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Die anderen im Raum schienen nicht auf sie zu achten. "Natürlich freue ich mich", sagte Arthur. "Du gehst mir nah, Giselle. Was sage ich: Du gehst mir unter die Haut, und wenn ich dich sehe, kann ich kaum noch denken. Aber ich bin auch beunruhigt. Mir ist, als ginge es um mein Leben, und vielleicht tut es das auch. Eine Beziehung mit dir würde nicht nur alles ändern, sie würde mein Seefahrerleben beenden." "Sagtest du nicht, du liebst die Gefahr?" "Da ging es ja nur ums Sterben." Jetzt war ihr Lächeln deutlich. "Sterben ist doch geschenkt", sagte sie. "Das kann jeder." Arthur lachte. Dann wurde er wieder ernst. "Ich kann mir nicht vorstellen, als Landratte zu enden. Was sollte ich da den ganzen Tag lang tun?" Arthur Benedict, Hochseekapitän auf Landurlaub, hält Rufus, einen kauzigen Sonderling vom Selbstmord ab, und der klammert sich an ihn wie ein Schiffbrüchiger. Dann trifft er Giselle. Mit ihr kommt sein Glück und mit Lou, ihrer Schwester, das Desaster. Bald fühlt er sich selbst wie ein Schiffbrüchiger. Wie tausend Tage weit vom Land.
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Seitenzahl: 495
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Die Strömung kennt den Weg.
Ralph Waldo Emerson
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Der Sturm dauerte nun schon drei Tage, und die gesamte Mannschaft der Isadora Kay hatte in dieser Zeit kaum geschlafen. Die Windrichtung des Zyklons zeigte ungünstig gegen ihren eigentlichen Kurs, und so mussten sie, um die Wellen im besten Winkel zu treffen, vierzehn Grad von ihrer Richtung abweichen. Als sie schließlich bei Sabang in die Straße von Malakka einliefen, betrug ihre Verspätung schon mehr als einen Tag.
Arthur Benedict, der Kapitän, hatte die meisten der achtzig Stunden Sturm auf der Brücke verbracht. Die Windstärke ließ jetzt zwischen den Landmassen von Thailand und Malaysia auf der einen und Sumatra auf der anderen Seite deutlich nach, aber in dem Maße wie der Zyklon abflaute, wuchs das Risiko eines Piratenüberfalls. Arthur hatte sich gegen die Beauftragung der Maritime Security Agency entschieden, weil das Zeit und die Reederei zusätzlich viel Geld gekostet hätte, und so zwang ihn das Schlafdefizit zwar in die Koje, aber die Unruhe weckte ihn mitten in der Nacht wieder auf.
Noch 500 Seemeilen bis Singapur. Dort endeten diesmal seine neun Monate Dienst an Bord, und der dreimonatige Jahresurlaub würde beginnen. Der Kollege für die Ablösung wartete schon vor Ort. Die routinemäßige Übergabe sollte am nächsten Tag stattfinden, und sein Flug nach Deutschland war für den Tag darauf gebucht. Wenn es noch eine Verzögerung gäbe, wäre die gesamte weitere Planung, auch die für das Schiff und die Fracht, gefährdet.
Der Zweite Offizier kam auf die Brücke.
„Nach Achtern alles klar. Habt ihr was auf dem Radar?“
„Nichts“, sagte der Rudergänger.
Nach einer Weile sagte Arthur müde: „Könnte an der rauhen Dünung liegen, dass sie nicht rausfahren. Warum das Risiko eingehen?“
„Klar.“
Arthur fielen die Augen zu. Er lehnte sich bei der Tür zur Nock an. Dann schrak er hoch und löste sich von der Wand.
„Sven“, sagte er zum Zweiten, „übernimm mal für eine Stunde. Wenn was ist, weck mich.“
„Klar“, sagte der Zweite Offizier.
Arthur warf sich auf die Koje und schlief sofort. Als das Telefon läutete, war er augenblicklich wach, aber es dauerte einen Augenblick bis er merkte, dass schon Tageslicht in seine Kammer fiel. Torsten Münte, der Erste Offizier war dran.
„Arthur, wir haben hier einen unklaren Funkspruch.“
„Okay. Komme. Wie weit bis Singapur?“
„ETA achtzehnhundert.“
Ankunft Singapur am frühen Abend. Die restliche Nacht war ohne Zwischenfälle verlaufen, und er hatte ein paar Stunden geschlafen. Er war immer noch groggy, aber der Schlaf stellte ihn so weit her, dass er wieder einen einigermaßen klaren Kopf hatte. Für den Lotsen und das Anlegemanöver war er nun fit genug.
Die sechzigtausend Tonnen der Isadora Kay drehten in Zeitlupe auf der Stelle, wurden von den Schleppern an den Kai bugsiert und dann festgemacht. Mit der letzten Bewegung des Schiffsballetts endeten für diesmal seine neun Monate Arbeit auf See.
Um zwanzig Uhr erschien Heinz Grüninger, ein älterer Kollege, für die Übernahme. Arthur hatte ihn noch nie getroffen. Die Reederei in Lübeck beschäftigte an die dreihundert Nautiker als Kapitäne für ihre über zweihundert Schiffe, und die Kollegen, auch die, mit denen man zusammen arbeitete, sah man meistens nur einmal. Sie gingen gemeinsam die Protokolle durch, das Logbuch und die übrigen Papiere. Dabei entstanden keine größeren Fragen, und gegen zweiundzwanzig Uhr hatte er seine Verantwortung komplett abgegeben.
Bis zum Abflug in der nächsten Nacht hatte er noch sieben Stunden Zeit. Er hätte zwar schlafen müssen, sagte er sich, aber er wusste, er würde jetzt kein Auge zumachen. Also packte er seinen Seesack und ging dann in die Messe, um sich vom Smut was zu essen und einen Becher Kaffee geben zu lassen. Dort traf er auch Sven, den Zweiten Offizier. Er war Anfang Dreißig und man sah ihm an, dass er die meiste Freizeit auf dem Schiff im Fitnessraum verbrachte.
„War eine angenehme Zeit unter deinem Kommando“, meinte er. „Schön entspannt.“
„Ihr wart ja auch ein gutes Team. Wann fängt denn dein Urlaub an?“
„Februar, noch vier Monate.“
Da Sven für den Rest des Tages wachfrei war, vereinbarten sie, am Abend gemeinsam essen zu gehen. Wenn er danach schlafen konnte, wollte Arthur sich dann noch ein, zwei Stunden hinlegen.
Sie bestellten ein Taxi ans Schiff. Sven sagte dem Fahrer, wo sie hinwollten, Flussufer und nice place. Der Fahrer verstand das wohl so, dass ihm das Lokal gefallen sollte, aus welchen Gründen auch immer, jedenfalls stieg er mit aus und nahm vom Portier ein Stück Papier in Empfang. Wahrscheinlich gefiel es ihm hier, weil die Provision gut war.
„Okay?“ fragte Sven.
„Klar. Ein bisschen Atmosphäre hat es ja.“
„Frische Luft und quietschsauber, wie alles in diesem Land.“
Es gab einen langen Bartresen und viele Tische. Die Beleuchtung bestand aus flackerndem gelben Licht, das elektronisch den Schein von Kerzen und Fackeln imitieren sollte. Zusammen mit den Dekorationen aus einer Bilderbuch-Piratenhöhle gelang die Illusion in etwa so gut wie im Schaufenster eines Kaufhauses.
Zwei junge Frauen kamen an ihren Tisch und fragten in einfachem Englisch, ob sie sich dazusetzen dürften. Sven sah Arthur an.
„Immerhin haben sie wenigstens gefragt“, sagte Arthur. „Das ist doch schon was. Also gut, meinetwegen.“
Die beiden nahmen die Einladung erfreut an und begannen sofort, wie zwei geschwätzige Wellensittiche zu erzählen, meistens von sich. Sie waren adrett gekleidet, die eine wie für einen Segelausflug mit Jeans, Stoffschuhen und einem Halstuch und die andere mit Pfennigabsätzen und einem hellblauen Kostüm. Beide hatten lackschwarzes Haar, die eine lang bis auf die Schultern und die andere einen Bubikopf.
„Ich heiße Pitou“, sagte der Bubikopf zu Arthur. „Wie heißt du, mein gutaussehender Freund?“
„Sag einfach Art“, meinte der.
„Arp?“ Die beiden kicherten.
Sven schmunzelte und sah Arthur fragend an.
„Ich habe zwei Fehler“, erklärte der. „Wenn einer freundlich ist, bin ich zu großzügig, und wenn mir einer gegen den Strich geht, bin ich zu grob.“
„Für einen Captain keine schlechten Eigenschaften“, sagte Sven, und dann auf Englisch zu ihren Gästen: „Was wollt ihr denn essen, ihr Hübschen?“
Die beiden strahlten. „Danke sehr. Das ist großzügig von euch.“ Mit ihrem Lächeln sahen sie nett aus. Beide waren so naiv und so offen wie Kinder, und zutraulich wie herrenlose Katzen. Sie hatten es bisher nicht leicht gehabt, das wusste Arthur, weil er schon viele ihrer Art getroffen hatte, und das Leben würde mit zunehmendem Alter nicht leichter für sie werden.
„Feiert ihr etwas?“ wollten sie wissen.
„Abschied“, sagte Sven.
„Wie traurig“, meinte Pitou.
„So ist das Leben“, sagte Arthur. „Wir vier sehen uns heute Abend, und dann nie wieder.“
„Das darfst du nicht sagen“, rief Lay, Pitous Freundin. „Lasst uns lieber lachen und etwas trinken, und fröhlich sein.“
„In Ordnung.“ Arthur lächelte.
Sie bestellten reichlich zu essen und zu trinken. Abschied war vergessen und die kleine graue Wolke spurlos verschwunden. Arthur half mit, die schöne Illusion aufrechtzuerhalten und ließ sich nicht anmerken, dass er übermüdet war und noch diese Nacht zum Flughafen musste.
Sie waren bereits beim Nachtisch und ein wenig beschwipst, als plötzlich ein dünner Mann mit schwarzer Hose und weißem Hemd neben Pitou stand. Sie wurde blass.
„Yi Chin!“ sagte sie erschrocken, und versuchte, so etwas wie Vorwurf in die Stimme zu legen, als sie auf Malaiisch auf ihn einredete.
Er antwortete mit zwei, drei Worten, die sehr zornig klangen.
„Was ist das Problem?“ fragte Arthur.
„Du halt dich raus hier“, zischte der Mann in gebrochenem Englisch.
„Ich kenne ihn kaum“, beteuerte Pitou. Sie hatte das kaum ausgesprochen, als Yi Chin sie ins Gesicht schlug. Sven stand auf, packte den Mann und brachte ihn nach draußen. Arthur bezahlte den Kellner und folgte ihm vor die Tür.
Als Sven Yi Chin auf dem Gehsteig losließ, zog der sofort ein Messer. Die Gruppen von Leuten, die vorm Lokal auf der Straße standen, unterbrachen ihre Gespräche. Arthur sah, dass Sven mit dem Mann allein fertig wurde und hielt sich heraus. Yi Chin machte eine Bewegung. Sven griff die Hand mit dem Messer und drehte Yi den Arm auf den Rücken. Das Messer fiel zu Boden. Ein anderer hob es auf. Plötzlich standen sie zu dritt um Sven herum und einer, der nun das Messer hatte, stach nach ihm und Sven drehte intuitiv Yi Chin, den er noch umklammert hielt, in die Richtung, wodurch der den Stich abbekam. Auf dem weißen Hemd erschien ein roter Fleck.
Die Angreifer ließen sich durch das Blut keineswegs beschwichtigen, im Gegenteil. Arthur griff nun auch ein, um die Sache möglichst schnell zu beenden. Man konnte sich überall auf der Welt mit der Justiz anlegen, aber in Singapur, das im Verhältnis mit großem Abstand die meisten Todesurteile vollstreckte, sollte man das auf jeden Fall vermeiden. Nach einem Augenblick hatten sie die vier davon überzeugt, dass sie es ernst meinten. Zwei lagen am Boden und Yi Chin und ein weiterer hielten Abstand.
Plötzlich stand Pitou neben Arthur und sprach auf Malaiisch mit Yi Chin. Sie schien ihm Vorwürfe zu machen.
Arthur und Sven wendeten sich zum Rückzug.
„Lass mich jetzt nicht allein“, flehte Pitou. Sie machte Anstalten, mit Arthur zu kommen.
Yi Chin, der sich unbemerkt das Messer wieder angeeignet hatte, holte aus und machte blitzschnell einen Schritt auf sie zu. Arthur ging sofort dazwischen, aber nicht schnell genug. Die Waffe erreichte ihr Ziel. Pitou sackte mit einem Seufzer in sich zusammen und blieb reglos liegen. Lay hörte nicht auf zu schreien. Yi Chin, den Arthur mit seiner Faust im Gesicht getroffen hatte, blieb ebenfalls liegen.
„Zeit zu gehen“, sagte Sven. „Bis gleich in der Herberge.“ In solchen Situationen sprach man auch auf Deutsch immer verschlüsselt, um auf keinen Fall eine Spur zu legen.
Knapp zwei Stunden später trafen sie sich in der Messe der Isadora Kay. Der Rückweg hatte länger gedauert, da sie unerkannt bleiben und eine mögliche Verfolgung weitgehend ausschließen mussten.
„Ich hoffe, du hast nicht mit Kreditkarte gezahlt“, sagte Sven und trank von seinem Kaffee.
„Das mache ich schon lange nicht mehr. Wenn ich von Bord gehe, habe ich nur Bargeld dabei, auch kein Handy, und von den nötigen Papieren nur Kopien.“
„Gut. Dann können uns nur die Überwachungskameras noch Ärger machen.“
„Und der Filipino aus der Mannschaft. Raúl, der stand bei den Zuschauern vorm Lokal.“
„Der hält dicht,“ meinte Sven. „Wann musst du zum Flughafen?“
„Jetzt. Der Flug geht um fünf. Ich bin froh, wenn ich heil in der Luft bin. Grüß die Mannschaft noch mal von mir.“
Am Flughafen rechnete Arthur jederzeit damit, dass ihn irgendwelche Uniformierten ansprechen und dezent bitten würden, sie zu begleiten. Bei der Passkontrolle, die sich endlos hinzog, steigerte sich seine Anspannung weiter. Endlich wurde der Flug aufgerufen und nach weiterem langem Warten begann das Boarding.
Selbst als die Türen geschlossen wurden, entspannte er noch nicht. Er hatte schon erlebt, dass die Maschine vom Rollfeld zum Gate zurückbeordert worden war.
Erst als sie abhoben, fühlte er sich einigermaßen in Sicherheit, und er schlief sofort ein. Er hatte wieder einmal Glück gehabt.
Arthurs Arbeit war zwar nervenzehrend und anstrengend und ging an die Substanz, bot aber anspruchsvolle Aufgaben, gute Bezahlung und nebenbei noch die ganze große Welt, und zwar dort, wo sie am buntesten und lautesten war. Alle Hafenstädte, egal in welchen Ländern, faszinierten ihn mit ihrer Geschäftigkeit, dem wilden Getümmel und dem Krach, mit ihren Scharen von Arbeitern, Agenten, Passagieren und Horden von Uniformierten und zwielichtigen Gestalten jeder Couleur. Es war sein Begriff von Lebendigkeit und, ihm selbst nur halb bewusst, ein Symbol für das irdische Leben überhaupt; denn zwischen all dem Dreck und Chaos und Geschrei spross dennoch Handel und Fortschritt. Aber er liebte auch das Meer, am meisten in seiner größten Stille und Abgeschiedenheit, bei Nacht und auf hoher See, wenn es bei aller Unendlichkeit zwischen den Sternen klein schien und ihm Ehrfurcht abnötigte. Die Arbeit als Hochseekapitän erforderte Disziplin und Phantasie, Härte und Einfühlungsvermögen und sowohl Ausdauer und Planung als auch schnelle Entscheidungen, aber er genoss auch seltene Freiheiten, und vor allem: In der Seefahrt gab es die letzten Abenteuer, wie er immer sagte. Was die Seefahrt von ihm forderte und was sie ihm bot, war genau nach seinem Geschmack.
Abgesehen von gelegentlichem Jähzorn war er auch mit sich selbst zufrieden. Seinen Überschuss an Lebensfreude teilte er gern mit jedem, der sich offen zeigte für ein Lächeln oder ein freundliches Wort. Die Welt war kompliziert genug, und warum sollte er nicht anderen, auch Fremden, ein bisschen was von seiner Leichtigkeit abgeben, wenn er genug davon hatte und es den anderen vielleicht half? Besonders die Mitglieder seiner Besatzungen waren immer wieder dankbar für einen Scherz, zehn Dollar, seine Fürsprache bei der örtlichen Polizei oder ein bisschen Beistand, wenn es bei handfesten Auseinandersetzungen an Land eng wurde.
Wie alle Seeleute war er nicht zimperlich. Pflichterfüllung und Sicherheit an Bord gingen zwar über alles, und dazu gab es eine strikte Hierarchie und feste Disziplin, die er als Kapitän aufrechterhalten und durchsetzen musste. Aber er glaubte auch an Gerechtigkeit und gab jedem, was ihm seiner Meinung nach zustand, und wenn jemand einsichtig war, konnte er sehr großzügig sein. Mit seinen Mannschaften, die bei fünfzehn, sechzehn Mann manchmal aus mehr als zehn Nationen rekrutiert waren, kam er in der Regel gut aus, und er wusste, wie man vermied, bei Ostasiaten sein Gesicht zu verlieren oder bei Hindus oder Moslems religiösen Zorn zu erregen, und wie er Streitigkeiten zu schlichten hatte. Auf See war er oberster Richter, Staatsanwalt und Seelsorger, und vor allem bei Notfällen der einzige mit rudimentären Kenntnissen in Erster Hilfe.
Er hielt große Stücke auf Loyalität und Freundschaft und gab von sich aus niemals jemanden auf. „Es ist hart, einen Freund aus dem Adressbuch streichen zu müssen”, sagte er einmal, „selbst dann, wenn der Mistkerl dich schon längst gestrichen hat.”
Und er glaubte an Liebe. Liebe war himmlisch, so lange sie nicht seiner Unabhängigkeit in die Quere kam.
Wenn er etwas bedauerte, dann nur, dass die Zeit so schnell verging. Seine bisherigen Erfahrungen und das nie von seiner Seite weichende Glück hatten ihn sehr optimistisch werden lassen, und Arthur konnte sich nicht vorstellen, auf Herausforderungen zu treffen, denen er nicht gewachsen wäre, am wenigsten im nun wieder einmal bevorstehenden Urlaub.
Trotz seiner Hingabe an den Beruf genoss er jedes Mal den Beginn seiner drei Monate Freizeit, und die inspirierende Hektik seines Seefahrerlebens verwandelte sich dann über Nacht in erholsame Urlaubs-Beschaulichkeit. Besonders nach der Szene in Singapur war er nun dankbar für die vorläufige Gewissheit von Ruhe und Schutz vor Ärger, und, anders als sonst, hatte er diesmal nicht die Befürchtung, dass der Urlaub ihm zu schnell langweilig werden könnte. Er freute sich sogar auf ein bisschen Abgeschiedenheit in den kommenden Wochen.
Schneeregen mit böigem Wind aus West fegte in Schwaden über die Piste, als er in Frankfurt landete. Es war jetzt Anfang November. Die Temperaturen lagen nur knapp über Null. Wie oft um diese Jahreszeit stellten sich die Tiefdruckgebiete über dem Atlantik in Reihe auf und zogen dann lückenlos herüber aufs Festland, um über Mitteleuropa unablässig ihre graue Fracht abzuschütten. Alle nassen Flächen am Rollfeld reflektierten das hellere Grau des am Horizont aufklarenden Himmels, und das seltsame Licht erinnerte ihn an unbestimmtes Heimweh oder eine Szene aus der Kindheit oder an einen Traum, und obwohl er Heimweh nicht kannte, behagte ihm die so heranschleichende Stimmung nicht sonderlich. Sie sprach irgendwie von Wehmut und war einem Abschied ähnlicher als einer Begrüßung.
Am Flughafen stieg er in den Zug nach München, verstaute seinen Seesack in der Gepäckablage und lehnte sich zurück. Außer ihm saßen zwei ältere Damen und ein unauffälliger Mann mit im Abteil.
Da die Reederei die Tickets besorgte, fuhr er erster Klasse. Früher hatte er sich aus Luxus nichts gemacht und jede Hafenkneipe einem Sterne-Hotel vorgezogen, Hauptsache es wurde nicht langweilig. Jetzt stellte er immer öfter fest, dass er Luxus und Bequemlichkeit nicht mehr grundsätzlich verachtete, und die Tatsache fand er ein wenig beunruhigend, gleichzeitig hoffend, dass das nichts mit seinem Alter zu tun hatte. Er ging auf die Vierzig zu.
Ankunft in Deutschland war für ihn immer so ähnlich wie wenn er aus der Hitze der Tropen in einen Raum mit zu kalt eingestellter Klimaanlage kam. Westeuropa, überhaupt auch der ganze sogenannte Westen, bildete im Kontrast zum Rest des Planeten zweifellos eine Ausnahme wie ein Elfenbeinturm, vergleichbar einem noblen Hotel in einem chaotischen Land. Aber Deutschland nahm für ihn auch unter den westlichen Ländern noch einmal eine Sonderstellung ein.
In einem Drittel der Länder, schätzte Arthur, gab es keine Verkehrszeichen, aber ein Polizist konnte behaupten, man sei zu schnell durch die Kurve gefahren und sich dafür ungestraft von einem Ausländer zwei seiner Jahresgehälter kassieren. In einem weiteren Drittel gab es zwar sporadisch Schilder, aber wenn da vor der Kurve eine Begrenzung auf fünfzig stand, fuhr man besser zwanzig, und die gesetzlichen Strafen waren drakonisch oder die Übertretung strafte sich gleich selbst, und organisierte Rettungsdienste mit einer Telefonnummer gab es nicht. Und im letzten Drittel war alles mehr oder weniger reglementiert und die meisten Anordnungen nachvollziehbar, aber Deutschland stach noch besonders hervor; wenn da vor einer Kurve fünfzig stand, war man häufig auch mit achtzig nicht zu schnell oder man fragte sich, wann denn die angekündigte Kurve käme. Hier war alles berechenbar, organisiert und ordentlich wie eine Amtsstube – gerade der richtige Kontrast zu seinem Berufsalltag.
Seit etwa fünfzehn Jahren, seit er zur See fuhr, verbrachte er die Freizeit in seinem Heimatdorf zwischen München und den Bergen. Von seiner Familie lebte dort zwar niemand mehr, wohl aber viele seiner alten Freunde.
Da er während seiner Arbeitszeit auf See kaum Geld ausgeben konnte, hatte er sich schon ein bequemes finanzielles Polster geschaffen. Er würde dieses abwechslungsreiche Leben führen so lange man ihn ließ und dann einen luxuriösen Lebensabend genießen, in Brasilien, wenn es nach ihm ging. Der Kurs war klar, und seine weiteren Aussichten erschienen ausgesprochen heiter.
Die Abteiltür wurde aufgeschoben. Arthur öffnete die Augen. Ein Mann in mittleren Jahren warf einen Blick über die volle Gepäckablage, nahm Arthurs Seesack heraus wie einen falsch einsortierten Artikel im Ramschregal und warf ihn auf einen Sitz in der Ecke. Dann holte er seinen eigenen Koffer vom Gang und verstaute ihn an der freigemachten Stelle. Der Mann war groß, fast so groß wie Arthur, trug einen teuren grauen Anzug und im farblosen Gesicht eine auffällige Brille. Seine beleidigte Miene schien zu sagen, dass die Welt ihm jede Menge schulde, und dass er gewohnt war, es auch zu kriegen. Aufgrund seiner etwas ungelenken Bewegungen jedoch, schätzte Arthur, war er wohl eher nicht gewohnt, mit Fäusten darum zu kämpfen.
„Können Sie nicht fragen, bevor Sie meinen Seesack da rausnehmen?”
Arthurs Blick hätte jedem anderen klargemacht, dass er nicht amüsiert war und eine Antwort verlangte, aber den Mann schien das nicht zu kümmern.
„Sind Sie Seemann?” fragte er stattdessen. „Stimmt es, dass alle Seeleute abergläubisch sind?”
Arthur überlegte kurz, ob er der Landratte seine Meinung sagen sollte, aber er hatte jetzt gute Laune und den festen Vorsatz, sie noch eine Weile zu behalten. Er nahm die Zeitung, die er im Flughafen gekauft hatte und schlug sie auf.
Der Mann setzte sich ihm gegenüber und streckte seine Füße unter Arthurs Sitz, wobei er ihn mit seinen Schuhen an den Beinen streifte.
Vielleicht hat er die Berührung nicht bemerkt, dachte Arthur. Er wollte großzügig sein, versetzte seine Füße und las eine Weile ungestört Zeitung. Auf den Seiten mit der deutschen Lokalpolitik sagten ihm die Überschriften nicht mehr viel. Seit er hauptsächlich im Ausland lebte, kannte er nur die wenigsten der erwähnten Namen. Der Fokus seines Interesses hatte sich auch über die Jahre verschoben. Mittlerweile las er nur noch die internationalen Meldungen, und selbst die mit geringem Interesse. Politik, meinte er immer, ist wie das Wetter; daran ändert keiner was.
„Hey Sie!”
Er senkte die Zeitung und schaute den Mann an.
„Ihr Seesack fällt bei jeder Weiche gegen meine Schulter.”
„Stört Sie das?” fragte Arthur. Er runzelte die Stirn. Sein Blick hatte etwas Abwartendes.
„Allerdings.”
„Kein Problem.”
Arthur stand auf, zog den Koffer des Mannes aus der Gepäckablage, stellte ihn ihm auf den Schoß und stopfte seinen Seesack an die Stelle, wo er ihn schon einmal verstaut hatte.
„Nehmen Sie sofort den Koffer hier weg”, sagte der Mann.
Arthur nahm ihn, öffnete die Abteiltür und stellte ihn auf den Gang. Dann schloss er die Tür, setzte sich wieder und schaute den Mann an, als erwarte er einen nächsten Spielzug.
„Sie holen jetzt bitte auf der Stelle meinen Koffer wieder herein.”
Arthur sah dem Mann direkt in die Augen, aber irgendwie auch hindurch. „Sie sehen doch, dass hier drinnen kein Platz ist”, sagte er und merkte, dass sein eigenes Lächeln etwas versteinerte.
„Das liegt an dem unförmigen Seesack.”
„Seesäcke sind so.”
„Sie haben wohl keine Angst vor einer größeren Auseinandersetzung”, meinte der Mann und versuchte, die Frage juristisch korrekt und gleichzeitig drohend klingen zu lassen.
Arthur sagte nein.
Der unscheinbare Herr neben ihm stand auf, schnappte sich Tasche und Mantel und verließ hastig das Abteil. Nach ihren wütenden Blicken zu urteilen, die sie auf den Mann richteten, waren die älteren Damen auf Arthurs Seite.
„Sie haben meinen Anzug ruiniert. Der Koffer hat auf dem dreckigen Bahnsteig gestanden.”
Der Fremde erhob sich und notierte die Adresse auf Arthurs Schild am Seesack, dann steckte er seinen Notizblock und den Stift in die Innentasche seines Jacketts und setzte sich wieder. Arthur fand gerade einen Ansatz, die Situation mit Humor zu sehen, als der Mann noch einmal seine Füße unter Arthurs Sitz schob und ihn dabei erneut an den Beinen streifte.
Er schloss die Augen wie um sich zu konzentrieren. Wenn er jetzt nicht das befolgte, was er sich schon öfter geschworen hatte, gäbe es wieder Komplikationen. Er würde den Rest des Tages bei der Polizei verbringen und käme heute nicht mehr nach Hause. Statt des Wiedersehens mit seinen alten Freunden hätte er jede Menge unnötigen Ärger.
Die innere Stimme mahnte ihn zur Vernunft. Eine Nervensäge in einem deutschen Zugabteil musste er anders behandeln als einen Macho, der ihm in einer Kneipe in Caracas quer kam.
Er öffnete die Augen.
„Ihr Anzug sah schon so aus, als Sie hier reinkamen”, sagte er, „und wenn Sie mich noch einmal mit Ihren Schuhen berühren, wird er gleich auch noch verknittert.”
„Das ist ja ungeheuerlich! Ich fasse das als Androhung von körperlicher Gewalt auf”, sagte der Mann mit kindischer Entrüstung und machte sich eine Notiz. Er schien die Gefahr jedoch zu ahnen, nahm seine Füße zurück und behielt sie bis München bei sich.
Am Hauptbahnhof stieg Arthur in die S-Bahn nach Süden, Richtung Berge, und als er gegen acht in seinem Dorf an der Isar ankam, war es dunkel, und dichter Nebel hüllte ihn ein. Seine Freunde waren um diese Zeit im Dorfgasthof auf der anderen Seite des Flusses, und der Weg dorthin führte über eine Brücke, die in einer Höhe von etwa vierzig Metern das eine Hochufer mit dem anderen verband. Bei schönem Wetter sahen Passanten und Touristen auf der Mitte der Brücke flussabwärts Teile von München und die weißen Spitzen der Alpen im Süden. Für das Panorama ist die Brücke in der ganzen Gegend bekannt, und wegen häufiger Selbstmorde berüchtigt.
Arthur schulterte seinen Seesack. An Land war ihm jedes Wetter recht. Nebel und selbst Sturm genoss er in aller Ruhe, wenn er festen Grund unter den Füßen hatte, aber im Moment war die Sicht so begrenzt, dass ihm die Orientierung schwerfiel, obwohl er hier seit seiner Kindheit jeden Stein kannte. Schließlich hörte er in der Tiefe das Geräusch des Flusses. Es klang gedämpft und verfälscht wie statisches Rauschen aus einem vergessenen Lautsprecher, aber der Nebel schluckte nicht nur den Schall sondern auch das Licht der wenigen Laternen auf der Brücke, und zwischen den Lampen herrschte nahezu komplette Dunkelheit.
Seine meist unverwüstliche gute Laune hatte er nun zurück. Sie wurde sogar noch verstärkt durch das belebende Gefühl, eine hinterhältige Gefahr umschifft zu haben.
Er schätzte, es war etwa auf der Mitte der Brücke, als er fast mit einer Gestalt zusammenstieß, die ihm, wie er im ersten Moment meinte, entgegenkam, aber die Person, ein Mann wahrscheinlich, stand auf der Stelle. Arthur sah im Vorbeigehen runde, vom Nebel beschlagene Brillengläser, dem Geländer zugewandt, als gäbe es dort etwas zu sehen. Vielleicht führt er einen Hund aus, dachte er, aber sofort stellte sich ein seltsames, alarmierendes Gefühl ein, und das nicht nur, weil er keinen Hund gesehen hatte. Er stoppte, drehte um und ging mit großen Schritten zurück.
Als er den Mann wiederentdeckte, kletterte er ungelenk an dem Sicherheitszaun oberhalb des Geländers hoch. Arthur griff mit seiner freien Hand hinauf, erwischte den unteren Saum einer Jeans und hielt fest.
„Kann ich helfen?” sagte er hinauf.
„Lassen Sie mich sofort los!” kam es zornig von oben.
„Komm da runter, Seemann. Deine Pläne für heute Abend wurden geändert.”
„Was fällt Ihnen ein!”
Er versuchte wütend, Arthurs Griff abzuschütteln und verharrte dann ein paar Augenblicke bewegungslos auf der Stelle. Das Hosenbein, dessen Saum Arthur festhielt, war zu kurz, und darunter, etwas über Höhe seiner Augen, kamen grelle Socken zum Vorschein.
Als der Fremde schließlich wieder sprach, klang er eher flehend als fordernd.
„Was haben Sie vor?” fragte er. „Melden Sie mich der Polizei?”
„Was hat die Polizei damit zu tun?”
„Also nicht?”
„Nein.”
„Dann lassen Sie mich laufen?”
„Ich schlage vor, wir gehen jetzt was trinken, und wenn ich sehe, dass du klarkommst, kannst du machen was du willst.”
„Na gut.” Es klang resigniert. „Das wäre ja wenigstens mal anständig.”
Er stieg unbeholfen herab, und als er endlich neben Arthur stand, nachdem der ihn ins volle Licht unter einer Laterne bugsiert hatte, erschien er ihm noch kleiner als zuvor. Sein Alter konnte er nur anhand der Stimme schätzen, Mitte bis Ende Dreißig, nahm er an, ungefähr so alt wie er selbst. Er trug einen dicken Parka, der ihn möglicherweise rundlicher erscheinen ließ, als er wirklich war, hatte dünnes, dunkles Haar, das ihm nass auf der etwas flachen Stirn klebte und unter den kreisrunden, benebelten Brillengläsern eine knollige Nase. Sie war nicht hässlich aber etwas unförmig und hätte zu einem Idioten oder einem Genie gepasst.
Arthur reichte dem kleinen Mann die Hand und nannte ihm seinen Vornamen.
„Und ich heiße Rufus”, sagte der Fremde formell. „Sehr erfreut.”
Er hatte einen feingezeichneten Mund. Die wohlgeformten Lippen sprachen von Bildung und verfeinertem Geschmack, obwohl seine Kleidung – die zu kurze Jeans, die grellen Socken und der zu große Parka – dem deutlich zu widersprechen schien. Seine Sprache war klar und der Ausdruck gewählt. Die gedrungene Gestalt mit dem nach hinten zwischen die Schultern gezogenen Kopf machte auf Arthur den Eindruck eines aus dem Nest gefallenen Vogels, der ihn nun, wie in Erwartung einer Entscheidung der Katze, ängstlich abwartend anschaute.
Arthur lächelte und klopfte ihm auf die Schulter.
„Komm, Rufus, gehen wir was trinken.”
Zur torähnlichen Holztür des Landgasthauses, das für Arthur und seine Freunde schon in seiner frühen Jugend häufiger Treffpunkt gewesen war, führte außen eine steinerne Treppe, deren Fuß von zwei Laternen markiert war. Bei diesem Nebel sehen sie aus wie eine Hafeneinfahrt, dachte Arthur, müsste nur noch auf der einen Seite grün und auf der anderen rot sein.
Um den ovalen Bartresen in der Mitte des Gastraums standen sie in zwei Reihen, alle Tische waren besetzt, überall gab es laute Gespräche. Arthur spürte jetzt die Nässe des Nebels auf Gesicht und Haar und fuhr sich kurz mit der Hand darüber. Rufus nahm seine Brille ab, um sie zu putzen.
„Hey, der Käpt’n ist da!” rief einer, und dann folgte die Begrüßung, die jedes Jahr ähnlich ablief, ihm aber immer wieder Spaß machte.
„Bist ja schon wieder nicht abgesoffen mit deinem Kahn!”
„Was gibt es Neues bei den Cafe-con-leche-Mädchen?”
„Warst du mal wieder irgendwo im Knast?”
„Er hat sein Versprechen gehalten und uns einen Piraten mitgebracht!“
„Arthur, Schatz”, sagte die mittvierziger Blondine hinter dem Tresen, „muss die große weite Welt da draußen mal wieder ein paar Tage ohne dich fertigwerden?”
„Ja, Rosie. Aber ich habe versprochen wiederzukommen.”
„Wie vielen hast du das versprochen?”
„Nur mir selbst.”
„So.”
Rosie sah ihn an wie eine Mutter, die ihrem Sohn nicht richtig böse sein kann.
„Was willst du denn trinken, Käpt'n?”
Arthur lachte, zog sie bei der Schulter zu sich über den Tresen und gab ihr einen Kuss.
„Dasselbe wie immer, Rosie, nur doppelt so groß. Und davon zwei.”
Rosie lächelte und sagte: „Tu das nicht, wenn mein Alter in der Nähe ist.”
Arthur schob Rufus vor sich an den Tresen, der diesem bis zur Schulter reichte. Ein älterer weißhaariger Mann im Trainingsanzug und ein schlankes, dunkelblondes Mädchen Mitte Zwanzig machten ihnen Platz.
„Leute, das ist Rufus”, sagte Arthur laut, statt einer Vorstellung. Rosie widmete dem Fremden einen kurzen abschätzigen Blick mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Bist wohl auch ein Freund von Arthur?” fragte der sportliche Rentner rechts von ihm und reichte ihm die Hand. „Ich heiße Ralf. War schon sein Trainer wie er noch ein Junge war. Hab auch seinen Vater gut gekannt. Karl Benedict und ich haben zusammen im Tiefbau gearbeitet. – Ah, jetzt weiß ich: Ihr seid sicher Arbeitskollegen.”
Rufus nahm etwas unschlüssig die angebotene Hand, und Ralf drückte sie so heftig, dass der Beginn eines Lächelns im Gesicht des kleinen Fremden gleich wieder verschwand.
„Bist du auch sportlich?” redete der Rentner weiter. „Siehst ja eigentlich nicht danach aus. Aber das macht nichts. Wenn du alt werden willst, musst du Sport machen. Ich könnte dir zeigen, wie das geht. Was schätzt du wohl, wie alt ich bin?”
Rufus sah ihn hilflos an. „Keine Ahnung.”
„Na los, sag mal irgendwas.”
„Ich kann sowas nicht.”
„Ich bin dreiundsiebzig! Hättest du das gedacht? Ich laufe jeden Tag zwei Kilometer.”
Rosie stellte zwei Literkrüge Bier vor Rufus auf den Tresen. Arthur griff an ihm vorbei und hielt einen am Henkel hoch.
„Los Rufus, stoßen wir an.”
Der schaute irritiert auf den Krug.
„Ich habe aber kein Geld bei mir.”
„Du bist eingeladen.”
„Man geht doch nicht ohne Geld aus dem Haus!” sagte Ralf, der agile Rentner. „Stell dir mal vor, was alles passieren kann, wofür du Geld brauchst. Wenn du Pech hast, kommst du gar nicht wieder nach Hause.”
Rufus ignorierte die Frage und Arthur berührte mit seinem Krug den anderen, der noch auf dem Tresen stand. Er trank einen großen Schluck. Rufus nahm das für ihn besonders große Gefäß mit zwei Händen, nippte ein wenig, verzog angewidert das Gesicht und trank ihn dann plötzlich halb leer, so als wolle er es hinter sich bringen.
„Eigentlich mag ich gar kein Bier”, sagte er. Rosie warf Arthur einen fragenden Blick zu. „Kennt ihr euch schon länger?”
„Knappe halbe Stunde”, sagte Arthur.
Das Mädchen links von ihm drehte sich um und sah die beiden an. Ein paar der anderen wurden ebenfalls aufmerksam. Rosie legte den Lappen ab.
„In dem Nebel da draußen?” sagte sie. „Seid ihr zusammengestoßen?”
Arthur überließ Rufus die Antwort, und der zwang sich zu einem etwas gekünstelten Lächeln.
„Nee”, sagte er und wölbte mit der Zunge seine Wange aus.
„Und warum dann?” fragte Ralf. Arthur sah wieder amüsiert über dessen Verlegenheit Rufus an und wartete.
Der schien nach den richtigen Worten zu suchen und ließ sich Zeit. Offensichtlich gefiel ihm auch die plötzliche Aufmerksamkeit.
„Er wollte nicht, dass ich springe.”
Sein schiefes Lächeln verriet, dass er selbst seine Aussage nicht wirklich komisch fand. Alle die zugehört hatten, bewegten sich etwas unbehaglich oder raunten halblaut.
„Das ist doch...!”, polterte Ralf. „Deshalb hat er auch kein Geld dabei.”
In den Augen des dunkelblonden Mädchens erschien ein Funkeln.
„Und wie ist das so in der Dorfkneipe, wenn man um diese Zeit eigentlich schon im Club der Götter sein wollte?”
Im Profil sah sie aus wie eine antike Statue in einer zeitgenössischen Version. Ihr Blick war abwartend, klar und entfernt belustigt, so als ob ihr nichts entginge. Ihre aufrechte Haltung unterstrich einen sich natürlich darstellenden Anspruch auf Respekt, der von ihrer wohlartikulierten Sprache mit lebendiger, selbstironischer Stimme gemildert wurde. Sie schien sehr attraktiv zu sein. Dass es Arthur verborgen blieb, nahm er an, lag an der Art ihrer Aufmachung, die nicht ausgewählt schien, um sich weder besonders günstig noch überhaupt irgendwie darzustellen, geschweige denn um jemandem zu gefallen – im Gegenteil: Es schien unbegreiflicherweise so, als wolle sie Blicke abweisen. Alle Teile der Kleidung waren grau, aus seltsamen Stoffen und hatten gegeneinander kämpfende Muster. Ein Pepita-Jackett, das man so vor achtzig Jahren getragen haben mochte, war ihr ein paar Nummern zu groß, und Arthur fragte sich, woran er eigentlich erkannte, dass sie sehr schlank war. Die weder modische noch praktische Kleidung, ihre zerzauste Mähne und eine gewisse Härte oder Unnachgiebigkeit einerseits sowie das interessante Profil, die lebendige Stimme und ihre aufrechte Gestalt auf der anderen Seite passten nicht recht zusammen. Sie sah aus wie verkleidet.
„Es gibt keinen Club der Götter”, sagte Rufus.
„Ich weiß. Ich habe mich etwas blumig ausgedrückt.”
„Selbst wenn! Ich hätte da sicher keinen Zutritt.”
„Hast du es denn schon mal versucht?”
Rufus verharrte regungslos mit leerem Gesichtsausdruck, so als sei ein innerer Mechanismus zum Stillstand gekommen. Sie wartete.
Er lächelte höflich, als ob er einen Witz ahne aber nicht verstehe.
„Mein Name ist übrigens Giselle.”
„Guten Abend, Giselle. Ich bin Rufus. Freut mich sehr”, sagte er.
Förmlichkeiten schienen seine Sache zu sein.
„Sag ruhig Gis zu mir. Tun viele.”
„Gis-Dur oder gis-Moll?” sagte er, versuchte ein Grinsen und schob wieder aus Verlegenheit die Zunge in eine Wange.
„Egal. Die meinen wohl, Gis ist in jedem Fall eine krasse Tonart.”
Rufus zog missbilligend die Stirn kraus. „Es gibt keine krasse Tonart!” sagte er indigniert.
Ralf tippte ihm auf die Schulter, und das Gesicht mit den runden Brillengläsern wandte sich ihm zu wie der Kopf einer Handpuppe.
„Sag mal, du. Wolltest du wirklich da runterspringen? Bist du verrückt? Das Leben wirft man nicht einfach so weg. Ganz egal, wie dreckig es mir gegangen ist, an sowas habe ich nie gedacht! Ganz davon abgesehen, dass es herzlos gegen die ist, denen du etwas bedeutest. Und natürlich auch gegen die Sanitäter, die dich dann von den Steinen kratzen und da aufsammeln müssen.”
„Er wird schon seinen Grund haben”, mischte sich eine resolute Frau auf der anderen Seite des Tresens ein. Sie war Mitte Fünfzig und überragte Rufus um Haupteslänge. Ihr halb ergrautes Haar endete in einem Pferdeschwanz, und sie trug ein lila kariertes Hanfkleid mit Bommeln in der Farbe von getrocknetem Gras und Schmuck aus Holz.
„Was ich sage, ist, dass es keinen wirklichen Grund für sowas gibt”, ereiferte sich Ralf. „Und wenn ich den Kopf unterm Arm habe, Karin, das Leben ist wichtiger!”
„Vielleicht sind nicht alle so stark wie du.”
„Quatsch! Man muss das bloß wollen. Manchmal muss man sich einfach nur durchbeißen. Wer sagt denn, dass das Leben nur Popkorn und Zuckerwatte ist?”
„Ein scheußlicher Gedanke”, sagte Karin.
„Eben”, rief ein Mann in der zweiten Reihe hinter dem Tresen, „das Leben ist auch Weizenkleie und Vollkornkuchen.”
Karin machte eine wegwerfende Handbewegung gegen diejenigen, die daraufhin lachten. „Ihr seid alle kulinarische Analphabeten.”
Ralf wandte sich an einen zierlichen Mann über Fünfzig, der ihm, ebenfalls auf der anderen Seite des Tresens, gegenübersaß. Er trug eine randlose Brille, und sein freundliches Lächeln täuschte nicht darüber hinweg, dass er keinen Unfug dulden würde.
„Peter, was meinst du denn dazu? Als Arzt bist du doch bestimmt gegen Selbstmord.”
„Im Prinzip schon, natürlich”, sagte Peter. „Aber es gibt auch Grenzfälle. Eine Patientin von mir hat viele Jahre gelähmt an der Maschine gehangen, und letztes Jahr legte sie mit ihren engsten Freunden einen Tag fest, an dem sich alle von ihr verabschiedeten, und nachdem wir gegangen waren, betätigte sie den Schalter.”
„Stecker-Ziehen ist nicht Selbstmord”, sagte Ralf.„Sobald ich von einer Maschine abhänge, lebe ich ja schon nicht mehr selbst. Ich will da gar nicht erst angeschlossen werden. Arthur, sag du doch mal was.”
„Naja”, meinte Arthur, „gerade wenn es schwierig wird, bleibt man an Bord und springt nicht ins Meer.”
„Seltsamer Vergleich”, sagte Karin. „Menschen bringen sich um, weil sie ihre Angst nicht mehr aushalten.”
„Angst vorm Ertrinken und über Bord springen ist dasselbe wie Angst vorm Tod und sich umbringen. Wo ist da die Logik?”
„Es gibt offenbar eine Angst, die größer ist als die vorm Tod. Warst du schon mal am Ende, Arthur? Ich meine, richtig am Ende, und kein Ausweg in Sicht?”
„Ja.” Arthur überlegte. „Vielleicht schon öfters, vielleicht noch nie. Jedenfalls will ich immer wissen, wie die Geschichte zu Ende geht.“ Er lachte. „Vor allem wenn es meine eigene ist. Und selbst wenn man ganz miese Karten hat und einem die Chips ausgehen, kann man doch trotzdem noch zu Ende spielen, oder?”
„Warst du schon mal verzweifelt?” fragte Karin.
„Das Ende vor Augen? Schon oft, aber in dem Augenblick bist du so beschäftigt, dass dir das gar nicht bewusst wird. Von sich aus Schluss machen kommt in dem Moment am wenigsten in Frage.”
„Wann denn dann? Was ist denn schlimmer?”
„Naja, was heißt schlimm. Eine Sache vielleicht”, sagte Arthur, „mitten im Pazifik.”
„Kommt jetzt wieder Nautik?” fragte Ralf. „Wieso muss so ein Käpt'n eigentlich immer-...”
„Weil die Seefahrt für alles die besten Beispiele bietet”, unterbrach Arthur. „Die verstehen sogar Landratten.”
„Was sind denn Landratten?” fragte Alfred, der auf der anderen Seite neben Ralf stand. Er hatte noch seinen blauen Overall von der Arbeit an.
„Landratten sind die Langweiler, mit denen Arthur seine Freizeit verbringt”, sagte Ralf.
„Das war mitten im Pazifik”, fuhr Arthur fort. „Wir hatten schon mehrere Stunden einen Maschinenschaden und trieben auf der Stelle. So ein Kasten ist dann manövrierunfähig. Der Leitende Ingenieur und der Elektriker arbeiteten unter Hochdruck, und dann fiel auch noch der Hilfsdiesel und das Notstromsystem aus, und wir hatten keinen Strom. Da also die Instrumente tot waren, bin ich mit meinem alten Sextanten in der Dämmerung raus in die Nock, das ist wie so ein Balkon neben der Brücke.
Für die Arbeit mit dem Sextanten muss man den Horizont und die Sterne sehen, das ist die sogenannte nautische Dämmerung. Kurz nach Sonnenuntergang, in der ersten Phase, sieht man den Horizont aber keine Sterne, in der zweiten Phase der Dämmerung beides, und in der dritten nur noch die Sterne. Also kann man nur in der zweiten den Standort bestimmen. Das war in den Tropen, also dauerten die Phasen da nicht lange.
Normalerweise hört man auf einem Schiff immer Motoren oder Lüfter, oder auf der Brücke melden sich die Geräte. Und da war nur ein leichter Wind, es war fast dunkel; kein Laut, das ganze Schiff dunkel. Es war unwirklich. Der riesige, tote, stockfinstere Kasten auf dem endlosen Meer, drei- oder viertausend Meter Wassertiefe, und bis zum nächsten Land waren es Tage oder Wochen. Wenn du üblicherweise nach den Sternen schaust, siehst du sie ja nur wie auf einer Fläche, man spricht ja auch von Sternenzelt, und sie erscheinen so als seien sie nebeneinander wie in einer Kuppel, wie in einem Planetarium. Aber dann öffnete sich mit einem kleinen Trick meiner Phantasie auf einmal mein Blick in den Raum mit seiner Weite und endlosen Tiefe, und die Sterne waren nicht mehr nebeneinander sondern weiter vorne und weiter hinten, und der Horizont lief darauf zu und mitten hinein. Da bist du mit einem Mal Nichts. Bei dem gigantischen Universum ist es ganz gleich ob Mücke oder Mensch, oder die ganze Erde meinetwegen. Im unendlichen Raum bist du nichts, das Schiff ist nichts, selbst der Ozean - nichts. Ich war wie vernichtet. Ich vergaß die Höhenmessung und den Sextanten, und wie ich zu mir kam, war die zweite Phase der Dämmerung lange vorbei. Ich denke, wer sich noch nie so klein gefühlt hat, kennt sich nicht wirklich.”
„Hm”, machte Karin. „Und da warst du verzweifelt?”
„Da war ich der eigenen Vernichtung gefühlt am nächsten, so als läge mein eigener Tod bereits hinter mir, aber bei Bewusstsein. Weniger geht nicht. Aber auch da habe ich keinen Augenblick an Selbstmord gedacht. Ich war zwar nichts, aber alles war unendlich. An sowas zu denken wäre absurd gewesen. Es war ja auch irgendwie faszinierend.”
Charlie, ein stämmiger Bursche mit einem von wilden schwarzen Haaren eingerahmten Gesicht, stand an der Rundung der Theke, auf der anderen Seite von Ralf. Er sah Rufus an und dachte nach.
„Vielleicht ist er ja nicht der Typ, der zu Ende spielt”, meinte er.
„Nicht der Typ! Das liegt doch nicht in den Genen!”
Plötzlich sprachen alle auf einmal.
„Natürlich hat das auch irgendwie mit ihm und wie er sich fühlt zu tun!” „Quatsch, Gefühl! Ich fühl mich jetzt nach Sterben, oder so ähnlich?” „Achtzig Prozent Gefühl, ganz klare Sache.” „Das ist doch ein schwerwiegender Entschluss.” „Ja klar, und dafür hat er natürlich einen Grund.” „Ich glaube nicht, dass man da groß nachdenkt.” „Er ist verzweifelt. Er muss total verzweifelt sein.” „Genau. Er kann nicht mehr. Er hat gar keine Wahl.” „Vielleicht ein unerträglicher Schmerz.” „Ja. Oder pleite. Oder krank. Oder jemand gestorben.” „Wieso grinst der denn jetzt?”
Genauso plötzlich wie das Durcheinander-Reden angefangen hatte, endete es.
Alle sahen Rufus an.
„Vielleicht sollten wir ihn mal selbst fragen”, sagte Peter.
Rufus schaute auf den Tresen vor sich.
„Und?” sagte Ralf. „Warum tust du das? Warum willst du dich umbringen?”
„Weil ich…” begann Rufus leise und verzagt und hielt dann inne. Und plötzlich platzte er laut und zornig heraus: „…weil ich so ein verdammtes, hässliches, saublödes dummes Arschloch bin!”
Er hatte echte Zornesröte im Gesicht, aber es klang entfernt theatralisch.
Charlie schüttelte langsam seinen wuscheligen Kopf mit den langen schwarzen Haaren und sein Blick verriet, dass ihm der Ausbruch des Fremden missfiel. Er wechselte von empathisch zu feindlich.
„Und wir reden hier über Verzweiflung und Angst und Kann-nicht-anders! Guckt euch den Typ an! Kommt der mit sowas! Dass ihm seine eigene Nase nicht gefällt!” knurrte er. „Aus Selbstmitleid! Und warum bist du so eine verdammte dumme Sau?"
Rufus schien die nun aufkommende gereizte Stimmung gegen ihn als einziger nicht zu bemerken. Er erwiderte Charlies fordernden Blick ohne Scheu.
„Ich habe hier keinen Platz”, sagte er trocken. „Was ich anfasse, wird zu Dreck. Es ist, als befände ich mich im falschen Jahrhundert. Alles kommt mir seltsam und falsch vor, und ich verstehe überhaupt nichts.”
„Du meinst so, wie wenn man sich verlaufen hat?” fragte Arthur.
„Ja. Aber noch mehr. Es ist, als ob mir was wichtiges fehlt, und ich weiß nicht mal, was. Ich fühle mich total fremd. Überall.”
„So ein Schwachsinn!” Charlie war nicht beeindruckt.
„Das Gefühl kenne ich aber auch”, sagte Arthur. „Wenn ich nach Tagen oder Wochen vom Meer komme, erscheint mir das Land auch manchmal fremd.”
„Wenn es dir auf hoher See so gut gefällt, warum bleibst du dann nicht da?” sagte Ralf unwirsch, als habe Arthur die Ehre der Landbewohner verletzt.
„Man hat so seine Illusionen”, meinte Arthur heiter. „Vielleicht komme ich ja eines Tages zurück und alles ist super.”
Charlie war immer noch hinter Rufus her.
„Was bist du denn von Beruf?” fragte er ihn.
„Ich habe keinen Beruf.”
„Und was hast du gelernt?”
„Germanistik, Soziologie, Geschichte, Theologie, Hebräisch, Kunstgeschichte, Musik, Altgriechisch, Philosophie – jeweils zwei Semester.”
„Welche Theologie?” fragte Ralf.
„Zuerst evangelisch, dann katholisch. Ach ja, Theaterwissenschaften habe ich vergessen. Und Schauspielschule.”
„Ich weiß, was dir fehlt”, sagte Ralf. „Du bist verrückt.”
„Was arbeitest du? Wovon lebst du?” wollte Charlie wissen.
„Requisitengehilfe am Theater…”
„Na, das ist doch was!” meinte Rosie. Sie schien ein wenig erleichtert.
„…bis heute”, fuhr Rufus fort. „Ich habe es mal wieder vermasselt. Sie haben mich rausgeschmissen – mich blöden Arsch.” Die letzten Worte sagte er wieder zornig und laut.
Charlie bemühte sich um Gelassenheit.
„Hör zu, Rufus. Blöder Arsch ist keine Erklärung. Klar?”
„Nach meinem – allerdings unmaßgeblichen – Dafürhalten” entgegnete Rufus ruhig und ein wenig von oben herab „ist es eine durchaus adäquate Ausdrucksform für eine marginale Erscheinung wie mich.”
„Nimm mich nicht auf den Arm!” grunzte Charlie.
Peter, der Rufus die ganze Zeit über mit einer Art beruflichen Interesses zugehört hatte, fragte ihn: „Aber was sollen wir jetzt mit dir machen? Wir können dich keinesfalls dir selbst überlassen. Wenn du es noch einmal versuchst und stirbst, tragen wir eine Mitschuld. Nach meiner Meinung gehörst du in professionelle Behandlung.”
Rufus wechselte nun von Rot zu Blass. „Das will ich aber nicht”, sagte er vehement, „ich will auf keinen Fall noch mal in die Klapsmühle.”
„Warst du denn da schon mal?”
„Letzte Woche erst. Und das will ich absolut nicht noch mal.”
„Dann haben sie dich also schon einmal erwischt?”
Rufus drehte sich zu Arthur um. „Du hast mir versprochen, mich nicht der Polizei auszuliefern.”
„Das stimmt. Aber was schlägst du vor?”
„Ich will da nicht noch mal hin”, sagte er flehentlich. „Ich kann das nicht.”
„Aber bei Nacht und Nebel auf dem Geländer der Brücke rumturnen ist wohl kein Problem! Weißt du was? Für so’ne unmaßgebliche Erscheinungsform wie dich gibt es gar keinen adäquat marginalen Ausdruck! – Oder was auch immer… Der Kerl bringt mich ganz durcheinander”, knurrte Charlie.
„Lass ihn in Ruhe”, sagte Karin, und dann zu Rufus: „Jetzt sag doch mal, warum du so verzweifelt bist. Weil du deinen Job verloren hast? Weil du immer Pech hast? Weil du meinst, du bist nichts wert? Oder weil andere das meinen?”
„Ja, das alles! Und weil ich so hässlich bin, und weil ich alles kaputtmache, und weil ich so verkorkst bin, und weil ich zwei linke Hände habe, und weil ich nichts verstehe! Ich bin hassenswert und eklig”, sagte er heftig, und mit einem ganz anderen Tonfall fügte er lapidar hinzu: „Und schwul bin ich auch!”
Es entstand eine etwas ratlose Stille.
„Meine Güte”, sagte Karin, „können wir ihm denn nicht irgendwie helfen?”
„Ich bin sogar zu blöd, von einer Brücke zu springen!” lamentierte er weiter.
„Vielleicht können wir ja mitgehen und eine Räuberleiter machen”, sagte Alfred, der bei Charlie stand.
Nur die Männer lachten ein wenig. Karin war entrüstet.
„Deppen seid ihr allesamt!” rief sie. „Wann hat man schon mal die Gelegenheit, einem Menschen zu helfen? Und ich meine richtig helfen, nicht nur irgendwo Geld reinschmeißen!”
„Was willst du denn machen? Ihn mit nach Hause nehmen?”
Die Heiterkeit nahm zu.
„Das ist eine gute Idee”, sagte Charlie. „Bei mir in der Schlosserei brauche ich noch einen zum Schrauben- Sortieren.”
„Besser nicht”, sagte Alfred, der Charlies Mitarbeiter zu sein schien. „Er sagt doch, er macht alles kaputt.”
„Wenn es von euch keiner tut”, sagte Karin erbost über das Gelächter, „biete ich ihm an, dass er eine Weile bei mir wohnt. Ich glaube, er braucht mal Ruhe.”
„Da übernimmst du eine große Verantwortung”, sagte Peter. „Was, wenn er noch einen Versuch macht?”
„Er muss mir versprechen, dass er das nicht tut. Versprichst du mir das, Rufus?”
Rufus lächelte und wie es schien, dankbar.
„Ja, ist gut”, sagte er. „Versprochen.”
„So, darauf trinken wir einen”, sagte Charlie und nahm seinen Krug.
„Auf uns und den Mann aus dem falschen Jahrhundert”, sagte Peter.
Ralf wandte sich an Arthur. „Wer ist dieses Mädchen da mit der wilden Mähne? Giselle, glaube ich.”
„Weiß nicht”, sagte Arthur, „ich dachte, sie gehört zu dir.”
„Ach was! Als sie kam, hat sie nach dir gefragt. Sie kennt deinen Namen.”
„Im Ernst?” Arthur sah interessiert zu ihr hinüber. Giselle unterhielt sich gerade mit Rosie. Als habe sein Blick sie berührt, löste sie sich aus dem Gespräch und kam in seine Richtung. Ihre kerzengerade Gestalt blieb gelassen vor ihm stehen, und sie funkelte ihn an, als habe sie ein Privileg zu vergeben. Arthur kam ihr jedoch mit dem Reden zuvor.
„Ich höre, Sie haben nach mir gefragt.”
„Ich finde es ganz schön, dass sich hier alle duzen. Können wir es dabei lassen? Ich heiße Giselle.”
„Okay.” Arthur gab ihr die Hand. „Ich bin Arthur.”
„Arthur Benedict, der Kapitän, nehme ich an.”
Sie ging ein, zwei Schritte, wie um anzudeuten, dass sie außer Hörweite der anderen sprechen wollte. Arthur ging darauf ein.
„Ich habe von dir gehört”, sagte sie mit gedämpfter Stimme. „Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich dir gern ein paar Fragen stellen. Für eine berufliche Arbeit.“
„Klar. Worum geht es denn?“
„Du warst in Saudi-Arabien. Auf einem Sklavenmarkt.”
Sein Gesicht wurde blass, und dann zu Eis. Auf diese Wendung war er nicht gefasst.
„Woher weißt du das?”
„Das wissen nur Leute, die es wissen dürfen”, sagte sie beschwichtigend. „Erzählt hat es mir Lucille Jullien, und ich glaube, sie weiß, was sie tut.”
Arthur schaute sich kurz um. Niemand schien auf sie zu achten.
Er wandte sich wieder ihr zu und sagte: „Okay, was willst du wissen?”
„Ich bin auf der Suche nach Informationen für eine Studie. Ich arbeite an der Uni. Ethnologie. Es geht um moderne Sklaverei, und ob man was dagegen tun kann. Wenn wir was rauskriegen, gibt es auch Interesse beim Rundfunk, aber man bekommt so gut wie keine aktuellen Informationen.”
Arthur sagte: „Die wirst du auch nirgendwo kriegen, und ich weiß nur, was ich selbst gesehen habe. Ich kenne einen einflussreichen Einwohner des Landes, der mich entsprechend gekleidet mit auf den Markt genommen hat. Weil sie mir so leidtaten, habe ich durch ihn fünf weiße Sklaven gekauft, die ich ohne ihn niemals vom Markt, geschweige denn aus dem Land gekriegt hätte. Mit weiß meine ich, man sah ihnen an, dass sie Ausländer waren. Der Freund half mir mit den Pässen, die Mannschaft hielt still und die Reederei hat nichts erfahren. Und wenn das irgendwann jemand rauskriegt, gibt man mir nie wieder ein Schiff. Das ist alles.”
„Aber vielleicht wüsstest du ja einen Weg, wie man da helfen kann.”
„Nein. Das können nicht mal die Vereinten Nationen.”
„Du könntest mir erzählen, was du weißt.”
„Selbst wenn du mehr wüsstest als ich, auch wenn du alles wüsstest, du würdest an den Verhältnissen da nichts ändern – vollkommen zwecklos. Eher verschiebst du die Alpen.”
Sie sah ihn an, als versuche sie, in seinem Gesicht zu lesen. Dann schaute sie zur Seite. Sie gab noch nicht auf. Schließlich fragte sie, ob er ihr trotzdem die ganze Geschichte erzählen würde.
„Wie weiß ich, ob ich dir vertrauen kann?”
„Stell mir eine persönliche Frage”, sagte sie.
Sein Gesicht hellte sich auf und er ging sofort darauf ein. „Wie nennt man die Mode, nach der du dich kleidest?”
Giselle lachte. „Sie hat, glaube ich, noch keinen Namen.”
„Wie wäre es mit Pseudo-Punk?”
„Ja… Nicht schlecht… Meinetwegen.”
„Warum tust du das?”
„Warum tue ich was?”
„Warum versteckst du dich?”
Ihre Augen funkelten, aber weder aggressiv noch belustigt. Das Funkeln erinnerte Arthur an eine Silbermünze, die ihn vor Jahren beim Tauchen auf einem Fels in zehn Meter Tiefe mit ihrem geheimnisvollen Schimmer angelockt hatte.
„Das ist eine sehr persönliche Frage.”
Arthur lächelte. „Du hast es so gewollt. Aber gut, ich nehme sie zurück.”
„Nein. Schon in Ordnung. Ist nur fair. Dein Geheimnis gegen meins.”
„Ja.“ Er lächelte. „Vertrauen auf die Schnelle.“
„Ich denke, ich sage es so: Ich will nicht für jeden sichtbar sein.”
Sein Lächeln war etwas freundlicher geworden.
„Das funktioniert nicht ganz”, sagte er. „Ein bisschen was sehe ich nämlich trotzdem.”
Sie erwiderte seinen Blick gelassen, aber er hätte nicht sagen können, ob sie zurücklächelte.
Arthur nannte sein altes Haus „Kate”, wie man an der Küste sagt. Hier im Voralpenland hieß ein kleines Gehöft eher Sacherl, aber mit den Jahren seiner Nautiker-Ausbildung im Norden hatte er sich ein eigenwilliges Gemisch an Dialektvokabular zugelegt und das mit seinen Berufsjahren noch um eine Unzahl internationaler, meist englischer Ausdrücke erweitert. Seine alten Freunde verdrehten die Augen, wenn er oberbayrische Ausdrücke mit norddeutschem Tonfall aussprach.
Die Kate, der kleine, fast zweihundert Jahre alte Aussiedlerhof also, der von seinen Vorfahren auf ihn übergegangen war, entsprach dem Stil der Landschaft. Das Haus lag am Feldrand zwischen einer Gruppe dicker alter Bäumen, hatte weiße Außenwände im Erdgeschoss, Holzverkleidung im ersten Stock, große Dachüberstände und rote Tonschindeln. Emma, eine ältere Nachbarin, kümmerte sich während seiner Abwesenheit um das Anwesen. Sie pflegte den Garten, pflanzte Blumen und hielt die Büsche und den Efeu an der einen Hausecke kurz, und für die Dauer seiner Anwesenheit fühlte sie sich aus diffus mütterlichen Gründen zusätzlich auch noch für ihn persönlich zuständig; sie kaufte ein, wusch die Wäsche und kochte gelegentlich „was Richtiges” für ihren „lieben Arthur”. Als Dank für ihre Hilfe überließ Arthur ihrem Neffen Bernhard die ehemalige Scheune als Werkstatt.
Innen war das Haus mit seinen Balkendecken und Fußböden aus Holz, sowie mit den überall sichtbaren senkrechten Stützen und ihren Aussteifungen wild und gemütlich, zugleich aber gab es mittlerweile fast nichts mehr, das an seine bäuerliche Vergangenheit erinnerte. Die exotischen Mitbringsel von Arthurs Weltreisen, die überall hingen, lagen oder herumstanden, wirkten wie Eindringlinge, die von dem alten Haus, wenn überhaupt, nur geduldet wurden. Sie würden irgendwann wieder verschwinden, aber die alten Mauern würden bleiben.
Da er über die Jahre in das Anwesen investiert hatte, war es gut bewohnbar. Die Heizung funktionierte, die Fenster und Türen schlossen, die Küche bot alles, was er brauchte, vor allem eine Kaffeemaschine, und kein Rohr tropfte. Der Fernseher war zwar zuletzt vor zwanzig Jahren modern gewesen, aber Arthur benutzte ihn ohnehin kaum; die einzige Technik, die er öfter brauchte, war das Telefon. Ein Auto lieh er sich bei Bedarf von seinen Freunden.
Am dritten Tag fand er einen Brief bei der Post, der geschäftlich aussah und einen Edwin Karoleit als Absender auswies. Es war eine Rechnung. Arthur musste sich eine Zeitlang mit dem Schriftstück befassen, um glauben zu können, was er da las. Als er es schließlich begriff, schwankte er zwischen Belustigung und Zorn.
Der graue Mitreisende in der Bahn, dessen Koffer er auf den Gang gestellt hatte, behauptete, eben dieser Koffer sei ihm gestohlen worden, weil Arthur ihn unrechtmäßig seiner Kontrolle entzogen hätte. Er verlangte Schadenersatz für aufgelistete Gegenstände, darunter Schriftstücke, die nur schwer wiederzubeschaffen seien, im Wert von nahezu achttausend Euro.
Das war gelogen. Arthur war sich sicher, ihn noch mit dem Koffer auf dem Bahnsteig in München gesehen zu haben. Für einen kurzen Moment überlegte er, ihn bei seiner Adresse aufzusuchen und die Angelegenheit direkt zu klären, besann sich aber sofort eines besseren. Eine Konfrontation dieser Art barg Potential für Desaster.
Das war ein Fall für Kurt. Kurt Blattschneider zählte zu Arthurs ältesten Freunden. Er war Rechtsanwalt.
Da Arthur ihn in den letzten Jahren selten gesehen und schon öfters vermisst hatte, schob er den Besuch nicht lange auf. Kurt hatte eine noble Kanzlei am Lenbachplatz. Von seinem Büro aus schaute er über die Wipfel der alten Bäume vor seinem Haus und einen Teil der klassizistischen Gebäude der Innenstadt.
Kurt freute sich, ihn zu sehen und äußerte sein Bedauern darüber, wie schnell die Zeit vergehe und dass „man” gar nicht mehr richtig das Leben mit seinen menschlichen Seiten genieße.
„Komm halt mal öfter in den Dorfkrug”, sagte Arthur. „Da sehen wir uns alle paar Tage, wenn ich hier bin. Die meisten kennst du von früher.”
„Ach ja, natürlich, aber du weißt ja, wie es geht, Arthur. Da ist immer die eine wichtige Sache, die gerade noch getan werden muss. Und man denkt, jetzt nur schnell das und das noch, und dann habe ich Zeit. Aber an dem Gedanken ist irgendwas oberfaul. Ich ahne schon, dass da ein gigantischer Betrug im Gange ist. Man läuft einem unmöglichen Ziel nach wie der Esel der Möhre. Ich sollte mal ein Jahr lang mit dir und deinem Frachter durch die Welt schippern. Das wär was.”
„Ja, Kurt, tu das. Die Schiffe der Reederei haben fast alle ein paar Passagierkammern. Mit etwas Planung wäre das gut möglich.”
„Ich fürchte, das bleibt eins von den Projekten fürs nächste Leben. Ich habe mir einen gewissen Lebensstil angewöhnt, ich verdiene viel Geld und gebe viel aus, und sowas führt zu der berühmten Tretmühle. Wenn man erstmal Luxus als etwas Begehrenswertes akzeptiert hat, dann kannst du deine Richtung so wenig ändern wie ein rollender Felsbrocken.”
„Solange du es selbst weißt, kann es doch nicht zu spät sein, oder?”
„Wollen wir es hoffen. Was kann ich für dich tun, Arthur? Hoffentlich ist es etwas Schwerwiegendes; du hast ja noch einiges bei mir gut.”
Kurt hörte sich die Sache an.
„Ganz klare Kiste”, erklärte er dann. „Im Fall eines Prozesses hast du nichts zu befürchten. Die andere Seite muss sämtliche Behauptungen beweisen, und das kann sie nicht.”
„Was genau?” fragte Arthur. „Die Sachen, die im Koffer waren?”
„Nein. Dass du den Koffer gegen seinen Willen auf den Gang gestellt hast, und dass er dort für ihn nicht mehr sichtbar war.”
„Nun, das stimmt aber.”
„Selbst wenn!” sagte Kurt. „Das geben wir natürlich nicht zu. Du hast verstanden, dass er stillschweigend einwilligte.”
„Warum sollten wir lügen?” fragte Arthur. „Es muss doch wohl möglich sein, zu seinem Recht zu kommen, wenn man die Wahrheit sagt.”
„Nicht immer. Dieser Karoleit ist eine fiese Bazille und spielt falsch. Aber da er sonst keine Zeugen hat, kann er nur gewinnen, wenn du selbst die entscheidenden Schritte im Ablauf zugibst, nämlich dass du sein Eigentum unrechtmäßig und gegen seinen Willen seiner Kontrolle entzogen hast; dann kann ein Diebstahl passiert sein, dessen Ermöglichung du zu vertreten hast. Dass du ihn später auf dem Bahnsteig noch mit dem Koffer gesehen hast, ist belanglos, da du dafür keinen Zeugen stellen könntest.”
„So ist das also an Land”, sagte Arthur. „Der Unsympath gewinnt, wenn ich mich nicht auf sein Niveau begebe und ebenfalls lüge.”
„Das kann auf See nicht anders sein. Wenn Aussage gegen Aussage steht, ist der Richter auf jedes Indiz angewiesen.”
„Wenn zu mir als Käpt’n zwei von der Mannschaft kommen, weil sie sich streiten, dann kann ich das schlichten, wenn beide ehrlich sind. Und wenn einer von beiden unredlich ist, dann erkenne ich das und nehme ihn zur Seite. Ein Richter sollte doch in der Lage sein, zu beurteilen, wie ehrlich jemand ist.”
„Arthur, wir leben zum Glück für uns Rechtsanwälte nicht mehr in den Zeiten der Ritter und Musketiere, in denen der Gute, der im Recht ist, spätestens nach einem Duell zu seinem Recht kommt. Eine Errungenschaft der Zivilisation ist, dass derjenige, der im Recht ist, Beweise vorlegen muss. Wenn du ein müdes Lächeln sehen willst, musst du dem Richter dein Ehrenwort anbieten.”
„Was ist denn bei einem Eid anders?” fragte Arthur.
„Ein Eid ist verbindlich. Da steckst du deinen Kopf in die Schlinge. Wenn sie dir nachweisen, dass du gelogen hast, gehst du in den Knast.”
„Also gewinnt in eurer Zivilisation derjenige, der schwört, egal wie. Beweise gibt es nun mal nicht immer.”
„Jetzt hast du es erfasst.”
„Ich mag keine Leute, die sich hinter Lügen verstecken. Bevor ich einer von denen werde, zahle ich lieber die erlogene Rechnung.”
„Das ist nicht dein Ernst.”
„Und ob! Wenn ich ihn nur so aus den Haaren kriege, zahle ich halt.”
Kurt grunzte als Ausdruck tiefen Missfallens.
„Aber das ist dann noch längst nicht das Ende des Films, Arthur. Wenn du alles zugibst, wird das richtig großes Kino. Dann stellt er möglicherweise auch noch Strafanzeige wegen Bedrohung mit einer Straftat, und das könnte dir richtig wehtun. Wie viel ist von deiner Bewährung noch übrig?”
„Zwei Jahre.”
„Wenn du das alles zugibst, kannst du noch dafür ins Gefängnis gehen. Sag mal, in welcher Welt lebst du eigentlich?”
„Offenbar nicht in eurer. Ich glaube immer mehr, das Meer ist meine Heimat.”
Am nächsten Morgen lag Arthur noch im Bett, als es an der Tür klingelte. Er zog sich einen Morgenmantel über, öffnete und blinzelte missvergnügt hinaus. Draußen stand Ralf, bekleidet mit Trainingsanzug und Turnschuhen.
„Liegst du etwa noch im Bett?” sagte er, als er an Arthur vorbei ins Haus ging. „Machst du das auf dem Schiff auch so, morgens um acht noch pennen?”
