Tausche Einsamkeit gegen Zweisamkeit - Ingrid Schmahl - E-Book

Tausche Einsamkeit gegen Zweisamkeit E-Book

Ingrid Schmahl

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Beschreibung

In ihrem vierten Buch erzählt die Autorin Ingrid Schmahl die Geschichte von Gerda Umweg. Schon dieser Name deutet auf allerhand Umwege hin. Gerda läuft nach ihrer Scheidung von einer Katastrophe in die andere. Ob sie zuletzt glücklich wird? Wer weiß? Das Buch ist gedacht für Menschen, die auch im fortgeschrittenen Alter die Suche nach der Liebe noch nicht aufgeben.

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Seitenzahl: 319

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Ingrid Schmahl

TAUSCHE EINSAMKEIT GEGEN ZWEISAMKEIT

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2014

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2014) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

INHALT

Cover

Titel

Impressum

Prolog

Bitte an Amor

Gerda wird aktiv

Blick zurück

Scheidung–und dann?

Neue Perspektiven

Außer Spesen nichts gewesen

Ist er es?

Ist Alexander der Richtige?

Marias Hoffnung

Sex mit Alexander?

Pech gehabt!

Gerda wieder alleine

Cowgirl gesucht

Erstes Treffen mit Herbert

Freundinnen

Wie geht es weiter?

Karl taucht auf

Jessy

Wandervögel

Karls Katastrophen

Anonyme Alkoholiker

Der Entzug

Familiäre Sorgen

Eine Zukunft mit Karl?

Ende gut–

PROLOG

Sie saßen in gemütlicher Runde beieinander: Sieben junge und ältere Frauen. Jeden Monat trafen sie sich im Café Wagner bei Kaffee und Kuchen, um sich über verschiedene Themen auszutauschen.

Heute war ihr Thema: Unterschiede zwischen Mann und Frau. Können Männer im Alter alleine leben? Können Frauen es?

Dass Frauen es oft können, weil sie es einfach müssen, war allen klar. Aber wie ist es bei Männern? Wenn sie jung sind, haben sie ihre Clique, in der sie gut aufgehoben sind. Aber wie ist es, wenn sie älter werden? Da gebraucht Mann schon alleine aus praktischen Gründen eine Frau. Eine, die ihn umsorgt, seine Zipperlein behandelt und mit der er eventuell angeben kann. Zum Angeben muss es eine junge Frau sein, die er aber nur bekommt, wenn er die finanziellen Mittel besitzt. Ansonsten ist ein älterer, alleinstehender Mann ein armer Wicht. Er lässt sich gehen, wie Gisela in der Frauenrunde berichtete. Sie ist verheiratet und kümmert sich um ihren Schwiegervater, der mit in ihrem Haus wohnt. Ohne ihre Hilfe sähe sein Zimmer oft schlimm aus. Für Ordnung hatte früher seine Frau gesorgt. Dafür ist jetzt seine Schwiegertochter zuständig.

So weit zum Thema Mann.

Von einer Bekannten namens Gerda berichtete Ursula. Gerda war zwar eine starke, selbständige Frau mit einem guten Beruf als Flugbegleiterin, jedoch ohne einen Partner an ihrer Seite fühlte sie sich sehr alleine. Sie suchte nach ihrer Scheidung einen neuen Mann, was aber zu mehreren Katastrophen führte. Sie brauchte einige Anläufe, bis es am Ende doch noch klappte und sie jetzt in einer harmonischen Partnerschaft lebt. Aber sie musste auch bei dieser letzten Partnerschaft einige Schwierigkeiten überwinden. Gerda machte viele Fehler, die sie fast am Leben verzweifeln ließen.

Die Runde der sieben Frauen diskutierten noch lange miteinander, wobei sie von Kaffee und Kuchen auf einen guten Rosé übergingen. Die Fehler, die Gerda gemacht hatte, wurden, nachdem Ursulas Bericht über Gerdas ganze Problematik auf den Tisch kam, lange besprochen. Alle hatten Verständnis für Gerdas Suche nach einem Mann, die jedoch nach ihrer einhelligen Meinung nicht so bald hintereinander hätte erfolgen sollen.

Zum Schluss waren alle der Meinung, dass ein älterer Mann schlecht alleine leben kann. Einer Frau aber trauen alle zu, alleine nach dem Verlust des Partners durch Tod oder Scheidung gut zurecht zu kommen. Bei der älteren Frau ist oft der Punkt die finanzielle Seite. Meist konnte in einer Ehe durch Kindererziehung oder ungenügende Ausbildung keine ausreichende Rente erworben werden, so dass die Frau im Alter oft in ärmlichen Verhältnissen lebt und daher eine neue Partnerschaft anstrebt, die ihre finanzielle Lage verbessern soll.

Ursula meldete sich wieder zu Wort:

„Ich habe über die ganze Geschichte von Gerda, die richtungweisend auch noch Umweg hieß, ein Buch geschrieben. Es ist gerade vom Verlag gedruckt worden und ich darf euch je ein Exemplar als Geschenk überreichen. Lest Euch die Geschichte durch, damit wir bei unserem nächsten Zusammenkommen weiter darüber sprechen können.“

Hier also Gerda Umwegs Geschichte und ihre Suche nach Liebe und Partnerschaft.

1. Kapitel

BITTE AN AMOR

Gerda Umweg war gerade 58 Jahre alt geworden. Sie war von Kopf bis Fuß eine gutaussehende Frau mit einem bezaubernden Lächeln, wenn sie nicht gerade an ihr neues Singledasein dachte. Nach fünfundzwanzig nicht sehr glücklichen Ehejahren war sie seit der vorigen Woche frisch geschieden. Diese machte ihr das Leben ziemlich schwer. Gerda hatte mit Kurt zwei Kinder, die sich trotz der schwierigen Situation im Hause Umweg sehr gut entwickelten. Gerda musste sich eingestehen, dass das Ende ihrer Ehe mit Kurt vorauszusehen war. Kurts Frauengeschichten waren einfach nicht mehr zu tolerieren. Zu allem Unglück wurde sie auch gerade als Flugbegleiterin der Worldtours in den Vorruhestand geschickt. Sie sei für die ständigen Flüge rund um den Globus nicht mehr fit genug, sagte ihr Chef, Herr Gutedel. Er hatte ihr in einem Gespräch angeboten, weiter beim Bodenpersonal zu arbeiten. Aber davon wollte Gerda nichts wissen. Die Arbeit am Stuttgarter Worldtours-Schalter war in ihren Augen eine Degradierung, die sie nicht hinzunehmen bereit war. Wenn Gerda in ihrer schicken Uniform und dem kessen Käppi auf den blonden, kurzen Locken zusammen mit dem Flugkapitän und den Kolleginnen nach einem Flug aus Hongkong oder einem anderen Punkt auf der Weltkugel durch den Stuttgarter Flughafen schritt, sahen ihr viele Männer bewundernd nach. Bei der Arbeit am Flughafenschalter würde sie nicht einmal von ihrer Arbeit aufsehen können. Da drängelten nervöse, gestresste Männer und wollten möglichst schnell abgefertigt werden. Ehefrauen und quengelige Kinder warteten ungeduldig darauf, dass es nun bald losginge.

Weil Gerda also nicht auf das Angebot ihres Chefs einging, war sie jetzt ohne Arbeit. Sie langweilte sich sehr und wusste nichts mit sich anzufangen. Sie wohnte in Krähenwinkel, einem kleinen Ort in der Nähe von Stuttgart. Wenn man Krähenwinkel auf der Landkarte suchen würde, wäre es schwer, diesen Ort zu finden.

Als sie in Stuttgart bei der Worldtours arbeitete, konnte sie nach Feierabend noch durch die Stadt schlendern oder mit den Kolleginnen in einem guten Restaurant etwas essen. In Krähenwinkel gab es kein schickes Restaurant, sondern nur Emilios Pizzeria. Weil sie an diesem Tag vor lauter Frust noch nichts gegessen hatte, entschloss sie sich, am Abend eine Pizza bei Emilio zu essen. Als sie dann jedoch in der Pizzeria stand, entschied sie sich, die Pizza mit nach Hause zu nehmen. Es war ihr einfach zu laut und nach ihren Maßstäben nicht sauber genug in dem Lokal. Also machte sich Gerda an diesem verregneten Abend mit ihrer verführerisch duftenden Pizza quadro statione von Emilio auf den Weg nach Hause. Sie wollte dort zur Beruhigung ihrer Nerven diese Pizza essen und ein Glas Rosèwein, Marke Durbacher Premium trinken.

Plötzlich schrie sie erschrocken auf, weil eine kleine, pechschwarze Katze aus der Dunkelheit auftauchte und dicht vor ihr stehen blieb.

„Ksch–mach, dass du wegkommst“, versuchte Gerda, sie zu verscheuchen.

Die Katze machte ein Gesicht, als ob sie die Frau auslache. Dann stolzierte sie langsam über die zum Glück unbelebte Straße weiter und verschwand im Gebüsch.

„Was ist nur los mit mir? Warum bin ich so schreckhaft geworden?“

Ihre Nerven waren wirklich schlecht. In der vergangenen Nacht hatte sie von ihrem Ex-Ehemann Kurt geträumt und war am Morgen total verstört und mit einem Gefühl der Verlassenheit aufgewacht. Den ganzen Tag hatte sie über ihren Traum nachgedacht.

So saß Gerda Umweg also jetzt am Abend einsam und traurig mit ihrer Pizza und dem Glas Durbacher Rosè in ihrem Lieblingssessel vor dem Fernsehgerät und schaute sich den Liebesfilm „Rote Rosen für die Liebe“ an. Eigentlich sollte sie lieber einen Krimi ansehen; so einen, in dem harte Männer sich gegenseitig umbringen und der Schluss ganz anders ist, als man es gedacht hat. Ein Liebesfilm machte sie einfach zu traurig. Wenn sich die Pärchen küssen und voller Begehren auf die breite Couch sinken, wurde sie neidisch und ihr neues Single-Leben kam ihr vor, als wäre sie von aller Welt abgeschrieben worden.

Neben ihr auf dem Couchtisch stand griffbereit die Flasche mit dem guten Wein, der sie aber auch nicht tröstete. Sie merkte nach dem dritten Glas, dass sie lieber etwas weniger trinken sollte.

Beim Aufstehen aus ihrem Sessel schwankte sie leicht. Der Wein hatte immerhin 12,5 Prozent Alkohol. Aber er verhalf ihr zu der nötigen Bettschwere.

Jetzt schlug die große, alte Standuhr, die sie von ihrer Großmutter geerbt hatte, mit dumpfen Schlägen elf Uhr. Das Glas war leer, und in der Flasche war nur noch ein kleiner Rest. Die Käsewürfel hatte Gerda auch längst aufgegessen und der tränenrührige Film im Fernsehen war beendet. Wie es nun einmal im Film so ist, haben sich die beiden Liebenden nach vielen Wirren gefunden. Sie sind glücklich und verliebt. Warum gab es das nur immer im Film und nicht auch einmal für sie?

Mit diesen trüben Gedanken, die sich auch durch den genossenen Wein nicht vertreiben ließen, ging Gerda mit leichter Schlagseite ins Badezimmer. Sie sah ihr vom Alkohol gerötetes Gesicht und streckte sich selbst die Zunge heraus. Wie konnte man sich nur so gehen lassen! Sie nahm den neuen, hellroten Lippenstift, den sie gerade erst für teures Geld gekauft hatte, drehte ihn bis hinten hin auf, drückte fest und schrieb mit unsicherer Hand auf den Spiegel über dem Waschtisch:

„MANN GESUCHT!“

Nach dieser Misshandlung war der teure Lippenstift dann auch prompt abgebrochen. Verflixt und zugenäht! Wie und wo fand sie nur einen netten Partner nach der Scheidung von Kurt? Einen, der nur sie liebte und ihre Interessen teilte? Wo fand sie ihn nur?

Nach einer Katzenwäsche ging sie mit unsicherem Schritt in ihr riesiges, sehr teuer aus Peddigrohr handgearbeitetes Doppelbett, das sie eigentlich schon längst entsorgen wollte. Die leere Hälfte neben ihr schien sie höhnisch anzugrinsen, als wollte sie sagen: „Selbst schuld!“

Aber weil Gerda die Hoffnung auf Zweisamkeit noch nicht aufgegeben hatte, ließ sie das Doppelbett in ihrem Schlafzimmer stehen. Man konnte ja nicht wissen!

Anscheinend war Amor blind und schwerhörig. Gerdas Flehen bemerkte er überhaupt nicht.

„Warum haben immer nur die anderen Glück? Mich vergisst Amor völlig.“

Das waren Gerdas Gedanken, die sie schon am vergangenen Abend hatte, und die auch am Morgen wieder in ihrem Kopf Karussell fuhren und sie mit einem riesigen Kater aufwachen ließen. Kopfschüttelnd las sie im Bad, was sie da mit ihrem guten Lippenstift auf den Spiegel geschrieben hatte.

„Oh je, ich muss doch entschieden zu viel getrunken haben“, dachte sie. „Aber wenn das hilft, mein seelisches Gleichgewicht zu finden, dann war es genau richtig.“

Sie setzte sich, noch ziemlich schläfrig, in der Küche an den Tisch. Einzig eine Tasse Kaffee konnte sie jetzt retten. Auf der Tischplatte lag immer noch das Gedicht, das sie am Abend vorher so richtig aus der Fassung gebracht hatte. Sie hatte es nach mehrmaligem Lesen aus der Tageszeitung ausgeschnitten und mit Tesafilm auf die Tischplatte geklebt.

Wieder und wieder las sie dieses Gedicht, das ihrem Kummer die richtigen Worte verlieh:

Blütenduft und Sonnenschein,

Liebesfreud soweit man sieht.

Nur ich sitze hier allein,

grau und trist ist mein Gemüt.

Könnt ich nicht auch eng umschlungen

sitzen hier mit einem jungen

oder ält’ren Kavalier?

Ja, ich könnte darum wetten,

meine Trübsal wär dahin.

Voll Musik wär dann mein Sinn.

Ach erhör mich, Gott der Liebe.

Noch sind nicht verdorrt die Triebe

und die Lust auf Zärtlichkeit.

Willst du meiner dich erbarmen,

sende heut noch dieser Armen

Liebeslust und Liebesfreud.

Da kommt schon ein Kavalier,

und er setzt sich auch zu mir.

Herzen fliegen hin und her.

Lieber Amor, ist das

E R?

So stand es also an diesem Vormittag um Gerda Umweg. Sie stützte den schmerzenden Kopf in die Hände und sah nicht einmal beim Frühstück aus dem Küchenfenster, wo die Sonne lachte und die Blüten des riesigen Kirschbaums in voller Pracht aufgeblüht waren. Die Bienen umschwärmten summend die Blüten und auch die Vögel zwitscherten ihr Morgenlied. Aber Gerda sah und hörte nichts. Sie grübelte nur vor sich hin und sah überall Probleme, wo überhaupt keine waren, wenn man davon absah, dass ihr ein Mann zu ihrem Glück fehlte.

„MANN GESUCHT!“

Kopfschüttelnd betrachtete sie wieder bei ihrem nächsten Aufenthalt im Bad die traurige Mitteilung, die sie dem Wein vom Abend zuschrieb. Schnell nahm sie einen feuchten Lappen, um diese Aussage wegzuwischen. Der Wein war auf jeden Fall nicht das richtige Mittel, um Probleme zu lösen. Aber sie gab die Hoffnung auf eine glückliche Zukunft noch nicht auf. Vielleicht musste sie ja nicht bis zu ihrem Lebensende alleine leben. Sie war doch noch nicht zu alt für eine Partnerschaft. Außerdem war sie trotz ihrer zwei erwachsenen, schon recht selbständigen Kinder ziemlich attraktiv. Es konnte einfach nicht sein, dass es nach ihrer Scheidung von Kurt keine Liebe mehr für sie gab. Anstatt sich zu verkriechen, sollte sie vielleicht einmal selbst aktiv werden. Aber wie? Alleine in die Diskothek zu gehen, war nicht so recht nach ihrem Geschmack. Vielleicht in einen Verein mit anderen Singles eintreten, in dem viel gejammert wurde? Auch nicht gut. Aber was dann?

Fragen über Fragen gingen in ihrem Kopf herum.

2. Kapitel

GERDA WIRD AKTIV

Gerda stand endlich auf und holte sich nach der dritten Tasse Kaffee, mit der sie grübelnd immer noch am Küchentisch gesessen hatte, aus dem Briefkasten im Hausflur die dicke Samstagszeitung und blätterte lustlos am Frühstückstisch darin herum. Da fielen ihr nach den Seiten für Kultur, Wirtschaft und Lokales auf Seite vier die Partnerschafts-Anzeigen auf. Das Angebot an partnersuchenden Männern und Frauen war ja wirklich riesig.

„Eigentlich müsste bei diesen Angeboten doch auch ein Mann für sie dabei sein.“ Sie las konzentriert die männlichen Angebote durch. Mit welchen großen Worten hier die Vorzüge desjenigen angepriesen wurden, der inseriert hatte! Es war nicht zu glauben:

„Junger Mann, 68 Jahre jung, mit Haus, Segeljacht und flottem Cabrio sucht die junge, knackige Sie zum liebevollen Miteinander.“

Aber auch in der Spalte, in der Frauen einen Mann suchten, waren die weiblichen Vorzüge sehr genau und wahrscheinlich auch etwas übertrieben angepriesen.

„Ob ich vielleicht einmal auf die Anzeige eines netten Mannes schreibe?“ So dachte Gerda nachdenklich. „Welcher der männlichen Inserenten klingt denn so seriös, dass es sich lohnt, darauf zu antworten? Habe ich das überhaupt nötig? Vielleicht läuft mir ja auch ohne so eine Anzeige einmal ein netter Mann über den Weg. Aber leider sind die netten Männer in meinem Alter meistens verheiratet oder suchen eine junge und attraktive Frau ohne Anhang. Und man hört immer wieder, dass verheiratete Männer eine Frau für eine Nacht suchen, um dann reumütig wieder zu ihrer Ehefrau zurückzukehren. Das ist aus solchen Anzeigen nicht zu erkennen. Ich muss mir die Sache gut überlegen. Es ist doch ziemlich riskant.“

Sie legte mit einem kleinen Seufzer die Zeitung zur Seite. Sollte sie so ein Risiko eingehen, nur um nicht mehr alleine leben zu müssen?

Jetzt hatte Gerda also sehr viel freie Zeit und konnte sich nicht mit ihrer Arbeit bei der Worldtours und den ständigen Flügen in alle Welt ablenken. Sie saß so wie heute Morgen auch schon an anderen Tagen morgens im Bademantel und ohne Make up gelangweilt in ihrer stets aufgeräumten und blitzsauberen Wohnung vor dem Fernsehgerät, aß und trank so ganz nebenbei mehr, als ihr gut tat, und war rundherum unglücklich. Von ihren Kindern Simon und Jessy hörte sie kaum etwas. Beide hatten wenig Zeit für ihre Mutter. Es ging ihr eben so, wie es allen Müttern geht. Wenn die Kinder flügge sind und sich ihr eigenes Leben aufbauen, steht die Mutter nur noch an einer hinteren Stelle. Da geht die Ausbildung, der Beruf und die Partnerschaft vor. Aber das muss so sein. Gerda gönnte Simon und Jessy auch durchaus diese Selbständigkeit. Aber ein Telefonat ab und zu mit der Frage: „Wie geht es dir?“, wäre schön.

So dauerte es nicht sehr lange und Gerda nahm vor lauter Frust schnell an Gewicht zu. Sie war innerhalb kurzer Zeit rundlicher geworden, und das natürlich an den ungünstigsten Stellen.

„Das ist Kummerspeck, den ich mir in dieser schwierigen Zeit angefuttert habe“, gestand sie sich selbst ein. Die elegante, dunkelblaue Uniform mit den goldenen Ärmelstreifen in Größe 38, die sie immer noch besaß, passte einfach nicht mehr.

Gerdas Ehe mit Kurt war nach all den Jahren bis zu der Scheidung nicht mehr so glücklich, wie sie es war, als sie sich kennenlernten. Damals waren beide himmelhoch jauchzend verliebt und hielten sich für das ideale Paar. Heute war Gerda eigentlich ganz froh, als sie endlich geschieden war. Nach der Scheidung wurde ihr jedoch schnell klar, dass sie nicht bis an ihr Lebensende als Single leben wollte. Wenn auch die Ehe mit Kurt manchmal sehr schwierig war, hatte sie ihn doch ab und zu als Ansprechpartner bei Problemen gehabt. Und auch im Bett war Kurt nicht zu verachten. Bis sie endlich einen neuen Mann für den Rest des Lebens fände, wären wirklich, wie ihr Name schon sagte, noch viele Umwege nötig.

Gerda und Kurt waren lange Jahre eine nach außen hin glückliche Familie mit zwei tollen Kindern gewesen. Simon, inzwischen 24 Jahre alt, groß wie der Vater, schlank und sportlich, war ein junger Mann, den viele Mädchen gerne für sich gewonnen hätten. Er lachte viel und war bei jeder Fete der Hahn im Korb. Er sah aus, als wenn das Leben nur aus Spaß bestünde; dabei studierte er ganz ernsthaft und intensiv BWL., also Betriebswirtschaftslehre. Dann war da noch Jessy, mit gerade 18 Jahren das Nesthäkchen der Familie und von allen, vor allem von ihrem Vater, geliebt. Ihr gutes Aussehen hatte sie wohl von der Mama geerbt. Wie diese war sie groß und blond, hatte wunderschöne, blaue Augen, die sie sehr wohl bei Wünschen an ihren Papa einsetzen konnte. Leider ging das jetzt nicht mehr so leicht, weil sie noch in Krähenwinkel bei der Mutter lebte und ihr Vater nach der Scheidung ausgezogen war. Jessy war ernster als ihr Bruder, aber wie dieser hatte sie genaue Vorstellungen von ihrer Zukunft. Sie war bei der Scheidung ihrer Eltern mitten im Abiturstress. Die Probleme der Eltern hatte sie jedoch gut verkraftet. Sie wusste ja, dass sie auch nach der Scheidung immer noch Papas Liebling sein würde. Er wohnte zwar jetzt mit seiner neuen Freundin in Stuttgart, aber das war für Jessy keine Entfernung. Sie durfte, das hatte ihr der Vater versichert, bei Problemen oder Wünschen immer ihren Vater besuchen und mit ihm sprechen. Gerne würde sie nach dem Abitur wie ihre Mutter Flugbegleiterin werden. Jessy stellte es sich herrlich vor, so in aller Welt herumzureisen.

Kurt, Gerdas Ex-Ehemann war ein Mann gewesen, der so lange lieb und nett war, wie man keine Forderungen an ihn stellte. Das Geld, das er als Versicherungsagent einer großen deutschen Versicherung leicht verdiente, gab er ebenso leicht wieder aus. Die Familie sah von diesem Geld meist nicht sehr viel. Auch von den Bonuszahlungen, die er für neue Versicherungskunden bekam, sah seine Familie nichts. Kurt war charmant und redegewandt und wusste diese Begabung als Versicherungsagent vor allem bei den Damen gewinnbringend einzusetzen. Was Gerda schon lange geahnt hatte, war die Tatsache, dass Kurt neben seiner Stellung als Familienvater andere, meist junge Frauen mit seiner Gunst beglückte. Deshalb war von seinem verdienten Geld für die Familie kaum etwas übrig, zumal im Laufe der Zeit für ihn die Familie nur noch Last, nicht Lust war. Die verschiedenen Freundinnen waren meist sehr anspruchsvoll. Hier ein teurer Ring, dort ein exklusiver Pelz. Kurt zeigte sich sehr spendabel und verwöhnte seine jeweiligen Gespielinnen gerne. Seine neueste Flamme, mit der er jetzt bereits in Stuttgart zusammen wohnte, hieß Angelika. Sie war eine Frau wie aus der Illustrierten; sehr groß, superschlank mit langen, schwarzen Haaren, gekleidet nach der neuesten Mode. Sie arbeitete als Model und ging oft und gerne mit Kurt in den exklusivsten Boutiquen Stuttgarts shoppen. Das hieß, sie kaufte und Kurt zahlte. So auch heute wieder:

„Sieh nur mal diese schicke graue Chinchilla-Pelzjacke. Die würde mir bestimmt gut stehen.“ Dazu der gekonnte Augenaufschlag. Und Kurt kaufte und kaufte.

Bei einer dieser Einkaufstouren traf er auf seine Tochter Jessy, die gerade ihr letztes Taschengeld ausgeben wollte. Jessy versuchte, die Gunst der Stunde auszunutzen. Sie hielt ihren Vater vor der teuren Boutique in der Königsstraße an.

„Hallo Kleine, hast du Sorgen?“ Kurt kannte seine Tochter sehr gut.

„Ach Papa, gut dass ich dich treffe. Ich möchte so gerne an diesem Wochenende mit meinen Freundinnen in die Disco. Leider habe ich überhaupt nichts mehr anzuziehen. Kannst du mir nicht die tolle Bluse aus der Boutique hier kaufen? Sie kostet auch nur 120 Euro. Ist doch echt billig!“ Aber nein, Papa schüttelte nur den Kopf: „Tut mir leid, habe selbst nichts. Die Tüten, die ich für Angelika, äh–für meine Kundin trage, sind deren Einkäufe. Ich bin nur der Tütenträger. Ha ha. Frag Mama mal. Die hat doch das große Geld.“

Es war Jessy schon klar, dass diese Angelika Vaters Freundin sein musste, die den spendablen Mann jetzt nach seiner Scheidung ganz für sich haben wollte, nachdem sie sich bereits häuslich bei ihm eingenistet hatte.

Angelika, die das Gespräch zwischen Vater und Tochter staunend mit anhörte, war leicht irritiert: „Ist das deine Tochter? Du hast mir erzählt, du hättest keine Familie, für die du sorgen musst. Wenn du so eine süße Tochter hast, hättest du ihr die Bluse auch kaufen sollen. Mir hast du ja auch gerade die teure Jacke geschenkt.“

Kurt hatte nun keine andere Wahl, und an Jessy gewandt:

„Gut, überredet. Du bekommst die Bluse. Du sollst dich doch nicht über deinen Vater beklagen, auch wenn er jetzt nicht mehr bei euch wohnt. Du warst immer mein Liebling und bist es auch heute noch.“

Kurt sah kurz zu Angelika hin, die aber nun so tat, als hätte sie diese liebevollen Worte zwischen Vater und Tochter nicht gehört. Sie überlegte sich jedoch, dass es vielleicht nicht so ideal wäre, einen Mann wie Kurt, dessen Ex-Familie finanziell noch sehr an ihm hing, an sich zu binden. Gut, dass Kurt nichts von diesen Gedanken ahnte.

3. Kapitel

BLICK ZURÜCK

Wie hatte es denn eigentlich mit Kurt und Gerda angefangen? Sie waren doch so verliebt, als sie sich im Flieger nach Marokko kennenlernten. Gerda arbeitete als Flugbegleiterin. In ihrer schicken Uniform sah sie umwerfend aus, und Kurt konnte die Augen nicht von ihr abwenden. Alle Augenblicke bat er sie um etwas, damit sie sich ihm widmen musste:

„Kann ich wohl noch einen Drink bekommen?“ Dann wieder:

„Ich komme mit meinem Sitz nicht zurecht. Helfen Sie mir?“ Das tat sie natürlich gerne, weil ihr Kurt auch sehr gefiel. Dieser gut aussehende, braungebrannte junge Mann in dem teuer aussehenden hellblauen Armani-Hemd und der weichen, braunen Lederjacke darüber hatte ein so umwerfendes Lächeln, dass Gerda ganz schwach wurde. Sie wusste genau, dass es ihr verboten war, mit den Passagieren zu flirten, aber in diesem Fall dachte sie an keine Verbote und schaute Kurt sehr verliebt an.

„Sehen wir uns in Marokko?“, flüsterte Kurt ihr leise zu. Aber Gerda hatte keinen Aufenthalt in Marokko, sondern musste gleich mit dem nächsten Flieger wieder zurück nach Deutschland. Gerda flüsterte ebenfalls sehr leise und unauffällig: „Schade, das geht leider nicht. Aber wir könnten telefonieren, wenn Sie wieder aus den Ferien zurück sind.“

Mit diesen Worten drückte sie Kurt einen Zettel mit ihrer Telefon-Nummer in die Hand. Das alles musste sehr diskret vor sich gehen. Flugbegleiterinnen war der private Umgang mit den Passagieren verboten.

Kurt nahm den Zettel lächelnd an sich. Er wusste ganz genau, dass er bei Frauen durch sein elegantes Auftreten schnelle Erfolge erzielen konnte. Dass er mit der Flugbegleiterin Gerda einen heißen Flirt während des Fluges hatte, hielt ihn nicht davon ab, sich in Agadir, seinem Feriendomizil, nach einer Urlaubsbegleitung umzusehen. Gleich am ersten Abend saß er in seinem Hotel Colombe an der Bar und neben ihm saß eine aufregende junge Frau, die scheinbar auch alleine hier ihre Ferien verlebte. Sie hatte langes, blauschwarzes Haar, das sie schwungvoll nach hinten warf, wenn sie lachte. Alles, was sie an Kleidung und Schmuck trug, sah sehr teuer aus. Die leicht durchsichtige, rote Bluse ließ ihre gute Figur ahnen. Der kurze schwarze Rock saß sehr eng und versteckte kaum die langen, gutgeformten Beine. Sie blitzte Kurt mit ihren schwarzen, aufregenden Augen an und schien einem Flirt nicht abgeneigt zu sein.

„Sprechen Sie Deutsch, schöne Frau?“

„Aber sicher. Ich bin doch mit dem gleichen Flugzeug wie Sie aus Stuttgart gekommen. Aber Sie hatten ja während des ganzen Fluges nur Augen für die blonde Flugbegleiterin. Dabei hätte ich Sie sehr gerne kennengelernt.“

„Na ja, das lässt sich ja jetzt nachholen“, lachte Kurt.

„Ich heiße Kurt Umweg.“ Dabei machte er eine kleine Verneigung.

„Oho, der perfekte Gentleman“, lachte nun auch seine neue Bekanntschaft.

„Ich heiße Marie-Lou. Der Nachname spielt hier in den Ferien keine Rolle. Du kannst ruhig Marie-Lou und Du sagen.“

„Darauf müssen wir aber ein Glas Sekt trinken.“

„Sekt? Bin ich dir nicht wenigstens Champagner wert?“

Kurt steckte die kleine Rüge lächelnd ein und bestellte bei dem Barmann zwei Gläser vom besten Champagner. „So recht?“, fragte er Marie-Lou.

„Entschuldige, ich wollte dich nicht kränken, aber den billigen Sekt vertrage ich nicht.“

Bei dem ersten Glas blieb es natürlich nicht. Kurt und Marie-Lou kamen sich mit ihren Barhockern so nahe, wie die Hocker es nur zuließen.

„Eigentlich wäre doch auch ein Kuss üblich, wenn man zum Du übergeht. Kennst du das nicht?“, fragte Kurt lockend.

Marie-Lou kannte diesen Brauch natürlich auch und so neigte sie sich zu Kurt und es erfolgte ein sehr intensiver Kuss. Mit diesem Kuss an der Bar waren Kurt und Marie-Lou für die übrigen Hotelgäste als Pärchen zusammen, das stand fest. Die beiden hatten Gefallen aneinander und hofften, noch viele Stunden gemeinsam zu genießen.

„So, ich werde jetzt mal langsam ins Bett gehen“, verkündete nach einigen Gläsern Champagner Marie-Lou.

„Bezahlst du für mich mit? Ich habe kein Geld in die Bar mitgenommen.“ „Das ist doch keine Frage, fühle dich eingeladen.“

Marie-Lou rutschte von ihrem Barhocker. Dann blieb sie nachdenklich stehen:

„Hättest du vielleicht Lust, mit mir in meinem Zimmer noch einen kleinen Absacker zu trinken?“ Das ließ sich Kurt natürlich nicht zweimal sagen. So gingen Kurt und Marie-Lou Arm in Arm zum Aufzug und fuhren in Marie-Lou’s Zimmer Nr. 312 im dritten Stock. Dann kam es so, wie es sich die junge Frau und auch Kurt gewünscht hatten. Es wurde ein stürmischer Abend und eine noch stürmischere Nacht, der viele stürmische Nächte folgten. Da die Minibar in Marie-Lou’s Zimmer nur Mineralwasser und Piccolos enthielt, hatte Kurt bei seinen weiteren Besuchen immer eine Flasche eisgekühlten Champagner bei sich, der die Gefühle ordentlich anheizte. Während des Tages wurden die beiden dann im Hotel, außer bei den Mahlzeiten, kaum gesehen. Diese aufregenden Nächte konnten sie nur durch einen ausreichenden Schlaf während des Tages wieder ausgleichen. Kurt sah sein eigenes Zimmer in den ganzen 14 Tagen kaum. Nur zum Wäschewechsel tauchte er dort auf. Das wunderte das Personal des Hotels kaum. So etwas war man gewohnt. Ferienzeit war eben kein Ehealltag.

Dann waren 14 wundervolle Tage und Nächte beendet. Für Kurt und Marie-Lou begannen wieder die Gedanken an den Alltag zuhause. Kurt hätte diese aufregende Beziehung gerne weiter geführt. Aber Marie-Lou erklärte ihm klipp und klar, dass in Friedrichshafen ihr Ehemann auf sie warte.

„Du glaubst doch wohl nicht, dass ich meine Ehe deinetwegen aufs Spiel setze. Das, was mir mein Mann finanziell bietet, kannst du mir nicht bieten. Und nur für einen Urlaubsflirt mit gutem Sex lasse ich diese Beziehung nicht sausen.“

Kurt war wie vor den Kopf geschlagen. Er hatte sich in Gedanken schon eine tolle Zukunft mit Marie-Lou ausgemalt. „Na ja, so sind Frauen eben“, dachte er böse und verletzt. So trennte man sich in Stuttgart im Flughafen mit nicht sehr freundlichen Gedanken. Aber in der Halle wurde Marie-Lou auch schon von ihrem Ehemann freudestrahlend mit einem großen Rosenstrauß empfangen. In Kurts Richtung sah sie überhaupt nicht mehr. Kurt jedoch sah sich Marie-Lou’s Mann eingehend an. Ziemlich neidisch schoss es ihm durch den Kopf: „Dachte ich es mir doch, dass dieser Mann außer mit viel Geld eine solche Superfrau nicht halten kann. Tja, so sind die Frauen eben. Aber andere Mütter haben auch schöne Töchter. Und die Flugbegleiterin vom Flug nach Marokko war auch nicht schlecht. Außerdem hatte sie mir doch ihre Telefonnummer gegeben. Man könnte ja einmal versuchen, diese hübsche, kesse Blondine aus dem Flieger anzubaggern. Sie sah eigentlich aus, als wenn sie einem Flirt und weiterem nicht abgeneigt wäre. Aber zuerst muss ich mich jetzt um meine Geschäfte kümmern. Der Urlaub war doch ziemlich teuer.“

Mit diesen trüben Gedanken nahm er seinen Koffer und verließ das Flughafengebäude, um sich wieder dem Alltagsgeschäft zu widmen.

Er setzte sich in sein Büro, um die während seines Urlaubs eingegangenen vielen E-Mails und Anrufe auf dem Anrufbeantworter durchzusehen. So vergingen erst einmal vier Wochen, in denen er keine Zeit hatte, an Gerda zu denken.

Aber als nach vier Wochen Gerda müde von einem Flug aus Indien in ihrer Wohnung vor dem Fernsehgerät saß, um sich wieder einmal bei einem tränenreichen Liebesfilm zu entspannen, klingelte ihr Telefon:

„Hallo, hier ist Kurt Umweg. Erinnern Sie sich noch an mich?“

„Wie könnte ich einen Mann wie Sie denn vergessen?“

„Ich würde Sie gerne wiedersehen. Ich konnte Sie auch in den ganzen 14 Tagen in Marokko nicht vergessen. Die tolle Flugbegleiterin mit dem unwiderstehlichen Lächeln. Was halten Sie von einem Treffen?“

„Holen Sie mich ab?“

„Wo wohnen Sie denn? Sie haben mir zwar ihre Telefonnummer genannt, aber ich müsste schon Ihre Adresse wissen, wenn ich Sie abholen darf.“

„Ach herrje, daran habe ich überhaupt nicht gedacht. Also: Krähenwinkel bei Stuttgart, Lerchenweg 50. Werden Sie das finden?“

„Mit meinem neuen Navigationsgerät finde ich es bestimmt. In einer Stunde stehe ich mit meinem Cabrio vor Ihrer Tür, und dann kann es losgehen!“

Pünktlich nach einer Stunde klingelte es an Gerdas Tür und ein strahlender Kurt stand mit einem süßen kleinen Sträußchen, bestehend aus duftenden Veilchen und Maiglöckchen, vor ihr.

„Kommen Sie doch herein. Wir könnten, bevor wir losfahren, bei mir noch einen Kaffee trinken. Ich bin etwas müde und gebrauche eine Aufmunterung.“

So saßen sich dann Kurt und Gerda ganz brav in der gemütlich eingerichteten Küche gegenüber, tranken ihren Kaffee und unterhielten sich über Kurts Urlaub.

„Waren denn keine jungen Mädchen in Ihrem Hotel, die Ihnen die Zeit vertreiben konnten?“

„Ich muss gestehen, ich habe mich nicht nach jungen Mädchen umgesehen, weil ich immer Ihr Bild vor den Augen hatte. Ich hatte regelrecht Sehnsucht nach Ihnen.“

Sollte sie das glauben? Gerda war etwas skeptisch, ließ sich aber nichts anmerken. Und Kurt wurde nicht einmal rot bei dieser dicken Lüge. Dabei dachte er: „Hoffentlich verspreche ich mich nur nicht bei den Namen.“ Aber bis jetzt waren sie beim Sie. Noch bestand keine Gefahr. Und später würde man eben vorsichtshalber einfach „Liebling“ sagen. Da könnte nichts passieren. So hatte er es bei früheren Frauenbekanntschaften auch gehalten. Das hatte immer funktioniert. Diese Gedanken behielt Kurt aber lieber für sich. Das war besser so.

Dann brachen die beiden auf und es wurde ein wunderschöner Tag. Kurt fuhr mit Gerda flott durch kleine Dörfer mit hübschen Fachwerk-Häusern, auf engen Waldwegen durch dichte Tannenwälder bis hinauf zur Burg Hohenzollern. Hier besichtigten sie die beeindruckende Burg mit ihren vielen Schätzen, die Gerda staunend betrachtete. Sie war hier noch nie gewesen. Kurt freute sich über ihre Begeisterung. Dann traten sie den Heimweg an, der sie jetzt auf einer schnellen Bundesstraße bis nach Stuttgart und weiter nach Krähenwinkel führte. Inzwischen war es schon später Abend geworden. Kurt hielt vor Gerdas Haustür und stieg schnell aus, um der jungen Frau als vollendeter Kavalier die Autotür aufzuhalten. Eine Einladung, Gerda in ihre Wohnung zu begleiten, erfolgte nicht, und so fuhr Kurt, leicht enttäuscht wieder nach Stuttgart. Diesem Tag folgten jedoch noch viele wunderschöne Tage.

„Eigentlich könnten wir ja auch endlich Du zueinander sagen. So gut kennen wir uns ja nun inzwischen“, meinte Kurt beim nächsten Treffen.

Gerda war gerne damit einverstanden. Zum Du gehörte natürlich auch ein Kuss. Und dieser Kuss war sehr intensiv. Gerda hatte sich verliebt wie noch nie. Und auch Kurt schien ganz hingerissen von seiner Freundin zu sein.

„Hast du denn keinen Beruf, dass du so viel Zeit für mich hast?“, wollte Gerda wissen.

„Ich arbeite als Versicherungskaufmann und kann mir meine Zeit frei einteilen. Jetzt geht mir das Zusammensein mit dir vor. Arbeiten kann ich dann später wieder.“ Kurt lächelte und nahm Gerda liebevoll in den Arm. Und endlich, nach einem halben Jahr wurde aus Kurt und Gerda ein Liebespaar. Sie dachten über eine gemeinsame Wohnung nach, die auch bald gefunden wurde. Über einen Bekannten von Gerda bekamen sie in Krähenwinkel, in der Hauptstr. 8 eine hübsche, recht große Wohnung mit einem riesigen Balkon. Leider dauerte es noch einige Zeit, bis das Haus, in dem sich diese wunderschöne Wohnung befand, fertiggestellt war. Noch war nur der Rohbau zu besichtigen. Kurt und Gerda hatten also noch eine Frist, um sich den zukunftsträchtigen Schritt zu überlegen. Die Miete für diese Wohnung würde wahrscheinlich ziemlich hoch sein, aber Kurt meinte:

„Die Miete teilen wir uns, damit keiner so viel zahlen muss.“ Damit war Gerda einverstanden.

„Was hältst du davon, wenn wir heiraten?“, wollte Gerda nach einem weiteren halben Jahr wissen. Kurt hielt nicht so viel von dieser Idee. Er würde lieber unverbindlich mit Gerda zusammenleben Aber weil sie in dem kleinen Krähenwinkel wohnen wollten, ließ sich wegen der sehr konservativen Einwohner des Ortes eine Hochzeit wohl nicht vermeiden.

„Na ja, wenn du meinst. Aber unsere Wohnungseinrichtung wird sicher viel Geld kosten, dass ich unmöglich noch eine große Hochzeit finanzieren kann.“

„Meine Mutter, der auch sehr viel an einer Hochzeit liegt, und die über die nötigen Finanzen verfügt, wird sicher einen größeren Anteil an den Aufwendungen für die Hochzeit übernehmen. Da bin ich mir sicher. Ich habe auch schon mit ihr darüber gesprochen. Sie war sehr erfreut über unsere Pläne. Es machte sie nur traurig, dass ich dich noch nicht bei ihr vorgestellt habe. Bevor wir heiraten, sollten wir uns schon bei ihr in Stuttgart sehen lassen. Sicher wirst du mit deinem Charme gut bei ihr ankommen.“

So war es also ausgemacht. An einem Tag, an dem sowohl Gerda wie auch Kurt Zeit hatten, fuhren sie nach Stuttgart. Hier bewohnte Gerdas Mutter, die schon längere Zeit Witwe war, eine sehr komfortable Eigentumswohnung an der Weinsteige, einem noblen Teil Stuttgarts. Sie hatten sich den Sonntag für den Besuch bei Frau Ostertag ausgesucht. Kurt warf sich für diese wichtige Vorstellung sehr in Schale und kaufte auch noch einen teuren Blumenstrauß, um bei der zukünftigen Schwiegermutter einen guten Eindruck zu machen. Er wusste von Gerda, dass ihre Mutter Rosen über alles liebte. Deshalb bestand der Blumenstrauß aus lauter wunderschönen, rosa Duftrosen und weißem Schleierkraut.

Trotz seiner zur Schau gestellten Selbstsicherheit merkte Gerda deutlich, dass Kurt sehr nervös war. Er nestelte immer wieder an seinem Hemdkragen und der Krawatte.

„Ist sie zu eng?“ Gerda lachte amüsiert. Kurt warf ihr einen hilfesuchenden Blick zu. „Es ist ja meine erste Vorstellung bei einer Schwiegermutter. Im übrigen warst du auch noch nicht bei meinen Eltern. Ich bin gespannt, ob du da nicht nervös bist.“

„Damit lassen wir uns hoffentlich noch ein wenig Zeit. Ich bin nämlich auch nicht so mutig und ich bewundere dich.“

„Wenigstens erkennst du meine Bemühungen an“, murmelte Kurt. Aber seine Angst vor der Vorstellung bei Frau Ostertag war unnötig. Elfriede Ostertag schien ganz begeistert von ihrem zukünftigen Schwiegersohn zu sein.

„Wenn ich jünger wäre, hätte ich mir auch so einen Mann gewünscht. Mein Siegfried war ein gebildeter und liebevoller Mann gewesen, aber er sah nicht so gut aus wie dein Bräutigam, liebe Gerda.“

Nun wurde die bevorstehende Hochzeit besprochen. Die fehlenden Finanzen kamen dabei auch zur Sprache und Gerdas Mutter, die eine sehr gute Witwenrente bezog, konnte die jungen Leute beruhigen:

„Ich denke, dass ich einen großen Teil der Hochzeitsausgaben als Mutter der Braut bezahlen werde. Das ist hier so üblich. Auch ein schönes weißes Kleid für dich, liebe Gerda, ist da inbegriffen. Vielleicht tragen ja auch deine Eltern, lieber Schwiegersohn in spe. zu dieser Hochzeit bei.“

„Das werden sie ganz bestimmt. Ich muss ihnen nur vorher schon mal ihre zukünftige Schwiegertochter vorstellen. Damit sollten wir auch nicht mehr allzu lange warten, denke ich.“

So war nun alles geklärt und die Vorstellung Kurts war zu Elfriedes Zufriedenheit verlaufen. Zwei strahlende junge Leute verabschiedeten sich und fuhren wieder nach Krähenwinkel, wo Kurt seine Gerda vor ihrer Wohnung absetzte, um gleich wieder nach Stuttgart in seine eigene Wohnung zu fahren. Es warteten noch Kundentermine auf ihn, die er auf den Abend verlegt hatte, um mit Gerda zu ihrer Mutter fahren zu können.

Nun stand noch die Vorstellung Gerdas bei Kurts Eltern bevor.

„Wann passt es dir denn, mit mir zu meinen Eltern zu fahren?“, wollte Kurt wissen.

„Nachdem wir ja nun deine Vorstellung bei meiner Mutter glücklich über die Bühne gebracht haben, könnten wir deine Eltern gleich am nächsten Sonntag besuchen. Ruf sie doch einmal an, ob ihnen dieser Termin passt.“ „Wenn du meinst“, antwortete Kurt, nicht sehr begeistert. Aber er rief seine Mutter, mit der er am besten sprechen konnte, gleich am nächsten Morgen an.

„Ach, das freut mich aber, dass du endlich daran denkst, sesshaft zu werden“, freute sich seine Mutter.

„Bring deine Gerda möglichst bald zu uns. Auch dein Vater wird ganz glücklich sein. Dein Leben mit stets wechselnden Freundinnen hat ihm noch nie so recht gefallen. Er wird sich über deinen Entschluss, endlich zu heiraten, sehr freuen.“

„Dann kommen wir am Sonntag zum Kaffee zu euch. Backst du deine berühmte Schwarzwälder Kirschtorte?“

„Das ist doch klar“, freute sich Mama Umweg.

So fuhren denn am Sonntagnachmittag Kurt und eine sehr nervöse Gerda nach Stuttgart, wo die Umwegs oben über der Stadt unweit der Messehallen ein kleines Reihenhaus besaßen. Gerda hatte auf Kurts Rat hin ein sehr schönes Alpenveilchen besorgt. An der Tür wurden sie schon von Kurts Eltern erwartet.

„Darf ich euch meine zukünftige Frau und eure Schwiegertochter Gerda Ostertag vorstellen?“

Mama Umweg nahm Gerda gleich in den Arm. Sie war ganz begeistert von der jungen Frau, der die ältere Frau auch sofort sympathisch war.

„Ich denke, dass wir uns sicher gut verstehen werden.“ Auch Vater Umweg begrüßte Gerda mit einem festen Händedruck. Die Umarmung überließ er lieber den Frauen. Er war diese neue Mode nicht gewöhnt, obwohl sie heute zusammen mit dem Küsschen auf beide Wangen schon wie selbstverständlich zur Begrüßung gehörte.

„Nun lasst uns endlich ins Wohnzimmer gehen. Der Kaffee wird sonst noch kalt und die Torte fällt in sich zusammen“, mahnte Mama Umweg.