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Reiseabenteuer im 19.Jahrhundert: Lassen Sie sich entführen in eine andere Zeit, fremde Länder und andere Kulturen - spannend und informativ, wild-romantisch und faszinierend.
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Seitenzahl: 828
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Friedrich Bodenstedt
Tausend und Ein Tag im Orient
Berlin, 1850
But if this branch of literature has met with so many obstructions from the ignorant, it has, certainly, been checked in its progress by the learned themselves, most of whom have confined their study to the minute researches of verbal criticism; like men who discover a precious mine, but instead of searching for the rich ore, or for gems, amuse themselves with collecting smooth pebbles and pieces of crystal.
Sir William Jones.
Seinen
anmuthigen Freundinnen
im
Hessenlande
widmet dieses Buch
der Verfasser.
Ich versetze den Leser einen Augenblick nach Wien zurück in den Kriegslärm der letzten Oktobertage des Jahres 1848.
Der Himmel war roth gefärbt von den hochauflodernden Flammen der brennenden Vorstädte, und auf allen Thürmen und Dächern lag des Feuermeers purpurner Wiederschein. Auch die breite Donau leckte mit blutrother Zunge an den schützenden Mauern der Stadt.
In den Straßen erscholl es von Waffengeklirr und Trommelgewirbel; fast ohne Aufhören wurde der X Generalmarsch geschlagen. Hinter den fahnenüberflatterten Barrikaden brannten Wachtfeuer, und um das Feuer her kauerten waffentragende Männer mit dampfgeschwärzten Gesichtern, und halbwilde Weiber in abenteuerlicher Tracht.
Preßgänge durchzogen die Stadt und rafften auf, was ihnen von kampffähigen Männern entgegenkam; hier schwenkte singend ein Trupp wunderlich bewaffneter Arbeiter vorüber, geführt von Offizieren der akademischen Legion; dort trieben wenige Studenten eine ganze Schaar aus Kellern und Gewölben aufgescheuchter Bürger dem Kampfe zu. Und der Kampf, der in der Leopoldstadt um die Riesenbarrikaden der Jägerzeil geführt wurde, war ein furchtbarer und verzweifelter. Jedes Haus eine Festung, jedes Fenster eine Schießscharte.
Wie es prasselte von dem sich kreuzenden Kleingewehrfeuer, wie es zischte von den zündenden XI Brandraketen, wie es donnerte aus den gewaltigen Feuerschlünden, und wie es weithindröhnend krachte, wenn die Kanonenkugeln einschlugen in die Barrikaden, oder wenn unter ihrer ungethümen Wucht eine Mauer der umstehenden Häuser zusammenbrach.
Die Erde zitterte, das Wehklagen der Verwundeten, das Todesröcheln der Sterbenden wurde überhallt von dem chaotischen Getöse der Zerstörungswerkzeuge, welche die ganze Franzensallee in einen Schutthaufen, und die nach dem Prater zulaufenden Häuser der Jägerzeil in Ruinen verwandelten . . .
Man wußte den Ausgang des ungleichen Kampfes vorher, und dennoch kämpften sie draußen mit der Wuth der Verzweiflung. Schon begann es in der, durch die Flüchtlinge der Vorstädte übervölkerten inneren Stadt, an Lebensmitteln zu mangeln.
Ganze Familien, deren Häuser in Flammen XII aufgegangen, kamen bepackt mit dem Wenigen, das sie gerettet, und flehten um Obdach und Unterkommen.
Die Verwirrung war unbeschreiblich, und ein tiefer Mißmuth, eine ängstliche Spannung und Unruhe zeichnete sich in allen Gesichtern.
Jeder Verkehr mit der Außenwelt war abgebrochen, denn ein Gürtel von Bajonetten umschlang das unglückliche Wien, und so Mancher, der sein Liebstes draußen hatte, seufzte seit Wochen vergebens nach Kunde und Mittheilung . . .
An einem dieser Schreckenstage, die zu durchleben entsetzlich war, und die ganz zu schildern unmöglich ist, hatte sich mit anbrechendem Abend eine Anzahl von Freunden und Bekannten in meiner Wohnung versammelt, um in traulicher Unterhaltung ein Stündchen Ruhe zu schöpfen nach den erschütternden Eindrücken des Tages.
XIII Doch bei dem wilden Getümmel draußen, und der Unruhe in der eigenen Brust, wollte es mit der Unterhaltung nicht recht gehen; alle Augenblick wurden wir durch den Lärm der Geschütze oder durch Trommelgewirbel unterbrochen.
»Bodenstedt! – sagte Auerbach, der Gevattersmann – Du bist weniger aufgeregt, als wir; erzähl' uns von Deinen Abenteuern im Morgenlande! Thu' einen lustigen Griff in Deine Vergangenheit; das wird uns in eine neue Welt versetzen und den Unmuth der Gegenwart verscheuchen!«
Der Gedanke fand Anklang bei der Gesellschaft.
»Ja, bitte! Erzählen Sie!« riefen Alle, und rückten näher mit ihren Stühlen.
»Erzählen Sie vom Kaukasus – sagte Kaufmann – und von Ihrem berühmten Lehrer Mirza-Schaffy! Das ist mein Liebling.«
XIV »Und vom Schwarzen Meer – sagte Karl Beck – und von den Kosaken und von den Türken!«
»Und von den schönen Georgierinnen – rief Max Schlesinger – und vom Ararat und Armenien!«
Jeder wollte etwas Besonderes hören. Ein Geist der Heiterkeit war über Alle gekommen, noch ehe ich meine Erzählung begann, denn die, welche die obigen Bitten an mich richteten, kannten schon Einzelnes aus meinen Wanderungen. Und gern kam ich ihrem Verlangen entgegen und erzählte ihnen von Mirza-Schaffy, von seiner Weisheit und seinen wonnevollen Liedern; vom Ararat und Armenien; vom Kaukasus und den schönen Georgierinnen, und vom Schwarzen Meer und von den Kosaken und Türken.
So saßen wir bis tief in die Nacht hinein; XV gespannt lauschten Alle meinen Erzählungen. Und Keiner dachte mehr an das Getümmel draußen, noch an die brennenden Vorstädte und das Trommeln und Schießen . . .
Heute, wo ich diese Erinnerungen niederschreibe, ist gerade ein Jahr verflossen seit jenem Tage. Meine Freunde haben mich inzwischen oft aufgefordert, den Erzählungen, welche einen so heitern Einfluß auf sie geübt, durch den Druck eine größere Verbreitung zu geben.
Vieles hat sich seitdem verändert in der Welt, aber die Menschen sind so ziemlich dieselben geblieben, und wohl Mancher ist noch, der das Verlangen fühlt, nach den Wirren des Tages in erfreulicheren Dingen, als die Politik der Gegenwart uns bietet, Ruhe und Labung zu suchen.
Für solche Leser sind diese Blätter geschrieben, und XVI wenn meine Erzählungen, hübsch gedruckt und gebunden, denselben Eindruck zu erzeugen vermögen, wie einst durch das gesprochene Wort, so ist der Zweck dieses Buches erfüllt.
Aus der alten Hauptstadt Rußlands führt unsere Wanderung in die traubenreichen Gärten von Tiflis, der bergumschlossenen Hauptstadt Georgiens.
Nur in wenigen Umrissen schildere ich Euch die Bewohner und Zustände jener einförmigen Landstriche und unabsehbaren Steppen, welche wir zu durchwandern haben, bevor wir hinaufsteigen zu der majestätischen Gebirgswelt des Kaukasus.
Noch ist der September nicht zu Ende, und schon trägt die Landschaft um uns her ein winterliches Gepräge.
Der Himmel ist grau umwölkt und mitten am Tage durchdunkelt's die Luft wie beim Hereinbrechen der abendlichen Dämmerung; auf den kahlen Zweigen der Bäume wiegen sich Schwärme von Krähen und Raben; schaurig pfeift der Herbstwind über die schneebedeckten Felder hin, durch welche der Fahrweg sich windet wie ein riesiger schwarzer Streifen; denn noch liegt das Eis zu dünn und der Schnee zu locker, um den Hufen der Pferde und den einschneidenden Wagenrädern zu widerstehen, und jedes Mal beim Durchbrechen der leichten Winterdecke quilt's aus dem schlammigen Boden hervor schwarz wie Theerquellen.
Trotz des fetten, fruchtbaren Bodens, welcher die Gouvernements von Tula und Woronesch so vortheilhaft auszeichnet, finden wir hier in den elenden Dörfern eine arme, verkümmerte Bevölkerung.
Diese betrübende Erscheinung hat namentlich darin ihren Grund, daß diese beiden Gouvernements größtentheils in kleine Gutsherrschaften zerfallen; je kleiner aber die Anzahl Leibeigener eines Edelmanns ist, desto größer sind die Opfer die er von ihnen fordert.
Es giebt Familien, die in Petersburg und Moskau ein Haus machen, ohne andere Einkünfte zu haben als die Abgaben, welche sie von vier- bis sechshundert Leibeigenen ziehen.
Was Wunder, daß die armen Bauern keinen höhern Lebenszweck kennen, als sich abzumühen für ihren Gutsherrn, ohne an Verschönerung ihres eigenen kummervollen Daseins zu denken.
Trotzdem findet man unter diesem zähen, fügsamen Geschlechte nicht selten wohlgebildete, kräftige Männergestalten, während eine schöne Frau hier, wie überall in Rußland, zu den größten Seltenheiten gehört. Die schweren Arbeiten, denen sie hier mehr als in allen andern Ländern, von Jugend auf unterworfen sind, die ungesunde Luft in den dumpfen, unreinlichen Wohnungen, die geringe Pflege, welche sie auf sich verwenden und so manche andere drückende Umstände, treten der freien Körperentwickelung hemmend entgegen.
In den Städten, durch welche der Weg uns führt, von Moskau bis hinaus über Woronesch, wo die kräuterreiche Steppe der Kosacken beginnt, fällt uns vor Allem die Einförmigkeit in der Bauart der Häuser auf.
Wer Moskau gesehen, kennt alle anderen russischen Städte.
Sehen wir ab von dem völlig modernen Petersburg, so offenbart sich eigentlich nur in Moskau eine große, wenn auch rohe Mannigfaltigkeit architektonischer Gestaltungen; fast nur hier hat man den Eindruck einer wirklichen Stadt, einer dauernden Ansiedlung gewerbfleißiger Menschen.
Die meisten übrigen Städte dieses Landes, mit ihren schnurgeraden Straßen, ihren kasernenartig gebauten, gelb oder weiß übertünchten Häusern, erscheinen wie großartige Karawanserei's, und die Menschen darin wie unstäte Pilger.
Denn der Russe kennt keine Heimat in unserem Sinne des Wortes. Er kann die ihm angeerbte Nomadennatur des großen Wandervolks, dem er entsprossen, nicht verläugnen.
Auch machen noch heute die Verhältnisse des Landes ein gesichertes Stillleben unmöglich.
Der lebhafte Binnenhandel, der Krieg im Kaukasus, die weitverzweigte Verwaltung, der häufige Beamtenwechsel, und hundert andere Umstände bedingen ein stetes Hin- und Herziehen in dem sich über drei Welttheile ausdehnenden Riesenreiche.
Der Arzt, welcher heute in Moskau sein Examen gemacht, kurirt vielleicht in wenigen Wochen schon die Gallenfieber an den Küsten des schwarzen Meeres; – der neuvermählte Beamte, welcher sich eben in Petersburg häuslich niedergelassen, erhält plötzlich Beschäftigung in einer Kanzlei an der Grenze von China; – der Gardeoffizier, welcher am Abend seine Geliebte besuchen will, wird unverhofft Nachmittags als Kourier nach dem Kaukasus entsendet. In ähnlicher Weise geht's durch alle Klassen der Gesellschaft.
Und weil der Russe sich nirgends dauernd heimisch fühlt, fühlt man sich auch nirgends dauernd heimisch mit ihm.
Ihn beherrscht nicht die süße Macht der Gewohnheit und der Zauber der Erinnerung. Er wurzelt nicht in der Vergangenheit und denkt nicht an die Zukunft. Dieser ächt orientalische Charakterzug des Russen, nur für den Augenblick zu leben und nur die Gegenwart zu genießen, spricht sich auch in seiner Wohnung aus.
Er baut sein Haus nur für sich und seine eigenen Bedürfnisse, ohne seiner Nachkommen dabei zu gedenken. Und weil er weder Erfindungsgeist hat, noch Geschmack an schönen Bauwerken, noch Geduld lange zu warten, läßt er sein Haus bauen nach dem Muster der umstehenden Häuser, und gewöhnlich mit einer Eile, daß die Gebäude oft nach wenigen Jahren schon aussehen wie übertünchte Ruinen.
Daher die kalte Einförmigkeit der russischen Städte und die eigenthümliche Erscheinung, daß man es keinem Hause ansieht, ob es vor einem, vor zehn, oder vor hundert Jahren gebaut wurde – im Gegensatz zu den alten Städten Deutschlands, Italiens und anderer Länder, wo die Gebäude gleichsam lebendige Blätter der Geschichte sind, belehrende Vermittler zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Das einzig Bemerkenswerthe der russischen Städte sind ihre schmuckreichen Kirchen und großartigen Bazars.
Wie in der Architektur, sind die Russen auch in der Bildhauerkunst und Malerei weit hinter allen Völkern Europa's zurückgeblieben.
Der Einwand, daß der Druck der Leibeigenschaft, welcher auf der großen Masse des Volkes lastet, jede freie Geistesthätigkeit, jeden höheren Aufschwung unmöglich gemacht, – wird entkräftet durch das Beispiel der Völker des Alterthums, wo unter ähnlichen Zuständen die Kunst ihre höchste Ausbildung erreichte, und der Genius des Volks ebenfalls auf Kosten der gedrückten Massen sich seine ewigen Denkmäler schuf.
Zudem datirt die Einführung der Leibeigenschaft in Rußland bekanntlich erst aus den letzten Jahrhunderten, wo die Russen schon in lebhafterem Verkehr mit dem Auslande standen. Aber weder der fremde Einfluß, noch der Schutz und die Begünstigung welche die Zaren den Künsten angedeihen ließen, vermochte die Neigung dafür unter den Russen zu fördern, eben weil ihr unstäter Sinn, ihr Hang zum Nomadenleben sie den an die Scholle fesselnden Beschäftigungen entfremdete.
In den wenigen Ueberresten bildlicher Darstellungen der Russen (wie der Slaven überhaupt), die aus früherer Zeit auf uns gekommen, offenbaren sich nur die rohesten Anfänge der Kunst.
Die Chroniken erzählen von Bildsäulen der alten Slavengottheiten: Perun's, des Donnergottes; Ußlad's, des Gottes der Freude; Polelja's, der slavischen Ceres; Lado's, der Göttin der Liebe und Schönheit; – doch ist leider davon nichts bis auf die Gegenwart gekommen. Man kann annehmen, daß sie auf gleicher Stufe standen mit jenen ungeschlachten Steinbildern, welche man noch hin und wieder in den weiten, vom Don und vom Kuban durchströmten Kosakensteppen findet.
Im Gegensatz zu der Vernachlässigung, welche die bildenden Künste in Rußland fanden, und zwar aus denselben Ursachen, welche diese Vernachlässigung bewirkten, erreichte die Sprache hier schon sehr früh einen hohen Grad der Ausbildung.
Sie wurde die alleinige Trägerin alles geistigen und sittlichen Inhalts des Volkes; in ihr konnte der Russe Monumente schaffen, die ihn auf seinen Wanderungen begleiteten; ihr hauchte er all sein Denken und Sinnen, all sein Leid und Wehe ein, und ihre biegsamen, klangreichen Formen schmiegten sich leicht allen Bedürfnissen an.
Daher die erstaunliche Ausbildung, der überraschende Formen- und Wortreichthum, welche wir in der russischen Sprache finden, und daher auch die hohe Bedeutung, welche das Volkslied hier für den denkenden Geschichtsfreund hat.
Die Geschichte, das innere und äußere Leben, alle Weisheit und Thorheit, alle Tugenden und Gebrechen des Volks spiegeln sich mit wunderbarer Treue in diesen Liedern ab.
Und es liegt darin eine Kraft des Ausdrucks, ein Reichthum von Bildern und Anschauungen, daß der Forscher nicht bloß historische Belehrung, sondern auch hohen poetischen Genuß in diesen alten Denkmälern findet, denen kein Erzeugniß der neuern Kunstpoeten Rußlands an Bedeutung gleichkommt.
Seltsamer Weise haben diese Dichter den wohlverdienten Ruhm, welchen sie in und außerhalb Rußland gefunden, mehr ihren poetischen Verirrungen als ihren wesentlichen Vorzügen zu verdanken.
Nur da, wo sie aus dem alten Sagen- und Liederquell ihres Landes schöpften, erscheinen sie wahrhaft groß, während ihre übrigen Werke bloß mehr oder weniger gelungene Nachahmungen ausländischer Vorbilder sind.
Die Aufklärung und Ueberfeinerung der höheren Stände, denen die bedeutendsten der modernen russischen Dichter angehören, und das Elend und die traurige Unwissenheit der großen Masse des Volks bilden schwer zu vermittelnde Gegensätze.
Der unnatürliche Genuß, die Blasirtheit, der Ekel der Gegenwart, die Weltmüdigkeit, bieten keinen Stoff für die Poesie, und der Dichter der seine Helden unter den Trägerndieser Gebrechen sucht, kann nur Zerrbilder daraus erzeugen. Es ist zu bedauern, daß diese Poesie der Unnatur in den begabtesten Geistern Rußlands, Puschkin und Lermontow, ihre Vertreter gefunden.
Dagegen bietet das russische Volksleben, trotz seiner unsittlichen Grundlage, eine reiche Fülle poetischer Momente, und wo jene Dichter mit dem Volke gingen, haben sie Großes und Dauerndes geschaffen.
Am schärfsten finden wir die hier kurz angedeuteten Gegensätze bei Lermontow ausgeprägt, der durch sein wechselvolles Schicksal oft zu poetischen Verirrungen verleitet, doch immer wieder zur Wahrheit und Natur zurückkehrte.
Während er in seinem – durch Uebersetzungen auch in Deutschland bekannt gewordenen Romane: »der Held unserer Zeit« ein höchst unerquickliches Bild von dem Leben und den Zuständen der vornehmen russischen Welt giebt, und in mehreren kleinen Gedichten Byronschen Lebensüberdruß und Heinesche Weltmüdigkeit nachsingt, hat er sich ein unvergängliches Denkmal des Ruhmes gesetzt durch seine in der Geschichte und dem Volksleben wurzelnden Dichtungen.
Hieher gehört vor Allem ein in altrussischer Weise geschriebenes Gedicht, worin er uns Bilder aus der Zeit Iwan's des Grausamen vorführt.
Der Stoff dazu ist alten Volksliedern entnommen, aber mit meisterhafter Hand zu einem poetischen Ganzen gestaltet, welches den besten Erzeugnissen der Neuzeit würdig zur Seite steht.
Ich glaube dem intelligenten Leser einen Dienst zu erweisen, indem ich mich zum Dolmetsch dieser großartigen Dichtung mache, eines Volksliedes im edelsten Sinne des Wortes, worin sich der ganze Charakter des Volkes in seinen guten und schlimmen Abschattungen, und die Zustände des Landes, wie sie im Wesentlichen heute noch fortbestehen, abspiegeln.
In der Uebersetzung sind mit möglichster Sorgfalt und Treue Ton, Wortstellung und Versmaß des Originals wiedergegeben.
Einer weiteren Einleitung bedarf es nicht; das Gedicht wird, als ein ächtes Kunstwerk, sich durch sich selbst erklären.
von dem Zaren Iwan Wassiljewitsch, von seinem jungen Leibwächter und dem kühnen Kaufmann Kalaschnikow.
O Du grauser Zar, Iwan Wassiljewitsch! Von Dir schufen wir unser helltönend Lied, Von Deinem Lieblingswächter Kiribéjewitsch, Und von dem kühnen Kaufherrn Kalaschnikow; – Wir schufen es im Tone der alten Zeit, Wir sangen es zur Gußli, der hellklingenden. Wohl oft sangen wir es, oft wiederholten wir's, Zur Lust, zum Ergötzen des rechtgläubigen Volks. Und der Bojar Matwéï Romodanowsky Bot uns eine Schale voll schäumendem Meth; Die antlitzweiße Bojarin aber Bot uns auf einer Schüssel von Silber dar Ein neues Handtuch, ein mit Seide genähetes. Sie bewirtheten uns drei Tage und Nächte lang, Und sie hörten unser Lied immer von Neuem an.
Nicht leuchtet am Himmel die rothe Sonne mehr, Nicht mehr liebelt mit ihr das dunkle Gewölk: Sieh', beim Gastmahl mit goldener Krone sitzt, Sitzt der grause Zar Iwan Wassiljewitsch! Stumm hinter ihm stehen die Stolniki Ihm gegenüber die Bojaren und Fürsten all, Ihm zur Seite steht der Leibwächter Schaar; Und es schwelgt der Zar zum Ruhme Gottes viel, Und zu eigener Lust und Ergötzlichkeit. Gnädig lächelnd befahl der Zar allda Süßen Wein zu bringen, überseeischen, Damit zu füllen seinen goldenen Humpen, Und er reicht den Wein seinen Wächtern dar: Und Alle tranken davon, und sie rühmten den Zar. Nur Einer von Allen, von der Wächter Schaar, Ein stürmischer Kämpe, ein kühner Gesell, Netzte die Lippen im goldenen Humpen nicht; Schweigend senkt er zu Boden den finstern Blick, Schweigend senkt er den Kopf auf die breite Brust – Aber grimme Gedanken schwellen die breite Brust. Allda runzelt der Zar seine schwarzen Brauen Und richtet auf ihn seinen scharfen Blick; Wie der Habicht herab aus der Wolkenhöh' Auf die junge, blauflügliche Taube schaut. – Doch der junge Kämpe erhob sein Auge nicht. Und es murmelt der Zar ein drohend Wort, Und finster hält er den Blick auf dem kühnen Gesell. »Du unser treuer Diener Kiribéjewitsch, Birgst Du schlimme Gedanken in Deiner Brust? Oder beneidest Du unsern Fürstenruhm? Oder erfüllt Dich mit Mißmuth der Ehrendienst? Wenn der Mond aufgeht, freuen die Sterne sich In seinem Glanz zu wandeln am Himmelszelt; Aber welcher Stern sich in den Wolken verbirgt Der fällt schnell verlöschend zur Erde herab. Dir mißfällt, wie es scheint, Kiribéjewitsch, Deines Zaren Gelag und Ergötzlichkeit; Und bist doch vom Geschlechte der Skuratow, Und erzogen im Hause der Maljutin!« Also antwortet darauf Kiribéjewitsch Dem grausen Zaren mit tiefem Gruß: – »Du unser Herrscher, Iwan Wassiljewitsch! Zürne ob Deines unwürdigen Sklaven nicht. Dem heißen Herz taugt nicht der süße Wein, Er verscheucht meine finstern Gedanken nicht! Aber hab' ich Dich erzürnt – so geschehe Dein Wille: So befiehl mich zu strafen, mir den Kopf abzuhau'n; Er liegt mir auf den Schultern wie eine schwere Last, Vor Dir bis zur feuchten Erde beugt er sich. –« Und es sprach zu ihm Zar Iwan Wassiljewitsch: »Aber was macht Dich so trübe, Du kühner Gesell? Ist Dir nicht fein genug mehr Dein sammt'ner Kaftan? Deine schmucke Mütze aus Zobelfell? Fehlt's an Geld Dir, ist die Tasche leer? Oder hat Scharten bekommen Dein stählern Schwert? Oder Schaden genommen Dein gutes Roß? Oder trugst Du eine Wunde davon Im Faustkampfe auf dem Mosquastrom?« Darauf antwortet Kiribéjewitsch, Verneinend schüttelnd sein lockiges Haupt: »Nicht der Faustkampf hat meinen Kummer erzeugt, Keine Schuldennoth und kein Mangel an Geld; Wohlauf ist mein muthiges Steppenpferd, Und wie helles Glas schimmert mein scharfes Schwert, Und am Festtage durch Deine Gnade, Zar, Bin ich nicht schlechter gekleidet als Andere. Aber höre, vernimm, was mich traurig macht: Muthig saß ich zu Rosse, auf schnellem Roß, Ritt zum Mosquastrom zum Eiseslauf, Einen seidenen Gürtel um den schmucken Kaftan, Auf dem Kopfe die Mütze, die sammetne, Die mit schwarzem Zobel gefütterte. Vor den Häusern zuneben den Pforten steh'n Viel hübsche Mädchen, junge, rothwangige, Flüstern und schäkern und kichern froh – Nur Eine von ihnen flüstert und schäkert nicht, In die buntstreifige Fata verhüllt sie sich . . . Im heiligen Rußland, unserm Mütterchen, Sucht umsonst solche Schöne der spähende Blick: Wie von Wellen getragen geht sie – einem Schwane gleich, Und ihr Blick ist so süß – wie ein Taubenblick, Ihre Stimme so rein – wie Nachtigallsang; Es glühen ihre Wangen, roth angehaucht Wie die Morgenröthe am Gotteshimmel; In gold'nen Flechten wallt das lange Haar Mit hellen Bändern schmuck zusammengeknüpft, Um den Nacken schlängelt's, um die Schultern her, Küßt die weiße Brust, die hochschwellende . . . Sie stammt vom Geschlecht eines Handelsherrn, Heißt mit Namen Alona Dmitrewna. – Und seh ich das Weib, bin ich selbst nicht mein, Taumelnd hängen die Arme, die kräftigen, Düster werden die Augen, die blitzenden; Drückend, grausig ist mir's, o rechtgläubiger Zar! So versiechen zu seh'n meine Kraft, meinen Muth. Mein schnellfüßiges Steppenroß ekelt mich an, Dazu die Gewänder, die sammet'nen; Und gleichgiltig ist mir jetzt Silber und Gold. Mit wem soll ich theilen mein Silber und Gold? Vor wem soll ich zeigen meinen jungen Muth? Vor wem mich brüsten mit meinem schmucken Gewand! Laß mich fortzieh'n zur Ferne, in's Steppenland, Dort in Freiheit zu leben nach Kosakenart. Dort wird bald mein Kopf, der stürmische, Einer Lanze der Bußurmannen zum Schmuck, Und den bösen Tataren zur Beute wird Mein muthiges Roß, mein scharfes Schwert, Dazu das Geschirr, das tscherkessische. Meine weinenden Augen hacken die Geier aus, Meine feuchten Knochen wäscht der Regen ab, Und unbegraben fliegt mein verkümmerter Staub Von den Winden getragen nach allen Seiten hin . . .« Lächelnd sprach darauf Iwan Wassiljewitsch: »Nun Du mein treuer Diener! Deinem Ungemach, Deinem Kummer und Gram schafft sich Hilfe leicht. Da, nimm meinen Ring mit Rubin geschmückt, Und diese bernsteingeschlungene Halsschnur, nimm. Erst such' eine kluge, schlaue Freiwerberin, Und dann schicke das kostbare Hochzeitsgeschenk Deiner geliebten Alona Dmitrewna zu: Gefällt es ihr, feierst Du Hochzeit bald, Gefällt es ihr nicht, sei nicht böse darum.« »»– O rechtgläubiger Zar, Iwan Wassiljewitsch! Es hat Dich getäuscht Dein verschmitzter Sklav, Hat Dir Falsches geredet, nicht die Wahrheit gesagt! Er hat Dir verschwiegen, daß das schöne Weib In der Kirche Gottes einem Andern getraut, Getraut mit einem jungen Kaufmann ist sie Nach unserm Gesetze, dem christlichen – . . .««
Kinder fallt mit ein – stimmt die Gußli rein! Laßt der Gußli Saiten singend uns begleiten! Dem guten Bojaren zur Ergötzlichkeit Und der antlitzweißen Bojarin zum Dank!
2.
Vor seiner Bude ein junger Kaufmann sitzt, Der stattliche Bursch Stephan Paramonowitsch, Mit Familiennamen Kalaschnikow; Seidene Waaren breitet er sorgsam aus, Mit süßer Rede lockt er die Käufer herbei, Das gewonnene Geld überzählt er schlau. Aber kein guter Tag fiel dem Kaufmann zu Theil, Viele reiche Bojaren gingen vorbei, Und zu seiner Bude kam keiner heran. Schon verhallt ist das Geläut, das zur Vesper rief, Dunkel flammt hinterm Kremlin das Abendroth, Eilig fliehen die Wolken am Himmel hin, – Schneegestöber peitschen die Winde herbei; Nach und nach wird der Kaufhof von Menschen leer. Und auch Stephan Paramonowitsch schließt Seine Bude zu mit der eichenen Thür, Mit einem deutschen Schlosse, einem ächten daran; Und sinnend geht er nach Hause und denkt An seine junge Frau hinterm Mosquastrom. Und gelangt er zuletzt in sein hohes Haus, Und es wundert sich Stephan Paramonowitsch: Nicht begegnet sein Blick seiner jungen Frau, Ungedeckt noch steht dort der eichene Tisch, Kaum noch flackert das Licht vor dem Heiligenbild. Und er ruft seine alte Haushälterin: »Du, sag' an, sag' an, Jereméjewna, Wohin ist verschwunden, wo hat sich versteckt In so später Stunde Alona Dmitrewna? Und haben meine lieben Kinderchen Schon Thee getrunken, sich müde gespielt, Und hat man sie schon zu Bette gebracht?« »»– O Du, mein Herr, Stephan Paramonowitsch! Gar seltsame Dinge sind heute gescheh'n: Ging zur Vesper zu beten Alona Dmitrewna; Schon ist der Pope zurück mit seiner jungen Frau, Haben Licht angezündet und essen zur Nacht – Aber Deine junge Frau bis zu dieser Zeit Ist aus der Kirche noch nicht zurückgekehrt. Und die Kinderchen sind noch nicht schlafen gelegt, Sind nicht spielen gegangen, weinen immerfort, Die armen Würmchen wollen ihre Mutter seh'n. –«« Und grimme Gedanken umzogen die Stirn Des jungen Kaufmanns Kalaschnikow; Und er stellt sich an's Fenster, sieht zur Straße hinaus – Doch in dunkle Nacht war die Straße gehüllt; Weißer Schnee flockt herab, wächst zu dicker Schicht, Und der Fußtritt des Menschen verliert sich darin. Horch, da schallt's von der Flur als öffne die Thüre sich, Und er vernimmt leise flüchtiger Tritte Schall; Er lauscht, sieht sich um – und beim heiligen Gott! Sieh da, vor ihm stehet zitternd sein junges Weib, Zitternd und bleich, mit bloßem Haar, Die goldenen Flechten wild aufgelöst, Weiße Schneeflocken hängen statt des Schmucks darin: Die Augen rollen wie im Wahnsinn umher. Unverständlich fällt von den Lippen das Wort. »Nun, was treibst Du Dich, Weib, noch so spät umher? Von welchem Hofe, welchem Marktplatz kommst Du, Daß Dein Haar so zerzaust und aufgelöst, Daß Deine Kleider zerknickt, zerrissen ganz? Bist Du zu Gaste gewesen, hast Liebschaft gesucht Bei einem hübschen reichen Bojarensohn? . . . Bist Du deshalb vor dem heil'gen Muttergottesbild Mir zur Lebensgefährtin angetraut, Haben wir deshalb die goldenen Ringe gewechselt? . . . Wart' Du, in ein finst'res Gemach sperr ich Dich, Mit eisenbeschlagener Eichenthür, Daß Dir Gottes heller Tag verschlossen bleibt, Und Du ferner nicht meinen guten Namen entehrst . . . Wie Alona Dmitrewna die Worte hört, Erbangt schier und zittert das liebe Weib, Gleich einem Herbstblatt am Baum vom Sturm bewegt, Bittre, bittre Thränen entrollen ihr, Und zu den Füßen ihres Mannes wirft sie sich. »O Du mein Herr, meine rothe Sonne Du! Hör' mich ruhig an, oder tödte mich! Deine Worte sind mir wie ein scharfes Schwert; Du reißt mir damit das Herz blutig auf. Ich fürchte die Marter des Todes nicht, Auch nicht der Leute böses Geschwätz, Den Verlust Deiner Liebe nur fürchte ich! Als ich heim von der Vesper nach Hause ging, Die krumme, einsame Straße entlang, Da erscholl es plötzlich wie Geklirr hinter mir; Ich sehe mich um – läuft ein Mann auf mich zu, Meine zitternden Füße knickten unter mir, Mit meiner seidenen Fata verhüllt' ich mich. Und kräftig greift er meine bebende Hand, Und mit leisem Geflüster sagt er mir: – Was erschrickst Du denn so, Du mein schönes Kind? Ich bin kein Mörder, kein nächtlicher Dieb, Ich bin ein Diener des Zaren, des grausen Zar. Und ich heiße mit Namen Kiribéjewitsch, Aus dem berühmten Geschlechte Maljutin . . . Da erschrack ich noch ärger als vorhin schon, Und mein armer Kopf ging wirr im Kreise mir. Und er fing mich zu küssen, zu kosen an, Und liebkosend sprach er in Einem fort: – Sag an, schönes Kind, was Du haben willst, Holdes Täubchen Du, mein geliebtes Kind! Willst Du Gold, verlangt Dir's nach Perlenschmuck? Willst Du Edelgestein oder blumigen Sammt? Wie eine Zarin sollst Du gekleidet gehn, Zum Neide, zum Aerger aller anderen Frau'n, Nur laß mich nicht sündigen Todes sterben: Lieb mich, mein Kind, liebe und küsse mich, Wenn auch Einmal nur, zum ersten und letzten Mal! – Und dann küßt er mich wieder und kosete mich, Noch jetzt fühl ich brennend die Wangen glühn, Wie ein Rasender fester umschlang er mich, Mit seinen ruchlosen Küssen bedeckte er mich . . . Und aus den Fenstern rings lugten die Nachbarinnen, Und zeigten verhöhnend mit den Fingern auf uns. Wie ich mich sträubend seinen starken Armen entwand, Und in stürmischer Hast dem Hause zulief, Blieb in den Händen des Räubers zurück Mein gesticktes Tuch, das Du mir geschenkt, Und meine bucharische Fata dazu. So ward ich beschimpft, von dem Buben entehrt, Ich, Deine ehrliche treue Frau! – Und die schlimmen Nachbarinnen, die mich gesehn! – O Gott! ewig bin ich beschimpft und entehrt. O gib mich nicht, mich, Dein treues Weib, Dem bösen Gespött, der Verachtung Preis! Wer außer Dir ist, der mir helfen kann? Auf der weiten Welt steh ich als Waise allein: Mein alter Vater liegt längst im feuchten Grab, Ihm zur Seite ist meiner Mutter Grab, Mein ältester Bruder, wie Du selber weißt, Ist seit lange verschollen in fremdem Land, Und mein jüngster Bruder ist noch ein kleines Kind, Bedarf selbst meiner Hilfe und Pflege noch . . .« Also jammerte Alona Dmitrewna, Und sie weinte bittere Thränen dabei. Und es schickt darauf Stephan Paramonowitsch Zu seinen beiden jüngern Brüdern hin: Und die beiden Brüder kamen und grüßten ihn; Und also redeten ihn die Beiden an: »Sprich, was ist mit Dir, ist Dir ein Unglück geschehn? Daß Du zu uns geschickt in so später Stund, So spät in der stürmischen Winternacht?« »»– Wohl, lieben Brüder, ist mir ein Unglück geschehn, Mir und meiner ganzen Familie: Geschändet ist unser ehrliches Haus Durch einen Diener des Zaren, Kiribéjewitsch; Ein Unglück, das meine Seele nicht trägt, Das zu schwer auf dem duldenden Herzen liegt. Wenn man morgen den festlichen Faustkampf hält Auf der Mosqua, in des Zaren Gegenwart, Werd' ich kämpfen mit dem Leibwächter Kiribéjewitsch Einen furchtbaren Kampf auf Leben und Tod. Und tödtet er mich – so verzagt nicht darob, Betet zur Jungfrau, der allerheiligsten! Ihr seid jünger als ich, seid noch frischer an Kraft, Und weniger Sünden lasten auf Euch, Der Herr wird Euer Hort, Euer Helfer sein!«« Solches sprachen die Brüder zur Antwort darauf: »Wohin der Wind weht vom Himmelsgewölb, Dahin eilen die Wolken, die willigen. Wenn der blaue Adler zu Gaste ruft Nach der Wahlstatt zu fliegen, der blutigen, Zum Festesmahle, zum Leichenfraß, So folgen alle Jungen des Alten Flug. Du bist der ältere Bruder, unser zweiter Vater, Thu' was Dir gut dünkt, nach eigener Wahl – Wir gehorchen Dir willig, verlassen Dich nicht.«
3.
Ueber der Mosquastadt, der goldköpfigen, Ueber den Kremlinsmauern, den weißsteinigen, Hinter fernem Gehölz, blauen Bergen her Flammt, die weißen Dächer der Häuser vergoldend, Und die feuchten, verdüsternden Wolken zertheilend, Die leuchtende Morgenröthe auf; Und sie reinigt lächelnd das goldene Haar, Wäscht ihr Antlitz im weißen Schnee, Einer Schönen gleich, die sich im Spiegel beschaut, Schaut sie wohlgefällig lächelnd vom Himmel herab. Warum, schönes Frühroth, sprich, bist du erwacht? Welche Freude, sprich, bist du gekommen zu sehn? Schon zur Stadt hinaus wandern, schon versammeln Die kühnen Kämpfer der Faust, die moskowischen, Auf dem Mosquastrom, auf der Eisesbahn. Schon nahet der grause, rechtgläubige Zar Mit seinen Bojaren und seiner Wächterschaar; Und er befiehlt eine silberne Kette zu ziehn, Eine silberne Kette mit Gold geziert. Und sie umzogen mit der Kette einen freien Platz Von fünfundzwanzig Sashén zum Kampfesspiel. Und hieß darauf Zar Iwan Wassiljewitsch Mit lauter Stimme zu rufen das Aufgebot: »Herbei, eilt zum Kampfe, Ihr kühnen Gesell'n! Unsern Vater zu ergötzen, den grausen Zar, Eilt herbei, tretet ein in den breiten Kreis. Wer Sieger von Euch wird, den belohnt der Zar, Dem Besiegten aber wird unser Herrgott verzeih'n!« Und hervortritt der kühne Kiribéjewitsch, Und er neigt sich vor dem Zar bis zum Gürtel tief, Wirft von den starken Schultern seinen sammtnen Pelz, Stützt fest in die Seite die rechte Hand, Rückt mit der andern die schmucke Mütze zurecht, Und so erwartet er einen Gegner zum Kampf. Dreimal ergeht zum Kampfe das Aufgebot – Aber Keiner von den Kämpen rührt sich rings, Alle stehen stumm, Einer stößt den Andern an. Im Kreise geht der Leibwächter auf und ab, Und verhöhnt die umstehenden Kämpen laut: »Nun, was steht Ihr so still da, als fürchtet Ihr Euch! Wagt sich Keiner heran unter meine Faust, Zum Ergötzen des Zars, des rechtgläubigen?« Plötzlich theilt sich der Haufen nach beiden Seiten hin, Und hervortritt Stephan Paramonowitsch, Der junge Kaufmann, der kühne Gesell, Mit Familiennamen Kalaschnikow; Tief verbeugt er sich erst vor dem grausen Zar, Und dann vor dem weißen Kremlin mit den heiligen Kirchen, Und zuletzt vor dem versammelten Russenvolk. Wildes Feuer durchflammt sein Adleraug, Mit starrem Blick schaut er den Leibwächter an. Darauf ihm gegenüber kühn stellt er sich, Zieht die schützenden, dicken Fausthandschuh an, Zieht die breiten, gewaltigen Schultern auf, Und glättet schmuck seinen lockigen Bart. Darauf redet zu ihm Kiribéjewitsch: »Aber sag mir zuvor, Du kühner Gesell, Aus welchem Geschlechte und Stamme bist Du, Und wie mit Namen nennst Du Dich? Daß man weiß, wem zu bestellen das Todtenamt, Und daß ich bei Namen kenne, den ich besiegt.« Und es antwortet Stephan Paramonowitsch: »Ich heiße mit Namen Stephan Kalaschnikow, Ich bin geboren von ehrlichem Elternpaar, Und habe immer nach Gottes Geboten gelebt: Nie geschändet hab' ich meines Nachbars Weib, Bin nie auf Raub geschlichen im Dunkel der Nacht, Habe nie mich versteckt vor dem Tageslicht . . . Wohl gesprochen hast Du ein wahres Wort: Ueber Einen von uns hält man Todtenamt, Und nicht später als morgen zur Mittagszeit; Und Einer von uns wird sich rühmen des Siegs Mit den kühnen Freunden, beim Festesmahl . . . Nicht ist's Zeit jetzt zu Scherzen, zu Spott und Hohn, Ich bin zu Dir gekommen, Du Heidensohn, Zu furchtbarem Kampfe auf Leben und Tod!« Und als Kiribéjewitsch die Worte gehört, Erblaßte sein Antlitz, wurde bleich wie der Schnee, Seine blitzenden Augen verfinsterten sich, Es durchrieselt ihn kalt wie ein Eiseshauch, Auf den offenen Lippen erstarb das Wort. Schweigend nahen die beiden Kämpfer sich, Und der furchtbare, ritterliche Kampf hebt an. Kiribéjewitsch erhebt zuerst seine Hand, Und führt einen Schlag auf Kalaschnikow, Und trifft ihn tief in der Mitte der Brust – Die muthige Brust erbebte von dem Schlag, Und zurückschwankte Stephan Paramonowitsch; Er trug auf der Brust ein metallenes Kreuz, Mit heiligen Reliquien aus Kiew geschmückt, Und es bog sich das Kreuz, ward tief in's Fleisch gepreßt, Und in dickem Strom quoll das Blut dabei. Und es spricht für sich Stephan Paramonowitsch: Wen das Unglück trifft auf den komme es; Ich werde kämpfen so lange im Arme noch Kraft! Und er sammelt sich wieder und bereitet sich, Nimmt zusammen seine ganze Kraft, Und führt mit gewaltiger Wucht einen Schlag Ueber die linke Schläfe die Schulter hinab. Und der junge Leibwächter stöhnte leis, Strauchelte, fiel todt zu Boden hin; Getroffen stürzt er hin auf den weißen Schnee, Wie im Walde ein junger Fichtenbaum Bei der Wurzel abgehauen zu Boden kracht, Derweil aus dem Stamme das Harz entquillt. Wie der Zar das sah, Iwan Wassiljewitsch, Ergrimmte er, stampft auf den Boden voll Zorn, Und grimmig zieht er die finsteren Brau'n, Befiehlt zu ergreifen den kühnen Gesell'n, Den jungen Kaufmann Kalaschnikow, Ihn zu führen in seine Gegenwart. Und also sprach zu ihm der rechtgläubige Zar: »Steh mir Rede, antworte wahrhaft mir, Erschlug mit Vorsatz oder durch Zufall Dein Arm Meinen tapfern Kämpen Kiribéjewitsch?« »»Ich will dir ehrlich gestehen, rechtgläubiger Zar: Aus freiem Vorsatz erschlug ich ihn, Aber warum und wofür – das sag ich Dir nicht, Das gesteh ich nur Gott, dem Einigen. Befiehl mich zu tödten – auf dem Richtplatz mir Den unschuldigen Kopf vom Rumpfe zu hau'n; Nur verlaß meine armen Kinderchen nicht, Verlaß nicht mein junges, unschuldiges Weib, Und entzieh meinen Brüdern Deine Gnade nicht . . .« »Du hast wohl gethan, Du kühner Gesell, Du Kämpfer der Faust, junger Kaufmannssohn, Da Du Antwort gegeben nach Wahrheit und Pflicht. Deinem jungen Weibe und Deinen Kindern zahl ich Aus eigener Kasse ein Jahrgeld aus, Deinen Brüdern erlaub ich von diesem Tag Freien Handel im weiten Russenland, Ohne Abgaben zu zahlen noch Zollgebühr; Du selbst aber, junger Kaufmannssohn Sollst zum Richtplatz gehn auf das hohe Schaffot, Dort zur Ruhe legen Deinen stürmischen Kopf. Ich werde wetzen lassen ein starkes Beil, Und dem Henker befehlen sein Kleid anzuthun; Ich werde befehlen die große Glocke zu läuten, Um allen Mosquabewohnern kund zu thun, Daß ich auch an Dir meine Gnade geübt . . .« Aus dem Platze wogt es vom Volksgedräng, Die große Glocke läutet in klagendem Schall, Tönt weithin die traurige Botschaft umher. Auf dem Richtplatze, auf dem hohen Schaffot, Im rothen Hemde, mit heller Schürze davor, Mit dem großen, dem scharfgewetzten Beil Geht der Henkersknecht fröhlich auf und ab, Und harrt seines Opfers, des Kaufmannssohns; Und der junge Kämpe, der Kaufmannssohn Nimmt Abschied von seinem Brüderpaar: »Nun, Brüder, meine lieben Freunde, Laßt mich Euch küssen, umarmen zum Letztenmal, Zur letzten Trennung auf dieser Welt. Grüßt von mir Alona Dmitrewna, Helft ihr ihren Kummer zu mäßigen, Und daß sie meinen Kindern nicht erzähle von mir! Grüßt von mir unser theures Elternhaus, Und alle meine braven Bekannten grüßt, Und betet in der Kirche Gottes für mich, Für das Heil meiner Seele, der sündigen!« Und sie tödteten Stephan Paramonowitsch Eines martervollen, schimpflichen Tod's; Hoch auf dem Schaffote wälzte sich Sein blutiges, sein gefallenes Haupt. Und sie begruben ihn hinterm Mosquastrom Auf freiem Feld, wo drei Wege gehn: Nach Tula, nach Rjäsan und Wladimir, Und aus der feuchten Erde machten sie einen Grabhügel hoch, Und pflanzten drauf ein Kreuz aus Ahornholz. Und es heulen, es brausen die Winde jetzt Ueber das öde Grab, das kein Name ziert; Und viele gute Leute gehen vorbei, Geht ein Greis vorüber – schlägt er fromm ein Kreuz, Geht ein Bursch vorüber – blickt er stolz drauf hin, Geht ein Mädchen vorüber – wird das Auge feucht, Geht ein Sänger vorüber – singt er ein traurig Lied.
Heida, Sänger, junges Blut! Singt noch Eins mit frohem Muth, War der Anfang gut, sei das Ende auch gut! Und eh' wir das Lied zu Ende geführt, Geben wir Ehre wem Ehre gebührt.
Unserm freigebigen Bojar sei Ruhm! Und der antlitzschönen Bojarin Ruhm! Und allem christlichen Volke Ruhm!
Ich schwamm hinaus auf die Fläche des trockenen Oceans. Der Wagen versinkt in Grün und schwankt wie ein Nachen durch die Wogen der rauschenden Wiesen hin. Ueberschwemmt von Blumen umschiffe ich die korallenen Eilande des Steppengrases. Schon sinkt die Dämmerung herab; kein Weg noch Hügel zeigt sich dem spähenden Blicke. Ich schaue zum Himmel empor und suche die Sterne, die Leiter des Nachens . . .«
So begrüßte einst Mickiewicz das Steppenland, das er wahrscheinlich zu einer günstigeren Jahreszeit besuchte, als ich.
Wohl glich jetzt die Steppe mit ihrem leicht aufsteigenden, weit verschwimmenden Hügelland einem trockenen Ocean, aber verdorrt lag das Gras und geknickt von den kalten Herbststürmen oder zerstampft von Kosakenrossen, und von der reichen Vegetation des Sommers zeigten sich nur noch kümmerliche Reste.
Die Winterlandschaft, welche uns von Moskau aus begleitet hatte, war schon bei Jeletz, in der Mitte des Weges zwischenTula und Woronesch, verschwunden.
Von Jeletz, bis zu dem hart am Don gelegenen und danach benannten Sadonsk, bildete ein unergründlicher Schmutz den Uebergang zu erfreulicheren Bildern. Die Wege wurden besser, die Luft milder, der Himmel klärte sich wieder auf und einige prachtvoll gebaute, inmitten großer Gärten anmuthig gelegene Landhäuser verschönerten die Gegend.
In Woronesch machte sich schon eine bedeutende Veränderung des Klima's fühlbar. Das Thermometer zeigte 16° Wärme R., während es bei meiner Abreise aus Moskau um dieselbe Tageszeit auf dem Gefrierpunkt stand.
Nirgends in der Welt habe ich eine so große Menge Windmühlen gesehen, wie in dieser getreidereichen Provinz. Aus allen Dörfern ragen sie hervor, alle Hügel sind damit überdeckt. Und die seltsame Bauart dieser Windmühlen überrascht fast noch mehr als ihre große Anzahl. Ihre Flügel bilden ein vollständiges Viereck, zusammengehalten und getragen von vier kolossalen Speichen.
Auch die vielen Kreidehügel, welche das Land durchziehen und von Weitem, im Glanz der Sonne, wie kleine Gletscher schimmern, gewähren einen eigenthümlichen Anblick.
Bei Kasanskaja überschreiten wir auf einer Fährte den Don und gelangen in das Land der nach dem Strome benannten Kosaken.
Die Einförmigkeit dieses dünnbevölkerten Landes spiegelt sich wieder in den ärmlichen Wohnungen, die alle nach Einem Muster gebaut sind, und deren Jede nur knappen Raum für eine kleine Familie und die nothwendigsten Geräthschaften bietet.
Die meisten dieser vereinzelt in den Stanitzen (Kosakendörfern) stehenden Häuser sind mit kleinen Gärten umgeben, wo außer den gewöhnlichen Küchengewächsen besonders Wein und Melonen trefflich gedeihen.
Jede Stanitza, und sei sie noch so unbedeutend, hat ihren kleinen Bazar, wo alle Erzeugnisse des Landes bescheiden vertreten sind.
Die Donischen Kosaken haben von ihren ritterlichen Vorfahren nichts geerbt, als einen großen Hang zum Trinken und zum Müßiggange; alle Haus- und Feldarbeit bleibt den Frauen überlassen, die durchgehends von derbem, kräftigem Schlage sind und Axt, Spaten und Kochlöffel mit gleicher Geschicklichkeit handhaben.
Hübsche Gesichter sind hier häufiger als im eigentlichen Rußland; doch habe ich nur in Nowo-Tscherkask, der Hauptstanitza, wirkliche Schönheiten getroffen.
Die Lebensweise der Kosaken ist so rauh und einfach, daß ein verwöhnter Reisender es nicht lange bei ihnen aushält. Fische aus dem Don gehören zu den Leckerbissen; Krautsuppen, Grütze mit Oel zubereitet, Melonen und grobes Brot bilden die gewöhnliche Nahrung.
Man muß mit Sitte und Sprache des Landes vertraut sein, um die Innerlichkeit des Volkslebens kennen zu lernen und poetischere Anschauungen davon zu gewinnen, als jener Korrespondent der Allgemeinen Zeitung, der bei den Kosakenweibern keine andern Erfahrungen gemacht hatte, als daß sie »die Mistgabel schwingen und irrende Ritter aus dem Dreck ziehen.«
Wenngleich das Leben der Kosaken durch die russische Herrschaft ein ganz anderes geworden, und weniger poetische Momente bietet, als das ihrer freien Vorfahren, so fortbesteht unter ihnen jedoch eine gewisse traditionelle Poesie, welche dem Forscher reiche Ausbeute gewährt.
Ich führe hier als Beispiel ein älteres Lied an, welches mir in Inhalt und Gestalt am besten geeignet scheint, dieEigenthümlichkeiten der donischen Volkspoesie zu veranschaulichen.
»Grüß' Dich, Väterchen! herrlicher, stiller Don! Unser Ernährer Du, Don Iwanowitsch! Gehen zu Deinem Ruhm bei uns Sagen viel', Gehen Sagen viel', Dich zu verherrlichen. Wie vor Zeiten sich wild Deine Flut ergoß, Wie sie wild sich ergoß, und doch klar und rein; – Aber jetzt, mein Ernährer! so trüb fließest Du, Hast getrübt Dich von oben bis unten hin! – Sprach zur Antwort der herrliche, stille Don: Aber wie soll ich nicht trübe, nicht finster sein! Hab' ich zieh'n lassen meine hellen Falken all', Meine hellen Falken, die Kosacken vom Don! Spült sich ab ohne sie mein Uferland, Streut hinab ohne sie viel gelben Sand . . .«Angeregt durch solche Erzeugnisse der alten Zeit, so wie durch sein wechselvolles Leben, fühlt der Kosak auch noch heute das Bedürfniß, seinen Gefühlen in Versen Luft zu machen, bei der Trennung von der Geliebten, beim Abschiede von der Heimath und ähnlichen trübstimmenden Gelegenheiten.
Der Eine singt ein Lied, der Andere verbessert es, der Dritte fügt ein paar Verse hinzu, und so gestaltet sich zuletzt ein abgerundetes Ganze daraus.
Welcher Reisende wäre wohl im Stande, eine getreuere, anschaulichere Beschreibung des Rundtanzes zu geben, welchen die frischen Kosakenmädchen Abends nach vollbrachter Arbeit an den Ufern des »heimathlichen« Don aufführen, als sich im folgenden Volksliede findet, dessen Verse zugleich die ganze Musik des Tanzes wiedergeben!
»Seht die Mädchen, zum Stromesrand gingen sie, Dort im Tanzreih'n, im bunten, sich schlingen sie, Eine Jungfrau dreht trippelnd im Kreise sich, Rührt nach des Tanzes, des heimischen, Weise sich: Jetzt die Arme gestemmt, jetzt die Kniee gebeugt, Mit den Füßchen gestampft, und das Köpfchen geneigt; – Und das zertretene Gras, neu belebt es sich, Und wie neugierig lüstern, bang' hebt es sich; Und die Blüm'lein im Grase, mit klugem Aug', Heben neidisch die Köpfchen, und lugen auch . . . Immerfort tanzt die Schöne, drehend und schwingend sich, Um die Eine dreh'n die Andern alle singend sich.«Ehe ich Nowo-Tscherkask erreichte, hatte ich ein friedliches Abenteuer zu bestehen, welches sich nimmer aus meiner Erinnerung verwischen wird.
Ich war die ganze Nacht durchgefahren, hatte den folgenden Tag nichts gegessen als ein Stück Schwarzbrot, und müde und hungrig kam ich mit anbrechendem Abend in einer Stanitza an, deren Aeußeres nichts weniger als einladend war.
Inmitten schöner Gegenden kann der Reisende oft Tage lang Essen und Trinken vergessen bei der steten Abwechselung der Bilder, die sich vor seinem Auge entrollen. Es ist, als ob die frische Bergluft und der Duft von Wiesen und Waldesgrün etwas Sättigendes habe, oder als ob der Magen durch das Auge mitgenösse.
In öden, flachen Gegenden aber, wie in den endlosen Steppen am Don, machen sich die Bedürfnisse unseres sterblichen Theiles doppelt fühlbar. Man hört nichts, als das Rasseln des Wagens und Pferdegestampf, man sieht nichts, als weite, wüste Flächen. Kommt dazu noch schlechtes Wetter und schlechte Wege, wie ich's den ganzen Tag hindurch gefunden hatte, so möchte man umkommen vor Ekel und Unmuth.
In einem solchen Gemüthszustande kam ich in der Stanitza an. Der Wagen hielt in der Mitte des Dorfes still, und ich schickte meinen Diener auf Kundschaft aus, um ein Obdach und warmes Essen aufzutreiben.
»Hier im Dorfe ist kein Wirthshaus, und Sie werden schwerlich etwas zu essen finden,« rief mir eine freundliche Frau von mittleren Jahren durch das offen stehende Fenster ihrer Hütte zu, »wenn Sie aber mit unserer schlechten Kost vorlieb nehmen wollen, so sollen Sie uns willkommen sein; wir sind gerade beim Abendessen.«
Sie sagte mir dies in so einladend freundlichem Ton, und ihr Gesicht hatte einen so frommen, gemüthlichen Ausdruck, daß ich unwillkürlich bei mir dachte: das kann unmöglich eine gewöhnliche Kosakin sein! Es fehlt ihr ganz jener trotzige, determinirte Ausdruck, welcher den Weibern der Kosaken vom Don eigen ist.
Und ihrer Einladung folgend, trat ich in's Haus. Da saßen an einem weißen tannenen Tische drei Mädchen, von denen das älteste etwa zwölf Jahre zählen mochte, und ein Knabe von ungefähr vierzehn Jahren. Sie standen alle auf, als ich in die Stube trat, grüßten mich freundlich bescheiden, und wollten sich nicht wieder setzen, bis ich selbst unter ihnen Platz genommen hatte.
Auf dem Tische dampfte einladend das Abendessen, bestehend aus einer Krautsuppe mit Grütze.
Die Wohnstube, das Haus- und Tischgeräth, alles zeugte von großer Armuth, war aber so rein und sauber gehalten, daß das Auge gern darauf weilte. Decke und Wände waren blendend weiß angestrichen, Thür und Fenster sauber gewaschen. Auf einem kleinen, alten Schränkchen stand das ärmliche, blankgescheuerte Küchengeräth, und in der Ecke hing ein Heiligenbild mit einem brennenden Lämpchen davor.
Die Art und Weise, wie die gute Frau mir ihr frugales Abendessen anbot, und meinen Teller füllte, hatte etwas so Gefälliges, Ungezwungenes, wie man es sonst nicht bei Frauen dieses Standes zu sehen gewohnt ist. Man sah es ihren Augen an, daß sie gern gab, was sie hatte, und sie schien mit Wohlgefallen zu bemerken, daß ich mir die Suppe nach Herzenslust schmecken ließ.
Während des Essens und nach Tische unterhielt ich mich, so gut ich konnte, mit meiner freundlichen Wirthin, und wußte bald ihre ganze Lebensgeschichte.
Sie war aus dem Gouvernement Pultawa gebürtig, hatte aber schon in früher Kindheit mit ihrem Vater, einem Offizier von bekannter Familie, nach Sibirien wandern müssen. Ihr Vater starb in der Verbannung, und eine wohlthätige Frau nahm sich des verwaisten Mädchens an. Sie blieb eine Reihe von Jahren im Hause dieser guten Frau, erhielt hier eine Art Erziehung und Unterricht, und heirathete später einen Chorundschi, dem sie in ihrem zwanzigsten Jahre in sein donisches Heimathland folgte.
Eine geraume Zeit lebte sie hier glücklich und zufrieden, bis auch der Gatte ihr durch den Tod entrissen wurde. Seitdem hatte sie immer mit Noth und Unglück zu kämpfen gehabt, und ihren einzigen Trost in ihren Kindern gefunden, deren Unterhalt und Erziehung all' ihre Kräfte gewidmet waren.
»Die Kinder lesen schon recht hübsch, – sagte sie, – ich habe nur immer so wenig Zeit, mich mit ihnen zu beschäftigen. Sascha, hol einmal Dein Buch her und lies dem fremden Herrn etwas vor.«
Ich besah das Buch, und war nicht wenig erstaunt, eine russische Uebersetzung des zweiten Bandes der Campeschen Jugendschriften vor Augen zu haben.
Die Kinder lasen mir Alle nach der Reihe etwas vor, und es ging wirklich recht hübsch, wie ihre Mutter gesagt hatte. Doch die Pferde waren schon seit einer Stunde angespannt, die Zeit drängte, ich mußte davon.
Ich küßte freundlich die Kinder und nahm Abschied von der Mutter mit einem herzlichen Händedruck, bei welcher Gelegenheit ich ihr ein Geldstück in die Hand schlüpfen ließ.
Aber ohne zu sehen, was es war, reichte sie mir das Geld zurück mit den Worten: »Ihr Geld mag ich nicht!« und dabei sah sie mich an mit einem Blicke, der mir durch die Seele ging.
Ich begriff im Nu, welchen Mißgriff ich gethan, wie sehr ich durch mein Geldanbieten die gute Frau beleidigt hatte, und wandte all' meine Beredsamkeit auf, den Fehler wieder gut zu machen; aber Fehler dieser Art lassen sich leider nicht wieder gut machen. Das ist der Fluch der Armuth, daß all' ihre Handlungen, mögen sie noch so uneigennützig sein, niedrigem Interesse zugeschrieben werden.
»O Gott,« sagte die gute Frau, »kann ich denn nicht einmal mein Stück Brot mit einem Fremden theilen, ohne Glauben zu machen, ich thue es für Geld? Ich hatte mich so gefreut, sie bei mir zu sehen, und nun muß es so kommen!«
Nowo-Tscherkask, die Hauptstanitza des Landes der Kosaken vom Don, breitet sich malerisch über die grünen Abhänge eines hochaufgeschwellten Hügelzuges aus.
Ich nenne den Ort, trotz seines bedeutenden Umfanges, eine Stanitza, weil das Ganze ein zu dorfähnliches Ansehen hat, um den Namen einer Stadt zu verdienen.
Die krummen, ungepflasterten Straßen, die kleinen, bunt zusammengewürfelten Häuser, die malerischen Trachten der Einwohner, geben dem Orte ein ganz orientalisches Gepräge, welches nur hin und wieder durch einige, in europäischem Geschmack erbaute Kronsgebäude und Paläste unterbrochen wird.
Die Hauptvorzüge von Nowo-Tscherkask sind der gute, billige Wein und die hübschen Frauen, die man hier findet. So viele schlankgebaute Mädchen, mit leichtem Gange und feinem Gesichte, wie hier, habe ich in keiner russischen Stadt gesehen.
Doch, wir dürfen nicht lange weilen in der hügelgetragenen Stanitza, und müssen wieder hinabsteigen in die Ebene, denn noch weit ist der Weg, den wir zu pilgern haben, bis zu Georgiens blühenden Fluren . . .
Der Himmel drohte aufs Neue mit Regen, und ich gab den Jämschtschicks doppelte Trinkgelder, um so schnell als möglichStawropol, die ciskaukasische Hauptstadt zu erreichen.
Die im Sommer hier zwischen dem Don und dem Bolschoi Osero nomadisirenden Kalmüken hatten schon ihre Zelte niedergeschlagen, und ihre Winterbehausungen in Ciskaukasien bezogen.
Ich ließ in einem Kalmükendorfe anhalten, um zu frühstücken, verlor aber allen Appetit, noch ehe ich eine dieser dumpfen, roh aufgeworfenen Hütten betrat, wo die Menschen mit ihrem Vieh zusammenwohnen und sich von letzterm nur durch größeren Schmutz unterscheiden.
Trotzdem konnte ich nicht umhin, nachdem ich die Schwelle der Hütte einmal überschritten hatte, meine Selbstbeherrschung an dem Genusse eines mir dargebotenen Kruges Milch zu üben.
Ich gab dem Kalmüken, welcher mir den Krug gereicht hatte, einen Tschetwertak, den er augenscheinlich mit größerer Befriedigung betrachtete, als ich seine schmutzigen Hände. Er gab mir durch Zeichen und gebrochene russische Worte zu verstehen, ich möchte noch einen Augenblick in der Hütte verweilen; er werde gleich zurückkommen und mir etwas Besonderes mitbringen. Darauf ging er hastigen Schrittes davon.
»Was das schwarze Bilsenkraut, welches die Ufer des Don entlang wuchert, unter den Kräutern, das sind die Kalmüken unter den Bewohnern der Steppe.« Solche und ähnliche Gedanken fuhren mir durch den Kopf, als nach kurzer Abwesenheit mein Wirth wieder eintrat, gefolgt von einem ältlichen, etwas sauberer aussehenden Manne, der ein sorgfältig zusammengeschlagenes Tuch vor mir ausbreitete, welches verschiedene kleine Bilder und Schnitzarbeiten enthielt.
Es waren Thier- und Menschenfiguren, deren Anlage keinen besonderen Kunstsinn verrieth, deren Ausführung aber von einer Kunstfertigkeit zeugte, welche ich bei diesen Nomadenstämmen nimmer erwartet hätte. Die mit großer Sicherheit aus Holz geschnitzten Kühe hatte der alte Mann selbst verfertigt; die Bilder aber waren von seinem Bruder, der, wie ich belehrt wurde, die Farben dazu aus Nowo-Tscherkask holte.
Ich freute mich, unter dieser rohen Wanderhorde wenigstens eine Spur schaffender Geistesthätigkeit zu entdecken, kaufte für ein Billiges einige der Bilder, und begab mich dann wieder auf die Reise, um noch vor anbrechendem Abend die Stanitza Donskaja zu erreichen.
Hier blieb ich zur Nacht, da der Posthalter sich weigerte, mir Pferde zur Weiterreise zu geben, weil, wie er sagte, die Wege durch die nächtlich in der Gegend umherstreifenden, räuberischen Nagaizen unsicher gemacht werden.
Die Gleichförmigkeit in Kleidung und Bewaffnung der kaukasischen Kosaken und der feindlichen Bergvölker macht, daß nur ein geübter Blick die Einen von den Andern zu unterscheiden vermag, und der Reisende, welcher zum Erstenmale dieses Weges zieht, glaubt schon mitten unter den Tscherkessen zu sein, wenn er die stattlichen Linienkosaken in ihrer Pelzmütze und dem kaukasischen Waffenrock an sich vorübersprengen sieht. –
Ich verließ Donskaja mit anbrechendem Morgen und gelangte schon um Mittag nach Stawropol, der Hauptstadt der ciskaukasischen Länder.
Kleine, unansehnliche Häuser, krumme, schmutzige, ungepflasterte Straßen, belebt von russischen Grauröcken, friedlichen Tscherkessen, Kosaken, Persern und Tataren – dies ist Alles was mir von diesem Orte im Gedächtniß geblieben, der, früher ein elendes Dorf, im Jahre 1785 zu dem Range einer Stadt erhoben wurde, aber noch heute nichts davon hat als den Namen.
Hinter Stawropol nimmt das Land schon ein kriegerisches Gepräge an. Auf den Hügeln, welche sich zu beiden Seiten des Weges hinziehen, brennen Wachtfeuer, umlagert von Linienkosaken, welche sich in ihren blauen Waffenröcken mit der zottigen Burka darüber, gar stattlich ausnehmen; Patrouillen durchziehen die Straßen, und hin und wieder erblickt man eine Wuischka, d. h. ein hohes, Taubenschlagähnliches Gerüst, in welchem oben zwei Kosaken stehen, die mit Fernröhren bewaffnet, nach allen Seiten umherspähen, um bei feindlichen Ueberfällen gleich das Allarmzeichen zu geben.
Da man aber, trotz der schärfsten Augen und der besten Fernröhre, bei trübem Wetter selbst in geringer Entfernung keinen Linienkosaken von einem Tscherkessen unterscheiden kann, so wird den Reisenden, wenn sie nicht eine starke Eskorte mit sich haben, nur bei ganz heiterm Himmel das Weiterreisen gestattet. Aus diesem Grunde mußte ich zwei Tage in Stawropol bleiben, ehe ich die Erlaubniß zur Fortsetzung meiner Reise erhielt.
Es war ein heller, aber feuchtkalter Morgen, als ich der ciskaukasischen Hauptstadt Lebewohl sagte.
In den ersten Stunden begegneten wir einer Menge, theils einzeln, theils in kleinen Abtheilungen reitenden Kosaken; aber je mehr der Tag hereinbrach, desto stiller wurde es auf der Straße. Unfern Staro-Marjéwska, etwa dreißig Werst hinter Stawropol, lagen vier Kosaken neben dem halb erloschenen Wachtfeuer auf ihren Burka's ausgestreckt, in tiefem Schlafe. Eine Patrouille ritt vorüber; die Reiter lachten beim Anblick ihrer schlafenden Kameraden, aber trabten weiter ohne sie zu wecken.
Hierauf verging über eine Stunde, ehe mir wieder eine Patrouille zu Gesicht kam.
Kaum ein Paar Minuten waren verflossen seit die Reiter hinter uns verschwanden, als fernes Glockengetön uns das Nahen einer Kuriertroika verkündete.
Das russischen Kutscherohren so lieblich klingende Gebimmel der Glöckchen von Waldai trieb auch meinen Jämschtschik zu größerer Eile an. Er brummte einen lustigen Fluch durch die Zähne und schnalzte den Pferden ermunternd zu.
Schon konnten wir das fern herbrausende Dreigespann deutlich sehen, und immer heller klang uns das Glockengetön entgegen. Plötzlich trifft ein langgezogenes, lautgellendes Pfeifen unser Ohr; wir spähen umher: in der Mitte des Weges zwischen uns und der Troika taucht eine lange Gestalt auf, und wiederum erschallt, dieses Mal in drei kurzen Stößen, ein weithin gellendes Pfeifen.
Der Jämschtschik hält mit aller Kraft seine Pferde zurück und richtet sich auf, um die Blicke umherschweifen zu lassen. Doch schnell setzt er sich wieder und treibt seine Pferde zur Umkehr an, denn wie aus der Erde gestampft erscheinen drei Reiter auf der Heerstraße und sprengen in gestrecktem Galopp der kaum noch funfzig Schritt entfernten Troika entgegen. – Ein Schuß fällt – der Kutscher stürzt vom Bocke; in demselben Augenblicke erscheinen noch zwei andere Reiter, Jeder ein gesatteltes Pferd neben sich am Zügel führend. Mit Blitzesschnelle sind die beiden in der Telega Sitzenden gebunden, auf's Pferd geworfen, und schnell wie der Sturm der die Steppe fegt, jagen die Reiter mit ihren Gefangenen davon, nach der Richtung des Kuban zu, woher sie gekommen waren.
Ataschikow, ein durch seine Tollkühnheit bekannter Kosakenoffizier, hatte, von einer hohen Person beleidigt, geschworen an den Russen Rache zu nehmen.
Das Jahr 1844 war zu einem Vernichtungsfeldzuge gegen die Bergvölker bestimmt. Ungeheure Streitkräfte wurden aus Rußland herbeigezogen, neue Befehlshaber ernannt, neue Verfügungen getroffen.
Ataschikow wußte, daß Glebow, einer der Adjutanten des Obergenerals von Neidhart, ausersehen war, den neuen Operationsplan von Tiflis nach Petersburg zu bringen.
Hieran knüpfte er sein Vorhaben; den Kurier mit seinen Depeschen aufzufangen und den Händen der Tscherkessen zu überliefern, wo er einer glänzenden Belohnung gewiß sein durfte.
