Tauben und Raben - Tessa Hofmann - E-Book

Tauben und Raben E-Book

Tessa Hofmann

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Beschreibung

Irland im sechsten Jahrhundert: Der alte, von Druiden und gelehrten Dichtern getragene, nur mündlich überlieferte Glaube weicht dem Christentum. Den neuen Glauben prägen wesentlich die "zwölf Apostel Irlands", unter ihnen Colum. Als Häuptlingssohn Crimthann gehört er zum Stammesverband der mächtigen O'Neill. Getauft und in Klöstern erzogen, wird er zu Columcille, der "Taube der Kirche". Doch der Name täuscht über den durchaus streitbaren Charakter des Heiligen und seinen politischen Einfluss hinweg: Im ersten Copyright-Streit der europäischen Kulturgeschichte kämpft Colum für den Besitz seiner unerlaubten Abschrift. Die Reue über die vielen Toten dieses Kampfes treibt ihn um 563 ins selbstgewählte Exil auf der Hebrideninsel Iona. Sie wird zu einem führenden Zentrum des keltischen Christentums. Der historisch-biografische Roman schildert das Leben und Wirken Columcilles aus seiner Sicht und der seiner Verwandten, Lehrer, Diener sowie der Druidin Badb, mit aller gebotenen dichterischen Freiheit: Denn in der Welt Colums ist nichts, wie es zu sein scheint ...

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Seitenzahl: 362

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Do chum gloire De, agus onora na hÉirean - zum Ruhme Gottes und für Irlands Ehre!

(Columcille zugeschrieben)

Inhalt

Anrufung

ERSTER TEIL: IN ÉRIU

Erstes Kapitel: Ethne

Zweites Kapitel: Colum

Drittes Kapitel: Die Lehrer

Viertes Kapitel: Liber transgressionis I

Fünftes Kapitel: Liber transgressionis II

Sechstes Kapitel: Diarmait

Siebtes Kapitel: Von Glasnevin nach Daire Calgaich

Achtes Kapitel: Axal

Neuntes Kapitel: Colums Rückkehr

Zehntes Kapitel: Tara

Elftes Kapitel: Cúl Dreimne – Die Schlacht um das Buch

Zwölftes Kapitel: Tailtiu

ZWEITER TEIL: ALBA

Erstes Kapitel: Peregrinatio

Zweites Kapitel: Die Mission

Drittes Kapitel: Wardans Ankunft

Viertes Kapitel: Wardans Bericht

Fünftes Kapitel: Prophezeiungen

Sechstes Kapitel: Axal

Siebtes Kapitel: Druim Cett

Achtes Kapitel: Heimkehr

Neuntes Kapitel: Israil

NACHREDEN

Erste Nachrede: Adomnán von Iona und Raphoe

Zweite Nachrede: Manus O’Donnell

PERSONAE DRAMATIS

Anrufung

Zwölf Stühle, ein Tisch, und darauf eine Karte von der Nordhälfte Irlands nebst den Äußeren Hebriden. Vier Kerzen entsprechend den Himmelsrichtungen. Mitternacht. Die Autorin entzündet die Kerzen, setzt sich an die Stirnseite des Tisches und beginnt mit der Anrufung:

Autorin: Ihr Geister dieser Geschichte, verleiht mir …

Stühlerücken. Auftritt der Musen Clio und Kalliope.

Clio: Wie könnten wir, die ewig zerstrittenen Schwestern, dir helfen?

Kalliope: Ja, Streit ist unvermeidlich. Denn meine Wahrheit steht höher als deine, wie sich auch hier bald zeigen wird. Worum geht es eigentlich?

Autorin: Ein historischer Roman zu einem schon mehrfach behandelten Thema. Irland und Schottland, sechstes Jahrhundert. Mit Abstechern in die folgenden eintausend Jahre.

Clio: Beim Zeus! Kein leichtes Unterfangen. Hat sich nicht schon jemand darüber ausgelassen?

Adomnán und Manus einstimmig: Wir!

Kalliope: Wer sind diese Männer?

Adomnán, tritt vor: Adomnán von Iona und Raphoe, Gelehrter, entfernter Verwandter des Protagonisten der von mir in Latein verfassten Vita und sein Nachfolger in der Abtswürde auf Iona.

Kalliope: Kann jemand mal auf der Karte zeigen, wo jenes Eiland liegt? Danke. Ach ja, ganz am Westrand von Schottland. Und so winzig! Doch man hat schon begrenztere Handlungsorte gesehen. Und auf diesen soll sich das Werk wohl nicht beschränken? Gut denn. Wer ist der andere Vorgänger-Autor?

Manus: Manus O’Donnell, Häuptling der O’Donnell von Tyrconnell, heute als Donegal bekannt. Erste Hälfte 16. Jahrhundert und ein noch entfernterer Verwandter des heiligen Columba von Iona.

Colum: Darf ich als Betroffener auch mal etwas äußern? Diese beiden Herren haben mir, unter dem Vorwand der Blutsverwandtschaft und Landsmannschaft, im Eigeninteresse allerhand angedichtet. Der verehrte Adomnán machte mich in seiner Vita zu einem bedeutenden, doch sterbenslangweiligen Heiligen. Ja, und Manus übertrieb es tausend Jahre später noch stärker: Bei ihm stehe ich beinahe gleichrangig neben Christus, ein nordirischer Heiland, ein Superdruide, noch dazu aus seinem Stamm. Das klingt nach Blasphemie. Dabei hat mich Rom nie kanonisiert! (Haut verärgert mit der Faust auf den Tisch).

Clio: Wenn wir aus der Geschichte und Literatur alles streichen, was nicht den Segen Roms erhielt, stünden wir arm da. Das Werk von Manus ist nicht uninteressant, zeigt es doch erste Ansätze zu einem historischen Roman.

Colum: Oder zu einer ethnographischen Anthologie? Manus hat die Folklore unserer geliebten Heimat gehörig geplündert.

Manus: Dir und Gott zum Ruhme, wie ich so oft in meinem Werk betont habe, geliebter Colum! Die Menschen besitzen nun einmal das unstillbare Bedürfnis nach Anbetung und fragen nicht nach geschichtlicher Stimmigkeit. Je schlimmer die Lage, umso fantastischer die Geschichten. Bist nicht du selbst auf dem Königstreffen von Druim Cett mit dem Schiedsspruch vor König Aed getreten: ‘Und da die ganze Welt nichts als ein Märlein ist, erwirb dir lieber das beständige Märchen als das von flücht’ger Dauer?’ Adomnán und ich haben dich zu einer populären Kunstfigur gemacht, von der selbst 1400 Jahre nach deinem Tod noch immer die Rede ist.

Kalliope gibt zu bedenken: Gerade unter dem Gesichtspunkt der Literaturfähigkeit rührt Colum aber an einen wunden Punkt: Zuviel Heiligkeit wirkt heutzutage peinlich.

Colum: Ich habe voraussehend, wie ich veranlagt bin, dieses Problem erkannt und darum etliche Zeitzeugen mitgebracht, die bisher stets verschwiegen oder nur am Rande erwähnt wurden. Diskrete Leute eben, aber jetzt sollen sie endlich korrigierend in diese Erzählung eingreifen und mich vom Ballast übermäßiger Heiligkeit befreien. Ich möchte der Reihenfolge nach vorstellen: Ethne, meine Mutter (sie erhebt sich und verbeugt sich stumm), meinen geistlichen Ziehvater Cruithnechán, meine verehrten Lehrer Finnian und Gemmán, sodann meinen treuen Diener Diarmait, den Adomnán und Manus nie richtig zu Wort kommen ließen, und schließlich die Druidin Badb …

Clio: Sind die gelehrten Erzieher nicht reichlich überrepräsentiert? Aber das entspricht wohl Colums Zeit?

Finnian: Colum hat, entgegen seiner sonstigen schroffen Direktheit, zu erwähnen vergessen, dass ich nicht nur sein Erzieher, sondern auch sein Widersacher war.

Colum: Keineswegs der einzige, wie ich mir schmeicheln darf, aber hier als Antagonist von einzigartiger Bedeutung. Im Übrigen warst du auch nicht der einzige, Finnian, der zu meiner Ausbildung beigetragen hat …

Clio: Die Einzelheiten klären wir später. Aber ist da nicht noch jemand?

Colum: Ich vergaß, euch Axal vorzustellen, meinen Schutzengel. Von ihm hat ja bereits Manus berichtet. Trotzdem finde ich Axal aus verständlichen Gründen immer wieder unverzichtbar.

Kalliope: Zumindest literarisch. In unserem Gewerbe nennt man das einen deus ex machina. Und wie ich höre, sind Engel wieder in Mode gekommen. Erstaunlich, aber wahr! Ich könnte zahlreiche Beispiele nennen …

Badb: Ein andermal. Jetzt drängt die Zeit, bald schlägt es eins. Ich kenne mich aus mit der Magie. Wir sollten endlich der Autorin unsere Gastgeschenke überreichen. Hier, von mir eine Rabenfeder, aufgelesen am heiligen Berg Ararat. Schreibt besser als jeder Gänsekiel, von den Federn des übrigen Geflügels ganz zu schweigen (blickt sehr anzüglich auf Axal) und ist ein gutes Gegenmittel gegen übertriebene Heiligkeit.

Clio und Kalliope, ausnahmsweise einvernehmlich: Von uns empfange den Musenkuss! Er ist zwar flüchtig, aber herzlich gemeint.

Ethne: Und von mir einen selbstgesponnenen roten Faden. Den wirst du dringend brauchen, um deinen zerfransten Stoff zu schürzen.

Adomnán und Manus: Unsere Bücher kennst du ja. Trotzdem wären wir dankbar, wenn du uns abschließend nochmals das Wort erteilst.

Colum: Und ich erteile dir meinen Segen. Doch nur unter der Bedingung, dass ich trotz des umfangreichen Personals die Hauptperson bleibe. Außerdem will ich diesmal ein Mann aus Fleisch und Blut sein.

Badb, mit liebevollem Augenzwinkern: Aber Colum, das bist du doch für alle hier Versammelten stets gewesen!

ERSTER TEIL: IN ÉRIU

Erstes Kapitel: Ethne

» … es wird ein Schwert durch deine Seele dringen …« (Lukas 2, 34)

Am Ende kehren wir zu den Anfängen zurück. Jungen Zugvögeln gleichen dann unsere Gedanken und Wünsche, die im Frühjahr des Lebens voller Kraft und Ungeduld in weite Ferne vorstoßen. Im Herbst kehren sie ermattet als blasse Erinnerung zurück. In den langen Frostnächten dieses Winters aber, in denen selbst der Wind erfriert, werden sie zu Gespenstern, denen ich nicht länger ausweichen will. Ich meide darum die abendliche Zusammenkunft der Einwohner von Ráth Cnó. Sie gilt dem Geschichtenerzähler, der vorgestern eintraf. Nun, nachdem er einen ganzen Tag geruht und sich in der Schwitzhütte gereinigt hat, arbeitet er Speise und Unterkunft durch haarsträubende Geschichten ab. Mit etwas Geschick kann er sein Garn noch bis Maria Lichtmess spinnen. Dann sind die Härten des Winters überwunden, und er wird fortziehen.

Vermutlich kenne ich ohnehin alle seine Märlein auswendig. Nachlassende Neugier und Verdruss an Wiederholungen sind gewisse Anzeichen des Alters. In der gleichförmigen Stille meiner Einsamkeit will ich selbst eine Geschichte erzählen, eine alte Geschichte. Sie handelt von Ethne, die den Beinamen Taebfhoda trägt: Ethne mit der langen Flanke. Und ich erzähle diese Geschichte nur dir, meinem Erstgeborenen, der mir in so frühem Alter genommen wurde, dass ich nie Gelegenheit fand, dir meine Geschichte vollständig zu erzählen. Inzwischen hindert mich die Gicht, die meine Finger zu Klauen gekrümmt hat, sogar am Schreiben. Ich hoffe, dass es zutrifft, was man dir nachsagt: dass du auch über weite Entfernungen in den Herzen und Gedanken von Menschen zu lesen vermagst. Lies also, mein Sohn:

Meine Eltern haben mir nie verraten, warum sie mich Ethne nannten. Unsere Sippe, die Uí Bairrche, gehört zwar zu denen, die als erste den neuen Glauben annahmen, wie ihn Ibar in unserer Gegend predigte. Vielleicht aber wollten sich meine Eltern trotz des Taufsakraments, das uns für immer an Christus bindet, bei den alten Göttern rückversichern. Denn Ethne ist mächtig in ihrer Welt, ist sie doch Tochter und Mutter eines Gottes sowie Gattin legendärer Könige. Derartige Auszeichnungen schienen mir trotz der Namensgleichheit nicht in die Wiege gelegt.

Zwar stand mein Vater Dimma ebenfalls im Rang eines Sippenoberhaupts und rühmte sich Cathair Mórs, des großen Herrschers von Laigin, als fernem Ahn, aber die königliche Abstammung erwies sich angesichts der daraus abgeleiteten Pflichten eher als Fluch. Kleinkönige wie meinen Vater gab es im ganzen Land in schnell wachsender Zahl. Der Besitz unserer Familie unterschied sich kaum von dem eines freien Bauern mit mittlerem Gehöft. In ihren Gebeten flehten darum meine Eltern die heilige Dreifaltigkeit inbrünstig um Schutz vor den Launen der Natur an. Denn jede Missernte, jede Viehseuche waren eine Bedrohung für uns, zumal man von meinem Vater bei derartigen Heimsuchungen erwartete, dass er alle Schwachen und Armen, Kranken und Alten der ganzen Sippe bis zur nächsten Ernte unterstützte und dass er Reisende und Gäste aus königlichen Häusern bei sich aufnahm. Denn dies sind die Pflichten von Familien vornehmer Abstammung. Mein Vater erfüllte sie, aber unsere eigenen Vorräte schmolzen dahin. In manchen Jahren waren die Frauen meiner Familie gezwungen, sich selbst statt der Ochsen ins Joch zu spannen, um die Erde für die Aussaat aufzubrechen. Die stets im Hintergrund wie ein hungriger Wolf lauernde Not brachte es mit sich, dass auch ich früh wie ein Sohn schuftete und vielfältigere Tätigkeiten erlernte, als es für Töchter meines Standes üblich war. Man hätte mich Ethne mit den starken Händen nennen sollen.

Damals allerdings konnte ich zum Glück noch keine Vergleiche ziehen. Die Arbeit fesselte uns an den Hof und das Land meines Vaters, nur der Kirchgang bot Abwechslung, zumal der Pfarrer uns Kinder nach der Messe im Lesen der Bibel unterwies: Ein Zugeständnis an unsere vornehme Herkunft, die uns im Alltag wenig nutzte. Die Arbeit und der Mangel drückten meinen Kopf fest herunter. Ich sah nur auf das Gras und in die Gegenwart, ich blickte nie in die Ferne und träumte kaum von der Zukunft. Ohnedies verläuft ein Frauenleben in festen Bahnen, wie du, der du doch so gründlich in den Rechtstraditionen unterwiesen wurdest, wohl weißt: Nicht wir Frauen, sondern unsere Väter, Brüder, Söhne fällen die Entscheidungen für und über uns, getreu dem Gesetz: »Für eine Frau ist ihr Vater verantwortlich, solange sie Mädchen ist, ihr Ehemann, wenn sie verheiratet ist, ihre Söhne, wenn sie zur Witwe wird. Besitzt sie keinen anderen Vormund, entscheidet ihre Sippe über sie. Und falls sie Nonne ist, liegt ihr Schicksal in der Hand der Kirche.«

Als ich etwa zwölf Jahre alt geworden war, lehrte mich die Mutter meiner Mutter das Weben. Zur allgemeinen Freude erwies ich mich bei dieser Arbeit als so geschickt, dass mir mein Onkel zwei Jahre später meinen eigenen Webstuhl schnitzte: Jener, der mich ein ganzes Leben begleitet hat und jetzt wohl für immer müßig, wenn auch griffbereit in meiner Nähe steht, die kleine Kammer neben meiner Witwenhütte fast ausfüllend. Weil ich meinen Leuten am Webstuhl viel nützlicher war als im Stall oder auf dem Acker, wurde ich fortan von den groben Arbeiten befreit. Damit ging eine Befreiung der Gedanken einher, die sich bei der eintönigen Arbeit am Webstuhl oft verselbständigen und schnell wie das Schiffchen der Weberin dahinjagen konnten. Ich war bereits 17 Jahre alt und fragte mich, mit wem mich mein Vater verheiraten würde oder ob ich etwa für immer im Haus meiner Eltern bleiben durfte. Mein Spiegelbild, sofern ich es im Wasser des Brunnens oder in dem fast blinden, von vielen Frauengenerationen zerkratzten Bronze-Handspiegel erkennen konnte, zeigte mir ein junges, ovales Gesicht mit kräftigen Zügen, dunkelblauen Augen und dichtem weizenblondem Haar. Kevins Augen bestätigten mir, dass ich schön sei. Doch die Zuneigung, die ich in seinen Blicken ebenfalls las, schien aussichtslos: Kevin war bloß der Sohn eines Halbfreien, dessen verarmter Vater sich vor Jahren meinem Vater verdingt hatte. Nur in heimlicher Liebschaft hätten wir uns verbinden können, wozu uns, die wir beide jung und scheu waren, der Mut und die Verzweiflung fehlte.

Im Herbst jenes Jahres, als niemand mehr mit Reisenden rechnete, trafen an einem regnerischen Nachmittag unerwartete Gäste ein. An ihrer Kleidung und Mundart erkannten wir ihren hohen Rang in der Gesellschaft und dass sie aus dem äußersten Nordwesten stammten. Sétna und sein Bruder Fedilmith, beide Söhne des Fergus und Anführer der kleinen Gruppe, gehörten zur einflussreichen Sippe des Conall Gulban, und ihre Heimat war nach diesem Vorfahren benannt: Tír Conaill. Die Leute dort waren berühmt für ihre Gastfreundschaft und berüchtigt für ihre Rauflust. Sie hielten das für Tapferkeit und bildeten sich viel darauf ein. Wie alle Sippen, die zum Stamm des legendären Niall gehören. Vor allem aber waren sie unsere Feinde. Jedes Kind bei uns weiß, dass vor gut hundert Jahren unsere Heimat Laigin die »Mittelprovinz« Érius an Nialls Nachfahren abtreten musste, mitsamt dem heiligen Hügel von Tara. Seither sah man die Uí Néill in unserer Gegend begreiflicherweise ungern.

Meinen Vater beschäftigten beim Anblick der hochrangigen Gäste eher praktische als politische Erwägungen: Wie viel würde uns die Gastfreundschaft diesmal kosten? Die Fremden von der Tür zu weisen, war undenkbar. Ebenso undenkbar war es, sie nicht ihrem Rang gebührend zu beköstigen und zu unterhalten. Welche Mission auch immer unsere Besucher zu dieser rauen Jahreszeit, inmitten von Stürmen und Regen, quer durch Ériu geführt haben mochte blieb uns Frauen verborgen. Von dem, was an jenem ersten Abend zwischen Dimma und den Männern aus Tír Conaill besprochen wurde, drang, entgegen sonstigen Gewohnheiten, kein einziges Wort zu uns vor. Allerdings bemerkten wir die Entspannung, die eintrat, als ihr Wortführer Sétna erklärte, sie führten eigene Vorräte mit sich und wollten diese auch verwenden, trotz des Protestes, den Dimma des Anstandes willen erhob.

Ich entsinne mich noch heute jenes ersten Abends ihres Aufenthalts, als sei es gestern gewesen: Ein eilig improvisiertes Festmahl, trotz unserer nur mühsam versteckten Armut, für das zwei Schweine geschlachtet und mehrere Eimer Bier bereit gestellt wurden. Fedilmith, der von allen am wenigsten trank und redete, ließ seine Augen über mich wandern, so dass ich den Blick niederschlagen musste. Ich spürte mein Gesicht vor Scham und Verlegenheit brennen, ein bisher unbekanntes Gefühl. Fedilmiths starrende Begierde und mein linkisches Erschrecken darüber verwirrten mich gleichermaßen.

Als nach fünf Tagen der Himmel aufklarte, erklärte Sétna, dass es nun höchste Zeit sei, die Heimreise nach Tír Conaill anzutreten, wo sie noch vor dem Fest von Samhain einzutreffen hofften. »Und was soll ich euch zum Abschied schenken?« fragte Dimma. Es war eine konventionelle Frage. »Wir begehren nichts von euch, was ihr uns nicht schon gegeben hättet«, erwiderte Sétna großherzig, wie mein Vater es sich wohl insgeheim erhofft hatte, um nach einer kleinen Kunstpause hinzuzusetzen: »Außer einem unbezahlbaren Schatz aus diesem Haus«.

Dimmas Erschrecken war so offenkundig, dass selbst die Angehörigen seines Haushaltes kaum das Lachen unterdrücken konnten. Sétna aber fuhr unbeirrt fort: »Der Schatz ist deine Tochter Ethne. Ich freie sie für meinen Bruder und das Haus des Cenél Conaill.« – »Darüber müssen wir ernsthaft reden«, erklärte mein Vater, nun wieder erleichtert, und die Männer zogen sich ein weiteres Mal zurück. Was sie dabei über die Mitgift und Morgengabe vereinbarten, habe ich nie erfahren. Ich erfuhr bald genug dies: Mein Vater bestand auf einer christlichen Trauung noch vor Fedilmiths Abreise. Dies war sein Versuch, dem allzu raschen Handel einen Schein von Würde zu verleihen und ein geliebtes Kind nicht wie ein überflüssiges Stück Vieh in die Fremde fortzugeben.

So zogen alle Beteiligten noch am selben Tag zu unserem Pfarrer, der wie viele unserer Geistlichen aus Britannien stammte. Ich weiß nicht, was ihm mein Vater dafür bieten musste, damit er entgegen seiner anfänglichen Weigerung eine Christin mit einem Heiden traute. »In diesem wilden Land lernt man, Zugeständnisse zu machen«, stöhnte der Pfarrer. »In diesem fetten Laigin hast du gelernt, dich an deiner Herde zu mästen«, herrschte ihn Sétna an, und der Bräutigam Fedilmith drohte: »Tu besser schnell, worum wir dich gebeten haben, oder du lernst wahre Wildheit kennen.« Zu mir gewandt, fügte er sanfter hinzu: »Das wahre Fest feiern wir bei uns daheim.«

Der hastigen Zeremonie folgte eine kurze Nacht echter Trauer, denn meine Freundinnen und Verwandten beklagten mein Schicksal, von dem nur gewiss schien, dass ich weit entfernt von ihnen leben musste. Gegen Morgen lösten meine Freundinnen der Sitte gemäß meine Haare, kämmten sie und flochten mir singend einen festen Zopf: »Morgen Nacht wird ein Mann dir den Mädchenzopf lösen …« Jetzt brach auch ich in Tränen aus. Ich kannte diesen Mann ja gar nicht. Ich trat aus meinem Vaterhaus, zum letzten Mal im Leben, wie ich glaubte. Dimma hatte ein Packpferd für meine Kleider und vor allem für meinen zerlegten Webstuhl bereitgestellt und ein gutmütiges Reitpferd, das aber Fedilmith zurückwies: »Ich nehme Ethne mit zu mir aufs Pferd. So gewöhnt sie sich schneller an mich.« Ehe jemand Einwände erheben konnte, hatte er mich aufs Pferd gehoben, die Zügel mit der Rechten haltend, während er mich mit der Linken an sich presste wie eine Kriegsbeute.

»Wie gründlich kennst du Ériu, Ethne Taebfhoda?« fragte Fedilmith nach einer guten Weile und legte seine bärtige Wange an meine. Ich konnte ihm nicht ausweichen. Noch durch seinen Kilt und mein dickes Wollkleid spürte ich die Wärme seines Körpers und die Kraft seiner Oberschenkel.

»Ich kenne nicht einmal das gesamte Land meines Stammes«, gestand ich und errötete erneut, ein blödes Mädchen eben. Soviel wusste ich: Im Süden begrenzt das Meer das Küstenland der Uí Bairrche. Deshalb nennt man bei uns Bodenwellen Hügel und bezeichnet Hügel als Berge. Fedilmith durchbrach sein übliches Schweigen, nannte mir die Namen der großen Flüsse, deren Läufen wir stromaufwärts folgten, die Namen von Ebenen, Seen sowie Bergen und lenkte mich mit Geschichten über die Entstehung dieser Namen von den Strapazen unserer Reise ab. Es gefiel mir, wie er ernsthaft mit mir sprach, aber es gefiel mir auch, wenn er schwieg, um seinen eigenen Gedanken nachzuhängen. Nichts Peinliches oder Lastendes lag in diesem Schweigen. So ritten wir bei jeglichem Wetter und bis zu Einbruch der Dämmerung, rasteten bei Bauern oder notfalls in Heuschobern. Wir durchquerten Landschaften, wie ich sie nie zuvor gesehen hatte: Moore und Sümpfe, Gegenden mit runden oder ovalen Hügeln und zahllosen Seen. »Uí Néill«, stieß mein Gatte erleichtert aus, als wir hügeliges Grasland erreicht hatten. »Tír Conaill«, sagte Sétna schließlich feierlich und wies auf eine Kette blaugrüner Berge, die allen außer mir wohlvertraut war. »Tír Luighdeach«, rief Fedilmith freudig, als wir die Mündung des Swilly-Flusses erreichten. »Von hier bis zum Crolly-Fluß herrschen Sétna und ich als Häuptlinge.«

Das Land, das mein neues Zuhause werden sollte, war so anders als alles, was ich mir vertraut war. Es schien nur aus wenigen Farben zu bestehen: Aus dem Grau seiner Findlinge, dem Grün seiner Wälder, dem Grünbraun der Heide sowie dem Blau in See und Himmel. Doch jede einzelne dieser Farben trat in endloser Vielfalt auf, und dazu gesellte sich im Spätsommer der Purpur der blühenden Heide und im Herbst das Rostbraun des welkenden Adlerfarns. »Das schönste Land der Welt«, dachte ich damals und glaube es bis heute. Ich sagte es aber weder Fedilmith noch sonst jemand aus seiner Sippe. Die Eitelkeit des Cenél Conaill war groß genug. Mein ganzes Leben lang, Colum, verbot es mir mein Stolz, diesen Leuten etwas Anerkennendes zu sagen.

Mein zweites Ehejahr war fast vergangen, als ein Bote aus Laigin eintraf. »Schlechte Nachricht für Ethne Taebfhoda«, rief er, noch zu Pferd: »Deine Mutter ruft nach dir. Sie will nicht sterben, bevor sie dich noch einmal gesehen hat.« Sie kann nicht sterben ohne die Gewissheit, dass es mir gut geht, dachte ich bei mir. »Sie will dich mit eigenen Augen sehen«, fügte der Bote inständig hinzu, gegen Fedilmiths düsteren Blick. Ich war im fünften Monat mit dir schwanger. »Geh nicht«, sagte dein Vater, »aber wenn du gehen musst, nimm wenigstens Bédan mit.« Kundig in der Heilkunst ebenso wie in der Magie galt Bédan als die weise Frau des Cenél Conaill. Sie hatte schon Fedilmith zur Welt gebracht. Sie war seine Vertraute.

In meinem Elternhaus blieb ich aber länger als beabsichtigt. Meine Mutter starb langsam und qualvoll, und wenn ich in den dunklen Stunden dieses Winters über mein nahes Ende nachdenke, ahne ich, dass auch in meiner Brust der Krebs wütet. In einer ihrer letzten Stunden legte meine Mutter plötzlich ihre Hand auf meinen gewölbten Leib: »Du trägst ein erstaunliches Kind. Dein Sohn wird sich durch Wissbegier und Weisheit auszeichnen, ein Mann der Gelehrsamkeit und der vielen Fähigkeiten. Ein Herrscher aus königlicher Familie, der ein Königreich gewinnt, falls er seine Heimat flieht.« Damals schob ich ihre Worte auf die Verwirrung, die uns vor dem Tode befällt. Ich glaubte ihr nicht. Unsere Familie hatte sich bis dahin nie durch die Gabe der Wahrsagung ausgezeichnet.

Auch nach der Beerdigung meiner Mutter verzögerte sich unsere Rückkehr, zu Bédans großem Verdruss. Sie drängte auf eine schnelle Rückkehr. Als es endlich soweit war, musste ich bereits in einer Sänfte getragen werden, was die Reise zusätzlich verzögerte. Nur zweierlei machte mir Mut: die Begleitung meines Bruders Ernán und der Frost, der die vom Herbstregen aufgeweichten Landwege festigte. Im Übrigen erinnere mich an quälende Träume, ausgelöst durch die Prophezeiung meiner sterbenden Mutter, und an deine nahende Geburt. Man sagt, dass Träume, die sich über mehrere Nächte fortsetzen, eine besondere Bedeutung besitzen. Mich befielen solche wiederholten Wahrträume. Mir träumte von einem Jüngling in strahlendem Gewand, der mir einen prachtvollen Umhang reichte, in den alle Farben der Welt eingewebt waren und der den Wohlgeruch einer jeden Blume, einer jeden Frucht trug. Doch noch bevor ich diese einzigartige, prächtige Gabe näher betrachten und bewundern durfte, nahm sie mir der Jüngling mit den Worten fort: »Dir wurde der Anblick des Großartigen gewährt. Doch dieser Umhang ist von so ruhmvoller Ehre, dass du ihn nicht länger für dich allein behalten darfst.« Im Traum der folgenden Nacht erhob sich der Jüngling nach diesen Worten mit dem Umhang in die Luft, und obwohl er sich von mir entfernte, nahm der Umhang ständig an Größe zu, bis er die Ebenen, die Wälder und selbst die Berge bedeckte. Zugleich vernahm ich eine laute Stimme, die zu mir sprach: »Sei frohen Mutes, denn du wirst dem Mann, mit dem dich die Ehe verbindet, einen Sohn gebären, der zu den Propheten des Herrn gezählt werden wird. Er ist auserwählt, zum Führer unzähliger Seelen auf dem Weg zur himmlischen Stadt zu werden, und sein Ruhm wird ganz Ériu und Alba erfüllen.«

Jahre später haben mir fromme Männer diese Träume dahin ausgelegt, dass der Himmel mir deine außergewöhnliche Bestimmung verkündet habe. Sie sagten das zu meinem Trost. Doch auch nach vielen Jahrzehnten erinnere ich mich deutlich des scharfen Schmerzes der baldigen und dauerhaften Trennung, die mir damals angekündigt wurden. Kinder sind wie Splitter im Herzen. Sie schmerzen, solange sie bei uns sind, doch werden sie entfernt, verschlimmert sich der Schmerz.

Als wir uns endlich dem Ziel unserer mühsamen Reise näherten, traten weitere Hindernisse auf. Seit Mittag roch die Luft scharf nach Schnee. Dann legte sich der schneidende Ostwind und die matte Wintersonne verbarg sich hinter grauen Wolken. Es begann zu schneien, erst in vereinzelten zaghaften Flocken, dann stärker. Bald schon verloren sich die vertrauten Umrisse von Bergen und Hügeln im dichten Schneegestöber, und selbst diejenigen unter uns, die sich in der Gegend bestens auskannten, mussten fürchten, vom Weg abzukommen. Zu diesem ungünstigsten aller Zeitpunkte setzten meine Wehen ein. Obwohl Ráth Cnó, Fedilmiths Gehöft, nicht mehr weit entfernt sein konnte, flehte ich meine Begleiter an, die Reise zu unterbrechen und unsere Zelte aufzuschlagen: »Die Welt versinkt im Schnee und Schmerz.« Meine Sinne trübten sich danach.

Ich erinnere mich nur, dass mich Bédan in mein Zelt führte, dass sie mich sanft auf Felle und Kissen drückte, meine Kleider hob und meinen schweren Leib betastete. »Es wird noch dauern«, sagte sie wissend. »Ich will dir inzwischen etwas geben, das die Schmerzen lindert.« Ihr starkes Gebräu raubte mir den Rest meiner Wahrnehmung. Erst am kommenden Morgen tauchte ich aus der Besinnungslosigkeit wieder auf.

»Sieh deinen Sohn«, sagte Bédan feierlich und legte dich auf meinen Leib. Sie tätschelte mir anerkennend die Hand. »Du hast uns ein bemerkenswertes Kind geboren. Es ist nicht nur gesund und stark, sondern auch schön. Nie sah ich ein Neugeborenes so wohlgestaltet.« Das stimmte. Statt des verschrumpelten Greisengesichts, mit dem die meisten Kinder geboren werden, besaßest du ein glattes Gesicht unter einem bereits voll entwickelten Haarschopf.

»Und sieh diesen Morgen«, ahmte Ernán die Amme nach. Erst als er meine Stimme vernommen hatte, wagte mein Bruder, zu uns ins Zelt zu treten. »Sieh nur«, rief er, nun mit natürlicher Stimme, und schlug die Plane am Zelteingang zurück. Ich blickte in eine gänzlich verwandelte Landschaft: Blendender Schnee und eine strahlende Sonne an einem wolkenlos blauen Himmel verliehen Hügeln und Heide ein festliches Aussehen. Weiß und Blau, die Farben Marias. So überirdisch strahlend, festlich, rein.

»Ein ungewöhnliches Omen«, ließ sich Bédan erneut vernehmen, »die Vereinigung der Gegensätze zur Stunde der Geburt. Das himmlische Feuer und die winterliche Eiseskälte. Hitzige Leidenschaft und kühle Strenge. Ein Mann von großen und gegensätzlichen Gaben wurde an diesem Morgen geboren.«

»Weißt du, was die Zauberin getan hat?« fragte Ernán halblaut, so dass Bédan es hören musste. »Sie hat es so eingerichtet, dass du deinen Sohn auf dem Stein der Sorgen geboren hast. Ein heidnischer Zauberfels ist es, auf dem dein Zelt steht!«

»Verzeih, dass ich dich nicht vorher um Erlaubnis fragte«, erwiderte Bédan spöttisch auf diese Anschuldigung, ohne Ernán eines Blickes zu würdigen, »doch du warst außer dir vor Schmerz. Ein Kind aus königlicher Familie konnte an keinem würdigeren Ort zur Welt kommen. Wir im Norden halten noch die uralten Gesetze. Dieser Stein wird seit undenklichen Zeiten verehrt, auch wenn niemand mehr genau weiß, warum. Deckt er das Grab eines Fürsten aus grauer Vorzeit? Wir spüren an dieser Stätte die Kraft und Gegenwart unserer Götter und Vorfahren. Wir schwören bei den heiligen Steinen, wir vertrauen ihrer Heilkraft und ihren Zauber. Auf den heiligen Steinen krönen wir unsere Häuptlinge. Ihr mögt es in Laigin inzwischen anders halten. Doch ich sage dir eines voraus: Da dein Sohn hier geboren wurde, wird er die heiligen Steine stets ehren, mag er auch sonst vieles ändern in Tír Conaill. Und er wird auf diesem seinem Geburtsstein heilen und beten, bevor er seine Heimat für immer verlässt. Der Stein aber wird danach den Namen Leac na Cumhadh tragen: Stein des Heimwehs und der Sehnsucht.«

»Übe Nachsicht mit uns, Bédan. Ich kann dir versichern, dass auch in Laigin noch Bäume und Quellen verehrt werden. Unser Apostel Ibar verdankt doch seinen Namen ebenfalls der heiligen Eibe. Mein Sohn wird nicht nur die heiligen Steine unangetastet lassen, er wird auch die bilada, die heiligen Bäume des alten Glaubens, schonen und ehren.«

Ich hatte den Frieden wiederhergestellt, noch bevor Fedilmith, von einem meiner Begleiter herbeigeholt, bei uns eintraf. Nachdem er sich an dir sattgesehen und deine üppigen rotbraunen Haar bewundert hatte, entschied er: »Mein Sohn wird Crimthann heißen. Denn listenreich und schlau wie ein Fuchs muss er sein, um in dieser Welt von Wölfen zu bestehen. Bei den Uí Néill ist Crimthann ein Name und ein Wunsch zugleich«, erklärte er, an mich gewandt. Ich verschluckte eine spöttische Erwiderung.

Im Rückblick allerdings kommt es auch mir so vor, dass dir der Name des Fuchses gerechter wird als der Taufname, den der gute Cruithnechán für dich wählte: Colum in unserer Sprache, Columba auf Latein. Die Taube. Die einzige mir nachvollziehbare Bedeutung dieses Namens liegt im Taubenopfer, das, wie die Bibel lehrt, Eltern im Heiligen Land brachten, wenn sie ihren Erstgeborenen dem Tempel weihten. Im Unterschied zu anderen Opfertieren tötet man diese Turteltauben nicht, sondern entlässt sie in die Freiheit, hoffend, dass die Taube den Herzenswunsch des Opfernden direkt in den Himmel trägt. In Wahrheit durchirrt die Taube ziellos die Lüfte, verwirrt und unglücklich über die Trennung von ihrem heimischen Schlag. Auch du erscheinst mir als ein solches Taubenopfer.

Cruithnechán hat natürlich nichts von deinem späteren Schicksal ahnen können. Er dachte einzig an die Taube als Sinnbild des Heiligen Geistes. Ich will nicht bezweifeln, dass dich bisweilen der Heilige Geist erfüllt. Sanftmütig bist du dadurch nicht geworden. In deiner Jugend bist du keinem Streit ausgewichen. Der Friede der Taube mag dein erklärtes Ziel gewesen sein, doch deine Mittel sind die des Fuchses geblieben. Im Übrigen misstraue ich den sanftmütigen Tauben. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie diese Vögel Artgenossen zu Tode hacken oder aus ihrer Mitte stoßen, weil ihr Aussehen oder Verhalten vom Mittelmaß abweicht.

Als du sechs Jahre alt geworden warst, habe ich dich bereits verloren: erst an die Welt, dann an Gott. Es war an der Zeit, der Sitte gemäß Zieheltern für dich zu suchen, denn Kinder von vornehmer Abstammung bleiben nur in den ersten Lebensjahren bei ihren Müttern.

»Ich will Crimthann meinem Gefolgsmann Ferghill geben«, sagte Fedilmith. Es war ein Zugeständnis an meine zärtliche Anhänglichkeit an dich. Dankbar sah ich meinen Mann an. »Da bleibt Colum in unserer Nähe, und du kannst ihn immer besuchen, wenn du auch deinen Gott besuchst.«

Damit meinte er meinen sonntäglichen Kirchgang in Tulach Dubhglaise, wo der Pikte Cruithnechán mac Ceallachain als einziger christlicher Priester im weiten Umkreis die Messe las.

»Ich möchte, dass Crimthann ein Gelehrter wird«, beharrte ich. »Er soll zu den Leuten mit besonderen Kenntnissen gehören. Er soll mehr sein als ein Krieger. Er soll sich mit den Gesetzen ebenso auskennen wie in der Dichtkunst.«

»Du willst vieles, Ethne, aber daraus wird nichts.« Fedilmith verlor jetzt die Geduld. »Du willst höchste Bildung für Crimthann, die ihn mindestens drei mal sieben Jahre seines Lebens kosten wird. Meine Wünsche sind bescheidender: Ich will, dass die königliche Sippe unseres Stammes einen Mann bekommt, der, falls es erforderlich ist, die Führung übernehmen kann. Bei Ferghill lernt er, was die Sitte verlangt: den richtigen Waffengebrauch. Die Jagd. Er lernt, wie ein Edelmann zu kämpfen und sich die Zeit zu vertreiben.«

»Du meinst, dass er Brettspiele lernt und wie man reitet, haut und sticht«, zischte ich verärgert. In Wortgefechten hatte ich nie zurückgesteckt. Es erfüllten sich aber unser beider Wünsche, so unvereinbar sie auch damals erschienen. Du dienst deinem Stamm ebenso treu wie unserem Gott. Doch dieser Teil deines Lebens ist dir bekannter als mir. Zu deinen Eltern kamst du nur noch, wenn du auf der Flucht warst und Hilfe brauchtest. Seit deiner Abreise ins Exil blieben mir Berichte aus zweiter und dritter Hand. Mit Stolz hörte ich von deinen Erfolgen, mit Kummer und Schmerz von deinen Niederlagen. Du hast verloren, wo du zu siegen glaubtest, und deine Niederlagen hast du in Siege verwandelt. Jetzt, in fortgeschrittenem Alter, hast du dir dein eigenes Reich auf der Insel der Eibe errichtet. Mächtige Herrscher suchen deinen Segen, deinen Rat und deine Mittlerdienste. Wir beide aber, Mutter und Sohn, werden uns nie wieder begegnen.

Meine einsame Nachtwache ist vorüber, das Feuer heruntergebrannt. Griffbereit liegt das große Tuch, das ich im Sommer aus ungefärbter brauner Wolle gewebt habe, zuoberst in der Eichentruhe. Es ist die letzte Arbeit meiner Hände, und es trägt die Farbe der Erde, die unsere Ernährerin ist und unsere letzte Ruhestätte. Dies Leichentuch wird mich umhüllen, wenn sie mich bald zu Grabe tragen.

Zweites Kapitel: Colum

Es hat die ganze Nacht gestürmt. Dem wilden Toben lauschend, habe ich noch weniger geschlafen als sonst. Und obwohl ich Diarmaits leichten Schlummer gestört habe, als ich mich kurz vor der Dämmerung erhob und unsere Hütte verließ, stellt sich mein Gefährte schlafend wie stets, wenn ich vor der Zeit aufstehe. In Wahrheit verzeichnet er noch im Schlaf jede meiner Bewegungen. Seine liebevolle Anhänglichkeit wird ihn bald zwingen, mir zu folgen. Er kennt die Orte meiner nächtlichen Gebete und Meditation: Findet er mich nicht im Bethaus, wird er mich auf dem großen Hügel suchen. Findet er mich dort nicht, wird er mir zum Strand folgen, um geduldig auszuharren, bis ich meine Exerzitien beendet habe.

Diesmal wird er mich, wie schon in den zwei vorherigen Nächten, am Strand finden, denn seit Maria Lichtmess ist mein Herz schwer und eng, und ich suche Erleichterung unter dem weiten nächtlichen Himmels. Ich will die Gischt der aufgewühlten See riechen und der wirbelnden Brandung lauschen und weiß doch im Voraus, dass mir davon nicht leichter zumute werden kann. Erinnert doch jeder Blick über die See an mein Exil, an meine qualvolle Bußübung. Zu Unrecht sagen sie mir nach, dass ich geschworen hätte, den Blick von Ériu abzuwenden. Ich blicke oft über die See und zu oft zurück.

Kein menschlicher Bote hat mir die Nachricht vom Tod meiner Mutter verkündet, sondern ein Reiher, der trotz der Stürme bis zu unserer Insel vorgedrungen ist. Diarmait hatte das von den Anstrengungen seiner Reise entkräftete Tier morgens am Strand entdeckt und mir davon berichtet, mit einem erstaunten und zugleich scheuen Blick: »Wieder einmal trifft deine Voraussage ein: Du hattest uns einen Besucher aus deiner Heimat angekündigt.«

»Und gebeten, dass man ihn im Gästehaus aufnimmt und gut versorgt«, fügte ich hinzu. »Ist das geschehen?«

»Doch von uns nimmt er kein Futter«, wandte Diarmait ein. »Vielleicht von dir als einem Verwandten …« Dass der Reiher das Schutztier meiner Sippe ist, wissen nur wenige. Diarmait aber ist der einzige, der ungestraft darauf anzuspielen wagt. Alle übrigen haben es mit meinem Zorn gebüßt. Während ich dem Graugefiederten Fisch zusteckte, fielen mir Wardans Worte ein. In seiner Heimat hält man Kraniche für Botenvögel. Sie gelten als Inbegriff der Sehnsucht des Exilierten, so wie es in dem alten Lied heißt: Kranich, der du im Himmel schwebst, welche Kunde bringst du von daheim?

»Der Reiher steht mir näher«, hatte ich damals Wardan erwidert. »Was weißt du über ihn?«

Wie stets, wenn er angestrengt nachdachte, fasste sich Wardan an die Nasenspitze: »Wegen seines grauen Gefieders hält man ihn für ein Sinnbild der Buße oder des in Gethsemane trauernden Christus. Als Sinnbild Christi gilt er auch deshalb, weil er Schlangen vertilgt, die Verkörperung des Bösen.«

»Bei uns liebt man Reiher nicht«. Das Thema interessierte mich stets. »In unseren Mythen symbolisieren sie den Tod, und man glaubt, dass sie die Lebensfülle vernichten. Vielleicht besteht diese schlechte Meinung nur deshalb, weil Reiher aus menschlicher Sicht Fischräuber sind.«

Du bist wie ich ein Büßer, flüsterte ich liebevoll dem grauen Vogel zu und strich ihm über die zerzausten Federn. Du bist der Geist meiner Vorfahren. Du bist ein Todesbote. Sei willkommen, Reiher, trotz deiner traurigen Kunde. Drei Tage darauf verließ uns der Gast, und ich las die Messe für eine ferne Tote, an deren Grab ich nie stehen werde.

Ich sehe meine schöne Mutter vor mir, wie ich sie in Ráth Cnó als kleines Kind bewundert habe: Ethne mit den Augen von der Farbe der Kornblume und dem Haar von der Farbe des reifen Weizens. Ich sehe meine Kindheit, die Zeit der Wunder, wenn alle Eindrücke frisch und darum nachhaltig und wunderbar sind. Nichts im späteren Leben kommt ihnen gleich. Es ist die Zeit des stärksten Zaubers, wenn wir eins sind mit den Tieren, den Pflanzen und den Elementen. Der blassblaue Himmel und die Sommer meiner Kindheit dehnten sich endlos. Am Halm knistert das schwere Getreide, ein goldener Ozean im Sommerwind. Geheimnisvoll umschließen Wälder das liebliche Tal mit seinen drei Seen: Loch Gartan, Akibbon und Nacallung, den kleinsten. Am Hang über dem Akibbon liegt Ráth Cnó, die Wallburg der Haselnüsse.

Am liebsten wäre ich Tag und Nacht im Freien geblieben, unser wallumringtes Gehöft erschien mir als Gefängnis. Mein Vater förderte meinen Freiheitsdrang nach Kräften. Er nahm mich früh auf sein Pferd, wenn er sein Herrschaftsgebiet durchstreifte: »Ein Häuptling darf nicht am Herd hocken, kleiner Fuchs. Er muss alles sehen und hören und fast alles verstehen«, pflegte er zu sagen. Und belehrte mich über die Eigenschaften des Herrschers: »Sein Urteil und Handeln sind gerecht. Er muss freigiebig und gastfreundlich sein. Geiz ist wie Dürre, ein Merkmal des Niedergangs. Der Körper des vollkommenen Herrschers ist makellos. Zum Beweis dessen wird er bei seiner Wahl von den Edelsten des Stammes entkleidet, bevor er sich in heiliger Ehe mit dem Land verbindet, das er beherrschen wird. Ist ein Herrscher mit Makeln behaftet oder ungerecht, verdorrt die Frucht am Halm, Tiere und Menschen verlieren ihre Fruchtbarkeit. Nun mach nicht solche erschreckten Augen, Kind«, lachte Fedilmith. »Die Götter, bei denen dein Stamm schwört, verlangen, dass wir nackt vor sie treten, damit unser wahres Wesen offenbar werde.«

An der Hand meines Vaters verlernte ich die Angst, die wohl ein jedes Kind in der Dunkelheit befällt. Zu allen Nachtzeiten, bei Vollmond ebenso wie bei Neumond, nahm mich mein Vater mit hinaus in den Wald, auf die Heide und zum Strand, und er lehrte mich die mir unvertrauten Geräusche zu unterscheiden: »Das ist ein Igel, der im welken Laub raschelt. Jenes Geräusch ist der Todesschrei einer Zieselmaus, die einer Eule zum Opfer fiel.« Wir lauschten den nächtlichen Gesängen der Robben. An der Seite meines Vaters lernte ich den Stand der Sonne und der Gezeiten zu bestimmen. Bevor ich die Buchstaben unterscheiden konnte, vermochte ich den nächtlichen Sternenhimmel zu lesen und den Umschwung des Wetters zu erkennen.

In den langen Nächten zwischen Samhain und Imbolc saß der gesamte Haushalt um ein großes prasselndes Feuer geschart. Wenn keine Barden, Geschichtenerzähler oder Spielleute in Ráth Cnó überwinterten, fanden sich genügend begabte Erzähler unter den Einheimischen, um uns in dieser Zeit erzwungener Untätigkeit zu unterhalten. Wie es die Höflichkeit verlangte, sangen die durchreisenden Barden erst einmal das Loblied ihrer Gastgeber und priesen überschwänglich unsere vornehme Abstammung, wobei sie unserem Stammbaum fast alle Großen der Geschichte und Sagen Érius andichteten: Den angeblichen Urahn Conn Hundertkampf, der seinen Beinamen den zahllosen Schlachten verdankte, in denen er gesiegt hatte. Nach ihm heißt die Nordhälfte Érius noch immer Leath Cuinn, Conns Seite.

Conns Enkel Cormac, das Idealbild des gerechten, salomonisch weisen Königs, soll zehn Generationen vor mir geboren worden sein. Mag dies auch dichterischer Übertreibung geschuldet sein, so waren wir alle fest überzeugt von unserer Abstammung von Niall mit den neun Geiseln, der als Oberherrscher über Leath Cuinn so mächtig wurde, dass neun Stammesfürsten ihm Geiseln stellen mussten. Dabei erschien ein solcher Aufstieg zunächst ganz unwahrscheinlich: Seine Mutter, die schwarzgelockte Cairen, war eine sächsische Prinzessin, die Nialls Vater Eochaid, den man auch den Herrn der Sklaven nannte, von einem Beutezeug nach Britannien mitgebracht und geschwängert hatte. Eochaids Gattin Mongfind ließ Cairen bis zu ihrer Niederkunft schwer schuften, in der Hoffnung, die fremde Sklavin werde ihre Leibesfrucht verlieren, denn nach unseren Gesetzen besitzen alle Söhne eines Herrschers die Möglichkeit, zu seinem Nachfolger erwählt zu werden, selbst wenn sie nicht im Ehebett gezeugt wurden. Aus Angst vor weiteren Nachstellungen setzte Cairen ihr Neugeborenes am Ort der Niederkunft aus, der Wiese vor der königlichen Residenz von Tara.

Den Knaben zog stattdessen des Königs Dichter Torna auf. Vielleicht verdankte ihm das Findelkind die Einsicht, dass nichts so ist wie es scheint und dass sich hinter der Hässlichkeit Schönheit und Macht verbergen können. Auf jeden Fall wird Torna dem Knaben Ehrfurcht vor den Göttern und den Bewohnern der Anderwelt beigebracht haben und auch die Weisheit, sich gut mit ihnen zu stellen. Bei einem Jagdausflug mit seinen vier Halbbrüdern, alles Söhne Mongfinds, kehren diese erfolglos von einer Quelle zurück, an der sie nacheinander versuchten, Wasser zu schöpfen. Nur Niall begriff, dass die abstoßend hässliche Alte, die den Zutritt zum Wasser von einem Kuss abhängig machte, noch ein anderes Gesicht trägt. Und wirklich wandelte sich das eklige Weib in seiner leidenschaftlichen Umarmung in eine strahlende Schönheit, die Niall lächelnd mit den Worten empfing: »König von Tara, ich bin die Oberhoheit des Landes.« Als Herrscher nach Tara zurückkehrend, untersagte Niall seiner Mutter, weiterhin Wasser zu schleppen und ließ sie in königlichen Purpur kleiden.

Es scheint den Gerechtigkeitssinn meiner Vorfahren nicht gestört zu haben, dass Niall, der Sohn einer britischen Sklavin, als Herrscher nun ebenso wie schon sein Vater über Britannien herfiel. Unter den vielen Briten, die Niall nach Ériu in die Sklaverei verschleppte, befand sich jener Knabe Patricius, der nach seiner erfolgreichen Flucht freiwillig nach Ériu zurückkehrte und den Hochkönig zu Tara im Namen Christi herausforderte. Doch von dieser Niederlage des Oberherrschers erzählte man begreiflicherweise in den Sippen der Uí Néill nichts. Wir wussten dagegen auswendig, dass mein kriegerischer Ur-Urgroßvater Niall aus zwei Ehen je vier Söhne hatte. Drei Brüder aus der zweiten Ehe, Éogan, Conall und Énda, zogen nordwärts in das Stammesgebiet der Ulter und trieben sie nach Osten, über den Fluss Bann. Éogans Nachfahren ließen sich auf der nach dem Stammvater benannten Halbinsel Inis Eogain nieder, mein Urgroßvater Conall Gulban in dem Land nordwestlich davon. Éndas Nachkommen wurden unsere östlichen Nachbarn. Von Conall Cremthainne, dem vierten Bruder, stammt der südliche Zweig der Uí Néill ab, der über die Mittelprovinz herrscht. Die königlichen Sippen beider Zweige unseres Stammes wählen je einen Herrscher für den Norden und den Süden, doch die Oberherrschaft über alle Abkömmlinge Nialls bildet einen ewigen Zankapfel zwischen den nördlichen und südlichen Uí Néill.

Höhepunkt der winterlichen Unterhaltung war die Rezitation des Táin, des Rinderheerzugs nach Cuailgne, in dem die alten Kämpfe zwischen der Provinz Connacht, aus der meine Vorfahren stammten, und der Nordprovinz widerhallten, die von der Connachter Königin Medb wegen der Weigerung angegriffen wurde, den mythischen Stier Donn herauszurücken. Dieses Epos erforderte die hohe Erzählkunst und das Gedächtnis eines Barden, denn wir wollten vom Erzähler nicht bloß die Geschichte eines vernichtenden Kampfes zwischen Menschen, Göttern und Stieren hören, sondern auch sämtliche Vor- und Nebengeschichten, die begründeten, warum die Helden für oder gegen Medb Partei ergriffen. Solche verwickelten Handlungsstränge konnte nur ein ausgebildeter Dichter wirklich gut verknüpfen.

Von allen Recken begeisterte uns am meisten der Jüngling Setanta, der zum Hund des Schmiedes Culann wurde, nachdem er in Notwehr dessen berüchtigten Hund getötet hatte. Denn Setanta verspricht Culann, ihm solange als Wachhund zu dienen, bis ein Welpe von der Rasse des getöteten Biestes aufgezogen ist und ihn ablösen kann. Schließlich wurde Cú Chulainn, der »Hund Culanns«, zum Wachhund des Königreichs Uladh und leistete auf dem Feld von Murthemne der Streitmacht Medbs allein Widerstand, bis seine Landsleute die Kindbettschwäche überwunden haben, die sie als Folge eines alten Fluches in Augenblicken größter Gefahr für jeweils neun Tage kampfunfähig macht.

Ein so ausgezeichneter Held wie Cú Chulainn besaß überirdische Eigenschaften. Seine Abstammung vom Sonnengott Lug erkannte man in seinem Flammenhaar, das am Ansatz braun, in der Mitte brandrot und an der Spitze goldgelb war. Cú Chulainns erstaunlichste Eigenschaft aber war die ihn häufig überkommende Wutverzerrung im Kampf. Dann schien es, als werde ihm jedes einzelne Haar in den Kopf getrieben. An jeder Haarspitze schien ein Funke zu lodern. Ein Auge kniff er zu, bis es klein wie ein Nadelkopf war. Das andere riss er auf, bis es groß wie eine Schüssel war. Er fletschte seine Zähne vom Kiefer bis zum Ohr und öffnete den Rachen derart, dass man seinen Schlund sehen konnte. Über seinem Kopf erhob sich der Mond des Kriegers.