Taubenjahre - Franziska C. Dahmen - E-Book

Taubenjahre E-Book

Franziska C. Dahmen

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Beschreibung

Eine amour fou zur Zeit des Nationalsozialismus. Eine Liebe, die nicht sein darf. Zum Lachen. Zum Schreien. Zum Weinen. Anfang der dreißiger Jahre verliebt sich der junge Rom Rafael in die blutjunge Hanna und sticht damit in ein Hornissennest, das außer Kontrolle gerät. Denn in Zeiten des zunehmenden Rassenwahns und -hasses kann eine Beziehung zwischen einem Zigeuner und einer Arierin nicht toleriert werden. Hinzu kommt, dass der sich um seine Liebe zu seiner Schwester betrogen sehende Karl auf tödliche Rache sinnt. Eine Hatz ohnegleichen beginnt, sodass am Ende jeder den Preis für das, was er liebt, bezahlen muss.

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Seitenzahl: 611

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Franziska C. Dahmen

Taubenjahre

Eine amour fou zur Zeit des Nationalsozialismus. Eine Liebe, die nicht sein darf.

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Januar 1944

Mai 1930

Ein Terrier in Uniform

Markttag

Auf dem Revier

Geschäfte

Im Lager

Musik und zwei Geschichten

Überfall

Entscheidung

Zu Hause

Flucht

Neuanfang

Böses Erwachen

Neue Erfahrungen

Die Lüge

Hochzeit mit Hindernissen

Die richtigen Kreise

Dunkle Wolken

Ein schwerer Gang

Eine Apostelgeschichte der anderen Art

Therese

Im Taubenhaus

Hürden

Maßarbeit

Geplatzte Träume

Staatliche Gewalt eines Bartstumpenträgers

Gefunden

Flucht

Leben

Gefangene

Oktober 1942

Alltag

Trutzburgen aus Glas

Igeljagd

Ein weiterer Versuch

Falsche Papiere

Absturz vom Seil

Gossler

Verhör

Bürokratie

Umbruch

Ungebetener Besuch

Flucht

Die kleine Freiheit

Im Sammellager

Im Waggon

Ankunft

Empfang

5984

Kellerdasein

Neue Ufer

Das Einatmen von Mule

Auf dem Bauernhof

Heimaturlaub

Apotheose des Todes

Preis der Freiheit

Zusammenkunft

In der Krankenbaracke

Entscheidung

Alte Feinde

Hoffnung

Der Teufel in Aktion

Spesmea

Noma

Gestohlene Momente des Glücks

Gabriel

Himbeerbonbons

Sofia

Folgenreiches Treffen

Eigene Welt

Ungezügelter Hass

Fliegeralarm

Im Bunker

Letzte Reise

Rache

Misslungene Pläne

Vollendung

Nachwort

Endnotenverzeichnis

Impressum neobooks

Januar 1944

»Thai mukhleom len othé kai avileom

Thai mothodeom tumaré raimaske.

Bachta tel del o Del!«

»Und dort habe ich sie zurückgelassen,  

woher ich gekommen bin,  

um euch dies zu erzählen. Gebe Gott Glück!« 1

(Aichele/Block; S.354)

Die ersten Schneeflocken rieselten vom nachtschwarzen Himmel herab und streichelten beiläufig sein ausgemergeltes, pergamentenes Gesicht. Als eine sich im dichten Gespinst seiner langen schwarzen Wimpern verfing, musste er unwillkürlich an Hanna denken und ein leichtes Lächeln durchbrach die schmerzhafte Starre seiner taub gewordenen Lippen.

»Es ist einfach unfair! Wie kann ein Mann nur solche Wimpern besitzen?! Und wenn du einen dann auch noch so anschaust, dann ..., dann …, ach, du weist schon, was ich meine ...«, hatte sie anfangs einmal zu ihm gesagt und ihn dabei derart verlegen angelächelt, dass er nicht anders konnte, als sie damit aufzuziehen.

»Ich weiß überhaupt nicht, was du meinst …«

»Oh, du ...! Wer’s glaubt, wird selig!«

»Mhm, … lass mich überlegen, … meinst du etwa das hier?« Lachend hatte er sie in die Arme genommen und geküsst und um sich herum die Welt vergessen, wie er stets alles vergaß, wenn er mit ihr zusammen war.

Rafael schloss die Augen und sog tief die eiskalte Luft in seine Bronchien hinein, während zugleich das Bild einer jungen, schlanken Frau vor seinem inneren Auge erschien, deren weizenblondes Haar in der Sonne golden glänzte. Schon meinte er förmlich ihren fein-würzigen Körpergeruch in der Nase zu verspüren, aber tief in seinem Innersten wusste er, dass er nur träumte. Er träumte einen schönen Traum. Einen Traum von Liebe, der in seinem realen Leben selten unter einem guten Stern gestanden hatte. Und trotzdem, oder sollte er sagen gerade deswegen, genoss er ihn!

Zufrieden öffnete er für einen kurzen Moment die Augen und blinzelte, sodass die mittlerweile um ein Vielfaches angewachsene Schneeflocke langsam ins Wanken geriet und auf seine Wange herabrollte, wo sie unbemerkt liegenblieb.

Rafael zitterte; ob letztlich vor Kälte, Angst oder Schmerz, er wusste es nicht! Einzig dass das Atmen ihm zunehmend immer schwerer fiel, stellte sich für ihn als eine unumstößliche Gewissheit dar. Die eiskalte Nachtluft drang kaum noch bis in die tiefsten Tiefen seiner Lungen vor. Wie auch?!, dachte er verbittert. Immerhin lastete das Gewicht Balos wie Blei auf seiner Brust und presste ihn gegen etwas unbestimmt Weiches, das sich schräg in seinen Rücken bohrte.

Auf wem er wohl lag? Auf Stappo? Auf Nuri? Oder war es Baku, der sich da so rücksichtslos in seinen Rücken bohrte?

Angestrengt versuchte er sich zu erinnern, aber ihm wollte beim besten Willen nicht mehr einfallen, wen sie zuerst erschossen hatten. Die Gesichter seiner Freunde und Bekannten waren so schattenhaft, so grau, so konturlos, so leer.

»Links neben mir hat Baku gestanden.«, murmelte er kaum hörbar. »Neben ihm befand sich Kalios. Aber wer zum Teufel hat auf der rechten Seite gestanden? … Verdammt! Ich kann mich nicht erinnern! … Es könnte Stappo gewesen sein. Obwohl Nuri …? Nein, doch nicht. Der stand ganz woanders. Dann wohl eher Josef. Der Kerl war schon immer ein brutaler Draufgänger. Zuzutrauen wäre es ihm.«

Auf jeden Fall musste es einer von den Dreien gewesen sein. Er war sich in dieser Hinsicht sicher. Nur wer genau? Wer bohrte sich da so rücksichtslos in seinen Rücken? – Wider eigenem Willen stahl sich ein Lächeln auf seine blau angelaufenen Lippen. Seine Welt war im wahrsten Sinne des Wortes ver-rückt geworden: Eine zum Rücken mutierte Gerade, die sich dank eines einzigen Schusses ihrer Vertikalität beraubt sieht und in der Horizontalen unversehens von einer rücksichtslosen Schräge bedrängt wird. Aufstand der Geometrie! Krieg der Körperteile! Leib gegen Leib. Bein gegen Rücken. Rücken gegen Arm. Kopf gegen … nein, an die Köpfe konnte er sich nicht mehr erinnern! Die waren konturlos, hatten sich längst zu Schatten ihrer selbst aufgelöst und blieben deformierte Kreise, deren Name für immer in der Versenkung verschwunden war.

Rafael schnaubte unwillig auf, um im gleichen Moment in einem Anflug von Galgenhumor kurz aufzulachen. Zumindest einem einzigen Kopf würde er konkret einen Namen geben können und damit aus seiner schattenhaften Existenz erlösen. – Ein jämmerlicher Erfolg, gewiss, aber immerhin ein Erfolg! Und das war es, worauf es ankam! Zumindest hier und jetzt.

Der bläulich-schwarz schimmernde Schädel, der sich mit seiner pausbäckigen Rundheit so unangenehm in seine Brust bohrte, war Balos’. Obwohl als pausbäckig konnte man sein Gesicht nicht mehr bezeichnen! Das war es einmal vor langer, langer Zeit gewesen. Genauer gesagt, bevor sich die Tore von Auschwitz hinter ihm geschlossen hatten. Jetzt war es nur rund und hohlwangig. Die Pausbäckigkeit hatten sie ihm ausgeschwitzt. Geradeso wie bei ihm. Doch das war nicht wichtig. Auf die Pausbäckigkeit konnte er verzichten. Auf die Wärme, die sein toter Körper ausstrahlte, nicht. Doch wie lange würde Balo ihn noch wärmen können? Wie lange mochte es dauern, bis der Körper eines Menschen gänzlich ausgekühlt war? Vielleicht eine Stunde oder bestenfalls zwei; vielleicht aber auch nur noch wenige Minuten? – Er wusste es nicht, wie so vieles in letzter Zeit.

Ein heiseres Krächzen, das eigentlich ein Lachen sein sollte, entrang sich seiner Brust. Dann kehrte wieder Stille ein. Nichts durchbrach sie: Weder das Säuseln des Windes, das sich weigerte das restliche Laub aufzuwirbeln, noch ein Knacken der Äste in einer der Tannen, die die Lichtung umsäumten, auf der sich das Massengrab befand.

Hier ist es wirklich totenstill, schoss es ihm durch den Kopf. Und das im wahrsten Sinne des Wortes!

Mit leicht angewinkeltem Kopf versuchte er der Stille zu lauschen. Aber schon nach ein paar Sekunden sank sein Kopf kraftlos auf einen der unter ihm liegenden Körper zurück.

Das Stille so dröhnen konnte, wunderte er sich. Sie war lauter als alles, was er kannte. Ob sie in der Lage war, einer Tretmine gleich Trommelfelle oder gar Köpfe zu zerplatzen? – Nein! Das war Wahnsinn! Seine Gedanken waren Wahnsinn. Das hier war Wahnsinn! – Galt in diesem verdammten Loch denn überhaupt nichts mehr? – Wenn er wenigstens seine Arme losbekäme, um sich die Ohren zuzuhalten … Diese verdammte Stille hielt doch keiner aus!

Als unvermutet ein: »Los Fritz, steig endlich ein, mir frieren gleich die Eier ab!«, bis zu ihm hinabdrang, hätte er vor Freude weinen können. Gierig sog er jeden weiteren Wortfetzen auf.

»… Rest erledigen wir morgen!«

»Ja, gleich! Will nur noch sehen, ob eins von den Schweinen überlebt hat.«

»Kannst du vergessen! Den Rest erledigt heute Nacht eh der Scheiß Frost. Und jetzt schwinge endlich deinen gottverdammten Arsch hier rein, mir ist kalt!«

Die Schreier waren also noch da! – Hätte ihm jemals jemand prophezeit, dass er sich eines Tages über ihre Stimmen freuen würde, er hätte ihn für verrückt erklärt. Über die Anwesenheit eines Schreiers freute man sich nicht. Jeder halbwegs vernünftige Mensch betete darum, ihnen aus dem Weg gehen zu können. Zumindest hatte auch er das die letzten Jahre über getan. Nur jetzt nicht! Jetzt kamen ihm ihre Stimmen wie Glockengeläut vor. Die Erkenntnis ließ ihn ein missglücktes Krächzen aus seiner Brust hervorbringen.

Immerhin blieben die Schreier sich bis zuletzt treu. Selbst in dieser Totenstille taten sie das, was sie am Besten konnten: Schreien und Brüllen.

Nachdenklich biss er sich auf die Unterlippe. Vielleicht war das eine Berufskrankheit? Geradeso wie man es von den Köchen her kannte? Die aßen permanent und konnten letztlich nicht mehr damit aufhören, weil sie es gewohnt waren. Genau das musste der Grund sein, warum die Schreier nicht mit ihrem Gebrüll aufhören konnten! Wer den ganzen Tag über schreit, kann irgendwann nicht mehr anders, als nur noch zu schreien. Er hat vergessen, dass es moderate, geschweige denn leise Töne gibt. Sie fallen nicht in sein Lautstärkerepertoire.

Würde ihn jemand bitten, einen von ihnen näher zu beschreiben, so hätte er sofort eine zweibeinige, amorphe Gestalt vor Augen, die von einem großen, aufgerissenen, schwarzen Mund beherrscht wird. Aus ihm werden ohne Unterbrechung tödliche Laute katapultiert, die da, wo sie auftreffen, nur Schutt und Asche hinterlassen.

Schreier eben! Schreier in Uniform, die ihn die letzten Jahre über tagtäglich gequält und fast an den Rand des Wahnsinns getrieben hatten. Aber letztlich – so musste Rafael sich zu seinem eigenen Erstaunen eingestehen – waren sie ihm vollkommen egal!

Noch während Rafael sein Gesicht dem Himmel entgegenstreckte, wurde seine Aufmerksamkeit auf etwas anderes gelenkt. Zuerst hörte er ein leises Fiepen, dann ein Rascheln. Gierig schaute er sich um und entdeckte eine kleine, braunen Maus, die behände über zwei Leichen kletterte und geradewegs auf den Grubenabhang zusteuerte.

Ich, dachte Rafael sehnsüchtig, würde an deiner Stelle auch die Beine in die Hand nehmen und zuschauen, dass ich so schnell wie möglich von hier fortkomme.

Gerade als die Maus den Grubenabhang hinaufkletterte, nahm Rafael aus den Augenwinkeln eine weitere Bewegung wahr. Es war ein Waldkauz, der im Sturzflug zielgerichtet auf die kleine Maus zusegelte. Schon wollte Rafael das Mäuschen warnen und ihm zurufen: »Mach, dass du wegkommst, der Tod hat seine Schwingen nach dir ausgebreitet!«, als der Waldkauz sich, aufgeschreckt durch das laute Aufheulen schwerer Motoren, von seinem Opfer abwandte und geradewegs auf eine Tanne zusteuerte, von wo aus er gewillt war, das weitere Geschehen aus hungrig blickenden Augen zu betrachten.

Erschöpft ließ Rafael seinen Kopf auf den Boden sinken.

Der stechende Geruch von Diesel breitete sich aus und legte sich schwer über den allgegenwärtigen, metallischen Geruch des Todes.

Noch während er nach frischer Luft röchelte, hörte er, wie ein Fahrzeug nach dem andern polternd die Lichtung verließ und ihn allein in der Stille des Waldes zurückließ.

Er war allein! Jetzt war er wirklich mutterseelenallein.

Angst schnürte ihm die Kehle zu.

Nein, schoss es ihm durch den Kopf, ich bin nicht allein! Irgendwo da draußen sitzt der Kauz und hält Ausschau nach seinem Opfer. Immerhin wären wir damit sogar schon zu dritt: Ein krepierender Rom, ein im wahrsten Sinne des Wortes mordshungriger Kauz sowie eine ahnungslose Waldmaus, die nicht weiß, was ihr blüht. Wahrlich eine feine Gesellschaft, in der ich mich hier befinde!

Lachend hustete er etwas Blut heraus und versuchte einen Blick über den Rand der Grube zu werfen. Mit etwas Glück würde er die kleine Maus sehen können. Von Mördern, egal, ob potentiellen oder nicht, hatte er im Moment mehr als genug. Er solidarisierte sich lieber mit dem Opfer. Vielleicht würde er sie warnen können und mit etwas Glück in die Annalen ihrer Geschichte eingehen: Ich, Mäuserich Fibo, wurde im tiefsten Winter seit Mäusegedenken nächtens von Rafael Zlobek gerettet. Er ist ein homo sapiens, der offiziell der rassisch als minder zu bewertenden Unterart der Zigeuner zuzurechnen ist, würde dort schwarz auf weiß zu lesen sein.

Rafaels Kopf sank ermattet auf den unter ihm liegenden Leichnam.

Er schaffte es nicht. Er lag zu weit unten. Es mochten vielleicht gerade einmal zehn Zentimeter sein, die ihm fehlten. Zehn läppische Zentimeter, um nicht zu sagen eine Handbreit fehlten ihm, um sich mit einer Maus auf Augenhöhe zu befinden. Zehn läppische Zentimeter, die ihm schwarz auf weiß hätten bestätigen können, das er ein Mensch war.

Verbittert schloss Rafael die Augen, während er zugleich versuchte, seine rechte Hand zu bewegen. Aber es gelang ihm nicht. Kalios, der direkt neben ihm lag, hielt sie eisern umklammert. Doch während in seiner noch das warme Leben pulsierte, war Kalios Hand eiskalt und starr.

Ein Schauder durchfuhr Rafaels Körper.

Wie lange es wohl dauern mochte, bis auch sein Körper zu Eis erstarrt sein würde?, fragte er sich.

Egal! – Innerlich war er schon längst zu einem Eiszapfen mutiert. Und dabei war in seinem Leben einmal alles so hell, so warm, so voller Liebe, so voller Hanna gewesen. – Hanna! Seine wunderschöne, heißgeliebte Hanna. Sein Augenstern, seine Liebe.

Etwas weiter abseits stand ein Mann in SS-Uniform an einen Baum gelehnt und schaute voller Hass und Abscheu auf Rafael. Er wollte ihn Leiden sehen, so, wie er all die Jahre über gelitten hatte. Doch statt Schmerz und Leid entdeckte er ein Lächeln auf den Lippen des Sterbenden. Verbittert zog der Fremde an seiner Zigarette, während ihn seine Gedanken auf verborgenen Pfaden zu eben jener Hanna führten, der Rafaels letzte Atemzüge galten.

Mai 1930

Von den nahegelegenen Streuobstwiesen wehte ihm der süße Duft sich öffnender Apfelblüten entgegen. Tief sog er ihn ein und schloss dabei für ein paar Sekunden die Augen, während die ersten Sonnenstrahlen des Tages sein Gesicht wärmten. Das Brummen einer Hummel, die dicht an ihm vorbeiflog, gesellte sich zum rhythmischen Geklapper der Pferdehufe. Zusammen mit dem wohlvertrauten Rollen der Räder seines Wohnwagens bildeten sie eine höchst eigenwillige Melodie, die immer dann, wenn er auf dem holprigen Feldweg in ein Schlagloch eintauchte, einen Kontrapunkt erhielt. Rafael hätte vor Freude laut jauchzen können. Er war glücklich. Er liebte es, unterwegs zu sein. Die Räder seines Wagens waren seine Flügel der Fortbewegung. Schon drei Mal hatte er ein Flugzeug gesehen: Das erste Mal, da war er gerade in Frankreich unterwegs gewesen, einen Doppeldecker. Dann im letzten Jahr, genauer gesagt am 20. Oktober 1929, hatte er durch Zufall dem Jungfernflug des ersten Flugbootes der Dornierwerke beigewohnt. Dass er ein paar Wochen später den neuen Star der Zeppelinflotte zu sehen bekommen sollte, grenzte förmlich an ein Wunder. In seinen kühnsten Träumen hätte er das nicht erwartet. Aber direkt über seinen Kopf hinweg war die riesengroße, brummende Zigarrenhummel geflogen. Noch am gleichen Tag hatte er sich in Friedrichshafen eine Zehnerpostkarte mit echt Fotografien gekauft, die er seitdem wie einen Schatz hütete.

»Baunummer: LZ 127 (das 117. Zeppelin-Luftschiff). Eigentümer: Luftschiffbau Zeppelin GmbH, Friedrichshafen a. B. Hauptabmessungen: Nenn-Gasinhalt des Tragkörpers 105 000 cbm. Länge 236,6 m. Größter Durchmesser 30,5 m. Größte Höhe 33,7 m. Stromlinienkörper (Querschnitt: regelmäßiges 28-Eck)«, rezitierte er leise den umseitigen Text, ehe er lautstark singend mit seiner Lieblingsstelle fortfuhr: »530pferdige direkt gesteuerte Maybach-Motoren für Betrieb mit gasförmigen oder flüssigem Brennstoff.«

Seitdem stellte er sich jedes Mal 530 geflügelte Schimmel vor, die ihn in rasendem Galopp durch die Luft zogen. Was für ein Spaß! Natürlich war diese Vorstellung vollkommen abstrus, und er würde sich hüten, sie jemanden zu erzählen, aber hin und wieder der eigenen Phantasie freien Lauf zu lassen, schadete schließlich niemanden. Allein die Vorstellung, dass sein eigener Rappe hier auf Erden von 530 imaginären weißen Bundesgenossen begleitet wurde, beflügelte ihn und ließ ihn in Gedanken zu ungeahnten Höhenflügen aufsteigen. Höher und höher ging es, bis zu den Sternen, ja, bis zur Sonne hinauf.

Ganz kurz meinte er Popo zu hören, der ihm hinterherrief: »Denk an das Märchen vom fliegenden Prinzen, Rafael. Er flog zu hoch hinaus. Seine Flügel fingen Feuer, sodass er abstürzte!«

Aber im Gegensatz zu ihm, beruhigte Rafael sich, hatte dieser auch keine 531 galoppierenden Helfer gehabt, die mit einem als Zigarre getarnten Schiff durch die Luft segelten. Was zum Teufel sollte einem da schon passieren?

Rafael lachte aus vollem Herzen, bis ihn urplötzlich ein recht irdischer Stolperstein unsanft auf den harten Boden der Tatsachen zurück katapultierte.

Doch ein Absturz!, dachte er erstaunt. Was musste er auch an diesen griesgrämigen alten Kerl denken, der an allem und jedem etwas auszusetzen hatte und mit den schicksalsträchtigen Mule2 auf Du und Du stand? Natürlich mussten die ihm prompt einen Stolperstein in den Weg legen, über den er fuhr! Hatten die denn nichts Besseres zu tun? Immer mussten sie ihn ärgern!

»Dio!«, schimpfte er. »Setz mich in der Wüste aus. Fülle sie bis zum Rand mit feinstem Sand. Verstecke darin einen einzigen Stein, dessen Spitze herausschaut. Anschließend lass hundert Männer sie durchqueren. Garantiert werde ich der Einzige sein, der darüber stolpert.«

Verärgert sprang er vom Wagen und lief einmal um ihn herum, um sämtliche Räder zu kontrollieren. Verflixt und zugenäht! Er konnte froh sein, dass ihm dabei kein Rad oder gar die Deichsel zu Bruch gegangen war. Wütend über sich selber schüttelte er den Kopf und dachte mit leisem Bedauern daran, wie das Zigarrenschiff mitsamt seinen 530 Schimmeln die Wolkendecke durchbrach, während er sich hier auf Erden mit den Tücken des Alltags herumschlagen musste. Und was für Tücken! Rafaels Gesicht verdüsterte sich zusehends erneut, während er wieder auf den Bock kletterte. Vor knapp zwei Tagen war er Popo zum letzten Mal begegnet. Die ganze Familie hatte gerade am nahe gelegenen Fluss ihr Lager aufgeschlagen, als ein kleiner Trupp Landjäger sie dort aufspürte.

Ein Terrier in Uniform

Müde von der langen Reise und über und über mit Staub bedeckt, waren sie gerade im Begriff, ihr Nachtlager am Waldrand aufzuschlagen, als sie unvermittelt von einem rothaarigen Landjäger angebellt wurden: »He, ihr da … macht, dass ihr weiterkommt! Ihr dürft hier nicht kampieren!«

Rafaels Vater warf dem kleinwüchsigen Landjäger einen kurzen taxierenden Blick zu, widmete sich dann aber wieder in aller Ruhe seiner braunen Stute. Erst nachdem er zu guter Letzt das Zaumzeug an einem extra dafür am Wagen angebrachten Nagel aufgehangen hatte, schenkte er dem anfangs fassungslos, mittlerweile jedoch wütend dreinblickenden Landjäger seine Aufmerksamkeit.

»Guter Mann«, erklärte Rafaels Vater ihm derweil bedächtig, »wir haben kleine Kinder. Die sind müde. Der nächste Ort ist weit weg. Das dort befindliche Amt hat zu. Der Mann, der da arbeitet, ist nach Hause gegangen. Er ist bei seiner Familie. Seine Kinder liegen in ihren weichen Betten. Er aber hat sich in seinen Sessel gesetzt. Er raucht eine Zigarette. Er ist sehr Müde von all der Arbeit, die er heute hat machen müssen. Er will vergessen.«

»Ich werde mich auch gleich vergessen, wenn ihr nicht bald von hier abhaut!«, fiel ihm der Rothaarige brüllend ins Wort, und schleuderte im gleichen Atemzug sein Fahrrad in einen nahen Brombeerbusch, um sich, hochrot im Gesicht geworden, in einer drohenden Pose vor seinem Gegenüber aufbauen zu können.

Aber Rafaels Vater ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Gleichbleibend freundlich fuhr er fort: »Morgen Herr Landjäger …, morgen gehe ich aufs Amt. Jetzt hingegen werde ich dem für heute müde gewordenen Herrn Amtsvorsteher seine wohlverdiente Ruhe lassen. Morgen ist er frisch und munter, und dann werde ich ihn – so wahr ich Anton Zlobek heiße – um eine Aufenthaltsgenehmigung bitten, die er mir gütigst überreichen wird.«

»Du hast mich wohl nicht verstanden, du Dreckszigeuner!? Ihr sollt verschwinden! Lumpenpack wie euch, wollen wir hier nicht haben!«

Popo, der bis dahin das Ganze aus nächster Nähe beobachtet und zunehmend mit Sorge registriert hatte, wie sehr der rothaarige Landjäger sich in seine Wut hineinsteigerte, entschloss sich in das Geschehen einzugreifen und beförderte nach wenigen Sekunden ein weißes Papier aus seiner Brusttasche, das er der aufgebracht tänzelnden Terriernatur wortlos entgegenhielt.

»Was ist das?«, bellte diese ihn an.

»Genehmigung von unserem letzten Aufenthaltsort.«, antwortete Popo ihm in seiner tiefsten Erzählerstimme, die normalerweise jeden in der Lage war, zu besänftigen, nur in diesem Fall augenscheinlich kläglich versagte. Denn statt, dass die Terriernatur sich beruhigte, steigerte sie sich nur um so mehr in ihre Wut hinein und schlug Popo die Bescheinigung aus der Hand.

»Interessiert mich nicht!«, tobte sie indessen, schäumend vor Wut. »Von mir aus könnt ihr direkt wieder umkehren und dahin zurückfahren, oder noch besser: Schert euch dahin, wo der Pfeffer wächst!«

Rafaels Vater nickte verständnisvoll, was den Rotschopf, der insgeheim mit allem nur nicht mit Zustimmung gerechnet hatte, allmählich ins Stocken geraten ließ. Die Anzahl seiner hektischen Schritte, die sich auf ein Areal von wenigen Zentimetern beschränkte, verringerte sich zusehends. Schon meinte Rafael aufatmen zu können – wie es schien, war es seinem Vater gelungen, den Zündmechanismus dieser menschlichen Granate zu entschärfen –, als ausgerechnet Popo das hauchfein austarierte Gleichgewicht der Streitkräfte wieder ins Wanken brachte.

Besorgt, dass die auf dem Boden liegende Friedensfahne in Form von einer abgelaufenen Aufenthaltsgenehmigung davon geweht werden könnte, bückte Popo sich nach ihr und brachte damit die menschliche Granate zur Explosion.

»Ich habe dir«, brüllte der jähzornige Landjäger zwischen einzelnen Schlägen in Popos Ohr, »… nicht erlaubt, … dass du … den Wisch … aufheben darfst …«.

Viel weiter kam er nicht. Denn schon im nächsten Augenblick versuchte Rafael sich mit einem Hechtsprung auf ihn zu stürzen, landete aber dank einer unvorhergesehenen Drehung der beiden Männer auf Popo und begrub ihn stöhnend unter sich.

Dem Rotschopf war es gleich. Er war nicht wählerisch. Statt auf Popo drosch er jetzt blindlings vor Wut auf Rafael ein.

Schlag auf Schlag folgte bis einer der beiden Landjäger, die bis dahin eine Statistenrolle übernommen hatten, aus eben dieser erwachte und sich seiner erbarmte.

»Geh Franz … hör auf! Lass das arme Schwein in Ruh!«

Noch während er versuchte, den Arm des Tobenden festzuhalten, meinte er an Zlobek gewandt: »Und ihr schaut zu, dass ihr schleunigst von hier wegkommt, und zwar auf der Stelle, sonst kann ich für nichts mehr garantieren!«

Zlobek nickte nur und half dem immer noch benommenen 74jährigen Popo auf die Beine.

Gerade als Rafael sich selber mühsam aufzurichten versuchte, brüllte die eine Oktave im Ton höher gewordene Terriernatur lauthals: »Der da kommt mit!«, und wies dabei mit seinem Zeigefinger auf Rafael. »Der ist gemeingefährlich!«

»Franz, komm schon …!«, versuchte dieses Mal der andere Landjäger ihn zu beruhigen.

»Hast du gesehen, was der Schweinehund gemacht hat? Tätlich angegriffen hat er mich!«, dabei ruhte sein Blick hasserfüllt auf Rafael.

»Lass es gut sein Franz!«

»Der kommt mit, habe ich gesagt!«

Und so wurde Rafael an diesem Abend, begleitet von drei Landjägern, mit auf das nächste Polizeirevier geführt, wo man ihn fürs Erste in eine Zelle einsperrte, um ihn am nächsten Morgen verhören zu können.

Der Wagen ruckelte und riss Rafael für einen kurzen Moment aus seinen düsteren Erinnerungen heraus, ehe er wieder in sie abtauchte.

In ein kahles Zimmer hatten sie ihn geführt, wo alles seinen generalstabsmäßigen Verlauf nahm.

Ein hageres Wieselgesicht von Gendarm beschäftigte sich zunächst mit den Eckdaten seines statistischen Daseins und trug sie gewissenhaft in ein Formular ein, das von einem Reichsadler gekrönt wurde. Anschließend folgte das obligatorische Abnehmen der Fingerabdrücke in zweifacher Ausführung. Schöne, kleine, fein gezeichnete Fingerlabyrinthe auf weißem Papier, die jedes für sich genommen, von einem ebenso feinen, kleinen, schwarzen Kästchen umrahmt wurden.

Kaum hatte er auf dem Papier sein letztes Fingerlabyrinth hinterlassen, empfing es auch schon seine nächst höhere Weihe: Zunächst wurde ihm ein offizielles Aktenzeichen verliehen, welches auf einer wohlkalkulierten Mischung aus arabischen und römischen Zahlen basierte. Kaum vollbracht, folgte die amtliche Bestätigung einer amtlichen Bestätigung in Form von zwei zusätzlichen Stempeln. Fasziniert schaute Rafael zu, wie sich der rund gerahmte Reichsadler einerseits sowie der in Lettern gebannte Name des horizontal unterstrichenen zuständigen Polizeireviers andererseits zu seinen separiert kasernierten Fingerlabyrinthen gesellte. Aber erst mit der Unterschrift des Beamten wurde das Papier zu einem staatlich sanktionierten, papiernen Beleg seiner physischen Existenz. Akkurat in einer Akte abgeheftet, verschwand es in den tiefen Tiefen der bürokratischen Verwaltung, wo es seiner weiteren ominösen Bestimmung harrte.

Rafael runzelte die Stirn. Auch in seinem Wagen befand sich ein solches Papier. Zumindest ein recht ähnliches. Zusammen mit seinem Ausweis hatte sein Vater es einen Tag später dem Wieselgesicht überreicht, sodass er das Revier hatte verlassen können. Auf jeden Fall nannte sich dieses Dokument Bescheinigung. Geschmückt wurde es – wie sollte es anders sein – von seinen Fingerlabyrinthen, die mittlerweile inflationär auftauchten. Zusammen mit einem Lichtbild sowie einer exakten Beschreibung besonderer Kennzeichen – er besaß einzig und allein am rechten Fuß einen kleinen Zeh, der sich dank eines Pferdetritts zu weit nach außen wölbte, was wiederum seinerzeit einen Amtsarzt dazu bewogen hatte, selbige Krümmung in den Status einer dokumentarischer Relevanz zu erheben – sollte so in Kombination mit seinem Personalausweis von jedem Außenstehenden jederzeit seine physische Existenz objektiv überprüft werden können.

Rafael biss sich nachdenklich auf die Unterlippe. Ein abstehender kleiner Zeh, der sich bei einer verbrieften Länge von 4,3 Zentimeter um 7,2 Grad zu weit nach außen wölbte sowie 10 Fingerlabyrinthe wurden als Garanten seiner Existenz angesehen – einfach lächerlich!

Rafael schüttelte den Kopf. Den Zeh durfte er unreproduziert weiter mit sich herumtragen. Die 10 Fingerlabyrinthe wurden hingegen – sofern er richtig informiert war – in Zweitanfertigung an eine in München sitzende arme Kreatur geschickt, die förmlich unter einem Berg an Fingerabdrücken ertrinken musste. Armes Schwein!, dachte er. Aber vielleicht schwamm der arme Kerl sich frei, indem er Abdruck für Abdruck aus seiner schwarz umrandeten Rahmung herausschnitt und auf eine Tapete klebte. In München hatte er einmal in einem Geschäft so eine Tapete gesehen. Gut, die goldfarbenen Kringel auf blass-blauem Grund hatten etwas anders ausgesehen, aber eine gewisse Ähnlichkeit mit seinen Fingerlabyrinthen war durchaus vorhanden gewesen. Vielleicht hatte der Mann sich davon inspirieren lassen und verkaufte sie jetzt an irgendwelche höheren Beamten, die ihre Amtsstuben damit schmückten? Andererseits hatte er noch nie eine tapezierte Amtsstube zu Gesicht bekommen. Sie waren immer in diesem abscheulichen Amtsstubenkalkweiß gestrichen und dünsteten eine derart nüchterne Kälte aus, dass ihm allein bei dem Gedanken daran schauderte.

Vielleicht durften Amtstuben gar nicht tapeziert werden? Die Gefahr, dass sich die Gedanken ihrer Bewohner in den schmalen Gängen winziger Fingerlabyrinthe verirrten, war mit Sicherheit viel zu groß! Nicht umsonst war jeder einzelne Abdruck in einem eigens für ihn vorgesehenem Kästchen kaserniert worden. Doch was zum Kuckuck stellten sie mit den ganzen Bögen an, die tagtäglich München erreichten?

Ein heftiger Ruck brachte die Töpfe im Innern seines Wagens zum Scheppern und katapultierte ihn aus dem fernen München ins Hier und Jetzt zurück. Die gedankliche Schieflage erreichte durch Kosaks scheppernden Fehltritt wieder eine Waagerechte und ließ Rafael einen Blick auf seine Umgebung werfen.

Ohne es zu bemerken, hatte er fast schon sein Ziel erreicht. Denn unmittelbar vor ihm breitete sich das Panorama einer im Tal gelegenen Kleinstadt aus, deren rote Satteldächer das karge Grün der in Reih und Glied stehenden Baumkronen auflockerten. Da, wo die Baumkronen am akkuratesten standen, musste es sich um die Hauptstraße handeln. Sie wurde ihrerseits in der Mitte vom Rathausplatz unterbrochen, dem Rafael ein eigenes, großflächig angeordnetes Karree aus Baumkronen zuordnen konnte. Verlies man diesen Platz und folgte dem weiteren Verlauf der Straße, so wurde man auf den architektonischen Höhepunkt des Ortes geführt: Der auf einer leichten Anhöhe stehenden Kirche, die mit ihrem Glockenturm alle anderen senkrechten Bestrebungen überragte.

Halb geblendet von den sich in den Dachfenstern spiegelnden Sonnenstrahlen, betrachtete er sie: Schwarz und selbstbewusst stieß sie ihr spitzes Dach in den blauen Himmel. Zusammen mit dem Markt bildete sie das Zentrum kleinstädtischen Lebens. Wie sollte es auch anders sein? Alles hatte eben seine Ordnung!

Ein verschmitztes Lächeln stahl sich in Rafaels Gesicht.

Und was für eine Ordnung!, dachte er breit grinsend. Denn genau gegenüber der Kirche würde man auch hier ein Haus finden, in dem sich das Bordell befand, das obligatorisch zu einer Kleinstadt gehörte, wie Hammer und Amboss in eine Schmiede. So war es immer: Himmel und Hölle lagen nun einmal dicht nebeneinander. Dem einem stand der Himmel näher, dem anderen die Hölle, beziehungsweise der Genuss irdischer Güter. Daran konnten auch nichts die Kirchenglocken ändern, die laut und vernehmlich anfingen zu läuten.

Wer jetzt noch schlafen will, hat schlechte Karten, dachte Rafael. – Wie heißt es so schön? Carpe diem, nutze den Tag! Die Frauen würden beim ersten Glockenschlag in die Kirche hasten, während die Männer ganz andere Pfade gewillt waren einzuschlagen. Gemütlich würden sie das nächstbeste Wirtshaus ansteuern, um hier ihren sonntäglichen Frühschoppen zu genießen, ehe es sie Punkt 12 Uhr zu Schweinebraten und Kartoffeln wieder heimwärts führte. Alles hatte eben seine Ordnung. Nur heute nicht! Denn heute war Markttag.

Markttag

Jedes Jahr wurde in der Stadt am ersten Maiwochenende ein großer Jahr- und Viehmarkt abgehalten, und wie jedes Jahr waren auch er und seine Familie dabei. Mit etwas Glück würde er seinen Vater auf dem außerhalb der Stadtmauern angelegten Viehmarkt treffen. Ganz im Gegensatz zu seinen Schwestern: Die zogen den im Stadtkern abgehaltenen Jahrmarkt vor, um dort den gutgläubigen Backfischen aus der Hand zu lesen.

Ein breites Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. Die Wahrsagerei der Frauen war ein einträgliches Geschäft, das übers Jahr gerechnet, oft mehr einbrachte als der gesamte Pferdehandel. Seine kleine Schwester Lara konnte ein Lied davon zu singen. Sie wusste ganz genau, wie man den Gadje3 das Geld aus der Tasche zog. Das richtige Minenspiel zur richtigen Zeit gepaart mit einigen gezielt eingesetzten Ahs und Ohs und schon füllten sich bei ihr die Taschen mit Geld. Mit Leichtigkeit würde sie eines schönen Tages eine ganze Familie ernähren können. Der Mann, der sie bekam, konnte stolz auf sie sein. Er würde sich wie fast alle Männer seiner Familie deshalb fast ausschließlich dem Pferdehandel widmen können.

»Was ich jetzt langsam aber sicher auch endlich tun sollte!«, ermahnte Rafael sich selber. »Wenn ich weiter so trödele, komme ich nie an!«

Rafael schnalzte laut mit der Zunge und lenkte seinen Rappen in Richtung Viehmarkt.

Je näher er kam, desto lauter wurden die Geräusche. Gänse schnatterten, Schafe blökten und Schweine grunzten. Und wie es aussah, waren auch schon die ersten Tiere verkauft worden. Von weitem hörte Rafael die neuen Besitzer Rufen und Schreien, während ihr neu erworbenes Vieh lauthals gegen seinen Abtransport protestierte. Ein Pferd wehrte sich derart vehement mit Püffen und Bissen gegen die unsanfte Untersuchung seines Gebisses, sodass sein potentieller Käufer laut fluchend von einer weiteren Betrachtung absah und trotz etlicher Beschwichtigungsversuche seitens des Händlers lieber das Weite suchte. Zum Ausgleich dazu wurden sich ein paar Meter weiter Verkäufer und Käufer über den Preis zweier Mastferkel einig. Beide spuckten gezielt in die eigene Hand und besiegelten den Handel lauthals mit einem Handschlag.

Ja, es war Viehmarkt, und Rafael genoss es.

»Rafael!«, hörte er plötzlich eine helle Knabenstimme rufen. Es war sein kleiner Bruder Kore, der sich durch die lauthals schimpfende Menge wand und aufgeregt auf ihn zugerannt kam. »Wir sind hier. Papa hat schon vor ner Stunde deinen Schimmel verkauft.«

Rafael winkte ihm lächelnd zu und lenkte seinen Wagen auf einen etwas abseits stehenden Platz, wo sich zwei weitere Wagen befanden.

»Warum hat das so lange gedauert?«, fragte Kore, der mittlerweile zu ihm auf den Bock geklettert war, um sich die letzten paar Meter bis zum Stellplatz fahren zu lassen. »Wir haben dich schon gestern Abend erwartet. Dahinten im Bach gibt es Forellen. Ich habe zwei gefangen. Die eine war soooo groß.« Kore breitete die Arme weit auseinander und strahlte ihn mit seinen nussbraunen Augen an.

»Muss ja 'nen mächtiger Kampf gewesen sein!«

»Wenn du mir nicht glauben willst, kannst du ja Popo fragen!«, gab er frech zurück und sprang im nächsten Augenblick vom Bock herunter. »Bis später Raf!«, dabei hob er lässig die Hand zum Gruß. »Hab 'nen Friesen entdeckt, den ich mir genauer anschauen muss.« Und schon war er im dichten Gedränge der Menge verschwunden. 

Nachdem Rafael Kosak ausgespannt und mit Futter versorgt hatte, steuerte er den Markt an. Mit etwas Glück würde er heute ein paar Pferde finden, die er im Herbst wieder mit Gewinn verkaufen konnte.

Interessiert warf er einer kleinen, braunen Stute einen Blick zu. Unscheinbar stand sie neben einem schwarzen Hengst, der bei einigen Gadje Aufsehen erregte.

Dass bisher niemand bemerkt hat, dass der Händler seine Blässe mit schwarzer Schuhwichse eingefärbt hat, grenzt an ein Wunder!, staunte Rafael. Dabei war das nun wirklich nicht zu übersehen! Und die stumpfe Stelle dort auf der Kuppe verriet eindeutig, dass das Tier zuvor mit Bier abgerieben worden sein musste. Wie sonst hätte es in der Sonne so glänzen können? Also wirklich, wie dumm die Gadje doch waren?! Kopfschüttelnd wandte er sich ab und machte sich auf den Weg in Richtung Innenstadt.

Im Gegensatz zum lautstarken Treiben auf dem Viehmarkt herrschte auf dem Jahrmarkt kaum Betrieb. Die Händler warteten darauf, dass die ersten Kirchgänger endlich die Messe verließen, nutzten aber gleichzeitig die ihnen verbliebene Zeit, um ihre Waren noch ein letztes Mal umzustellen. So drapierte der eine ein Stück Stoff neu, während ein anderer in aller Ruhe die letzten frisch gebrannten Mandeln in eine rot-weiß-gestreifte Tüte füllte.

Amüsiert beobachtete Rafael das gemächliche Treiben und schlenderte von einem Stand zum nächsten. Alles, was das menschliche Herz begehren konnte, war vorhanden: Stoffe, Seifen, Keramik, die ganze Palette der Handwerkskunst. Und auch für das leibliche Wohl war gesorgt. Der Duft von frisch gebackenem Brot vereinte sich mit dem von geräuchertem Speck und über offenen Feuerstellen brutzelndem Fleisch. Überall, wo man nur hinschaute, bogen sich die Stände unter der Last der Backwaren, Süßigkeiten und Fleischwaren. Einmach- und Marmeladengläser, in denen die Obstfülle des vorangegangenen Jahres eingefangen war, stapelten sich zu gefährlichen Höhen, während die dunkelrot und golden schimmernden Likörflaschen von den Sonnenstrahlen zum Funkeln gebracht wurden.

Gerade als er an einem Würstchenstand vorbeiging, fing sein Magen an, laut und vernehmlich zu knurren.

»Ei, a hübsch Zigeuner …Auf Freiersfüßen, was? Wenn's Geld hast, kannst eins haben. Is a gute Stärkung …«, rief ihm eine helle Frauenstimme zu, nicht ohne ihm ein zweideutiges Lächeln hinterherzuschicken.

Rafael drehte sich nicht um. Er konnte Gadjeweiber nicht ausstehen, die meinten, dass jeder Zigeuner ein geiler Bock sei. »Und wenn ich verhungere, die kann sich ihre Würste sonst wohin stecken.«, brummte er missmutig vor sich hin.

Seine Stimmung änderte sich erst, als sein Blick auf einen gegenüberliegenden Stand fiel, dessen Tische sich unter der Last frischer Semmeln und Teilchen bogen.

Demonstrativ lenkte er seine Schritte dorthin und erstand mit laut klingender Münze zwei Milchsemmeln, was von der aller Illusionen beraubten Marktfrau mit einem verächtlichen Schnauben und einem: »Wohl was Besseres der Herr Zigeuner …«, kommentiert wurde.

Jetzt erst recht!, dachte Rafael, und steuerte gezielt einen weiteren Stand an, an dem sich sein Besitzer auf luftgetrocknete Schinken und Jagdwurst spezialisiert hatte.

Bestens ausgerüstet mit Fleisch in der einen und zwei Milchsemmeln in der anderen Hand, kehrte er zurück und schlenderte erneut an ihrem Stand vorbei, um zum nonverbalen Gegenschlag auszuholen, indem er direkt vor ihrer enttäuschten Nase genüsslich in seine Jagdwurst hinein biss.

Die um ihren merkantilen Erfolg gebrachte Budenbesitzerin ließ einen kleinen empörten Aufschrei hören, ehe sie zum vernichtenden Schlag ausholte und ihm ein: »Dreckiger Hundsfot! Hast eh das Geld geklaut. Dei Sippschaft kann das gut!«, hinterher schoss .

Schon wollte Rafael das Ganze mit einem: »Und du hast das über-den-Tisch-ziehen mit der Muttermilch aufgesogen …«, parieren, als sich mit einem weit über den Markt schallendem AMEN die Kirchentore weit öffneten, sodass die ersten ungeduldigen Kirchgänger die Messe verlassen konnten, um sich in den Niederungen des irdischen Lebens zu verlustieren.

Amüsiert beobachtete Rafael, wie der gläubige Rest um einen Schlussakkord verzögert, das Tor zur Freiheit durchschritt, was die am Fuß der Kirche stehenden Händler endgültig aus ihrer Lethargie holte und in rege Betriebsamkeit versetzte.

»Bänder, seidene Bänder und Spitzen«, konkurrierten mit einem Mal lautstark mit: »Würstchen«, »Essigmuttern«, »Spinatsamen« und »Besen« um die Wette. Doch ein Teil der so Beworbenen hatte anderes im Sinn. Statt in das Jahrmarkttreiben einzutauchen, strebte ein Großteil der Männer, die doch den Weg in die Kirche gefunden hatten, strammen Schrittes dem sonntäglichen Frühschoppen entgegen. Himmlisches Manna wollte trotz missmutig hinterher geworfener Blicke von Seiten der so verlassenen Ehefrauen gegen irdisch gebrautes Bier oder gar hochprozentigen Schnaps eingetauscht werden.

Rafael musste unwillkürlich laut Auflachen, als er sah, wie selbst der Pfarrer, der mittlerweile seinen Talar gegen eine einfache, schwarze Soutane ausgetauscht hatte, geschickt einigen geschwätzeshungrigen Witwen auswich und treppab Richtung Grüner Bock eilte. Schon wollte er sich diesem irdischen Vertreter einer himmlischen Instanz anschließen, als er aus den Augenwinkeln ein junges Mädchen bemerkte, das auf das Markttreiben herabschaute. Ihr zu einem Kranz geflochtenes, weizenblondes Haar leuchtete golden im Sonnenschein und verlieh ihr einen unfreiwilligen Heiligenstatus, der allerdings durch die Lebensfreude, die sie ausstrahlte, zerstört wurde.

Wie alt sie wohl sein mochte, fragte Rafael sich. Achtzehn? Neunzehn? Älter auf keinen Fall!

Plötzlich wurde das Mädchen von einer alten Matrone fest am Arm gepackt. Beide wechselten kurz ein paar Worte miteinander. Die Mine des Mädchens verdunkelte sich dabei zusehends, während die alte Matrone zeitgleich ein paar grimmige Blicke auf das Marktgetümmel herabschoß.

Aha, dachte Rafael, da wo Licht ist, ist auch Schatten; und was für ein Schatten! Wer mit einer derart grimmigen Miene herumläuft, darf sich nicht wundern, wenn ihm die Milch vor Schreck sauer wird. Schade! Das war es dann wohl.

Mit einem letzten bedauernden Blick auf die helle Lichtgestalt, wollte Rafael sich abwenden, als er sah, wie sie die Stufen herabzutänzeln begann.

Was für ein Gang! Rafael schüttelte ungläubig den Kopf und geriet ins Schwärmen: Da ist Musik …, da ist Harmonie …, da ist Grazie drin! Wie sie schwebt, wie sie tanzt … Oh, dio! Ein Gang zum Niederknien. Das Mädchen hat Musik im Blut. Diese Harmonie, diese Lebensfreude … Selbst mit dem schweren stereotypen Grundschlag der Matrone, der in einem immer gleichen, stapfendem Tam, Tam, Tam bestand, schien sie zu spielen, indem sie ihn in jeder dritten Stufe aufnahm, nur um ihn direkt wieder aufzubrechen und in ein beschwingtes Tamtam umzuwandeln. Das Mädchen war wirklich fleischgewordene Musik, war Rhythmus pur. Es war einfach unbeschreiblich!

Ungewollt summte er mit. Niemals in seinem Leben hätte er es für Möglich gehalten, dass eine Gadje sich derart bewegen konnte. Doch halt! Ihr Gang hatte sich verändert. Etwas Zögerndes, Schweres, Erdiges hatte sich eingeschlichen und sie aus dem beschwingten Takt ihrer leichtfüßigen Schritte geraten lassen. Immer schwerer und langsamer war ihr Gang geworden, bis sie endgültig auf einer der noch wenigen, ihr verbliebenen Stufen stehen blieb.

Rafael runzelte die Stirn, als er ihrem Blick folgte, der auf einem schlanken, jungen Mann verharrte.

Wie ein im Wind schwankender Rohrkolben hatte er sich vor den beiden Frauen aufgebaut und fuchtelte mit den Armen, um einigermaßen aufrecht stehenzubleiben.

Besoffen! Der Kerl ist schlicht und einfach besoffen, stellte Rafael nicht ohne ein gewisses Maß an Schadenfreude fest, während er neugierig das weitere Geschehen beobachtete.

Innerhalb eines Sekundenbruchteils hatte das Gesicht der sauertöpfischen Matrone erst einen verschämten, dann einen trotzigen Ausdruck angenommen, ehe es das Leiden schlechthin manifestierte. Ein sich unmittelbar anschließender Wortschwall, der zielgerichtet auf den jungen Mann niederprasselte, sollte ihn wohl zur Räson bringen, aber die von ihr erhoffte Wirkung stellte sich nicht ein, sodass sie letztlich in einer gekrümmten Haltung erstarrte.

Der junge Mann hingegen, der die Worte der Matrone mit einer harschen Handbewegung abgewehrt hatte, wandte sich dem Mädchen zu, welches den Schwankenden mit bleicher, ausdrucksloser Miene anschaute. – Die Gerade pariert die Schräge, schoss es Rafael durch den Kopf. Und was für eine Gerade! Bewundernd verfolgte er, wie das Mädchen der Hitze des jungen Mannes eine eisige Kälte entgegensetzte, die ohne ein einziges Wort oder eine überflüssige Geste auskam.

Gleichwohl so ganz ans Aufgeben dachte das schwankende Schilfrohr auf zwei Beinen noch nicht. Je abweisender das Mädchen sich benahm, desto hitziger gebärdete sich der junge Mann, bis er schließlich an einen Punkt gelangte, an dem er sein Gleichgewicht verlor und der Länge nach hinfiel.

Rafael lachte laut auf. Die Schräge war abrupt in die Horizontale geraten und bildete mit der Geraden einen perfekten Winkel von 180 °, während etwas abseits eine gramgebeugte Kurve verloren im Raum stand. Doch sowohl Krümmung, Gerade als auch Horizontale gerieten jetzt in Bewegung: Noch während die Matrone dem jungen Mann wieder auf die Beine verhelfen konnte, umrundete das Mädchen die beiden ineinander verhakten Körper und schritt hoch erhobenen Hauptes durch die kleine Menschentraube, die sich in einigem Abstand um das Trio gebildet hatte.

Schade!, schoss es Rafael mit leisem Bedauern durch den Kopf. Aus dem vivace der tänzelnden Schritte war ein grave geworden. Und das nur, weil so ein besoffenes Schwein wie das da hier auftauchen musste.

»Hanna! … Nun … sei doch nicht so! … Komm schon…, du … du musst mir helfen …«. Hilfe suchend streckte der junge Mann die Hände nach dem Mädchen aus und versuchte ihr mehr schlecht als recht auf den Fuß zu folgen.

Gleichzeitig schickte ihm die sich wieder zur Gerade mutierende Matrone lauthals ein: »Karl, so beruhige dich doch mein Junge! … Oh, mein Gott …, oh, Gott! Karl, lass deine Schwester …«, hinterher.

Aha, der besoffene Kerl hieß also Karl und war ihr Bruder, während es sich bei der entkrümmten Matrone um ihre Mutter handeln musste.

Rafael schüttelte den Kopf. Ein erwachsener Rom würde es niemals wagen, sich und seine Familie in der Öffentlichkeit derart bloßzustellen. Was dachte sich der junge Mann nur dabei?

Angewidert spuckte er auf den Boden. Noch während er sich von der ganzen Szenerie abwenden wollte, bemerkte er aus den Augenwinkeln, wie dieser Grobian seine Schwester unsanft zu packen bekam und ihr dabei einen derart heftigen Ruck versetzte, dass sie zu stürzen drohte. Doch alles ging gut. Noch bevor er ihr zu Hilfe eilen konnte, gelang es dem Mädchen sich im allerletzten Moment zu fangen.

»He, du …! Lass das Mädchen endlich in Ruhe!«, fuhr Rafael unwillkürlich den jungen Mann an.

»Misch … dich da … nicht ein!«, knurrte dieser zurück. Zugleich quetschte er Hannas Arm dabei dermaßen stark, dass diese vor Schmerz laut aufschrie.

Das reichte! Rafael bewegte sich drohend auf den jungen Mann zu. »Und ich hab dir gesagt, dass du das Mädchen loslassen sollst!«

»Und ich … hab dir gesagt, … dass dich das nichts angeht, … du Drecksfot!« Im nächsten Augenblick versetzte er Hanna einen Stoß, sodass sie unter einem lautem Aufschrei auf die Knie stürzte.

»Karl! … Mein Gott, Karl! … Junge!… deine Schwester, du kannst doch nicht …« Hilflos blickte die Matrone abwechselnd auf Tochter und Sohn. Noch während Erstere versuchte mit vor Scham gerötetem Gesicht und blutenden Knien wieder auf die Beine zu kommen, stürzte Karl sich schwankend auf Rafael, nicht ohne ein: »Dir werde ich’s zeigen!«, zu brüllen.

Doch Rafael gelang es, Karls Angriff geschickt auszuweichen, sodass dieser torkelnd an ihm vorbeistürmte und stattdessen in den Stand eines Imkers krachte, wo er begraben von einer wahren Flut herabstürzender Honiggläser auf dem Boden liegenblieb.

»Mein Junge! Mein armer Junge!«, hörte Rafael Karls Mutter in einer Mischung aus blankem Entsetzen und purer Besorgnis kreischen, während sie ihm hilflos eine klebrige Strähne nach der anderen aus der Stirn zu streichen versuchte.

»Das wirst du mir alles bezahlen!«, wütete derweil der aufgebrachte Imker in Karls Richtung.

»Nichts da! Der da…! Der da ist an allem Schuld!«, verteidigte Karls Mutter entschlossen ihren Sohn und schoss pfeilschnell einen hasserfüllten Blick auf Rafael, dem sich ein ebenso schnell auf ihn gerichteter Zeigefinger seitens der Matrone anschloss. »Der hat meinen Sohn angegriffen. Ich habe es ganz genau mit meinen eigenen Augen gesehen!«

Einzig der Imker ließ sich nicht beirren. Renitent, wie er in den Augen der Matrone war, stieß er ein unwilliges Schnauben aus und ließ Karl nicht für einen einzigen Augenblick aus den Augen. »Ich weiß ganz genau, wer mir die Gläser zertrümmert hat! Und das ist das Bürschchen hier gewesen! Und so wahr ich Alfons Jager heiße, wirst du mir dafür bezahlen!«

»Der ist es gewesen! Der da!«, beharrte Karls Mutter steif und fest.

»Ge … nau!«, unterstützte Karl lallend seine Mutter und fügte der süßlich duftenden Honiglache den säuerlich riechenden Inhalt seines Magens hinzu, sodass der Imker angewidert Abstand von ihm nahm.

»Das ist nicht wahr!«, mischte sich Hanna dieses Mal ein. »Du weißt genau, dass es Karl war! … Wie immer!«, fügte sie leise in einem Nachsatz hinzu.

»Du fällst deinem eigenen Bruder in den Rücken?! Schämst du dich den überhaupt nicht?«, kreischte die von blinder Mutterliebe beseelte Matrone ihre Tochter an. »Der da ist nur Abschaum …, der da ist ein erbärmlicher Zigeuner!«, und wies dabei verächtlich mit ihrem Kinn in Rafaels Richtung.

Rafael wohnte indessen dem Debakel mit versteinerter Mine bei. Es war stets das gleiche Spiel: Egal, wer von den Gadje der eigentliche Übeltäter auch war, am Ende schob man es den Zigeunern in die Schuhe. So war es immer! Schon wollte er sich angewidert umdrehen und seiner Wege gehen, als ihn Hannas Blick traf und seine steinerne Fassade Schlag auf Fall, wie ein Kartenhaus in sich zusammenstürzte.

Blau – grau – grün. Die Farbe ihrer Augen war blau – grau – grün! Wie ein tosender Wildbach, der alles mit sich reißt. – Oh, dio! Ich bin verloren! Rettungslos verloren!, schoss es ihm durch den Kopf.

»… du Heuchlerin!«, hörte er sie schimpfen, als er endlich wieder in der Lage war, auf seine Umgebung zu achten. »Du bist eben erst da oben in der Messe gewesen und hast nichts Besseres zu tun, als prompt dein unseliges Gift zu verspritzen. Mach endlich die Augen auf! … Du verschließt vor allem, was dir nicht passt, die Augen! … Ganz besonders, wenn es diesen Kretin«, sie wies dabei auf Karl, »betrifft!«

»Wie kannst du es wagen …?« Vor lauter Empörung schnappte ihre Mutter nach Luft, während sie ihrem Sohn mit einem frisch gestärkten, weißen Taschentuch übers Gesicht strich. Doch dieser wehrte sich gegen jegliche Form mütterlicher Fürsorge und würgte stattdessen erneut eine undefinierbar stinkende Masse hervor, die das ehedem blütenweiße Taschentuch innerhalb von Sekunden seiner Stärke und Reinheit beraubte.

»Mein armer Karl!«, seufzte sie, nicht ohne ihrer Tochter abschließend einen vernichtenden Blick zuzuwerfen.

Mit einem Harschen: »Was ist hier los?«, wurde den sich aufpeitschenden Unmutswogen ein Damm in Gestalt eines rundlichen Polizisten vorgeschoben. Er hatte sich seinen Weg durch die sich immer größer werdende Menschenmenge gebahnt und stand jetzt breitbeinig vor den Kontrahenten.

»Der besoffene Kerl hier hat mir mein ganzes Geschäft ruiniert. Schauen sie sich das an …«, brauste der Händler los und fackelte damit den Streit wieder an.

»Das ist nicht wahr! Wie können sie meinem Sohn dafür die Schuld geben?«, verteidigte Hannas Mutter ihren Sohn. »Der da ist an allem Schuld. Der hat meinen Sohn provoziert!«, und warf Rafael einen derart galligen Blick zu, dass dieser unbewusst einen Schritt zurückwich.

»Ich weiß nur eines, ihr Sohn ist gegen meinen Stand geprallt und hat alles zerstört. Er muss bezahlen!«, beharrte der Händler auf seinem Recht.

»Sie unverschämter Kerl! Sie stecken mit dem da unter einer Decke. Am Ende sind sie auch noch einer von diesem Zigeunerpack!«, fauchte sie ihn verächtlich an, ehe sie sich an die breitbeinig vor ihr stehende Personifikation von Recht und Ordnung wandte: »Herr Wachtmeister, heutzutage ist man seines Lebens nicht mehr sicher ...«, jammerte sie. »Man wird von diesem Pack verleumdet, bestohlen und betrogen. Dieses …«, verächtlich blähte sie die Backen, um zum Abschluss den zwar wortlosen, dafür aber um so beredeter wirkenden Rest auszublasen.

»Jetzt wollen wir mal sachlich bleiben. Was genau ist hier passiert?«, hakte der Ordnungshüter in aller Ruhe nach.

Ein: »Das habe ich ihnen doch schon gesagt …«, kreuzte sich mit einem: »Der da …«, und wurde im selben Augenblick von einem: »Stopp!«, geblockt.

»Einer nach dem andern oder ich nehme sie alle mit aufs Revier!«, verwarnte sie der Ordnungshüter und vergrößerte dabei gleichzeitig seine Breitbeinigkeit um einige Zentimeter. »Sie, Bürschchen«, er wandte sich dabei mit finsterem Blick an Rafael, »stellen sich da hin.« Er zeigte demonstrativ auf eine Stelle neben Hanna, die sich von ihrer Familie abgewandt hatte. »Und jetzt zu ihnen beiden. Sie reden nur dann, wenn ich ihnen sage, dass sie etwas zu sagen haben!«

»Also wirklich!«, empörte sich die so zurechtgewiesene Matrone.

»Ist das klar?«, donnerte es im gleichen Augenblick auf sie herab.

Seelisch getroffen, aber körperlich unversehrt, beschränkte sich Hannas Mutter auf ein wortloses Nicken, währenddessen sie sich innerlich auf einen erbitterten Kampf vorbereitete, der nur ein Ziel kannte: Die Unschuld ihres Sohnes mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln zu verteidigen.

»Und da ihnen«, fuhr derweil der Wachtmeister ungerührt fort und wies dabei auf den Händler, der ein leichtes Grinsen nicht unterdrücken konnte, »das Ganze soviel Spaß bereitet, fangen wir direkt mit ihnen an!«

»Also, der da«, der Händler wies auf Karl, der aus glasig wirkenden Augen dumpf vor sich hinstarrte, »hat sich auf den da«, er zeigte auf Rafael, »gestürzt. Warum weiß ich nicht. Der«, wieder ein Fingerzeig auf Rafael, »ist ausgewichen, sodass der da«, erneut ein Verweis auf Karl, »in meinen Stand geknallt ist. Das Ende sehen sie ja: Totalschaden, den der da«, erneut ein anklagender Fingerzeig auf Karl, »mir ersetzen muss!«

»Das ist doch…«

Ein warnender Blick und eine um zwei weitere Zentimeter verbreiterte Standbeinigkeit des Polizisten ließen Karls Mutter verstummen.

»Geben sie mir ihre Personalien … Name?«

»Alfons Jager. Imker.«

»Und sie?«

»Helene Schubek, geborene Fluffen. Mein seliger Mann war Hauptmann Heinrich Schubek. Er ist 1916 bei Verdun …«

»Mutter!«, stöhnte Hanna auf, während Rafael, der eigentlich unbemerkt in der Menge hatte untertauchen wollen, Hannas unvermutete Nähe genoss.

»Du kannst stolz sein auf deinen Vater.«, fuhr diese entrüstet ihre Tochter an. »Schließlich hat er sein Leben für unser Vaterland gelassen. Das muss einmal gesagt werden! Gott hab ihn selig. Ich brauch mich seiner nicht zu schämen. Schließlich …«

Mit: »Name des Sohnes?«, wurde sie rigoros von der festen Stimme des öffentlichen Rechts übertönt.

»… also wirklich!«, empörte sich Hannas Mutter. »Ich bin immerhin die Ehefrau eines Hauptmanns und …«

»Name des Sohnes?«

Statt einer Antwort erntete er nur ein missbilligendes Schnauben.

»Name des Sohnes?«

»Mein Bruder heißt Karl Schubek.«, sprang Hanna für ihre Mutter ein, die ihr einen verächtlichen Blick zuwarf.

»Mhm …« Zum ersten Mal verringerte sich die Breitbeinigkeit des Polizisten um einen Zentimeter und wurde gegen ein tiefes Stirnrunzeln ausgetauscht. »Der Name kommt mir bekannt vor.« Die Augen des Polizisten verengten sich zu einem waagerechten Schlitz und fixierten Karl, der seinerseits vergeblich versuchte, sich in die Senkrechte zu begeben.

Mit einem: »Natürlich ... Dich kenne ich!«, brach sich die polizeiliche Erkenntnis bahn. »Du bist einer von den Halbstarken, die entweder im Grünen Bock oder im Colette rumlungern und für nichts anderes als Ärger sorgen … Karl Schubek und Hans Widerring … Dein Gesicht kam mir doch gleich so bekannt vor, Bürschchen!«

»Mein Sohn geht nicht ins … ich meine …, er verkehrt nicht …, er betritt nicht so ein Haus!«

»Tja«, meinte der Ordnungshüter trocken, »vielleicht sollten sie mal ein wachsames Auge auf ihren Filius richten. Die Tatsachen sprechen für sich. Wenn ich mich recht erinnere, ist ihr feiner Sprössling letzte Woche von einem Kollegen im Colette aufgegriffen und wegen Randalierens im betrunkenen Zustand verwarnt worden. Bei mir kommt er nicht so leicht davon. – Ab mit dir auf die Wache …«

»Ja, und der da?«, japste Karls Mutter empört auf und zeigte auf Rafael, der einzig und allein Augen für Hanna hatte.

Die Breitbeinigkeit des Wachmeisters verringerte sich für einen kurzen Augenblick, ehe sie wieder ihre alte Ausgangsstellung einnahm. »Ich habe nichts gegen …«, hier stockte er einen kurzen Augenblick und runzelte die Stirn, ehe er weiterfuhr, »diesen Herrn vorzubringen. Von daher …«

»Der ist ein Zigeuner!«

»Ich wüsste nicht, dass das in unserem Staat etwas Unrechtes wäre, gnädige Frau.«

»Sie wollen allen Ernstes den Sohn eines Hauptmanns verhaften und den da …, diesen Vagabunden, diesen Herumtreiber, der alles klaut, was nicht niet- und nagelfest ist, frei herumlaufen lassen? … Schauen sie nur, wie der Kerl alleine schon meine Tochter belästigt! – Hanna!«

Aber ihre Tochter reagierte nicht. Im Gegenteil: In aller Ruhe und ohne das geringste Anzeichen von Ekel oder Abscheu erkennen zu lassen, unterhielt sie sich mit diesem Kretin. Unfassbar! – Helene Schubek, verstand die Welt nicht mehr.

»Nun gut!«, die Breitbeinigkeit des Polizisten verbreiterte sich erneut, während er Rafael näher in Augenschein nahm. »Ich werde seine Personalien aufnehmen und mir seine Aufenthaltsbescheinigungen anschauen. Man kann ja nie wissen …«

Hannas Mutter nickte erstmals zustimmend.

Indessen hatte Rafael tatsächlich recht wenig, von dem, was um ihn herum geschah, bemerkt. Vergessen war der Gedanke, sich aus allen Angelegenheiten der Gadje herauszuhalten; vergessen sein Plan, unbemerkt in der Menge unterzutauchen und das, obwohl er sehr genau wusste, dass die meisten Gadje – egal ob Ordnungshüter oder nicht – nicht gerade gut auf Zigeuner zu sprechen waren. Letzteres eine Weisheit, die jeder Rom förmlich mit der Muttermilch aufsog und die sich im Laufe seines Lebens nur allzu oft bewahrheitet hatte, sodass er fast schon instinktiv Abstand zu den Gadje hielt.

Sicher, es gab immer wieder Ausnahmen: So war selbst er mit einigen von ihnen befreundet. Wobei Freundschaft nicht so recht den Kern ihrer Beziehung traf. Eigentlich handelte es sich eher um Nutzbekanntschaften, die zur Zufriedenheit beider Seiten bestanden. So gab es über ganz Europa verteilt Wirtsleute und Landwirte, die als sogenannte Briefkästen fungierten. Kurze Nachrichten konnten bei ihnen ohne Bedenken hinterlegt werden. Man wusste, sie würden den Empfänger erreichen. Im Gegenzug erhielt der Wirtdafür Geld sowie die Zusicherung, dass weder ein Sinti oder Roma sich in irgendeiner Art und Weise an seinen Sachen vergriff.

Neben diesen menschlichen Briefkästen gab es noch eine weitere Ausnahmegruppierung: Es waren ehemals zwangskolonisierte Roma oder Sinti. Einige wenige von ihnen benahmen sich gadjehafter als die Gadje und vermieden jeglichen Kontakt zu ihren Verwandten, da sie befürchteten unzähligen Ressentiments ausgesetzt zu werden. Andere hingegen, die den Sprung in die Sesshaftigkeit schon vor Generationen vollzogen hatten, pflegten einen wesentlich ungezwungeneren Umgang zu ihren nomadisierenden Verwandten.

Hanna wiederum gehörte einer dritten Gruppe an. Einer sehr gefährlichen sogar, wenn Rafael ehrlich zu sich selber war. Sie schien sich allen Ernstes für ihn und sein Leben zu interessieren. Sicher, er hatte mittlerweile so einige kurze Affären zu diversen Gadjefrauen unterhalten und es hatte ihm stets großes Vergnügen bereitet. Schließlich musste er seine sexuellen Bedürfnisse irgendwie ausleben. Bei einem jungen Mann von 24 Jahren war das nur natürlich. Und sich an einem Mädchen seiner eigenen Sippe zu vergreifen, ohne es zuvor zu heiraten … – Rafael fuhr allein bei diesem Gedanken ein eisiger Schauer über den Rücken – hätte ihn in Teufels Küche gebracht. Er wäre vor die Kris geführt worden und die Richter hätten ihn zu Recht aus der Sippe verstoßen. Nein, in dieser Hinsicht war ihm nichts anderes übrig geblieben, als immer wieder die Nähe zu den Gadjefrauen zu suchen, die ihn bereitwillig empfingen. Abgewiesen hatte ihn noch keine. Dem Reiz sich mit einem Zigeuner für ein oder zwei Nächte einzulassen, hatten sie nicht widerstehen können.

Rafael schmunzelte. Dann wurde er wieder ernst. Aber die da vor ihm, dieses nach frisch geschnittenem Heu duftende Mädchen mit Augen, die an einen sprudelnden Bergquell erinnerten, war anders; vollkommen anders!

Von Anfang an hatte sie ihn fasziniert: Schon als sie die Treppe herabgetänzelt war, hatte sein Herz einen wahren Trommelwirbel veranstaltet. Und dann diese Augen, dieser Mund, der ihn förmlich dazu aufforderte, ihn zu küssen! Gut und schön, ihr Bruder war mit Sicherheit ein notorischer Säufer und Schläger, dem man besser aus dem Weg ging. So einer verhieß in der Regel nichts Gutes. Und die Mutter? Die hatte eher Borsten denn Haare auf den Zähnen. Selbst mit einer Drahtbürste würde man nicht dagegen ankommen. Aber dieses Mädchen … – Rafael stöhnte innerlich auf. Statt sich aus dem Staub zu machen, stand er jetzt wie ein Trottel neben ihr und unterhielt sich mit ihr. Und das Schönste an der ganzen Angelegenheit war, dass niemand anderes als dieser Polizist dafür verantwortlich war; da sollte mal einer sagen, dass die Polizei nicht auch für einen Rom ein Freund und Helfer sein konnte. – Andererseits: Das Ganze war Wahnsinn! Vollkommener Wahnsinn! Wie überhaupt alles, was dieses Mädchen betraf, Wahnsinn war! Angefangen von ihrem Äußeren, bis hin zu ihrer Stimme. Aus der Ferne hatte sie hell und klar geklungen, dabei besaß sie einen dunklen, rauchigen Unterton, der so gar nicht zu ihr passen wollte. Und doch … Es lag ein unwiderstehlicher Reiz in diesem Widerspruch, der ihn nicht einfach nur anzog, sondern ihn geradezu dazu aufforderte, sich wie die Motte am Licht an ihr zu verbrennen. Hinzu kam, dass sie sich wirklich für ihn zu interessieren schien. Sie stellte Fragen. Nicht kichernd und verschämt, wie die andern Gadje, die im Grunde gar keine Antwort auf ihre Fragen erhalten wollten, sondern ernst und aufrichtig.

Zuerst hatte Hanna sich für das Verhalten ihres Bruders und ihrer Mutter entschuldigt, nur um ungekünstelt und direkt ihre erste Frage hinterherzuschicken: »Sie sind wirklich ein echter Zigeuner?«

Rafael lachte. »Ja.«

»Hm … Das ist doch keine Beleidigung für sie, wenn ich sie so nenne …? Hoffe ich …? Ich meine, ich weiß nicht … Tut mir Leid!«

»Es braucht ihnen nicht Leid zu tun. Es ist schon in Ordnung, wenn sie mich so nennen. Obwohl ich mich selber als Rom bezeichne, aber sie können mich auch einfach Rafael nennen.« – Was rede ich da für einen Quatsch!, hatte er im gleichen Moment gedacht, als ob das irgendjemanden interessieren würde.

»Rom? – Ja, kommen sie denn aus Rom, sind sie Italiener?«

Wieder musste er lachen. »Nein! Rom, mit einem kurz und nicht mit einem lang gesprochenem o. Und nein, wir kommen nicht aus Italien, obwohl es da sehr schön ist.«

»Sie waren schon einmal in Italien?« Sehnsüchtig schaute sie ihn dabei an.

Er nickte.

»Und woher kommt dieses … Rom?« Sie sprach es kurz und hart aus.

»Das ist der Name unseres Stamms – eigentlich Roma; dass heißt, wir sind Roma. Unsere Sprache ist das Romani.«

»Ah, wie die romanischen Sprachen: französisch, italienisch, …«

Rafael zuckte mit den Schultern. »Tut mir Leid, das kann ich ihnen nicht sagen. Unsere Sippe kommt ursprünglich aus der Walachei. Zumindest meine Familie, ehe wir über Ungarn nach Österreich und von da aus dann nach Deutschland gekommen sind. Aber das ist schon lange her.«

»Oh, dann sind sie ja richtig weit gereist …«

Rafael lachte wieder. Gerade als er ihr erzählen wollte, dass er zwar schon weit gereist, aber niemals in seinem Leben in der Walachei gewesen sei, wurde er von der sich verengt habenden Breitbeinigkeit des öffentlichen Rechts unterbrochen: »Sie kommen mit aufs Revier. Ich möchte mir ihre Papiere anschauen.«

»Aber der Herr Rom hat doch nichts getan!«, mischte sich Hanna empört ein. »Mein Bruder hat ihn angegriffen …«

»Miese Schlampe!«, schnaubte ihr Bruder ihr entgegen, woraufhin Rafael unwillkürlich seine Hände zu Fäusten ballte.

»Da, sehen sie nur!«, schrie Hannas wieder zum Leben erwachte Mutter aufgebracht. »Er bedroht meinen Sohn! Ganz eindeutig!« Triumphierend wies sie mit ihrem Zeigefinger auf Rafaels Fäuste. »Sehen sie nur Herr Wachtmeister, wie er die Fäuste ballt … Der ist gemeingefährlich!«

Fast in Zeitlupe konnte Rafael verfolgen, wie sich alle Blicke auf seine Fäuste richteten und sich regelrecht in sie verhakten. Schon meinte er ihr bleiernes Gewicht zu fühlen: Den zufriedenen der Matrone, den hämisch grinsenden Karls, den irritierten Hannas sowie den finsteren des Wachtmeisters. Doch es sollte niemand anderes als Hanna sein, die ihn im nächsten Augenblick von sämtlicher Last befreite.

»Wenigstens wollte der Herr Rom mir helfen. Etwas, das du nie tust – Mutter!«, stellte Hanna trocken fest und löste damit einen erneuten Blick- und Empfindungsreigen aus, der von mütterlicher Empörung über mühsam in Schach gehaltener Bruderwut bis hin zu fraglosem Erstaunen auf Seiten Rafaels reichte.

»Mhm, Fräulein Schubek …«, räusperte sich der Polizist und versuchte wieder seine kurzfristig verlorengegangene Breitbeinigkeit zurückzuerlangen. »Dass Beste ist, sie begleiten ihre Frau Mutter erst einmal nach Hause. Der Herr Rom und ihr Bruder kommen mit mir aufs Revier.«

Mit: »Ich lasse meinen Sohn nicht mit dem da alleine!«, brach sich der einseitig gepolte mütterliche Schutzinstinkt kurz Bahn, ehe er jählings durch die wiedergefundene personifizierte Breitbeinigkeit gestoppt wurde. »Gnädige Frau, ich möchte sie BITTEN, sich mit ihrem Fräulein Tochter zu entfernen. Und sie drei«, ein Rafael, Karl und den Imker umfassender Wink, »begleiten mich auf’s Revier. Guten Tag, die Damen!«

Auf dem Revier

Wie stets wurde Rafael auch auf diesem Revier zunächst auf die Eckdaten seines statistischen Daseins reduziert.

»Name?«

»Zlobek.«

»Vorname?«

»Rafael.«

»Zigeunername?«

»Rafael Zlobek«

»Geburtstag?«

»18.3.1907«

»Geburtsort?«

»Frankfurt am Main.«

»Staatsangehörigkeit?«

»Deutsches Reich.«

»Beruf?«

»Pferdehändler und Musikant.«

»Personenstand?«

»Verwitwet.«

»Zeit und Ort der Eheschließung?«

»16.5.1925, Friedrichshafen.«

»Name der Ehefrau?«

»Margita Tylo.«

»Sterbedatum und – ort?«

»18.2.1927, Graz, Österreich.«

»Kinder?«

»Nein.«

»Name des Vaters?«

»Anton Zlobek.«

»Name der Mutter?«

»Rupa Zlobek, geborene Grave.«

»Besondere Kennzeichen?«

»Ein um 4,2 Grad abstehender kleiner Zeh am rechten Fuß.«

Der Blick des Beamten schnellte nach oben. »Sie wollen mich wohl verarschen, was?«

»Nein, Herr Wachtmeister. Das wurde amtlich so festgestellt.«