Tausend Arten von Regen - Johanna Zimmermann - E-Book

Tausend Arten von Regen E-Book

Johanna Zimmermann

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Beschreibung

Seit sie denken kann, betreibt die siebzehnjährige Lorna gemeinsam mit ihrer Mutter und ihren zwei jüngeren Schwestern die kleine Bed & Breakfast Pension im irischen Doolin. Während die Gäste kommen und gehen, führt Lorna ein regelmäßiges, von der Verantwortung für den Betrieb, geprägtes Leben. Immerhin ist Doolin bloß ein Dorf und das B&B ihre wichtigste Einkommensquelle. Als sie Christopher begegnet, der mit seiner Familie für eine Woche im B&B anreist, sind beide schnell voneinander fasziniert. Doch können die langsam entstehenden Gefühle zwischen ihnen den ganz unterschiedlichen Ansichten trotzen, die sie vom Leben haben? Wird Lorna herausfinden, was sie von ihrer Zukunft wirklich will?

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Seitenzahl: 536

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Johanna Zimmermann

Tausend Arten von Regen

© 2021 Johanna Zimmermann

Verlag und Druck:tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

Paperback: 978-3-347-37467-6

Hardcover: 978-3-347-37468-3

e-Book: 978-3-347-37469-0

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Für meine Familie und für Marcel

September

Eins

Seufzend betrachtete ich die beachtliche Menge halbvoller Tassen und dreckiger Teller, die sich auf der Küchentheke angesammelt hatte. Gerade spielten sie im Radio eins von Neelas Lieblingsliedern, zu dem sie des Öfteren vor den Gästen herumtanzte. Glücklicherweise befand sie sich an diesem Morgen nicht in der Küche und konnte mich so durch ihren Gesang auch nicht vom Abwasch abhalten. An ihrer Stelle jedoch saß meine andere jüngere Schwester Beven Beine baumelnd auf der Theke gegenüber und beobachtete mich bei meiner Arbeit. Vor dem Fenster über der Spüle braute sich das zweite Gewitter des Tages zusammen, der Himmel war bereits dunkel verfärbt, graue Wolken befleckten in der Ferne den Horizont und beinahe konnte ich die ersten Böen durch das dicke Fensterglas anrauschen hören.

„Wollte die Familie aus Killarney nicht heute zum Segeln raus?“, fragte Beven und drehte ihre langen, dunkelbraunen Haare zu einem unordentlichen Knoten zusammen, dessen Schiefheit ihr augenscheinlich gleichgültig war. Im Grunde komplementierte ihre Frisur sogar vielmehr ihren heutigen Look, der sich aus ihrer verwaschenen Jogginghose, einem zu großen Pullover und ihren alten, mit Katzenköpfen bedruckten Pantoffeln zusammensetzte. Hier in der Küche bekamen wir ohnehin keinen Besuch, somit hätte ich auch im Schlafanzug oder gar nackt den Abwasch machen können und niemand hätte sich daran gestört oder es auch nur bemerkt. „Hm, kann sein“, erwiderte ich und versuchte mich an das flüchtige Gespräch mit der Familie zu erinnern. Sie waren gestern Nachmittag angekommen und ich hatte ihnen eine Kanne Kaffee auf ihr Dachzimmer gebracht. „Soll ich ihnen wegen dem Wetter Bescheid sagen?“, fragte Beven erneut und bediente sich am Kühlschrank. Nachdenklich warf sie einen Blick hinaus. „Segeln kann bei dem Wetter ziemlich gefährlich sein“, meinte sie und stieß sich von der Theke ab. „Ja, mach das. Oder sag es Mom. Sie ist oben und arbeitet am Computer, vielleicht trifft sie die Familie auch noch irgendwo“, sagte ich und nickte. Mit einer Banane in der Hand und dem wackelnden Dutt auf dem Kopf schlurfte Beven aus der Küche. Ich hörte ihre Schritte an der Decke, als sie die Treppe hinauf stapfte. Dann waren da wieder nur ich und die einsame Stimme eines müden Radiomoderators, der, wenig vorausschauend, vor dem schlechten Wetter in der Umgebung warnte. Ich machte mich weiter an die Arbeit und zog Teller für Teller durch die Spüle, bis jeder ordentlich glänzte und wieder sortiert im Regal stand. Die sauberen Tassen stapelte ich im Schrank, legte schließlich meine Schürze ab und hängte sie an den kupferfarbenen Haken an der Wand.

Der Abwasch der vielen Teller war schon seit ein paar Jahren meine Aufgabe: Je nach Bedarf spülte ich deshalb in der Küche vor mich hin und genoss insgeheim das bisschen Ruhe, das ich für mich allein hatte. Als ich noch jünger war, waren meine Aufgaben im B&B anderer Natur, damals spielte ich bereitwillig die Rolle des niedlichen, kleinen Mädchens, das abends von Tisch zu Tisch ging und Brot verteilte oder draußen auf der Einfahrt stand und die neuen Gäste mit einem breiten Grinsen und aufgeregtem Händewinken begrüßte. Als ich schließlich älter wurde, begann ich abends die Tische zu decken, später machte ich die Zimmer und ein paar Jahre lang hatte ich so etwas wie einen Nebenjob als Kellnerin in meinem eigenen Haus. Dann aber führten wir das Selbstbedienungsprinzip ein und ich stieg zur professionellen Tellerwäscherin auf, die an unterschiedlichen Tagen morgens vor der Schule und abends nach dem Abendessen in der Küche verschwand.

Die anderen Mädchen in meiner Schule arbeiteten in Spielzeugläden und Cafés, manche trugen Zeitungen aus oder verdienten sich im Supermarkt etwas dazu, aber ich war von klein auf praktisch Assistentin und zweite Hand meiner Mom, die schon vor meiner Geburt das kleine B&B in Doolin, an der wilden Westküste Irlands, führte. Und auch, wenn Doolin an sich ein verschlafenes, nicht weiter spannendes Dörfchen war, hingen die weißen Felsen doch so anmutig über dem türkisblauen Meer, dass es die Menschen an diesen Ort zu ziehen schien. So war das Gästehaus meist gut besucht und die Arbeit stets endlos. Meine Freundinnen bemitleideten mich nicht selten für die unbezahlte Arbeit am Spülbecken, dabei gehörte das Mithelfen im B&B für mich wie selbstverständlich dazu. Ich arbeitete gerne in der Küche und plauderte mit meinen Schwestern über die Gäste und darüber, wie viel sie wieder nicht aufgegessen hatten, ob sie freundlich oder unhöflich waren und manchmal auch darüber, ob sie hübsche Söhne hatten. Dieser Fall trat jedoch verhältnismäßig selten auf und meistens waren wir ohnehin zu schüchtern, um diese Ausnahmegäste in irgendeiner Weise auf uns aufmerksam zu machen. Mit zwölf Jahren hatte Beven einmal aus kindlicher Neugierde einem Jungen aus Belfast einen Zettel mit ihrer Handynummer ins Zimmer gelegt, als sie dieses aufräumte. Die Enttäuschung war groß, als sie am nächsten Tag denselben Zettel zerknüllt im zimmereigenen Mülleimer fand. Das war zwei Jahre her, seitdem hatte niemand mehr von uns Versuche gestartet, sich mit den Gästen ernsthaft bekannt zu machen.

Auch in dieser Woche im regnerischen September lag das Durchschnittsalter der Gäste in einem eher uninteressanten Bereich und nachdem ich mir einen Müsliriegel aus dem Vorratsschrank genommen hatte, verließ ich die Küche und ging hinauf in mein Zimmer, das sich im oberen Bereich des Hauses befand. In der ersten Etage waren vier Gästezimmer untergebracht, darüber folgte eine separate Etage mit unseren privaten Zimmern und im Dachgeschoss gab es zwei weitere, kleinere Räume mit einem geteilten Bad. Mein Zimmer, das sich praktischerweise gegenüber des Badezimmers befand, war etwas größer als die Kinderzimmer von Neela und Beven, was daran liegen mochte, dass ich die Älteste von uns Dreien war. Groß war es deshalb aber noch lange nicht, das Bett, das sich ziemlich genau in die Zimmerecke hatte schieben lassen, war so schmal, dass ich manchmal herunterfiel, wenn ich mich im Schlaf zu sehr hin und her bewegte. Auf der anderen Seite des Raumes reihten sich ein weißer Kleiderschrank und ein kleiner eckiger Schreibtisch an die Wand, für mehr als einen alten, karmesinroten Sessel in der gegenüberliegenden Ecke war kein Platz. Somit besaß mein Zimmer einen ähnlichen Durchmesser wie die Gästezimmer auf den anderen Etagen.

An den Wänden sammelte sich eine Mischung aus älteren, an den Ecken verblichenen Postern und neueren, glänzenden Postkarten, die ich über dem Bett aufgehängt hatte. Ich bekam die Postkarten von Freundinnen geschenkt, wenn sie irgendwo eine entdeckten, von der sie dachten, sie könnte mir gefallen. Deshalb verband ich jede einzelne mit einer dieser Gesten.

Ich schlüpfte aus meiner Jogginghose und warf sie über den Sessel, bevor ich aus dem Stapel mit Kleidung, der sich eben dort türmte, eine einigermaßen frische und dunkelblaue Jeans hervorzog. Der halbe Stapel ging mit der Jeans zu Boden, aber ich hatte keine Zeit mehr, um meine Sachen jetzt neu zu sortieren. Eilig zog ich ein weißes T-Shirt und eine dunkelrote Strickjacke über und bürstete mein Haar. Jemand klopfte an meine Tür und drückte sie nur eine Sekunde später mit einem leichten Knarren auf. „Beven und ich warten schon unten auf dich, kannst du dich nicht etwas beeilen?“, sagte Neela, die mit einem Pferdepullover und ihrem Rucksack im Türrahmen stand. Ich lächelte und schwang mir meine Tasche über die Schulter. Mit einem letzten Blick kontrollierte ich den Inhalt, dann schloss ich die Tür hinter mir und trat zu ihr auf den kleinen Flur. „Ich bin doch schon fertig“, sagte ich und sah an mir herab, nachdem ich mir in Rekordschnelle meine Stiefel übergestülpt hatte. „Können los“. Hinter Neela her polterte ich die Treppe hinunter und warf noch einen kurzen Blick in den Speiseraum. Mom war gerade dabei die Tische zu decken und bereitete die weißen Decken mit schnellen Handgriffen über den Holzoberflächen aus.

Ein wenig Licht verfing sich in dem dunkelroten Haar, das auf ihrem Rücken fröhlich wippend jeder Bewegung folgte.

„Mom?“, fragte ich. „Was ist denn?“, erwiderte sie, ohne sich umzudrehen, während sie nach den Servietten griff. „Ich wollte nur Bescheid sagen, dass wir jetzt weg sind“, sagte ich und nickte. „Habt ihr die Apfelschnitze eingepackt, die ich euch in die Küche gelegt habe?“, fragte sie und wandte sich schließlich zu uns um. „Alles eingepackt“, antwortete Neela und reckte grinsend ihren Daumen in die Höhe. „Sehr gut. Dann Abmarsch und passt auf euch auf“, erwiderte sie wie jeden Morgen und faltete weiter Tischdecken, „Viel Spaß in der Schule“.

Vor dem Haus schoben wir die Fahrräder aus dem Verdeck und sahen hinauf in den Himmel. Der Regen war beinahe unaufhörlich an Orten wie diesem, auch heute begrüßten uns die gewundenen Straßen in einem trüben Grau. Die alten Laternen leuchteten uns den Weg zur Schule, als wir durch den Nebel auf dem holprigen Asphalt entlangfuhren. Oft fühlte es sich an als wäre es abends, und genauso müde war ich an den meisten Morgen. Zuerst brachten Beven und ich Neela zur Grundschule, die in einer kleinen Seitenstraße lag und durch die unscheinbare Fassade eher weniger an eine Grundschule denken ließ. Neela war elf und ging in die sechste Klasse. Im nächsten Jahr würden wir diese Route nicht mehr fahren, dann könnten wir alle drei gemeinsam zur weiterführenden Schule im Ortskern fahren, die Beven und ich besuchten. Im stärker werdenden Regen fuhren wir weiter, es schien, als stürze uns bald der Himmel auf den Kopf, wenn wir nicht rechtzeitig an der Schule ankommen würden. Dabei war das Peitschen der niederprasselnden Tropfen nur der nasse Vorbote des Gewitters, das in der Ferne schon leise zu murmeln begann. Wir traten wie verrückt in die Pedale und sprachen kein Wort, bis die erleuchteten Fenster des großen Gebäudes wie eine Insel im Grau vor uns aufleuchteten. „Wie viel Uhr ist es?“, fragte Beven, während wir hektisch die Räder auf dem Hof abschlossen, uns vorsichtig die Kapuzen vom Kopf zogen und den Zustand unserer Haare begutachteten. Unsere dunklen Wellen lockten sich gleichermaßen schnell, wenn sie nass wurden, und ließen uns nicht selten wie zwei Pudel aussehen. „Zehn vor“, murmelte ich und steckte den Fahrradschlüssel in meine Hosentasche. „Wo musst du hin?“, fragte sie wieder, während wir uns nebeneinander in Bewegung setzten. „Musikraum“, erwiderte ich lustlos und deutete auf die erste Etage des Gebäudes. „Klingt doch gar nicht schlecht“, antwortete sie lächelnd, wandte sich aber in eine andere Richtung ab. „Ich muss in meinen Klassenraum, aber wir sehen uns später“, fügte sie hinzu, dann joggte sie durch den Regen davon und verschwand hinter einer der gläsernen Pforten auf der gegenüberliegenden Seite des Hofs. „Bis später“, rief ich ihr nach, bevor ich das Treppenhaus betrat, das zu meinem Unterrichtsraum hinaufführte.

Ich war im August siebzehn geworden und nach den Sommerferien in die elfte Klasse gekommen, was meinen Abschluss greifbar nah rücken ließ. Weniger als zwei Jahre blieben mir noch, bis ich mein Zeugnis in den Händen halten würde, ein Gedanke, den ich mitunter lieber verdrängte. Bei meiner Schule handelte es sich um eine kleine Dorfschule. Die Anzahl der Schüler in meinem Jahrgang belief sich auf nur sechszehn Personen, die aus Doolin und den umliegenden, noch kleineren Orten kamen und sich untereinander beinahe in- und auswendig kannten. Viele von ihnen hatte ich schon in der Grundschule kennengelernt und auch die weiteren Klassen hatten wir stets gemeinsam besucht. Trotz der kleinen Schülerzahl versuchte man uns ein möglichst breites Angebot an Kursen zur Verfügung zu stellen, so konnte man der Theatergruppe beitreten, einem Forschungsteam der Naturwissenschaften und sogar einem kleinen Kunstclub. Außerdem gab es Fächer wie Literatur und eben jenen Musikkurs, den ich zweimal in der Woche besuchte. Als ich den kleinen Raum betrat, der erst seit letztem Jahr als Musikraum diente und vorher als Abstellraum für alles und jeden fungiert hatte, waren sechs von acht im Kurs angemeldeten Schülern bereits da. Ich setzte mich auf einen Platz am Fenster und beobachtete, wie der Himmel draußen eine Farbe annahm, die ich kaum für existent im Farbspektrum gehalten hatte. Ich tippte insgeheim stark auf Apokalypse, aber das passierte hier ungefähr alle zwei Wochen und versetzte niemanden mehr in Sorge. Eine halbe Minute bevor es klingelte, schlüpfte Paula durch die Klassentür in den Raum und rutschte lautlos auf den Platz neben mir. Ihre blonden Haare hingen in eingeweichten Strähnen an ihrem Gesicht hinab und ihre Jacke war so nass, dass es beinahe nicht auffiel, dass sie sich um einen ganzen Farbton verdunkelt hatte. „Mein Gott, ich habe jetzt schon keine Lust mehr auf diesen Tag“, murmelte sie zur Begrüßung und legte ihren Kopf auf den Tisch, auf dem das Wasser aus ihren Haaren kleine Rinnsale bildete. „Dich hat’s ja echt erwischt“, gab ich anerkennend zurück und wischte mit meinen Strickjackenärmeln das Wasser vom Tisch, das zu mir herübergelaufen war.

Paula war meine beste Freundin und ein Jahr jünger als ich. Sie konnte fünfstellige Zahlen im Kopf multiplizieren und fügte ihren Aufsätzen des Öfteren Wörter bei, die selbst unser Englischlehrer nachschlagen musste. Dabei kam Paula aus Deutschland und nicht von hier. Als sie elf Jahre alt war, starb ihre Mutter bei einem Skiunfall und sie zog zu ihrem Vater, der in Irland eine Bäckerei hatte. Ihr Englisch war beinahe genauso gut wie meins, aber mit ihrem Akzent und dem aschblonden, glatten Haar fiel sie doch immer ein wenig auf, wenn man sie inmitten der anderen Schüler betrachtete. Ich hatte sie damals, als wir uns kennenlernten, einmal nach der Schule mit ans Meer genommen, um ihr die Klippen zu zeigen. Ich als Einheimische meinte zu wissen, dass sie, als Neuankömmling in Doolin, begeistert sein würde, aber entgegen meiner Erwartung setzte sie sich einfach ins nasse Gras, lies den Regen über sich ergehen und weinte so sehr, dass ich befürchtete, sie würde sich gleich ins Meer hinunterstürzen. An diesem Nachmittag erzählte sie mir, wie sehr sie ihre Heimat und ihre Mutter vermisste und ich konnte nicht anders, als mich zu ihr in den Matsch zu knien und sie fest in den Arm zu nehmen. Seitdem hatten wir uns in gewisser Weise nicht wieder losgelassen.

Als Mr. Bird den Raum betrat, verstummte jedes Gemurmel auf einen Schlag. „Jetzt habe ich auch keine Lust mehr“, flüsterte ich und grinste ihr zu, dann holte ich meine Mappe heraus und versuchte dem Unterricht zu folgen. Wir sprachen über die alten irischen Gesänge und deren Herkunft und als Mr. Bird uns ein paar sehr altertümliche Lieder auf seinem nicht weniger steinzeitlichem CD-Player vorspielte, musste ich unwillkürlich an Neela denken, die immer zu jedem Lied singen und tanzen musste, ganz gleich, ob sie den Text kannte oder nicht. Während wir zuhörten, zuckten nun endlich die ersehnten Blitze über den Himmel und die Wolken erzitterten in einem Wechselspiel aus Dunkelheit und Licht. Die Unterrichtsstunde rann ähnlich trübe dahin wie der Regen am matten Fensterglas. Nur wenig später hatten sich die umstehenden Häuser und die grünen Weiden in eine verschwommene Landschaft verwandelt. Als es zur Pause klingelte, packten wir unsere Taschen und ließen uns mit den anderen Schülern nach draußen treiben. Dicht gedrängt standen wir in der Eingangshalle, nach draußen in den Sturm wagten sich nur vereinzelte Mittelstufenschüler, denen das beeindruckte Lächeln der Mädchen wichtiger zu sein schien, als ihre nassen Klamotten. Ich seufzte, dann lehnte ich mich gegen eine der blau verputzten Wände und begann an meinem Pausenbrot zu knabbern.

„Und was machst du heute noch?“, fragte ich Paula lustlos und lächelte schwach. „Ich muss noch für den Musiktest nächste Woche lernen. Danach gehe ich vielleicht eine Runde laufen“, sagte sie und warf stirnrunzelnd einen Blick nach draußen. „Also, falls sich das Wetter wieder ein wenig beruhigt“, fügte sie wenig optimistisch hinzu. „Du?“, fragte sie dann zurück und stupste mich leicht in die Seite. „Ich gebe Beven Nachhilfe und versuche ein paar Skizzen fertig zu machen, mit denen ich gestern angefangen habe“, erwiderte ich und seufzte. Mit einem Mal schlängelte sich jemand durch die Menge aus Menschen und tauchte neben uns auf. Es war Franklin, ein großgewachsener, blonder Junge mit Sommersprossen und einem Grinsen, das seit jeher ein bisschen zu groß für seine schmalen Wangen war. Er hielt ein Buch in der Hand und lehnte sich bewusst gelassen an die Wand neben mich. „Na ihr“, sagte er und hielt Paula und mir die zerfledderte Lektüre vor die Nase. „Ich sage euch, seid einfach froh und dankt Gott, dass ihr Bernard Shaw lesen dürft. Dieses sozialkritische Drama hier ist das längste Buch, das ich je gelesen habe und es hat nur…“, er schlug das Buch am Ende auf, „nur 121 Seiten. Das ist eigentlich fast nichts und doch dauert das Lesen eine halbe Ewigkeit“, sagte er wie aus der Luft gerissen und ließ demonstrativ die Schultern hängen. Ich lächelte und verzog mitleidig den Mund. „Dann lies es doch einfach nicht, es gibt genug gute Zusammenfassungen im Internet“, sagte ich und lachte noch mehr. Es war eine allseits bekannte Tatsache, dass Franklin zu Hause keine Internetverbindung hatte. Seit über einem Jahr lebten praktisch Bauarbeiter in seinem Haus und vertrösteten seine Familie monatlich auf den jeweils nächsten Monat. Deshalb war der fehlende Internetzugang sein wunder Punkt, und auch wenn er stets behauptete, seine Distanz zum Internet würde ihm ein Leben voll Achtsamkeit bereiten, glaubte ich, dass er sich durchaus danach sehnte, Wikipedia, Youtube und Netflix zu verwenden, so wie wir.

„Haha…, O‘Callahan“, erwiderte er und ließ den Kopf hängen, „dieser Witz ist doch schon so alt“. Das stimmte, aber es machte nach wie vor Spaß Franklin aufzuziehen. „Und? Was steht als nächstes an?“, fragte er schließlich und sah auf seine Uhr. „Mathe“, antwortete ich frustriert und deutete in die grobe Richtung der Matheräume. „Na dann, viel Spaß“, bemerkte er schadenfroh und warf einen Blick auf sein Handy. „Ich habe Chemie, muss dann los“, sagte er und umarmte mich und Paula kurz. „Erzähl später auf jeden Fall, ob Binky wieder etwas in die Luft hat gehen lassen“, rief ich ihm nach, bevor er am Ende des Flurs verschwand. Erst letzte Woche war dem Referendar ein Kolben zersplittert, dessen Scherben durch den ganzen Raum geflogen waren. Zum Glück war, von Binkys Selbstbewusstsein einmal abgesehen, niemand zu Schaden gekommen.

Am Ende des Tages hafteten die Spuren von Mathe, Physik und einer schweißtreibenden Stunde Sport in einer stickigen, winzigen Sporthalle an mir. Als ich Beven nach der letzten Stunde auf dem Hof wieder traf, war sie ebenso müde und schwang sich nur mühsam auf ihr Rad. Sie war vierzehn und für ihr Alter genau wie ich eher klein und zierlich. Die meisten Mädchen in ihrer Stufe hatten schon richtige Kurven und trugen BHs, aber Beven war, abgesehen von ihrer stark ausgeprägten Vorliebe für britische Boy Bands, in meinen Augen kein typischer Teenager. Sie zankte sich nicht, half genau wie Neela und ich im B&B mit und schämte sich nicht, mit unserer Mutter neue Unterwäsche kaufen zu gehen. Die ersten Meter rollten wir nur schweigend und schwankend aus dem Schultor hinaus, dann erst traten wir in die Pedale und sausten die Straße entlang. „Wie war’s?“, fragte ich beiläufig und sah zu ihr hinüber. „Ganz in Ordnung“, murmelte sie.

„Alicia hat einen Liebesbrief bekommen“, erzählte sie dann leise und starrte auf den Asphalt. Alicia war eine alte Freundin von Beven, die nicht weit vom B&B entfernt wohnte und bereits mit ihr in den Kindergarten gegangen war. „Echt? Wie süß“, meinte ich grinsend, „von wem denn?“. Beven drehte sich erst ein paar Augenblicke später zu mir um und lächelte traurig. „Von Eric“, sagte sie dann und schluckte. Ich sah ein paar winzige Tränen in ihren Augen glitzern und begriff erst jetzt das Ausmaß der Katastrophe. Aufgebracht hielt ich am Straßenrand. „Warte mal einen Moment…“, sagte ich und stöhnte. „Der Eric, der dir letzten Monat diese Nachricht geschickt hat, die du mir gezeigt hast? Die mit den vielen Herzen?“, fragte ich und blickte sie stirnrunzelnd an. Beven nickte wortlos. „Was für ein Idiot“, sagte ich und schüttelte den Kopf, „Jungs sind manchmal einfach noch kleine Kinder im Kopf. Da sieht man‘s mal wieder. Versuch ihn zu vergessen, Beven“. Aber Beven schüttelte nur den Kopf und begann hemmungslos zu weinen. Bis wir zuhause angekommen waren, hörte ich mir all ihre wüsten Beschimpfungen und Flüche an, über Jungs, Liebe und das ganze Universum. Als unsere Auffahrt in Sicht kam wischte sie sich entschieden die Tränen aus dem Gesicht. „Lenk dich etwas ab“, versuchte ich und schenkte ihr ein Lächeln. „Ich probier’s“, erwiderte sie und verschwand schließlich mit hängenden Schultern in der Waschküche, wo sie sich um die Bettwäsche der Gäste kümmerte, eine Aufgabe, die vor ein paar Jahren noch meine gewesen war.

Ich machte mir in der Küche eine Tiefkühl-Asia-Pfanne aus dem Supermarkt und trottete mit dem heißen Nudelteller hinauf in mein Zimmer. Ein kleines Mädchen, das ich zuvor noch nicht im Haus gesehen hatte, stand vor meiner Tür und sah sich mit großen Augen das Filmplakat über der Türklinke an. Normalerweise war die Tür zu unserer eigenen Etage fest verschlossen und niemand der Gäste durfte den Flur betreten, aber augenscheinlich hatte jemand vergessen, sie zu schließen. Sie trug einen blonden, lockeren Zopf und eine rosafarbene Latzhose und bemerkte mich erst, als ich direkt hinter ihr stand und mich das Knarzen der Bodendielen verriet. Mit roten Wangen drehte sie sich zu mir um und hielt sich erschrocken die Hände vor ihren kleinen Mund. „Wer bist du denn?“, fragte ich lächelnd und balancierte den Teller in meiner Hand. Er brannte auf meiner Haut und ich hätte die Nudeln am liebsten direkt auf dem Boden abgestellt. „Hannah“, murmelte sie vor sich hin und sah schüchtern zu Boden. „Hannah also, und magst du das Poster an meiner Tür?“, fragte ich. „Ja“, antwortete sie leise und machte den Anschein, als wolle sie sich am liebsten ganz hinter ihren Ponyfransen verstecken. „Es ist ein Liebesfilm, ich habe ihn letztes Jahr zusammen mit meinen Freundinnen angesehen“, erwiderte ich und öffnete die Tür, dann eilte ich quer durchs Zimmer zu meinem Schreibtisch und stellte den Teller darauf ab. Unsicher stand Hannah in der Tür und sah mit großen Augen in den Raum, ohne sich vom Fleck zu bewegen. Eigentlich war ich eine große Verfechterin der Hausregeln und hatte einen Haufen Mathehausaufgaben auf, doch ihre Anwesenheit verschaffte mir ein gemütliches Kribbeln im Bauch. Es kam nicht allzu häufig vor, dass Kinder an diesen Ort kamen und sich dazu noch in unseren Flur verirrten. Die Art wie sie neugierig um die Ecke hinter der Tür lugte, erinnerte mich an Neela, als sich noch jünger und zurückhaltender gewesen war.

„Möchtest du reinkommen und mir Gesellschaft leisten?“, fragte ich und holte mein altes Sitzkissen aus dem Kleiderschrank. „Ich habe sowieso nichts zu tun“. Ohne zu antworten, schlich sie durch den Raum und machte es sich auf dem Kissen bequem. Sie drehte ihren Kopf in alle Richtungen und betrachtete die an den Wänden hängenden Poster und die Büchersammlung in meinen Regalen. Ebenso hing ihr Blick eine Weile an den verstaubten Teddybären neben meinem Sessel, die ich zur Geburt geschenkt bekommen hatte. „Wohnst du für immer in diesem B&B?“, fragte sie verwirrt und blickte aus dem Fenster. Ich grinste und schüttelte den Kopf.

„Ich bin kein Gast hier, meiner Mom gehört das B&B und ich wohne hier, seit ich geboren bin“, erklärte ich ihr. „Musst du dann jeden Abend die Sachen essen, die in der Küche gemacht werden oder kannst du dir aussuchen, was du essen willst?“, fragte sie nach. „Oh, ich nehme gerne das Essen vom Speiseraum, aber ich esse auch gerne eine ganz normale Pizza oder Sachen aus dem Supermarkt“, sagte ich. „Und du? Schmeckt dir denn das Essen hier?“, sie überlegte kurz und nickte dann freundlich. „Meine Mama hat gesagt, dass Papa traurig sein wird, wenn er hört, dass es gestern Omeletts zum Frühstück gab“, sagte sie und seufzte. „Das ist sein Lieblingsessen.“ Ich lachte leise und nickte verständnisvoll. „Ist dein Papa denn nicht hier?“, fragte ich. „Nein, er ist noch zu Hause, aber mein Bruder und er kommen in ein paar Tagen nach, wegen der Fische“. Fische? Ich sah sie fragend an, wartete jedoch vergeblich auf eine weitere Erläuterung. „Ach so, na dann werden wir für deinen Papa noch einmal Omeletts machen, wenn er angereist ist“, versicherte ich ihr. „Danke“, murmelte sie und ein strahlendes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, als es mit einem Mal sachte an die Tür klopfte. „Ja?“, rief ich und nur wenige Sekunden später schob sich ein blonder Frauenkopf durch den Spalt zwischen Tür und Rahmen. Ihr Gesicht war freundlich, aber wohl schien ihr hier, in unserem Hausflur, nicht zu sein. „Oh je, entschuldige“, murmelte sie und atmete aus, als sie das kleine Mädchen auf meinem Sitzkissen sah. „Hannah, ich habe dich überall gesucht“, sagte sie in ernstem Ton und warf mir ein zerknirschtes Lächeln zu. „Ich hoffe, du bist nicht böse, sie ist einfach zu neugierig und steckt überall ihre Nase hinein, jetzt komm, Mäuschen“, sie streckte die Hand nach Hannah aus. „Das ist doch nicht schlimm, wir haben uns gut unterhalten“, sagte ich und winkte ab. „In Ordnung“, sie reichte mir die Hand. „Mein Name ist Maria Robertson, ich bin Hannahs Mutter. Ihr habt einen wirklich schönen Fleck Erde hier“, sagte sie und nickte mir zu. Ich musterte ihre Locken und ihr herzförmiges Gesicht mit den auffälligen, seegrünen Augen. „Danke, es ist in der Tat ein ganz nettes Plätzchen. Ich heiße Lorna O‘Callahan“, erwiderte ich. „Wenn sie möchte, kann Hannah vielleicht einmal gemeinsam mit mir die Ziegen füttern gehen oder ich kann ihr das Haus zeigen, wenn Sie nichts anderes zu tun haben. Geben Sie nur Bescheid“. „Oh, das ist ein nettes Angebot, wir kommen sicher darauf zurück“, meinte sie und nahm Hannah schließlich an die Hand. „Dann bis bald“, sagte sie schließlich und trat wieder hinaus auf den Flur. „Bis bald“, gab ich zurück, setzte mich endlich an meinen Schreibtisch und begann in den Nudeln umherzustochern, die mittlerweile nur noch lauwarm waren.

Das kleine Mädchen war so unbedarft und neugierig, dass ich mir vornahm, ihr bei der nächsten Gelegenheit tatsächlich die Ställe und den Rest des B&Bs zu zeigen. Jetzt aber hatte ich genug mit meinen Hausaufgaben zu tun. Gleichungen, die ganze Zeilen füllten, warteten darauf gelöst zu werden und mein Matheheft sprang mir geradezu entgegen, als ich meine Tasche öffnete.

Am späten Nachmittag setzte ich mich gemeinsam mit meinen Schwestern an den Kamin in unserem kleinen Wohnzimmer. Im Fernseher, an der Backsteinmauer, lief eine britische Castingshow und draußen fegte weiterhin der Sturm vor den Fenstern. Sachtes dunkles Blau, das sich am Himmel wölbte und zwischen den Wolken helle Narben hinterließ. Ich brachte Beven bei, wie man Fluchtpunkte zog und dreidimensionale Figuren zeichnete. Sie war künstlerisch ungefähr so begabt wie ein Fisch und bekam in Kunst, seitdem sie auf die neue Schule gekommen war, reihenweise schlechte Noten. Wir hatten uns mit einer Schale Orangen und zwei Tassen heißer Schokolade auf den Teppich gelegt und die Zeichenblöcke auf dem Boden ausgebreitet, während Neela auf einem Sessel hing und wie hypnotisiert auf den Fernseher starrte. Es war ein gemütliches, kleines Leben in einer gemütlichen, kleinen Stadt und manchmal war es, als würde sich diese Schicht aus Regen, heißer Schokolade und dem ständigen Tellerwaschen in dieser ebenso gemütlichen, kleinen Küche um uns hüllen wie ein schützendes Tuch. Noch nie war ich weit fort von Doolin gewesen, ich war nie mit dem Flugzeug geflogen, hatte nie diese Insel verlassen, nie etwas anderes gesehen als die stürmischen Meere, das rauschende Gras auf den Feldern und die gleichen Gesichter im Supermarkt, in der Schule oder beim Spazieren in den immer gleichen Straßen. Aber es machte mir nichts, dieses wohlige Gefühl jeden Stein auf den Straßen zu kennen, jedes Pferd, das auf dem Weg zur Schule seinen Kopf aus den Ställen herausstreckte. Jeden Tag kamen so viele Menschen von weit weg in unser B&B, sie waren der andere Teil meines Lebens, der fremde Teil, der sich von Woche zu Woche veränderte. Sie spülten neue Geschichten an meinen kleinen Strand und ich wurde satt davon.

Zwei

Abends schlüpfte ich wieder in die Küche und wusch die Teller. Einen nach dem anderen ließ ich ins heiße Wasser gleiten, um sie anschließend gründlich trocken zu reiben, eine so monotone Aufgabe, dass ich nebenbei den neuesten Roman von Dana Jemerson lesen und gleichzeitig mit Neela über die Gäste reden konnte. Sie saß quer auf der Küchentheke und nahm die fertigen Teller an, um sie ins Regal zu stellen. Neela war die einzige von uns dreien, die das kupferrote Haar unserer Mutter geerbt hatte, genau wie ihr weiches Lächeln und die dunklen, starken Augenbrauen. Beven und ich hatten dunkelbraunes Haar, das, so vermuteten wir insgeheim, von unserem Vater kommen musste. Die Erinnerungen an ihn jedoch waren vor meinen Augen längst nur noch ein verblasstes Bild, das ich nicht mehr von der Realität zu unterscheiden vermochte. Er hatte meine Mutter verlassen, als sie mit Beven schwanger wurde und war, laut der Legende, welche sich um unseren Erzeuger rank, einige Jahre später noch einmal nach Doolin zurückgekehrt. Er versprach meiner Mutter sie nicht mehr allein zu lassen und für einen einzigen Abend in einem schäbigen Hotelzimmer, von dem ich erst erfuhr, als ich älter war, hielt sein Versprechen. Dann war er verschwunden, bevor meine Mutter nur erahnen konnte, dass in ihr ein weiteres neues Wesen heranwuchs, welches einmal zu einem Ebenbild ihrer selbst werden sollte.

„Lorna?“, mit einem unsicheren Lächeln riss Neela mich aus meinen Gedanken. Ich sah sie fragend an und reichte ihr den nächsten Teller. „Kannst du mir noch eine Flasche Cola aus dem oberen Regal geben?“. Mit gerunzelter Stirn trocknete ich meine Hände im Geschirrtuch ab und streckte mich, um ans Regal zu gelangen. „Eigentlich nicht mehr so spät“, sagte ich und gab sie ihr dennoch. „Danke, bitte sag’s nicht Mom“, erwiderte sie und schenkte sich in eine der frisch gewaschenen Tassen ein. „Nein, ist schon in Ordnung, aber trink nur eine Tasse, okay?“, sagte ich. Sie nickte, während ich die Flasche wieder auf das Regal hinaufschob. „Gehst du schlafen?“, fragte ich dann nach einem Blick auf die Uhr. „Hm“, wieder nickte sie stumm und leerte die Tasse mit einem Zug. „Mach ich, gute Nacht“, murmelte sie, dann rutschte sie von der Theke und schlurfte um die Kochinsel herum zur Tür, als es mit einem Mal an der Fensterscheibe klopfte und ein großes Gesicht mit neugierigen Augen hindurch blinzelte. Klirrend ließ ich den letzten Teller zurück ins Spülbecken fallen und lief hinüber zum Fenster, um es zu öffnen.

„Herrje, was machst du denn hier?“, rief ich aufgeregt, als ich endlich Paula erkennen konnte. Wie am Morgen, waren ihre langen Haare nass und klebten an ihren Wangen. Sie rang nach Luft, als sie vorsichtig über die Theke in die Küche kletterte. „Warte…, kann ich was zu Trinken haben?“, fragte sie und ließ sich auf einen hölzernen Hocker vor dem Kühlschrank fallen. Neela, die das Geschehen gebannt beobachtet hatte, sprintete zurück in die Küche und machte ihr ein Glas mit Orangensaft, das Paula dankend entgegennahm. „Alles ok mit dir?“, fragte sie besorgt und verschränkte die Arme. „Ich mach das schon, geh‘ jetzt ins Bett“, sagte ich und warf ihr einen strengen Blick zu. „Okay“, stammelte Neela, dann stellte sie die Packung Orangensaft wieder zurück und lief die Stufen zu ihrem Zimmer hinauf.

„Es ist gleich zehn Uhr nachts, wie bist du hergekommen?“, fragte ich und ließ mich auf den Boden fallen. „Mit dem Fahrrad…, steht irgendwo vor dem Stall“, sie seufzte und nahm einen Schluck Saft. „Und warum?“. „Dad hatte einen Nervenzusammenbruch, ich musste einfach weg von da. Er redet nur noch von Mama, er redet über nichts anderes mehr. Und er schmeißt Sachen herum. Er hätte fast meinen Laptop kaputt gemacht“, sagte sie und deutete auf die Laptop Tasche unter ihrer Jacke. „Der ist hier zumindest in Sicherheit“, murmelte ich und stützte meinen Kopf in beide Hände. „Er weiß, glaube ich, einfach nicht, was er tun soll“, sagte ich dann.

„Das geht jetzt seit über vier Jahren so, es ist einfach so anstrengend. Manchmal denkt er, er wäre der Einzige, der traurig ist. Ich bin doch auch traurig und lasse mich nicht so gehen. Und ich war diejenige, die die letzten Jahre mit ihr verbracht hat. Er war ja nicht mal da“, sie schlug die Hände vors Gesicht und lächelte traurig. „Manchmal ist das echt zu viel für mich“. „Du kannst heute Nacht hier schlafen“, sagte ich und erhob mich, um den letzten Teller fertig abzutrocknen. „Danke“, erwiderte sie seufzend und nickte.

„Aber Lorna, ich möchte noch nicht schlafen. Können wir vielleicht spazieren gehen?“. Zögernd warf ich einen Blick hinaus, in die grauen Nebenschwaden und den nicht enden wollenden Regen, der an die Scheibe trommelte. „Echt jetzt?“, fragte ich mit einem Grinsen, doch ich wusste, sie meinte es ernst. „Ich bin eh schon nass“, meinte sie nur und hob eine ihrer triefenden Haarsträhnen. „Ich aber nicht“, meine Stimme brach, als ich ihr hoffnungsvolles Lächeln sah. Ich ging hinüber in die Garderobe und zog meinen gelben Regenmantel über meinen dünnen Pullover. „Nur eine kleine Runde, Mom wird sonst ausrasten“, sagte ich und warf meinen Hausschlüssel einmal von Hand zu Hand. „Diesmal aber nicht durchs Fenster“.

Wir schlichen an den Ställen vorbei um das Haus herum und der Regenmantel bot mir keinen Schutz. Mehr noch sog er sich mit Wasser voll und ließ mich zittern von Kopf bis Fuß. In der abendlichen Dunkelheit brannten nur die stummen Straßenlaternen den Weg hinaus in den Nebel und der Wind blies kalt um meine Knöchel. Schweigend wanderten wir auf dem Asphalt dahin, um uns herum nur menschenleere Straßen, das Rauschen des Windes und das Knacken der Äste in den himmelhohen Bäumen. Nach einigen Minuten erreichten wir die anderen Häuser, dicht gedrängt standen sie Spalier wie eine Schar geheimnisvoller Hüter in der Dunkelheit. In der Kälte zog ich den Mantel enger um mich, während Paula wie schwerelos neben mir herlief. „Tut mir echt leid“, sagte sie und blickte hinab auf die raue Straße. „Was?“, ich sah zu ihr hinüber. „Das hier, ich fühle mich manchmal einfach danach, als müsste ich solche Dinge tun. Nachts durch die Stadt wandern. Wahrscheinlich habe ich zu viele Filme gesehen. Jung, wild und frei sein…, du weißt schon“, sie lächelte schief und das Glitzern in ihren Augen war wieder da, das wohlbekannte Beben in ihrer Stimme. „Vielleicht sind wir ja anders und müssen gar nicht wild und jung und frei sein“, sagte ich und sah zurück. „Das ist doch nur ein Klischee, wo sind wir schon wild? Wir leben hier und nicht in New York City“. „Wir könnten aber so tun, als würden wir es tun“, sagte sie und lachte. „Das hier ist gar nicht übel“, sagte ich und zwinkerte ihr zu. „Ich tu‘ lieber so, als wäre ich auf einer einsamen Straße in der verregneten Kleinstadt Doolin“. „Wie außergewöhnlich“, erwiderte sie. „Einen Tagtraum wert“, fügte ich hinzu.

Wir kamen zum Meer und es war so betäubend still, dass man nur die Brandung hörte und es für einen Moment fast schien, als würden die Wellen direkt auf den Bürgersteig rollen. Mit meinen Turnschuhen watete ich in den nassen Sand und ließ den Kies unter der Sohle knirschen. Es war Flut und das Wasser stieg gefährlich hoch an die Bäume und Spazierpfade. Die großen Felsen, auf denen man bei Ebbe picknicken konnte, waren schon zur Hälfte verschluckt und ragten nur noch mit ihren glänzenden Oberflächen aus dem Wasser. Weit weg funkelte der Mast eines Schiffes. Kein einziger Stern war am Himmel zu sehen, so viele Wolken hingen träge dort oben und verdeckten die Sicht. „Schön, nicht?“, Paula hüpfte auf einen der Felsen und winkte mir von dort aus zu. Ich sah ihr Gesicht nicht mehr, nur ihre schwarze Silhouette direkt vor dem Meer. „Untertrieben“, stellte ich fest. „In New York gibt’s so einen Strand nicht“, meinte ich dann und stützte mich auf eine der Brüstungen. „In Deutschland auch nicht“, sagte sie und machte aus ihren Fingern ein großes Herz. Ich machte eins zurück.

Wir brauchten eine halbe Stunde, bis wir verfroren zum B&B zurückkehrten und ich erschrak, als ich sah, dass gerade Leute ihr Gepäck aus einem Wagen auf der Einfahrt holten und damit ins Haus gingen. „Wir sollten nicht mehr hier rumlaufen“, flüsterte ich und deutete auf den Hintereingang. „Okay“, murmelte Paula und wir verharrten einen Moment, bis die Leute im Haus verschwunden waren. „Normalerweise kommen die Gäste nicht so spät an“, sagte ich und zuckte mit den Schultern, „damit habe ich nicht gerechnet“. Auf Zehenspitzen schlüpften wir durch die Hintertür zurück in den Hausflur und schlichen die Treppe hoch. Dumpf hörte ich, wie Mom im Erdgeschoss die neuen Gäste begrüßte, aber ihre Stimmen waren nur gedämpftes Flüstern an meinen Ohren. Ich schloss die Tür zur Küche und führte Paula hinauf auf mein Zimmer. Erschöpft ließ sie sich auf mein Bett fallen und schloss ihren Laptop an die Steckdose an. „Ich bin gleich wieder da“, sagte ich, aber sie hatte schon den PC hochgefahren und nickte nur abwesend.

Kopfschüttelnd trat ich hinaus auf den Flur und klopfte an Bevens Zimmertür. Leise konnte ich sie drinnen herein beten hören, als ich die Tür öffnete, lag sie in einem Berg aus Kissen auf ihrer winzigen Schlafcouch und sah sich auf ihrem Laptop Folgen von The Big Bang Theory an. „Ist es nicht ein bisschen spät?“, fragte ich, aber sie runzelte nur konzentriert die Stirn. „Was ist?“, fragte sie dann und stellte die Folge auf Pause. „Ich bräuchte eine Matratze“, flüsterte ich. „Weißt du, ob Neela schläft?“, fragte ich dann. „Wofür das? Müsste sie, hab jedenfalls keinen Mucks mehr gehört, seitdem Mom bei ihr im Zimmer war, um ‚Gute Nacht zu sagen“, meinte sie und deutete in die Ecke neben der Couch, in der eine zusammengerollte Isomatte stand. „Sehr gut“, ich zog die Matte hinter dem Sofa hervor und schulterte sie. „Paula ist da“, sagte ich dann. „Wegen ihrem Dad?“, fragte Beven und gähnte. „Ja, leider. Welche Staffel schaust du?“, fragte ich dann. „Die Zweite“, sie zog die Kuscheldecke, die um ihre Schultern ausgebreitet war, enger um sich. „Oh, die alten mag ich am liebsten“, sagte ich zustimmend. „Naja, schlaf gut“, flüsterte ich und sah dabei zu, wie sie mir eine Kusshand zuwarf. Dann zog ich leise die Tür wieder ran. Paula hatte sich auf meinem Bett zusammengerollt und scrollte durch ihre Instagram Seite. Sie hatte dunkle Ringe unter den Augen und war immer noch nass von oben bis unten. Ohne sie zu fragen, kramte ich einen frischen Pyjama aus meinem Schrank und warf ihn ihr auf den Kopf. Lachend schob sie den karierten Stoff von ihren Augen und nickte dankend. Ich selbst schlüpfte in meine mit Elchen gemusterte Schlafhose und rollte die Isomatte auf dem Boden aus. Ich war so müde, dass ich Paula mein Bett überließ und mir meine Ersatzkuscheldecke und ein Kissen von meinem Sessel nahm, mit dem ich mich schließlich auf die Matte legte.

„Ich bin schrecklich müde“, sagte ich und sah endschuldigend zu ihr auf, aber sie hörte mir kaum zu. „Ist okay“, sagte sie nur und öffnete eine neue, andere Seite. „Ist es auch ok, wenn ich schon mal schlafen gehe?“, fragte ich dann. Sie nickte mit einem Blick auf mich. „Ich habe meinen ganzen Schulkram zu Hause, kannst du mir morgen einen Block leihen?“, fragte sie dann. „Ja, klar“, erwiderte ich und rollte mich in die Decke ein. Ich löschte das Licht und sah aus den Augenwinkeln nur noch das beruhigende Leuchten des Laptopdisplays, das friedlich vor sich hin flimmerte. „Gute Nacht“, flüsterte ich und drehte mich auf die Seite. „Danke, dass ich hier sein darf“, erwiderte sie, dann schloss ich die Augen und sah nur noch das dunkle, farblose Gesicht der Nacht vor mir, das mich langsam in den Schlaf wog.

Am Morgen tropfte schüchtern das Sonnenlicht durch die Fenster und weckte mich, noch bevor mein Wecker die Chance hatte zu klingeln. Ich schrieb Paula einen Zettel und legte ihn neben ihr Kopfkissen, dann zog ich mir eine Jogginghose über und ging hinunter in den Speiseraum, um die Tische für die Gäste zu decken und die Müslischalen und Marmeladengläser aufzustellen. Beven, die so gut wie süchtig nach The Big Bang Theory war, würde so müde sein, dass sie womöglich etwas verschüttete, also nutzte ich die Zeit und machte schnell alles fertig, da für mich heute ohnehin kein morgendlicher Spüldienst anstand. Ich begann irgendeinen Song aus dem Radio zu pfeifen und legte das Besteck auf die Tische, als ich Mom im Türrahmen sah. „Guten Morgen“, sagte ich und machte eine kleine Verbeugung. Sie hatte ihre Haare zu einem Dutt geknotet und sich ihre Rühreier-und-Spiegeleier-Schürze umgebunden, die wir ihr Jahre zuvor einmal zum Geburtstag geschenkt hatten. „Warum so früh wach?“, fragte sie und lächelte. „Zu viel Sonne“, sagte ich und rückte die letzten Teller zurecht. „Nett, dass du runtergekommen bist“, erwiderte sie und deutete auf einen Tisch für zwei. „Da müssen noch zwei Bestecke mehr hin“, sagte sie und reichte mir zwei Servietten, in denen Messer und Gabeln eingewickelt waren. „Danke“, sagte ich und legte sie auf den Tisch. „Wärst du so lieb und würdest noch die Post holen?“. Ich warf einen Blick durch die getönten Fensterscheiben: Der Sturm war einer Schar milchweißer Wolken gewichen und flüchtig malte die Sonne ein paar Kreise auf die Einfahrt. „Ist gut“, erwiderte ich und tauschte meine Hausschuhe gegen ein paar alte Sneakers, die ich im Hausflur fand, „ich hole sie schnell“.

Draußen war die Luft milde und süß und das Gras raschelte unter jedem Schritt. Unser Briefkasten war ein Stück von unserem Haus entfernt und thronte auf einem winzigen Hügel am Rande der Straße. Ich leerte die Briefe aus und schob sie unter meine Jacke, knitterndes Papier mit lauter bunten Marken. „Was machst du da?“, fragte plötzlich eine hohe, neugierige Stimme. Als ich mich umsah, entdeckte ich Hannah, das kleine Mädchen, das mit einem Grinsen auf einem umgefallenen Baumstamm saß und mich beobachtete. „Ich hole die Post für meine Mom“, sagte ich und ging zu ihr hinüber. „Und was machst du hier?“, fragte ich zurück und ließ mich neben sie auf das taufeuchte Holz fallen. „Ich laufe nur ein bisschen herum. Meine Mom macht sich noch für das Frühstück fertig und hat mir erlaubt, mich umzusehen, nur ans Meer darf ich nicht“, erklärte sie und schlug ihre kleinen Schuhe aneinander, die von oben bis unten mit Schmetterlingen übersät waren. „Wenn du möchtest, kann ich dir den Strand und das Meer einmal zeigen, wenn deine Mama es erlaubt“, erwiderte ich, ohne mit der Wimper zu zucken. Schon von hier aus meinte ich das salzige Singen der Wellen zu hören, der Anblick der Felsen und des weiten Ozeans war selbst für mich noch etwas so Wundervolles, dass Hannah es unbedingt ebenfalls sehen musste. „Ich frag‘ sie mal“, sagte sie schließlich und nickte. „Wie alt bist du eigentlich?“, fragte sie dann und zwirbelte an ihren geflochtenen Zöpfen. Ihre Wangen leuchteten apfel-rot, als wäre sie in einen Rouge Topf gefallen. „Ich bin siebzehn und du?“, in der Ferne hörte ich das Läuten der Frühstücksglocke und schreckte auf, aber Hannah saß seelenruhig dort und blickte zu Boden. „Ich bin sechs“, sagte sie und deutete mit ihrem Zeigefinger auf das Haus. „Du bist neun Jahre älter als ich“, stellte sie fest und grinste mit ihrem Zahnlückenlächeln. „Naja, fast, eigentlich sind es elf“, erwiderte ich sanft, aber sie beachtete mich gar nicht, sondern sprang schon gedankenverloren vom Baumstamm auf und lief zurück in Richtung des B&Bs. „Es gibt Frühstück, willst du nicht kommen?“, rief sie mir zu und ruderte mit den Armen. „Ja, warte, ich begleite dich noch“, gab ich zurück und nickte. Dann rannten wir nebeneinanderher, bis uns schwindelig war und wir durch die Eingangstür ins Innere stürmten.

Ich ging mit Hannah hinüber in den Speiseraum und entdeckte sofort ihre Mutter, die an unserem kleinen Buffet stand und sich etwas vom frisch gepressten Orangensaft in ihr Glas einschenkte. Als sie Hannah sah, winkte sie uns zu sich herüber und reichte ihrer Tochter ebenfalls ein Glas Orangensaft. „Guten Morgen, Lorna“, sagte sie und lächelte freundlich. „Könntest du mir vielleicht eine Frage wegen des Frühstücks beantworten?“. Unbeirrt nickte ich und schnappte mir selbst eine Scheibe Toast aus dem Brotkorb. „Natürlich, worum geht’s denn?“, fragte ich und nahm einen Bissen. „Eure Frühstückszeiten sind ja begrenzt“, sagte sie und warf einen Blick auf ihre Uhr. „Es ist so, dass mein Mann und mein Sohn erst gestern Nacht angereist und noch sehr müde sind. Ehrlich gesagt schlafen sie noch und ich wollte fragen, ob man auch später noch einen Kaffee oder einen Tee bekommen kann, oder vielleicht auch noch etwas Toast“, zerknirscht sah sie mich an, aber ich lächelte bereits breit. „Das ist gar kein Problem, sagen Sie nur meiner Mom Bescheid und hinterlegen Sie Ihre Zimmernummer, dann machen wir das gerne für Sie“, sagte ich und nickte. „Und ich wollte Sie auch noch etwas fragen“, Mrs. Roberston atmete erleichtert aus und warf mir einen dankenden Blick zu. „Ja, selbstverständlich, frag‘ nur“. „Darf ich mit Hannah ans Meer gehen, vielleicht morgen?“, sie sah von mir zu ihrer Tochter und wieder zurück. „Ja, warum nicht?“, antwortete sie schließlich und füllte nebenbei ihren Teller mit Marmelade und Butter. „Das ist toll, danke. Ich pass‘ auch gut auf sie auf“, meinte ich und blickte hinab zu Hannah, die mich glücklich anstrahlte. Dann nahm ich mir noch eine kleine Müslipackung und verabschiedete mich.

In meinem Zimmer herrschte noch immer Chaos und Paula saß mit einem Croissant und einer losen Blättersammlung auf meinem Bett. Sie hatte sich bereits angezogen und ihren Laptop eingepackt, alles andere um sie herum wirkte jedoch wie auseinandergerissen, mein Kleiderschrank stand offen und der halbe Inhalt meiner Schultasche lag verstreut auf dem Boden, ohne, dass ich sie angerührt hatte. „Hey, ich wollte nur deinen Block rausholen und da ist der Rest rausgefallen und aus dem Block sind dann auch noch lauter Blätter rausgerutscht, es tut mir leid“, sie sah zu Boden, aber ich schüttelte nur den Kopf und räumte die losen Seiten rasch wieder ein. „Schon gut…“, murmelte ich und nahm mir ein paar frische Sachen aus meinem Schrank, die ich gegen meine Joggingklamotten tauschte. „Ach ja, und kann ich mir die hier ausleihen?“, Paula deutete auf eine rosafarbene Sweatjacke, die mir noch gar nicht an ihr aufgefallen war, aber augenscheinlich mir gehörte. Ich verdrehte die Augen, während ich meine Tasche schloss und hob die Brauen. „Ja, meinetwegen“, sagte ich und kämmte mein Haar. „Hast du sonst alles?“, fragte ich dann und sie nickte und schwang ihren kleinen Rucksack in ihrer Hand hin und her.

Auf dem Flur stießen wir mit Beven zusammen, die in einem übergroßen Pullover und mit einem unordentlichen Zopf ans uns vorbei rauschte. „Alles ok?“, fragte ich sie, aber sie schnaubte nur und deutete auf ihre Haare. „Niemand hat mich geweckt und jetzt bin ich zu spät“, grummelte sie und verschwand im Bad. „Bitte wartet unten auf mich, ich will nicht allein fahren“, sagte sie noch, dann schlug sie geräuschvoll die Tür hinter sich zu. Die Nächste, die auf dem Flur erschien, war Neela. Sie hatte im Gegensatz zu Beven schon ihre Tasche geschultert und sah aus wie jeden Morgen: frisch, mit einem fröhlichen Grinsen auf den Lippen und einer Haarbürste in der Hand, in die sie, für ihre Verhältnisse leise, einen Song von den Jonas Brothers trällerte. „Der normale Wahnsinn mit drei Mädchen auf einem winzigen Flur“, sagte ich und zwinkerte Paula zu, die mir voraus die Treppe hinunterlief. Sie holte ihr ramponiertes Fahrrad an den Ställen ab und saß mit schmerzverzerrtem Gesicht auf. Der Sattel war so durchgewetzt, dass man schon das Metall im Sonnenlicht glänzen sah und Paula zwängte sich nur ein halbes Lächeln aufs Gesicht, während ich sie seufzend betrachtete.

Als Beven fünf Minuten später endlich auf der Einfahrt erschien, warfen auch wir uns auf die Räder und fuhren den Weg entlang zur Schule. Da wir nicht viel Zeit hatten, trennten wir uns schon an der großen Kreuzung von Neela, die den Weg zur Grundschule allein weiterradelte und uns lächelnd eine Kusshand zuwarf, bevor sie hinter einer Kurve verschwand. An der Küste sahen wir ein paar unbeholfene Surfer, die im Anbruch des Tages versuchten, die ersten großen Wellen zu nehmen. Die Klippen leuchteten in ihrem satten Weiß und auf den Weiden kamen die Kühe bis an die Zäune und streckten uns ihre rosa Zungen entgegen. Beven hielt für einen Moment am Straßenrand, um ihrer Lieblingskuh Mary ein paar Rüben über den Zaun zu reichen, dann radelten wir wieder weiter mit dem Wind.

Die Schule war an diesem Tag erträglich und wir trafen Franklin und unsere Freundin Lilly schon auf dem Weg zu unserem Theaterkurs. Franklin, der ein altes Baseball-Cappy trug, unter dem er sein zerzaustes, blondes Haar verbarg, lehnte nur müde an einer Glastür und schenkte uns ein lustloses Lächeln zur Begrüßung, Lilly jedoch stürmte auf uns zu und fiel uns in die Arme, bevor wir sie überhaupt richtig kommen sahen. „Jemand schenkt uns ein paar Sonnenstrahlen“, sagte Franklin und verschränkte die Arme. Sein Lächeln war wie eine alte Tradition in seinem Gesicht, wenn es auch immer wieder neue Facetten annahm, konnte ich mich an kaum einen Tag erinnern, an dem er uns nicht für einen Moment damit bedacht hätte. Sein internetloses Haus lag etwas vom Meer entfernt und beherbergte neben Franklin auch seine zwei älteren Brüder, seine Eltern und drei große, sabbernde Hunde, die einen meistens fast umwarfen, wenn man das Grundstück betrat. „Hält laut Wetterbericht nicht lange“, antwortete Lilly und zückte ihr Handy, um den Wetterbericht aufzurufen. „Wie ich sagte“, sie hielt uns das leuchtende Display vor die Nase und seufzte. „Angeblich fängt es heute Mittag schon wieder an“. „Danke…“, murmelte Franklin und klaubte seine uralte Ledertasche vom Schulflur auf. „Das versüßt mir den Tag“. Er wandte sich ab und ging ein paar Schritte in Richtung Chemietrakt, dann drehte er sich noch einmal um und sah lächelnd auf mich und die anderen beiden zurück, „Ich liebe Regen“.

Wir machten Entspannungsübungen und versuchten unseren Körper zu fühlen, als wir auf dem Boden den Theaterunterricht abhielten. Die einschläfernde Musik, die Miss Cooper auf ihrem winzigen CD-Player mitgebracht hatte, war so sanft und leise, dass die Töne auf meinem Körper tanzten wie Marienkäfer und ich dahin gewogen wurde wie ein Baby in einem Schaukelbett. Ich wachte erst auf, als es zur nächsten Stunde klingelte und Lilly mich vom Boden hochzog, bevor ich mich erinnerte, wo ich war, und was geschehen war. Kichernd gingen wir zur nächsten Stunde und das Wetter hielt bis über den Mittag hinaus an. Der Himmel war voll von Sonnenflecken und dunklem Blau und dem Gezwitscher der vielen Vögel, die sich für gewöhnlich nur selten zu erkennen gaben. Wir saßen in unserer Mittagspause auf den Schaukeln draußen und aßen Butterbrote. Lilly versuchte ihre helle, sommersprossige Haut im Sonnenlicht zu bräunen, während sie dunkelrote Erdbeeren aus ihrer Brotdose pickte. „Warum kann es nicht jeden Tag so sein? Man könnte ständig Kleider anziehen und kurze Hosen und unsere Haare wären heller“, sagte sie und warf ihr rotbraunes Haar über ihre Schultern. Franklin grinste und deutete auf Paula. „Gegen kurze Hosen hätte ich ja echt nichts…, aber hellere Haare?“, Paula, deren Haar so hellblond war wie Weizen, fuhr sich mit den Fingern durch die langen Strähnen und nickte. „Bin ich auch nicht dafür, weißhaarig sähe ich bestimmt alt aus“, sagte sie. Es dauerte jedoch nicht lange, bis sich das Sommergefühl verflüchtigte und am Horizont erneut schwere Wolken auftauchten. Als ich Beven am Nachmittag an den Fahrradständern traf, färbte sich der Himmel bereits grau und verschlang den blauen Flur mit jeder Minute mehr.

Auf dem Weg nach Hause erzählte Beven mir von ihrem Tag, von Eric, der nun tatsächlich mit ihrer besten Freundin Alicia zusammen war, ihrem Mathelehrer Mr. Cartwell und dem vermasselten Geschichtstest, von dem ich Mom nichts erzählen durfte und ich sagte kaum ein Wort, bis wir zu Hause waren. Ich war müde und wollte nur schnell meine Hausaufgaben machen und mich anschließend mit meinem Zeichenblock und meinem alten MP3-Player in meinem Bett verkriechen, aber als wir die Räder unter das Verdeck geschoben hatten und uns auf den Weg zum Haus machten, kam mir Hannah entgegen, die aufgeregt über den Schotterweg lief. „Hallo Lorna, warst du in der Schule?“, fragte sie und lächelte schief. „Ja, heute hatte ich einen langen Schultag“, sagte ich und deutete auf den Rucksack auf meinem Rücken. „Ich komme auch in die Schule, wenn wir nach Hause kommen“, erzählte sie und sah mich mit großen Augen an. „Lorna? Mir ist so langweilig, zeigst du mir die Tiere?“, wechselte sie dann schlagartig das Thema und brachte mich für einen Moment völlig zum Verstummen. Auch wenn ein leichter Kopfschmerz dabei war, sich in meinem Schädel auszubreiten und meine Augen vom Unterricht müde waren, konnte ich ihrem neugierigen Grinsen nicht widerstehen. Ich zog meine Tasche von den Schultern und nickte. „In Ordnung“, sagte ich und reichte sie Beven, die sie mit ins Haus nehmen würde. „Aber nicht so lange“, fügte ich vorsichtig hinzu, doch das störte sie offenbar nicht. Euphorisch wippte sie auf und ab und schlängelte mit einem Mal ihre kleine Hand in meine Finger. Ich drückte sie kurz, dann schloss ich meine Hand um ihre und führte sie hinüber zu den Ställen, die sich hinter dem Haus befanden.

Je näher man dem großen, verwitterten Gebäude kam, desto intensiver roch es nach frischem Stroh und von Weitem konnte man das Rascheln der Schweine und Ziegen hören. „Na, hörst du?“, flüsterte ich leise und zeigte auf die wuchtige Holztür, die als Eingang und Ausgang der Scheune benutzt wurde. „Das sind schon ein paar der Tiere. Willst du aufmachen?“, ich deutete auf den Holzhebel an der Pforte. Sie nickte und öffnete quietschend vor Vorfreude die Türe. Drinnen stob einem der Viehgeruch in die Nase und die vielen unterschiedlichen Geräusche vermischte sich zu einem eigenwilligen Lied. Ich mochte den Stall und die Tiere und als die ersten dunkelrosa Schweine aus einer der Ecken zu uns hinüber trabten und uns neugierig die Köpfe entgegenstreckten, musste ich lächeln. Vor ihrem Gatter blieben sie stehen und schoben ihre rauen, feuchten Schnauzen mit fröhlichem Grunzen durch die Gitterstäbe. „Ah, wie süß“, schrie Hannah auf und streckte ihre Hand aus. „Darf ich sie anfassen?“, fragte sie und als ich nickte, streichelte sie lächelnd über das borstige Fell und begann leise auf die Schweine einzureden, die sich wagemutig an den Zaun drängten. Ich setzte mich auf einen Hocker und ließ meinen Blick über die anderen Gehege schweifen. In einem tummelten sich Ziegen, die jedoch wann immer sie wollten, hinauskonnten, daneben Schafe, denen es ebenso ging. Meistens waren sie auf der Weide und sättigten sich am frischen Gras, aber manche von ihnen bevorzugten den warmen Stall und genossen die Windstille.

Als kleines Mädchen war ich häufig hergekommen und hatte ihnen Äpfel und Möhren gebracht, aber es kam eine Zeit, in der mir immer stärker bewusstwurde, dass die Schweine, die einmal niedliche Ferkel waren, eines Tages von einem Transporter geholt und an einen Ort gebracht wurden, an dem man sie schlachtete. Es war mir, als würde ich sie belügen, wenn ich ihnen zu lange in ihre großen Augen sah, aber Hannah erzählte ich davon nichts. „Welche Tiere leben noch hier?“, fragte sie und hob den Kopf. Ich zeigte ihr die Schafe und die Ziegen und die winzigen flauschigen Küken, die in einem Verschlag auf dem Dachboden lagen und sich im Heu wanden. Und dann holte ich das neugeborene Lämmchen Kelly aus seinem Gehege und legte es vor uns ins Stroh. Es war erst wenige Tage alt und durfte den Stall noch nicht verlassen, aber es mähte schon leise, als wir mit unseren Fingerspitzen durch sein dünnes Fell fuhren. „Die sind alle so lieb“, sagte Hannah und kuschelte ihren Kopf an das kleine Lamm. „Ich möchte auch gerne ein Schäfchen oder ein Schwein zu Hause haben“, sagte sie und lächelte mit funkelnden Augen. „Vielleicht lebst du eines Tages an einem Ort wie diesem und kannst welche haben“, meinte ich aufmunternd und trug das Lämmchen zurück in sein Gehege. „Ja“, stimmte sie mir zu und klopfte sich den Schmutz von ihrer Kinderjeans. „Gehen wir wieder raus?“, fragte sie dann und öffnete die Eichentür, die nach draußen führte. „Klar“, sagte ich und half ihr beim Aufdrücken.

Ich musste schmunzeln als ich sah, dass es draußen wieder leise zu nieseln begonnen hatte und das Gras feucht und rutschig in den letzten Sonnenstrahlen glänzte. „Da bist du ja“, rief plötzlich eine fremde Stimme und Hannah löste sich aus meiner Hand. Ein Junge saß auf einer der niedrigen Steinmauern und blickte zu uns hinüber, beinahe unwirklich schien er inmitten dieser Szenerie. „Was machst du hier?“, fragte Hannah und zerrte an seiner Hand, bevor er sich erhob und durch das hohe Gras auf mich zu stapfte. Er war ungefähr einen Kopf größer als ich und hatte dunkelbraunes, gewelltes Haar, das ihm seitlich ins Gesicht fiel. Seine Augen waren von einem satten und gemusterten Grün. „Mom hat schon von dir erzählt, du musst das Mädchen sein, dem das B&B gehört“, sagte er und blinzelte entgegen des Sonnenlichts, das sich sanft mit dem zunehmenden Regen vermischte. „Zum Glück gehört es mir nicht allein“, erwiderte ich schüchtern, „eigentlich gehört es meiner Mom. Ich wohne bloß auch darin und helfe ihr bei der Arbeit, wenn ich kann“. Sein Blick wanderte über mein Gesicht und ich spürte, wie er mich musterte, während ich bloß dastand und unsicher die Arme verschränkte. Hannah war wie verschwunden, genau wie der Regen und der kalte Wind, der pfeifend durch das Gras und um unsere Körper fuhr. Der Junge trug eine dunkelrote Hose und einen gemusterten Strickpullover, der aussah wie jene, die man in den kleinen Küstendörfern kaufte, um irisch auszusehen. Doch sein südirischer Akzent sagte mir, dass der Pullover wohl einfach zu ihm gehörte und er auch ohne waschecht irisch war. Genau wie ich. „Natürlich“, sagte er und sah zu Boden. „So meinte ich das auch“. Er hatte ein schmales und dennoch weiches Gesicht, das zu seiner schlanken Statur passte und als er zu Boden sah, bemerkte ich eine kleine, geschwungene Narbe auf seinem Nasenrücken. „Das Leben hier im B&B ist weniger aufregend als es klingt“, erwiderte ich und lächelte. „Was ist mit deiner Nase?“, fragte ich dann und grinste verlegen, als er sich verwirrt an die eigene Nase fasste. „Was denn?“, er sah mich fragend an und auf seinen Wangen zeichnete sich ein rosafarbener Schimmer ab. „Ich meine nur deine Narbe“, gab ich zurück und lächelte verstohlen. „Ach so“, er grinste und schüttelte den Kopf. „Als ich klein war hat mir ein Hund ziemlich übel in die Nase gebissen“, sagte er und hob endschuldigend die Hände. „Ich weiß, es klingt wie eine ausgedachte Geschichte, aber es ist tatsächlich wahr. Zum Glück kann ich mich nicht mehr an vieles erinnern“. „Wow, klingt ganz schön dramatisch“, erwiderte ich grinsend und sah zum Himmel hinauf. Mittlerweile regnete es stärker und meine Haare begannen sich auf meinen Schultern zu wellen. Hannah hatte sich unter einen Dachvorsprung gestellt und winkte mir, als sich unsere Blicke trafen.

„Sie scheint dich wirklich zu mögen“, sagte der Junge und schenkte mir ein anerkennendes Lächeln. „Bist du ihr Bruder?“, fragte ich dann und winkte Hannah zu mir hinüber, die lachend auf uns zu rannte und zwischen uns stehen blieb. „Ja, so ist es“, sagte er seufzend und reichte mir mit einem Mal unbeholfen förmlich die Hand. „Und ich bin übrigens Christopher“, sagte er. Seine Stimme war weich und angenehm tief und ich zögerte keine Sekunde, bevor ich ihm meine Hand gab und seine für einen Moment schüttelte. „Demnach Christopher Robertson?“, fragte ich und er nickte mit einem Blick auf Hannah. „Freut mich. Ich bin Lorna, Lorna O‘Callahan, um ganz genau zu sein“, sagte ich dann und löste mich wieder. „Ich werde ganz nass“, rief Hannah und zog an meinen Jackenärmeln. „Können wir reingehen?“. „Natürlich“, erwiderte ich und nahm ihre Hand, bevor wir uns auf den Weg zum Haus machten. „Mom und Dad haben eh gesagt, dass ich dich holen soll“, sagte der Junge, der mit einem Mal einen Namen hatte. „Sie wollen noch in den Supermarkt fahren und du sollst dir Sandwiches für das Picknick aussuchen“. „Okay, mach ich“, sagte sie und nickte.