auf Andrejs Knien wären sie unter den Geschäftsreisenden, die auf den Flug warteten, nicht weiter aufgefallen. Mit dem seitwärts geflochtenen Zopf, den sie bereits auf dem Absolventenfoto der Inter-Euro trug, wirkte Hellström geradezu unscheinbar. Ich dachte, dass sie die richtige Art von Prominenz besaß. Sie war nicht berühmt, die wenigsten hätten sie überhaupt erkannt. Sie konnte unbehelligt in den Supermarkt gehen, auch wenn sie bestimmt jemanden hatte, der das für sie erledigte. Dennoch hatte sie Entscheidungen getroffen, die das Leben von Millionen von Menschen veränderten.
– Schon wieder EUROPER, rief Hellström aus, als sie uns erblickte. Wieso machen wir keinen gemeinsamen Festakt?
Das hatten wir versucht, erwiderte Carla. Aber die beiden Regierungen hatten es bevorzugt, die neue Kooperationsstrategie getrennt voneinander zu verabschieden.
– Wozu haben wir diese Kooperationsstrategie überhaupt, wenn sie nichts voneinander wissen wollen?
– Eben deswegen, beharrte Carla.
Auf Hellströms Gesicht flackerte dieselbe Ungeduld auf, die sie auch als Absolventin des Jahres 1995 in die Aula der Inter-Euro ausstrahlte.
– Diese vielen Besuche! Man könnte meinen, wir hätten nichts Besseres zu tun.
– Mit dem Wasserkraftwerk geht es jedenfalls voran, sagte Devoretzky.
– Wir haben einen Plan entwickelt, brachte Andrej sich ins Spiel, wie das Kraftwerk kollektiv betrieben werden kann. Den lasse ich Ihnen gerne zukommen.
Was sollte das? Devoretzky war mein Chef. Und den Plan hatten Cécile und ich entwickelt, während Andrej behauptet hatte, dass er keine 24 Stunden halten würde. Devoretzky quittierte das Angebot mit einem Nicken. Er betrachtete uns wohlwollend, aber etwas ratlos, wie zwei Welpen, die Teil einer Geburtstagsüberraschung waren.
– Sind die Neuen schon gebrieft?
– Noch nicht.
Carla sah sich um, taxierte stirnrunzelnd die anderen Passagiere. Schließlich zeigte sie auf die Kinderecke. Dort stand ein begehbares Flugzeug aus Holz und Plexiglas, vielmehr lag es auf dem Bauch, als hätte es eine Bruchlandung hinter sich. Mit eingezogenem Kopf folgten wir ihr in das Innere der Spielzeugmaschine, entlang der Sitzreihen in Kindergröße und der Sauerstoffmasken, die von der Decke baumelten, nach vorne ins Cockpit.
– Ihr beide kennt euch?, fragte sie.
– Wir haben zusammen studiert, sagte Andrej.
Er schien die Vergangenheitsform zu bevorzugen. Dabei hatten wir unser Diplom noch nicht in der Tasche. Das Praxissemester war unser letztes, und für den Abschluss fehlte uns nur noch das Empfehlungsschreiben aus der Zentrale.
Carla strich Kekskrümel von der Sitzfläche, schwang sich auf den Platz des Piloten. Andrej und ich teilten uns den Copilotensitz, zwischen uns die Schnittblumenstängel, die verhinderten, dass unsere Oberschenkel sich berührten. Es roch säuerlich, nach Orangensaft oder nachlässig aufgewischtem Erbrochenen, vielleicht erbrochenem Orangensaft. Trotzdem zog Carla die Tür zu, die das Cockpit vorschriftsmäßig von der Kabine abtrennte. Die Plexiglasscheiben schepperten.
– Hier sind wir ungestört.
Mit einem Klicken öffnete sie ihre Aktentasche, zog zwei dicke Skripten daraus hervor. Eines bekam Andrej, das andere ich. Länderinformation stand mittig auf dem Deckblatt, darunter kleiner: Zur internen Verwendung! Ich schlug die erste Seite auf:
Staatsform: Republik
Einwohnerzahl: 7,1 Millionen
Fläche: 77 000 Quadratkilometer
Klima: kontinental, kalte Winter, heiße feuchte Sommer mit ausgeglichener Niederschlagsverteilung
Wasserwege: 587 Kilometer
Küstenlinie: 0 Kilometer (Binnenstaat)
– Bevor es losgeht, ein paar Hinweise. Auch wenn ich davon ausgehe, dass sie nicht nötig sind.
Ich erwiderte ihr Lächeln, Andrej spannte kurz einen Mundwinkel.
– Wir sind nicht als Privatpersonen hier. Wir vertreten die Europäische Außenzentrale, im Grunde vertreten wir Europa. Dementsprechend verhalten wir uns auch. Kennt ihr die Drei A-Regel?
Andrej nickte vorsichtig, um sich nicht an der Decke zu stoßen, ich etwas deutlicher. Ich verließ mich darauf, dass er, im Gegensatz zu mir, die Drei-A-Regel wirklich kannte, aber Carla erwartete keine Antwort.
– Achtung, Augenhöhe, Abstand. So treten wir unseren Partnern gegenüber. Achtung und Augenhöhe sind selbsterklärend. Aber den richtigen Abstand hinzubekommen, das ist ein schwieriger Spagat.
Neben mir stöhnte Andrej leise, als würde ihm in der Enge des Cockpits der Gedanke an den Spagat umso mehr zusetzen.
– Wir müssen auf Tuchfühlung mit dem Terrain gehen. Wir müssen Fragen stellen, viele Fragen. Es ist wichtig, dass wir über die Umstände vor Ort informiert sind. Aber wir formulieren unsere Fragen allgemein. Wir werden nicht persönlich, das heißt, wir fragen niemanden, woher er kommt, wo er hingehört, an wen oder was er glaubt.
Über den Honigrand ihrer Brille warf sie uns einen halb prüfenden, halb verbündeten Blick zu. Beides, die Brille und der Blick, standen ihr ausgezeichnet.
– Umgekehrt gibt es auch viele Einzelheiten über uns, die unsere Partner nichts angehen. Wir sagen nicht, aus welchem Land wir kommen, seit wann oder wie lange wir für die Zentrale arbeiten, wie unsere Aufgaben verteilt sind. Wenn wir nach unserer Meinung gefragt werden, geben wir das wieder, was in unseren Positionspapieren steht. Wir sagen das, was alle, die nicht zu bequem dafür sind, im Internet nachlesen können. Wenn ihr jetzt bitte Seite 184 aufschlagt.
Andrej und ich blätterten.
– Es ist eine Liste der Begriffe, die wir nicht in den Mund nehmen. Am besten lernt ihr sie auswendig.
Wir beugten uns über das Papier.
Grenze
Grenzziehung
Grenzfluss, Flusslauf
Volksgruppe, Nationalität
Krieg
Zerfallskrieg, Verteidigungskrieg, Heimatkrieg, Bürgerkrieg etc.
ethnische Säuberung
Vermisste
Minderheiten (ethnisch, religiös, sexuell)
Minderheitenrechte
gemeinsame Sprache
Volkszählung
…
Eine Hand schlug gegen das Plexiglas. Draußen stand eine Stewardess und gestikulierte in Richtung des Flugsteigs, wo die letzten Passagiere ihre Bordkarten gegen den Scanner hielten. Erleichtert räumten Andrej und ich die klebrige Kanzel.
– Moment!
Carla schwenkte unseren Blumenstrauß.
– Den hättet ihr fast vergessen.
Der Fahrer erwartete uns in der Ankunftshalle des Flughafens. Er hielt das Schild mit unseren Namen so hoch, dass ihm das weiße Hemd jeden Moment aus der Anzughose zu rutschen drohte. Als er uns auf sich zukommen sah, straffte sich sein Gesicht zu einem Lächeln. Vor der Halle parkten zwei schwarze Mercedes mit getönten Scheiben, wie nur der Staat und die Mafia sie fuhren. Devoretzky ließ sich die Tür aufhalten, nahm auf der Rückbank hinter dem Beifahrersitz Platz. Das musste so sein, hatte uns Madame Lélan erklärt, es war der sicherste Ort im Wagen. Carla wartete nicht darauf, dass der Fahrer ihr zu Hilfe kam, und stieg vorne ein. Ich folgte ihm auf die andere Seite und setzte mich auf die Rückbank zu Devoretzky. Der zweite Wagen war für das Krisen- und Konfliktzentrum, das von Hellström und nun auch von Andrej vertreten wurde, bestimmt.
Wir fuhren auf die Autobahn. Der Fahrer wechselte sogleich auf die zweite Spur, um den Lastwagen auf der ersten zu überholen. Der Asphalt war glatt und der Motor leise, sodass es sich gar nicht anfühlte, als würden wir uns bewegen, sondern als würde stattdessen die Vorstadt an uns vorbeiziehen. Zur Linken Lagerhallen, ein umzäuntes Areal, auf dem Schrottautos nach Farben sortiert geparkt waren, eine aufgelassene Fabrik, durch deren Fensterrahmen Bäume wuchsen. Zur Rechten eine Lärmschutzwand. Darauf waren großformatige Bilder gedruckt, die für die Schönheit des Landes warben. Frauen in goldbestickten Gewändern, ein Junge, der auf einer kunstvoll geschnitzten Holzflöte blies, Festungsmauern, dazwischen Naturansichten: ein Gebirgsbach stürzte eine Schlucht hinunter, Mohnfelder bis zum Horizont, schließlich ein ruhigerer Fluss, der sich wie ein breites Band durch die Tiefebene zog. Devoretzky streifte sie mit einem flüchtigen Blick, bevor er sich wieder über die Mappe mit dem blauen Ledereinband beugte. Er bewegte die Lippen, ohne einen Laut von sich zu geben, unterstrich einzelne Wörter auf dem mit doppeltem Zeilenabstand bedruckten Papier.
Zur Fahrerseite wurde die Industrie von Plattenbauten abgelöst, an denen, wie überdimensionierte Vogelnester, Satellitenschüsseln und Klimaanlagen hingen. Auf der Beifahrerseite tauchten dieselben Wohnblöcke auf, doch mussten sie einen neuen Anstrich bekommen haben, ein strahlendes Himmelblau, die oberen Stockwerke schmückten weiße Wölkchen. Je näher wir dem Stadtzentrum kamen, desto enger rückten die Gebäude an die Straße heran. Auf der einen Seite Altbauten, die Fassaden bröckelig und schmutzig von den Abgasen, auf der anderen moderne Glaswürfel. Darin tippten junge Menschen, wie sie heute Morgen auch mit uns in der Schlange stehen hätten können, in Sitzsäcke eingesunken auf ihren Laptops.
Wir hielten vor dem Hotel International. Der Chauffeur sprang als Erster aus dem Wagen, umrundete die Motorhaube im Laufschritt, um Devoretzky die Tür aufzuhalten. Neben uns kam der zweite Mercedes zum Stehen, hinter dessen verdunkelten Scheiben man Hellström und Andrej nur vermuten konnte. Schon am Eingang begannen
