Tausend Schnitte - Martin Steinbach - E-Book

Tausend Schnitte E-Book

Martin Steinbach

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Beschreibung

Fünfzehn Jahre ohne Nähe. Fünfzehn Jahre ohne jemanden, der zuhört, versteht oder einfach da ist. Nach der Entlassung beginnt für ihn kein Neuanfang. Jede Begegnung ist ein Rückschlag, jede Beziehung eine Prüfung, die er längst verlernt hat. Die Welt draußen ist fremd, die Einsamkeit bleibt – und wächst. „Tausend Schnitte – Über das Verlernen von Nähe“ ist ein Roman über Isolation, über gebrochene Erwartungen und über die Folgen, wenn ein Mensch zu lange allein gelassen wird. Ein Blick in die Dunkelheit einer Seele, wie sie langsam an den tausend kleinen Verletzungen zerbricht.

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Seitenzahl: 169

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhaltsverzeichnis

Prolog

Aller Anfang

Die Schulter

Zeichen

In vino veritas

Der Abgrund

Der Vergleich

Der Bruch

Der Winter

Stille Nacht

Der Versuch

Epilog

Vorwort

Dieses Buch ist ein Roman. Aber wer ihn liest, sollte sich nicht in der Sicherheit wiegen, es handle sich um reine Fiktion.

Die Geschichte, die folgt, ist in ihrer Substanz real. Sie ist so oder so ähnlich geschehen – nicht einmal, sondern vielfach. Namen, Orte und Zeitangaben wurden verändert, nicht um die Wahrheit zu verwässern, sondern um sie erzählbar zu machen. Was bleibt, ist der Kern: ein Mensch, der nach fünfzehn Jahren Haft in eine Welt entlassen wird, die für ihn nicht mehr existiert.

Fünfzehn Jahre ohne Nähe. Ohne Berührung. Ohne Freundschaften, die diesen Namen verdienen. Ohne jemanden, der zuhört, wenn die Gedanken laut werden.

Dieser Roman erzählt nicht von Resozialisierungserfolgen, nicht von Hoffnungskurven und nicht von der Behauptung, dass Zeit alle Wunden heilt. Er zeigt das Gegenteil: wie Isolation sich in einen Menschen frisst, wie soziale Fähigkeiten verkümmern, wie Scham, Angst und Einsamkeit sich verfestigen – und wie sehr eine Gesellschaft dazu neigt, genau das nicht sehen zu wollen.

Der Mann im Zentrum dieser Geschichte ist kein Held. Er ist auch kein Monster. Er ist ein Mensch, der verlernt hat, wie Nähe funktioniert, und der für jeden Rückschlag einen immer höheren Preis zahlt. Besonders dort, wo Beziehungen entstehen sollten – zu Frauen, zu anderen Menschen, zu sich selbst – bleibt Leere zurück. Nicht, weil er nicht will, sondern weil er nicht mehr kann.

Dieses Buch ist dunkel. Es verweigert einfache Antworten und endet nicht versöhnlich. Wer Trost sucht, wird ihn hier nicht finden. Wer jedoch bereit ist hinzusehen, dem wird klar werden: Diese Geschichte ist unbequem, weil sie näher an unserer Realität liegt, als vielen lieb ist.

Prolog

Das Licht fällt durch die hohen Fenster wie flüssiges Gold. Es kriecht über die Holzdielen des Wohnzimmers, gleitet die Wand hinauf und verliert sich in dem Regal voller Bücher, die niemand liest, die aber trotzdem dort stehen, weil es sich so gehört. Dickens und Hemingway und ein paar Kochbücher, die Laura manchmal durchblättert, wenn sie nicht weiß, was sie kochen soll. Das ist ein Zuhause. Ein echtes. Ein Ort, an dem Menschen leben und lachen und einander lieben.

Die Uhr an der Wand tickt leise. Es ist kurz nach fünf, die Sonne steht tief, und durch das Fenster sieht er den Garten – den Garten, den er selbst angelegt hat, mit dem kleinen Apfelbaum in der Mitte und den Rosenbüschen am Zaun. Im Sommer wird der Apfelbaum Früchte tragen. Alessandro wird auf ihn klettern und Äpfel pflücken, und Laura wird schimpfen, dass er sich wehtun könnte, aber sie wird lächeln dabei.

So ist es hier. So ist es immer.

Sie steht in der Küche und schneidet Tomaten. Ihr Haar fällt ihr ins Gesicht – dieses rotbraune Haar, das er aus dem Fernsehen kennt, aus einer anderen Zeit, als er noch ein Jugendlicher war und nicht wusste, dass das Leben so werden würde. Er war fünfzehn, als er sie zum ersten Mal sah. Eine Sitcom aus den Siebzigern, Wiederholungen am Nachmittag. Sie spielte ein freches Mädchen mit einer scharfen Zunge, und er hatte sich sofort in sie verliebt – in dieses Lächeln, diese Augen, diese Art, wie sie sich bewegte.

Jahre später, eingesperrt hinter Gittern, hat er sie in einer Serie über ein Frauengefängnis wiederentdeckt. Sie war älter geworden, aber immer noch schön. Immer noch sie. Er hatte die Serie geschaut, wann immer er konnte, hatte sich ihre Szenen eingeprägt, hatte ihre Stimme in seinen Kopf eingebrannt. Und irgendwann, in einer dieser endlosen Nächte, in denen der Schlaf nicht kommen wollte, hatte er angefangen, sich ein Leben mit ihr vorzustellen.

Jetzt steht sie in seiner Küche und schneidet Tomaten.

Sie dreht sich um, und ihr Lächeln ist wie das Aufgehen einer zweiten Sonne. Er kennt jede Linie in diesem Gesicht, jede kleine Falte um die Augen, die Art, wie sich ihre Mundwinkel nach oben ziehen. Er hat dieses Lächeln tausendmal gesehen. Und jedes Mal fühlt es sich an wie das erste Mal.

„Du bist früh", sagt sie.

„Ich konnte es kaum erwarten."

Sie lacht. Es ist ein warmes Lachen, eines das sagt: Du gehörst hierher. Du bist gewollt. Du bist genug. Es ist ein Lachen, das er in seinem echten Leben nie gehört hat. Barbara hat nie so gelacht. Barbara hat überhaupt selten gelacht, und wenn, dann war es ein anderes Lachen – ein Lachen, das sagte: Du hast wieder etwas falsch gemacht, aber ich lasse es durchgehen.

Er tritt zu ihr, legt seine Arme um sie, spürt die Wärme ihres Körpers durch den dünnen Stoff ihrer Bluse. Der Geruch von Basilikum und Knoblauch mischt sich mit ihrem Parfüm – ein Parfüm, das er erfunden hat, weil er nicht weiß, wie sie wirklich riecht. Es riecht nach Jasmin und nach etwas Süßem, vielleicht Vanille. Es riecht nach Zuhause.

„Du bist heute so anhänglich", sagt sie und lehnt sich an ihn.

„Ist das schlimm?"

„Nein." Sie dreht sich in seinen Armen um, sodass sie ihm gegenübersteht. Ihre Augen sind grün mit goldenen Sprenkeln. „Es ist schön."

Draußen zwitschern Vögel. Die Welt ist still und freundlich und vollkommen. Es gibt keinen Lärm hier, keine Sirenen, keine Schreie aus anderen Zellen, kein Rasseln von Schlüsseln. Es gibt nur das leise Köcheln des Topfes auf dem Herd und das Ticken der Uhr und den Atem der Frau in seinen Armen.

„Hast du Alessandro von der Schule abgeholt?", fragt sie.

„Er macht seine Hausaufgaben oben."

„Unser kleiner Streber."

Unser. Das Wort hängt in der Luft wie eine Verheißung. Es gibt ein Oben in diesem Haus, wo ein Kind seine Hausaufgaben macht. Es gibt ein Wir. Es gibt ein Morgen und ein Übermorgen und all die Tage danach, aufgereiht wie Perlen an einer Kette, die niemals reißt.

In dieser Welt ist Alessandro nicht sechs. In dieser Welt ist er zehn, und er wächst, und Martin verpasst nichts davon. Er sieht, wie sein Sohn größer wird, wie er lesen lernt und Fahrrad fahren, wie er zum ersten Mal von einem Mädchen erzählt, das ihm gefällt. Er ist da für die Albträume in der Nacht und die Fragen über das Leben und die Momente, in denen ein Kind seinen Vater braucht.

In dieser Welt ist er kein Verbrecher. In dieser Welt ist er ein Mann, der morgens aufsteht und zur Arbeit geht und abends nach Hause kommt zu seiner Familie. Ein Mann, der geliebt wird. Ein Mann, der genug ist.

„Ich mache die Soße fertig", sagt Laura und dreht sich wieder um. „Kannst du den Tisch decken?"

„Natürlich."

Er geht zum Schrank, holt Teller heraus. Drei Teller – für Laura, für Alessandro, für ihn. Er legt sie auf den Tisch, der in der Ecke des Wohnzimmers steht, neben dem Fenster mit Blick auf den Garten. Er legt Besteck daneben, faltet Servietten, stellt Gläser hin. Es ist eine einfache Arbeit, eine alltägliche Arbeit, aber hier, in dieser Welt, ist sie heilig.

Oben klappt eine Tür. Schritte auf der Treppe. Dann steht Alessandro in der Küchentür – zehn Jahre alt, dunkle Haare, Barbaras Augen. Aber nicht Barbaras Kälte. Nicht Barbaras Verachtung. Er lächelt.

„Papa! Kannst du mir bei Mathe helfen? Ich versteh das mit den Brüchen nicht."

„Nach dem Essen, okay?"

„Okay."

Alessandro setzt sich an den Tisch. Laura bringt die Soße. Martin trägt den Topf mit den Spaghetti. Sie setzen sich, alle drei, und für einen Moment sagt niemand etwas. Sie sind einfach nur da, zusammen, eine Familie.

Das ist alles, was er je wollte.

Er nimmt Lauras Hand unter dem Tisch. Sie drückt seine Finger.

„Ich liebe dich", flüstert er.

„Ich liebe dich auch."

Und er glaubt ihr. In dieser Welt glaubt er ihr, weil in dieser Welt alles wahr ist, was er sich wünscht.

Manchmal dehnt er die Abende aus. Manchmal lässt er die Sonne nicht untergehen, lässt das goldene Licht für Stunden am Fenster stehen, während sie auf dem Sofa sitzen und einen Film schauen. Alessandro schläft irgendwann ein, den Kopf an Martins Schulter gelehnt, und Laura deckt ihn mit einer Decke zu.

„Er ist so groß geworden", sagt sie leise.

„Ich weiß."

„Ich bin froh, dass du da bist. Dass du das alles miterlebst."

Er sagt nichts. Er kann nichts sagen, weil die Worte in seiner Kehle stecken bleiben. Weil er weiß, dass das nicht wahr ist. Weil er weiß, dass der echte Alessandro irgendwo in Wien lebt, einundzwanzig Jahre alt, und seinen Vater seit fünfzehn Jahren nicht gesehen hat.

Aber hier, in diesem Moment, ist es wahr. Hier ist es wahr genug.

Später, wenn Alessandro im Bett liegt und das Haus still ist, sitzen sie auf der Veranda und schauen in die Sterne. Laura hat eine Tasse Tee in den Händen, er ein Glas Wein. Die Nacht ist warm, und irgendwo in der Ferne zirpen Grillen.

„Woran denkst du?", fragt sie.

„An nichts. An alles."

„Das klingt kompliziert."

„Ist es nicht." Er dreht sich zu ihr um. „Ich denke daran, wie glücklich ich bin. Wie dankbar."

Sie lächelt. „Du bist ein guter Mann, Martin. Das weißt du, oder?"

Er weiß es nicht. Er weiß nur, dass er es hier sein kann. Hier, in dieser Welt, die nur ihm gehört, kann er der Mann sein, der er immer sein wollte. Der Mann, der er hätte sein können, wenn das Leben anders gelaufen wäre.

Die Sterne leuchten über ihnen wie Versprechen.

Die Traumwelt hatte Regeln, auch wenn er sie nie bewusst aufgestellt hatte.

Laura alterte nicht. Sie blieb immer so, wie er sie in Erinnerung hatte – nicht zu jung, nicht zu alt, perfekt. Alessandro wuchs, aber langsam, so langsam, dass Martin jedes Jahr, jeden Monat, jeden Tag miterleben konnte. Das Haus war immer das gleiche, aber manchmal entdeckte er neue Räume darin – ein Arbeitszimmer, das vorher nicht da gewesen war, einen Keller voller alter Fotos, einen Dachboden mit Spielzeug aus Alessandros Kindheit.

Und dann waren da die Tage, an denen die Welt verschwamm.

Er konnte sie nicht kontrollieren, diese Tage. Sie kamen ohne Vorwarnung – ein Riss im Licht, ein Flackern am Rand seines Blickfelds. Dann wurde Lauras Gesicht unscharf, und ihre Stimme klang weit weg, und das Haus begann sich aufzulösen wie Zucker im Wasser.

An solchen Tagen kämpfte er.

Er konzentrierte sich auf Details. Die Maserung des Holztisches. Die Farbe der Vorhänge. Den Geruch von Lauras Parfüm. Er klammerte sich an diese Dinge, wie ein Ertrinkender sich an ein Stück Treibholz klammert, und manchmal – manchmal – gelang es ihm, die Welt wieder zusammenzuhalten.

Aber nicht immer.

Manchmal öffnete er die Augen und lag auf seiner Pritsche, und die Decke über ihm war grau und fleckig, und der Mann in der Zelle nebenan hustete, und alles war vorbei.

In den ersten Jahren hatte er versucht, Barbara in die Traumwelt zu holen. Sie war seine Frau gewesen, die Mutter seines Kindes. Es fühlte sich richtig an, sie dort zu haben.

Aber Barbara hatte nicht gepasst.

Jedes Mal, wenn er sie erschuf, hatte sie diesen Blick – diesen kalten, abschätzenden Blick, den er aus dem echten Leben kannte. Jedes Mal, wenn sie sprach, klangen ihre Worte wie Vorwürfe. Jedes Mal, wenn er sie berührte, zog sie sich zurück.

Also hatte er sie ersetzt.

Es war keine bewusste Entscheidung gewesen. Eines Nachts war er in die Traumwelt eingetaucht, und dort, in der Küche, stand Laura Maron. Sie hatte sich umgedreht und gelächelt, und er hatte gewusst: Das ist sie. Das ist die Frau, die hierher gehört.

Danach hatte er nie wieder versucht, Barbara zu holen.

Alessandro war geblieben. Alessandro würde immer bleiben. Aber er brauchte eine andere Mutter, eine die lächelte und lachte und liebte. Eine die nicht echt war, aber besser als echt. Eine die das war, was er brauchte.

Laura Maron. Die Frau aus dem Fernsehen. Seine Rettung.

Fünfzehn Jahre sind eine lange Zeit.

Fünfzehn Jahre sind 5.475 Tage, 131.400 Stunden, 7.884.000 Minuten. Fünfzehn Jahre sind Frühstück direkt neben der Toilette, die vielleicht gerade von einem Zellenkollegen benutzt wird. Fünfzehn Jahre sind Hofgänge im Kreis, immer im Kreis, wie Tiere im Zoo. Fünfzehn Jahre sind Nächte, in denen man nicht schlafen kann, weil jemand schreit oder weint oder gegen die Wand schlägt.

Fünfzehn Jahre sind genug, um einen Menschen zu brechen.

Martin war nicht sofort gebrochen. In den ersten Monaten hatte er gehofft. Er hatte Briefe geschrieben – an Barbara, die nie antwortete. An Alessandro, der zu klein war, um zu verstehen. An seine Freunde, die sich abgewandt hatten. Er hatte auf Besuch gewartet, auf ein Zeichen, auf irgendetwas, das ihm sagte: Du bist nicht vergessen.

Aber niemand kam.

Barbara kam ein einziges Mal, in der ersten Woche, um ihm zu sagen, dass es vorbei war. Seine Freunde schrieben einen Brief – einen einzigen, kurzen Brief –, in dem stand, dass sie sich für ihn schämten und keinen Kontakt mehr wünschten. Verwandte meldeten sich nicht. Kollegen verschwanden. Die Welt, die er gekannt hatte, schloss sich hinter ihm wie eine Tür, die niemals wieder aufgehen würde.

Im zweiten Jahr hörte er auf zu hoffen.

Im dritten Jahr begann er zu arbeiten – in der Druckerei, jeden Tag, von morgens bis abends. Es war einfache Arbeit, repetitiv, sinnlos. Aber es füllte die Zeit. Es hielt die Gedanken davon ab, in Richtungen zu wandern, die er nicht ertragen konnte.

Im fünften Jahr schrieb er den ersten Brief an Alessandro. „Mein lieber Sohn", begann er. „Ich weiß nicht, ob du diesen Brief jemals lesen wirst. Aber ich möchte, dass du weißt, dass ich jeden Tag an dich denke. Dass ich dich liebe. Dass es mir leid tut."

Er bekam keine Antwort.

Im siebten Jahr schrieb er den zweiten Brief. Im neunten den dritten. Im zwölften den vierten. Insgesamt zehn Briefe, über fünf Jahre verteilt. Keiner wurde jemals beantwortet.

Irgendwann hörte er auf zu schreiben.

Irgendwann hörte er auf, überhaupt noch etwas zu erwarten.

Irgendwann gab es nur noch die Traumwelt. Das goldene Licht. Laura. Alessandro. Das Leben, das er nie gehabt hatte.

Er weiß nicht genau, wann es passierte. Es gab keinen einzelnen Moment, keinen Auslöser, keinen dramatischen Zusammenbruch. Es war ein langsames Zerbröseln, wie eine Mauer, die Riss um Riss bekommt, bis sie eines Tages einfach in sich zusammenfällt.

Zuerst verlor er den Appetit. Das Essen in der Kantine schmeckte nach nichts – aber es hatte nie nach etwas geschmeckt, also fiel es kaum auf. Dann verlor er den Schlaf. Die Nächte wurden länger, die Träume seltener, die Dunkelheit dichter.

Dann verlor er die Worte.

Er sprach nicht mehr. Nicht mit den Wärtern, nicht mit den anderen Gefangenen, nicht mit dem Psychologen, der alle paar Monate vorbeikam und Fragen stellte, die niemand beantworten wollte. Er nickte. Er schüttelte den Kopf. Er zuckte die Schultern. Aber er sprach nicht.

Wozu auch? Es gab nichts zu sagen. Es gab niemanden, der zuhören wollte.

In dieser Zeit wurde die Traumwelt realer. Sie war nicht mehr nur ein Ort, an den er flüchtete, wenn die Nacht zu lang wurde. Sie war der Ort, an dem er lebte. Der Ort, an dem er existierte. Die Zelle war nur ein Warten dazwischen – ein grauer Raum, den er durchqueren musste, um wieder nach Hause zu kommen.

Laura. Alessandro. Das Haus mit dem Apfelbaum.

Das war real. Alles andere war nur ein Albtraum, der irgendwann enden würde.

Aber Albträume enden.

An einem Dienstagmorgen im April 2024 öffnete sich die Tür seiner Zelle, und ein Wärter sagte: „Weidner. Mitkommen. Heut’ ist es soweit. Du wirst entlassen."

Er stand auf. Er folgte dem Wärter durch die Gänge, die er seit fünfzehn Jahren kannte. Er unterschrieb Papiere. Er bekam seine Sachen zurück – eine Brieftasche, ein paar Schlüssel zu einer Wohnung, die es nicht mehr gab, ein Foto von Alessandro als Baby.

Dann stand er vor dem Tor.

Die Sonne blendete ihn. Die Luft roch anders – nach Stadt und Abgasen und Leben. Menschen gingen vorbei, ohne ihn zu beachten. Autos fuhren. Vögel flogen.

Er war frei.

Aber als er dort stand, in der hellen Aprilsonne, fühlte er nichts. Keine Freude. Keine Erleichterung. Keine Hoffnung.

Er fühlte nur eine endlose, bodenlose Leere.

Und er wusste: Die Traumwelt war vorbei. Laura war vorbei. Das goldene Licht war vorbei.

Er würde nie wieder nach Hause kommen.

Das war vor einem Jahr.

Jetzt liegt er in einer Kellerwohnung in Graz und starrt an eine Decke, die genauso grau und fleckig ist wie die Decke in seiner Zelle. Es ist drei Uhr morgens, und er kann nicht schlafen, und morgen ist sein erster Arbeitstag.

Er schließt die Augen und versucht, Laura zu sehen. Ihr Gesicht. Ihr Lächeln. Aber da ist nichts. Nur Dunkelheit.

Die Traumwelt ist zerbrochen. Sie liegt in Scherben irgendwo in seinem Kopf, und er kann sie nicht wieder zusammensetzen, so sehr er es auch versucht.

Er dreht sich auf die Seite und zieht die Decke über seinen Kopf.

Morgen ist ein neuer Tag.

Morgen wird alles anders.

Aber er glaubt nicht daran. Er glaubt an gar nichts mehr.

Er wartet nur noch.

Worauf, weiß er nicht.

Aller Anfang

Der Wecker klingelte nicht. Martin hatte keinen Wecker gestellt, weil er ohnehin nicht geschlafen hatte.

Er lag auf dem Rücken in seiner Kellerwohnung und starrte an die Decke. Draußen dämmerte es gerade erst, ein fahles Licht sickerte durch das kleine Fenster über dem Waschbecken – das einzige Fenster in dieser Wohnung, das eigentlich kein Fenster war, sondern ein Lichtschacht, der auf den Gehsteig hinausging. Manchmal sah er die Beine von Passanten vorbeihuscheln, abgeschnitten auf Kniehöhe. Schuhe und Hosenbeine und manchmal ein Hund an der Leine. Fragmente von Leben, die über ihn hinwegzogen.

Heute war Montag, der siebte April 2025.

Heute war sein erster Arbeitstag.

Martin setzte sich auf und spürte sofort das Ziehen in seinem Rücken. Die Matratze war zu dünn, das Bettgestell zu niedrig, sein Körper zu alt für solche Unterkünfte. Zweiundfünfzig Jahre. Wenn er daran dachte, wie er sich mit zweiundfünfzig vorgestellt hatte – wenn er überhaupt je so weit gedacht hatte –, dann war es nicht das hier gewesen. Nicht diese fünfundzwanzig Quadratmeter unter der Erde. Nicht dieses Aufwachen ohne jemanden neben sich. Nicht dieses Leben, das eigentlich kein Leben war, sondern nur ein Weitermachen.

Er stand auf und ging die drei Schritte zum Waschbecken. Im Spiegel darüber sah er sich entgegen: ein Gesicht, das älter aussah als zweiundfünfzig, Augen mit dunklen Ringen, der Schädel fast kahl, die wenigen verbliebenen Haare grau und kurz geschnitten. Er war nie ein schöner Mann gewesen. Klein gewachsen, ein Meter dreiundsiebzig, mit einem Bauch, der schon vor der Haft angefangen hatte zu wachsen und seither nicht aufgehört hatte. Auf der Straße war er einer von denen, an denen der Blick vorbeiglitt. Unauffällig. Unscheinbar. Unsichtbar.

Das Wasser war kalt. Es war immer kalt, egal zu welcher Tageszeit. Er wusch sich das Gesicht, bürstete sich die Zähne, betrachtete sein Spiegelbild und versuchte, darin etwas zu sehen, das die Welt draußen auch sehen könnte. Einen Mann, der einen Job verdiente. Einen Mann, dem man eine Chance geben konnte. Einen Mann, der kein Verbrecher war.

Du bist ein Verbrecher, flüsterte eine Stimme in seinem Kopf. Fünfzehn Jahre lang warst du ein Verbrecher. Das wäscht sich nicht ab. Das geht nicht weg.

Er schüttelte den Kopf, wie um die Stimme zu vertreiben. Dann drehte er sich um und sah zu seinen Mitbewohnern hinüber.

Sie saßen auf dem schmalen Regal neben seinem Bett, aufgereiht wie eine kleine Familie. Mama-Bärli, der große braune Bär mit den abgewetzten Ohren. Wauzi-Bärli, der kleine Welpe mit dem schiefen Blick. Robbi-Bärli, die Robbe mit den glänzenden Knopfaugen. Pingi-Bärli, der Pinguin mit dem gelben Schnabel. Schafi-Bärli, das Schaf mit der verfilzten Wolle. Und Polster-Bärli, der eigentlich kein Tier war, sondern nur ein kleiner Polster, aber der genauso zur Familie gehörte wie alle anderen.

Bärli. So hatte Alessandro alle Tiere genannt, als er klein war. Papa, schau, ein Bärli! Das war sein Wort für alles gewesen, was Fell hatte oder Federn oder Flossen. Ein Hund war ein Bärli. Eine Katze war ein Bärli. Ein Goldfisch war ein Bärli. Und sein Vater hatte gelacht und gesagt: Ja, mein Schatz, das ist ein Bärli.

Alessandro war jetzt einundzwanzig. Ein erwachsener Mann. Ein Fremder.

Martin schluckte den Kloß in seiner Kehle hinunter und wandte sich an seine Stofftiere.