29,00 €
Sonderbundskriegs - Historischer Roman über die Schweiz in der nachnapoleonischen Zeit bis zur Bundesverfassung 1848 - Leben in Zürich und Umgebung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts - Generationenübergreifende Familiensaga über eine Gesellschaft im Umbruch In den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts gelingt dem mittellosen Georg Keller ein steiler Aufstieg in die höchsten Kreise der Zürcher Gesellschaft. Er heiratet in eine angesehene Patrizierfamilie ein, wird Seidenhändler und begründet die Dynastie der ‹Keller vom Färberhof›. Doch die Zeiten sind unruhig; das Land steuert auf einen Bürgerkrieg zu. Georg Keller steht aufgrund seiner Herkunft und seiner erworbenen Position zwischen den sich formierenden Lagern, dies umso mehr, als seine Tochter ausgerechnet einen katholischen Landadeligen heiratet. Der heraufziehende Sonderbundskrieg verschont auch die Kellers vom Färberhof nicht. Der Autorin gelingt ein eindringliches Werk, das sowohl Sittengemälde ist, als auch Staatsgeschichte zu einer generationenübergreifenden Familiensaga verdichtet. Historische Persönlichkeiten und fiktive Biographien verweben sich zu einem Epochenbild, das die Entstehung des modernen Bundesstaates erzählt.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 871
Veröffentlichungsjahr: 2016
Mit freundlicher Unterstützung durch:
Bibliothek am Guisanplatz
Dr. Adolf Streuli-Stiftung
© 2016 Zytglogge Verlag AG, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Thomas Gierl
Coverbild: Heinrich Siegfried (1814–1889), Vue générale de Zurich prise de la Weid
Gesetzt aus: Garamond Premier Pro
Gesamtherstellung: Schwabe AG, Druckerei, Muttenz/Basel
eISBN: 978-3-7296-2112-1 (epub)
eISBN: 978-3-7296-2113-8 (mobi)
www.zytglogge.ch
«Ich war einer der ‹drei Eidgenossen›?!»
Es war weniger eine Feststellung als vielmehr eine Frage an sein Spiegelbild. Dem grossen, goldgerahmten Kristallspiegel gegenüber hing ein Ölbild. Es zeigte einen jungen Mann in der ordensbedeckten Uniform eines Majors. So hatte er immer zwei Gestalten im Visier, den schneidigen Offizier von einst und den heutigen Greis. Sechzig Jahre lagen dazwischen, sechzig ereignisreiche Jahre.
Der Altweibersommer wärmte das Herz, aber nicht die gichtgeplagten Glieder des alten Mannes. Friedrich sass in der Fensternische in seinem bevorzugten Ohrensessel und sah hinaus auf den Platz vor dem ‹Felsenhof›. Noch haftete das Laub an den Bäumen, aber der nächste Windstoss würde es wegwirbeln, hinunter auf die Strasse, wo es als weicher, raschelnder Teppich unter den Füssen liegen bliebe. Er seufzte. Auch die Freunde seiner Generation waren fast alle weggeweht, doch ihm blieben die Erinnerungen, reiche Erinnerungen.
Er läutete mit steifen Fingern die Tischglocke und schlug das Plaid zurück, das ihm der Diener vorsorglich über die Beine gelegt hatte.
Die Tür öffnete sich und ein junger Mann trat herein. «Sie haben geläutet, Herr Friedrich?»
«Ja, schicken Sie mir Samuel. Ich möchte ausgehen.»
Der Diener wiederholte mit geduldiger Stimme dasselbe wie seit Monaten schon: «Samuel ist tot, Herr Friedrich. Ich bin sein Nachfolger.»
Friedrich sah erstaunt auf und schüttelte den Kopf. «Tot? Das ist aber schade.» Dann erinnerte er sich an seinen Wunsch. «Ich möchte ausgehen. Helfen Sie mir auf und lassen Sie die Kutsche richten. Wir werden mit dem Dampfschiff nach Rapperswil fahren.» Als keine Antwort kam, fragte er: «Wie heissen Sie eigentlich?»
«Karl ist mein Name, Herr Friedrich.»
«Soso. Also, gehen Sie, Karl, und führen Sie meinen Auftrag aus.»
«Leider fährt heute kein Schiff mehr nach Rapperswil.»
«Ach!» Enttäuscht blieb er sitzen, während der Diener ihn wieder zudeckte. «Dann gehen wir morgen», entschied er, lehnte sich zurück und schloss die Augen.
Er lebte nun meist in der Vergangenheit, die ihm näher stand als die Gegenwart. Dem Neunzigjährigen war der Schneid abhandengekommen, der ihn einst ausgezeichnet hatte, aber in der Erinnerung sah er sich noch immer als stolzen Offizier.
*
Die ‹drei Eidgenossen›, so wurden sie genannt. 1821 hatten sie in Wien ihre Ehrenurkunden im Beisein von Kaiser Franz II. und Fürst Metternich entgegengenommen. Es war der letzte ausländische Einsatz des Trios gewesen. Sie hatten sich in der Armee hochgedient, waren im Rang aufgestiegen und mit zahlreichen Orden belohnt worden. Zum Abschluss wurde ein feuchter Abschied von den Kameraden gefeiert, die zurückblieben. Am nächsten Vormittag würden sie in ihr Heimatland zurückkehren, nach Zürich. Ein letztes Mal prosteten sie sich zu, Major Friedrich Escher, Hauptmann Georg Kellerund Leutnant Carl vom Friesenberg, ehe eine Droschke sie zu ihren Quartieren zurückbrachte.
Friedrich hatte sich um eine bequeme Fahrgelegenheit für die lange Reise gekümmert. Seine weitverzweigte, angesehene Zürcher Verwandtschaft verfügte über Beziehungen in Europa und Übersee, was ihm einige Vorteile verschaffte. Während in einer Postkutsche bis zu acht Personen eingepfercht sassen, konnten die drei Kameraden in der geräumigen Equipage ihre Beine ausstrecken und sich bequem in die Kissen lehnen. Die Blattfederung des Fahrzeuges fing die Erschütterungen leidlich auf, das weiche Schaukeln liess die ermatteten Insassen friedlich vor sich hin schlummern.
Seit der napoleonischen Ära hatte sich der Zustand der Strassen gewaltig verbessert, und zahlungskräftige Passagiere konnten in ansehnlichem Komfort reisen. Trotzdem war ein gut bestückter Werkzeugkasten unabdingbar, um unterwegs kleinere Reparaturen zu erledigen oder aber das Gefährt im Notfall auch komplett zu zerlegen und wieder zusammenzusetzen. Dies war nötig bei nicht fahrbaren Teilstücken, Pässen oder Flüssen. Von Wien nach Zürich würden sie aber kaum solchen Unannehmlichkeiten ausgesetzt sein. Mühsam und teuer waren jedoch die Mauten und die Stadtzölle, die in kurzen Abständen folgten und für den Neubau und Unterhalt von Strassen und Brücken dienten.
Friedrich hatte sich das Lachen kaum verkneifen können, als er die verkaterten Gestalten am Morgen aufsammelte. Als Letzter stieg Georg zu. Er stand verschlafen auf dem Gehsteig, während Hannes, sein ‹Putzfleck›,das Gepäck bewachte. Die Strassenlaternen mit den Talglichtern gaben nur kümmerliches Licht ab, es reichte gerade aus, um die Umrisse der Truhen zu erkennen, die bereits auf dem rückwärtigen Trittbrett der Kutschegestapelt waren. Hannes überwachte das Laden des umfangreichen Gepäcks seines Herrn. Ein paar kräftige Kerle stemmten die Güter hoch und zurrten die Ladung mit Ketten fest, während die handlicheren Kisten und Koffer auf der Imperiale,dem gesicherten Wagendach, Platz fanden. Die Begleiter waren als Schutzleute gegen Räuber angeheuert worden. Nach getaner Arbeit nahmen sie ihre Plätze neben dem Kutscher und auf dem hinteren Trittbrett ein.
Georg verabschiedete sich von seinem getreuen Burschen, indem er ihm auf die Schulter klopfte und ihm einen Geldschein zusteckte.
«Pass auf dich auf, Hannes. Ich hole dich nach, sobald ich es mir leisten kann.»
Hannes nickte und schüttelte seinem gewesenen Vorgesetzten wortlos die Hand. Der stieg ein und die beiden Pferde zogen an. Keiner der Reisenden war zum Sprechen aufgelegt. Die Kutsche rollte gemächlich durch die erwachende Stadt, das eintönige Klappern der Hufe erinnerte an den Trommelschlag bei einer Truppenparade.
Langsam verwandelte sich die Gegend, Stadthäuser machten einzelnen Villen Platz und bald säumten nur noch Gehöfte, Wiesen und Wälder den Wegrand. Hunde bellten und Kuhglocken läuteten. Sie waren nun schon den ganzen Vormittag unterwegs, die Glieder wurden steif, Hunger und Durst meldeten sich. Ihr Kurier war vorausgeritten und hatte für die drei Reisenden im Privatraum eines Gasthauses ein Mittagessen herrichten lassen. Die Herren waren nun wach genug für eine oberflächliche Unterhaltung.
«Wie war dein Abschied von der Witwe Rottweiler?», erkundigte sich Friedrich bei Georg.
Dieser antwortete nicht gleich, denn es war ihm peinlich, die Wahrheit zu gestehen, nämlich, dass er die Witwe und seinen Hannes jetzt schon vermisste. Aber auf Drängen der Freunde erzählte er endlich: «Gottlob schlief meine Vermieterin schon, als ich mich letzte Nacht vorsichtig den Wänden entlang zu meinem Zimmer tastete. Sie hätte mich angeknurrt wie ein Kampfhund, hätte sie mich in meinem desolaten Zustand erwischt. Ich war kaum eingeschlafen, da kam Hannes auch schon mit einem Licht hereingepoltert. Mein Schädel brummte zum Zerspringen und ich rief ihm zu, er solle sich zum Teufel scheren. Aber er liess mir keine Ruhe und riss die Decke weg. Ich konnte mich nicht erinnern, mich ausgezogen zu haben, offenbar hatte mich Hannes wie ein Kind zu Bett gebracht, inzwischen auch die lausig verdreckte Uniform gereinigt und die Stiefel auf Hochglanz poliert.» Er fuhr mit der Zunge über seine trockenen Lippen und fuhr fort: «In meiner labilen Verfassung sagte ich unbedachterweise zu ihm: ‹Mein Gott, Hannes, was werde ich ohne dich anfangen?› Da antwortete mir doch der unverschämte Kerl: ‹Mit Verlaub, Herr Hauptmann, das frage ich mich auch. Wir sind aneinander gewöhnt, nehmen Sie mich mit! In Zürich gibt es bestimmt eine Verwendung für mich. Ich kenne jede Arbeit in Haus, Hof und Kaserne.› Aber da hört der Spass auf. Ich muss mir erst eine zivile Existenz schaffen, bevor ich daran denken kann, einen Hausstand zu gründen.»
Er gähnte und erzählte weiter. «Hannes hielt mir die Hose hin, damit ich hineinsteigen konnte, zog die Träger über meine Schultern und schloss den Gürtel. Die ganze Zeit musste ich mich am Bettpfosten festhalten, denn alles drehte sich um mich herum. Dann brachte er mir einen starken Kaffee, den die Witwe Rottweiler gekocht hatte. Er brannte wie Feuer in meiner Kehle und die Luft blieb mir weg. Aber er half. Und wisst ihr, was der Frechdachs noch zu mir sagte?»
Kopfschütteln und hochgehobene Augenbrauen antworteten ihm.
«‹Herr Hauptmann, ich bitte um Verzeihung, aber Sie sehen aus wie ein Strolch und nicht wie ein Offizier. Sie brauchen dringend einen Haarschnitt.› Als ob es einem Untergebenen anstünde, seinem Herrn Vorhaltungen zu machen!»
Die Freunde lachten. «Und, hast du ihm eine Ohrfeige verpasst?»
«Nein», Georg sah sinnend vor sich hin. «Er ist ein wackerer Kerl, mein treuer Hannes. Als ich endlich in meiner Uniform steckte, schaute er mich an und sagte: ‹Und nun noch die Medaillen, Herr Hauptmann. Die haben Sie sich redlich verdient.› Es klang, wie wenn eine stolze Mutter ihren Sohn lobt.»
Nach kurzem Schweigen fuhr er fort: «Aber das Unglaublichste folgt noch. Er reichte mir mit verlegener Miene eine kleine Schachtel und sagte: ‹Herr Hauptmann, ich wünsche Ihnen von Herzen alles Gute und hoffe, dass Sie mich irgendwann zu sich holen. Sie sind die einzige Familie, die ich habe. Das soll Sie an Ihr Versprechen erinnern.› Eine Kristallkugel lag darin, in der sich glitzernde Schneeflocken drehten. Vor Rührung konnte ich mich nicht gebührend bedanken, klopfte ihm auf die Schulter und sagte: ‹Ich werde dich nicht vergessen, mein braver Hannes.› Unten an der Holzstiege wartete dann die Frau Rottweiler in ihrem Morgenmantel und Wollschal und gab mir die Hand: ‹Bhüet Euch Gott, Herr Hauptmann. Ihr werdet mir fehlen.› Ich konnte ihr gerade noch einen Geldschein zustecken, bevor sie mit feuchten Augen in der Küche verschwand.»
Friedrich war bewegt und schwieg, während Carl, der das Gespräch ohne sonderliches Interesse verfolgt hatte, abschätzig dreinblickte.
Inzwischen waren sie beim Gasthof angelangt. Im überfüllten Hof drängten sich ihre kräftigen Begleiter durch das Gewühl und öffneten eine Gasse. Die Diener würden sich bei der Kutsche verpflegen, denn diese musste pausenlos bewacht sein.
Georg blieb der Mund offen stehen, als er seinen Hannes unter den Männern bemerkte. Er wollte ihn zur Rede stellen, doch Friedrich trat dazwischen.
«Georg, ich habe unsere drei Putzeengagiert, denn ihnen können wir mehr vertrauen als fremdem Personal. Sie werden auch in Zürich in meinen Diensten bleiben. Also mach deinem Hannes keinen Vorwurf.»
Was konnte Georg dagegen einwenden? Es wurde ihm erneut bewusst, dass er aus der besitzlosen Klasse stammte. Doch wie würde Friedrich mit dem Gesetz umgehen? «Die drei sind doch Ausländer», warf er ein.
«Das lässt sich regeln», antwortete Friedrich leichthin. «Und übrigens, sobald du deinen Hannes wiederhaben willst, steht er dir zur Verfügung.» Er lachte und fuhr fort: «Aber ich rate dir, such dir bald eine Braut, sonst wird dir dein treuer Diener vor der Nase weggeschnappt! Solch ein Juwel ist gefragt.»
Sie liessen sich das üppige Mittagessen schmecken und spülten reichlich mit Wein nach. Friedrich wischte sich ein letztes Mal den Mund ab, lehnte sich zurück und schloss die Augen.
«Wisst ihr, worauf ich mich zu Hause am meisten freue?»
Kopfschütteln.
«Auf die Martinigans.»
«Gänse gibt es überall. Was ist daran so Besonderes?», wunderte sich Carl.
«Eine Martinigans gibt es nur einmal im Jahr, zu Martini, am 11. November, und dazu gehören Familie, Freunde, Vertrautheit, Fröhlichkeit, Entspannung. Es ist ein ganz besonderes Ereignis.»
Carl zuckte die Schultern. «Bei uns gab es immer einen vollen Tisch. Aber Vertrautheit? Wir Kinder wuchsen im Internat auf, hatten kaum eine Beziehung zu unseren Eltern. Gutes Essen war das Wichtigste.»
Georg erinnerte sich: «Im Haushalt meiner Pflegefamilie gab es diese Sitte auch, doch natürlich waren die Ziehkinder nicht dazu eingeladen.»
Friedrich stand auf. «Nun, wir haben noch einen weiten Weg bis nach Hause.»
Sie benutzten die Postroute der Thurn-und-Taxis-Post von Wien über Linz und Salzburg bis nach Innsbruck mit den recht komfortablen Raststationen. Die Reisenden waren inzwischen wieder zu vollem Leben erwacht und beobachteten ihre Umgebung.
«Schaut mal her!» Friedrich wies diskret mit dem Zeigefinger auf ein vornehmes, vierspänniges Gefährt. An den Seiten prangte das Wappen eines Adelshauses. Diener in Livree halfen zwei Damen beim Aussteigen, während ein Knabe, der ein Rüschenhemd trug, an der Hand einer Erzieherin hinterherging. Voraus schritten zwei elegante Herren in Gehrock, Zylinder und Spazierstock, denen wiederum einige Bedienstete folgten. «Eine wohlhabende englische Familie auf Europareise», kommentierte er die Szene. «Es scheint in England neuerdings zur höheren Ausbildung zu gehören, die Sehenswürdigkeiten des europäischen Kontinents zu besuchen.»
Georg seufzte. «Das Kind ist zu bedauern. Es wird wohl niemals auf einen Baum klettern, durch Pfützen springen oder in der Erde wühlen.»
Carl lachte. «Nun, ich habe nichts gegen Reichtum einzuwenden. Kinder der vornehmen Gesellschaft wissen sich ihr Vergnügen auch anders zu verschaffen.»
Eine Postkutsche schaffte sich mit ihrem Horn Platz. Diese Gefährte mussten einen Zeitplan einhalten, fuhren Tag und Nacht, hielten nur zum Austausch von Pferden und Kutschern an. Die Insassen wurden unsanft herumgestossen und nach etlichen Stunden begannen alle Muskeln zu schmerzen. Die drei Rückkehrer hingegen sassen gemütlich zurückgelehnt in ihren Polstern. Carl machte eine zufriedene Miene.
«Welcher Genuss, sich unseren Komfort leisten zu können. Stellt euch vor, in einem Gefährt mit fremden Personen zusammengepfercht zu sein. Ihre Ausdünstung, ihre Redensweise, ihre Manieren … einfach unerträglich.»
Georg errötete. «Wenn man betuchte Eltern hat, ist es einfach, über das einfache Volk zu schnöden. Viele Reisende müssen wahrscheinlich jeden Pfennig zusammenkratzen für einen Platz in der Kutsche. Abgesehen davon, wer reist schon freiwillig? Es muss einen triftigen Grund geben, um sich solche Umstände zu machen.»
Friedrich legte seinem Freund die Hand aufs Knie. «Georg, nimm das nicht persönlich. Immerhin hast du dir dank deiner Leistungen und deines Mutes ein gutes Polster geschaffen. Das macht dich zum Gründer deiner eigenen Dynastie.»
Während der gemeinsamen Dienstzeit war Georg die Arroganz von Carl kaum aufgefallen. Sie hatten zwar in derselben Einheit gedient, doch die verschiedenen Dienstgrade zogen unsichtbare Grenzen. Dienstlich hatte Carl sich unterordnen müssen.
«Was sind deine Pläne für die Zukunft, Carl?», unterbrach Friedrich das lastende Schweigen.
«Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Das grosse Gut am Friesenberg und die Ziegelhütte unserer Familie brauchen jede Hand. Da könnte ich mich leicht nützlich machen. Mein Bruder Joseph, der Jesuit, sah mich immer als Studiosus, doch die Gelehrtheit liegt mir weniger. Auf jeden Fall werde ich zuerst heiraten. Eine passende Frau scheint schon gefunden zu sein.»
«Eine Reiche natürlich», konnte sich Georg die Stichelei nicht verkneifen.
«Klar», lachte Carl, «Gleich und Gleich gesellt sich eben gern.»
Georg sah seinen Kameraden nachdenklich an. Carl versuchte, seine Unsicherheit und Empfindlichkeit mit Arroganz zu überspielen, was ihm allerdings nicht bewusst war. Er war gut gewachsen, hatte schlanke Hände, die unablässig in Bewegung waren. Oft verschränkte er die Finger und zog daran, bis die Gelenke knackten. Sein hellblondes Haar, die farblosen Brauen über wässrig-blauen Augen und die weisse Haut liessen ihn fade aussehen.
‹Armer Kerl›, dachte Georg, ‹ihm fehlt die innere Ausstrahlung.›
Die Kutsche stoppte hart und warf die Passagiere beinahe aus den Sitzen. Friedrich streckte den Kopf aus dem Fenster.
«Was ist passiert?»
Die Begleiter waren bereits abgestiegen und berichteten: «Ein Fuhrwerk ist umgestürzt. Achsenbruch. Wagen und Pferd sind durch den Stoss das Bord hinuntergefallen.»
Man hörte das Pferd schmerzlich wiehern und Leute schreiend umherrennen. Die Ladung lag weit verstreut herum, manches in Scherben. «Platz da!», schrie der Kutscher von seinem hohen Bock herunter und knallte mit der Peitsche. Der Befehl hatte wenig Wirkung. Erst musste das Hindernis aus dem Weg geräumt werden.
In Innsbruck, ein paar Wegmeilen entfernt, wo sich die grossen Handelsrouten von Norden nach Süden und von Osten nach Westen kreuzten, kam die Reise erneut ins Stocken. Fahrzeuge aller Art verstopften den Weg. Leichte und schwere Fuhrwerke, mit Salz, Wein, Getreide, Kolonialwaren oder Artikeln für den Alltagsgebrauch beladen, machten den Hauptanteil am Verkehr aus. Auf einer grossen Wiese hatte sich eine Gesellschaft der Dörcherniedergelassen, fahrende Hausierer und Handwerker, die man auch die ‹Tiroler Zigeuner› nannte. Kinder plärrten und balgten sich, Mütter lachten und schwenkten ihre weiten, grellfarbigen Röcke; Männer sassen Wein trinkend im Gras. Einer spielte Mundharmonika. Es war ein ungeheures Durcheinander von Wagen, Zelten, herumstreunenden Hunden und selbst ein paar Schafe und ein Schwein gehörten dazu.
Die kreuz und quer über die Wiese verteilten Dörcherkarren waren eine Spezies für sich. Die Besitzer schirrten sich oft selbst zwischen die Deichseln ihrer roh gezimmerten, zweirädrigen Karren, sofern sie sich keinen Esel leisten konnten. Bei steiler Steigung schlüpften dann die Frauen mit einem Arm in die seitlich an Haken befestigten Laschen und zogen kräftig mit. An den Seitenwänden der Karren hingen Behälter in der Form randloser Filzhüte, die das Handwerkszeug enthielten. Die Fahrenden arbeiteten als Scheren- und Messerschleifer, Kesselflicker, Schirmflicker, Geschirrflicker, Schuhmacher und Hausierer. Im Inneren der Wagen stapelten sich Weidenkörbe, Besen, Zunderschwämme. Auch Vogelkäfige mit Meisen, Stieglitzen und Krummschnabel-Spottdrosseln konnten Friedrich und seine Gefährten unter der Wagenabdeckung hängen sehen.
Sie glaubten sich auf einem Jahrmarkt, so viel gab es zu entdecken, und während Friedrich und Georg sich gegenseitig mal auf dieses, mal auf jenes aufmerksam machten, um die Wartezeit zu überbrücken, wirkte Carl immer missmutiger und ungeduldiger.
Nach Innsbruck folgten die drei Freunde weniger befahrenen Wegen. Ihr Ziel war Lindau. Die letzte anspruchsvolle Strecke begann vor Reutte, hinauf zum Fernpass, der schon zu Römerzeiten als Säumerpfad diente und seit dem Mittelalter sogar befahren werden konnte. Wenn es zu steil wurde, mussten die Reisenden aussteigen und dem Wagen zu Fuss folgen.
Georg genoss die Eindrücke der Natur. Die Sonne versilberte das Firneis auf den Alpengipfeln, Vieh weidete auf dem sattgrünen Gras zwischen den Felsen, zarte Bergblumen leuchteten in Weiss, Gelb, Violett und Gürtel von Alpenrosen zogen sich dem Hang entlang.
«Wie schön es hier ist!», entfuhr es ihm.
Friedrich und Carl sahen ihn erstaunt an. Was war denn so anders als bisher?
«Es ist das Gefühl, ein Teil dieser Natur zu sein, frei atmen zu können. Im Fahrzeug fühlt man sich nur als Zuschauer, nicht einbezogen in das Geschehen.»
Friedrich war ein Stadtmensch. Er liebte die Natur, doch ihn lockte vor allem das Flachland mit den Seen. Carl wohnte in ländlicher Gegend und sah darin kein verzückendes Erlebnis. Bald kehrten sie wieder in den Verschlag ihrer Kutsche zurück und das Gespräch drehte sich um die nächste Zukunft.
«Was sind deine Pläne, Georg?», fragte Friedrich interessiert.
Dieser liess eine lange Weile verstreichen, ehe er antwortete: «Seit langem geht mir ein Projekt im Kopf herum, und unsere Reise hat mich von dessen Notwendigkeit noch mehr überzeugt.» Er räusperte sich und lehnte sich tief in die Polster zurück. «Es sollte doch möglich sein, nahtlose Transporte zu Land und zu Wasser von irgendwoher nach irgendwohin zu organisieren. Wir mussten den Pferdewechsel und die Übernachtungen einzeln bestellen, ausserdem Mauten und Zölle jedes Mal bar bezahlen. Das kostet eine Menge Zeit.»
Friedrich nickte. «Mit diesen Überlegungen beschäftigen sich auch die Eschers und ihre Partner. Für gute Vorschläge haben sie immer ein offenes Ohr. Wenn du willst, kann ich dich mit meinem Vetter, Hans Caspar Escher vom Glas, bekannt machen.»
«Wirklich? Das wäre ein grossartiger Anfang.»
«Wir sprechen wieder darüber, wenn wir in Zürich sind. Übrigens, wo wirst du wohnen?»
Georg lachte verlegen. «Momentan fühle ich mich wie ein Fahrender. Ich habe keine eigene Familie, keine Angehörigen. Ich werde in einem Gasthof logieren, bis ich mir über meine Zukunft im Klaren bin.»
Carl hatte am Gespräch nicht teilgenommen. Ihn interessierte jedoch, was seinem Kameraden vorschwebte. Er betrachtete ihn eingehend und musste gestehen, dass Georg eine gute Figur machte. Der schwarze Lockenkopf über einem gebräunten Gesicht erinnerte an einen Römer, die dunklen Augen und eine prominente Nase verstärkten diesen Eindruck zusätzlich. Georg war ein Mann von klaren Worten und redlichem Charakter. Minderwertigkeitsgefühle waren ihm fremd. Das wiederum konnte der verwöhnte Carl nicht verstehen und so fragte er plump: «Wo bist du eigentlich aufgewachsen, Georg?»
«Als Waisenkind in einem Handelshaus, zusammen mit anderen Ziehkindern.»
«Wie bitte?!»
«Solche Leute gehören nicht zu deinem Gesellschaftskreis, nicht wahr?»
Carl druckste herum. Er war völlig überrumpelt, wusste keine Entgegnung.
Georg hatte keinen Grund, seine Herkunft zu verleugnen. «Ich kann mich nicht an meine Eltern erinnern. Ich wohnte bei den Dienstboten, und die Köchin, Mutter Hermine, brachte mir Lesen und Schreiben bei. Später arbeitete ich in der nahen Mühle, lernte die Landwirtschaft kennen, half mit bei den Flössern und den Frachtenseglern, eine vielseitige, praktische Ausbildung.» Er lachte gut gelaunt. «Ihr glaubt nicht, wie viel Freude wir in dieser bescheidenen Umgebung erlebten, obwohl …», er musste grinsen, «die Strafen für Unfolgsamkeit waren hart.»
Nach langer Pause sagte Friedrich: «Ich denke, du kennst das Leben von uns dreien am besten.» Er drehte sich Carl zu. «Findest du nicht auch? Wir waren gut aufgehoben und abgeschirmt im Schosse unserer Familien.»
«Wahrscheinlich. Aber wir hatten auch keinen Grund, über das Schicksal armer Leute nachzudenken.»
Friedrich zog die Augenbrauen hoch und schwieg. Georgs Mundwinkel zuckten. Doch auch er schwieg.
Unterwegs traf Friedrich einen Geschäftsfreund der Eschers, den Stickereiunternehmer Jacob Rittmeyer. Der joviale Mann lud die drei Offiziere herzlich zu sich nach Hause ein, da sie ohnehin in der Nähe von Lindau vorbeifahren mussten. Nach dem tagelangen Trott über staubige und holprige Landstrassen bot die Unterbrechung eine willkommene Abwechslung. Sie verspürten im Gaumen einen sandigen Geschmack und einen steten Hustenreiz. Hier, am Rande des Bodensees, würden sie sich ein wenig erholen und die saubere Luft geniessen können.
Das Palais Rittmeyer, im französischen Stil erbaut, lag auf einem Hügel, der sich sanft hinunter zum Seeufer neigte. Vom Pförtnerhaus fuhr man über eine kiesbestreute Einfahrt unter dem Baldachin gewaltiger Eichen bis zur Villa. Eine Freitreppe führte auf die vorgelagerte, von steinernen Löwen flankierte Terrasse. Zwischen griechischen und römischen Götterstatuen zog sich eine Reihe bequemer Stufen zum Bootssteg hinunter. Zu beiden Seiten des Grundstücks breiteten sich Rebberge aus, auf denen der blassgelbe Riesling mit dem fruchtigen Aroma gedieh.
«Herrlich!», liess sich Carl unbeabsichtigt hinreissen. Der Blick auf den See und das schweizerische Ufer, hinter dem das Alpsteingebirge aufstieg, beeindruckte sogar ihn.
Jakob Rittmeyer und seine Frau Anna gehörten zur oberen Gesellschaftsschicht. Ihre beiden Söhne Elisäus und Gottlieb Emil waren noch Kleinkinder.
Frau Rittmeyer schien besonders angetan von ihrem Besuch. «Wir hoffen, dass Sie ein paar Tage bleiben können, denn wir möchten Ihnen gerne unsere schöne Gegend zeigen. Wir haben ein paar Ausflüge und Soupers in kleiner Runde geplant.» Sie schaute Friedrich an und wartete lächelnd auf seine Antwort.
«Mit dem grössten Vergnügen, Madame. Wir mussten lange auf feine Gesellschaft verzichten. Sollten wir die Etikette nicht mehr völlig beherrschen, bitten wir im Voraus um Verzeihung.» Er nahm die dargebotene Hand und küsste sie mit österreichischer Nonchalance.
Überrascht schaute sie den Major an. «Sie haben Ihre Manieren im Dienste des Kaisers offenbar noch verfeinert.» Ihr Blick wurde intensiver. Was sie sah, schien ihr zu gefallen.
Die staubbedeckten Gäste wurden auf ihre Zimmer geführt. Gerne liessen sie sich von der Dienerschaft verwöhnen, badeten ausgiebig und wechselten in ihre Zivilkleider. Sie glaubten sich in einer anderen Welt, als das Spiegelbild ihr Konterfei zurückwarf: dunkler, doppelreihiger Frack über hellen Hosen und wildledernen Stulpenstiefeln. Der weisse, leinene Hemdkragen reichte bis unters Kinn und wurde mit einer seidenen Schleife gebunden. Das Haar lag eng am Kopf und wurde über der Stirn nach vorne gebürstet.
Die Kutschenknechte und Begleitpersonen waren bei den Angestellten bestens untergebracht. Da die Firma Rittmeyer gerade im Begriff stand, Ware in die Schweiz zu liefern, schlug der Gastgeber vor, die Kutsche hier zu entlohnen und mit seiner firmeneigenen Equipage weiterzureisen. Das Angebot wurde gerne angenommen, wobei die drei ‹Putze› das Gepäck begleiten sollten, während die Freunde den Rest des Weges per Pferd zurücklegen würden. Damit fand die manchmal mühsame, manchmal unterhaltsame Droschkenreise durch Österreich in Bayern ihr Ende.
Die Herrschaften, die zu einem erlesenen Souper geladen waren, trafen ein. Die noch herrschende Empiremode schmeichelte den Frauen. Zu den pastellfarbenen, knöchellangen Kleidern trugen sie einen farbigen Schal. Das Haar war hochgekämmt, in einem losen griechischen Chignon am Hinterkopf zusammengefasst und von einem Seidenband umschlungen, während kleine Locken sich über den Ohren ringelten.
Frau Rittmeyer sah bezaubernd aus neben ihrem behäbigen Gatten. Sie begrüsste das Ehepaar Schöller und umarmte deren zwei Töchter, die mit ihren langen Röcken zu kämpfen schienen. «Ihr werdet interessante Gesprächspartner finden», sagte sie mit einem Augenzwinkern zu den beiden Mädchen.
«Aber ich bin doch bereits versprochen», entrüstete sich Resi, die Ältere, peinlich berührt.
Frau Rittmeyer lachte. «Du musst ja nicht immer gleich ans Heiraten denken, wenn du einem unbekannten Mann begegnest.» Sie führte das Mädchen zu Carl hin und stellte die beiden einander vor: «Herr Leutnant, darf ich Sie bitten, sich um Ihre bezaubernde Tischdame, Mademoiselle Resi Schöller, zu kümmern?», und zu Resi, «das ist Leutnant Carl vom Friesenberg.» Das Mädchen formte den Mund zu einem «Oh!», als es den herrschaftlichen Namen hörte.
Carl musterte die unscheinbare junge Frau und sagte artig: «Es ist mir ein Vergnügen.»
Friedrich fand an der Seite der jüngeren Schwester, Sophie, Platz. Das Mädchen hatte einen erfrischend natürlichen Charakter und scheute sich nicht, seine Neugier zu zeigen. Unumwunden fragte es: «Zu welcher Sippe der reichen Eschers gehören Sie, Herr Major?»
Friedrich musste herzhaft lachen. «Sie lassen kein Gras wachsen, Mademoiselle, nicht wahr? Ich muss Sie enttäuschen, ich stamme nur von einer Nebenlinie der berühmten Eschers ab.»
«Aha, und von welcher?»
«Nun, meine Geschichte würde zu viel Zeit in Anspruch nehmen. Aber zu Ihrer Information, ich bin bei einem meiner ‹berühmten› Verwandten aufgewachsen, als meine Eltern frühzeitig starben.»
«Das klingt gut», antwortete Sophie befriedigt. «Wissen Sie, meine Schwester und ich sind in einem vornehmen Institut erzogen worden, da müssen wir sehr auf unseren Umgang achten.» Sie lachte unbekümmert, bis sie dem strengen Blick ihrer Mutter begegnete. «Ich bin das schwarze Schaf in meiner Familie. Ich kann einfach nie den Mund halten», flüsterte sie ihrem Nachbarn zu.
Dieser ging auf ihren Ton ein. Schon lange hatte er sich nicht mehr so unbeschwert amüsiert. «Bleiben Sie, wie Sie sind, kleine Sophie», flüsterte er zurück.
Georg fand sich neben einer schweigsamen Dame platziert, Elfriede von Wartenberg. Sie war Freundin und Gesellschafterin der Gastgeberin. Wie er im Laufe des Abends erfuhr, hatten die beiden zusammen ein Institut für höhere Töchter besucht. Das Ausbildungsprogramm umfasste Stricken, Nähen, Sticken, Englisch, Latein, Deutsch, Italienisch und Französisch, was die Absolventinnen auf eine höhere Bildungsstufe hob, als dies allgemein üblich war. Es kostete Georg Mühe, ein Gespräch mit ihr in Gang zu bringen. Immerhin fand er heraus, dass ihre Familie aus Sachsen stammte und während des Krieges ihren Besitz verloren hatte. Sie behandelte ihn von oben herab und liess durchblicken, er möge sich keine Hoffnungen machen, was ihn belustigte, denn diese Absicht lag ihm fern.
Nach dem Kaffee zogen sich die Herren in den Rauchersalon zurück, um über wirtschaftliche und politische Ereignisse zu diskutieren.
«Wie ist das politische Empfinden in der Bevölkerung?», fragte Friedrich.
«Nun, wie Sie sich vorstellen können, hat die napoleonische Zeit viel Unruhe gebracht», antwortete der Hausherr. «Die Stadt verlor ihre Reichsprivilegien, das tausendjährige Lindauer Damenstift wurde säkularisiert, und beides wurde Österreich ‹geschenkt›. Gottlob ging Lindau 1806 an das Königreich Bayern über, und da hoffen wir, endlich zu bleiben.» Er zog an seiner Zigarre und schaute den Rauchringen nach, die er in schöner Regelmässigkeit ausblies. «Die Ränke in der Politik schaffen Unsicherheit bei Bürgern und Geschäftsleuten. Aber was mir vor allem Sorgen macht, ist das Erwachen des Volkes. Der Begriff ‹liberté› weckt Wünsche. Frankreich hat gezeigt, wohin das führt, doch das Wort Freiheit ist bei der Bevölkerung auf fruchtbaren Boden gefallen – auf gefährlichen Boden, möchte ich sagen.»
Bald wandte sich das Interesse der Transportfrage und den hohen Abgaben zu. Der Gastgeber überlegte bereits einen Umzug seiner Firma in die Schweiz, um die hohen Zollabgaben zu sparen. Er fabrizierte und lieferte Posamente aus Wolle, Seide und Metall, die für Landestrachten Verwendung fanden. Im Zusammenhang mit der Transportfrage sprachen sie auch von den erstaunlichen Leistungen der Wilhelmine Reichard, die sich als Ballonfahrerin profiliert hatte und beim Oktoberfest 1820 in München aufgestiegen war.
«Eine ausserordentliche Frau, sowohl was ihren Mut als auch ihren wissenschaftlichen Verstand anbelangt», lobte Jacob Rittmeyer. An Georg gerichtet schlug er vor: «Bei Ihren Überlegungen zum Transportwesen sollten Sie den Aspekt Lufttransport vielleicht auch einbeziehen.»
Georg nahm den Faden gerne auf. Er hatte sich in den vergangenen Jahren intensiv mit dem Thema befasst. «Ich bin überzeugt, dass irgendwann Fluggeräte entstehen werden zur Beförderung von Personen und Waren. Zumindest theoretisch gibt es bereits gute Ansätze und einige interessante Entwicklungen. Doch bisher ist noch kein wirklich nutzbares Luftfahrtgerät dabei herausgekommen. Der Durchbruch wird wohl einer unserer nächsten Generationen vorbehalten bleiben.»
«Gesunde Einstellung, man muss sich machbare Ziele setzen und im Hintergrund weiterstudieren. Aber mein Interesse haben Sie, wenn Sie auf dem Transportsektor weiterforschen», ermutigte Herr Rittmeyer seinen Gast.
Georg nickte dankbar. Noch waren seine Ideen vage, aber es konnte nicht schaden, bereits Beziehungen zu knüpfen.
Die Gesellschaft beendete den Abend mit einem Spaziergang unter dem sternenklaren Himmel. Die Insel Lindau glich einem Scherenschnitt, so scharf zeichneten sich die Konturen der Stadtmauer und der Türme gegen das Firmament ab.
Als sie sich verabschiedeten, stellte sich Sophie ganz nahe vor Friedrich hin. Sie musste den Kopf tief in den Nacken beugen, um ihm ins Gesicht zu blicken. «Herr Major, wenn wir uns das nächste Mal begegnen, werde ich bestimmt so gross sein.» Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und reichte ihm bis zur Schulter.
Er sah sie lächelnd an. «Davon bin ich überzeugt.»
«Sie kommen doch wieder, nicht wahr? Ich werde jede Nacht von Ihnen träumen.»
Er hob ihr Kinn hoch und antwortete: «Sophie, seien Sie nicht so grosszügig mit ihren Bekenntnissen. Sie könnten falsch verstanden werden.»
«Aber nicht von Ihnen, Herr Major.»
Frau Rittmeyer hatte die Unterhaltung zufällig mit angehört. Als das Mädchen sich entfernte, hängte sie sich bei Friedrich ein. «Herr Major, Sie haben eine treue Verehrerin gefunden. Das Mädchen ist ein Juwel. Und», sie drehte sich mit erhobenem Zeigefinger ihm zu, «was sie sich in den Kopf gesetzt hat, das kriegt sie auch.»
Friedrich seufzte. «Der Abschied vom Militär stellt mich vor neue Entscheidungen und Heirat steht nicht an erster Stelle. Übrigens, Sophie ist noch ein Kind.»
«Nun, es ist nicht unüblich, dass ein Mädchen mit sechzehn Jahren vermählt wird.» Sie schwiegen eine Weile. «Die Eltern würden Sie mit offenen Armen empfangen und meinen Segen hätten Sie auch», endete sie lächelnd.
Die Zeit verging in der anregenden Gesellschaft der Rittmeyers viel zu schnell. Doch als die Truhen und Kisten unterwegs waren, machten sich auch die drei Freunde auf den Heimweg.
«Wir werden uns bald wiedersehen», versprach ihr Gastgeber. «Irgendwann werde ich meine Geschäftstätigkeit in die Schweiz verlagern, und dazu muss ich noch eine ganze Anzahl von Voraussetzungen vor Ort abklären.» Er klopfte Friedrich auf die Schulter. «Lassen Sie mir die Eschers herzlich grüssen.» Dann drehte er sich zu Georg: «Ihnen, Hauptmann Keller, wünsche ich im Zivilleben einen ebenso raschen Aufstieg wie beim Militär.» Sie schüttelten sich die Hände, während Carl etwas verloren abseitsstand. Frau Rittmeyer ging auf ihn zu und verabschiedete ihn herzlich.
«Wann immer Sie in unsere Nähe kommen, suchen Sie uns auf. Wir haben mit Ihnen und Ihren Kameraden eine wirklich schöne Zeit verbracht.»
«Danke, Madame», er schlug die Hacken zusammen und beugte sich tief über ihre Hand. «Ich hoffe, dass meine unbekannte Braut Ihre Qualitäten haben wird.» Frau Rittmeyer sah seinen bewundernden Blick und bedankte sich mit einem Kopfnicken.
Die Gäste verbrachten eine letzte Nacht im Palais Rittmeyer. Am nächsten Morgen schwangen sie sich auf die Pferde und machten sich auf den Weg. Sie trugen wieder ihre Militäruniformen und diesmal auch ihre Waffen als Sicherheit gegen Wegelagerer, da sie von nun an ohne Begleitung unterwegs sein würden. Zum Schutz vor dem Nieselregen, der in der Nacht eingesetzt hatte, waren sie in Pelerinen gehüllt. Jeder in seine eigenen Gedanken versunken, folgten sie dem Seeufer.
Ein paar Meilen nach Bregenz überquerten sie eine Holzbrücke über den Rhein und befanden sich in der Schweiz. Kurz vor Rorschach nahm der Verkehr rapide zu, denn pausenlos wurde das riesige Kornhaus mit Transportgut auf dem Land- wie auch dem Seeweg beliefert. Fluchende Wagenknechte fuchtelten mit ihren Peitschen, um sich Durchgang zu verschaffen. Es tat gut, diesem Gewühl zu entrinnen, und doch war es ein erfreuliches Zeichen wiederkehrenden Handels.
In kurzer Distanz lag die Jakobskapelle, die einst als Raststätte für Pilger auf ihrem Weg nach Santiago de Compostela diente. Bei ihrem Anblick fragte Friedrich versonnen: «Ist es nicht Wahnsinn, was die Menschen treibt? Einerseits kämpfen sie um die Vorherrschaft über Länder und Völker, anderseits ziehen sie monatelang unter härtesten Bedingungen zu einem Wallfahrtsort, um ihre Vergehen zu sühnen.»
Carl zuckte die Schultern. «Was ist daran so unbegreiflich? Es wird immer Händel, Kriege, private Streitigkeiten geben. Wer nicht damit umgehen kann, braucht einen Götzen, von dem er glaubt, er würde ihm seine Sünden vergeben. Meines Erachtens benötigt jemand, der von seiner Mission überzeugt ist, keine Absolution.»
Friedrich und Georg warfen sich fragende Blicke zu, enthielten sich jedoch eines Kommentars. Um die Stimmung zu entspannen, zeigte Georg auf den Strassenbelag.
«Seht euch mal die raffinierte Technik der römischen Strassenbauer an. Selbst nach Jahrhunderten ist diese Heerstrasse noch brauchbar, weil der Belag von einem soliden Unterbett getragen wird. Zudem leitet die gewölbte Strassendecke das Regenwasser in die seitlichen Rinnen ab, sodass die Strasse bei jeder Witterung passierbar bleibt.»
Friedrich nickte zustimmend. «Ich sehe, du hast deine Hausaufgaben gemacht, denn für eine weitere Transportentwicklung braucht man auch bautechnische Kenntnisse.»
Kurz vor Frauenfeld schlug Friedrich vor, die Nacht im Schloss Kefikon bei Islikon zu verbringen. Das Gut gehörte den Eschers vom Glas. Er erinnerte sich an die wunderbaren Ferien, die er mit seinen Cousins dort verbracht hatte. Sie waren wie die Wilden über Land geritten, bei Bauern eingekehrt und hatten sogar manchmal beim Heuen mitgeholfen. Georg war sofort von diesem Gedanken angetan. Ihn erwartete kein Zuhause, und das lange Reiten hatte ihn ermüdet.
«Mich zieht es weiter», warf Carl ein. «Ich kann es nicht erwarten, meine Braut zu sehen.»
«Carl, ich halte das für keine gute Idee. Der Weg führt teils durch dichten Wald, es wird bald dunkel sein, die Stadttore schliessen, und ein einsamer Reiter ist eine leichte Beute für Räuber», gab Friedrich zu bedenken.
«Ich war Soldat, vergiss das nicht. Ich weiss mich zu verteidigen.»
Auch Georg versuchte ihn zurückzuhalten, doch alles Zureden war vergeblich.
«Sei vorsichtig», bat Friedrich ihn. «Das Gepäck wird bei mir zu Hause im ‹Felsenhof› abgeliefert. Melde dich in den nächsten Tagen. Wir wünschen dir gute Reise und eine freudige Überraschung mit deiner Zukünftigen.»
Sie sahen Carl nach, wie er im Galopp davonritt. Friedrich seufzte tief: «Hoffentlich wird er nicht für seine Sturheit gebüsst. Ich habe ein mulmiges Gefühl.»
Bald standen sie vor dem grossartigen Besitz, der bereits seit dem vorigen Jahrhundert den Nachfahren von Heinrich Escher vom Glas gehörte. Im Mittelalter war das Schloss mit dem Turm eine Wasserburg gewesen, umgeben von einer Wehrmauer mit Zinnen und Tor. Übrig geblieben war ein herrschaftliches Gebäude mit einem Gutshaus in einem weitläufigen Gelände. Ehrfürchtig blickte Georg sich um.
«Manchmal frage ich mich, ob die Eschers wohl älter sind als die Eidgenossenschaft. Es ist unglaublich, was deine Familie geschaffen und erworben hat.»
Friedrich lachte. «Nun, nachweislich sind wir um 1190 als ‹Ministeriale der Grafen von Habsburg› erwähnt. So gesehen, haben wir schon einige Generationen vor Tells Apfelschuss gelebt. Aber lass dich nicht einschüchtern, wir sind Menschen mit guten und schlechten Eigenschaften, wie alle anderen.»
«Nur um einiges erfolgreicher als der Durchschnitt.»
Der Verwalter kam zum Tor, als er die Glocke läuten hörte. Sein runzliges Gesicht verzog sich zu einem freudigen Lächeln, als er den Besucher erkannte.
«Der Herr Friedrich! Herzlich willkommen.»
«Grüss dich, Andreas. Können wir hier übernachten? Ich bin mit Hauptmann Georg Keller auf dem Heimweg von Wien.»
«Aber sicher, Herr Friedrich. Sie wissen doch, dass wir immer für Gäste bereit sind. Ich werde die Gerda aus dem Gutshaus benachrichtigen, damit sie ein gutes Nachtmahl vorbereitet.» Er stakste auf seinen dünnen Beinen hastig voraus, öffnete das schwere Portal und blieb schnaufend stehen, um die Besucher durchzulassen. Auf dem makellosen Klinkerboden der Halle lagen prächtige orientalische Teppiche und an den weiss gekalkten Wänden sah man Waffen neben alten Stichen hängen. Eine glänzend gebohnerte Holztreppe mit geschmiedetem Handlauf führte zu den oberen Stockwerken.
«Wenn Sie gestatten, zeige ich Ihnen Ihre Zimmer und lasse gleich auch ein Bad herrichten.»
«Das ist eine herrliche Idee, Andreas. Sag mir, welche Räume wir benutzen dürfen, du brauchst dich nicht hinauf zu bemühen. Aber ein Bad wäre willkommen.»
«Natürlich, Herr Friedrich. Es sind alle Zimmer bereit, am besten richten Sie sich in den Parkzimmern ein. Der Ausblick in den Schlossgarten ist besonders schön mit den Seerosen im Teich. Ich laufe schnell zum Gutshaus und hole Personal.»
Friedrich nickte und überliess den greisen Verwalter seinen Pflichten. Bald hörte man ein Rumoren in der Küche. Der Herd wurde angefeuert, um heisses Wasser zuzubereiten. Die Angestellten des Gutshofs trugen zwei Blechwannen in die Gastzimmer, und nach einer guten Stunde dampfte das Wasser darin.
Als sich die Herren frisch und wohlig an den Tisch gesetzt hatten, trug Andreas ein deftiges Bauernmahl auf. Es gab Weissbrot, Butter, Speck, Würste, Käse, Nüsse und dazu Most, gekeltert von den eigenen Birnbäumen.
«Wir konnten in der Eile nichts Vornehmeres zubereiten», entschuldigte sich der Verwalter.
«Lass gut sein, Andreas, das ist ein Festmahl nach unseren Strapazen.»
Der Diener war beruhigt, dass er die Gäste nicht enttäuscht hatte, und ging gleich in die Küche, um das Lob an Gerda weiterzugeben.
Friedrich erzählte seinem Freund von einer Eigenheit in diesem Hause. «Kefikon war bis 1798 ein Lehen des Klosters Reichenau. In den Herrschaftsbereich teilten sich jedoch sowohl die Landgrafschaft Thurgau als auch die Grafschaft Kyburg. Die Grenze ging mitten durch unsere Schlossküche, bis eine kleine Korrektur vorgenommen wurde.»
Inzwischen war auch der Kamin im Salon angefeuert worden. Die Herren setzten sich in die mit Gobelin bezogenen Lehnstühle, zwischen sich einen polierten Salontisch. Andreas hatte eine Flasche Cognac gebracht und sogar Zigarren beschafft.
«Du bist ein Juwel, Andreas.»
«Wenn Sie noch Wünsche haben, läuten Sie bitte.»
«Danke, Andreas. Wir brauchen heute nichts mehr. Wir gehen bald zu Bett, denn morgen früh möchten wir ausgeruht weiterreisen. Gute Nacht.»
Andreas verbeugte sich und verliess den Salon. Die Freunde sassen eine Weile schweigend beisammen, bis Georg fragte: «Ist das Leben hier wirklich so idyllisch, wie es den Anschein macht? Grüne Wiesen, goldene Felder, gut genährtes Vieh, aufmerksame Angestellte.»
Friedrich überlegte und antwortete: «Ich würde das bejahen. Aber wenn du idyllisch mit langweilig oder rückständig gleichsetzen willst, liegst du falsch.»
Er hob sein Cognacglas, sog das würzige Aroma tief ein und kostete das edle Getränk mit geschlossenen Augen. Dann atmete er mit sichtlichem Genuss aus und begann zu erzählen.
«Du hast gewiss die grosse Textilfärberei und Druckerei in Islikon bemerkt, in unserer nächsten Umgebung. Sie wurde von Bernhard Greuter gegründet. Er ist in Kefikon als Waisenknabe, Sohn eines Reisläufers und Händlers, aufgewachsen, durfte die Schule in Wattwil besuchen und eine Ausbildung als Hauslehrer machen. Wenn er nicht beschäftigt war, arbeitete er in einer Kattundruckerei, wo er die neu eingeführte Blaufärberei kennenlernte. Das Gewerbe faszinierte ihn, er vertiefte seine Kenntnisse in Holland und erstellte seine eigene Anlage. 1796 gründete er mit den Brüdern Rieter aus Winterthur die Handelsgesellschaft Greuter & Rieter. Ich möchte nicht in die Details gehen. Die Tatsache, dass in den Werken dieses mutigen Mannes heute im In- und Ausland über 3000 Arbeitnehmer beschäftigt sind, spricht für sich. Seiner weisen Voraussicht ist es auch zu verdanken, dass eine betriebliche Kranken-, Militär- und Alterssparversicherung zustande kam, eine Reisekasse zu Ausbildungszwecken sowie eine Viehversicherung. Wie vor ihm die Fugger in Augsburg erkannte er, dass gut versorgte Angestellte gute Arbeit leisten.»
Friedrich genehmigte sich einen weiteren Schluck Cognac und fuhr lachend fort: «Stell dir vor, dieser erfolgreiche, erfinderische Geist übergab im Alter von sechzig Jahren die Nachfolge seinen vier Söhnen, um einer neuen Neigung zu folgen. Er widmet sich seit fünfzehn Jahren ausschliesslich der Landwirtschaft, führte die Kartoffel ein, züchtet Rinder und legt Obstkulturen an. Die Greuterscheune, das grösste Wirtschaftsgebäude dieser Art in der Schweiz, dient auch der Färberei, indem sie den zum Färben benötigten Mist liefert und Raum fürs Trocknen der Tücher bietet.»
Georg war beeindruckt. «Ich glaube, das Volk hier sehnt sich nicht nach einer Revolution. Sie haben ihr tägliches Auskommen und sehen eine Zukunft für ihre Kinder.»
Am nächsten Morgen zogen die beiden Freunde auf ausgeruhten Pferden weiter. Die ländliche Gegend war wenig bebaut, der Verkehr gering. Doch je näher Winterthur-Töss rückte, desto lebhafter wurde das Treiben. Mehrspännige Fuhrwerke, Kutschen mit wohlhabenden Passagieren und viele Fussgänger passierten den kleinen Marktort, wo die Winzer ihre Produkte direkt vom Fass verkauften, während es ihnen verboten war, Mahlzeiten anzubieten.
Friedrich und Georg mussten sich einen Weg durch die Menge bahnen und wurden dabei immer wieder von fahrenden Händlern und Bettlern angehalten. Aber endlich hatten sie die Brücke bei der Kemptmündung überquert und erreichten den steilen, dicht bewaldeten Weg mit den engen Kurven hinauf zur Brüttenerhöhe. Nach dem dichten Wald öffnete sich eine Sonnenterrasse, die einst den österreichischen Erzherzog Carl so sehr entzückt hatte, dass er gesagt haben soll: ‹Wär ich ein Schweizer, so baute ich mir hier ein Schloss.› In dieser Region hatten vor nur gut zwanzig Jahren französische, österreichische und russische Truppen gewütet und dem Dorf Brütten schweren Schaden zugefügt. Jetzt stand es als Zeuge des Überlebenswillens wieder intakt da, ein Ort des Friedens. Weiter ging es auf flachem Gelände bis kurz vor Bassersdorf, wo das Hochplateau endete und die Strasse steil zum Dorfbach abfiel.
Friedrich zeigte auf die verstreuten Anwesen. «Sieh dir die friedliche Atmosphäre an. Auch dieser schmucke Ort war in den napoleonischen Kriegen heftig gebeutelt worden. Von 1794–1796 musste ein Viertel der Haushalte von der Zürcher Regierung Armenhilfe beziehen. Kaum hatte sich das Elend gelegt, folgte 1817 die grosse Hungersnot im Kanton Zürich, wobei die Familien mit Lebensmitteln unterstützt wurden.»
Zwei Gasthäuser, der ‹Löwen› und der ‹Adler›, waren die Aushängeschilder des Dorfes. Der ‹Adler› diente als Poststelle, Pferdestation und Taverne. «Genehmigen wir uns hier einen Becher», schlug Friedrich vor. Sie stiegen von ihren Pferden, banden sie an die Stange vor dem Wirtshaus und baten einen Stallknecht, die Tiere zu versorgen. Friedrich griff in seine Tasche und bezahlte den Knecht, indem er ein schönes Trinkgeld beifügte. «Danke, der Herr», freute sich dieser und liess den Gulden eilig verschwinden.
Fuhrleute und Passagiere sassen dicht gedrängt um die rohen Tische und gönnten sich eine Rast bei Brot und Wein; die Gegend war nämlich auch für ihre Rebberge bekannt. Man tauschte Informationen aus und hörte den Neuigkeiten zu. Ein Kutscher verfluchte die Strassenräuber, die für einzelne Reisende und kleine Gruppen eine grosse Gefahr darstellten.
«Verfluchte Banden, die auftauchen und verschwinden, bevor man Atem schöpfen kann. Nur ein Dummkopf ist nachts allein unterwegs, und er muss sich nicht wundern, wenn er sich im Strassengraben wiederfindet, arm und nackt.»
Friedrich und Georg schauten sich an. Hatten sie einen Fehler gemacht, als sie Carl ziehen liessen? Sie setzten ihren Weg bedrückt fort, über die alte Winterthurerstrasse nach Wallisellen und weiter nach Schwamendingen, wo sich ankommende und weiterreisende Gefährte kreuzten.
«Beachtlich», bemerkte Georg. «Das muss eine Goldgrube sein für die Wirte.»
Es herrschte ein heilloses Gedränge, so nah vor Zürichs Toren. Bei Märkten und Festen glich der Ort fast einem Heerlager. Das Gasthaus ‹Hirschen› mit seiner Fuhrhalterei hielt bis zu 25 Pferde zum Wechseln bereit, und wenn diese nicht ausreichten, spannte man Ochsen und im Notfall sogar Kühe vor. Gottlob gab es daneben noch ein paar andere Wirtschaften, die sich der Gäste annahmen.
Friedrich und Georg rasteten nochmals kurz, bevor sie die letzte Etappe in Angriff nahmen. Der Weg führte steil bergauf, durch waldiges Gebiet über die Ziegelhütte und den Zürichbergnach der Allmend Fluntern. Ihre geschulten Augen erkannten noch die Spuren von Verbauungen und Schanzgräben auf dem Adlisberg, die die napoleonischen Kriege zurückgelassen hatten. Aber endlich waren sie auf dem Abstieg Richtung See und erreichten kurz vor Sonnenuntergang das Stadelhofer Stadttor. Sie kamen gerade noch rechtzeitig, bevor das Tor geschlossen wurde. Der Wächter kontrollierte ihre Ausweise, nahm den Wegzoll entgegen, und dann konnten sie innerhalb der Mauern endlich aufatmen. Die vertrauten Häuser schienen ihnen ‹Willkommen zu Hause› zu sagen.
Sie führten die Pferde am Zaum und gingen ein paar Schritte Richtung Niederdorf.
«Wo wirst du denn nun logieren?», erkundigte sich Friedrich, «wie gesagt, ich kann dir gerne ein Obdach anbieten, denn ich bewohne im ‹Felsenhof› eine eigene Etage mit Personal. Nur eine Hausherrin vermisse ich noch», lachte er.
«Ich danke dir, Friedrich. Es wird Zeit, dass ich mich neu ausrichte, und dazu muss ich allein sein.» Er zeigte zur Oberdorfstrasse. «Ich kenne den ‹Gasthof zum Hirschen›, wo es auch einen Pferdestall gibt. Dort werde ich mich vorübergehend einmieten.»
«Das ist vernünftig, Georg. Ich werde dir einen Kurier schicken, sobald das Gepäck angekommen ist. Bis dann, alles Gute.»
Friedrich stieg in die Bügel, legte die Hand an die Mütze und entfernte sich Richtung Rathausbrücke. Er liess sich Zeit, durch seine Stadt zu reiten. Vom Viehmarkt folgte er über den Münsterplatz der Hauptstrasse, die später zur Niederdorfstrasse wurde. Durch die schmalen Altstadtgassen konnte er im Halbdunkel immer wieder das Limmatufer sehen, wo Kähne und Fischergondeln an Pfählen festgemacht waren oder auf dem sandigen Ufer lagen. Durch das Rennwegtor gelangte er zum Fröschengraben und, fast um die Ecke an die Pelikanstrasse, zum ‹Felsenhof›, dem Wohnsitz von Hans Caspar Escher vom Glas, der sich sowohl als Architekt wie auch als Ingenieur einen Namen gemacht hatte. Es war nicht die ‹Grosse Stadt›innerhalb der Stadtmauer, sondern nur die ‹Kleine Stadt›, geschützt von den Schanzen. Hier konnte man noch Luft atmen und die Natur geniessen.
Friedrich hatte mit Freude zugegriffen, als Caspar ihm eine Wohnung in seinem Hause angeboten hatte. Nachdem er selbst alle nahen Angehörigen verloren hatte, wurde diese Verwandtschaft zu seiner Familie.
Sein Diener Samuel öffnete die Tür und hiess ihn herzlich willkommen. «Herr Friedrich, wie schön, dass Sie zurück sind.» Nachdem er das Portal wieder geschlossen hatte, fragte Friedrich ihn: «Es ist so ruhig hier. Ist niemand zu Hause?»
Der Diener hob die Hände wie zur Entschuldigung. «Die Herrschaften verbringen ein paar ruhige Tage in Herrliberg auf der Schipf. Sie werden aber am Wochenende zurückkehren.»
«Schon gut. Lass mir bitte ein Bad richten und einen kleinen Imbiss. Ich bin todmüde und möchte schlafen gehen. Es passt mir ganz gut, dass die Familie abwesend ist.»
Das Gepäck traf bald ein und mit ihm die drei ‹Putzflecke›. Vor allem Hannes war überglücklich, in der Meinung, gleich wieder zu Hauptmann Georg ziehen zu können. Aber Friedrich musste ihn enttäuschen.
«Ich habe einstweilen anders für dich disponiert, da Herr Georg in einem Gasthof abgestiegen ist. Du wirst auf die wunderschöne Halbinsel Au ziehen, wo du auf dem Gutshof und beim Gestüt mithelfen kannst. Es wird dir dort gefallen, direkt am Ufer des Sees.»
«Aber ich kann doch nicht schwimmen, Herr Major, ich war bei den Landtruppen.»
Friedrich lachte über den drolligen Wiener. «Es gibt ja auch Schiffe, wenn du unbedingt aufs Wasser willst.»
Am nächsten Vormittag sandte Friedrich je einen Kurier zu seinen Freunden mit der Frage, wohin ihr Gepäck geliefert werden sollte. Georg kam gleich vorbei und bekam mit, wie der Kurier von Carl mit besorgtem Gesicht zurückkehrte.
«Der Herr vom Friesenberg ist schwer verunglückt. Man lässt ausrichten, die Kisten vorläufig hier zu behalten.»
Friedrich und Georg ahnten Böses und machten sich gleich auf zum ‹Friesenberg›. Sie ritten durch die Sihlporte und schlugen den Weg nach Wiedikon entlang der Sihl ein.
Georg wunderte sich. «Ich war noch nie in dieser Gegend.»
«Es gibt hier auch nicht viel zu sehen. Im kleinen Dorf bei der Schmiede leben um die sechshundert Einwohner, vorwiegend Handwerker und Bauern. Dazu kommen noch die Ziegelfabrik und das landwirtschaftliche Anwesen der Familie vom Friesenberg.»
Der Friesenberg zog sich wie ein Gürtel am Fusse des Uetlibergs hin und fiel sanft gegen Wiedikon ab. Während Georg sich neugierig umblickte, fuhr Friedrich mit seinen Ausführungen fort:
«Eine Urkunde der Graftschaft Kyburg aus dem Jahr 1257 bezeichnet einen Jakob Mülner, den Meier des Hofes Wiedikon und Reichsvogt zu Zürich, als Ritter ‹Jacobus Molendinarius de Vriesenberch›. Er residierte im 11. Jahrhundert auf der inzwischen verfallenen Burg auf der Goldbrunnegg. Es gibt keine eindeutigen Beweise für die Abstammung, aber die ‹vom Friesenberg› leiten ihre adlige Herkunft von dort ab. Sicher ist, dass einer ihrer Vorfahren im 18. Jahrhundert im Königreich Sardinien in Kriegsdiensten stand, dort zum Katholizismus konvertierte und später wieder in seine Heimat zurückkehrte. Seither gehörte die Familie zu den Aussenseitern im streng reformierten Zürich.»
Carls Familie wohnte in einem gepflegten, weiss gekalkten Steinhaus, dessen Mansardendach an den Schmalseiten mit einer Stufenzinne abschloss. Die Fenster sassen tief in den dicken Mauern. Auf dem ausgedehnten Wiesland weideten Kühe und Pferde. Das Gut war ein eindrucksvoller Landsitz mit einer prachtvollen Aussicht auf die Stadt Zürich.
Als die Besucher sich dem Eingang näherten, rannten ihnen Hunde entgegen, die sie böse anbellten. Gleich danach öffnete sich die Tür. Ein alter Mann erschien und fragte nach ihrem Begehr.
«Wir sind Freunde von Carl und möchten ihn gerne besuchen.»
«Ich muss mich erst erkundigen, ob Besuch erwünscht ist.» Der Pförtner schloss die Tür und liess die Gäste draussen stehen. Bald erschien er in Begleitung zweier schlanker, hochgewachsener Damen wieder. Die ältere, deren aschblondes Haar kaum sichtbar mit grauen Strähnen durchzogen war, hob fragend die Brauen. Die beiden Herren verbeugten sich leicht und nannten ihre Namen, worauf sie nickte und antwortete: «Ich bin Carls Mutter», und auf ihre Begleiterin weisend, «das ist Carls Braut, Mademoiselle Segesser.» Mit einer Handbewegung wurden die Gäste zum Eintreten aufgefordert.
Sie hatten wenig Zeit, sich in der riesigen, fliesenbelegten Halle umzuschauen. Rechts neben der Tür hing ein Weihwasserbecken. Links sah man im Lichterschein von Kerzen eine Hauskapelle. An den Wänden der Eingangshalle hingen Heiligenbilder und in der Mitte stand eine Glasvitrine, worin kostbare Gegenstände lagen, Erinnerungen an ihre kriegstüchtigen Ahnen.
Der Pförtner öffnete eine schwere Tür. «Das ist der Rittersaal», erklärte Frau vom Friesenberg, «bitte folgen Sie mir.»
Der rechteckige, langgezogene Raum wirkte mit dem dunklen Parkett, den getäferten Wänden und den gewaltigen Möbeln einschüchternd. Durch drei Fenster an der Längsfront fiel zu wenig Tageslicht, um alle Ecken zu erhellen. Ein schwerer, geschnitzter Holztisch, von massiven, hochlehnigen Holzstühlen umgeben, stand vor dem mittleren Fenster. Darüber hing ein Lüster aus Holz, worin frische Kerzen steckten. Rechts davon befand sich ein Geschirrschrank neben einer Anrichte. An der gegenüberliegenden Schmalseite fiel ein mächtiger Kamin ins Auge, über dessen Aufsatz ein goldgerahmtes Bild hing. Es stellte einen mittelalterlichen Ritter in voller Rüstung vor einem dunklen Hintergrund dar. «Das ist der Stammvater derer vom Friesenberg», liess sich die Hausherrin vernehmen.
Die Nische zwischen Kamin und Eingangstür war der Musik vorbehalten; ein Klavier, worauf verstreut Notenblätter lagen, Notenständer und ein paar schmale Stühle, auf denen Streich- und Blasinstrumente ruhten, vermittelten den Eindruck, eine Musikprobe unterbrochen zu haben.
«Bitte, nehmen Sie doch Platz.»
Nachdem die Gäste das beeindruckende Gemach genügend bestaunt hatten, setzten sie sich an den Tisch, auf dem eine Zinnkanne und Zinnbecher standen. Die Gastgeberin bat den Diener, Wein, Brot und Käse zu servieren.
«Carl wurde schwer verletzt aufgelesen. Es geschah offenbar in der Waldschneise zwischen Töss und dem Brütten, wo Räuber ihm auflauerten. Glücklicherweise konnte ihn jemand identifizieren. Wir holten ihn unverzüglich nach Hause und zogen die besten Ärzte zu. Er ist immer noch bewusstlos nach einem Schädelbruch.»
Die beiden Freunde waren entsetzt. «Wir hatten ihn gebeten, mit uns zurückzureiten, aber er wurde getrieben vom Wunsch, endlich seine Braut zu treffen.»
«Die Schuld liegt nicht bei Ihnen», meldete sich nun endlich die jüngere Frau zu Wort. Ihre Gesichtszüge waren zwar ernst, aber nicht verzweifelt. «Wir sind in Gottes Hand, und ohne seinen Willen geschieht nichts.»
Friedrich holte tief Atem und enthielt sich einer Antwort.
«Wir müssen abwarten, was geschieht», stellte Carls Mutter fest und mit Blick auf Mademoiselle Segesser fuhr sie fort: «Seine Braut kümmert sich um den Verletzten.»
Diese nickte ernsthaft. «Es ist eine göttliche Fügung, dass Pater vom Friesenberg, Carls Bruder, uns zusammengebracht hat. Was immer geschehen mag, ich werde Carl eine gute Frau sein.»
Frau vom Friesenberg schaute die künftige Schwiegertochter zweifelnd an. Würde diese die schwere Belastung aushalten?
«Was können wir für Sie und für Carl tun?», fragte Friedrich. «Wir fühlen uns mitverantwortlich. Vielleicht haben wir nicht genügend Druck auf ihn ausgeübt, als er sich allein auf den Heimweg machen wollte.»
«Wie meine Schwiegertochter sagte, es liegt nicht in unserer Macht, das Schicksal zu gestalten. Machen Sie sich keine Vorwürfe.»
Die Besucher verabschiedeten sich mit dem Versprechen, sich bald wieder zu melden.
‹Merkwürdig›, dachte Friedrich, als er auf dem Rückweg neben dem ebenfalls in Gedanken versunkenen Georg herritt, ‹hätten wir drei uns nicht im Militär kennengelernt, unsere Wege hätten sich nie gekreuzt.› Carl war als katholischer Landbesitzer kein Umgang für einen Zürcher Patrizier und Georgs unbekannte Herkunft machte ihn ebenfalls zum Aussenseiter. Wie es mit Carl weiterging? Nun, im Moment konnte man nur hoffen. Und Georg? Er war stets ein loyaler Dienstkamerad gewesen, pflichtbewusst, intelligent, mit guten Manieren. Friedrich nahm sich vor, seinen Freund nach Kräften zu fördern.
Einige Tage später stand Friedrich zufällig am Fenster, als Georg eintraf. Bevor dieser den Türklopfer betätigte, blieb er erst einmal andächtig vor dem Wohnhaus stehen, das seinem Idol Hans Caspar Eschergehörte. Der ‹Felsenhof› an der Pelikanstrasse war ein grosses Stadtpalais, das der Familie als Wintersitz diente. Das Quartier ausserhalb der beengenden Stadtmauern, aber immer noch von den Schanzen geschützt, hatte sich zu einem gefragten Standort für wohlhabende Bürger entwickelt. Hier entstanden Stadtvillen mit teils üppigen Gärten. Den Sommer verbrachten die meisten Patrizier auf ihren Landgütern. Die Eschers z. B. besassen ‹die Schipf›, ein prachtvolles Anwesen mit Seeanstoss, zwischen Erlenbach und Herrliberg.
Die Tür wurde geöffnet. «Herzlich willkommen, Herr Hauptmann», begrüsste ihn der Diener. «Herr Friedrich erwartet Sie im Empfangsraum.»
«Danke, Samuel, ich kenne den Weg.»
Die Freunde schüttelten sich die Hände und setzten sich in die Fauteuils. «Es dauert noch einen Moment, bis das Essen aufgetragen wird. Ich denke, wir genehmigen uns ein Glas Wein.»
«Mit Vergnügen», antwortete Georg. «Ich bin durch die Stadt spaziert und habe mich wieder mit ihr vertraut gemacht. Es ist schön, wieder daheim zu sein.»
Sie prosteten sich zu. Georg schaute sich im vornehm möblierten Raum um. Sein Blick schweifte über die Stuckdecken, Wandbehänge, orientalischen Teppiche, schweren Möbel, das goldgeränderte Geschirr. Plötzlich musste er auflachen.
Friedrich hob überrascht die Augenbrauen und erfuhr sogleich den Grund.
«Gerade hatte ich eine Vision. Ich sah mich mit einer imaginären Familie in einem ebenso vornehmen Haus residieren.»
«Nun, du bist auf dem besten Weg dazu … sobald du die richtige Frau gefunden hast.»
«Die müsste allerdings den Reichtum gleich mitbringen, denn vorläufig besteht mein ganzes Vermögen aus dem, was ich am Leibe trage.»
«Nun, sei nicht so bescheiden. Dein Reichtum sind deine Intelligenz und deine Strebsamkeit. Wenn du diese richtig einsetzt, kommt der Rest von selbst.»
«Ich würde sagen, dass man dann eher von einer glücklichen Fügung sprechen müsste.»
«Nun, Überraschungen gibt es immer wieder.»
«Das klingt, als würdest du mein Horoskop kennen.»
«Das wäre wohl übertrieben, obgleich … nun, wir werden sehen.»
Nach kurzem, irritiertem Schweigen bemerkte Georg, um das Thema zu wechseln: «Ich wundere mich, dass dein berühmter Verwandter nicht in der ‹Grossen Stadt› wohnt, wo er eigentlich hingehören würde.»
Friedrich lächelte verstehend. «Die Eschers sind eine weit verzweigte Familie. Es würde zu weit führen, all die Verästelungen aufzuzählen, die sich im Laufe der Jahrhunderte einstellten. Es gibt z. B. ‹den kleinen Neuberg am Hirschengraben›, ein Gebäude, das immer noch den Eschers vom Glas gehört, aber eines Tages mussten sich die Nachkommen eigene Unterkünfte suchen. Abgesehen davon ist die Wohnlage hier wesentlich gesünder.»
«Ich würde gerne mehr über deine berühmten Verwandten erfahren.»
Friedrich schaute auf die Uhr und nickte. «Also gut: Hans Caspar Escher hat im Alter von dreissig Jahren zusammen mit dem Bankier und juristischen Berater Salomon von Wyss die Baumwollspinnerei Escher, Wyss & Cie. gegründet. Wie es aber dazu gekommen ist, wissen nur wenige. Die Eschers und die von Muralts flohen um die Jahrhundertwende vor dem Kriegsgeschehen in Zürich nach Stuttgart. Die beiden Familien hatten schon zuvor einen gemeinsamen Seidenhandel betrieben. Der junge, noch ledige Hans Caspar war von fragiler Gesundheit und befand sich damals in einem moralischen Tief. Doch sein Freund von Muralt richtete ihn mit einer zündenden Idee wieder auf. Er schlug vor, eine mechanische Werkstätte aufzubauen, die dann 1805 in der Neumühle Wirklichkeit wurde.»
Georg zog im Geiste den Hut vor dem Erfindergeist und der Risikofreudigkeit der Familien von Muralt und Escher, zu der auch der Erbauer des Linth-Kanals, Hans Conrad Escher, gehörte. Er durfte sich glücklich schätzen, Major Friedrich Escher zum Freund zu haben.
Der Diener öffnete die Tür und räusperte sich. «Es ist angerichtet, meine Herren.» Zu Friedrich gerichtet, fragte er: «Ich schlage zu der leichten Mahlzeit einen Klevner vor. Ist Ihnen diese Wahl genehm?»
«Ausgezeichnet, Samuel.»
Die Freunde setzten sich zu Tisch, und Georg schaute sich unauffällig um. Es war alles vorhanden, was den Haushalt eines begüterten Besitzers ausmachte. Nur eines fehlte: die liebende Hand einer Frau. Es gab weder Grünpflanzen noch Blumen auf dem Tisch oder Spitzendecken und Nippes. Das Mahl war schnell zu Ende. Friedrich drängte darauf, Carl vom Friesenberg zu besuchen. Er hatte Nachricht erhalten, sich bald zu melden.
«Das kann ja nur eine gute Wendung bedeuten», schlussfolgerte Georg.
«Darauf hoffen wir.»
Die Pferde waren bereits gesattelt, und auf ging es nach dem Friesenberg.
Die Hunde empfingen sie wieder mit Gebell, als sie den Türklopfer betätigten. Der alte Mann, den sie schon beim ersten Besuch angetroffen hatten, öffnete die Tür und schloss sie gleich wieder mit der Bemerkung: «Warten Sie hier.»
Mutter und Braut erschienen kurz darauf mit betrübten Mienen und führten sie in den Rittersaal. Sie setzten sich auf die steifen Stühle, die Damen auf einer Seite, die Herren gegenüber. Carls Mutter rieb sich nervös die Hände, und die Braut wirkte mit ihrem übernächtigten Gesichtsausdruck noch grauer als zuvor.
Endlich sagte die Mutter: «Carl ist erwacht.»
«Gott sei Dank!», riefen die Besucher mit Erleichterung aus.
Kein Lächeln erschien in den Gesichtern der beiden Frauen.
«Er ist blind.»
«Um Himmels willen!»
Sie hörten vom oberen Geschoss ein Scheppern und Klirren, begleitet von barbarischem Gebrüll.
«Das ist er», die Mutter wies mit dem Kinn nach oben. «Seit er aus seiner Ohnmacht erwacht ist, schlägt er alles kurz und klein. Wir wissen uns nicht mehr zu helfen, und nun setzen wir unsere ganze Hoffnung auf Sie.»
Friedrich erholte sich zuerst von seiner Überraschung. «Frau vom Friesenberg, Mademoiselle Segesser, wir werden tun, was wir können. Aber vorher möchten wir gerne erfahren, wer mit Ihnen im Haushalt lebt.»
Die Mutter rieb sich wieder nervös die Hände. «Mein Mann ist vor kurzem unerwartet verstorben. Er war ein absoluter Herrscher, duldete niemanden neben sich. Deshalb hinterliess er auch keinen Stellvertreter für die Leitung des Gutsbetriebes.» Sie seufzte tief auf. «Es war ein Jagdunfall.»
«Das ist ein hartes Schicksal für Sie alle. Unser aufrichtiges Beileid. Gibt es denn keine anderen Söhne, Schwiegersöhne, Vettern, die Ihnen beistehen könnten?»
«Mein ältester Sohn, Emil, steht der Ziegelfabrik vor und hat alle Hände voll zu tun. Wir müssen uns nach einem Verwalter umsehen.»
Endlich liess sich auch die Braut vernehmen: «Und der mittlere Sohn, Pater Joseph vom Friesenberg, ist Jesuit. Er hat uns, mich und meinen Vater, hierhergebracht, damit wir endlich eine Heimat finden sollten», leierte sie herunter.
Die Freunde konnten nicht ganz folgen, aber das war für den Moment unwichtig. Friedrich fragte: «Meine Damen, würden Sie uns freie Hand lassen, um Carl zu beruhigen?»
«Tun Sie, was immer Sie wollen, aber bringen Sie ihn zur Vernunft», willigte die Mutter ein, und die Braut nickte schluchzend dazu.
Friedrich und Georg traten in die Halle, wo der Diener ohne Namen bereits wartete. Wahrscheinlich hatte er gelauscht.
Friedrich gab keine Erklärung ab. «Bringen Sie uns zu Herrn Carl.»
Sie waren die Treppe noch nicht ganz hinaufgestiegen, da schlug ihnen aus einer offenen Zimmertür bereits eine Stimme entgegen: «Lasst mich in Ruhe!»
Der Diener hob unschlüssig die Schultern. Die Freunde traten ein. «Ihr sollt mich in Ruhe lassen», wiederholte der Kranke. Seine Hände suchten nach einem Gegenstand, den er ihnen an den Kopf werfen konnte. Aber es gab nichts mehr zu werfen, alles war zerbrochen, zerfetzt, was in Griffnähe des Bettes lag.
Friedrich stellte sich vors Bett. «Leutnant vom Friesenberg, nehmen Sie Haltung an. Das ist ein Befehl!»
Carl war dermassen überrascht, dass er sich im Bett aufsetzte. «Jawohl, Herr Major.» Aber dann fiel er gleich wieder wie ein Sack zurück auf sein Kissen und heulte. «Es ist so ungerecht. Warum habt ihr mich gehen lassen?»
«Leutnant vom Friesenberg, Sie sind ein Idiot! Sie sind ein erwachsener Mann, und man dürfte von Ihnen nach Ihrer militärischen Ausbildung mehr Disziplin erwarten.» Friedrich schaute sich im Raum um und schauderte. «Carl, es sieht hier aus wie in einem Schweinestall. Scherben, verschüttetes Essen, und stinken tust du auch entsprechend.» Er rief nach draussen, wo der Diener stand: «Bringen Sie eine Badewanne in die Diele und lassen Sie heisses Wasser zubereiten. Holen Sie sich Hilfe, um den Kranken zu waschen, und Personal zum Reinigen des Zimmers. Nachher soll ihm ein leichtes Mahl serviert werden.»
«Jawohl», kam es von draussen, erleichtert, dass jemand die Zügel in die Hand nahm.
